Das egoistische Phonem

In der aktuellen Aus­gabe von Sci­ence stellt der neuseeländis­che Psy­chologe Quentin Atkin­son eine Studie vor, in der er auf eine höchst inter­es­sante und orig­inelle Weise der Frage nach dem Ursprung­sort men­schlich­er Sprachen nachge­ht.

Er stützt seine Studie auf den soge­nan­nten Grün­der­ef­fekt. Mit diesem Begriff beze­ich­net man in der Pop­u­la­tion­s­genetik die Tat­sache, dass eine kleine Pop­u­la­tion, die sich von ein­er größeren abspal­tet, eine gerin­gere genetis­che Vielfalt aufweist. Diese gerin­gere genetis­che Vielfalt ist der Tat­sache geschuldet, dass die Indi­viduen der kleinen Gruppe (der Grün­der­pop­u­la­tion) jew­eils nur einen kleinen Teil der in der Gesamt­pop­u­la­tion vorhan­de­nen Allele in sich tra­gen.

 Der Gründereffekt (siehe auch Wikipedia (Engl.), s.v. Founder Effect)

Der Grün­der­ef­fekt (siehe auch Wikipedia (Engl.), s.v. Founder Effect)

Atkin­son ver­sucht nun, die Logik des Grün­der­ef­fek­ts auf das Lautin­ven­tar von Sprachen anzuwen­den, genauer gesagt, auf das Phone­m­inven­tar. Phoneme sind diejeni­gen Sprach­laute, die in ein­er bes­timmten Sprache dazu ver­wen­det wer­den kön­nen, Bedeu­tung­sun­ter­schei­dun­gen zu tre­f­fen. Im Englis­chen beispiel­sweise kann der Unter­schied zwis­chen dem „gelispel­ten“ S [θ] und dem „nor­malen“ S [s] ver­wen­det wer­den, um unter­schiedliche Bedeu­tun­gen zu sig­nal­isieren – thin ist etwas anderes als sin, thong ist etwas anderes als song usw. Im Deutschen dage­gen kann der Kon­trast zwis­chen [θ] und [s] keine Bedeu­tung­sun­ter­schei­dun­gen anzeigen – das [θ] wird hier nur als falsch aus­ge­sproch­enes [s] wahrgenom­men.

Die Sprachen der Welt unter­schei­den sich recht deut­lich in den Kon­trasten, die sie zur Bedeu­tung­sun­ter­schei­dung nutzen, und damit auch in der Größe ihres Phone­m­inven­tars. Diese reicht von nur 11 Phone­men (z.B. im Pirahã, der let­zten über­leben­den Sprache der Mura-Fam­i­lie im Ama­zonas) bis zu 141 Phone­men im Kung-Eko­ka, ein­er Sprache der Khoisan-Fam­i­lie aus Namib­ia (das Deutsche liegt mit rund 44 Phone­men übri­gens irgend­wo in der Mitte, aber deut­lich ober­halb des Durch­schnitts, der bei etwa 30 Phone­men anzuset­zen ist).

Atkin­sons Hypothese ist nun, dass das Phone­m­inven­tar von Sprachen auch einen Grün­der­ef­fekt zeigen kön­nte, sodass es poten­ziell umso klein­er wäre, je weit­er eine Sprachge­mein­schaft von dem Ort ent­fer­nt ist, an dem die men­schliche Sprache ent­standen ist. Wenn man zeigen kön­nte, dass dieser Ort sich, wie der Ursprung­sort der Men­schheit, in Afri­ka befände, wäre dies natür­lich beson­ders inter­es­sant, da es ein klar­er Hin­weis darauf wäre, dass Sprache ent­standen ist, bevor sich unsere Spezies über die ganze Welt ver­bre­it­et hat.

