Gemeinsam einsam

Da lasse ich mich ein­mal zu ein­er halb­nor­ma­tiv­en Aus­sage hin­reißen und sofort ger­ate ich in Schwierigkeit­en. Am Ende des let­zten Beitrags habe ich, inspiri­ert durch den Tag der deutschen Ein­heit, fol­gende Weisheit mit meinen Lesern geteilt:

Aus sprach­wis­senschaftlich­er Per­spek­tive gibt es übri­gens einen klaren Ratschlag für die Regelung der Zusam­men- und Getren­ntschrei­bung: es sollte orthografisch zusam­menwach­sen, was mor­phol­o­gisch zusam­men gehört — so, wie es im Deutschen wenig­stens bei sub­stan­tivis­chen Kom­posi­ta durchgängig der Fall ist.

Ich hat­te gehofft, dass in der all­ge­meinen patri­o­tis­chen Hochstim­mung kein­er auf die For­mulierung „wenig­stens bei sub­stan­tivis­chen Kom­posi­ta“ ansprin­gen würde. Aber ich hätte natür­lich mit David Mar­janović rech­nen müssen, der als Öster­re­ich­er auch am 3. Okto­ber einen kühlen Kopf behal­ten hat und der einem ohne­hin keine Unge­nauigkeit­en durchge­hen lässt. Sein unsen­ti­men­taler aber nicht ganz von der Hand zu weisender Kom­men­tar:

Den Trend, das auf die Ver­ben zu ver­all­ge­mein­ern, hat es ja auch gegeben, aber bizarrerweise mag die neue Rechtschrei­bung das nicht. Ich wäre z. B. nie auf die Idee gekom­men, “zusam­menge­hören” auseinan­derzuschreiben; oder betont das wirk­lich jemand auf der fün­ften statt auf der zweit­en Silbe?

Ja, die Ver­ben. Das Prob­lem bei den Ver­ben ist, dass es aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht min­destens vier Kri­te­rien gibt, um ein­er Abfolge von Mor­phe­men (den kle­in­sten bedeu­tungstra­gen­den Ein­heit­en der Sprache) Wort­sta­tus zuzugeste­hen, und diese vier Kri­te­rien lassen sich bei mor­phol­o­gisch kom­plex­en Ver­ben erstens häu­fig nicht alle ein­deutig anwen­den, und zweites wider­sprechen sie sich auch gerne. Wenn man der Mei­n­ung ist, dass orthografis­che Wörter (also Sequen­zen aus Buch­staben und Binde­strichen, die nicht durch andere Inter­punk­tion­sze­ichen oder Leerze­ichen unter­brochen sind) immer tat­säch­lichen Wörtern der Sprache entsprechen soll­ten, ist das natür­lich ein Prob­lem.

Aber zunächst ein­mal die vier Kri­te­rien:

  1. Seman­tik (Bedeu­tung): Eine Abfolge von Mor­phe­men, deren Gesamtbe­deu­tung sich nicht aus den Einzelbe­deu­tun­gen der Mor­pheme ergibt, ist ein Wort. Dieses Kri­teri­um habe ich gestern auch neben­bei erwäh­nt.
  2. Mor­pholo­gie (Wort­struk­tur): Ein Wort kann aus einem Mor­phem oder aus mehreren Mor­phe­men beste­hen, aber dieses Morphem/diese Abfolge von Mor­phe­men darf nicht durch Flex­ion­saf­fixe unter­brochen wer­den.
  3. Phonolo­gie (Laut­struk­tur): Ein Wort hat nur einen Haup­takzent (also nur eine stark betonte Silbe). Eine ger­man­isierte Vari­ante dieses Kri­teri­ums habe ich gestern ver­wen­det, um Nom­i­nalkom­posi­ta im Englis­chen unab­hängig von ihrer Schreib­weise zu definieren.
  4. Syn­tax (Satzstruk­tur): Ein Wort kann niemals durch syn­tak­tis­che Regeln getren­nt wer­den (seine Einzel­teile dür­fen in der Satzstruk­tur nie an unter­schiedlichen Stellen ste­hen.

Die Kri­te­rien sind nicht alle gle­ich gut.

Das erste Kri­teri­um (Seman­tik) ist in dieser Form nur von sehr eingeschränk­tem Nutzen, denn es gibt tausende von Redewen­dun­gen, die (nach den ersten drei Kri­te­rien) klar erkennbar aus mehreren Wörtern beste­hen und deren Bedeu­tung sich trotz­dem nicht aus der Bedeu­tung der Einzel­teile ergibt — Idiome wie ins Gras beißen oder ein Fass auf­machen sind hier nur die Spitze eines Eis­bergs, der aus der Sicht einiger Sprach­wis­senschaftler aus der Mehrzahl aller sprach­lichen Aus­drücke beste­ht. Umgekehrt gibt es Mor­phem­grup­pen, die nach den anderen drei Kri­te­rien ein­deutig Wort­sta­tus haben, deren Bedeu­tung sich aber rel­a­tiv trans­par­ent aus den Einzelbe­deu­tun­gen ergibt (ich habe gestern teapot, tea-house und tea bag erwäh­nt). Schließlich ist dieses Kri­teri­um, anders als die anderen drei, rel­a­tiv sub­jek­tiv.

Das zweite Kri­teri­um (Mor­pholo­gie) ist auch nur begren­zt anwend­bar, da Sprachen außer Prä­fix­en (≈„Vor­sil­ben“) und Suf­fix­en (≈„Nach­sil­ben“) auch Infixe haben kön­nen, die genau dadurch charak­ter­isiert wer­den, dass sie eben doch inner­halb von Wörtern ste­hen kön­nen.

