Sprachbrocken 11/2012

Über die Jugend­sprache wird viel geschrieben — meis­tens in Form von frei erfun­de­nen Wörtern wie Knutschbunker und Gam­melfleis­ch­par­ty. Aber Der West­en hat jet­zt her­aus­ge­fun­den, warum die „Jugend­szene“ (ern­sthaft, so heißen junge Men­schen in Bergka­men wohl) so komisch spricht: Um sich der Strafver­fol­gung zu entziehen. Denn wenn die Richter nicht ver­ste­hen, was Kläger und Beklagte ihnen da erzählen, ste­ht am Ende nicht ein­mal Aus­sage gegen Aus­sage. Im vor­liegen­den Fall ist der Richter ange­blich an den für mich völ­lig kryp­tis­chen Sätzen „Ouh, nichts damit zu tun“, „Weiß gar nicht, was der will, weiß du“ und „Kopf umge­dreht, boahh ei, dann noch ein Gong, weiß du ne“ gescheit­ert. Wenn Deutsch als Staatssprache im Grundge­setz stünde, wäre das nicht pass– ach, egal.

Dabei hätte man doch einen Dol­metsch­er bestellen kön­nen — einen, der wirk­lich etwas von Jugend­sprache ver­ste­ht, wie Peter Schlobin­s­ki. Er ist für seine Forschung ger­ade höchst ver­di­ent mit dem Kon­rad-Duden-Preis aus­geze­ich­net wor­den. Wenn es darum geht, Jugend­wörter des Jahres zu küren oder Wörter­büch­er der Jugend­sprache zusam­men­zustellen, ignori­ert man den Han­nover­an­er Sprach­wis­senschaftler stets geflissentlich — ein­leuch­t­end, denn dann kön­nte man nicht so schöne Wörtern wie Knutschbunker und Gam­melfleis­ch­par­ty erfind­en. Wer wirk­lich etwas über Jugend­sprache ler­nen will, dem sei Schlobin­skis Auf­satz Jugend­sprache und Jugend­kul­tur emp­fohlen, und auch die Web­seite Mediensprache.de, an der er mitwirkt, bietet inter­es­sante Ein­blicke in den aktuellen Sprachge­brauch der Jugend (wo “Jugend” < “75-Jährige”).

Ein­er, der wirk­lich gar nichts von Jugend­sprache ver­ste­ht, ist der durch­schnit­tliche deutsche Sprachkolum­nist. In dieser Woche demon­stri­ert das der Süd­kuri­er, der mit eben jenen erfun­de­nen Wörtern hausieren geht, die einem ein Schlobin­s­ki um die Ohren hauen würde: Alpen­piz­za für „Kuh­fladen“ etwa — weil ja jed­er weiß, dass die Agrar­wirtschaft ein heißes The­ma in der Jugend­szene ist. Auch die BRAVO, lange Zeit leuch­t­en­des Vor­bild für alle erwach­se­nen Erfind­er jugendlich­er Sprache, scheint langsam aber sich­er den Anschluss zu ver­lieren — seit Jahren sinken die Aufla­gen. Ob das an der immer verzweifel­ter wirk­enden Kon­struk­tion ein­er Jugend­sprache — ach, was sag ich, ein­er ganzen Jugend­szene — liegt, die mit der Lebenswelt junger Men­schen nur noch wenig zu tun hat, sei dahingestellt.

 

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

17 Gedanken zu „Sprachbrocken 11/2012

  1. Simone

    Alpen­piz­za
    Alpen­piz­za ist tat­säch­lich Jugend­sprache — bzw. war es. Wir haben das vor 30 Jahren als jun­gendliche Schweiz­er gesagt, wenn wir in Schul­lagern in den Bergen waren. Wom­it sich eines der grössten Prob­leme der Jugend­sprache zeigt: sie ändert sich schneller, als die Presse dies doku­men­tieren kann. Ich meine nun nicht etwas, sel­ber noch zur Jugend zu gehören. Aber hier hat wohl jemand ein sehr altes Wörter­buch der Jugend­sprache erwis­cht und zitiert.
    Was Peter Schlobin­s­ki bet­rifft, kann ich nur zus­tim­men. Auch seine Rede anlässlich der Ver­gabe des Preis­es war aus­geze­ich­net.

  2. Ludwig Trepl

    Frage
    Außer der Jugend­sprache mit ihren eige­nar­ti­gen Wörtern gibt es noch einen Jugend­ton­fall. Er muß schon vor einiger Zeit ent­standen sein, denn er reicht inzwis­chen bis zu den Mittdreißigern. Mir scheint, er kommt nur in mit­tleren und oberen Schicht­en vor und auss­chließlich bei Frauen. Unter Stu­dentin­nen ist er sehr ver­bre­it­et.
    Lei­der fehlen mir als Laien die Wörter und Begriffe, um diesen Ton­fall zu beschreiben. Jeden­falls hört er sich auf­fal­l­end quäk­end an. Stellen Sie sich die Min­is­terin Schröder vor, die beherrscht ihn. Wenn man ein­mal darauf gestoßen ist, hört man ihn ständig. Er ist sehr markant, ähn­lich markant wie der Brüll-Ton­fall der Rund­funksprech­er vor ca. 1955.
    Meine Frage: hat sich ein Lin­guist schon ein­mal damit beschäftigt? Wäre sich­er lohnend.

