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	<description>Wenn es Sprache ist, bloggen wir darüber.</description>
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		<title>Blogspektrogramm 20/2013</title>
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		<pubDate>Sun, 19 May 2013 07:00:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachlog</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hinweise]]></category>

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		<description><![CDATA[Statt lorem ipsum: ich bin mal wieder son Einleitungstext und frage mich manchmal, ob mich jemand liest. Wäre das Verfassen dieser Zeilen sonst nicht eine unerhörte Verschwendung frühsonntäglicher Lebensfreude? Ähem, jetzt aber mal zur Sache — unsere auserwählten Worte zum Sonntag: Die BBC berichtet über Texas German, das (noch) von Nachfahren deutscher EinwanderInnen gesprochen wird [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Statt lorem ipsum: ich bin mal wieder son Einleitungstext und frage mich manchmal, ob mich jemand liest. Wäre das Verfassen dieser Zeilen sonst nicht eine unerhörte Verschwendung frühsonntäglicher Lebensfreude? Ähem, jetzt aber mal zur Sache — unsere auserwählten Worte zum Sonntag:</p>
<ul>
<li><span style="line-height: 16px;">Die BBC berichtet über Texas German, das (noch) von Nachfahren deutscher EinwanderInnen <a href="http://www.bbc.co.uk/news/magazine-22490560">gesprochen wird</a> (überwiegend, äh, Englisch, mit Deutsch und englischen Untertiteln).</span></li>
<li>Michael Mann fragt sich, welches (Bundes-)Land als Vergleichsgröße in <a href="http://lexikographieblog.wordpress.com/2013/05/15/groesser-als-das-saarland/">„X-mal so groß, wie Y“</a> besonders häufig herhalten muss — und ob das tatsächlich auffällig häufig das Saarland ist.</li>
<li>Wer nicht auf Twitter wohnt, hier noch mal der Hinweis auf den „Jargon Watch“ in der WIRED, wo unser Autor Anatol <a href="http://www.wired.de/2013/05/13/jargon-watch-sapiosexuell-tech-life-balance-skeuomorphismus/">Begriffe für den „gepflegten Geek-Small-Talk“ vorschlägt</a>.</li>
<li>David Crystal befasst sich mit <a href="http://david-crystal.blogspot.de/2013/05/on-pair-of-alternatives.html">alternierenden sprachlichen Ausdrücken und deren konzeptueller Unterschiede</a> — erklärt am Beispiel von <em>a pair of jeans was/were made </em>(Englisch).</li>
<li>Samuel McNerney reflektiert in SCIENTIFIC AMERICAN eine <a href="http://blogs.scientificamerican.com/guest-blog/2011/11/04/a-brief-guide-to-embodied-cognition-why-you-are-not-your-brain/">alte, aber immer noch aktuelle Debatte in der Linguistik</a> (der Beitrag ist von 2011, aber eben sehr nett).</li>
</ul>
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		<title>Blogspektrogramm 19/2013</title>
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		<pubDate>Sun, 12 May 2013 07:00:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachlog</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hinweise]]></category>

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		<description><![CDATA[Liebe Mütter, liebe sonstigen Menschen, herzlich willkommen zum neunzehnten Blogspektrogramm! Heute geht es unter anderem um uralte Wörter, ganz neue Wörter und das Image von Sprachen. Im LEXIKOGRAPHIEBLOG untersucht Michael Mann den Einsatz von griechischen Buchstaben zu Verfremdungszwecken und kommt unter anderem zu dem Schluss, dass die Sprache ein »zackiges« Image hat. Auf EPHEMERA hat [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Mütter, liebe sonstigen Menschen, herzlich willkommen zum neunzehnten Blogspektrogramm! Heute geht es unter anderem um uralte Wörter, ganz neue Wörter und das Image von Sprachen.</p>
<ul>
