Der Name der Eiche

Eichenblatt

Eichen­blatt

Neben inter­es­san­ten Anre­gun­gen in vie­len Gesprächen habe ich auf unserem Blog­gertr­e­f­fen den SciLogs-Preis 2011 erhal­ten, mit dem die SciLogs-Blog­ger/in­nen alljährlich einen aus ihrer Mitte ausze­ich­nen und mit dem vor mir schon Hel­mut Wicht, Michael Blume und Lars Fis­ch­er aus­geze­ich­net wur­den. Bei der (rel­a­tiv­en) Mehrheit mein­er Mitblogger/innen, die für mich ges­timmt haben, möchte ich mich hier noch ein­mal bedanken. Den anderen sage ich: Ihr kön­nt ver­suchen, nachts ruhig zu schlafen, aber denkt daran: Ich weiß, wo eure Blogs wohnen.

Nominiert für den Preis hat mich Josef Zens, Press­esprech­er der Leib­niz-Gemein­schaft (und Forschung­s­press­esprech­er des Jahres 2010). In sein­er sehr klu­gen und wohlwol­len­den Lau­da­tio fragte er sich unter anderem, ob seine Mut­ter­sprache Bairisch dem Englis­chen näher sei als dem Hochdeutschen — als mögliche Belege führte er unter anderem die laut­liche Ähn­lichkeit zwis­chen dem bairischen Oach („Eiche“) und dem englis­chen oak an. Die Über­legun­gen zu den Ver­wandtschaftsver­hält­nis­sen waren natür­lich nicht ganz ern­st­ge­meint — anders als die dahin­ter­ste­hende Frage, woher die größere laut­liche Nähe des Bairischen und Englis­chen im Ver­gle­ich zum Hochdeutschen in diesem Fall kommt. Die kon­nte ich nicht unmit­tel­bar beant­worten, zum einen, weil ich die Sprachgeschichte des Deutschen, zumal unter Ein­beziehung dialek­taler Vari­a­tion, nur aus der Ferne kenne, zum anderen, weil die Erk­lärung von Laut­wan­del­prozessen im Fall von Vokalen auch dann ein ziem­lich­er Brock­en ist, wenn man die Geschichte ein­er Sprache aus der Nähe ken­nt. Während Kon­so­nan­ten sich eher langsam und sys­tem­a­tisch verän­dern und in den Orthografien der europäis­chen Sprachen rel­a­tiv nachvol­lziehbar dargestellt wer­den, verän­dern sich Vokale schnell, eher unsys­tem­a­tisch (bzw. abhängig von den laut­lichen Zusam­men­hän­gen, in denen sie auftreten), und orthografisch wer­den sie durch Vari­a­tio­nen und Kom­bi­na­tio­nen von nur fünf Sym­bol­en (‹a›, ‹e›, ‹i›, ‹o›, ‹u›) dargestellt, die mit der tat­säch­lichen laut­lichen Form oft nur wenig zu tun haben. Es ist also nicht ganz ein­fach, die Aussprache von Wörtern in älteren Sprach­stufen zu rekon­stru­ieren, was die Beschrei­bung und Erk­lärung von Verän­derun­gen in diesem Bere­ich natür­lich umso schw­er­er macht.

Ich möchte mich aber für Josefs Nominierung meines Blogs bedanken, indem ich wenig­stens ver­suche, ihm seine Frage hier zu beant­worten.

Wir kön­nen zunächst fest­stellen, dass es sich bei Oach/Oak/Eiche nicht um einen Einzelfall han­delt, son­dern dass es eine Rei­he von Wörtern gibt, die im Bairischen mit [oɑ] und im Englis­chen mit [oʊ] (oder [əʊ]), im Hochdeutschen jedoch mit [ɑɪ] aus­ge­sprochen wer­den:

Bairisch Englisch Hochdeutsch
Stoan stone Stein
hoam home Heim
Goaß goat Geiß
Loab loaf Leib
Boa bone Bein
Loam loam lehm
broad broad bre­it

Die nahe­liegende Erk­lärung wäre, dass diese Wörter früher alle mit einem [oɑ]- oder [oʊ]-artigen Vokal aus­ge­sprochen wur­den und die Aussprache sich im Hochdeutschen dann zu [ɑɪ] weit­er­en­twick­elt hat. Das Englis­che und das Bairische wären in diesem Szenario tat­säch­lich enger miteinan­der ver­wandt als mit dem Hochdeutschen.

