Archiv der Kategorie: Allgemein

Pack, Vertriebene und die verunsicherte Mitte

Da ich dieser Tage immer noch viele Anfra­gen zum Unwort Asylkri­tik bekomme, hier aus der Ferne ein paar kurze Noti­zen zu anderen Untiefen des aktuellen Sprachge­brauchs.

Mitte, verun­sicherte. Von Sig­mar Gabriel ins Spiel gebrachte Beze­ich­nung für Men­schen, die zwar wed­er verun­sichert noch Mitte sind, die man aber nicht mehr als „asylkri­tisch“ oder als „besorgt“ beze­ich­nen kann, ohne den Spott mit­denk­ender Men­schen her­aufzubeschwören. Passt zum Ver­such der SPD und der anderen „bürg­er­lichen“ Parteien, sich ein anständi­ges, nur vorüberge­hend besorgt-verun­sichertes Bürg­er­tum her­beizuphan­tasieren, das man vom recht­en ★Pack auf der einen Seite abgren­zen kann, und – da es ja die „Mitte“ ist, auch von „linken Chaoten“ auf der anderen Seite. Passt nicht zu ein­er Wirk­lichkeit in der sich Men­schen, die eigentlich nur anständig sind, ver­mehrt die Frage stellen, ob sie das vielle­icht nicht doch eher zu Linken macht. Passt auch nicht zu ein­er Wirk­lichkeit, in der linke Chaoten oft die ersten, und manch­mal lei­der auch die einzi­gen sind, die sich der verun­sicherten Mitte in den Weg stellen, wenn diese den Flüchtlin­gen ihre Asylkri­tik demon­stri­eren wollen. Weit­er­lesen

Blogspektrogramm 34/2015

Wer­den unsere lit­er­arisch hochw­er­ti­gen Intros eigentlich von irgendwem gele­sen? Wer­den unsere lit­er­arisch hochw­er­ti­gen Intros eigentlich von irgendwem gele­sen? Wer­den unsere lit­er­arisch hochw­er­ti­gen Intros eigentlich von irgendwem gele­sen? Wer­den unsere lit­er­arisch hochw­er­ti­gen Intros eigentlich von irgendwem gele­sen? Viel Spaß!

Blogspektrogramm 29/2015

Links, Links, Links: Heute gibt es hier Dessous, ange­blich unsich­er sprechende Frauen, jede Menge Scheiße, ein wenig Inter­netlin­guis­tik und unter­halt­same Reime. Los geht’s:

  • Wer seine her­ren­lose Dame­nun­ter­wäsche sucht, soll sich melden? Auf LAUT UND LUISE amüsiert sich Luise Pusch über eine Zeitungsmeldung.
  • Warum schreibt man Frauen immer wieder vor, wie sie sprechen soll­ten, um ern­stgenom­men zu wer­den? Und sprechen sie wirk­lich so, wie man landläu­fig ver­mutet? Deb­o­rah Cameron sieht sich die Sache auf LANGUAGE: A FEMINIST GUIDE genauer an»Dur­ing an item in which the come­di­an Viv Groskop dis­cussed her new show about women’s habit of con­stant­ly say­ing sor­ry, anoth­er guest, the lin­guist Louise Mul­lany, point­ed out that the stereo­type of women con­stant­ly say­ing sor­ry has not been borne out by research. But the pre­sen­ter and Groskop just brushed this aside. Every­one knows that women ‘over-apol­o­gize’. The ques­tion is—to quote the trail­er on the programme’s website—‘why do women do it, and how can they stop?’« (Via @texttheater)
  • Christo­pher Bergmann macht sich auf ISOGLOSSE Gedanken zu Fäkalien im Deutschen, Englis­chen und Nieder­ländis­chen und trifft auf ein großes Wort­durcheinan­der: »Some hun­dreds of years ago, [the Dutch word shi­jt] still referred to fae­ces, or to liq­uid stool in par­tic­u­lar, but the only mean­ing in con­tem­po­rary lan­guage is ‘the state of hav­ing diar­rhoea’. Unlike ‘Scheiße’ and ‘shit’, ‘schi­jt’ is not used as a swear­word in Dutch.« (Via @Vilinthril)
  • LINGUISTLAURA stellt eine Unter­suchung zur Bedeu­tung von cheeky vor, zu der sie durch ein Meme angeregt wurde: »Do you call a mis­be­hav­ing child a cheeky mon­key? Do you ever go for a cheeky beer after work? Would you take your Sig­nif­i­cant Oth­er out for a cheeky Valentine’s Day din­ner at a nice Ital­ian restau­rant? Chances are you said no to the last ques­tion, not because you wouldn’t make such a roman­tic ges­ture, but because cheeky doesn’t sound right in that sen­tence. What’s more, if you’re from the Unit­ed States, you prob­a­bly aren’t as keen on the word cheeky in the first place. At least that’s what we thought when the cheeky Nando’s meme went viral a few weeks ago.«  
  • Auf SENTENCE FIRST hat Stan Carey Reime zu lin­guis­tis­ch­er Fachter­mi­nolo­gie gesam­melt, die er Anfang Juli getweet­et hat. Für Laien nicht so amüsant, für Men­schen mit ein bißchen Hin­ter­grund umso mehr: »A is for ARBITRARY: a sound’s tie to mean­ing.
    B is for BACK-FORMED, like dry-clean from dry-clean­ing. It is CLEFT that C is for, the clause now divid­ed.
    D is for DESCRIPTIVISM, objec­tive­ly guid­ed.E is for ETYMON, whose ety­mon is Greek.
    F is for FRONT, like the vow­els in sneak peek