Atkin­son nimmt sich deshalb die Dat­en zur Größe des Phone­m­inven­tars aus dem World Atlas of Lan­guage Struc­tures (WALS) vor, um diese Hypothese zu über­prüfen. Sehen wir uns die Dat­en zunächst in der im WALS ver­füg­baren Visu­al­isierung an. Für die Kon­so­nan­ten (Kon­so­nan­ten- und Vokalin­ventare sind getren­nt erfasst) sieht es mit bloßem Auge zunächst nicht gut für Atkin­sons Hypothese aus:

Konsonanten in den Sprachen der Welt (Dunkelblau bedeutet „6–14 Konsonanten“, Hellblau „15–18“, Weiß „19–25“, Pink „26–33“ und Rot „34 oder mehr“) Quelle: WALS

Kon­so­nan­ten in den Sprachen der Welt (Dunkel­blau bedeutet „6–14 Kon­so­nan­ten“, Hell­blau „15–18“, Weiß „19–25“, Pink „26–33“ und Rot „34 oder mehr“) Quelle: WALS

Die Vokale geben dage­gen deut­lich mehr Anlass zur Hoff­nung (der WALS führt nicht die tat­säch­liche Größe der Inventare auf, son­dern die Anzahl der Unter­schiede in der Vokalqual­ität, die in der betr­e­f­fend­en Sprache für die Bil­dung von vokalis­chen Phone­men ver­wen­det wer­den):

 Vokale in den Sprachen der Welt (Dunkelblau bedeutet „2–4 Unterscheidungen“, Weiß „5–6“ und Rot „7–14“) Quelle: WALS

Vokale in den Sprachen der Welt (Dunkel­blau bedeutet „2–4 Unter­schei­dun­gen“, Weiß „5–6“ und Rot „7–14“) Quelle: WALS

Hier hat die Hypothese eines phone­mis­chen Grün­der­ef­fek­ts schon bei ober­fläch­lich­er Betra­ch­tung eine gewisse Plau­si­bil­ität. Aber natür­lich ver­lässt sich Atkin­son nicht auf eine ober­fläch­liche Betra­ch­tung, son­dern er berech­net die Kor­re­la­tion zwis­chen der Größe des gesamten Phone­m­inven­tars und der Ent­fer­nung der Sprache zu Afri­ka. In die Berech­nung der Größe fließen sowohl die Kon­so­nan­ten als auch die Kon­traste in der Vokalqual­ität ein, hinzu kom­men noch die Töne von Ton­sprachen wie dem Chi­ne­sis­chen. Diese Kom­bi­na­tion unter­schiedlich­er Aspek­te sprach­lich­er Laut­sys­teme, die im WALS außer­dem noch auf unter­schiedliche Weise gemessen wer­den, ist in sich natür­lich nicht unprob­lema­tisch (Mark Liber­man hat das im Lan­guage Log vor eini­gen Tagen aus­führlich disku­tiert). Wahrschein­lich wäre es bess­er, die Berech­nung sep­a­rat für jeden dieser Aspeke durchzuführen, aber für eine erste Studie ist Atkin­sons Ansatz wohl akzept­abel.
Obwohl es natür­lich weltweit eine große Vari­a­tion in der Größe der Phone­m­inventare gibt, beste­ht tat­säch­lich eine sta­tis­tisch sig­nifikante inverse Kor­re­la­tion, d.h. das Phone­m­inven­tar wird ten­den­ziell klein­er, je größer die Ent­fer­nung zu Afri­ka ist:

 Phonemvielfalt und Entfernung zu Afrika (Quelle: Atkinson 2011, S. 348)

Phonemvielfalt und Ent­fer­nung zu Afri­ka (Quelle: Atkin­son 2011, S. 348)

Aus früheren Forschungsar­beit­en ist bere­its bekan­nt, dass die Größe des Phone­m­inven­tars ein­er Sprache auch mit anderen exter­nen Fak­toren kor­re­liert, zum Beispiel der Anzahl ihrer Sprech­er (Sprachen mit mehr Sprech­ern haben ten­den­ziell größere Phone­m­inventare, siehe Hay und Bauer 2007; dieser Effekt ist übri­gens für Vokale größer als für Kon­so­nan­ten, ein zusät­zlich­er Hin­weis darauf, dass es sin­nvoll sein kön­nte, diese bei­den Aspek­te getren­nt zu unter­suchen). Atkin­son bezieht diese Fak­toren in sein Mod­ell ein, und errech­net für die Ent­fer­nung zu Afri­ka einen Kor­re­la­tion­sko­ef­fizien­ten von –0,438, was bedeutet, dass die Diver­sität der Phone­m­inventare men­schlich­er Sprachen zu 19,18 Prozent durch diese Ent­fer­nung erk­lärt wird. Im Ver­gle­ich zum genetis­chen Grün­der­ef­fekt ist der phone­mis­che Grün­der­ef­fekt allerd­ings eher schwach (Ent­fer­nung zu Afri­ka erk­lärt zwis­chen 80 und 85 Prozent der genetis­chen Diver­sität).

