Mehr Fehler, wie üblich

Von Susanne Flach

Der Erk­lärungs­druck wird größer, weshalb nach der Kon­sul­ta­tion des RSS-Feed der Tagess­chau mein Blick auf Spiegel Online fällt. Es ist ver­mut­lich eine Marotte aus der Zeit, in der Spiegel Online noch nicht ganz so offen­sichtlich als Stu­den­ten-BILD daher kam. Wofür diese Gewohn­heit aber doch recht gut ist: Man find­et oft aller­hand span­nende Übersetzungsfehler.

Nach der Ver­haf­tung von Wik­ileaks-Chef Julian Assange twit­terte Wik­ileaks gestern:

Today’s actions against our edi­tor-in-chief Julian Assange won’t affect our oper­a­tions: we will release more cables tonight as nor­mal.

(via Screen­shot auf Bildblog.de, Her­vorhe­bung von mir.)

Spiegel Online wird mit ein­er zweifel­haften Inter­pre­ta­tion nicht allein gewe­sen sein, aber bei SPON über­set­zte man gestern die oben fett gedruck­te Stelle in ein­er ersten Ver­sion so…

Wir wer­den heute Nacht mehr Botschafts­de­peschen veröf­fentlichen, als normal.

(via Screen­shot auf Bildblog.de)

…und hat­te sie bis 17 Uhr nach Angaben von Bild­blog in diese Über­set­zung (Stand: 13:12 Uhr, 8.12.) geändert:

Wir wer­den heute Nacht mehr Botschafts­de­peschen veröf­fentlichen, wie üblich.

Spiegel hat­te also aus dem als ein wie gemacht (und nor­mal durch üblich erset­zt). Oder anders: Aus Kom­par­a­tiv wurde Gleichheit.

Für Sprech­er süd­deutsch­er Dialek­te: Im ersten Fall wer­den mehr Depeschen veröf­fentlicht, im zweit­en Fall ändert sich an der Veröf­fentlichungs­fre­quenz nichts. Im Schrift­deutsch ste­ht im Kom­par­a­tiv als, bei Gle­ich­heit wie. Warum ich das betone? Weil in süd­deutschen Dialek­ten diese Unter­schei­dung nicht gemacht wird: Ich hab mehr Geld wie du ist hier der Nor­mal­fall. Die Unter­schei­dung wird nur durch mehr/größer und genau­so viel/groß gemacht. Wer daran Zweifel hat, darf gerne einen nord­deutschen Deutschlehrer in ein­er ale­man­nis­chen Ober­stufe dazu befragen.

Noch vor der Lek­türe des Bild­blog­post stolperte ich also über die über­ar­beit­ete Spiegelver­sion. Dabei kor­rigierte ich die For­mulierung mehr…wie üblich fast automa­tisch in mehr…als üblich, weil mehr… einen ver­meintlichen Kom­par­a­tiv ankündigte, der aber kein­er (mehr) war oder sein sollte. Die geän­derte For­mulierung ging aber aus einem Kom­par­a­tiv nach SPON-Inter­pre­ta­tion her­vor. (Wir merken: An dieser Stelle wird es recht unüber­sichtlich und poten­tiell zirkulär.) Ich sage “fast automa­tisch” deshalb, weil ich mir in den ver­gan­genen Jahren den wie-Kom­par­a­tiv recht erfol­gre­ich abtrainiert und den Kon­ven­tio­nen mein­er nord­deutschen Umge­bung angepasst habe, obwohl wie für mich eigentlich immer noch die natür­lichere Alter­na­tive ist.

Vielle­icht liegt es an mir: Für meine süd­deutschen Ohren sind bei­de Ver­sio­nen nahezu syn­onym, von Reg­is­terun­ter­schieden abge­se­hen: Sie bedeuten bei­de also, dass mehr Depeschen veröf­fentlicht wer­den. Indiz? Mir war Inhalt und Sinn der zitierten Wik­ileak­saus­sage über­haupt nicht klar; das wurde sie erst mit der Lek­türe des Orig­i­nals im Bild­blog. Und weil Spiegel den ersten Teil des Twit­ter­posts nicht zitierte, inter­pretierte ich die Aus­sage in ein­er ersten Reak­tion auch eher wie einen Rach­feldzug von Wik­ileaks, ganz nach dem Mot­to “Jet­zt erst recht”.

