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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

Unwort des Jahres 2015: Gutmensch

An der Arbeit der Sprachkri­tis­chen Aktion „Unwort des Jahres“ habe ich ja sel­ten etwas auszuset­zen, und auch dieses Mal hätte sie es schlechter tre­f­fen kön­nen, als sie es mit der Wahl des Wortes Gut­men­sch getan hat. Die Ver­ach­tung und spöt­tis­che Dele­git­i­ma­tion anständi­gen Ver­hal­tens, die in diesem Wort zum Aus­druck kommt, hat nicht erst, aber auch im Jahr 2015 die öffentliche Diskus­sion geprägt und wenn die Wahl zum Unwort dabei hil­ft, eine Grund­satzde­bat­te darüber anzus­toßen, dass die auf Sol­i­dar­ität und Hil­fs­bere­itschaft auf­bauen­den Werte der Gut­men­schen bess­er sind als die auf den eige­nen Vorteil und das eigene Fortkom­men auf­bauen­den Werte der­er, die das Wort ver­wen­den, wäre das ein Gewinn. Weit­er­lesen

Flüchtlinginnen und Flüchtlinge

Dass das Wort „Flüchtling“ bezüglich sein­er Wort­bil­dung und vor allem sein­er Ver­wen­dung im all­ge­meinen Sprachge­brauch nicht unbe­d­ingt abschätzig ist, habe ich ja im vor­ange­hen­den Beitrag gezeigt, aber anlässlich der Wahl zum Wort des Jahres greift mein Kol­lege Peter Eisen­berg (bis zu sein­er Emer­i­tierung an der Uni­ver­sität Pots­dam, also gle­ich um die Ecke, tätig), in der FAZ ein anderes poten­zielles Prob­lem an diesem Wort auf:

Inter­es­sant ist, dass „Flüchtlinge“ sich bei genauerem Hin­se­hen als poli­tisch inko­r­rekt erweist. Es han­delt sich um eine Per­so­n­en­beze­ich­nung im Maskulinum, die von der Bedeu­tung her eigentlich einem Fem­i­ninum zugänglich sein sollte wie bei „Denker/Denkerin“, „Dieb/Diebin“. Aber die Form „Flüchtlingin­nen“ gibt es nicht. [Eisen­berg]

Auf dieses Prob­lem hat schon im Okto­ber meine Kol­le­gin Luise Pusch in ihrem Blog hingewiesen:

Rein sprach­lich gese­hen sind aber die „Flüchtlinge“ dur­chaus ein Prob­lem, denn das Wort „Flüchtling“ ist — wie alle deutschen Wörter, die mit „-ling“ enden — ein Maskulinum, zu dem sich kein Fem­i­ninum bilden lässt. [Pusch]

Als Prob­lem betra­cht­en das bei­de, auch wenn sie bezüglich ein­er möglichen Lösung zu unter­schiedlichen Ergeb­nis­sen kom­men: Pusch greift Sascha Lobos Vorschlag auf, das Wort Ver­triebene zu nehmen, oder ein anderes aus einem Par­tizip gebildetes Wort, wie Geflüchtete, Geflo­hene oder Willkommene. Diese Wörter kön­nen männlich (der Ver­triebene) oder weib­lich (die Ver­triebene) sein, im Plur­al (die Ver­triebe­nen) sind sie sog­ar geschlecht­sneu­tral.

Eisen­berg kann sich mit dieser Lösung nicht anfre­un­den, denn er sieht an „willkür­lichen Norm­set­zun­gen“ wie Geflüchtete ein ungelöstes „Kern­prob­lem“:

Die bei­den Wörter bedeuten nicht das­selbe. Auf Les­bos lan­den Tausende von Flüchtlin­gen, ihre Beze­ich­nung als Geflüchtete ist zumin­d­est zweifel­haft. Umgekehrt wird auch ein aus der Advents­feier Geflüchteter nicht zum Flüchtling.