Das Ergeb­nis lässt sich auch wie fol­gt visu­al­isieren (wobei die Inten­sität der Schat­tierung die Stärke der inversen Beziehung zwis­chen Ent­fer­nung und Phonemvielfalt darstellt):

Phonologische Diversität und Entfernung zu Afrika

Wahrschein­lich­er Entste­hung­sort der men­schlichen Sprache (Quelle: Atkin­son 2011, S. 347)

Nach Atkin­sons Mod­ell ist Sprache also tat­säch­lich genau dort ent­standen, wo auch der Homo Sapi­ens Sapi­ens ent­standen ist, und von wo aus er seinen Siegeszug um die Welt ange­treten hat. Atkin­son spekuliert deshalb vor­sichtig, dass die Sprach­fähigkeit eine entschei­dende Rolle bei diesem Siegeszug gespielt haben kön­nte.

Atkin­sons Studie ist faszinierend, sowohl aus method­is­ch­er Sicht, als vor allem auch wegen des großen Erken­nt­nis­gewinns, den sie möglicher­weise bringt: Sie würde nicht nur zeigen, dass der Ursprung aller men­schlichen Sprachen in Afri­ka liegt, sie würde auch zeigen, dass tat­säch­lich alle Sprachen auf einen gemein­samen Ursprung zurück­ge­hen und sie würde uns einen Zeitrah­men für diesen Ursprung liefern – dieser müsste ja vor dem Auszug aus Afri­ka vor etwa 50 000 bis 80 000 Jahren liegen.

Allerd­ings darf die Begeis­terung über die Ele­ganz der Studie und deren poten­ziellen Erken­nt­nis­gewinn nicht darüber hin­wegtäuschen, dass Atkin­sons Mod­ell in sein­er derzeit­i­gen Form noch gravierende Prob­leme aufweist, die gelöst wer­den müssten, damit seine Ergeb­nisse als aus­re­ichend gesichert gel­ten kön­nen, um darauf aufzubauen.

Dazu gehören die oben erwäh­n­ten Schwierigkeit­en bei der Berech­nung von Phone­m­inven­tar­größen, sowie die Frage, wie plau­si­bel es ist, dass die Phone­m­inventare sich so langsam verän­dern, dass ein Grün­der­ef­fekt mehrere zehn­tausende von Jahren über­dauern kön­nte. Wenn man dem visuellen Ein­druck der Karten aus dem WALS trauen darf, haben die Vokale einen größeren Ein­fluss auf den Effekt als die Kon­so­nan­ten — aber ger­ade Vokalsys­teme verän­dern sich sehr schnell, sodass man hier radikale Verän­derun­gen inner­halb weniger hun­dert Jahre beobacht­en kann. Die Töne, die ich hier nicht sehr ver­tieft disku­tiert habe, scheinen mir auch prob­lema­tisch, da diese sich aus langfristi­gen Verän­derun­gen im Phonem­sys­tem ergeben (z.B. durch das Weg­fall­en bes­timmter Kon­so­nan­ten), und da sie in den Sprach­fam­i­lien, in denen sie vorkom­men, mit großer Sicher­heit unab­hängig ent­standen sind (im Zusam­men­hang mit Ton­sprachen erlaube ich mir, auf diesen schon etwas älteren Beitrag aus dem Bre­mer Sprachlog zu ver­weisen, der (neben dem eigentlichen The­ma) die Entste­hung von Ton­sprachen kurz disku­tiert.

