A Tale of Translation

Von Anatol Stefanowitsch

Vor ein paar Wochen haben die Oberöster­re­ichis­chen Nachricht­en über einen Graz­er Kün­stler, Folke Teget­thoff, berichtet, der in ein­er „visu­al­isierten Klang­wolke“ erzählt, „wie das Dorf zur Welt und die Welt zum Dorf wurde“. Davon kann man hal­ten, was man will. Inter­es­sant ist aber diese Diskus­sion um den Titel der Instal­la­tion, Six Tales of Time:

Warum ver­wen­den Sie als deutschsprachiger Erzäh­ler einen englis­chen Titel?“, fragten die OÖN. [Teget­thoff antwortet:] „An sich bin ich gegen Anglizis­men und gegen die Ver­hun­zung unser­er sehr schö­nen, poet­is­chen Sprache, aber ‚Sechs Geschicht­en über die Zeit‘ klingt tech­nis­ch­er und holpriger.“

Men­schen, die über die „Ver­hun­zung“ der deutschen Sprache durch englis­che Lehn­wörter lamen­tieren, finde ich noch lang­weiliger als Men­schen, die visu­al­isierte Klang­wolken basteln. Aber solange sie das prak­tizieren, was sie predi­gen, lasse ich es im All­ge­meinen dabei bewen­den. Aber Men­schen, die über die „Ver­hun­zung“ der deutschen Sprache durch englis­che Lehn­wörter lamen­tieren, sich selb­st dann aber bei der erst­besten Gele­gen­heit mit faden­scheini­gen Ausre­den eine Aus­nah­megenehmi­gung von ihrer ver­queren Ide­olo­gie erteilen, dür­fen nicht ungeschoren davonkom­men (gute Laune hin oder her).

Eigentlich schade, denn von der Sache her hat Teget­thoff nicht ganz Unrecht. „Tech­nis­ch­er“ oder „hol­priger“ klingt Sechs Geschicht­en über die Zeit für meine Ohren zwar nicht — Im Gegen­teil, für mich hat das eine recht ansprechde Schlichtheit. Trotz­dem glaube ich zu ver­ste­hen, was den Kün­stler an der vorgeschla­ge­nen Über­set­zung stört.

Zum einen ist da die gram­ma­tis­che Form. Das Englis­che ver­wen­det häu­fig die Kon­struk­tion [X of Y] wo das deutsche ein zusam­menge­set­ztes Sub­stan­tiv bevorzugt. Eine gute deutsche Über­set­zung von Six Tales of Time wäre deshalb „Sechs Zeit­geschicht­en“ — das wäre außer­dem eine nette Anspielung auf das Wort Zeit­geschichte im Sinne von „Geschichte der Gegen­wart und jüng­sten Ver­gan­gen­heit“ (Wahrig).

Zum anderen ist da aber das Wort Geschichte. Die Wörter ein­er Sprache haben sel­ten genaue Entsprechun­gen in ein­er anderen Sprache. Stattdessen ste­hen jedem Wort der einen Sprache meis­tens mehrere alter­na­tive Wörter der anderen Sprache gegenüber. So ist es natür­lich auch bei tales.

Um einen unge­fähren Ein­druck davon zu bekom­men, wie sich das Wort zu seinen möglichen deutschen Über­set­zun­gen ver­hält, habe ich es in einem englisch-deutschen Wörter­buch gesucht, die ange­bote­nen Über­set­zun­gen umgekehrt in einem deutsch-englis­chen Wörter­buch nachgeschla­gen, die dann wiederum im englisch-deutschen, bis ich keine neuen Über­set­zungsvorschläge mehr gefun­den habe. Dabei kam am Ende fol­gen­des kleines Net­zw­erk von Über­set­zungsmöglichkeit­en her­aus (wobei ich zusam­menge­set­zte Wörter wie fairy tale oder Kurzgeschichte wegge­lassen habe):

Semantisches Netz

Seman­tis­ches Netz

Die Wörter sind nicht alle gle­ich — his­to­ry wird nur noch sel­ten im Sinne ein­er erzählten Geschichte ver­wen­det (z.B. in The Secret His­to­ry, Don­na Tartt) und Erzäh­lung ist fast schon ein Fach­be­griff, den man in der All­t­agssprache kaum ver­wen­den würde.

Dieses Net­zw­erk zeigt sehr schön, dass Wörter nur in Aus­nah­me­fällen eine ein­deutige Über­set­zung haben: Leg­ende wird nur mit leg­end über­set­zt und his­to­ry nur mit Geschichte. Aber schon die jew­eils umgekehrte Über­set­zungsrich­tung lässt mehr als eine Möglichkeit zu. Die deutschen Wörter haben durch­schnit­tlich zwei Über­set­zun­gen, die Englis­chen sog­ar 2,5. Sieger im Wet­tbe­werb um die meis­ten Über­set­zungsmöglichkeit­en ist aus­gerech­net tale, dicht gefol­gt von Geschichte.

