Erfolgte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung auf Deutsch?

Ist ger­ade Voll­mond, oder was lockt die VDS’ler in Scharen unter den Steinen her­vor, unter denen sie nor­maler­weise leben? Nach dem reizen­den Kom­men­tar, den Region­alleit­er Lietz mir am Woch­enende hier hin­ter­lassen hat, finde ich heute mor­gen diese deut­lich höflich­er und orthografisch kor­rek­tere E-Mail in meinem Post­fach:

Sehr ungeehrter Junior­pro­fes­sor! Als Englis­ch­pro­fes­sor ist Ihnen die deutsche Sprache natür­lich nichts wert, mit ihr kön­nen Sie sich nicht brüsten. Wer befan­gen ist, sollte ein­fach schweigen! Für einen Pro­fes­sor sind Sie außer­dem ziem­lich unge­bildet. Sie müssten wis­sen, daß Deutsch fast Amtssprache der USA gewor­den wäre und daß sog­ar die amerikanis­che Unab­hängigkeit­serk­lärung zuerst auf Deutsch veröf­fentlicht wurde. http://vds-ev.de/verein/aha/aha.php Mit unfre­undlichen Grüßen, Hol­ger (Mit­glied beim VDS)

Ehrlicher­weise muss ich dazu sagen, dass ich nicht beurteilen kann, ob es sich beim Autor wirk­lich um ein VDS-Mit­glied han­delt. Die E-Mail ist über einen anony­men E-Mail-Dienst ver­schickt wor­den und „Hol­gers“ ange­bliche E-Mail-Adresse scheint nicht zu existieren. Die Anrede „Junior­pro­fes­sor“ deutet allerd­ings auf ein VDS-Mit­glied hin, da man im Forum des VDS der irri­gen Mei­n­ung ist, ich sei Junior­pro­fes­sor und da mich schon des öfteren nachvol­lziehbar authen­tis­che VDS-Mit­glieder so angeschrieben haben.

Aber es ist ja auch egal. Inter­es­san­ter ist der Inhalt der E-Mail. Die Behaup­tung vom Deutschen als Beina­he-Amtssprache der USA kan­nte ich schon, es han­delt sich um eine Leg­ende, die schon daran scheit­ert, dass die USA keine Amtssprache haben.

Die Geschichte ein­er deutschsprachi­gen Unab­hängigkeit­serk­lärung war mir dage­gen neu. Sie find­et sich tat­säch­lich unter dem von „Hol­ger“ angegebe­nen Link, der zu ein­er Liste mit Behaup­tun­gen über die deutsche Sprache führt, die von „über­trieben“ über „völ­lig ver­dreht“ bis zu „kom­plett aus­gedacht“ rang­ieren:

Wussten Sie, dass …

… die amerikanis­che Unab­hängigkeit­serk­lärung zuerst auf Deutsch veröf­fentlicht wurde? [VDS-EV.de 2006]

Ich wusste das, wie gesagt, nicht, und obwohl ich kein „Englis­ch­pro­fes­sor“ son­dern „Lin­guis­tikpro­fes­sor“ bin, war ich bis heute doch der Mei­n­ung, mich in amerikanis­ch­er Geschichte gut genug auszuken­nen, um so etwas zu wis­sen.

Dass ich es nicht wusste, hat aber einen guten Grund: Es stimmt nicht. Die amerikanis­che Unab­hängigkeit­serk­lärung wurde am 4. Juli 1776 auf Englisch ver­ab­schiedet, nach­dem der Kon­ti­nentalkongress zwei Tage vorher formell die Unab­hängigkeit der dreizehn britis­chen Kolonien in Nor­dameri­ka erk­lärt hat­te.

Unahbängigkeitserklärung der USA

Unah­bängigkeit­serk­lärung der USA

Der älteste bekan­nte Druck ist ein Plakat/Flugblatt, das der Druck­er John Dun­lap am 4. Juli 1776 (manche Quellen sagen auch: am 5. Juli) im Auf­trag von Thomas Jef­fer­son her­stellte [Link], und das sofort in Umlauf gebracht wurde. Abbil­dun­gen dieses Drucks gehören zu den bekan­ntesten Darstel­lun­gen der amerikanis­chen Unab­hängigkeit­serk­lärung. Dieser Druck diente auch als Grund­lage für die älteste bekan­nte deutsche Über­set­zung der Erk­lärung, ein Plakat, das die Druck­er Stein­er und Cist her­stell­ten und das zwis­chen dem 6. und 8. Juli 1776, also min­destens einen, wahrschein­lich eher zwei bis drei Tage nach dem Druck von Dun­lap erschien.

Wer ein Plakat/Flugblatt nicht als Veröf­fentlichung zählen mag, der muss sich an die Penn­syl­va­nia Evening Post hal­ten, die am 6. Juli 1776 als erste Zeitung der Welt die Unab­hängigkeit­serk­lärung abdruck­te [Link]. Die deutsche Über­set­zung wurde erst drei Tage später, am 9. Juli 1776 in der deutschsprachi­gen Zeitung Penn­syl­vanis­ch­er Staats­bote veröf­fentlicht [Link].