Das dritte Kri­teri­um (Phonolo­gie) ist schon deut­lich bess­er, aber es ist nicht ganz klar, ob es eine notwendi­ge Bedin­gung ist („Wenn eine Gruppe von Mor­phe­men ein Wort sein soll, darf sie nur einen Haup­takzent haben“) oder tat­säch­lich eine hin­re­ichende („Wenn eine Gruppe von Mor­phe­men nur einen Haup­takzent hat, ist sie ein Wort“). Let­ztere Fas­sung würde unser­er All­t­agsvorstel­lung von Wörtern stark wider­sprechen: Artikel (der, die das, ein, eine, usw), die fast in allen Kon­tex­ten unbe­tont sind, wären beispiel­sweise grund­sät­zlich Teil des Wortes, neben dem sie ste­hen (Der­mann, eineschöne Frau oder sog­ar Eineschöne­frau).

Das vierte Kri­teri­um (Syn­tax) ist das Beste (als Gram­matik­er bin ich da vielle­icht etwas vor­ein­genom­men), es entspricht mein­er Mei­n­ung nach aber auch am ehesten dem, was wir im All­t­agsver­ständ­nis unter Wörtern ver­ste­hen (die Sprach­wis­senschaft ins­ge­samt entschei­det sich übri­gens nicht ein­fach für eins der Kri­te­rien, son­dern erken­nt stattdessen ver­schieden Arten von Wörtern an: pho­nol­o­gis­che Wörter, mor­phol­o­gis­che Wörter, syn­tak­tis­che Wörter und seman­tis­che Wörter).

Lassen wir die Seman­tik und die Flex­ion­s­mor­pholo­gie ein­mal außer Acht und konzen­tri­eren uns auf das dritte und vierte Kri­teri­um. Das pho­nol­o­gis­che Kri­teri­um ist noch rel­a­tiv ein­deutig: David Mar­janović weist ja schon darauf hin, dass diese Wortkom­plexe typ­is­cher­weise nur einen Haup­takzent haben (der nicht auf dem Verb son­dern auf dem anderen Mor­phem liegt). In sofern erfüllen diese Wortkom­plexe die pho­nol­o­gis­che Voraus­set­zung für den Wort­sta­tus, aber das heißt eben noch nicht, dass sie diesen Sta­tus auch wirk­lich erhal­ten müssen.

In manchen Fällen zeigt auch das syn­tak­tis­che Kri­teri­um in Rich­tung Wort­sta­tus, näm­lich dann, wenn die poten­ziellen Wort­teile in der Satzstruk­tur immer zusammenstehenz.B. bei wider­sprechen:

(1a) Ich wider­spreche dieser Behaup­tung.

(1b) *Ich spreche dieser Behaup­tung wider.

Hier ist klar, dass wider­sprechen zwar aus zwei Mor­phe­men beste­ht (wider und sprechen, dass es sich aber um ein einziges Wort han­delt, das deshalb auch zusam­mengeschrieben wer­den solle.

Wenn die bei­den Mor­pheme nicht immer zusam­men­ste­hen, erfüllen sie das syn­tak­tis­che Kri­teri­um nicht, also soll­ten sie auch nicht zusam­men geschrieben wer­den:

(2a) *Ich zusam­menss­chreibe dieses Wort.

(2b) Ich schreibe dieses Wort zusam­men.

Dass man nicht ein­fach dieser klaren Regel fol­gt, liegt daran, dass das syn­tak­tis­che Kri­teri­um zwar in sich stim­mig ist, aber häu­fig zu unklaren Ergeb­nis­sen führt, wenn man es auf den Sprachge­brauch ein­er Sprachge­mein­schaft anwen­det.

• Es gibt Fälle, bei denen es deut­liche Vari­a­tion zwis­chen Sprech­ern gibt — z.B. bei dem von den Sprach­nör­glern so ver­has­sten down­load­en, bei dem manche Sprech­er (3a) bevorzu­gen, und andere (3b):

(3a) Ich staub­sauge.

(3b) Ich sauge staub.

• Es gibt sog­ar Fälle, bei denen es Vari­a­tion inner­halb von Sprech­ern gibt — für mich klin­gen (3a) und (3b) gle­ich gut und ich würde bei­de benutzen, wenn ich Tep­pich­bo­den und einen Staub­sauger hätte.

• Es gibt Fälle, bei denen ein Wortkom­plex manch­mal strikt beien­an­der ste­ht und manch­mal nicht. Bei ein­er tran­si­tiv­en Ver­wen­dung von staub saugen klingt auch für Sprech­er, die (3b) bevorzu­gen, die getren­nt ste­hende Vari­ante deut­lich schlechter:

(3a’) Ich staub­sauge die Woh­nung.

(3b’) ?Ich sauge die Woh­nung staub.

• Es gibt Fälle, bei denen in poten­ziell tren­nen­den Kon­tex­ten sowohl die zusam­men ste­hende als auch die getren­nt ste­hende Vari­ante merk­würdig klin­gen:

(4a) ?Ich not­lande das Flugzeug.

(4b) ?Ich lande das Flungzeug not.

Diese Vari­a­tion zwis­chen und inner­halb von Sprech­ern und die Exis­tenz von Wörtern, die irgend­wo zwis­chen die bei­den ein­deuti­gen Kat­e­gorien fall­en, ist für Orthografi­eschöpfer dur­chaus ernst zu nehmen. Sprache vari­iert immer region­al, sozial, sit­u­a­tion­al, usw. und Sprache ist auch immer im Wan­del. Eine Orthografie hat zwei Möglick­eit­en: Sie kann diese Vari­a­tion entwed­er anerken­nen und auch in der Schrei­bung zulassen, oder sie kann Regeln wie „Im Zweifels­fall immer zusam­men“ oder „Im Zweifels­fall immer getren­nt“ erlassen. Wenn ich eine Mei­n­ung zu ein­er fes­ten Regeln abgeben müsste, würde ich let­ztere für kon­se­quenter hal­ten.