Es ist aber wohl nicht diese Vielfalt an Über­set­zungsmöglichkeit­en an sich, die Teget­thoff eine Über­set­zung seines englis­chen Titels unmöglich erscheinen lässt. Im Gegen­teil: die Vielfalt sollte es doch eigentlich leichter machen. Wenn „Geschicht­en über die Zeit“ zu tech­nisch klingt, wie wäre es mit „Sagen von der Zeit“? Wenn das zu mythisch klingt, wie wäre es mit „Märchen von der Zeit“? Wenn das zu sehr nach bösen Wölfen und Stiefmüt­tern klingt, dann — ja, dann bleibt eben doch wieder nur „Geschicht­en“. Das Prob­lem ist dabei, dass tale nicht „Sage“ oder „Märchen“ oder „Erzäh­lung“ oder „Geschichte“ bedeutet. Denn das sind ja deutsche Wörter, die für die Bedeu­tung eines englis­chen Wortes keine Rolle spie­len. Nein, tale bedeutet gle­ichzeit­ig „Sage“ und „Märchen“ und „Erzäh­lung“ und „Geschichte“. Die Bedeu­tung des Wortes tale umfasst also mit einem Stre­ich alles von fak­tisch-nüchter­nen Erzäh­lun­gen über Geschicht­en und märchen­hafte Fan­tasien bis zu sagen­haften Heldengeschicht­en aus fer­nen Zeiten.

In dem Augen­blick, in dem Teget­thoff sich den Titel „Six Tales of Time“ in den Kopf geset­zt hat­te, gab es keine Möglichkeit mehr, einen deutschen Titel mit den gle­ichen Bedeu­tungss­chat­tierun­gen zu finden.

Da Teget­thoff als Kün­stler natür­lich kün­st­lerische Frei­heit genießt, kann ihn ja auch kein­er zu ein­er Ein­deutschung zwin­gen. Was aber machen Über­set­zer, die diese Frei­heit im All­ge­meinen nicht haben? Wenn sie ein Werk über­set­zen, dass „A Tale of …“ heißt, wird ihnen der Ver­leger nur in den sel­tensten Fällen die Behaup­tung abkaufen, dass sich dieser Titel nun ein­mal nicht über­set­zen lasse. Und tat­säch­lich wer­den solche Titel meis­tens übersetzt.

Dabei gibt es zunächst eine Mehrzahl von Über­set­zern, die offen­sichtlich kein Prob­lem mit der ange­blichen tech­nis­chen Hol­prigkeit des Wortes Geschichte haben:

  • Tales of the City (Armis­tead Maupin) — dt. Stadt­geschicht­en
  • The Tale of Peter Rab­bit (Beat­rix Pot­ter) — dt. Die Geschichte von Peter Hase
  • Lost Tales of Mid­dle-Earth (J.R.R. Tolkien) — dt. Das Buch der ver­lore­nen Geschichten
  • The Tale of Gen­hji (Murasa­ki, orig.: 源氏物語) — dt. Die Geschichte vom Prinzen Gen­ji (natür­lich keine Über­set­zung aus dem Englis­chen, aber ein Fall, in dem dem englis­chen Über­set­zer das Wort tale angemessen schien, während der deutsche sich mit Geschichte beg­nügt hat).

Auch andere Über­set­zungsmöglichkeit­en wer­den manch­mal gewählt:

  • The Winter’s Tale (William Shake­speare) — dt. Das Win­ter­märchen
  • The Can­ter­bury Tales (Geof­frey Chaucer) — dt. Die Can­ter­bury-Erzäh­lun­gen
  • The Handmaid’s Tale (Mar­garet Atwood) — dt. Der Report der Magd

Im Großen und Ganzen klin­gen die über­set­zten Titel für meine Ohren glatt und stim­mig, auch wenn sie natür­lich das Orig­i­nal nicht hun­dert­prozentig wiedergeben. Nehmen wir Maupins Tales of the City. Das sind ja alles rel­a­tiv triv­iale All­t­ags­beschrei­bun­gen vom Leben und Lieben in der Großs­tadt, ver­gle­ich­bar mit Fernsehse­rien wie Mel­rose Place oder Sex and the City. Das Wort sto­ries würde das eigentlich recht gut tre­f­fen. Aber indem Maupin sie stattdessen tales nen­nt, stellt er diese All­t­ags­beschrei­bun­gen ein wenig als mod­erne Sagen dar. Dieser Aspekt geht bei der deutschen Über­set­zung ver­loren. Was die Über­set­zerin von The Handmaid’s Tale gerit­ten hat, erschließt sich mir nicht. Bei dieser Über­set­zung kann man wirk­lich von „tech­nisch“ und „hol­prig“ sprechen — und das ganz ohne Not: die Ver­fil­mung des Romans bekam im Deutschen den schö­nen und tre­f­fend­en Titel „Die Geschichte der Dienerin“.