  3. Kredit

    Jugend von heute
    Die Jugend­sprache wächst ständig und stetig. Langsam wirk­lich nervig, wenn man die ‘Kinder’ nicht richtig mehr ver­ste­ht und merk­würdi­ge verkürzte Antworten bekommt. Mal sehen wo das irgend­wann hin­führt.

  4. D. Müller

    @ Kred­it: Das führt nir­gend­wo hin — das dreht sich im Kreis. Durchmess­er: eine Gen­er­a­tion.

  5. Dierk

    Die” Jugend­sprache …
    Was soll’s, lese ich halt wieder mal Catch­er in the Rye.
    PS: Ist ‘Sozi­olekt’ noch der terme du jour?
    PPS: Ich weiß, mein Franzö­sisch ist mis­er­abel.

  6. Phaeake

    @Simone (Alpen­piz­za); Back­fisch; cool
    Wenn Simone Recht hat — ich kann das nicht beurteilen -, dass “Alpen­piz­za” in den 1980ern Jugend­sprache war, dann dürfte man dem von Her­rn Ste­fanow­itsch ver­link­ten Süd­kuri­er-Artikel nicht den Vor­wurf machen, völ­lig ver­al­tete Jugend­sprache zu zitieren. Denn aus dem Zusam­men­hang ergibt sich, dass “Alpen­piz­za” als Beispiel für *ehe­ma­lige* Jugend­sprache zitiert wer­den sollte.
    Dage­gen liegt der Süd­kuri­er-Artikel m.E. weit daneben, wenn er “Back­fisch” (für “junges Mäd­chen” als Jugend­sprache der 1960er Jahre klas­si­fiziert. So ver­wen­dete schon Goethe im Götz das Wort Back­fisch.
    Was mich bei der Schnel­llebigkeit der Jugend­sprache immer wieder wun­dert, ist, dass einzelne Begriffe sehr lan­glebig sein kön­nen. So scheint mir das Wort “cool” — in der Bedeu­tung “gut” m.E. Jugend­sprache der 1970er/80er auch heute noch so unter Jugendlichen ver­wend­bar. Oder irre ich?

  7. Ludwig Trepl

    @Phaeake cool
    “So scheint mir das Wort “cool” — in der Bedeu­tung “gut” m.E. Jugend­sprache der 1970er/80er auch heute noch so unter Jugendlichen ver­wend­bar. Oder irre ich?”
    Zum Teil irren Sie, jeden­falls was meinen Erfahrungs­bere­ich bet­rifft. Cool kam in den 70/80ern nur in engen Kreisen vor, erst in den 90ern wurde es unter Jugendlichen All­ge­meingut, und zwar ziem­lich schla­gar­tig. Heute ist es nicht nur Jugend­sprache: In den Kindergärten zählt es zu den am häu­fig­sten ver­wen­de­ten Wörtern.

  8. phaeake

    @Ludwig Tre­pl cool
    Dafür, dass “cool” iSv “gut” oder “schön” schon in den 1980ern und nicht erst in den 1990ern Jugend­sprache war, würde ich mich auf eigene Erfahrung berufen. 1982 war “cool” bei uns in der Schule ein flächend­deck­end benutztes Adjek­tiv — und ich galube nicht, dass meine Schule ein­er Avant­garde ange­hörte. Dass heute “cool” in diesem Sinne nicht nur Jugend- son­dern auch Kinder­sprache ist, entspricht auch mein­er Erfahrung. Aber auch das ist ja dur­chaus bemerkenswert. “Irre”, das Pos­i­tiv-Adjek­tiv der 1950er-Jugend­sprache, hat den Sprung in die Kinder­sprache der 1980er meines Wis­sens nicht geschafft.

  9. Simone

    @Phaeake
    Was die Alpen­piz­za bet­rifft, kann ich natür­lich nur für meine Gen­er­a­tion und meine Gegend sprechen und da war das dur­chaus ver­bre­it­et. Bei “cool” geben ich Ihnen recht, wir braucht­en das auch bere­its in den 80er Jahren, als ich noch jung war und heute braucht es mein Enkel im Kinder­garten häu­fig.
    Und die Rede von Schlobin­s­ki anlässlich der Preisver­lei­hung kann man jet­zt übri­gens nach­le­sen:
    http://www.mediensprache.net/de/essays/6/

  10. suz

    suz
    Nutze ‘cool’ häu­fig (prädika­tiv wie attribu­tiv), gehe allerd­ings nicht mehr in den Kinder­garten. In die Schule auch nicht mehr. Genau genom­men bin ich Ü30.