Stattdessen hat man sich in der deutschen Ortografie dafür entsch­ieden, das pho­nol­o­gis­che Kri­teri­um zugrunde zu leg­en (das aber, wie ich hier argu­men­tiert habe, nur eine Voraus­set­zung for­muliert) und es dann mit ein­er halb­herzi­gen Anwen­dung des syn­tak­tis­chen Kri­teri­ums und, zu allem Über­fluss auch noch mit dem seman­tis­chen Kri­teri­um zu ver­mis­chen. Daraus ist, wie nicht anders zu erwarten, ein extrem kom­plex­es und rel­a­tiv inkon­sis­tentes Regel­w­erk ent­standen (in dem z.B. zusam­men­schreiben zusam­men und getren­nt schreiben getren­nt geschrieben wer­den soll). Immer­hin lässt es in vie­len Fällen Vari­a­tion zu.

Aber eigentlich ist es völ­lig egal, wie diese Ver­ben oder Ver­bkom­plexe geschrieben wer­den. Das eigentlich span­nende an ihnen ist ja ger­ade ihr vielschichtiges und ver­wirren­des pho­nol­o­gis­ches, mor­phol­o­gis­ches, syn­tak­tis­ches und seman­tis­ches Ver­hal­ten. Sie sind in dieser ver­wirren­den Vielschichtigkeit ein Sinnbild für die Sprache ins­ge­samt.

Und der Ver­such, ihnen eine orthografis­che Logik aufzustülpen, ist ein Sinnbild für den Jahrtausende alten Wun­sch, die unbändi­ge und wildgewach­sene Sprache einz­u­fan­gen, ver­meintliche Löch­er darin zu stopfen, das ganze in Klar­lack zu gießen und anderen Men­schen über den Schädel zu schla­gen.

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

31 Gedanken zu „Gemeinsam einsam

  1. Patrick Schulz

    Hm, ich hab irgend­wie grade Prob­leme, der Def­i­n­i­tion von “mor­phol­o­gis­ches Wort” zu fol­gen… Heisst das, dass Flex­ion­sendun­gen nicht zum “mor­phol­o­gis­chen Wort” gehören? Was ist mit deriva­tionellen Mor­phe­men? Sind “mor­phol­o­gis­che Wörter” dann ein­fach lexikalis­che Stämme und/oder Wurzeln? Was wäre dann ein “mor­phol­o­gis­ches Wort” in semi­tis­chen Sprachen wie Ara­bisch oder Hebräisch?

    Oder anders gefragt: aus wie vie­len und welchen “mor­phol­o­gis­chen Wörtern” würde “Kinder­garten” beste­hen?

  2. Anatol Stefanowitsch

    Patrick Schulz (#1), ich habe keine Def­i­n­i­tion für „mor­phol­o­gis­ches Wort“ genan­nt, ich habe nur darauf hingewiesen, dass Sprach­wis­senschaftler „Wörter“ auf unter­schiedlichen sprach­lichen Ebe­nen definieren. Eine Def­i­n­i­tion, die mir als Aus­gangspunkt rel­a­tiv wenig kon­tro­vers scheint, ist „ein Lex­em mit allen seinen Flex­ionsf­fix­en“ (for­maler vielle­icht etwas in der Rich­tung wie „ein freies Mor­phem plus alle ihm durch deriva­tionelle und mor­phosyn­tak­tis­che Oper­a­tio­nen zugewiesene­nen Merk­male“ o.ä.) — unge­fähr so etwas wie eine Wort­form. Das Wort aus typol­o­gis­ch­er Per­spek­tive wird z.B. disku­tiert in Dixon, R.M.W. und A.Y. Aikhen­vald (Hgg., 2002). Word: A Cross-Lin­guis­tic Typol­o­gy. Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press.

  3. David Konietzko

    Das -er- in Kinder­garten ist möglicher­weise kein Flex­ion­ssuf­fix, son­dern ein Fugenele­ment, das aus einem Flex­ion­ssuf­fix ent­standen ist.

  4. Anatol Stefanowitsch

    David Koni­et­zko (#3), es ist rel­a­tiv unstrit­tig, dass -er- in Kinder­garten ein Fugenele­ment und kein Flex­ion­saf­fix ist. Ach, und Patrick, Kinder­garten ist EIN mor­phol­o­gis­ches Wort, eben­so wie Kindergärten und Kinder­gartens.

  5. Anatol Stefanowitsch

    Nör­gler (#5), rel­a­tiv bedeutet in diesem Zusam­men­hang, wie es das Ber­tels­mann-Wörter­buch so tre­f­fend for­muliert, „im Ver­hält­nis zur möglichen Gesamt­menge“. Die Gesamt­menge, um Ihnen die Nach­frage zu ers­paren, ist dabei die Menge der auf der Grund­lage der hier disku­tierten Kri­te­rien möglichen Regel­w­erke. Inkon­sis­tent bedeutet, wiederum laut Wörter­buch, soviel wie „wider­sprüch­lich“. Die Bedeu­tung der Phrase rel­a­tiv inkon­sis­tent ergibt sich kom­po­si­tionell aus den Bedeu­tun­gen dieser bei­den Wörter unter Berück­sich­ti­gung des Kon­textes, sie bedeutet also etwa „im Ver­hält­nis zur möglichen Gesamt­menge aller auf der Grund­lage der hier disku­tierten Kri­te­rien möglichen Regel­w­erke eher wider­sprüch­lich (aber nicht völ­lig wider­sprüch­lich)“. Wer auf das rote Wort mit dem Strich darunter (einen soge­nan­nten „Hyper­link“) gek­lickt hätte, hätte das Regel­w­erk übri­gens selb­st lesen und sich eine Mei­n­ung dazu machen kön­nen.