Aber das schw­er­wiegend­ste Prob­lem ist mein­er Ansicht nach, dass es keinen plau­si­blen kausalen Mech­a­nis­mus für einen phone­mis­chen Grün­der­ef­fekt gibt. Im Falle des genetis­chen Grün­der­ef­fek­ts ist dieser Mech­a­nis­mus klar: die genetis­che Diver­sität ein­er Pop­u­la­tion ist über indi­vidu­elle Organ­is­men verteilt, jed­er Organ­is­mus trägt eine Kom­bi­na­tion bes­timmter genetis­ch­er Merk­male, die ihn von jedem anderen Organ­is­mus der Pop­u­la­tion unter­schei­den, und viele Merk­male find­en sich eben nur bei einem Teil der Organ­is­men. Wenn nun eine kleine Gruppe von Organ­is­men sich von der ursprünglichen Pop­u­la­tion abspal­tet, nimmt diese Gruppe zwangsläu­fig nur den Teil der gesamten Gen­vielfalt mit, den ihre Mit­glieder zufäl­lig in sich tra­gen.

Bei Phone­men ist dies aber grund­sät­zlich anders: Das Phone­m­inven­tar ein­er Sprache ist nicht über ver­schiedene Sprecher/innen verteilt, son­dern jede/r Sprecher/in hat genau das gle­iche Phone­m­inven­tar. Wenn sich also eine kleine Gruppe von Mit­gliedern ein­er Sprachge­mein­schaft von den anderen abspal­tet, nimmt diese Gruppe das kom­plette Phone­m­inven­tar mit. Für einen Grün­der­ef­fekt ist das eine schlechte Voraus­set­zung.

Atkin­son sieht über dieses Prob­lem rel­a­tiv großzügig hin­weg. Das Einzige, was er zu diesem The­ma sagt, ist Fol­gen­des:

Wenn Phone­mu­nter­schei­dun­gen in kleinen Grün­der­pop­u­la­tio­nen mit ein­er höheren Wahrschein­lichkeit ver­loren gehen [als in großen Pop­u­la­tio­nen], dann sollte eine Abfolge von Grün­dungsereignis­sen während Gebi­et­ser­weiterun­gen die Phonemvielfalt immer weit­er reduzieren, je größer die Ent­fer­nung zum Ursprung­sort ist [Atkin­son 2011, S. 346, eig. Über­set­zung]

Das ist aber ein großes und bis­lang durch nichts gestütztes „Wenn“. Hay und Bauer, die die Ersten waren, die einen Zusam­men­hang zwis­chen Phonemvielfalt und Größe der Sprachge­mein­schaft empirisch bele­gen kon­nten, bieten keine abschließende Erk­lärung für ihre Beobach­tung an. Die plau­si­bel­ste Erk­lärung, die sie anbi­eten, stammt von dem Dialek­tolo­gen Peter Trudg­ill, der schon früher einen solchen Zusam­men­hang ver­mutet hat und diesen wie fol­gt erk­lärt:

Die anfängliche geringe Größe ein­er Sprachge­mein­schaft … hätte zu engeren sozialen Net­zen geführt, die große Men­gen gemein­samer Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen miteinan­der geteilt hät­ten – eine Sit­u­a­tion, in der Kom­mu­nika­tion auch bei rel­a­tiv geringer pho­nol­o­gis­ch­er Redun­danz rel­a­tiv gut funk­tion­iert hätte [Trudg­ill 2002, S. 720]

Trudg­ills Idee ist also, dass sich die Sprecher/innen in ein­er kleinen Sprachge­mein­schaft gut ken­nen und dass sie sich gedanklich und kom­mu­nika­tiv mit densel­ben Din­gen beschäfti­gen, über die sie alle sehr viel wis­sen. Die Gefahr von Missver­ständ­nis­sen ist deshalb geringer als in großen Sprachge­mein­schaften, und man kommt deshalb mit weniger laut­lichen Unter­schei­dun­gen aus.