<li>Im LEXIKOGRAPHIEBLOG <a href="http://lexikographieblog.wordpress.com/2013/05/06/schrift-buchstaben-assoziationen-und-effekte-3-gr%CF%83%CF%83k-und-der-ganze-rest/">untersucht</a> Michael Mann den Einsatz von griechischen Buchstaben zu Verfremdungszwecken und kommt unter anderem zu dem Schluss, dass die Sprache ein »zackiges« Image hat.</li>
<li>Auf EPHEMERA hat sich Sprachlogautor Anatol Stefanowitsch mit der Bezeichnung <em>Haustürken</em> aus einer taz-Kolumne von Kübra Gümüsay <a href="http://astefanowitsch.tumblr.com/post/49360994427/die-imaginaeren-haustuerken">auseinandergesetzt</a>.</li>
<li>In den letzten Tagen ging eine Studie zur Rekonstruktion von 23 »Urwörtern« einer angeblich 15.000 Jahre alten Ursprache durch die Medien (<a href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/linguistik-woerter-aus-eurasischer-ursprache-identifiziert-a-898404.html">hier</a>, extrem schlecht <a href="http://www.washingtonpost.com/national/health-science/linguists-identify-15000-year-old-ultraconserved-words/2013/05/06/a02e3a14-b427-11e2-9a98-4be1688d7d84_story.html">hier</a>), die Aysa Pereltsvaig und Martin Lewis auf GEOCURRENTS (Englisch) <a href="http://geocurrents.info/cultural-geography/linguistic-geography/do-ultraconserved-words-reveal-linguistic-macro-families">massiv kritisieren</a>.</li>
<li>Dass ein Wort nicht zuerst im Duden steht und dann erst verwendet werden kann, sollte SprachlogleserInnen hinreichend bekannt sein. Wenn nicht, leistet <a href="http://youtube.com/watch?v=TzkLBjYQijE&amp;feature=player_embedded">dieses Video</a> von DUDEN<em>ONLINE</em> Aufklärungsarbeit.</li>
<li>Auf INSPIRATION &amp; MORE (Englisch) teilt Meghann ihre ganz subjektiven <a href="http://starrcat.tumblr.com/post/49688194517/spanish-and-italian-so-these-words-are-feminine">Eindrücke zu verschiedenen Sprachen</a>. Haben Sie Ergänzungen? Gerne in den Kommentaren!</li>
</ul>
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		<title>Von Tribunen und Tribünen</title>
		<link>http://www.sprachlog.de/2013/05/09/von-tribunen-und-tribuenen/</link>
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		<pubDate>Thu, 09 May 2013 15:13:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susanne Flach</dc:creator>
				<category><![CDATA[Recherchen]]></category>
		<category><![CDATA[Entlehnung]]></category>
		<category><![CDATA[Etymologie]]></category>
		<category><![CDATA[Tribun]]></category>
		<category><![CDATA[Tribüne]]></category>
		<category><![CDATA[Wer wird Millionär?]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Montag scheiterte bei Wer wird Millionär? ein Kandidat an der „Wortherkunft“ von Tribüne, deren Herleitung RTL immerhin 125.000€ wert gewesen wäre. Was zunächst von RTL als einfach suggeriert und in der Folge von vielen Boulevardjournalisten und Kommentatoren als „offensichtlich“ dargestellt wurde, ist aber etwas komplexer (das Sprachlog twitterte). Die Frage lautete: Wer auf der [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Am Montag scheiterte bei <em>Wer wird Millionär?</em> ein Kandidat an der „Wortherkunft“ von <em>Tribüne</em>, deren Herleitung RTL immerhin 125.000€ wert gewesen wäre. Was zunächst von RTL als einfach suggeriert und in der Folge von vielen Boulevardjournalisten und Kommentatoren als „offensichtlich“ dargestellt wurde, ist aber etwas komplexer (das Sprachlog <a href="https://twitter.com/sprachlog/status/331482976976244738">twitterte</a>).</p>
<p>Die Frage lautete:<span id="more-6390"></span></p>
<blockquote><p><span style="line-height: 1.5;">Wer auf der „Tribüne“ Platz nimmt, tut dies der Wortherkunft zufolge eigentlich, um…?<br />
</span><br />
A) gekrönt zu werden<br />
B) Recht zu sprechen<br />
C) Orgien zu feiern<br />
D) Almosen zu verteilen</p></blockquote>