Blogspektrogramm 21/2015

Heute begrüßen wir Sie im lin­guis­tis­chen Train­ingslager in fast auss­chließlich englis­ch­er Sprache — die Teil­nahme ist natür­lich kosten­frei und dazu noch infor­ma­tiv, klug, unter­halt­sam und geeignet für alle, die sich für Wörter, Bedeu­tun­gen, Ety­molo­gien, Mythen und lustige Wortbe­standteile inter­essieren. Been­det wird das Boot­camp mit einem Test. Viel Spaß!

Die Narzissmuskeule

Wenn Sie regelmäßig im LANGUAGE LOG vor­beis­chauen, dann haben Sie let­ztens dort vielle­icht Mark Liber­mans Kom­men­tar zu ein­er Studie gele­sen, die keinen Zusam­men­hang von Narziss­mus und der Ver­wen­dung von Per­son­al­pronomen (ich, mein, meins) gefun­den hat. Eine Studie kom­men­tieren, die kein Ergeb­nis hat? Weit­er­lesen

Blogspektrogramm 13/2015

Heute haben wir kurz und knack­ig Links aus­gewählt mit lesens- und hörenswerten Infor­ma­tio­nen aus dem Bere­ich Lexikon, Wortbe­deu­tung, Zeichenkodierun­gen und gram­ma­tis­chen Zweifels­fällen. Klein, aber oho und fak­ten­re­ich:

  • Zeichenkodierung war und ist ein richtig großes Durcheinan­der — welche Prob­leme Schreiber/innen von Sprachen haben, deren Schrift nicht auf dem lateinis­chen Alpha­bet beruht, das fasst Aditya Muk­er­jee auf MODEL VIEW CULTURE tre­f­fend zusam­men: „I can text you a pile of poo, but I can’t write my name.“ (danke an @giardino)
  • Der Mit­telfin­ger des griechis­chen Finanzmin­is­ters hat auch die Sprach­wis­senschaft beschäftigt:
    • Ana­tol hat erst ver­sucht, klarzustellen, wem der Mit­telfin­ger gezeigt wurde (deutsch, englisch) und dann für Inter­net und Medi­en noch nachgeschla­gen, was to doc­tor heißt.
    • Luise Pusch hat sich mit ein­er Frage befasst, die sich son­st nie­mand gestellt hat: Warum ist der Mit­telfin­ger eigentlich eine Belei­di­gung und was hat das möglicher­weise mit der Tat­sache zu tun, dass die griechis­che Regierung zu 100 Prozent aus Män­nern beste­ht
  • Damaris Nübling von der Uni Mainz hat den Kon­rad-Duden-Preis erhal­ten. Im SWR spricht sie über Zweifels­fälle und Tier­na­men.
  • Texas Ger­man ken­nense schon, oder?
  • ROBOT HUGS erk­lärt „Dic­tio­nary“.

Die Völkerwanderung war kein Vatertagsausflug: Über 60 Wörter auf -in

Dies ist ein Beitrag, den ich unge­fähr ein Jahr lang bewusst nicht geschrieben habe, obwohl es mich manch­mal in den Fin­gern gejuckt hat. Es geht um das Kleine Ety­mo­log­icum und wie ich darin mit Men­schen umge­he. Es geht um Lan­go­b­ardinnen, die auch männlich sein kön­nen. Es geht um … (Achtung, Reiz­wort!) … geschlechterg­erechte Sprache.