Diese Idee ist sich­er nicht völ­lig unplau­si­bel, aber das macht sie natür­lich noch lange nicht wahr. Wenn eine umgekehrte Kor­re­la­tion gefun­den würde, also große Sprachge­mein­schaften kleinere Phone­m­inventare hät­ten, kön­nten wir eben­so plau­si­ble Erk­lärun­gen dafür find­en – etwa, dass in großen Sprachge­mein­schaften poten­ziell mehr Men­schen miteinan­der sprechen, die sich nicht gut ken­nen und deshalb indi­vidu­elle Sprechge­wohn­heit­en des Anderen nicht so gut ken­nen, wie das in kleinen Sprachge­mein­schaften der Fall ist. Sie brauchen deshalb Phone­m­inventare, in denen möglichst wenige Unter­schei­dun­gen auch bedeu­tung­sun­ter­schei­dend wirken, um Raum für diese indi­vidu­elle Vari­a­tion zu lassen.

Mit anderen Worten: Wir kön­nen uns zu jedem beobachteten Zusam­men­hang eine plau­si­ble Erk­lärung aus­denken. Um auf der Grund­lage von Atkin­sons Studie tat­säch­lich Schlussfol­gerun­gen über die Ursprünge men­schlich­er Sprache zu ziehen, müsste erst gezeigt wer­den, dass kleine Sprachge­mein­schaften tat­säch­lich laut­liche Unter­schei­dun­gen aufgeben, und dass sie das tun, weil sie sich auch ohne diese Unter­schei­dun­gen gut ver­ständi­gen kön­nen, oder es müsste ein ander­er kausaler Mech­a­nis­mus für einen phone­mis­chen Grün­der­ef­fekt gefun­den wer­den. Bis es soweit ist, sind Atkin­sons Ergeb­nisse nur eine ver­lock­ende Kor­re­la­tion.

 

[Nach­trag. Meine Ein­wände gegen Atkin­sons Studie wer­den auch in zwei Zeitungsar­tikeln aufgenom­men: Wir sprechen alle ein biss­chen Afri­ka von Ange­li­ka Franz auf Spiegel Online (17.5.2011) und Die Herkun­ft der Sprache von Frank Ufen in der Frank­furter Rund­schau und der Berlin­er Zeitung (21.6.2011).]

 

ATKINSON, Quentin D. (2011) Phone­mic diver­si­ty sup­ports a ser­i­al founder effect mod­el of lan­guage expan­sion from Africa. Sci­ence 332, 346–349. [Abstract und kostenpflichtiger Vol­lzu­griff (Sci­ence)]

HAY, Jen­nifer und Lau­rie BAUER (2007) Phoneme inven­to­ry size and pop­u­la­tion size. Lan­guage 83(2), 388–400 [Abstract und kostenpflichtiger Vol­lzu­griff (JSTOR)]

HASPELMATH, Mar­tin, Matthew DRYER, David GIL und Bernard COMRIE (Hg, 2008) The World Atlas of Lan­guage Struc­tures Online. München: Max Planck Dig­i­tal Library. [Link]

TRUDGILL, Peter (2002) Lin­guis­tic and social typol­o­gy. In: J. K. Cham­bers, Peter Trudg­ill & Natal­ie Schilling-Estes (Hg), The Hand­book of Lan­guage Vari­a­tion and Change. Oxford: Black­well, 707–728. [Google Books (Vorschau)]

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

15 Gedanken zu „Das egoistische Phonem

  1. Detlef Guertler

    Sehr ver­lock­ende Kor­re­la­tio­nen,
    in der Tat. Mich ver­lockt die Vokalphonem-Karte gle­ich zu zwei küh­nen Schlüssen:
    1. Das noch immer ver­schol­lene Atlantis liegt irgend­wo in der Nähe der Kapver­den.
    2. Die eigentlichen Ent­deck­er Amerikas waren afrikanis­che Seeleute, die vor mehreren zehn­tausenden Jahren das Ama­zonas-Delta besiedel­ten.
    Bei­des würde her­vor­ra­gend die frap­pierende Ähn­lichkeit der Vokalqual­ität im tro­pis­chen Afri­ka und den Tieflän­dern Südamerikas erk­lären.
    Oder bin ich da jet­zt doch zu vorschnell?