<p><span style="line-height: 1.5;">RTL erwartete, dass für <em>Tribüne</em> als „Wortherkunft“ der ‚erhöhte Platz für den Richterstuhl‘ erkannt wird, so Jauch in der Auflösung.</span><span style="line-height: 1.5;"> </span>Der Telefonjoker hatte instinktiv B vermutet, eine 19jährige Jurastudentin im Publikum riet dem Kandidaten dann aber ab, weil sie B definitiv ausschließen könne. Der Kandidat entschied sich für D und ging mit 500€ nach Hause. Damit wär’s eigentlich erledigt gewesen. Die Frage rief am Montag aber vor allem die Boulevardpresse und Kommentatoren auf den Plan, für die die Verbindung Tribun(al)—Tribüne—&gt;Rechtssprechung selbstgefällig und „für jeden Siebtklässler“ natürlich „total offensichtlich“ gewesen sein muss. Aber der Reihe nach.</p>
<p>Es ergeben sich gleich mehrere Fragen: Woher kommt <em>Tribüne</em>? Ist B tatsächlich richtig? Was ist mit den Almosen? Lag die Studentin so „irrsinnig peinlich“ daneben? Vorweg: <em>schwierig</em>, <em>jein</em>, <em>(vermutlich) egal</em> und <em>nein</em>. Und: wir können und wollen die Etymologie von <em>Tribüne</em> nicht klären — aber aufzeigen, dass es eben alles ein bisschen komplexer ist, als von der RTL-Redaktion und den Boulevardmedien dargestellt.</p>
<p>Das  Problem ist zunächst, dass die Frage unglücklich gestellt war. Denn sie suggeriert, dass es für ein Wort <em>die eine, </em><em>eindeutige</em> und — immer irreführend — <em>ursprüngliche </em>Herkunft gäbe. Sie ignoriert, dass Bedeutungsentwicklung von sehr komplexen Wandelprozessen und Wortmigrationen beeinflusst wird.</p>
<p>Die drei Begriffe <em>Tribun</em>, <em>Tribunal</em> und <em>Tribüne</em>, die in der Diskussion während der Sendung ins Spiel kamen, können auf <em>tribus</em> zurückgeführt werden, das ist relativ unstrittig. Schwieriger ist die Frage, welche Wege sie jeweils genommen haben.</p>
<p>Nimmt man <em>tribus</em> ‚Stamm, Bezirk‘ (siehe engl. <em>tribe</em>) als Ausgangspunkt, sieht man, dass dieser bereits mehrdeutig war und als Basis für viele Bedeutungserweiterungen auf verwandte, aber unterschiedliche Konzepte gedient haben muss, denn immerhin wird <em>tribus</em> schon als Personen(gruppen)- <em>und</em> Ortbezeichnung verwendet. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass man für ein und dieselbe Form und seine Ableitungen eine irre Anzahl an Übersetzungen findet, weil es natürlich auch <em>den einen</em> Kontext nicht gibt: beispielsweise für <em>tribun/-(u)s</em> ‚Oberst, Kommandeur, Hauptmann, Magistrat‘ oder ‚römischer Amsträger oder Vorsteher einer Tribus in politischer, religiöser oder militärischer Sicht‘ (DWDS); für <em>tribunal</em> ‚Gerichtshof, Plattform, Richterstuhl, erhöhte Gerichtsbühne, Podest (in einer Kirche), Amtssitz‘. Dass <em>tribunal</em> über die Zeit <em>auch</em> als ‚Richterstuhl‘ belegt ist bzw. übersetzt wird…</p>
<blockquote><p>ducit illum ad <strong>tribunal</strong> Aeaci<br />
<em>Pedo led him to the judgement seat of Aeacus</em>.<br />
‚Pedo führte ihm zum Richterstuhl des Aeacus.‘</p>
<p>ANNAEI SENECAE APOCOLOCYNTOSIS DIVI CLAVDII<br />
(Übersetzung: <a href="http://books.google.de/books?id=62l_suJtyz0C&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de&amp;source=gbs_ge_summary_r&amp;cad=0#v=onepage&amp;q&amp;f=false">Eden 1984: 58f</a>)</p></blockquote>
<p>…sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies in der Flut der Begriffe bei weitem nicht die einzige und schon gar nicht die „richtige“ oder „ursprüngliche“ Bedeutung ist.<sup><a href="http://www.sprachlog.de/2013/05/09/von-tribunen-und-tribuenen/#footnote_0_6390" id="identifier_0_6390" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Falsch ist nach allem was die Recherche hergegeben hat sogar Jauchs Erkl&auml;rung als &bdquo;erh&ouml;hter Platz f&uuml;r einen Richterstuhl&ldquo;. ">1</a></sup> Wer vor einer gewissen linguistischen und chronologischen Unübersichtlichkeit nicht zurückschreckt, findet unter den entsprechenden Einträgen im <a href="http://www.dwds.de/">DWDS</a>, im <a href="http://woerterbuchnetz.de/DWB/">Grimmschen Wörterbuch</a>, <a href="http://www.koeblergerhard.de/derwbhin.html">hier</a> oder <a href="http://www.micmap.org/dicfro/search/century-dictionary/tribune">hier</a> ein bisschen Inspiration.</p>