Die wie/als-Unter­schei­dung wird ja von einem nicht unbe­trächtlichen Teil der Sprachge­mein­schaft nicht gemacht. Nun darf man natür­lich ein­wen­den, dass der Spiegel in Ham­burg sitzt — wobei mein für dieses Phänomen geschärftes Ohr in Ham­burg­er Eck­kneipen erstaunlich viele wie-Kom­par­a­tive vern­immt. Und eine gewisse Ken­nt­nis der deutschen Hochsprache mag der Spiegel schon von seinen Lesern erwarten dürfen.

Unglück­lich ist die For­mulierung des Spiegels trotz­dem — sie ist zumin­d­est ten­den­ziell unein­deutig zwis­chen bei­den Lesarten. Das Missver­ständ­nis lag von Anfang an darin, more mit ‘mehr’ zu über­set­zen. Dann kommt man aus dieser Falle auch nicht mehr so ein­fach raus. Mehr…, wie üblich ist nach den Kon­ven­tio­nen unser­er Stan­dard- und Schrif­st­sprache natür­lich eine Möglichkeit, den Inhalt der Wik­ileak­saus­sage kor­rekt wieder zu geben. Trotz­dem klingt sie für mich auch nach dem zwanzig­sten Mal nicht idioma­tisch, son­dern eher wie das Geschreib­sel eines schwäbis­chen Spiegel-Prak­tikan­ten, der bewusst oder unbe­wusst das Gegen­teil behauptet.

Bild­blog über­set­zt das Wik­ileaks-Gezwitsch­er sin­ngemäßer und damit sehr viel eindeutiger:

Wir wer­den wie üblich heute Nacht weit­ere Botschafts­de­peschen veröffentlichen.

Hier ist eine ambige Inter­pre­ta­tion aus­geschlossen. Auch für Leute, die größere Klugscheißer sind, wie ich.

8 Gedanken zu „Mehr Fehler, wie üblich

  1. Lukas

    Ich bin auch ein größer­er Klugscheißer, genau wie du. 😉

    Schmäh ohne: “wie” und “als” unter­schei­de ich auch als sehr aus­tri­azis­tisch sprechen­der Öster­re­ich­er sehr streng… “Weil” als Haupt­satzein­leitung hinge­gen versemm­le ich regelmäßig, aber das dürfte nix spez­i­fisch dem süd­deutschen Sprachraum Ange­höriges sein.

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    1. suz Beitragsautor

      Aber wie und als kon­se­quent zu unter­schei­den ist zumin­d­est für uns bei­de eine erlernte Fähigkeit. Das bele­gen die Grabenkämpfe, die wir mit unser­er nord­deutschen Deutschlehrerin noch bis in die Ober­stufe (!) geführt haben. Obwohl ich es mit­tler­weile “kor­rekt” ver­wende (zu erken­nen daran, dass mich seit der erfol­gre­ichen “Umstel­lung” kein Hanseat mehr zurecht gewiesen hat), finde ich es bei Beispie­len wie oben nicht ein­deutig. Dass ich weiß, was gemeint ist, ist unab­hängig von der Frage, ob es idioma­tisch klingt.

      Zu “weil”: Das ist gewis­ser­maßen ein Klas­sik­er in der Sprachkri­tik­skri­tik. Du hast recht, weil mit Haupt­satzstel­lung ist kein dialek­tales Phänomen, noch nicht mal eins ein­er speziellen Schicht. Aber es fol­gt recht klaren Mustern. Ohne ins Detail zu gehen, nur so viel: bei­de Kon­struk­tio­nen sind (wieder mal) nicht syn­onym. Ich nehme mal ein Beispiel von André Mei­n­unger (2008: 89):

      Es muss gereg­net haben, weil mein Auto Dellen hat.
      Es muss gereg­net haben, weil mein Auto hat Dellen.

      Der erste Satz lässt auch die Inter­pre­ta­tion zu, dass die Tat­sache, dass mein Auto Dellen hat, der Grund für den Regen ist. Im zweit­en Fall sind die Dellen ein­deutig lediglich das Resul­tat des Regens. In der Schrift­sprache wird dieser Unter­schied nicht gemacht (son­dern eventuell anders) — und ehrlich, wir inter­pretieren den Satz ja nicht “falsch”, weil wir wis­sen, dass Dellen in meinem Auto keinen Regen aus­lösen kön­nen. Dass sie es auch sprach­lich nicht kön­nen, dafür sorgt in diesem Fall die Haupt­satzstel­lung. Also nix mit versem­meln, son­dern nur wirk­lich sehr deut­liche und wiederkehrende Muster im Zuge ein­er oft nicht unwesentlichen Differenzierung.