  6. Patrick Schulz

    Irgend­wie steh ich auf’m Schlauch… Wenn ein mor­phol­o­gis­ches Wort „ein freies Mor­phem plus alle ihm durch deriva­tionelle und mor­phosyn­tak­tis­che Oper­a­tio­nen zugewiesene­nen Merk­male“ ist, wie kann dann “Kinder­garten” ein mor­phol­o­gis­ches Wort sein, beste­ht es doch aus zwei l-mor­phe­men (die zwar in dieser Kom­bi­na­tion idioma­tisch, also nicht seman­tisch kom­po­si­tionell, ver­bun­den, aber den­noch zwei eigen­ständi­ge Lex­eme sind, wegen mir durch ein Fugenele­ment -er ver­bun­den)… Hängt das davon ab, ob man “Kinder­garten” als exozen­trisches Kom­posi­tum oder als Lex­em betra­chtet? Oder schließt “mor­phosyn­tak­tis­che Oper­a­tion” die Kom­posi­tum­bil­dung mit ein? Ich glaube mein Prob­lem ist, dass ich nicht so wirk­lich einen Unter­schied zwis­chen mor­phol­o­gis­chem und syn­takischem Wort sehen will…

  7. dirk

    Ah, schön. Aber zusam­menge­hören wird auch reformiert nicht getren­nt. Und lande ich wirk­lich ein Objekt not? Ich weiß nich …

  8. Klaus Jarchow

    Haben nicht in der Regel bei­de Schreib­weisen ihre Berech­ti­gung, weil sie zumeist auch zwei Bedeu­tun­gen real­isieren? 1. ‘Er hat diesen Text dahingeschmiert’ (wie ich es jet­zt stilis­tisch ger­ade tat) und 2. ‘Er hat diesen Text dahin geschmiert’ (in dieses schöne Blog näm­lich). Also gehört doch nur ein gerüt­telt Maß an ‘sprach­lich­er All­t­agsver­nun­ft’ dazu, zwis­chen der Getren­nt- und Zusam­men­schrei­bung bei den Ver­ben sinnhaft zu unter­schei­den, ohne dass deshalb jemals eine Schreib­weise ‘falsch’ wäre: ‘Sie diese Wörter zusam­men geschrieben’ vs. ‘Sie haben diese Wörter zusam­mengeschrieben’ …

  9. ajku

    #9

    Habe ich jet­zt irgendwelche Ironi­etags oder Tüt­telchen überse­hen? Spricht mein Redun­dan­za­tor zu leicht an? — Na, dann set­ze ich mich doch lieber an mein wohl tem­periertes Klavier!

  10. Zetterberg

    Offtopic:

    Wir wan­deln a copy of your email attach­ment für die Nutzung in Google Text & Tabellen um.”

    Das sagte mir Google Mail ger­ade. Was für ein Spaß, das schicke ich sofort an die Fre­unde von der Aktion totes Deutsch. Jubel. Freu. Die wer­den Google zur Hölle fluchen :D…

  11. Nörgler

    Axel Ste­fanow­itsch (#6):

    Umgangssprach­lich kann man alles mögliche sagen, etwa auch “einzigst”.

    Legt man etwas höhere Maßstäbe der Logik an, so ist z.B. eine Regel entwed­er wider­sprüch­lich oder sie ist es nicht. Sie kann aber nicht wider­sprüch­lich­er als eine andere sein.

    Und wo liegt denn der Wider­spruch zwis­chen zusam­men­schreiben und getren­nt schreiben? Bei­de Fälle sind zwar ähn­lich, aber doch unter­schiedlich. Allen­falls eine ober­fläch­liche Analo­giebe­tra­ch­tung kann dazu ver­leit­en, hier einen “Wider­spruch” zu sehen.

    Noch etwas:

    Seit jeher hat der Duden den Grund­satz vertreten: “In Zweifels­fällen schreibe man getren­nt.”

    Lei­der taugt das nichts als “feste Regel”, denn was ein Zweifels­fall ist, ist ja genau­so unklar wie die Frage der Getren­nt- oder Zusam­men­schrei­bung.

  12. P.Frasa

    Ein Sam­mel­w­erk von Regeln kann aber selb­stver­ständlich mehr oder weniger wider­sprüch­lich sein, da wir über mehrere Einzelfälle quan­tifizieren *pfeif

    Was ich damit sagen will — macht Ihnen das eigentlich Spaß?

    Daß natür­liche Sprache nur sehr bed­ingt etwas mit math­e­ma­tisch genauer Logik zu tun hat, da es viel eher um kom­mu­nika­tive Kon­texte als um absolute Wahrheit­en geht — ja, das wird bei Ihnen wohl nicht ankom­men.

  13. Anatol Stefanowitsch

    P.Frasa (#13), ich war mir bis­lang nie ganz sich­er, aber Nör­glers aktuelle Kom­mentare haben meinen Ver­dacht bestätigt: er ist ein Troll, der nicht lesen kann/will, nichts zu sagen hat und dem das alles in der Tat Spaß macht. Er wäre ein per­fek­ter Kan­di­dat für ein Hausver­bot, wenn es hier im Bre­mer Sprach­blog so etwas gäbe.

    Klaus Jar­chow (#9), die bedeu­tung­sun­ter­schei­dende Funk­tion der Getren­ntschrei­bung bei Wörtern wie zusam­men­schreiben ist nicht viel mehr als ein orthografis­ch­er Zufall, der durch eine merk­würdi­ge Tra­di­tion der Zusam­men­schrei­bung verur­sacht wird. Nach der all­ge­mein anerkan­nten Ausle­gung der aktuellen Regeln ist es in der Tat so, dass die von Ihnen genan­nte Beispiele

    (1a) Sie haben diese Wörter zusam­men geschrieben, und

    (1b) Sie haben diese Wörter zusam­mengeschrieben

    sig­nal­isieren, dass in (1a) zwei (oder mehr) Men­schen gemein­sam bes­timmte Wörter geschrieben haben, während in (2b) ein (oder mehr) Mensch/en bes­timmte Wörter ohne tren­nende Leerze­ichen geschrieben haben.