Woher der VDS den Irrglauben von ein­er deutschsprachi­gen Unab­hängigkeit­serk­lärung hat, kann ich nicht nachvol­lziehen, denn — wie beim VDS üblich — fehlen Quel­lenangaben. Ich habe ein biss­chen gegoogelt und bin dabei auf fol­gende mögliche Quelle gestoßen:

Es stimmt allerd­ings, dass das amerikanis­che Volk die Unab­hängigkeit­serk­lärung zuerst in deutsch­er Sprache lesen kon­nte. Am 4. Juli 1776 unter­schrieb John Han­cock, Präsi­dent des in Philadel­phia tagen­den Kon­ti­nentalkon­gress­es, die Dec­la­ra­tion of Inde­pen­dence. Am 5. Juli war die deutschsprachige Zeitung Penn­syl­vanis­ch­er Staats­bote die erste amerikanis­che Zeitung, die davon berichtete. Auch der erste Abdruck der Erk­lärung für die Bevölkerung erfol­gte auf Deutsch, denn obwohl John Dun­lap die englis­che Orig­i­nal­fas­sung der Unab­hängigkeit­serk­lärung am Abend des 4. Juli für die Teil­nehmer des Kon­gress­es druck­te, war der deutschsprachige Druck von Stein­er und Cist am 5. oder 6. Juli in Philadel­phia der erste Abdruck für die Bevölkerung. Die Zeitung Penn­syl­va­nia Evening Post veröf­fentlichte den englis­chen Orig­inal­text erst später am 6. Juli, da es sich um eine Abendzeitung han­delte. [AUSWANDERN.us, Ohne Datum]

Die Argu­men­ta­tion ist schon sehr ver­quer: Da wird ein­fach behauptet, John Dun­laps Druck zäh­le nicht, um dann dessen Über­set­zung zur Erstveröf­fentlichung zu deklar­i­eren. Aber John Dun­laps Plakat sollte dazu dienen, die Unab­hängigkeit­serk­lärung bekan­nt zu machen, es war also klar „für die Bevölkerung bes­timmt“. Wozu das Plakat in deutsch­er Über­set­zung dienen sollte, ist dage­gen nicht bekan­nt. Eben­sowenig, übri­gens, wie sein genaues Erschei­n­ungs­da­tum, das eben zwis­chen dem 6. und 8. Juli 1776 liegt, also mit ein­er gewis­sen Wahrschein­lichkeit ohne­hin nach der englis­chsprachi­gen Veröf­fentlichung durch die Penn­syl­va­nia Evening Post in Umlauf geri­et.

Literatur

  • AUSWANDERN.us (Ohne Datum) Deutsch als Amtssprache? [Link]
  • VDS-EV.de (2006) Aha! Wussten Sie dass… [Link]

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

17 Gedanken zu „Erfolgte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung auf Deutsch?

  1. Muriel

    Ich ver­ste­he schon immer gar nicht, worauf die VDS’ler mit solchen wilden Behaup­tun­gen hin­aus wollen.
    Was wäre denn bewiesen, sog­ar wenn es die Unab­hängigkeit­serk­lärung schon immer NUR auf Deutsch gäbe?

  2. amfenster

    Hil­fre­ich wäre sich­er auch die Ein­sicht, dass das Deutsche nicht schön­er wird, wenn man damit so hässliche Sachen sagt wie “Hol­ger”.
    Immer­hin, in einem hat er recht: “Wer befan­gen ist, sollte ein­fach schweigen!” Das sollte der VDS mal zum Vere­ins­mot­to machen…

  3. Soziobloge

    Damit wäre dann sich­er bewiesen, dass Deutsch die beste aller Sprachen ist und über­haupt. Die scheinen echt langsam verzweifelt zu sein.

  4. Joerg

    Ach du liebes bißchen, was ist das ein Haufen. Also ich würde denen protes­tiv immer nur auf englisch antworten 🙂

  5. Gerhard

    Jet­zt bin ich neugierig gewor­den auf den Kom­men­tar von Her­rn Lietz, aber hab ihn nicht gefun­den. Schade.