  2. Anatol Stefanowitsch

    @Detlef Guertler: Über eine Ähn­lichkeit der Vokalqual­ität macht die Karte keine Aus­sage, son­dern nur über die Ähn­lichkeit in der Anzahl der Kon­traste, die ver­wen­det wer­den.
    @Jan Wo: Die Diskus­sion auf der Lin­guist List dreht sich lei­der fast auss­chließlich um die Kor­re­la­tion zwis­chen der Größe des Phone­m­inven­tars und der Größe der Sprachge­mein­schaft, die ja schon vor Atkin­sons Studie bekan­nt war. Zum Grün­der­ef­fekt, um den es eigentlich geht, sagt lei­der nie­mand etwas.

  3. Klausi

    Herkun­ft der Men­schen und deren Sprache
    Atkin­sons Studie ist faszinierend, sowohl aus method­is­ch­er Sicht, als vor allem auch wegen des großen Erken­nt­nis­gewinns, den sie möglicher­weise bringt: Sie würde nicht nur zeigen, dass der Ursprung aller men­schlichen Sprachen in Afri­ka liegt, sie würde auch zeigen, dass tat­säch­lich alle Sprachen auf einen gemein­samen Ursprung zurück­ge­hen und sie würde uns einen Zeitrah­men für diesen Ursprung liefern – dieser müsste ja vor dem Auszug aus Afri­ka vor etwa 50 000 bis 80 000 Jahren liegen.
    Liegt darin tat­säch­lich ein Erken­nt­nis­gewinn oder ist es nicht lediglich eine weit­ere Bestä­ti­gung dafür, dass unsere Vor­fahren aus Afri­ka stam­men? Und dann ist der Ursprung­sort aller Sprachen selb­stver­ständlich Afri­ka, schließlich waren unsere afrikanis­chen Ahnen ja alle mit dem­sel­ben Gen­ma­te­r­i­al aus­ges­tat­tet.

  4. Patrick Schulz

    @Klausi
    Nein, die Alter­na­tivhy­pothese wäre, dass sich ver­schiedene (Ur-) Sprachen unab­hängig voneinan­der entwick­elt haben, nach­dem der Men­sch sich in alle Lande ver­streut hat.
    Oder anders: Nur weil der homo sapi­ens von Afri­ka aus die Welt unsich­er macht, muss das nicht zwangsweise heißen, dass auch „die Sprache“ dort ent­standen ist.
    Daneben halte ich es für eine ziem­lich wagemütige Annahme, dass die Sprach­fähigkeit eine Voraus­set­zung für Völk­er­wan­derung sein soll. Auch Tiere, denen man ein Sprachver­mö­gen für gewöhn­lich abspricht, ver­bre­it­en sich, wenn sie entsprechende Freiräume find­en.

  5. Jan Dönges

    Areale Fak­toren
    Warum erst ein kausaler Mech­a­nis­mus (oder wom­öglich eine speku­la­tive kom­mu­nika­tive Funk­tion) für die ver­ringerten Lautin­ventare gefun­den wer­den muss, leuchtet mir nicht ein. Solange der Effekt robust genug ist und empirisch beleg­bar immer wieder auf­taucht…
    Davon abge­se­hen ist es ja auch eine Über­legung, ob der Grün­der­ef­fekt möglicher­weise gar nicht mit der Größen­ver­ringerung zusam­men­hängt. Vielle­icht GEWINNEN ja die Zurück­bleiben­den in der Folge an Vielfalt DAZU — und zwar durch Bee­in­flus­sung benach­barter Sprachen, während die Auswan­der­er zwar ein unverän­dert großes Lautin­ven­tar mit­nehmen, aber keine solche Bee­in­flus­sung erfahren. Dadurch beschre­it­et deren Lau­t­en­twick­lung Bah­nen, die stärk­er durch die Anfangs­be­din­gun­gen vorgegeben sind, während die “daheim” immer wieder völ­lig frem­dar­tige Impulse erhal­ten kön­nen.
    Wir reden da ja immer­hin von x Zehn­tausenden von Jahren und drama­tisch anwach­senden Sprecherge­mein­schaften. Warum sich die Laut­wan­del­prozesse der einen von denen der anderen unter­schei­den soll­ten, wäre eine inter­es­sante Frage. Atkin­sons bloßer Ver­weis auf eine gerin­gere Größe zu Beginn der Entwick­lung reicht mir nicht unbe­d­ingt als Argu­ment.