    Zufall ist das deshalb, weil (i) diese schein­bar bedeu­tung­sun­ter­schei­dende Funk­tion schon dann ver­schwindet, wenn man den Satz syn­tak­tisch umformt:

    (2a) Zusam­men soll­ten Sie diese Wörter nicht schreiben.

    (2b) Schreiben Sie diese Wörter zusam­men?

    (2c) Wir schreiben alle Wörter zusam­men.

    (2d) Wie haben Sie diese Wörter geschrieben? Zusam­men?

    Und so weit­er. Alle diese Sätze haben zwei Bedeu­tun­gen, die denen in (1a) und (1b) entsprechen, ohne dass sich diese Bedeu­tun­gen orthografisch nieder­schla­gen. Genau diese Satzstel­lungsvari­anten sind ja mein Argu­ment dafür, dass zusam­men­schreiben nicht ein Wort ist, son­dern zwei, und das es deshalb nie zusam­men geschrieben wer­den sollte.

    Hinzu kommt (ii), dass auch bei der von Ihnen ver­wen­de­ten Satzstel­lung der Bedeu­tung­sun­ter­schied nur bei manchen Ver­ben durch die Orthografie sig­nal­isiert wird:

    (3a) Sie haben diese Wörter getren­nt geschrieben (sie ver­wen­den eben gerne Leerze­ichen).

    (3b) Sie haben diese Wörter getren­nt geschrieben (sie saßen in ver­schiede­nen Räu­men).

    Der Unter­schied ist hier der­selbe, wie in (1a) und (1b): getren­nt bezieht sich ein­mal auf die Wörter, ein­mal auf die Schreiber. Trotz­dem soll getren­nt schreiben in bei­den Fällen getren­nt­geschrieben (Par­don: getren­nt geschrieben) wer­den. Der Bedeu­tung­sun­ter­schied steckt also offen­sichtlich nicht in der Schreib­weise, son­dern in der syntaktischen/semantischen Struk­tur, die die Sprech­er diesen Sätzen zuweisen.

    Dirk (#8), aber zusam­menge­hören sollte getren­nt geschrieben wer­den, denn die Wörter gehören eben nicht — und das sieht man daran, dass ich beliebig viele andere Wörter dazwis­chen schreiben kann, begren­zt nur durch die Gren­zen mein­er Fan­tasie und die Aufmerk­samkeit mein­er geneigten Leser, die langsam wahrschein­lich genug vom The­ma der Zusam­men- und Getren­ntschrei­bung haben — zusam­men. Ob ich ein Objekt not­landen kann, oder nicht, ist noch nicht ein­mal entschei­dend: die Merk­würdigkeit bei­der Stel­lungsvari­anten lässt sich auch bei intran­si­tiv­er Ver­wen­dung erzeu­gen:

    (4) Wir müssen not­landen (unprob­lema­tisch, not­landen scheint ein ganz nor­males ver­bales Kom­posi­tium zu sein).

    (5a) ? Wann not­landen wir?

    (5b) ? Wann lan­den wir not?

    Klin­gen bei­de nicht so richtig rund, und für keine der Vari­anten gibt es echte Google­tr­e­f­fer.

  14. David Konietzko

    Genau diese Satzstel­lungsvari­anten sind ja mein Argu­ment dafür, dass zusam­men­schreiben nicht ein Wort ist, son­dern zwei, und das [sic] es deshalb nie zusam­men geschrieben wer­den sollte.

    Auch aufge­hen ist wegen der Trennbarkeit kein Wort im syn­tak­tis­chen Sinne (Die Sonne geht jeden Tag früh­mor­gens auf). Wollen Sie wirk­lich, daß man Die Sonne ist auf gegan­gen schreibt?

    Sie set­zen stillschweigend voraus, daß man im Deutschen Zusam­menset­zun­gen zusam­men und Wort­grup­pen getren­nt schreibt. Das ist aber keineswegs selb­stver­ständlich; in der Tat ist es ein­fach falsch, wie unzäh­lige oblig­a­torisch oder fakul­ta­tiv zusam­mengeschriebene (zusam­men geschriebene) Ver­bzusatztkon­struk­tio­nen beweisen. Theodor Ick­ler schreibt in seinem Kri­tis­chen Kom­men­tar zur ›Neuregelung der deutschen Rechtschrei­bung‹:

    Der Witz der Zusam­men­schrei­bung im Deutschen beste­ht jeden­falls ger­ade darin, daß nicht nur Zusam­menset­zun­gen zusam­mengeschrieben wer­den, son­dern auch Wort­grup­pen. Das trifft auf viele Gebilde aus Verb und Ver­bzusatz zu.

    (S. 48 dieser PDF-Datei)

    Wenn man die Getren­nt- und Zusam­men­schrei­bung nicht weit­ge­hend frei­gibt (frei gibt), wie Theodor Ick­ler es in seinem Rechtschreib­wörter­buch getan hat, dann ver­fängt man sich in einem Gestrüpp wirk­lichkeits­fremder Vorschreibereien, die dann doch kein­er befol­gt.

    Und der Ver­such, ihnen [den Ver­bzusatzkon­struk­tio­nen] eine orthografis­che Logik aufzustülpen, ist ein Sinnbild für den Jahrtausende alten Wun­sch, die unbändi­ge und wildgewach­sene Sprache einz­u­fan­gen, ver­meintliche Löch­er darin zu stopfen, das ganze in Klar­lack zu gießen und anderen Men­schen über den Schädel zu schla­gen.

    Genau!