Diese Erk­lärung ist aber falsch. Fan­gen wir am Anfang an. Die Wörter für „Eiche“ in den ger­man­is­chen Sprachen gehen alle­samt auf die pro­to-ger­man­is­che Form *aiks zurück: Neben den bere­its erwäh­n­ten englis­chen, bairischen und hochdeutschen Wörtern sind das zum Beispiel das nieder­ländis­che eik, das schwedis­che ek und das Dänis­che eg. Weit­er lässt sich das Wort nicht zurück­ver­fol­gen, es kön­nte mit dem griechis­chen αἰγίλωψ (aig­ilops) und/oder dem lateinis­chen aes­cu­lus zusam­men­hän­gen, bei­des Wörter für bes­timmte Unter­arten der Eiche. Der eigentliche indoeu­ropäis­che Stamm für „Eiche“ ist *der­wo-/*dreu — der die Quelle z.B. für das englis­che tree und das rus­sis­che dre­vo (Baum, Holz) darstellt, seine Bedeu­tung hier also erweit­ert hat. Im Wal­i­sis­chen bedeutet das ver­wandte der­wen immer noch „Eiche“ (auch J.R.R. Tolkiens Kun­st­sprache Sin­darin hat mit doron übri­gens ein von *der­wo-/*dreu abgeleit­etes Wort für die Eiche).

Aber zurück zum pro­to-ger­man­is­chen *aiks. Das klingt ja schon sehr nach dem hochdeutschen Eiche, was nahelegt, dass das Englis­che und das Bairische sich hier stärk­er verän­dert haben als die Dialek­te, aus denen das Hochdeutsche her­vorge­gan­gen ist. Das ist aber ver­wirrend, denn räum­lich waren das Englis­che und das Bairische ja genau durch die Vor­läufer des heuti­gen Hochdeutschen voneinan­der getren­nt, sodass eine gemein­same Entwick­lung schw­er vorstell­bar ist.

Und tat­säch­lich hat es eine gemein­same Entwick­lung nicht gegeben. Sehen wir uns die Sache Schritt für Schritt an.

Die Wörter, die im Pro­to-Ger­man­is­chen (und auch im Gotis­chen noch) ein [ɑɪ] hat­ten, haben im Altenglis­chen ein [ɑː]. Das gilt nicht nur für *aiks, das zu āc [ɑːk] wurde, son­dern auch für stains [stɑɪns], haims [hɑɪms], usw. (hier in der gotis­chen Form zitiert), die zu stān [stɑːn], hām [hɑːm], usw. wur­den.

Im Althochdeutschen wur­den diese Wörter aber zur sel­ben Zeit mit einem [eɪ] aus­ge­sprochen (wie in Hey, nicht wie in Ei, das ja [ɑɪ] aus­ge­sprochen wird): eich [eɪç], stein [steɪn], heim [heɪm], usw.

Im Mit­te­lenglis­chen entwick­elte sich diese Aussprache zu einem [oː] weit­er: ok [oːk], stōn [stoːn], hōm [hoːm], usw. Diese wur­den dann zu dem [oʊ], das sich heute noch im amerikanis­chen Englisch find­et, während es sich im britis­chen Stan­dar­d­englisch zu [əʊ] weit­er­en­twick­elte.

Zur sel­ben Zeit entwick­elte sich im deutschen Sprachraum, auch im Gebi­et des heuti­gen Bay­ern, das [eɪ] zum [ɑɪ] weit­er, wie es sich bis ins heutige Hochdeutsch erhal­ten hat. Auf dem Gebi­et der heuti­gen bairischen Dialek­te spielte sich aber in der Folge ein umfassender Laut­wan­del ab, der zwar teil­weise auch in die Vor­läufer­dialek­te des heuti­gen Hochdeutschen überg­ing, teil­weise aber auch nicht. Unter den Neuerun­gen, die auf das heutige Bayern/Österreich beschränkt blieben, war auch die Weit­er­en­twick­lung von [ɑɪ] zum heuti­gen [oɑ], das zu Oach, Stoan, Hoam, usw. führte.

Wie diese Entwick­lung genau vor sich ging, lässt sich nur schw­er sagen, es ist aber möglich, dass hier ein ähn­lich­er Umweg über ein langes [ɑː] genom­men wurde, wie er auch im Altenglis­chen zu beobacht­en ist, denn im Bairischen, Öster­re­ichis­chen und Fränkischen find­en sich auch For­men wie Ach/Ach’n, Stan, usw.