Das Deutsche ist so bil­dungsmächtig, dass man sich andere Wörter als Ersatz vorstellen kann: Ver­triebene, Geflo­hene, Zwangsem­i­granten, Enthei­matete und viele weit­ere, von denen eins schön­er ist als das andere. Aber es bleibt dabei: Sie alle bedeuten etwas anderes als Flüchtlinge. [Eisen­berg]

Über­haupt ist er geziel­ter Sprach­pla­nung gegenüber skep­tisch: „Die Sprache wird nicht akzep­tiert, wie sie ist, son­dern sie gilt als manip­ulier­bar­er Gegen­stand mit unklaren Gren­zen dieser Manip­ulier­barkeit.“

Eisen­berg und Pusch gehören bei­de zu den Sprachwissenschaftler/innen, die mich am stärk­sten geprägt haben, aber in diesem Fall bleiben sie mir bei­de etwas zu sehr an der Ober­fläche der zugrun­deliegen­den sprach­lichen Phänomene. Sehen wir uns das Prob­lem also genauer an.

Kein Femininum zu Flüchtling

Eisen­berg und Pusch sind sich einig, dass es zum masku­li­nen Flüchtling kein fem­i­nines Gegen­stück gibt. Pusch stellt das als Tat­sache lediglich fest, Eisen­berg geht einen Schritt weit­er und liefert eine sprach­wis­senschaftliche Begrün­dung dafür, dass die Bil­dung Flüchtlingin „aus­geschlossen“ sei. Er erk­lärt, dass die Suf­figierung (also das Anhän­gen von Nach­sil­ben an Wörter) bes­timmten Regeln fol­gt, speziell, dass dabei eine gewisse Rei­hen­folge einzuhal­ten sei. Das kann zum (wort­bild­ner­ischen) Prob­lem wer­den, wenn zwei Ele­mente in dieser Rei­hen­folge die gle­iche Posi­tion ein­nehmen:

Es kommt vor, dass in ein­er solchen Hier­ar­chie zwei Suf­fixe sozusagen par­al­lel geschal­tet sind und dann nur alter­na­tiv auftreten, niemals aber gemein­sam, egal in welch­er Rei­hen­folge. Das gilt für -in und -ling. Bei­de bilden im Gegen­warts­deutschen Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen, das eine Maskuli­na, das andere Fem­i­ni­na. Das Sys­tem sieht sie als miteinan­der unverträglich an. [Eisen­berg]

Es gebe eben Fälle, so Eisen­berg weit­er, „in denen das Sprach­sys­tem die vielle­icht ver­bre­it­et­ste Form des Gen­derns nicht zulässt“, und dass müsse „jed­er, der auf diesem Gebi­et tätig wird, wis­sen und akzep­tieren“.

Auch die sprachre­formerisch nicht ger­ade zurück­hal­tende Luise Pusch weiß und akzep­tiert das ja, aber stimmt es eigentlich? Spricht tat­säch­lich ein tiefliegen­der sprach­sys­temis­ch­er Grund dage­gen, an Maskuli­na mit -ling zusät­zlich das fem­i­nine Suf­fix -in zu hän­gen?

Ein kurz­er Blick in die jün­gere Sprachgeschichte zeigt, dass das nicht der Fall ist. Im Deutschen Textarchiv find­en sich rund 50 Tre­f­fer für Wörter, die bei­de Nach­sil­ben kom­binieren – am häu­fig­sten Lieblin­gin, gefol­gt von Läu­flingin, Flüchtlin­gin und Fremdlin­gin, aber auch Neulin­gin, Schüt­zlin­gin, Täu­flingin u.a.:

  1. Seit jhr so eine Frem­b­dlin­gin in der Welt / daß jhr das nicht wis­set? antwortete Santscho Panssa. [1648]
  2. Die Novi­tiatin oder Neulin­gin tra­gen zum Gedaͤchtniß der Unſchuld des Selig­mach­ers ein weiſſes Scapuli­er. [1715]
  3. Es ward ihm aufgegeben, die Fluͤchtlingin einzu­holen, nach­dem ihre Flucht und ihr grober Diebſ­tal zu jed­er­manns Wiſſenſchaft drang. [1779]
  4. Kommt mein Sohn Paris, wie mein väter­lich­er Wunſch iſt, glück­lich nach Tro­ja zurück, und bringt er eine ent­führte Griechin mit ſich, ſo ſoll euch dieſe aus­geliefert wer­den, wenn ſie anders nicht als Flüchtlin­gin unſern Schutz anfle­ht. [1839]
  5. Täu­flingin hat­te, während ihr das Mützchen gelöſt ward, dreimal kräftig genieſt: item, ſie war ein Weltwun­der von Geiſt und Gaben; [1871]
  6. Sie ſehen in mir die Abkömm­lin­gin eines Geſch­lecht­es, das ſich ſeit hun­dert Jahren nur von Frauengut und ohne jede andere Arbeit oder Ver­di­enſt erhal­ten hat, bis der Faden endlich aus­ge­gan­gen iſt. [1882]

