Will the German press please brain up?

Ich möchte doch nochmal etwas aus­führlich­er auf den Slo­gan „Brain Up“ zurück­kom­men, der uns am Fre­itag kurz beschäftigt hat. Von diesem Slo­gan, mit dem Edel­gard Bul­mahn 2004 ihre Suche nach deutschen Eli­te­u­ni­ver­sitäten ein­läutete, kann man ja hal­ten was man will. Ich, zum Beispiel, finde ihn blöd: das Geld, das irgen­dein­er Agen­tur dafür gezahlt wurde, um ihn sich auszu­denken, hätte man investieren kön­nen, um irgen­dein­er Uni­ver­sität ein paar Lehraufträge zu finanzieren, mit denen sie die Lück­en in ihrer Per­son­aldecke kurzfristig hätte stopfen kön­nen. Was mich aber wun­dert ist die Selb­st­sicher­heit, mit der die Medi­en von Anfang an behaupteten, dass es sich bei dem Slo­gan nicht um richtiges Englisch han­dele.

Hier sind zwei Zitate aus dem Jahr 2004:

Brain up” — dieser Pseudoan­glizis­mus erin­nerte englis­chsprachige Zuhör­er an Deutsche, die glauben, Mobil­tele­phone hießen in Ameri­ka “Handys”. (FAZ.net)

Denn für ihr Eliten-Uni­ver­sitäts-Förderung­spro­gramm hat Bul­mahn einen Slo­gan erfun­den: Brain-up. Der ist so inno­v­a­tiv, dass noch nie zuvor jemand von ein­er Phrase im Englis­chen gehört hat, die so lautet. (bran­dein­sOn­line)

Meine bloggende Kol­le­gin Mar­garet Marks hat sein­erzeit in zwei Beiträ­gen in ihrem Trans­blawg ver­sucht, Klarheit zu schaf­fen (sie fand den Slo­gan auch blöd, hat aber deut­lich darauf hingewiesen, dass es sich um waschecht­es Englisch han­delt).

Aber wie man in der aktuellen Aus­gabe der ZEIT sieht, hat das nichts gebracht. Jens Jessen haben wir am Fre­itag schon zitiert:

Welch­er Teufel trieb eine deutsche Wis­senschaftsmin­is­terin zu ein­er Kam­pagne mit dem Mot­to „Brain up“, was wed­er auf Deutsch noch auf Englisch Sinn ergibt? (Die verkaufte Sprache)

In einem weit­eren Beitrag ver­wen­den Claus Leggewie und Elke Müh­lleit­ner das gle­iche Beispiel (wenn man nicht im eige­nen Hause abschreiben darf, wo denn dann):

Mit dem irren Slo­gan „Brain up!“ gar­nierte einst die rot-grüne Regierung ihre sehr deutsche Exzel­len­zini­tia­tive. An der skur­rilen Wortschöp­fung zeigt sich schon, wer das erste Opfer der in der Wis­senschafts­bürokratie grassieren­den Anglo­manie ist: das Englis­che. Diese schöne west­ger­man­is­che Sprache wurde nicht nur von ein­er um Worte ver­lege­nen Min­is­terin geschun­den…

[…]

Das Schrumpf-Englisch beschränkt sich näm­lich auf ein dür­res Grund­vok­ab­u­lar von 1000 Wörtern, es lässt sämtliche Idiome und Fein­heit­en aus, die gutes Englisch ausze­ich­nen, dafür klin­gen die Herkun­ftssprachen grausam durch — und eben Spra­chungetüme wie „Brain up!“, die den armen Mut­ter­sprach­lern ein Graus sein müssen. (Anglais oblige)

Mir ist schon klar, dass die Fähigkeit zur eigen­ständi­gen Recherche auch in den Print­me­di­en nicht mehr so ernst genom­men wird wie früher. Vielle­icht ste­ht in den Redak­tion­sräu­men der ZEIT auch kein aktuelles englis­ches Wörter­buch. Aber ich bin mir ziem­lich sich­er, dass man dort Inter­net­zu­gang hat und dass man weiß, wie Google zu bedi­enen ist. Also hätte man doch ein­fach ein­mal die Wörter to brain up eingeben kön­nen. Die Suche hätte man auf Web­seit­en aus Großbri­tan­nien, dem Mut­ter­land der englis­chen Sprache, ein­schränken kön­nen, um wirk­lich nur englis­chstes Englisch zu erhal­ten. Und dann hätte man unter den ersten Tre­f­fern gle­ich mehrere Seit­en bedeu­ten­der britis­ch­er Presse­or­gane gefun­den, die zweifels­frei bele­gen, dass das phrasale Verb to brain up sehr wohl existiert.

Es kann so etwas heißen wie „klüger wer­den“ oder „sein Gehirn­poten­zial bess­er nutzen“, wie in fol­gen­dem Beispiel:

There are a num­ber of inti­mate new gath­er­ings like Pecha Kucha for those want­i­ng to “brain up” (as opposed to dumb down). There are sup­per clubs designed to get var­i­ous cre­ative com­mu­ni­ties around the same table.