Es ist also in gewiss­er Weise ein rein­er Zufall, dass das Englis­che und das Bairische sich hier heute an einem ähn­lichen Punkt befind­en, der sich vom Hochdeutschen klar unter­schei­det. Völ­lig zufäl­lig ist es nicht, weil Laut­wan­del­prozesse eben doch bes­timmten all­ge­meinen Geset­zen fol­gen, sodass sich ähn­liche Prozesse an ver­schiede­nen Orten zu ver­schiede­nen Zeit­en beobacht­en lassen. Aber diese Geset­ze sind option­al, sie müssen nicht greifen. Stattdessen kann auch ein­fach gar nichts passieren, oder es kommt ein anderes Gesetz zur Anwen­dung (wie in den skan­di­navis­chen Sprachen, wo aus [eɪ] ein ein­fach­es [e] wurde.

Es lässt sich also nicht vorher­sagen, wie sich eine Sprache verän­dern wird. Nur eins wis­sen wir sich­er: dass sie sich verän­dern wird. Dabei kann sie sich von eng ver­wandten Sprachen ent­fer­nen und später auf ver­schlun­genen Wegen wieder annäh­ern und erneut ent­fer­nen. Sprach­fam­i­lien sind da nicht anders als andere Fam­i­lien.

 

Bar­ber, Charles (2000) The Eng­lish lan­guage: a his­tor­i­cal intro­duc­tion. Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press [Google Books].

Clark Hall, John R. (1916) A con­cise Anglo-Sax­on dic­tio­nary for the use of stu­dents. Zweite Auflage. New York: Macmil­lan [Link]

Harp­er, Dou­glas. (2001–2010) Online Ety­mo­log­i­cal Dic­tio­nary. [Link]

Row­ley, Antho­ny (2011) Bairische Dialek­te, in: His­torisches Lexikon Bay­erns [Link].

OED (2010) Oxford Eng­lish Dic­tio­nary. Dritte Auflage.

 

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

26 Gedanken zu „Der Name der Eiche

  1. Bastian

    Vorher­sagen

    Es lässt sich also nicht vorher­sagen, wie sich eine Sprache verän­dern wird.

    Auch wenn ich kein Experte bin, so würde ich da doch erst­mal wider­sprechen. Was ist mit den Ergeb­nis­sen der Cul­tur­omics-Leute (http://www.wissenslogs.de/…romics-genug-zu-lesen). Ger­ade die Vorher­sage, welche unregelmäßi­gen Ver­ben im Englis­chen als beack­erte Ausster­ben wer­den, fand ich recht beein­druck­end.
    Oder meinst du etwas anderes, mit der Vorher­sage?

  2. Anatol Stefanowitsch

    @Bastian
    Es gibt natür­lich eine Rei­he von Prinzip­i­en, denen Sprach­wan­del­prozesse fol­gen, und die kann man sich zunutze machen, um den Ver­lauf bere­its begonnen­er Prozesse vorherzusagen. Das ist auch bei der von dir ver­link­ten Studie der Fall (das die Häu­figkeit ein­er Form die Wahrschein­lichkeit bee­in­flusst, dass sie einen Sprach­wan­del­prozess mit­machen, ist z.B. all­ge­mein bekan­nt). Der Punkt ist aber, dass sich schw­er bis gar nicht vorher­sagen lässt, welche Prozesse über­haupt ablaufen wer­den. Man kann also mit ein­er gewis­sen Genauigkeit vorher­sagen, welche unregelmäßi­gen Ver­ben am läng­sten unregelmäßig bleiben wer­den, aber man hätte vor Beginn der Reg­u­lar­isierung nicht sich­er vorher­sagen kön­nen, dass, wann und wie eine solche über­haupt stat­tfind­en würde.

  3. Martin Huhn

    Das ist aber ver­wirrend, denn räum­lich waren das Englis­che und das Bairische ja genau durch die Vor­läufer des heuti­gen Hochdeutschen voneinan­der getren­nt, sodass eine gemein­same Entwick­lung schw­er vorstell­bar ist.

