1/2 7 vs. 7 1/2 Uhr

Achim hat kür­zlich in einem Kom­men­tar nach ein­er speziellen Uhrzei­tangabe gefragt:

Mir ist bei den Uhrzeit­en einge­fall­en, dass früher (man find­et es z.B. auf alten The­aterzetteln in Pro­grammheften) Uhrzei­tangeben wie „7 1/2 Uhr abends“ üblich waren. Ich tippe ja, dass das „19.30“ und nicht „18.30“ bedeutet, aber hat da jemand Hand­festeres als meine Ver­mu­tung? Ist ja inter­es­sant, dass das neben „halb acht“ existiert hat.

Die Schreib­weise mit nachgestell­tem ½ find­et sich tat­säch­lich häu­fig in älteren Tex­ten, so zum Beispiel hier:

… Von München tre­f­fen diese Pack­wä­gen am Mittwoch um 10 1/2, und am Son­ntag um 7 1/2 Uhr Abends dahi­er ein, und gehen am Mittwoch um 10 3/4 und am Son­ntag um 7 3/4 Uhr Abends nach Regens­burg ab.

Dass es sich nicht um eine Vari­ante von ½ 7 (halb sieben) han­delt, wird schnell klar, wenn man sich Ablauf­pläne etc. anschaut, die die Schreib­weise bein­hal­ten. So wird hier um 10 Uhr in nähz­im­mergeeigneter Klei­dung gefrüh­stückt und ab 10 ½ Uhr wird im Nähz­im­mer gear­beit­et – im Anschluss eben, um halb elf, nicht vorher.

Nun wäre es ja möglich, dass es sich beim nachgestell­ten ½ um eine reine Schreibkon­ven­tion han­delte (so wie 1,50 € aus­ge­sprochen ein Euro fün­fzig/eins­fün­fzig wird, nicht einskommafünf(zig) Euro), die Aussprache also den­noch halb acht und nicht siebenein­halb war. Auch hier hil­ft die Buch­suche und wider­legt die These zumin­d­est teil­weise: Die Sprech­weise siebenein­halb Uhr existierte wirk­lich:

… Gewis­ser­maßen die Hauptmahlzeit bildet Mor­gens das warme Früh­stück, in den Fam­i­lien im Som­mer sech­sein­halb, im Win­ter siebenein­halb Uhr, in den Gast- und Board­inghäusern aber eine halbe oder ganze Stunde später. …

Ich habe ver­sucht her­auszubekom­men, wann diese Uhrzei­tangabe aus der Mode kam. Erster Test, ganz grob: Der Ngram View­er. Hier sieht es so aus, als habe die Form schon immer ein Schat­ten­da­sein geführt:

siebenein­halb Uhr (blau) vs. halb acht Uhr (rot)

Sieht man sich nur die siebenein­halb-Kurve an, so scheint es, als sei es nach dem zweit­en Weltkrieg zu einem starken Abfall gekom­men.

Lässt sich das vielle­icht noch anders testen? Dafür bietet sich das DWDS-Kernko­r­pus an, in dem man recht trick­re­ich suchen kann. Ich habe die Ergeb­nisse aus mehreren Einze­labfra­gen für alle Uhrzeit­en zusam­menge­führt und dabei zwis­chen 1900 und 1999 grade mal 49 Fälle des nachgestell­ten ½ gefun­den (als Zahl und aus­geschrieben), aber 239 vor­angestellte Darstel­lun­gen. Das ähnelt also den Ngram-Ergeb­nis­sen. Das Ende fällt, bes­timmt auf­grund der höchst­wahrschein­lich gerin­geren Textmenge, etwas früher: die let­zten nachgestell­ten ½ find­en sich in den 1920ern, aus­geschriebene nachgestellte ein­halbs gibt es noch bis in die 1950er. Hier in absoluten Zahlen:

grüne Lin­ie: Typ “16:30 Uhr”/“16 Uhr 30”

Lei­der kann ich darin keine kluge Antwort ent­deck­en, warum siebenein­halb Uhr ver­schwun­den ist, Speku­la­tio­nen willkom­men!