Die Tre­f­fer reichen bis ins späte 19. Jahrhun­dert hinein, und sie stam­men von Autor/innen, deren Kom­pe­tenz bezüglich der deutschen Sprache außer Frage ste­ht, darunter Gus­tav Schwab (Bsp. [4]) und Got­tfried Keller (Bsp. [6]).

Die bei­den Nach­sil­ben haben keine nen­nenswerte Bedeu­tungsverän­derung erfahren, aus der sich die Verän­derung in ihrer Kom­binier­barkeit erk­lären würde – es ist also nur ein his­torisch­er Zufall, dass sie derzeit nicht gemein­sam vorkom­men kön­nen.

Solche Zufälle gibt es auch ganz ohne das Suf­fix -ling: die fem­i­nine Form Gästin, zum Beispiel, ist im Deutschen Textarchiv bis ins frühe 18 Jahrhun­dert belegt, klingt aber heute im all­ge­meinen Sprachge­brauch merk­würdig bis falsch.1 Da es keine tiefer­ge­hen­den Gründe für die derzeit­ige Nicht-Kom­binier­barkeit der Suf­fixe gibt, kann dieser Zus­tand dur­chaus vorüberge­hend sein – wenn die Sprecher/innen des Deutschen aufge­hört haben, diese Nach­sil­ben zu kom­binieren, kön­nen sie auch wieder damit anfan­gen.

Ist der Flüchtling überhaupt männlich?

Aber wäre es über­haupt ein Prob­lem, wenn die Nach­sil­ben unkom­binier­bar und der Flüchtling damit ein reines Maskulinum bliebe? Im Prinzip nicht, und die Gründe dafür liegen in ein­er Funk­tion­sweise men­schlich­er Sprachen, die auch weit­er unten noch ein­mal rel­e­vant wird: Wörter erhal­ten ihre Bedeu­tung nicht (bzw. nicht auss­chließlich) aus sich selb­st her­aus, son­dern zu einem großen Teil durch ihre Oppo­si­tion zu ähn­lichen Wörtern: Die Wörter Stuhl und Ses­sel unter­schei­den sich in ihrer Bedeu­tung, eben weil es zwei Wörter für Sitzgele­gen­heit­en gibt: im Englis­chen gibt es für bei­des nur das Wort chair, das – anders als die deutschen Wörter — harte und weiche Sitzmö­bel gle­icher­maßen beze­ich­net.

Die meis­ten Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen im Deutschen haben eine masku­line und eine fem­i­nine Form, und aus dieser Oppo­si­tion ergibt sich die Bedeu­tung „männlich“ und „weib­lich“. Wörter, die in kein­er solchen Oppo­si­tion ste­hen – der Men­sch, die Per­son und eben auch der Flüchtling – sind im Prinzip geschlecht­sneu­tral.

Lei­der nur im Prinzip, denn ganz so ein­fach ist es dann doch nicht, wie Luise Pusch schreibt:

Diese masku­li­nen Beze­ich­nun­gen [„Flüchtling“, „Lehrling“, „Täu­fling“, „Säugling“ usw.] ver­drän­gen Mäd­chen und Frauen aus unserem Bewusst­sein; sie lassen in unseren Köpfen automa­tisch Bilder von Jun­gen oder Män­nern entste­hen.“

Das stimmt unglück­licher­weise, es liegt aber an einem Prob­lem, für das die Sprache nur teil­weise etwas kann: an ein­er kul­turell bed­ingten kog­ni­tiv­en Verz­er­rung, die uns immer dann, wenn von Men­schen die Rede ist, davon aus­ge­hen lässt, dass Män­ner gemeint sind, solange nicht expliz­it das Gegen­teil kom­mu­niziert wird. Dieser Verz­er­rung mögen wir uns nicht bewusst sein, sie ist aber dutzend­fach exper­i­mentell nachgewiesen, sie greift schon bei Kindern und existiert in allen bish­er unter­sucht­en Kul­turen – auch solchen, in deren Sprachen Geschlecht nie oder nur aus­nahm­sweise markiert wird.