  6. Ralf E

    Bemerkenswerte Kor­re­la­tion …
    … mit dem, was R.Liebi in sein­er Dis­ser­ta­tion her­aus­ge­fun­den hat:
    http://www.amazon.de/dp/3775140301/
    [Zwis­chen diesen bei­den Arbeit­en beste­ht kein­er­lei Kor­re­la­tion. Atkin­son ist ein ern­stzunehmender Wis­senschaftler, der mit Dat­en und Ver­fahren sorgsam umge­ht und seine Ergeb­nisse vor­sichtig inter­pretiert. Liebi ist ein Kreation­ist, der sich die sprach­lichen „Fak­ten“ her­aus­pickt, die seine absurde wörtliche Inter­pre­ta­tion der Bibel stützen. Auch in ihren Aus­sagen gibt es kein­er­lei Ähn­lichkeit zwis­chen den bei­den Arbeit­en. — A.S.]

  7. Jan Wohlgemuth

    @ A.S.: Dass das bei den Ling­Typen nicht so disku­tiert wird, mag auch daran liegen, dass sie über­wiegend keine Genetik­er sind.
    Der Grün­der­ef­fekt in der Genetik ist ein Phänomen, das an der “ver­tikalen” Weit­er­gabe (von Gen­er­a­tion zu Gen­er­a­tion) sicht­bar wird. Sprache wird aber nicht auss­chließlich ver­tikal weit­ergegeben. Das wird m.W. in dem Artikel auch nicht hin­re­ichend gewürdigt.
    @ Jan Dönges: Ohne eine plau­si­ble Kausal­ität läuft man Gefahr, ein­er Scheinko­r­re­la­tion aufzusitzen.
    Ins­ge­samt bin ich bei dem ganzen Artikel äußerst skep­tisch. Es wird auf edr Ling­Typ Liste von Claire Bow­ern und Peter Trudg­ill recht deut­lich gemacht, dass man von der Größe der Sprecherge­mein­schaft nicht ein­deutig auf bes­timmte gram­ma­tis­che Eigen­schaften schließen kann, son­dern dass es z.T. Kor­re­la­tio­nen in zwei ent­ge­genge­set­zte Rich­tun­gen gibt.

  8. Jan Dönges

    Scheinko­r­re­la­tio­nen
    @Jan Wohlge­muth: Naja, die Gefahr beste­ht natür­lich. Aber bei den kausalen Erk­lärungsan­sätzen, die mir da so als Kan­di­tat­en vorschweben, fürchte ich das schon erwäh­nte Prob­lem, dass wir “uns zu jedem beobachteten Zusam­men­hang eine plau­si­ble Erk­lärung aus­denken” kön­nen. Solche Erk­lärun­gen erscheinen mir in der Regel wach­swe­ich und nicht unbe­d­ingt überzeu­gen­der als eine robuste sta­tis­tis­che Kor­re­la­tion, die sich vielle­icht auch mit Beobach­tun­gen an konkreten Einzelfällen unter­mauern lässt.
    Aber wie gesagt: Warum sich ein Ver­lust an laut­lich­er Vielfalt vor 40000 jahren heute immer noch auswirken sollte, müsste man genau­so plau­si­bel machen. Oder liegt das irgend­wie auf der Hand und ich sehe es nur nicht?

  9. MaLu

    Aus­bre­itung und Verteilung
    Vielle­icht ist es hil­fre­ich, wenn man sich die Sit­u­a­tion vor der Wan­derung aus Afri­ka her­aus so vorstellt, dass die Sprache noch nicht voll entwick­elt ist, son­dern dass sie eher wie eine bedeu­tungsvolle Laut­malerei agiert, wobei einzelne Klans Vor­lieben für ver­schiedene Laut­malereien hat­ten. Für die Wan­derung out of Afri­ka sollte man annehmen kön­nen, dass immer geschlossene Klans sich auf die Reise macht­en. Die weit­ere Aus­for­mung der Sprachen würde dann jew­eils unter der Prämisse der Vor­lieben der jew­eili­gen Klans erfol­gt sein. Insofern würde dadurch eine Ver­gle­ich­barkeit zur Ver­bre­itung der Gene dargestellt wer­den kön­nen.