Viele Leute ken­nen die Fußnote auf Seite 11, selb­st wenn ihnen das Buch offen­sichtlich unbekan­nt ist (Achtung, Link geht zur Jun­gen Frei­heit!) — ich rufe kurz in Erin­nerung:

Bei gener­isch­er Ver­wen­dung von Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen (wenn keine konkreten Indi­viduen gemeint sind) wird in diesem Buch die weib­liche oder die männliche Form gebraucht. Die Zuweisung erfol­gt per Zufall, über eine ran­domisierte Liste. Gemeint sind aber immer alle Men­schen, egal welchem Geschlecht sie sich zuge­hörig fühlen (oder ob sie das über­haupt tun). Auch die Fälle, in denen unklar war, ob bei­de Geschlechter gemeint sind, wur­den großzügig den gener­ischen Beze­ich­nun­gen zugeschla­gen. Sie wer­den im Fol­gen­den also auf Vor­fahrin­nen, Griechin­nen, Lexiko­grafinnen … stoßen, die alle Nicht-Frauen mit­meinen – und auf Ahnen, Goten und Sprach­wis­senschaftler, die die Nicht-Män­ner ein­schließen.

Für die Reflex­em­pörten aus dem Link schreibe ich nicht — ich schreibe für diejeni­gen Leserin­nen und Leser, die mir in den ver­gan­genen Monat­en E-Mails und Briefe (und erstaunlich oft an E-Mails ange­hängte Briefe) geschickt haben. Sehr höfliche Nachricht­en waren das, durchge­hend, mit vie­len inter­es­san­ten Anmerkun­gen, viel Lob, gele­gentlich mal mit Hin­weisen auf Tippfehler (in der vielfach verbesserten 2. Auflage fast alle aus­ge­merzt, her­zlichen Dank!) und am Ende dann gele­gentlich mit der Frage, Weit­er­lesen

Wie man gefühlte Paprika stellen kann: Minimalpaare

Kür­zlich hat eine kore­anis­che Aus­tauschstu­dentin nach der Sprech­stunde bei mir Noti­zen aus einem Deutschkurs vergessen. Als ich das Blatt bei­seit­elegte, sah ich eine sehr schöne Notiz:

die gefüllte Papri­ka

gefühlte

Grade eben hab ich die Suchan­fra­gen durchge­blät­tert, die zum Sprachlog führen1 und dabei etwas ganz Ähn­lich­es gefun­den:

wort­paare stellen stehlen

An diesen bei­den Wort­paaren erk­läre ich heute kurz einen Grund­be­griff aus der Phonolo­gie — also grob gesagt der Laut­lehre ein­er Sprache:

Wenn man gefüllt/gefühlt und stellen/stehlen spricht, merkt man, dass die Buch­staben die Aussprache nicht genau reflek­tieren: Weit­er­lesen

  1. Warum zum Teufel ist das läng­ste deutsche Wort so inter­es­sant?? []

Blogspektrogramm 9/2015

Tag der Mut­ter­sprache, Sozi­olin­guis­tik, Speisekarten, Comics und kor­rupter Bankrott? Was das alles miteinan­der zu hat, lesen Sie heute im geruh­samen Spek­tro­gramm:

  • Gestern war „Inter­na­tionaler Tag der Mut­ter­sprache“ — dass es dabei über­wiegend um bedro­hte und nicht die deutsche Mehrheits-, Bil­dungs- und Verkehrssprache geht, hat erwäh­nenswert aufge­grif­f­en unter anderem Nedad Memić mit einem Artikel in der WIENER ZEITUNG sowie einem Inter­view mit der Mehrsprachigkeit­sex­per­tin Katha­ri­na Briz­ić in DER STANDARD.
  • Bei „Fra­gen Sie Dr. Bopp“ beant­wortet Dr. Bopp nor­maler­weise Fra­gen von Leser/innen. Diese Woche greift er ein­fach seine eigene Frage auf und erzählt uns von der Ver­wandtschaft zwis­chen kor­rupt und bankrott.
  • Wir machen uns über lustige Über­set­zun­gen und maschinelle Über­set­zung in Asien lustig? Joa, da haben sich Chines/innen in Mel­bourne jet­zt bes­timmt gedacht: Höhö! (Vic­tor Mair im LANGUAGE LOG).
  • Speisekarten­lin­guis­tik von Dan Juravsky jet­zt mit Trau­ma­analyse in Restau­rantre­views (Sprachlog berichtete BS 15/2014 und BS 38/2014).
  • Comics sind ein visuelles Medi­um“, schreibt Greg Uyeno auf LEXICON VALLEY — und noch mehr zur Lin­guis­tik von Krach in Comics.