Das Wort Flüchtling selb­st ist also nicht ver­ant­wortlich für die stereo­typ männliche Bedeu­tung, die es aus­löst. Die all­ge­meine kog­ni­tive Verz­er­rung wird aber in abse­hbar­er Zeit nicht ein­fach ver­schwinden (damit das geschieht, müsste zuerst das Patri­ar­chat und die Erin­nerung daran ver­schwinden). Es kön­nte also nüt­zlich sein, eine gram­ma­tisch fem­i­nine, seman­tisch weib­liche Alter­na­tive für das Wort Flüchtling zu haben, mit der man dort, wo nötig, dieser Verz­er­rung ent­ge­gen­wirken kön­nte.

Also doch alternative Wörter für Flüchtling?

Solche Alter­na­tiv­en gibt es ja, wie oben disku­tiert, bere­its: Pusch und Eisen­berg nen­nen das von Lobo und anderen vorgeschla­gene Ver­triebene, das auch von der Wort-des-Jahres the­ma­tisierte Geflüchtete/r und dessen Vari­ante Geflo­hene, Eisen­berg außer­dem Zwangsem­i­granten und Enthei­matete. Sie alle wer­den bere­its ver­wen­det und haben maskulin-männliche und fem­i­nin-weib­liche For­men, wären also gute Alter­na­tiv­en – wenn sie nicht, wie Eisen­berg betont, andere Bedeu­tun­gen trans­portieren wür­den als Flüchtling.

Kann also keine dieser Alter­na­tiv­en das Wort Flüchtling erset­zen? The­o­retisch doch, denn auch hier greift das Prinzip der Oppo­si­tion: die Wörter bilden ein Wort­feld, in dem jedes der Wörter seine Bedeu­tung durch Bezüge und Abgren­zun­gen der anderen vorhan­de­nen Wörter erhält. Würde das Wort Flüchtling mit einem Mal ver­schwinden, wür­den eins oder mehrere der anderen Wörter den frei­w­er­den­den Bedeu­tungs­bere­ich mit abdeck­en. Wie ich im let­zten Beitrag beschrieben habe, zeigt das Wort Geflüchtete/r tat­säch­lich jet­zt schon erste Anze­ichen ein­er Aus­dehnung in den Bedeu­tungs­bere­ich von Flüchtling.

Schlussgedanken

Eisen­bergs Argu­men­ta­tion geht also an min­destens zwei Stellen impliz­it von ein­er sta­tis­chen Vorstel­lung von Sprache aus: erstens dort, wo er die derzeit­ige Nicht-Kom­binier­barkeit von -ling und -in als unverän­der­liche Eigen­schaft des Sprach­sys­tems darstellt und zweit­ens dort, wo er die Bedeu­tun­gen der Alter­na­tiv­en für Flüchtling als gegeben und eben­falls unverän­der­lich annimmt. Aus dieser angenomme­nen Sta­tik des Sys­tems ergibt sich zum Teil seine oben zitierte Kri­tik an denen, die die Sprache nicht so akzep­tieren, „wie sie ist“. Zum anderen Teil ergibt sie sich – ver­mute ich – aus dem in der Sprach­wis­senschaft weit ver­bre­it­eten Axiom, dass Sprache sich nicht von außen verän­dern lässt, son­dern sich nach eige­nen Geset­zmäßigkeit­en entwick­elt.

Aber natür­lich „ist“ Sprache nie, sie ist zu jedem Zeit­punkt im Wer­den. Und natür­lich lässt sie sich in ihrer Entwick­lung bee­in­flussen: die Sprachge­mein­schaft hat eine Rei­he diskri­m­inieren­der Wörter aus dem all­ge­meinen Sprachge­brauch genom­men, sodass sie ganz ver­schwun­den oder in einzelne Sub­kul­turen abge­drängt wor­den sind.