  11. phaeake

    @suz cool
    Entschei­dend fände ich, ob Sie cool im Sinne von “läs­sig”, “gelassen”, “sou­verän” ver­wen­den (“Der coole Typ hat seine Son­nen­brille nach oben geschoben und ganz cool gelächelt.”) — dann wäre es in meinen Augen wed­er heutige noch 1980er Jugend­sprache. Oder ob Sie cool im Sinne von “gut” ver­wen­den (Der coole Aus­flug. Heute ist mir was Cooles passiert.) — dann wäre es zumin­d­est 1980er Jugend­sprache.

  12. flux

    cool
    @phaeke
    Ich werde dieses Jahr 50 und benutzte in den 70ern das Wort “cool” damals im Sinne von “läs­sig”, “sou­verän” und heute eben im Sinne von “toll”, “klasse” usw., wie viele mein­er Altersgenossen auch.
    Das hat sich ganz unbe­wusst und unge­wollt vol­l­zo­gen.
    “Cool” ist schon längst keine Jugend­sprache mehr.

  13. Detlef Piepke

    cool …
    Das ist ja inter­es­sant, vielle­icht bin hier der einzige, der in Bezug auf Jugend­sprache an vorder­ster “Front” arbeit­et. Ich pro­duziere rap­pende und sin­gende Jugendliche Migranten zwis­chen 14 und 23 Jahren. Ich sel­ber bin Mitte 40.
    2011 war bei meinen Jungs und Mädels (haupt­säch­lich Jungs afrikanis­ch­er Herkun­ft) tat­säch­lich der “Swag” ange­sagt. Nach­dem es Jugend­wort des Jahres gewor­den war, dro­ht es schon jet­zt wieder auszuster­ben … wenn es jed­er ken­nt, kann es schnell uncool wer­den.
    Und damit wäre ich bei cool. Das hält sich hart­näck­ig und zwar in der Bedeu­tung “klasse” “gut”. Da wir es hier mit Musik (meist Hip Hop) zu tun haben, erk­läre ich den Jungs (und werde nicht müde es zu tun), dass es eine Ver­schwen­dung dieses schö­nen Aus­drucks ist, ihn ein­fach mit “gut” syn­onym zu gebrauchen. Dann weise ich auf den “Cool Jazz” der 50er Jahre hin. Da wurde das Wort natür­lich im Sinne von “läs­sig”, “unaufgeregt” ver­wen­det, auch in Abgren­zung zum früheren Bebop, der schnell und eben auch “hek­tisch” war.
    Cool ist auch deshalb ein cooles Wort, da es mit “Kühl” ein­fach nicht richtig über­set­zt ist. Im Sinne von “gut” ist es allerd­ings ziem­lich uncool und eben ver­schwen­det, für “gut” haben wir ja men­gen­weise andere Aus­drücke zur Ver­fü­gung …
    Wie gesagt, ich arbeite daran, cool in sein­er läs­si­gen Bedeu­tung wieder herzustellen (aber wohl auf ver­loren­em Posten, obwohl die Jungs meine Beweg­gründe gut nachvol­lziehen kön­nen). Ist näm­lich auch ein cool­er Aus­druck inner­halb der Musik Sprache, er bein­hal­tet eben auch “relaxed” und “laid back” und das macht einen Rap eben zu einem coolen Rap.

  14. impala

    Naja, laid back lässt sich ja nicht beson­ders gut ins Deutsche inte­gri­eren. Ich glaube jeden­falls nicht, dass wir je etwas von einem laid­back­en Typen lesen/hören wer­den.

  15. Detlef Piepke

    @impala @Azadeh Sepehri
    In dem “alten” cool­ness-Begriff ist (in der Musik­er­sprache) “laid back” bere­its inte­gri­ert.
    Miles Davis hat cool Trompete gespielt, und der war “laid back”.
    Aber der Anfang meines Kom­men­tar kommt wirk­lich (lei­der unfrei­willig) lustig daher. Abge­se­hen von dem fehlen­den “ich” im ersten Satz, ist es schon merk­würdig, dass ich hier “jugendliche Migranten pro­duziere”. Für Musik­er Sprache völ­lig nor­mal. Für einen Sprach Blog eher daneben ger­at­en. 🙁
    Der Rest ist allerd­ings genau so gemeint.
    Aber das kleine Schreibfen­ster sorgt nicht ger­ade für den Überblick. Erst nach “Veröf­fentlichung” fall­en (mir) einige Fehler wirk­lich auf.

  16. Phaeake

    @ Detlef Piep­ke
    Mich würde es inter­essieren, wie genau die hip-hop-enden jugendlichen Migranten oder die hip-hop-enden Jugendlichen mit Migra­tionsh­in­ter­grund reagieren, wenn Sie den Cool Jazz der 1950er Jahre als Argu­ment anführen, im Jahre 2012 das Wort “cool” in diesem und nicht im anderen Sinne zu ver­wen­den.

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