      Also noch ein Lesetipp (ich mache dem­nächst eine Linkliste):

      Mei­n­unger, André. 2008. Sick of Sick? Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den “Zwiebelfisch”. Kadmos.

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  2. Lukas

    Aber wie und als kon­se­quent zu unter­schei­den ist zumin­d­est für uns bei­de eine erlernte Fähigkeit.”

    Ich glaub, da muss ich dich ent­täuschen – ich hab nie genau darauf aufgepasst, aber ich glaube, die Unter­schei­dung haben auch meine Eltern kon­se­quent kor­rekt getrof­fen. Insofern ist das für mich nichts bewusst Erlerntes, son­dern etwas im Zuge des nor­malen Spracher­werbs Festgelegtes…

    Ich fürchte aber, dass ich auch dann “weil [Prädikat] [Rest­satz]” sage, wenn diese Dif­feren­zierung nicht notwendig oder sog­ar falsch herum ist/wäre… 😉

    Sick of Sick ste­ht schon länger auf mein­er Amazon-Wunschliste. 😉

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    1. suz Beitragsautor

      Okay, wenn deine Ohren schon früh die Unter­schei­dung gehört haben, gut. Ich wusste ja auch spätestens mit dem Ein­tritt in die Sekun­darstufe, dass wie-Ver­gle­iche nicht der Hochsprache entsprechen. Und trotz­dem war es erst der “Kon­ven­tions­druck” (sprich die norddeutsche/standardsprachliche Umge­bung), der meinem Wis­sen auch Tat­en fol­gen ließ 🙂

      Sei unbe­sorgt — du wirst nach weil immer genau die Satzstel­lung wählen, die deine kom­mu­nika­tive Sit­u­a­tion erfordert. Ver­trau dein­er mut­ter­sprach­lichen Per­for­manz (oder so). Dir sei auch noch die dritte Ver­wen­dungsmöglichkeit von weil ange­tra­gen — näm­lich die des Diskurs­mak­ers, also das, was man in der ver­schriftlichen gesproch­enen Sprache gerne mit “…” oder “-” markiert: Ich bin gegan­gen, weil — irgend­wie war das total ätzend.

      [edit, 21:24 Uhr. Besseres Beispiel: Ich bin gegan­gen, weil — ich weiß auch nicht.]

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  3. Nightstallion

    Nach­dem ich jet­zt darüber nachgedacht habe: Mein Meta-Sprachge­fühl find­et trotz­dem, dass die Kon­struk­tion mit “weil [Haupt­satz]” insofern falsch ist, als man für ein Resultats-“weil” ja eigentlich “denn” sagen müsste… Na, vielle­icht gewöhn ich’s mir noch irgend­wann an. 😉

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    1. suz Beitragsautor

      @Nightstallion: “denn” für Resul­tate ist allerd­ings fast auss­chließlich auf die Schrift­sprache oder gewählte gesproch­ene Sprache beschränkt. In ein­er kür­zlichen Diskus­sion sagte mir auch jemand völ­lig überzeugt “würde ich nie sagen”. Allein in der näch­sten Stunde habe ich die Per­son zwei Mal bei weil mit Haupt­satzstel­lung “erwis­cht”. Ich werde da ver­mut­lich aber noch mal einen Artikel zu schreiben.

      @Max: wie gesagt, ist ein geografis­ches Phänomen, obwohl es auch hier oben vorkommt. Vielle­icht nicht mit der Sys­tem­atik wie in Süd­deutsch­land, aber immerhin.

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  4. Max

    Ich denke, und nur so habe ich das kleine Lat­inum geschafft, dass zu ein­er Über­set­zung mehr gehört als Vok­a­beln und Gram­matik von A nach B zu schip­pen. Das Als- Wie- Defiz­it bere­it­et mir Gänse­haut und andere Schaud­er- auf jeden Fall ist es unangenehm

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  5. Lukas

    Bin schon ges­pan­nt drauf. Ich berichte dann, ob ich mir inzwis­chen ein kor­rek­tes “denn” angewöh­nt habe, weil denn das kann sich ja kein­er anhören. 😉

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