Man kann – wie Eisen­berg, und wie auch ich – der Mei­n­ung sein, dass keine Notwendigkeit beste­ht, das auch mit dem Wort Flüchtling zu tun. Ich stimme ihm zu, dass die Bedeu­tungsvielfalt der Wörter im Wort­feld „Men­schen auf der Flucht“ eine Ressource zur Bedeu­tungs­d­if­feren­zierung ist, die wir nicht vorschnell aufgeben müssen und soll­ten. Das Prob­lem des Gen­derns wür­den wir allein mit ein­er Neube­wor­tung sowieso nicht in den Griff bekom­men, denn im schein­bar geschlecht­sneu­tralen Plur­al, in dem die Wörter typ­is­cher­weise ver­wen­det wer­den, käme ohne­hin die oben erwäh­nte kog­ni­tive Verz­er­rung wieder ins Spiel (bei die Geflüchteten denken wir zunächst genau­so sehr nur an Män­ner wie bei dem Wort die Flüchtlinge).

Aber man sollte die grund­sät­zlichen Möglichkeit­en und Notwendigkeit­en sprach­planer­isch­er Ein­griffe nicht mit dem Argu­ment abtun, das Sprach­sys­tem sei, wie es ist. Sprache ist, was ihre Sprachge­mein­schaft aus ihr macht.

  1. Das Wort erlebt aber möglicher­weise ein Come­back – Im Google-Books-Kor­pus zeigt sich seit Mitte des let­zten Jahrhun­derts ein Aufwärt­strend und der Duden hat Gästin 2013 offiziell aufgenom­men []

Flüchtlinge zu Geflüchteten?

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat in der Begrün­dung zu ihrer Wahl von Flüchtlinge zum Wort des Jahres am Rande the­ma­tisiert, dass das Wort „für sprach­sen­si­ble Ohren ten­den­ziell abschätzig“ klinge, und das deshalb „neuerd­ings … öfters alter­na­tiv von Geflüchteten die Rede sei. Es bleibe aber abzuwarten, ob sich diese Alter­na­tive „im all­ge­meinen Sprachge­brauch durch­set­zen“ würde. Der Vor­sitzende der GfdS, der Han­nover­an­er Sprach­wis­senschaftler Peter Schlobin­s­ki, wurde gegenüber der dpa deut­lich­er: „Ich glaube, dass Flüchtling let­ztlich bleibt, dass Geflüchtete keine Chance hat“.

Bei­de Fra­gen – ob Flüchtlinge einen neg­a­tiv­en Beik­lang hat und ob das Wort Geflüchtete (oder auch Flüch­t­ende) eine aus­sicht­sre­iche neu­trale Alter­na­tive wäre, stoßen auf anhal­tendes Inter­esse (der Sprachlog-Beitrag aus dem Jahr 2012 zu diesem The­ma gehört zu den am kon­tinuier­lich­sten abgerufe­nen, auch der Deutsch­land­funk hat in sein­er Berichter­stat­tung zum Wort des Jahres darauf ver­linkt). Ich möchte die Gele­gen­heit deshalb nutzen, diesen Beitrag um einige Per­spek­tiv­en zu ergänzen, die über die üblichen sub­jek­tiv­en Ein­drücke hin­aus­ge­hen, die die GfdS auch dieses Jahr anstelle sprach­wis­senschaftlich­er Analy­sen von sich gegeben hat. Weit­er­lesen

Wort des Jahres 2015: Flüchtlinge

Die Gesellschaft für deutsche Sprache ver­sucht mit dem „Wort des Jahres“ jedes Jahr, Wörter zu präsen­tieren, die „das zu Ende gehende Jahr beson­ders gut charak­ter­isieren“. Das gelingt nur sel­ten: Im let­zten Jahr war es das schnell ver­flo­gene Licht­gren­ze, im Jahr davor das bleiern-ans­gestrengte GroKo, und im Jahr davor das völ­lig abstruse Ret­tungsrou­tine. In diesem Jahr ist es aus­nahm­sweise gelun­gen, ver­mut­lich, weil selb­st die all­t­agsabge­wandte GfdS nicht in der Lage war, das beherrschende The­ma des Jahres zu ignori­eren: Weit­er­lesen