  15. derBert

    @14 (Ana­tol Ste­fanow­itsch) Diese rein syn­tak­tis­che Argu­men­ta­tion würde ja bedeuten, alle Par­tikelver­ben (heißen doch so, oder?), die vie­len finiten For­men getren­nt wer­den, auseinan­derzuschreiben, also z.B. beitreten, vorge­hen, absagen usw. Halte ich so erst­mal für nicht so gut (als ein Leser und Schreiber, der ini­tu­itiv auch irgendwelche seman­tis­chen Kri­te­rien zu haben scheint). Oder sie sind ein­fach ein Zeichen, daß auch das syn­tak­tis­che Kri­teri­um nicht allein hin­re­ichend ist, um eine adäquate Leerze­ichenset­zung zu motivieren.

  16. Anatol Stefanowitsch

    David Koni­et­zko (#15), stillschweigend set­ze ich das nicht voraus — Ich schreibe doch ein­deutig zu Beginn meines Beitrags: „Wenn man der Mei­n­ung ist, dass orthografis­che Wörter (also Sequen­zen aus Buch­staben und Binde­strichen, die nicht durch andere Inter­punk­tion­sze­ichen oder Leerze­ichen unter­brochen sind) immer tat­säch­lichen Wörtern der Sprache entsprechen soll­ten…“. Wenn man dieser Mei­n­ung nicht ist, dann erübrigt sich der Rest der Diskus­sion — es gibt dann keinen beson­deren Grund, sich über Zusam­men-/Ge­tren­ntschrei­bung Gedanken zu machen. Dass es in der Orthografie des Deutschen derzeit kein solch­es Prinzip gibt, ist doch eben­so klar: wenn es das gäbe, hätte ich mir diesen Beitrag sparen kön­nen. Das Zitat des Kol­le­gen Ick­ler beschreibt den Ist-Zus­tand, der sich auf nichts stützt außer auf orthografis­che Tra­di­tio­nen. Sich­er, Wort­grup­pen wer­den im Deutschen oft zusam­men geschrieben. Das heißt aber nicht, dass das sin­nvoll sein muss. Das gilt (dies auch an der­Bert [#16]) natür­lich auch für Par­tikelver­ben. Ich will ja die Rechtschrei­bung gar nicht reformieren, sie ist mir im Prinzip völ­lig egal — aber wenn man ern­sthaft lin­guis­tis­che Kri­te­rien anlegt, sehe ich keinen vernün­fti­gen Grund dafür, Ver­ben und Ver­bzusätze irgen­dein­er Art zusam­men zu schreiben (außer in den Fällen, in denen sie sich mor­phosyn­tak­tisch als Ein­heit­en ver­hal­ten). Ich kenne auch nie­man­den, der so einen Grund nen­nen kann. Ick­ler kommt dem in dem von Ihnen zitierten Papi­er nahe, wenn er schreibt:

    Hier­her gehört auch das seit Jahrzehn­ten immer wieder aus­ge­sproch­ene Ziel der Reformer, der ver­mehrten Zusam­men­schrei­bung von Ver­bzusatzkon­struk­tio­nen ent­ge­gen­zuwirken. Die Zusam­men­schrei­bung ist aber keine Erfind­ung des Duden, son­dern entspringt ein­er Intu­ition der Schreiben­den selb­st. Daß es der Wis­senschaft bish­er nicht gelun­gen ist, diese Intu­ition völ­lig befriedi­gend auf Begriffe zu brin­gen, ist kein hin­re­ichen­der Grund, dem deut­lich erkennbaren Willen der Sprachge­mein­schaft ent­ge­gen­zuwirken.

    Er spricht hier eine „Intu­ition der Schreiben­den“ an. Wenn es eine solche Intu­ition gäbe, wäre sie ein ern­stzunehmender Fak­tor in der Diskus­sion. Ich sehe aber keine Evi­denz für eine solche Intu­ition. Ken­nen Sie eine Studie, die diese Intu­ition belegt? Das wäre wirk­lich inter­es­sant. Solange die Annahme ein­er solchen Intu­ition aber auf per­sön­lichen Ein­drück­en beruht, kann ich auch den gegen­teili­gen Ein­druck vertreten, dass es eine „Intu­ition der Schreiben­den“ gibt, Nom­i­nalkom­posi­ta getren­nt zu schreiben (son­st gäbe es kaum das Wort „Dep­pen­leerze­ichen“). Meine kleine Tochter, die noch mit­ten im Erwerb schrift­sprach­lich­er Nor­men steckt, zeigt auf jeden Fall keine natür­liche Ten­denz, Wörter wie hochsprin­gen oder weglaufen zusam­men zu schreiben. Wenn es eine solche Intu­ition wirk­lich gäbe, würde die Zusam­men- und Getren­ntschrei­bung sich ohne­hin von alleine Regeln — so wie es keine Rechtschreibregel braucht, die besagt, dass das Verb in deutschen Haupt­sätzen an zweit­er und in Neben­sätzen an let­zter Stelle ste­ht, bräuchte es auch für die Zusam­men- und Getren­ntschrei­bung keine Regel, da jed­er Mut­ter­sprach­ler des Deutschen die Regeln unbe­wusst ken­nen würde. Hier geht es m.E. nicht um sprach­liche Intu­itio­nen, son­dern um Lesege­wohn­heit­en. Und Gewohn­heit­en sind keine Argu­mente.

  17. Nörgler

    P.Frasa (#13):

    Man sollte bess­er nicht über Dinge spekulieren, über die man nichts weiß. Ich glaube kaum, daß Sie beurteilen kön­nen, was bei mir ankommt oder nicht.