Blogspektrogramm 7/2015

Neuerd­ings haben wir ja immer so viel Mate­r­i­al, dass wir lang­weilige Spra­chunter­gangsapoka­lypsen gar nicht mehr ver­linken müssen. Heute also Selb­stre­flex­ives zu „Black­fac­ing“, unfass­bare Gram­matikpedanz bei Wikipedia und erfrischen­des zu Anführungsze­ichen. Dazu ein Ver­anstal­tung­sh­in­weis für Berliner/innen — und wie Sie sich darauf vor­bere­it­en kön­nen:

  • Im DEUTSCHLANDRADIO KULTUR nimmt sich Joachim Dicks unseren Anglizis­mus des Jahres zum Anlass, über die Tra­di­tion des Black­fac­ing nachzu­denken: „Als ich ein Junge war, zog ich als katholis­ch­er Min­is­trant mit den Sternsingern durch die Gemeinde. Ein­er von uns musste sich immer dun­kle Schuh­wichse ins Gesicht schmieren und den Cas­par mimen, und so sam­melten wir bei unseren Gemein­demit­gliedern Geld für die näch­ste Mess­di­ener­fahrt ein. Die Rolle des afrikanis­chen Weisen war im karnevalesken Rhein­land unter uns Kindern heiß begehrt: ein religiös motiviertes The­ater­spiel, dass uns selb­st im fröstel­nden Jan­u­ar warm ums Herz machte. Den Nach­barsjun­gen aus Ghana woll­ten wir damit keineswegs verulken, und er nahm es, soweit ich mich erin­nere, mit Humor. Aber sich­er bin ich mir heute nicht mehr. Wer weiß, was wirk­lich in ihm vorg­ing? Gefragt habe ich ihn nie.“
  • Emo­jis sind schw­er in: nicht nur Ana­tol wird derzeit häu­fig dazu befragt (u.a. wieder diese Woche aus­führlich auf RADIO EINS), auch Vyv Evans hat sich im GUARDIAN zum Zeichen­sta­tus im sprach­wis­senschaftlichen Sinne Gedanken gemacht, anknüpfend an die Frage, ob man mit Emo­jis „Ter­ror­dro­hun­gen“ aussprechen kann.
  • [VERANSTALTUNGSHINWEIS] Und weil Ana­tol mit­tler­weile eine aus­gewiesene Koryphäe der Emo­ji­forschung ist, sind Emo­jis The­ma der Abschlusssitzung sein­er Vor­lesung „Lev­els of Lin­guis­tic Analy­sis“ an der Freien Uni­ver­sität Berlin (Do, 12.2., 12–14 Uhr, Hör­saal 2, Rost-/Sil­ber­laube, Habelschw­erdter Allee 45).
  • Nochmal Emo­jis: eben­falls im GUARDIAN hat man die Emo­jis aus­gezählt, die in Tweets über britis­che Politiker/innen ver­wen­det wer­den.
  • Mit einem deutschen Wor­t­ex­port der zweifel­haften Art beschäftigt sich Philipp Krämer auf dem Blog der Nieder­ländis­chen Philolo­gie (Freie Uni­ver­sität Berlin): das Demokon­fix (?) -gida im nieder­ländis­chen Sprachraum, „Vlagi­da und die Lügen­presse“.
  • Im Englis­chen nen­nt man sie „Gram­mar Nazis“, Leute wie Bryan Hen­der­son, der in der Wikipedia ange­blich 47.000-mal den gle­ichen „Fehler“ kor­rigiert hat. Davon bericht­en diese Woche u.a. DER STANDARD. David Shari­at­madari erk­lärt im GUARDIAN, warum Hen­der­son nicht ein­fach nur pedan­tisch ist, son­dern auch daneben liegt.
  • Im LEXICON VALLEY auf SLATE gibt’s was zur Geschichte von Anführungsze­ichen.
  • Und um ein ver­bales „Anführungsze­ichen“ geht’s bei XKCD.