Sprachbrocken 22/2013

Keine Woche verge­ht, in der ich nicht irgend­wo lese, dass die Sprache der „Schlüs­sel zur Inte­gra­tion“ sei. Dabei geht es meis­tens um Schulkinder mit Migra­tionsh­in­ter­grund, denen mit­tels wenig nachvol­lziehbar­er Kri­te­rien man­gel­hafte Deutschken­nt­nisse attestiert wer­den. In Öster­re­ich, berichtet unter anderem der KURIER, dür­fen Schuldirektor/innen solchen sprach­lichen Schlüs­selkindern in Zukun­ft die Schul­reife absprechen und sie in geson­derte Vorschulk­lassen abschieben, wo sie dann ohne Kon­takt zu deutschsprachi­gen Schüler/innen, also ver­mut­lich durch Magie, Deutsch ler­nen sollen.

In der Schweiz traf der Eifer der (Spr|W)ach- und Schließge­sellschaft dieser Tage dage­gen laut BASLER ZEITUNG nicht wehrlose Schulkinder, son­dern sieben türkischstäm­mige Parlamentarier/innen des Basel­er Stad­trats. Die seien kaum zu ver­ste­hen, sagen nun einige Stadträte – sich­er nur rein zufäl­lig alle­samt Mit­glieder der „bürg­er­lichen“ Parteien SVP und LDP. Sie fordern eine Art öster­re­ichis­che Schulpflicht für Stadträte: In Zukun­ft solle nur noch zur Wahl aufgestellt wer­den, wer fehler­los Deutsch spreche. Wenn sie sich damit durch­set­zen wür­den, kön­nte das aber ungeah­nte Kon­se­quen­zen haben, denn die grüne Poli­tik­erin Mir­jam Ballmer sieht die sprach­lichen Defizite ganz woan­ders: bei den „Urschweiz­ern aus bürg­er­lichen Parteien“, die mit dem Hochdeutschen so ihre Prob­leme hät­ten.

Und der TRIERISCHE VOLKSFREUND erk­lärt auf sein­er Kinder­nachricht­en­seite, woran es liegt, dass das Schloss zur Inte­gra­tion für öster­re­ichis­che Schulkinder, Schweiz­er Stadträte und son­stige Unin­te­gri­erte so schw­er zu knack­en ist: „Wenn Aus­län­der Deutsch ler­nen, staunen sie manch­mal“! Worüber? Zum Beispiel über die Ver­ben, die am Ende des Satzes ste­hen – „Da muss man sich den ganzen Satz von vorn bis hin­ten genau anhören, bis man weiß, was gemeint ist.“ Ich bin da skep­tisch, denn das haben Sätze ja so an sich, egal, wo das Verb ste­ht. Und die türkischen Stadträte kön­nen sich damit sowieso nicht her­ausre­den, denn auch im Türkischen ste­ht das Verb an let­zter Stelle.

Vielle­icht soll­ten wir aber ohne­hin aufhören, soviel über Schlüs­sel zu reden, und lieber her­aus­find­en, welch­er Idiot eigentlich ein Schloss vor die Inte­gra­tion gehängt hat.

5 Gedanken zu „Sprachbrocken 22/2013

  1. Evanesca Feuerblut

    Am Meis­ten “liebe” ich ja solche *hust* net­ten Men­schen, die Inte­gra­tion so definieren, dass Ein­wan­der­er nur noch Deutsch zu sprechen haben und bei sich zu Hause gefäl­ligst Bratwurst und Sauer­kraut zuzu­bere­it­en haben — son­st wären sie nicht inte­gri­ert.
    Ich kann gar nicht abschätzen, wie viele Diskus­sio­nen ich wutent­bran­nt über diesen Quatsch geführt habe…

  2. gnaddrig

    Ich bin schw­er begeis­tert von dem Sachver­stand, der aus den öster­re­ichis­chen Maß­nah­men spricht. Wenn man die Kinder mit Deutschmut­ter­sprach­lern zusam­men Deutsch ler­nen ließe, wür­den sie von denen ja die ganzen Fehler mitler­nen, also das öster­re­ichis­che Äquiv­a­lent von “Kat­ta­ri­na, geh im Bett” oder, um einen aktuellen Buchti­tel zu zitieren, “Schan­tall, tu ma die Omma winken!” Und wenn die zu ihrem unseli­gen Migra­tionsh­in­ter­grund noch schlecht­es Umgangs­deutsch ler­nen wür­den, Gossen­sprache gar, hät­ten sie ja gar keine Chance mehr, die Armen. Da sind schön sauber isolierte Lern­grup­pen doch ein­deutig die bessere Wahl!

    Man kön­nte die hin­ter­her gle­ich noch ein eigenes Eckchen Öster­re­ich schick­en, wo sie dann ihr frischgel­erntes lupen­reines Deutsch ganz unter sich und unbe­hel­ligt von Öster­re­ich­ern prak­tizieren kön­nen. Dann ent­fällt auch die lästige Inte­gri­er­erei.

  3. Wentus

    Nach einem Selb­stver­such bleibe ich bei der Ansicht, dass die hiesige Lan­dessprache die Grund­lage für die Inte­gra­tion ist: Ich habe Math­e­matik-Unter­richt für ara­bis­che Kinder in ara­bis­ch­er Sprache gehal­ten.
    Das Ergeb­nis war nur Verun­sicherung, weil die neuen Wörter (z.B. für Kehrw­ert, Quadratwurzel) von nie­man­dem aus der ara­bis­chen Fam­i­lie und dem ara­bis­chen Fre­un­deskreis ver­standen wur­den.

  4. Petra

    Natür­lich ist Sprache der Schlüs­sel zu einem Leben in einem frem­den Land…
    Son­st wären doch die Dep­pen in den RTL/Vox-Auswanderer-“Dokus” nicht so lustig,
    wenn diese Leute in einem mal­lorquinis­chen Amt auf­schla­gen oder in den USA von der Polizei ange­hal­ten wer­den.
    Aber diese Prob­leme sind nicht neu. Schon in mein­er Schulzeit gab es die Vourteile gegen die “heimgekehrten” Sude­tendeutschen. Und während der Schulzeit meines Sohnes Ende der 90er siedel­ten auch in unserem Land­kreis ver­mehrt rus­sis­che Aussiedler.
    Der öster­re­ichis­che Weg ist sich­er nicht der richtige. Ist doch aber wohl eine Kann-Bes­tim­mung. Gute Lehrer und Direk­toren wer­den dem nicht fol­gen.

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