    Ich bin allerd­ings der Mei­n­ung, daß an diejeni­gen, die ständig die Mon­stranz der Sprach­wis­senschaft vor sich her­tra­gen, die anderen vor­w­er­fen. “ein sehr verküm­mertes Ver­ständ­nis von Bedeu­tung” zu haben, die sich auf Got­t­lob Frege und die Unter­schei­dung von Sinn und Ref­erenz berufen, schon etwas höhere Maßstäbe sprach­lich­er und logis­ch­er Präzi­sion gestellt wer­den dür­fen. Einige maßge­bliche Teil­nehmer an diesem Forum sind offen­bar sehr stark im Austeilen, aber sehr schwach im Ein­steck­en.

  18. David Marjanović

    ARGH! Ich bin ja schon ruhig! 😀

    Legt man etwas höhere Maßstäbe der Logik an, so ist z.B. eine Regel entwed­er wider­sprüch­lich oder sie ist es nicht. Sie kann aber nicht wider­sprüch­lich­er als eine andere sein.

    Natür­lich kann sie — wenn sie mehr innere Wider­sprüche enthält als eine andere.

    Und wo liegt denn der Wider­spruch zwis­chen zusam­men­schreiben und getren­nt schreiben? Bei­de Fälle sind zwar ähn­lich, aber doch unter­schiedlich. Allen­falls eine ober­fläch­liche Analo­giebe­tra­ch­tung kann dazu ver­leit­en, hier einen “Wider­spruch” zu sehen.

    Dem stimme ich sog­ar zu (…obwohl ich es nicht so arro­gant for­muliert hätte, um ehrlich zu sein). Zusam­men­schreiben sollte man mit auseinan­der­schreiben ver­gle­ichen, nicht mit getren­nt schreiben, und zwar deswe­gen, weil — für mich jeden­falls! — auseinan­der trotz sein­er vier Sil­ben ein Prä­fix ist, getren­nt dage­gen nicht. Ich habe allerd­ings keine Ahnung, ob das z. B. bis hin­auf nach Bre­men gilt…

    Moment…

    Völ­liger Blödsinn, siehe unten.

    Genau diese Satzstel­lungsvari­anten sind ja mein Argu­ment dafür, dass zusam­men­schreiben nicht ein Wort ist, son­dern zwei, und das es deshalb nie zusam­men geschrieben wer­den sollte.

    Die Beispiele 1a und 1b spreche ich aber trotz­dem nicht gle­ich aus, und 3a und 3b auch nicht. (Ich schaffe es also doch, getren­nt als Prä­fix zu ver­wen­den; ich bin es nur nicht gewöh­nt. Bin ich froh, dass ich Deutsch als Mut­ter­sprache habe und es daher nicht ler­nen muss — es ist so schon ver­wirrend genug!!!) Darüber stolpere ich beim Lesen rechtschreibre­formiert­er Texte regelmäßig.

    (5a) ? Wann not­landen wir?

    (5b) ? Wann lan­den wir not?

    Klin­gen bei­de nicht so richtig rund, und für keine der Vari­anten gibt es echte Google­tr­e­f­fer.

    Erlö­sung: Wann tun wir not­landen! Ja, ich weiß, “tun” tut man nicht tun 😉

    Aber “tun wir not­landen” wird von Google auch nicht gefun­den. 🙁

  19. Mister Bernie

    Müssen wir wohl dabei bleiben, eine Not­landung zu machen.

    Ich meine, eine Not­landung machen zu tun :-p .

  20. Nörgler

    David Mar­janović:

    Aus der Logik weiß man, daß aus einem Wider­spruch alles fol­gt — also auch beliebig viele weit­ere Wider­sprüche. Daraus ergibt sich, daß eine Menge von Aus­sagen nur entwed­er wider­sp­sruchs­frei oder wider­sprüch­lich sein kann, aber eben nicht “wider­sprüch­lich­er” als anderes.

    Nun weiß ich natür­lich, daß man umgangssprach­lich von Wider­sprüchen spricht, wo man eher so etwas wie Ungereimtheit­en meint. Ich habe ja auch nichts dage­gen, sich so auszu­drück­en, solange man nicht gle­ichzeit­ig den Anspruch hoher Wis­senschaftlichkeit erhebt.

    Worum es mir eigentlich geht, ist davor zu war­nen, vorschnell (oder, wenn Sie so wollen, “arro­gant”) Ungereimtheit­en oder “Wider­sprüche” anzunehmen, wo vielle­icht ein tief­er­er Sinn herrscht, den man nur nicht sofort ver­ste­ht. Ein solch­er Fall scheint mir eben die unter­schiedliche Schrei­bung von “zusam­men­schreiben” und “getren­nt schreiben” zu sein.

    Ähn­lich ste­ht es mit Bil­dun­gen mit “aneinan­der” oder “auseinan­der”. Zwei enge Fre­unde kön­nen “aneinan­der hän­gen” oder ständig “aneinan­der denken”, zwei Ket­tenglieder kön­nen üblicher­weise nur “aneinan­der­hän­gen”.

    Zum Verb “not­landen”:

    Jed­er, der sich auch nur ober­fläch­lich mit diesem Gegen­stand befaßt hat, weiß, daß es im Deutschen Ver­ben gibt, die nur in bes­timmtem Zeit­for­men auftreten. Dazu gehören “not­landen”, “seil­tanzen”, “bauch­tanzen” usw., usw. Eine Google-Suche ergibt schnell Belege für “not­landen”, “not­ge­landet” und “notzu­lan­den”, aber kaum für “ich lande not” oder ähn­lich­es. Woran das genau liegt, weiß ich ich auch nicht, jeden­falls ist es so. Das hat mit der Rechtschrei­bung nichts zu tun; das ist eine Tat­sache der gesproch­enen Sprache.