In die andere Rich­tung, also zu den Anfän­gen des nachgestell­ten ½ vorzu­drin­gen, ist etwas schwieriger. Den früh­esten Buch­suchebe­leg mit Zif­fern­schrei­bung habe ich 1772 gefun­den, aus­geschriebenes halb scheint es aber häu­figer und früher gegeben zu haben, oft mit einem verbinden­den und. Hier ein paar exem­plar­ische Beispiele, frühere Belege als 1685 habe ich nicht gefun­den (für vor­angestelltes halb gibt es sie aber schon):

  • 1685: Um siben ein halb Uhr  kame voran der Vor­trab von Cav­a­lieren …
  • 1687: (… umb 8. halb Uhr)
  • 1718: Die Sonne ging um 8. und 1 halb Uhr auf und um 4. und 1. halb Uhr wieder unter.
  • 1719: Um 5. u. 1. halb Uhr ein gäh­linger Sturm …
  • 1730: … um 6. und ein halb Uhr
  • 1741: Den 1sten Augusti 1741 um 8. und ein halb Uhr frühe …

Das alles macht neugierig auf die generelle Geschichte der Uhrzeit­darstel­lung – sie fängt sich­er nicht sooo früh an, es musste ja erst ein­mal ver­füg­bare Uhren geben. Der DWB-Ein­trag zu Uhr klingt schon sehr span­nend, eine Suche in den Dialek­ten ist auch ver­lock­end, aber ich bremse mich jet­zt und beginne mit dem Woch­enende, vor es siebenein­halb Uhr wird.

10 Gedanken zu „1/2 7 vs. 7 1/2 Uhr

  1. janwo

    Entschuldige den/die/das Offtopic, aber von wann ist der Beleg mit den “Board­inghäusern”? Der Lehn­wort­forsch­er wird grad hell­hörig.

  2. Patrick Schulz

    Erin­nert mich an eine Diskus­sion, die ich (als Sachse) vor einiger Zeit mit ein­er Fre­undin aus Schwaben geführt habe: Sie kon­nte sowas wie „wir tre­f­fen uns um 7“ (ohne „Uhr“) partout nicht ver­ste­hen, geschweige denn sowas wie „um halb acht“, was für mich völ­lig selb­stver­ständlich ist.

    Was inter­es­san­ter­weise bei ihr ging war sowas wie „wir tre­f­fen uns 7“ (was ich im Gegen­zug komisch finde), also ohne „um“ und „Uhr“; oder etwa „wir tre­f­fen uns gegen 7“ (für mich ok), aber wiederum nicht „wir tre­f­fen uns gegen um 7“ (für mich auch ok).

    Falls du also nach diesem (und dem StuTS-)Wochenende etwas Zeit und Lust zur Recherche hast: mich würde sehr inter­essieren wo man was sagen kann.

  3. Nightstallion

    Also, „gegen um 7“ geht für mich (Ostöster­re­ich­er) gar nicht; anson­sten stimme ich mit deinen Ansicht­en übere­in.

  4. Alexander Merz

    Ich bin gle­ich­falls Sachse, und kann mich des Ein­drucks nicht ver­schliessen, dass “wir” eines der kom­plex­esten und nuanciertesten Sys­teme haben zeitliche Aus­drücke zu for­mulieren 😉
    Um es vor­weg zu nehmen, die fol­gen­den Aus­drücke wer­den im Fre­un­des- und Bekan­ntenkreis tat­säch­lich so auch ver­wen­det und ver­standen.

    - “Ich bin um sieben da” = Ich bin pünk­tlich um sieben da.
    — “Ich bin gegen sieben da” = Ich bin zwis­chen 6:45 — 7:15 Uhr da.
    — “Ich bin gegen um sieben da.” = Ich will pünk­tlich da sein, kann das aber nicht garantieren.

