Sprachnörgler: Eine kurze Typologie

Es gibt drei Typen von Sprach­nör­glern. Als ich heute zum let­zten Mal vor Wei­h­nacht­en an der Uni war, habe ich sie alle drei in ein angeregtes Gespräch ver­wick­elt angetrof­fen — an ein­er Toi­let­ten­wand.

Aus­lös­er für den sprachkri­tis­chen Fachdiskurs war fol­gende Unmut­säußerung eines anony­men Stu­den­ten (Name der Beschimpften und ihres Fach­es geän­dert):

Fuck for Eri­ka Muster­mann!!!

Weg mit der „Muster­fach-Hexe“

Das rief den Sprach­nör­gler Typ I (Anglizis­men­jäger) auf den Plan. Der kom­men­tiert:

Wieso “Fuck for”?

Was soll das heis­sen?

Total sinnlos­es, falsches Englisch.

Schüler­spruch Anglezis­mus, aber quatsch.

Inhaltlich hat er ja Recht, aber seine Orthografie lässt zu wün­schen übrig. Ein Sprach­nör­gler Typ II (Rechtschreib­fa­natik­er) lässt deshalb nicht lange auf sich warten:

Wenn du da schon am Kor­rigieren bist…

Es heißt Anglizis­mus!

Auch der hat ja in diesem Fall aus­nahm­sweise mal Recht, aber er find­et trotz­dem keine Gnade vor Sprach­nör­gler Typ III (Gram­matik-Appa­ratschik). Der stre­icht die Phrase am Kor­rigieren sein durch und erset­zt sie durch das ein­fache Verb kor­rigieren:

Wenn du da schon am Kor­rigieren bist kor­rigierst…

Es heißt Anglizis­mus!

Das Ganze kom­men­tiert er noch mit einem ver­mut­lich kopf­schüt­tel­nden Pfff. Anders als den ersten bei­den Disku­tan­ten kann ich ihm nicht zus­tim­men: [am + Verb + sein] ist eine tadel­lose Art und Weise, pro­gres­siv­en Aspekt zu sig­nal­isieren. Die Kon­struk­tion existiert nicht in allen Vari­etäten des Deutschen — sie ist (noch) auf eher informelle Kom­mu­nika­tion­ssi­t­u­a­tio­nen und ver­mut­lich auch auf bes­timmte Regio­nen beschränkt. Aber auf ein­er Toi­let­ten­wand in Nord­deutsch­land ist sie nicht nur akzept­abel son­dern der ein­fachen Verb­form seman­tisch sog­ar vorzuziehen.

Trotz­dem gesellt sich gle­ich noch ein zweit­er Sprach­nör­gler Typ III hinzu und sucht die Erk­lärung für die Ver­wen­dung der ver­meintlich falschen Kon­struk­tion im deutschen Bil­dungssys­tem:

Tja: Uni-Niveau

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

5 Gedanken zu „Sprachnörgler: Eine kurze Typologie

  1. Stefan

    Heute in der Schule (Turn­halle) gese­hen:

    waht’s up?

    Kom­men­tiert hab ich das dann aber nicht 😉

  2. gebsn

    Erin­nert mich an die famosen Wortschlacht­en an den Toi­let­ten­wän­den während des Studi­ums (lang, lang ist’s her). Die Wände hätte man ins Muse­um oder zumin­d­est — ganz gemäss der berüchtigten Blogde­f­i­n­i­tion — ins Inter­net stellen sollen.

  3. Laura

    Anscheinend sind die Her­ren­toi­let­ten ungle­ich unter­halt­samer als die Damen­toi­let­ten. Bei uns sind es haupt­säch­lich philosophis­che Fra­gen (“Gibt es Wirk­lichkeit?”) oder wahlweise Fra­gen für das Dr. Som­mer-Team (“Ich liebe zwei Män­ner, was soll ich tun?”), jew­eils samt zuge­höri­gen Debat­ten. Allerd­ings kom­men auch bei uns die Lieb­haberin­nen der dt. Rechtschrei­bung zum Zug — manch­mal sog­ar ganz stilecht mit Rot­s­tift.

  4. FB

    Hm? “Am Kor­rigieren sein” passt an eine nord­deutsche Toi­let­ten­wand? Inter­es­sant, im Schweiz­erdeutschen ist das eben­falls der Fall, daher nahm ich bish­er an, die Kon­struk­tion sei im Süden des deutschen Sprachraums ange­siedelt.

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