  21. Jan Wohlgemuth

    > […]aber kaum für “ich lande not” oder ähn­lich­es. Woran das genau liegt, weiß ich ich auch nicht, […]

    Das dürfte auch mit der Äußerungssi­t­u­a­tion zu tun haben. Wer ger­ade am not­landen ist, denkt ver­mut­lich an andere Dinge, als dies google­bar schriftlich festzuhal­ten. 😉

  22. TMP

    Daraus ergibt sich, daß eine Menge von Aus­sagen nur entwed­er wider­sp­sruchs­frei oder wider­sprüch­lich sein kann, aber eben nicht “wider­sprüch­lich­er” als anderes.

    Man kann aber prob­lem­los quan­tifizieren wieviele Ele­mente aus der Menge der Aus­sagen ent­fer­nt wer­den müssen, damit diese Aus­sagen wider­spruchs­frei wer­den. Durch diese Quan­tifizierung macht das Wort “wider­sprüch­lich­er” sofort Sinn — die For­mulierung “macht Sinn” ist Absicht — und es wird nor­maler­weise auch in diesem Sinne ver­wen­det.

    An sich lässt sich sich ihre Argu­men­ta­tion auf beliebige Adjek­tive anwen­den:

    Etwas kann “grün” oder “nicht grün” sein, aber nicht “grün­er”.

    Etwas kann “schmerzhaft” oder “nicht schmerzhaft” sein, aber nicht “schmerzhafter”.

    Etwas kann “groß” oder “nicht groß” sein, aber nicht “größer”.

  23. David Marjanović

    Zwei enge Fre­unde kön­nen “aneinan­der hän­gen” oder ständig “aneinan­der denken”, zwei Ket­tenglieder kön­nen üblicher­weise nur “aneinan­der­hän­gen”.

    Damit habe ich kein Prob­lem — ich spreche das nicht gle­ich aus.

    An sich lässt sich sich ihre Argu­men­ta­tion auf beliebige Adjek­tive anwen­den:

    PWND!

  24. Nörgler

    @Anatol Ste­fanow­itsch (#17):

    Daß kleine Kinder das Schreiben erst ler­nen müssen und dabei anfangs viele Fehler machen, ver­ste­ht sich von selb­st und ist kein Gege­nar­gu­ment gegen die Exis­tenz ein­er “Intu­ition der Schreiben­den”. Auch diese Intu­ition muß eben erlernt wer­den. Das ist bei der gesproch­enen Sprache und der Gram­matik nicht anders. Kleine Kinder müssen das Sprechen auch erst ler­nen und machen dabei anfangs viele Fehler, z.B. bei den unregelmäßi­gen Ver­ben.

    Warum in aller Welt sollte man Unter­schei­dun­gen, die man beim Sprechen macht, nicht auch beim Schreiben machen? Jed­er ver­ste­ht sehr klar den Unter­schied zwis­chen “ZUSAM­ME­Nar­beit­en” und “zusam­men ARBEITEN”. In der gesproch­enen Sprache wird die Unter­schei­dung durch die Beto­nung, in der Schrift durch Zusam­men- oder Getren­ntschrei­bung verdeut­licht. Wenn “Lesege­wohn­heit­en” kein Argu­ment sind, warum soll­ten Sprechge­wohn­heit­en eines sein?

    Es ist richtig, daß diese Bedeu­tung­sun­ter­schei­dung bei ander­er Wort­stel­lung im Satz nicht möglich ist. Das gilt gle­icher­maßen für die gesproch­ene wie für die geschriebene Sprache. Daß eine solche Bedeu­tung­sun­ter­schei­dung in bes­timmten Fällen — schriftlich wie mündlich — nicht möglich ist, ist aber kein hin­re­ichen­des Argu­ment dafür, diese Unter­schei­dung dort, wo sie möglich ist, nicht zu machen.

    Es wäre ja wohl zu schön um wahr zu sein, wenn “die Sprach­wis­senschaft” sich darüber einig wäre, was ein “Wort” ist und welche “lin­guis­tis­chen Kri­te­rien” dabei anzule­gen wären. Daher erscheint es mir sehr mutig, auf Grund eines von ver­schiede­nen denkbaren Kri­te­rien darüber zu urteilen, was in der Rechtschrei­bung sin­nvoll ist oder nicht. Daß man “keinen vernün­fti­gen Grund sieht” heißt noch lange nicht, daß es keinen gibt.

  25. Frank Oswalt

    @Nörgler (25): Und στου κουφού την πόρτα όσο θέλεις βρόντα. Ich hoffe aber, der Blog­meis­ter ver­sucht es trotz­dem weit­er­hin. Vielle­icht ver­ste­hen Sie es ja irgend­wann doch noch…

  26. David Marjanović

    Warum in aller Welt sollte man Unter­schei­dun­gen, die man beim Sprechen macht, nicht auch beim Schreiben machen?

    Dem stimme ich zu, aber da sollte ich erwäh­nen, dass es bere­its solche Fälle gibt. Ein Beispiel ist [‘]umge­hen — ein Gespenst geht um — im Unter­schied zu um[‘]gehen — ich umge­he ein Hin­der­nis.

    Qual­i­ta­tiv ist die deutsche Rechtschrei­bung genau­so blödsin­nig wie die englis­che, obwohl sie quan­ti­ta­tiv um Größenord­nun­gen gnädi­ger ist.

  27. Dauersurfer

    Es wäre ein inter­es­san­ter Ver­such, ein­mal her­auszufind­en, inwiefern Maschi­nen die Rechtschrei­bung bee­in­flussen, siehe z.B. Googles Empfehlun­gen zur Zusam­men­schrei­bung von Aus­drück­en wie “Auto fahren” ( Verbgefüge/Substantivierung ) . Wenn wir davon aus­ge­hen, dass Maschi­nen keine Intu­ition haben, aber Men­schen bee­in­flussen, was ist dann von der sinns­tif­ten­den Funk­tion men­schlich­er Intu­ition zu hal­ten?

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