Presseschau

Das Plattdeutsch ist, anders als das Deutsche, ja tat­säch­lich vom Ausster­ben bedro­ht. Die Bemühun­gen um eine plattdeutsche Ver­sion der Wikipedia, über die das Ham­burg­er Abend­blatt diese Woche schreibt, sind deshalb ein äußerst lobenswert­er Beitrag zum Spracher­halt. Bei der Erstel­lung der mit­tler­weile über 10 000 Artikel müssen plattdeutsche Begriffe für viele Aspek­te des mod­er­nen Lebens neu geschaf­fen wer­den („Aus­bau“ nen­nt man das in der Sprach­wis­senschaft). Beim Abend­blatt herrscht aber offen­sichtlich Ver­wirrung darüber, woher diese Begriffe kom­men:

Alte Begriffe aus dem Plattdeutschen sollen Anglizis­men erset­zen. So wird aus Lap­top „Klap­preekn­er“ und aus Brows­er „Net­tkiek­er“. Oft tre­f­fen die verblich­enen Begriffe die Bedeu­tung von amerikanisch ange­haucht­en Aus­drück­en sog­ar bess­er.

Also, sowohl der/das Lap­top als auch der Brows­er bere­ich­ern unser Leben ja erst seit ein paar Jahrzehn­ten, so alt und verblichen kön­nen die Plattdeutschen Begriffe dafür ja nicht sein.

Weniger heimelig als das Plattdeutsch, aber aber mit einem gewis­sen preußis­chen Charme, kommt das Amts­deutsch daher. Ich freue mich eigentlich immer über die Par­al­lel­sprache, in der das Ein­wohn­er­meldeamt, das Finan­zamt und natür­lich auch mein Arbeit­ge­ber mit mir zu kom­mu­nizieren ver­suchen. Aber da bin ich wohl wieder ein­mal in der Min­der­heit. Wie die Berlin­er Zeitung berichtet, bieten Bochumer Sprach­wis­senschaftler den Behör­den deshalb einen Über­set­zungsser­vice an, der die behördlichen Erlasse in all­t­agstauglich­es Deutsch ver­wan­delt. Dabei müssen oft kom­plizierte rechtliche Sachver­halte ver­ständlich erk­lärt wer­den, aber manch­mal reicht es, ein wenig am Vok­ab­u­lar zu feilen:

Oft helfe es aber auch schon, „fer­n­mündlich“ durch „tele­fonisch“, ein „Mehrex­em­plar“ oder eine „Ablich­tung“ durch eine „Kopie“ … zu erset­zen.

Wenns denn hil­ft, will ich gar­nicht nörgeln. Nur: hier wer­den schöne deutsche Wörter durch pseudok­las­sizis­tis­ches Lehngut erset­zt. Und das soll ver­ständ­nis­fördernd sein?

Ein Ver­ständ­nis ander­er Art ver­sucht „Deutsch­lands führende Satirezeitschrift“ Par­don seit eini­gen Wochen zu fördern — man sucht dort eine Alter­na­tive für das Wort Migrant/Migrationshintergrund. Zwar sei dieses Wort derzeit noch unbe­den­klich, aber Par­don denkt voraus:

… in fünf Jahren wird auch dieser Aus­druck wieder neg­a­tiv beset­zt sein und man darf ihn nicht mehr sagen, weil das diskri­m­inierend und ras­sis­tisch ist. Deshalb müssen wir vor­bere­it­et sein und dann eine neue unbe­lastete Vok­a­bel parat haben.

Mit ihrer Ein­schätzung der Bedeu­tungsen­twick­lung dürften die Satirik­er richtig liegen. Solange sich unsere Wahrnehmung des Beze­ich­neten nicht verän­dert, führt jed­er Ver­such, sprach­liche Kos­metik zu betreiben zwangsläu­fig zu ein­er Abw­er­tung der Wörter statt zu ein­er Aufw­er­tung der zugrun­deliegen­den Wirk­lichkeit. Wer sich an dem Wet­tbe­werb beteili­gen möchte, kann seine Vorschläge an zeller(at)pardon-magazin.de schick­en.

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

2 Gedanken zu „Presseschau

  1. Christoph Päper

    Ist eigentlich ein Ras­sist, wer seine Rasse über andere stellt, oder ist es schon, wer die Men­schheit über­haupt in Rassen ein­teilt? Von manchen Ismen gibt es (beina­he) wert­freie For­men, z.B. islamisch ./. islamistisch, aber funk­tion­iert ras­sisch ähn­lich?

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