    Zur Ver­wen­dung von viertel/halb/dreiviertel vor/nach X:
    — “Ich bin dreivier­tel sieben da” = Ich bin 6:45 da, eventuell etwas früher, aber keines­falls später.
    — “Ich bin vier­tel vor sieben da” = Ich bin 6:45 da, eventuell etwas später, aber keines­falls früher.

    Wo es die meis­ten Nicht-Sach­sen/Nicht-Ost­deutschen für gewöhn­lich im chro­nol­o­gis­chen Ver­ständ­nis umhaut, sind dann aber Kon­struk­tio­nen wie diese:
    — “Ich mache zehn vor halb sieben los.” = Ich mache 6:20 Uhr los.
    Solche For­mulierun­gen beziehen sich aber prak­tisch immer auf einen anderen fix­en Zeit­punkt, der expliz­it oder impliz­it bekan­nt ist. Sie ver­mit­teln vorallem eine Zeit­dauer in Bezug auf ein Ereig­nis.
    — “Ich mache zehn vor halb sieben los und hol dich halb sieben ab.” = Für den Weg brauche ich 10 Minuten und bin deshalb 6:30 bei dir.

    Wer die Minu­te­nangabe ohne Angabe von “Minute” selt­sam find­et, sei an die Mah­nung “Es ist 5 vor 12!” erin­nert. Die kommt auch ohne aus.

    Auf eine nähere Unter­suchung wäre ich auch ges­pan­nt. Allerd­ings fürchte ich, dass es schwierig wird, es han­delt sich fast auss­chließlich um gesproch­ene For­mulierun­gen.

  5. Nightstallion

    Mh. Für mich wäre „um sieben herum“ 18.45–19.15, „um sieben“ pünk­tlich, „gegen sieben“ etwas vor sieben oder spätestens pünk­tlich.

    Zehn vor halb sieben“ schreckt mich allerd­ings gar nicht, „Minuten“ sagt bei uns auch kein­er bei Zei­tangaben dazu.

  6. Achim

    Bei mir (aufgewach­sen in Schleswig-Hol­stein, nach einiger Zeit in Baden-Würt­tem­berg nun in Berlin gelandet) gilt für “um sieben” und “gegen sieben” das gle­iche wie bei Alexan­der, “gegen um” finde ich total schräg. “Zehn vor halb sieben” ist natür­lich 6.20 Uhr bzw. 18.20 Uhr.

    An “drei vier­tel” habe ich mich nach eini­gen Jahren in Karl­sruhe, Stuttgart und nun Berlin so gewöh­nt, dass es in meinen aktiv­en Wortschatz überge­gan­gen ist.

  7. HM

    Inter­es­santes The­ma. Auch im Nieder­ländis­chen sagt man “half acht”, wie heute im Deutschen üblich, aber im Englis­chen, Franzö­sis­chen, Ital­ienis­chen wird die halbe Stunde nachgestellt: half past sev­en, sept heures et demi.
    Wenn ich um 8 Uhr irgend­wo sein muss, finde ich es logisch, dass ich von dort aus zurück­rechne, um zu wis­sen, wann ich los­ge­hen muss — also halb 8. Vielle­icht hat es ja etwas mit Pünk­tlichkeit zu tun?

  8. Jörg Lesche

    Eine ältere Kol­le­gin (jet­zt in Rente, Fam­i­lie wohl aus Schle­sien) sprach immer von der “fün­ften Stunde” o.ä.: “Heute hat es in der fün­ften Stunde gereg­net”; “Wir trafen uns in der sech­sten Stunde” usw.
    Hat­te ich bis dahin nie gehört und seit­dem auch nicht wieder. Hat jet­zt nichts mit halb und dreivier­tel zu tun ;-)) aber assozi­ierte ich sofort beim Lesen des Artikels.

  9. Christoph J

    Vie­len Dank für die auf­schlussre­iche Unter­suchung zu diesem The­ma. Ich habe mich in den Feld­post­briefen meines Urgroß­vaters aus dem Ersten Weltkrieg darüber gewun­dert. Er benutzt alles durcheinan­der: ½ 5, 5 ½, 5 ¼, ¼ nach 5, ¾ 5.

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