    Aber die Sach­sen lebten nahe bei den Bay­ern, bevor sie auswan­derten. Doch das ist wohl zu lange her.
    Ich finde, die Sach­sen haben eine ähn­liche Beto­nung wie die Englän­der. Ich müßte mal einen Sach­sen Englisch sprechen hören. Vielle­icht spricht er ja akzent­frei Englisch? 😉

  4. thf

    skan­di­navis­che Sprache
    Danke für diesen inter­es­san­ten Beitrag.
    Eine Sache möchte ich aber anmerken (auch wenn es nur einen Ran­daspekt Ihres Artikels bet­rifft; aber der Voll­ständigkeit hal­ber..)
    Gewöhn­lich gibt es für die skan­di­navis­chen Sprachen zwei Unterk­las­si­fika­tio­nen:
    Fes­t­land- (Dänisch, Schwedisch, bei­de Nor­wegischs) vs. Insel­skan­di­navisch (Färöisch, Isländisch (Norn(?)), also eine Unter­schei­dung nach geo­graphis­chen Kri­te­rien, die allerd­ings mit lin­guis­tis­chen zusam­men­fall­en.
    Die zweite Klas­si­fika­tion ist die von Ost- (Dänisch, Schwedisch, Norwegisch/Bokmål) und West­nordisch (Isländisch, Färöisch, Norwegisch/Nynorsk), und fußt auf lin­guis­tis­chen Kri­te­rien, zu denen u.a. die zwis­chen “alten” Dipthon­gen und Monoph­thon­gen zählt.
    Dä: Løbe Isl: Hlau­pa, Dt. Laufen
    und eben auch:
    Dä: Ek Isl: Eik Dt. Eiche.
    Daher wäre es angemessen­er gewe­sen, von ost­nordis­chen Sprache zu sprechen.
    Danke den­noch für Ihren Beitrag.

  5. Mona

    Bay­ern spricht Bairisch
    Grat­u­la­tion zum SciLogs-Preis 2011. Ja, wir Bay­ern haben halt einen Sinn für Qual­ität. 🙂
    Danke auch für den Beitrag über die bairische Sprache (Dialekt hören wir nicht so gerne, bei uns heißt es Mundart). Da es immer wieder Missver­ständ­nisse wegen der Schreib­weise gibt, hier eine kurze Erk­lärung: Bis zum 20. Okto­ber 1825 waren wir Baiern, aber neun Tage nach sein­er Thronbestei­gung fiel es Lud­wig I. König von Baiern ein, das i in Baiern durch ein y zu erset­zen, da der König eine Lei­den­schaft für die antike griechis­che Kul­tur hat­te, dies sollte sich im Namen seines Staates wider­spiegeln. Seit­dem sind wir nun Bay­ern, sprechen aber weit­er­hin Bairisch, dieses wird aber auch nur in Alt­bay­ern gesprochen, d.h. in den Bezirken Oberp­falz, Nieder­bay­ern und Ober­bay­ern, der Rest spricht Fränkisch oder Schwäbisch.

  6. Bastian

    Vorhersagen^2
    Dank dir für die Klarstel­lung. So ergibt es (für mich) auch mehr Sinn 🙂

  7. gnaddrig

    Han­növer­sch als Miss­ing Link?

    Das ist aber ver­wirrend, denn räum­lich waren das Englis­che und das Bairische ja genau durch die Vor­läufer des heuti­gen Hochdeutschen voneinan­der getren­nt, sodass eine gemein­same Entwick­lung schw­er vorstell­bar ist.

    Vielle­icht ist die Tren­nung doch nicht so aus­geprägt. Immer­hin wird das hochdeutsche [ɑɪ] in der Gegend um Han­nover und Braun­schweig [ɑː] aus­ge­sprochen (Stein — [stɑːn], Eile — [ɑːlɘ]). Ander­er­seits kann das eine völ­lig eigen­ständi­ge Entwick­lung sein, die nur (zufäl­lig oder auf­grund bes­timmter Geset­zmäßigkeit­en) in eine ähn­liche Rich­tung geht wie die (ver­mut­lich voneinan­der völ­lig unab­hängi­gen) Entwick­lun­gen des Bairischen und des Englis­chen.
    Da ich selb­st nicht han­növer­sch spreche kann ich nicht ein­mal sagen, ob diese Aussprache in allen Fällen auftritt, in denen Bairisch und Englisch par­al­lel laufen.