Manch­mal ver­mei­den es die Über­set­zer es, eine deutsche Entsprechung für das Wort tale(s) zu find­en, in dem sie nur einen Teil des Titels über­set­zen oder das Werk völ­lig neu betiteln:

  • A Tale of the Ragged Moun­tains (Edgar Allan Poe) — dt. In den Bergen
  • A Tale of Two Cities (Charles Dick­ens) — dt. Zwei Städte
  • Tales of Pow­er (Car­los Cas­tane­da) — dt. Der Ring der Kraft

Oder sie übernehmen (ähn­lich wie Tegeth­off) gle­ich den englis­chen Titel (zumin­d­est bei Fil­men und Computerspielen):

  • A Tale of Two Sis­ters (orig­i­nal: 장화, 홍련) — dt. A Tale of Two Sisters
  • Tales of Eter­nia (Ubisoft) — dt. Tales of Eternia

Eigentlich kön­nte man auch hier fast über­all die Über­set­zungsmöglichkeit Geschichte wählen, außer vielle­icht bei Tales of Pow­er und bei Tales of Eter­nia, bei denen wieder das sagen­hafte mitschwingt.

Wenn Teget­thoff also der Mei­n­ung ist, dass das Wort tales mit sein­er seman­tis­chen Spannbre­ite von „Leg­ende“ bis „Geschichte“ sein­er Instal­la­tion am besten gerecht wird, dann soll er es ver­wen­den. Eine deutsche Über­set­zung, die die sel­ben seman­tis­chen Schat­tierun­gen ver­mit­telt, gibt es nicht. Aber er sollte dann auch nicht von „Sprachver­hun­zung“ sprechen, son­dern ver­ste­hen, dass andere Sprech­er des Deutschen genau die gle­iche Moti­va­tion für die Ver­wen­dung von Lehn­wörtern haben, wie er selb­st — sie sind der Mei­n­ung, dass diese Lehn­wörter tre­f­fend­er sind, als ihre deutschen Übersetzungen.

[Nach­trag (2007–07-27, 17:23): Es ist immer eine große Ehre, wenn Lan­guage­hat einen Beitrag aus dem Bre­mer Sprach­blog auf­greift. So auch dies­mal. Ein gewiss­er „phil“ fol­gte dem Link hier­her und fragte sich dann, warum das Wort saga in unser­er seman­tis­chen Karte nicht auf­taucht. Das ist eine berechtigte Frage; ich habe deshalb die Übung mit einem größer­ern Wörter­buch wieder­holt, das Ergeb­nis find­et sich hier.]

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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

2 Gedanken zu „A Tale of Translation

  1. Christoph Päper

    Ein Wort wird aber doch sel­ten mit all seinen Bedeu­tungsnu­an­cen entlehnt. (Ich wage sog­ar zu behaupten, dass das nie der Fall ist, da ich es dann Fremd­wort nen­nen würde.) Es beze­ich­net stattdessen einen Spezial­fall des generelleren heimis­chen Begriffes bzw. etwas gän­zlich neues oder aber, was sel­tener ist, es fasst mehrere beste­hende Begriffe zu ein­er bis­lang unbe­nan­nten Kat­e­gorie zusam­men. Daneben gibt es natür­lich auch rein erset­zende Lehn­wörter – ich habe bspw. nie ver­standen, warum sich Cousin durch­set­zen konnte.

    Aber lassen wir die Lehn­wort­prob­lematik mal bei­seite und zur Benen­nung: Ich traue nur in Triv­ial- und Aus­nah­me­fällen jeman­dem zu, bewusst eine wirk­lich passende Beze­ich­nung außer­halb sein­er Mut­ter­sprache zu find­en. Genau­so ist eine orig­i­nal­ge­treue Über­set­zung ein Ding der Unmöglichkeit, schließlich ist – mit Hum­boldt – jede Sprache eine andere Sicht auf die Welt.

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  2. Anonymous Coward

    Eine kleine Anmerkung zu Tales of Eter­nia: Genaugenom­men wurde dort der japanis­che Titel des Spiels ohne Über­set­zung über­nom­men. Ver­mut­lich ist das gar nicht mal so eine schlechte Idee, denn Tales of * ist eine Spiel­erei­he (die sich ähn­lich wie Final Fan­ta­sy dadurch ausze­ich­net, dass die einzel­nen Teile inhaltlich nicht zusam­men­hän­gen) und bei ein­er Über­set­zung des Titel würde ich in der Spielein­dus­trie davon aus­ge­hen, dass die Titel­gle­ich­heit irgend­wann unnötig unter­brochen wird.

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