Revolutionär*innen, die auf Sternchen starren

Die Grü­nen haben am Woch­enende auf ihrer Bun­des­delegiertenkon­ferenz unter anderem beschlossen, in Parteitags­beschlüssen in Zukun­ft verbindlich den Gen­der-Stern (Student*innen, Kindergärtner*innen, Ter­ror­ist*innen) zu ver­wen­den. Angesichts der Empfind­lichkeit, mit der die deutsche Öffentlichkeit auf geschlechterg­erechte Sprache reagiert, wurde diese Satzungsän­derung natür­lich vor, während und nach dem Parteitag in den Medi­en disku­tiert. Die Fron­ten waren dabei vorherse­hbar verteilt: „Gen­der-Gaga“ war der Beschluss z.B. für die Bild (der es dabei nicht nur um die Sprache ging: sie störte sich auch an der Idee von „Extra-Zel­ten für trans­sex­uelle Flüchtlinge“). Der Cicero sah in dem Beschluss ein Zeichen für die „Rück­ver­wand­lung ein­er Partei in eine Krabbel­gruppe“. Und die Ost­thüringer Zeitung kon­nte es sich nicht verkneifen, in ihrer Schlagzeile von „Grün*innen“ zu sprechen. Die taz dage­gen vertei­digt den Beschluss sehr fachkundig, und die Süd­deutsche Zeitung sagt zum Gen­der-Stern „Schön ist das nicht — aber richtig“.

Wer ab und zu das Sprachlog liest, wird ver­muten, dass ich mich hier dem zweit­en Lager anschließen und die Grü­nen für ihren Beschluss loben werde. Diese Ver­mu­tung muss ich aber ent­täuschen – anders als die Süd­deutsche finde ich den Gen­der-Stern schön, aber falsch. Natür­lich stimme ich auch dem ersten Lager nicht zu. Das Prob­lem ist nicht, dass der Beschluss der Grü­nen „Gen­der-Gaga“ ist, son­dern, dass er nicht gen­der-gaga genug ist. Die Grü­nen entwick­eln sich nicht zu ein­er Krabbel­gruppe, sie ver­ab­schieden sich von der weltverän­dern­den Anar­chie, die jed­er Krabbel­gruppe innewohnt. Weit­er­lesen

Wörterwahl mit Freudentränen

Die Entschei­dung der Oxford Dic­tio­nar­ies, ein Emo­ji zu ihrem Wort des Jahres zu machen, begrüße ich selb­stver­ständlich (schließlich bin ich ja zumin­d­est neben­beru­flich der „Emo­ji-Pro­fes­sor“, wie mich eine Jour­nal­istin des Berlin­er Kuri­er gestern am Tele­fon begrüßte). Emo­ji sind ein wichtiger Teil der Online-Kom­mu­nika­tion gewor­den, und wozu son­st sollte eine Wörter­wahl gut sein, wenn nicht dazu, auf der­ar­tige Entwick­lun­gen hinzuweisen.

Auch, dass die Oxford Dic­tio­nar­ies bei der Entschei­dung, welch­es Emo­ji es denn sein soll, nach der Ver­wen­dung­shäu­figkeit gehen und das Freuden­trä­nen-Emo­ji 😂 gewählt haben, ist nachvol­lziehbar. Dass man es dann aber bei der etwas abstrusen Begrün­dung belassen hat, dieses Emo­ji drücke in beson­der­er Weise die Stim­mungen und Gedanken des Jahres 2015 aus, ist schade. Denn erstens stimmt es nicht (oder kommt irgend­je­man­dem hier das Jahr 2015 beson­ders lustig vor?), und zweit­ens sollte eine Wörter­wahl dazu dienen, etwas über das gewählte Wort, und damit über Sprache all­ge­mein, zu ler­nen.

Es wäre also inter­es­sant gewe­sen, wenn die Oxford Dic­tio­nar­ies ihre lexiko­grafis­che Kom­pe­tenz dazu einge­set­zt hät­ten, uns etwas über den Gebrauch des Emo­ji 😂 und Emo­ji all­ge­mein zu erzählen.