  8. Michael Blume

    Grat­u­la­tion & Anre­gung!
    Lieber Ana­tol,
    von mir — als vorherge­hen­dem Preisträger 🙂 — einen ganz her­zlichen Glück­wun­sch zu der Ausze­ich­nung, die sich auch in Form ein­er schö­nen “Medaille” auf Deinem Blog­head­er (deutsch: “Blo­gob­er­balken”?) nieder­schla­gen wird.
    Klasse fand ich auch unser kurzes, aber schon recht erfreulich­es Gespräch und wollte die Gele­gen­heit nutzen, eine Anre­gung zu for­mulieren: Viele Evo­lu­tions­forsch­er haben lei­der keine Ahnung, dass die Wurzeln dieses großen Unternehmens (von der Prax­is der rekon­stru­ierten Stamm­bäume bis zur Ver­wen­dung von Worten wie “Evo­lu­tion” und “Gen”) aus der frühen Sprach­wis­senschaft stammt! Es wäre großar­tig, wenn es dazu ein­mal einen Post geben kön­nte — und ich denke, er dürfte auch wiederum auf bre­it­eres Inter­esse stoßen. Ist ja ein inter­diszi­plinär hoch span­nen­des Detail der Wis­senschafts­geschichte!
    Dir alles, alles Gute und weit­er­hin viel Spaß beim Bloggen!

  9. Patrick Schulz

    @Martin Huhn
    Also ich spreche als Sachse kein akzent­freies Englisch (Allerd­ings bin ich auch im Erzge­brige aufgewach­sen…)
    Das Erzge­bir­gis­che, was ja irgend­wie näher am Bairischen dran sein soll als am oster­ländis­chen, hat [ɑɪ] übri­gens zum [ɛː] weit­er­en­twick­elt (Obwohl „Heimat“ [haːmɪt] aus­geschrochen wird… komis­cher­weise…)

  10. Dirk Geßner

    @Martin Huhn
    Die Sach­sen, die nach Bri­tan­nien emi­gri­erten und mit ihrer Sprache das Altenglis­che prägten, lebten bes­timmt nicht in der Nähe irgendwelch­er Bay­ern oder Baiern. Und viele von ihnen hät­ten einen oberdeutschen Dialekt sich­er auch nicht ver­standen.
    Die, die man heute als Sach­sen beze­ich­net, haben mit ihrer thüringisch-ober­säch­sis­chen Mundart sicher­lich keinen rel­e­van­ten Ein­fluss auf das Englis­che gehabt, auch wenn das Haus Wind­sor früher mal Sach­sen-Coburg-und-Gotha hieß.

  11. Gregor

    Korinthenkack­erei
    Baum/Holz heißt in Rus­sis­chen nicht „dre­vo“ son­dern „dere­vo“ (дерево). Im Rus­sis­chen herrscht das Gesetz der „Polno­glasie“ („Vol­l­laut”). In süd- und west­slaw­is­chen Sprachen ent­fall­en Vokale vor bes­timmten Kon­so­nan­ten, Stadt heißt z. B. „grad“ (hrad, grod) wie in „Bel­grad“, oder auch im Rus­sis­chen altertümel­nd „Leningrad“) während es Rus­sisch „gorod“ („Now­gorod“) heißt. Das gilt für die Laut­fol­gen oro, olo, ere, und elo. (moloko/mleko = Milch)

  12. gnaddrig

    @ Gre­gor: Noch eine Korinthe
    Im Rus­sis­chen kön­nen aber bei­de For­men des­sel­ben Stammes par­al­lel vorkom­men, wobei die vol­lau­t­ende Form meist auf die konkrete Bedeu­tung zurück­greift und die andere auf über­tra­gene Bedeu­tun­gen. Das einzige Beispiel, das mir aus dem Stand ein­fällt, ist молоко – Milch; молочный завод – Molk­erei vs. млечный путь – Milch­straße.

  13. pseudonym

    Ähn­lichkeit­en
    Beim Deutschen (sowohl Dialek­ten als auch der Hochsprache) und dem Englis­chen gibt es ohne­hin erstaunliche par­al­lele Entwick­lun­gen. Das Englisch hat früh /ö/ und /y/ entrun­det; eben­so die meis­ten deutschen Dialek­te. Im Englis­chen gibt es eine Diph­thongierung des lan­gen /i:/ und /u:/ zu /ai/ und /au/, eben­so wie im Stan­dard­deutsch und vie­len Mundarten (iis zu Eis/ice, muus zu Maus/mouse). Im Englis­chen begin­nt der Schwund des nicht-prä­vokalis­chen /r/ im 17.(?) Jahrhun­dert, im Deutschen vol­lzieht sich ein ähn­lich­er Schwund, wohl von Nor­den kom­mend. Und im hohen Nor­den bin ich immer wieder fasziniert, wie sehr in der Sprache älter­er Leute das /a/ in dat dem Laut im englis­chen that ähnelt und wie nahe bei densel­ben Sprech­ern die Lang­vokale /e:/ und /o:/ den englis­chen Diph­thon­gen /ei/ und /ou/ kom­men.