(Lon­don Times)

Es kann auch bedeuten „weniger qual­i­fizierte Tätigkeit­en höher qual­i­fizierte Tätigkeit­en erset­zen“, wie in fol­gen­dem Beispiel:

There’s no doubt that man­u­fac­tur­ing is much less impor­tant than it used to be, and that we’re a lot more reliant on ser­vices like retail and tourism. In some of the places we’ve been to, bash­ing met­al and mak­ing prod­ucts accounts for less than 10% of the local econ­o­my. But the switch from the fac­to­ry shop-floor to the high street shops’ floor is not the only change that’s going on. There’s still lots of man­u­fac­tur­ing around. But it’s hav­ing to brain up to sur­vive. (BBC)

Und schließlich kann es die Bedeu­tung haben, mit der es auch Edel­gard Bul­mahn ver­wen­det hat, „die Anzahl gut aus­ge­bilde­ter Men­schen erhöhen“:

We’ve all heard cab­i­net min­is­ters — and their Tory shad­ows — pon­tif­i­cat­ing about how work has been rev­o­lu­tionised, with human cap­i­tal rather than brawn now the route to pros­per­i­ty. The mes­sage is that we have to brain up or fall behind, and that means two things. It requires a tar­get of 50% of stu­dents in high­er edu­ca­tion by the end of the decade, and — giv­en the cost — it means stu­dents who will ben­e­fit have to bear some of the finan­cial bur­den them­selves.

(Guardian)

Eigentlich ganz ein­fach. Aber da ich mich keinen Illu­sio­nen bezüglich der Reich­weite des Bre­mer Sprach­blogs hingebe, nehme ich an, dass wir auch in fünf oder zehn Jahren noch medi­alen Sprachex­perten wer­den zuhören müssen, die uns erk­lären, dass „Brain Up“ eine pseudoan­glizis­tis­che, ungetüme, vorher nie gehörte und für englis­che Mut­ter­sprach­ler grausig klin­gende Wortschöp­fung der Min­is­terin sei, ein typ­is­ches Symp­tom für die Unter­w­er­fung unter die dom­i­nante amerikanis­che Kul­tur.

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

5 Gedanken zu „Will the German press please brain up?

  1. Chat Atkins

    Trotz­dem war der Slo­gan so über­flüs­sig wie ein Kropf: Wenn die Ziel­gruppe, die ihn ja ‘auf Anhieb’ ver­ste­hen soll, erst Lit­er­aturstu­di­en betreiben muss, dann war die Agen­tur ihr Geld nicht wert …

  2. Anatol Stefanowitsch

    Bernd, LEO gibt allerd­ings nur die tran­si­tive Ver­wen­dung an: to brain some­thing up. Die intran­si­tive Ver­wen­dung (ohne direk­tes Objekt) scheint es bis­lang nicht in die Wörter­büch­er geschafft zu haben.

    Chat Atkins, der Slo­gan ist völ­lig daneben, nicht nur, weil er schw­er zu ver­ste­hen ist (selb­st für Mut­ter­sprach­ler des Englis­chen). Ich bin ja kein Feind von englis­chem Lehngut oder der Ver­wen­dung der englis­chen Sprache in Deutsch­land, aber selb­st ich erwarte, dass deutsche Regierung­sor­gane mit deutschen (oder wenig­stens mehrsprachi­gen) Slo­gans für ihre Ideen wer­ben.

  3. bernd

    Ana­tol, die tran­si­tive Ver­wen­dung ist mir aufge­fall­en. Allerd­ings finde ich es nicht ungewöhn­lich in englis­chsprachi­gen Büch­ern Sätze zu lesen, die so noch nicht im Wörter­buch ste­hen — das ist aber mehr ein Argu­ment in Rich­tung der ZEIT.

    Anson­sten oute ich mich mal. Ich bin ja nun kein Medi­en-Futzie und ver­ste­he wenig von Sprache und weiß auch, dass es Stu­di­en gibt, die zeigen, dass viele Deutsche die englis­chen Wer­be­botschaften Deutsch­er Großun­ternehmen total falsch ver­ste­hen, aber den­noch: Ich finde “brain up” grif­fig und intu­itiv ver­ständlich; der Slo­gan beschreibt das qual­i­ta­tive und das quan­ti­ta­tive Ziel der Ini­tia­tive Buhlmans, er kann als Auf­forderung an die Hochschulen oder an das gesellschaftliche Umfeld ver­standen wer­den.

    Ich kann mir vorstellen, dass viele Deutsche mit durch­schnit­tlichen Eglis­chken­nt­nis­sen den Slo­gan ver­standen haben.

    Beste Grüße

    bernd

  4. bhagerty

    Ich glaube dass “brain up” aus der Phrase “man up” stammt, eher als selb­st­staend­ing zu sein. “To man up” heisst “Ver­ant­wor­tung an sich zu nehmen.” (Bitte entschuldigen Sie mein Deutsch; ich bin Amerikan­er.)

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