  6. Dierk

    Weshalb sollte ein Mann, dessen direk­te Vor­fahren aus ein­er englis­chen Kolonie stammten, deren Vor­fahren wiederum aus Eng­land bzw. Wales kamen, eine Doku­ment in ander­er als sein­er Mut­ter­sprache — also Englisch — ver­fassen? Warum sollte ein Doku­ment, dessen Hauptziel­grup­pen zum einen die weit­ge­hend englis­chsprachi­gen Bürg­er der Kolonien, zum anderen die englis­che Kro­ne und das Par­la­ment in Lon­don waren, dieses auf Deutsch abfassen? Wieso sollte jemand ein Doku­ment von solch­er Immi­nenz auf Englisch abfassen, wenn er es doch an die Deutschmut­ter­sprach­ler richtet [son­st wäre diese ange­bliche Erstveröf­fentlichung ja völ­liger Hum­bug]?
    Im let­zten Jahr gab es im US wie im deutschen TV eine Serie namens Push­ing Daisies, deren let­zte drei Fol­gen lange, lange vor der Ausstrahlung in den USA liefen, auch die Fol­gen davor liefen hier oft einige Tage früher. Macht das die Serie jet­zt zu ein­er deutschen? Bedeutet das, die deutschen TV-Anstal­ten sind inno­v­a­tiv­er und kreativ­er als die der USA oder Großbri­tan­niens?
    Immer­hin stellt sich der VDS offen­bar inzwis­chen hal­bof­fiziell in eine Rei­he mit Illig und Hein­sohn und diesem UFO-Hei­ni, na, äh, vergessen.

  7. Julius

    Was viele auch nicht wis­sen: Eigentlich ist nicht nur die amerikanis­che Unab­hängigkeit­serk­lärung son­dern auch das ganze Inter­net ursprünglich auf deutsch. Dieser Fakt wird wahrschein­lich unter­schla­gen, um das Englis­che weit­er­hin aggres­siv in den Vorder­grund zu drück­en. Wer sich von der Deutschheit des Inter­net überzeu­gen will, braucht nur nachzuse­hen unter translate.google.…

  8. Matthias

    Ortograviech
    “…unter denen Sie nor­maler­weise leben”
    “sie” klein!
    …denn Region­alleit­er Lietz
    “den” mit einem n!
    Aber ich glaube, das war Absicht :-).
     
    [Ist kor­rigiert, Danke, A.S.]

  9. Jeschub

    OMG!
    Dieser VDS scheint ja ein Sam­mel­beck­en völ­lig schräger Gestal­ten zu sein.
    Wenn man keine Argu­mente hat, muß man auf Gerüchte, Halb­wahrheit­en oder hand­feste Lügen zurück­greifen.
    Immer­hin gibt es in der deutschen Sprache einen tre­f­fend­en Aus­druck dafür:
    Deutschtümelei

  10. Finanzer

    Druck von Stein­er und Cist
    Ich wollte nur kurz drauf hin­weisen, dass der Druck von Stein­er und Cist auf Wik­isource als Tran­skrip­tion und Scan des Druck­es ver­fü­gabr ist: http://de.wikisource.org/…en_Staaten_von_Amerika

  11. Christian

    Promi­nente VDS Mit­glieder
    … wäre mal inter­es­sant, zu wis­sen, was die promi­nen­ten Mit­glieder des VDS von diesen Auswüch­sen hal­ten:
    http://www.vds-ev.de/…/prominente-mitglieder.php
    Und ich dachte, mich an einen Fernse­hauftritt von Jür­gen von der Lippe zu erin­nern, in dem er (zumin­d­est impliz­it) den VDS mit fol­gen­dem Gag bloßgestellt hat. In der Aktion Lebendi­ges Deutsch wurde als Alter­na­tive für “Jack­pot” u.a. das Wort Jubel­dose (im Fernse­hauftritt hieß es Glücks­dose, wenn ich mich richtig erin­nere) vorgeschla­gen (siehe auch Bre­mer Sprach­blog http://www.iaas.uni-bremen.de/…02/06/gluckstopf/).
    Kom­men­tar von Jür­gen von der Lippe:
    “Unter Glücks­dose stelle ich mir eigentlich etwas anderes vor”.
    Aber vielle­icht tue ich dem VDS unrecht, wenn ich ihn mit der “Stiftung Deutsche Sprache” in einen Topf, par­don Dose, werfe.

  12. Armin

    Irgend­was stimmt da aber nicht. Oder die Seite ist in ohne Aen­derung des Datums geaen­dert wor­den. In der e-mail ste­ht:
    “[..] und daß sog­ar die amerikanis­che Unab­hängigkeit­serk­lärung zuerst auf Deutsch veröf­fentlicht wurde. http://vds-ev.de/verein/aha/aha.php$
    Geht man zu dem Link ste­ht aber (jet­zt?) auf der Seite:
    “die amerikanis­che Unab­hängigkeit­serk­lärung nur wenige Tage nach der englis­chen Fas­sung auf Deutsch veröf­fentlicht wurde?”
    Hat der Ein­trag hier Wirkung gezeigt oder was ist da los?

  13. Armin

    @D.A.
    Danke, an Google cache und archive.org hat­te ich gar nicht gedacht dort nachzuse­hen. Ist also tat­saech­lich geaen­dert wor­den.
    Lustig dass die let­zte Aen­derung ange­blich 2006 erfol­gt sein soll wenn defin­i­tiv danach noch min­destens eine Aen­derung erfol­gt ist (die anderen Punk­te habe ich jet­zt nicht alle ver­glichen).

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