Sie haben es nicht, und deshalb muss ich es tun. Ich habe mir also eine Stich­probe von 200 haupt­säch­lich englis­ch­er Tweets ange­se­hen, in denen das Emo­ji ver­wen­det wird. Hier die Ergeb­nisse mein­er Analyse, die vielle­icht dazu beitra­gen, zu ver­ste­hen, warum das 😂 das häu­fig­ste Emo­ji ist. Weit­er­lesen

Man ist so Wort, wie man sich fühlt

Das Jugend­wort des Jahres 2015 wurde eben bekan­nt gegeben. Wie auch in den let­zten Jahren (2013, 2014) sind dem Sprachlog die Aufze­ich­nun­gen der Beratun­gen aus den Redak­tion­sräu­men des Wörter­buchver­lags Schlangenei­dt zuge­spielt wor­den, die wir im Fol­gen­den ungekürzt veröf­fentlichen. Weit­er­lesen

Asylgegner und Asylbefürworter

Eins der Unwörter, das mir in der Berichter­stat­tung über Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkün­fte bish­er ent­gan­gen ist, ist das Wort Asyl­be­für­worter. Tat­säch­lich kon­nte ich zunächst kaum glauben, dass es wirk­lich ver­wen­det wird, als ich es heute früh in diesem Tweet des MDR Sach­sen las:

Eine schnelle Recherche ergab dann aber, dass das Wort tat­säch­lich von den Medi­en ver­wen­det wird – nicht nur vom MDR, son­dern z.B. auch von der säch­sichen Freien Presse, von Spiegel Online, der Bild, dem Han­dels­blatt, dem Deutsch­land­funk und der Tagess­chau. Weit­er­lesen

Kulturkämpfe

Ein Kampf der Kul­turen tobt in unserem Land. Nicht so sehr zwis­chen Chris­ten und Mus­li­men oder Abend- und Mor­gen­land, son­dern vielmehr unter Politiker/innen, die sich darin über­schla­gen, ständig neue Kom­posi­ta mit dem Zweit­glied -kul­tur zu erfind­en und in Poké­mon-Manier gegeneinan­der in den Kampf zu schick­en.

Ange­fan­gen hat der Kul­turkampf ganz unauf­fäl­lig und noch wenig kämpferisch: Seit min­destens zehn Jahren fordern Poli­tik und Wirtschaft eine Willkom­men­skul­tur gegenüber Migrant/innen – ange­feuert weniger von Fre­undlichkeit als von Fachkräfte­man­gel. In diesem Zusam­men­hang wird das Wort auch von deutschen Behör­den wie dem Bun­de­samt für Migra­tion und Flüchtlinge, und – beze­ich­nen­der­weise – dem Bun­desmin­is­teri­um für Wirtschaft und Energie ver­wen­det. In jün­ger­er Zeit hat sich die Willkom­men­skul­tur dann im Rah­men ansteigen­der Flüchtlingszahlen zu einem schlag­wor­tar­ti­gen Gege­nen­twurf zur bis dahin vorherrschen­den, nen­nen wir sie mal bürg­er­lichen Besorg­nis- und Kri­tikkul­tur entwick­elt. Weit­er­lesen

Das Netz kann alles, außer Gender

In den ver­gan­genen Tagen hat das Netz, wie man so schön sagt, viel gelacht, und zwar über einen Text der Fach­schaft Gen­der Stud­ies an der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin. In dem Text, den Sie zum Ver­ständ­nis des Fol­gen­den kurz lesen soll­ten, falls Sie ihn noch nicht ken­nen, geht es um den Auss­chluss eines Mit­glieds der Fach­schaft auf­grund eines Kon­flik­ts, in dem es unter anderem um ras­sis­tis­che Äußerun­gen und Geschlecht­si­den­titäten ging. Der Text ist darüber hin­aus in ein­er (rel­a­tiv abgemilderten) Ver­sion ein­er Sprach­va­ri­etät abge­fasst, wie sie von ein­er bes­timmten Rich­tung der Gen­der Stud­ies und der Crit­i­cal White­ness Stud­ies ver­wen­det wird, und die u.a. durch geschlecht­sneu­trale For­mulierun­gen (z.B. durch die Ver­wen­dung von Unter­strichen) und durch explizite Ver­weise auf Kat­e­gorien gekennze­ich­net ist, die sich grob als „Geschlecht­si­den­tität/-zuschrei­bung“ und „eth­nis­che Identität/Zuschreibung“ charak­ter­isieren lassen.

Der Text ist aus zwei ver­schiede­nen Per­spek­tiv­en kri­tisiert und/oder belacht wor­den: erstens aus ein­er inhaltlichen, in Bezug auf den berichteten Vor­fall und den Umgang der Fach­schaft mit diesem; zweit­ens aus ein­er for­malen, in Bezug auf die eben erwäh­nte Sprach­va­ri­etät. Weit­er­lesen