  14. Gregor

    @gnaddrig Stimmt, inter­es­san­ter Punkt. Beim Gebrauch von “-grad” ist es wohl der Umstand, daß sich das in zusam­menge­set­zten Städte­na­men leichter aussprechen läßt. “Selenograd” ist kürz­er als “Selenogorod”, wobei es (mein­er Beobach­tung nach) oft kün­stlich geschaf­fene Städte­na­men sind. Mir fällt noch “короткий”/“крaткий” (kurz), wobei “короткий” mehr im direk­ten Sinn gebraucht wird (ein kurz­er Weg) und крaткий im über­tra­ge­nen (kurze Ein­führung).

  15. Gareth

    Apro­pos Korinthenkack­en…

    Im Englis­chen gibt es eine Diph­thongierung des lan­gen /i:/ und /u:/ zu /ai/ und /au/, eben­so wie im Stan­dard­deutsch und vie­len Mundarten (iis zu Eis/ice, muus zu Maus/mouse). Im Englis­chen begin­nt der Schwund des nicht-prä­vokalis­chen /r/ im 17.(?) Jahrhun­dert, im Deutschen vol­lzieht sich ein ähn­lich­er Schwund, wohl von Nor­den kom­mend.

    Es han­delt sich zwar in bei­den Fällen um eine Diph­thongierung, aber die Diph­thonge sind keineswegs iden­tisch. Man erken­nt einen deutschen Akzent im Englis­chen sofort an Wörtern wie “mouse”. Im Englis­chen (z.B. RP) hat man in der Tat /aɪ/ und /aʊ/, im Deutschen aber keineswegs (auch wenn das lei­der an vie­len Stellen immer und immer wieder wieder­holt wird), son­dern /ae/ und /ao/. Hört man gut, wenn man die Diph­thonge in die Länge zieht, also z.B. ein­fach die erste Silbe von heis­er und sauber

  16. pseudonym

    @Gareth
    Phonetisch voll­ständig iden­tis­che Lau­tun­gen in unter­schiedlichen Sprachen kann man wohl auch kaum erwarten. Das gilt auch für stone / Stoa etc.

  17. gnaddrig

    @ Gareth:
    Die Diph­tonge sind im Deutschen aber auch nicht ein­heitlich. In Nord­deutsch­land hört man tat­säch­lich [ae] und [ao] (z.B. [ˈao­to] und [ˈaeçə]. Im Schwäbis­chen und Ale­man­nis­chen sind die Diph­tonge dage­gen deut­lich i- bzw. u-lastiger. Da wird eher das a verkürzt, und das i ist ein echt­es i und deut­lich länger als in nord­deutschen Diph­ton­gen. Für das u gilt entsprechen­des.
    Das hört sich natür­lich auch anders an als die englis­chen Diph­tonge…

  18. Gareth

    Die Diph­tonge sind im Deutschen aber auch nicht ein­heitlich.

    Logis­cher­weise. Wenn man über das Lautin­ven­tar spricht, geht man aber ja nor­maler­weise von Stan­dard­lau­tung aus. Und da haben wir im Deutschen /ae/ und /ao/. Im Englis­chen hat auch nicht jed­er Dialekt /aʊ/ in mouse, der angenommene Stan­dard schon.

  19. gnaddrig

    @ Gareth
    Stimmt. Und wie hört sich die (the­o­retis­che) Stan­dar­d­aussprache des Deutschen an? Die würde ich rel­a­tiv nahe an der Schreib­weise ver­muten, also mit i und u statt e und o, aber das ist jet­zt nur Speku­la­tion mein­er­seits.

  20. Gareth

    Stimmt. Und wie hört sich die (the­o­retis­che) Stan­dar­d­aussprache des Deutschen an? Die würde ich rel­a­tiv nahe an der Schreib­weise ver­muten, also mit i und u statt e und o, aber das ist jet­zt nur Speku­la­tion mein­er­seits.

    Wenn die Schreib­weise ver­lässlich Auskun­ft gäbe, müssten Sie /eɪ/ sagen. Dass da i und u ste­hen, will nichts heißen. Bei eu ste­ht schließlich auch nicht für /eʊ/.
    Die Stan­dard­lau­tung von z.B. heis­er und sauber ist [ha͡ezɐ] und [za͡obɐ].