  10. MaLu

    Aus­bre­itung und Verteilung
    Man kön­nte sog­ar fra­gen, sehr sehr hypo­thetisch, ob zur Zeit vor der Wan­derung out of Afri­ka, ein ursprünglich kör­per­lich­er Zusam­men­hang (und damit ggf. auch in genetis­chen Bil­dungsmustern wiederzufind­en) zur Vor­liebe von bes­timmten Laut­malereien bestanden haben mag. In diesem großen Entste­hungs­ge­bi­et in Afri­ka hat­ten sicher­lich nicht alle Klans die sel­ben Entwick­lungs­be­din­gun­gen — max­i­mal ähn­liche. Eine Kor­re­la­tion wie auch immer sollte man über­denken.

  11. Jan Wohlgemuth

    @ Jan Dönges: Ich sehe die auch nicht. das ist ja mein Prob­lem mit dem ganzen Auf­satz. Ich find’s etwas zu weit herge­holt.

  12. kalle

    Als erste Idee sich­er ver­fol­genswert. Zwei Punk­te soll­ten weit­er unter­sucht wer­den:
    Die “Ent­fer­nung von Afri­ka” ist ver­mut­lich die direk­te Luftlin­ie. Eine Kor­re­la­tion mit ein­er Ent­fer­nung gemessen ent­lang der bekan­nten Aus­bre­itungsrouten des Homo sapi­ens wäre überzeu­gen­der.
    Wie ste­ht es um die Neuschöp­fung von Phone­men? Sie kön­nten zB aus imi­tierten Umwelt­geräuschen stam­men, die in ein­er neuen Umge­bung zu find­en sind. Jedes Baby imi­tiert anfangs alles was es hört, und davon kön­nte etwas in die Erwach­se­nen-Sprache gelan­gen. Eben­so kön­nten durch laut­ma­lerische Benen­nun­gen (wie bei Tschilptschalp/Zilpzalp oder Gecko [auf Thai etwa: Tock­ää]) Phoneme in den all­ge­meinen Sprachge­brauch gelan­gen.

  13. Mueller

    Skep­sis ist ange­bracht, schon deshalb, weil Atkin­son Dat­en-Rosi­nen­pick­erei betreibt. Warum sollte ein Gesetz für Vokale gel­ten, jedoch nicht für Kon­so­nan­ten? Zudem gibt es in Sprachen i. d. R. wesentlich mehr Kon­so­nan­ten als Vokale, so dass der die The­o­rie stützende Daten­pool klein­er ist als der sie nicht stützende — oder soll­ten wir gle­ich sagen: der sie wider­legende?

  14. Anatol Stefanowitsch

    @Klausi: Es wäre schon ein Erken­nt­nis­gewinn, denn es würde erstens bedeuten, dass Sprache nur ein­mal ent­standen ist, und zweit­ens, dass dies vor dem Exo­dus aus Afri­ka geschehen sein muss, also vor min­destens 50 000 Jahren. Über bei­de Punk­te kann man bish­er nur spekulieren.
    [Mit Patrick Schulz’ Antwort über­schnit­ten, deshalb noch ein Nach­trag zu seinem Kom­men­tar: Atkin­son behauptet nicht, dass Sprach­fähigkeit eine Voraus­set­zung für die Ver­bre­itung unser­er Spezies war, er spekuliert nur am Rande, dass es sich dabei um den entschei­den­den Fak­tor für das Entste­hen kom­plex­er Kul­turen gehan­delt haben kön­nte, der unseren Vor­fahren bei der umfassenden Kolonisierung der Erde geholfen hat — kaum eine beson­ders kon­tro­verse Idee.]

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