  21. Ludwig Trepl

    @ Dirk Geßn­er @ Mar­tin Huhn
    “Die Sach­sen, die nach Bri­tan­nien emi­gri­erten und mit ihrer Sprache das Altenglis­che prägten, lebten bes­timmt nicht in der Nähe irgendwelch­er Bay­ern oder Baiern,” schreibt Dirk Geßn­er.
    Doch, auch die späteren Bay­ern kom­men aus der Gegend (Unterelbe und Umge­bung), aus der die nach Bri­tan­nien auswan­dern­den Sach­sen kamen, sie zogen halt in eine andere Rich­tung. Jeden­falls behaupten das, soweit ich weiß, die zuständi­gen Forsch­er. Die Frage ist nur, ob das irgen­det­was an sprach­lichen Ähn­lichkeit­en erk­lärt. Immer­hin ist das einige Jahre her.

  22. Ludwig Trepl

    @Patrick Schulz
    “Das Erzge­bir­gis­che, was ja irgend­wie näher am Bairischen dran sein soll als am oster­ländis­chen, …”
    Im Erzge­birge gibt es keinen ein­heitlichen Dialekt. Im Osten spricht man Säch­sisch, im West­en, zum Vogt­land hin, Fränkisch und in Teilen auch ein dem Oberpfälzis­chen ver­wandtes Bay­erisch (oder “Bairisch”) oder irgen­dein Gemisch. Zumin­d­est behaupten das die Dialek­tkarten. His­torisch sollen die Sach­sen, die in dieser Gegend leben, wie die Sach­sen in Eng­land, von Elbger­ma­nen abstam­men, die Franken von Weserg­er­ma­nen, so wie z. B. die Hol­lämder und die Lux­em­burg­er auch. Aber die Umwege, Mis­chun­gen, Bee­in­flus­sun­gen durch Nach­barn usw. waren der­art groß, daß das mit ziem­lich­er Sicher­heit für die Frage von heuti­gen Sprachähn­lichkeit­en ziem­lich belan­g­los ist.

  23. Monika Hendlmeier

    Aussprache von “Heiliger Geist”
    Ich hätte gehofft, dass in dem Artikel auch der “heilige Geist” erk­lärt wird. Denn der müsste sich im Bairischen eigentlich “hoali­ga Goast” aussprechen. Wie ja auch im Englis­chen “holy ghost”.
    Die all­ge­meine Erk­lärung dafür lautet, dass in den Kirchen nicht bairisch, son­dern deutsch gesprochen wurde. Und da hieß es dann: “Und der heilige Geist ist Fleisch gewor­den…” Fleisch wird im Bairischen auch “falsch” aus­ge­sprochen.
    Stimmt diese Erk­lärung? Ich halte sie für logisch, aber ich habe es auch mal für logisch gehal­ten, dass die Eski­mos mehr Wörter für Schnee haben als die Deutschen.

  24. pseudonym

    @ Moni­ka Hendlmeier
    Das gilt übri­gens auch für alle mir ver­traut­en hes­sis­chen und pfälzis­chen Dialek­te. Heiliger Geist bleibt Heiliger Geist, egal ob der Dialekt hier ety­mol­o­gisch betra­chtet eher ein aa, oa, ee oder ää ver­lan­gen würde.
    Und mit dem Kaiser ver­hält es sich eben­so.

  25. David Marjanovic

    Im Rus­sis­chen kön­nen aber bei­de For­men des­sel­ben Stammes par­al­lel vorkom­men, wobei die vol­lau­t­ende Form meist auf die konkrete Bedeu­tung zurück­greift und die andere auf über­tra­gene Bedeu­tun­gen.

    In jedem Fall ist dabei die Form ohne ost­slaw­is­chen “Vol­l­laut”, z. B. -grad für Städte­grün­dun­gen in sow­jetis­ch­er Zeit, aus dem Altkirchenslaw­is­chen entlehnt, und das war bere­its eine süd­slaw­is­che Sprache. Diese For­men wer­den oft in Fachaus­drück­en benutzt.

    Wenn man über das Lautin­ven­tar spricht, geht man aber ja nor­maler­weise von Stan­dard­lau­tung aus. Und da haben wir im Deutschen /ae/ und /ao/.

    Bull­shit. Diese bizarren Diph­thonge hat der Siebs für seine Büh­ne­naussprache erfun­den, weil er geglaubt hat, das hört man bess­er als [aɪ] und [äʊ]. (…Die bei­den Punk­te sollen andeuten, dass es sich um den zen­tralen offe­nen Vokal han­delt, nicht um den vorderen, im Unter­schied zum Stan­dard-englis­chen, steirischen etc. [aʊ] und zum im-Moment-noch-nicht-ganz-Stan­dard-Britisch-englis­chen [æʊ].)
    Übri­gens ist ei/ai in der öster­re­ichis­chen Schrift­sprache [ɛ̞ɪ]. Das ist der Laut, den manche, aber bei weit­em nicht alle in Öster­re­ich gesproch­enen Dialek­te für diejeni­gen Fälle von ei/ai ver­wen­den, die vom mit­tel­hochdeutschen /iː/ kom­men.

    His­torisch sollen die Sach­sen, die in dieser Gegend leben, wie die Sach­sen in Eng­land, von Elbger­ma­nen abstam­men

    Nein, die Sach­sen in Nieder­sach­sen und Eng­land sollen wie die Friesen und offen­bar die Angeln und Jüten Nord­seegerma­nen sein und “immer schon” annö Waterkant gesessen sein, zumin­d­est, seit die Kel­ten aus Däne­mark weg sind.

    Stimmt diese Erk­lärung?

    Muss sie. In meinem Stadt­di­alekt sind haufen­weise sel­tenere Wörter aus­gestor­ben und durch Importe aus der Schrift­sprache erset­zt wor­den: nicht nur heilig, Geist und Fleisch, son­dern auch Eiche und sog­ar Reifen.

    Und mit dem Kaiser ver­hält es sich eben­so.

    Trotz­dem soll der in Öster­re­ich auf­fal­l­end häu­fige Fam­i­li­en­name Kaiser eine Fehlin­ter­pre­ta­tion von “Kas­er” sein, von dem, der Kas (Käse bzw. Topfen/Quark) macht.

    Beim Deutschen (sowohl Dialek­ten als auch der Hochsprache) und dem Englis­chen gibt es ohne­hin erstaunliche par­al­lele Entwick­lun­gen.

    Schon, aber zu ver­schiede­nen Zeit­en:

    Das Englisch hat früh /ö/ und /y/ entrun­det;

    Ersteres so bald, dass es schriftlich gar nicht belegt ist; let­zteres zwis­chen Alt- und Mit­te­lenglisch.

    eben­so die meis­ten deutschen Dialek­te.

    Ver­mut­lich erst nach dem Mit­tel­hochdeutschen.

    Im Englis­chen gibt es eine Diph­thongierung des lan­gen /i:/ und /u:/ zu /ai/ und /au/, eben­so wie im Stan­dard­deutsch und vie­len Mundarten (iis zu Eis/ice, muus zu Maus/mouse).

    Das ist weltweit häu­fig und ist im Deutschen früher als im Englis­chen passiert – in Kärn­ten war diese “neuhochdeutsche Diph­thongierung” schon im 12. Jhdt. fer­tig durchge­führt, also zu Beginn des Mit­tel­hochdeutschen, während sie im Englis­chen unter Great Vow­el Shift fällt (allerd­ings anscheinend als zweite Stufe). Im Englis­chen und Nieder­ländis­chen wur­den vorher alle kurzen Vokale in offe­nen Sil­ben ver­längert und liegen daher jet­zt als Diph­thonge vor (engl. bible, tiger), im Deutschen erst nach­her (Bibel, Tiger; liegen und Vieh mit une­t­y­mol­o­gis­chem e).

    Im Englis­chen begin­nt der Schwund des nicht-prä­vokalis­chen /r/ im 17.(?) Jahrhun­dert, im Deutschen vol­lzieht sich ein ähn­lich­er Schwund, wohl von Nor­den kom­mend.

    Wenn er von Nor­den gekom­men ist, wieso sind dann die teil­weise rho­tis­chen Dialek­te ziem­lich weit im Nord­west­en?
    Im Englis­chen hat es übri­gens lange gedauert. Noch im mit­tleren 19. Jhdt. hat sich die Ober­schicht darüber lustig gemacht. Inzwis­chen sind die meis­ten britis­chen Dialek­te weit­er als das Deutsche (hin­ter mehreren Vokalen – im Deutschen höch­stens hin­ter /a/ und /aː/ – ist das /r/ kom­plett weg, die ehe­ma­li­gen Diph­thonge sind mit den ähn­lich­sten Monoph­thon­gen ver­schmolzen, sodass stork und stalk Homo­phone sind; Ver­suche, eine amerikanis­che Aussprache zu imi­tieren, führen zu zufallsverteil­tem /r/), und South Care-uh-lahn-uh lässt /r/ wie das Dänis­che sog­ar vor unbe­ton­ten Vokalen weg.

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