<p>Noch unübersichtlicher (aber vielleicht etwas anschaulicher) wird es, wenn man <em>Tribüne</em> nicht direkt auf <em>tribun(-us/-al)</em> zurückführt, sondern annimmt, dass es sich um eine erneute Entlehnung aus dem Französischen handelt, und zwar deutlich später als das, was für <em>Tribun</em>, <em>Volkstribun</em> und <em>Tribunal</em> Modell stand. Dafür spricht zunächst die Orthografie, denn bei vielen Gallizismen wurde nach Entlehnung und Etablierung die deutsche Schreibung an die Lautung angepasst (aus &lt;u&gt; mach &lt;ü&gt;): <em>amüsieren</em>, <em>Attitüde</em>, <em>brüskieren</em>, <em>Büro</em>, <em>Kalkül</em>, <em>Konfitüre</em>, <em>Kostüm</em>, <em>Menü</em>, <em>Parfüm</em>, <em>Plüsch</em> (pluche) oder <em>Resümee</em>. Nicht ungewöhnlich wurde <em>Tribüne</em> im 19. Jahrhundert dementsprechend noch &lt;Tribune&gt; geschrieben:</p>
<blockquote><p>An einem dieser Tage sah der Doge an der Seite seiner Gemahlinn, umgeben von einem glänzenden Hofstaate dem lauten Gewimmel von einer <strong>Tribune</strong> zu, auf der sich bald auch Michael Steno einfand, […]</p>
<p>1821. <em>Conversationsblatt: Zeitschrift für wissenenschaftliche Unterhaltung</em> 3(2). (via <a href="http://books.google.de/books?id=1iFJAAAAcAAJ&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de&amp;source=gbs_ge_summary_r&amp;cad=0#v=onepage&amp;q&amp;f=false">GoogleBooks</a>)</p></blockquote>
<p>Diesen Ansatz findet man auch in der Definition des DWDS (nach Pfeifer) für <em>Tribüne</em>: dabei handelt es sich in dieser Bedeutung um eine Entlehnung aus dem Französischen, das so auf das (mittel-)italienische Wort <em>tribuna</em> ‚erhöhter Platz (in der Kirche), Kirchenstuhl, Podium, Bühne‘ zurück geht. Nun kann man natürlich auch diesen Begriff auf <em>tribu(-s/-n)-</em> zurückverfolgen. Aber Sie sehen, wie weit wir uns schon von der linearen Abstammungsthese entfernt haben, weil wir in der Folge <em>Tribun</em>, <em>Tribunal</em> und <em>Tribüne</em> für deutlich trennbare Konzepte in unseren Sprachgebrauch integriert haben.</p>
<p>Wann sich welche Bedeutung aus welcher Form entwickelt hat, ist also so unmöglich nachzuzeichnen. Vor allem, weil sich die Begriffsanwendungen ungefähr so oft verändert haben dürften, wie Rechtssysteme und Machtverhältnisse. Ferner spielen linguistisch gesehen neben dem hohen Flexionsgrad des Lateinischen auch <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Metonymy">metonymische</a> Erweiterungen eine große Rolle, also wenn beispielsweise ein Stuhl, ein Podest oder eben eine Tribüne als Begriff für die Personen verwendet wird, die darauf sitzend ihren Job machen — und umgekert (ich denke da spontan an <em>abkanzeln </em>oder<em> Heiliger Stuhl</em>). Damit wäre die Frage „Ist B tatsächlich richtig?“ mit einem eindeutigen Jein zu beantworten. Es ist <em>eine</em> der früheren Bedeutungen, bei weitem aber nicht die vorherrschende oder einzige oder gar ursprüngliche.</p>
<p>Für das Pech des Kandidaten und den unglücklichen Auftritt der Jurastudentin dürfte mitentscheidend gewesen sein, dass die Diskussion zwischen Kandidat und Moderator um Tribun, Volkstribun und „Recht sprechen“ die Studentin dazu ermunterte, <em>dieser</em> Herleitung korrekterweise vehement zu widersprechen.</p>
<p>Bleiben die Almosen: am Tag nach der Sendung mailte uns ein Leser und fragte, ob die Herleitung von (und Ähnlichkeit mit) <em>tribuere</em> ‚verteilen, zuteilen‘ nicht für Antwort D gesprochen hätte (das stand in der Sendung nicht zur Debatte). Jetzt hab ich nicht mal das Nano-Latinum, deshalb müssten mir Latinistinnen aushelfen. Meine initiale Reaktion: das war möglicherweise die Klippe, die die Redaktion bei 125.000€ eben genau aufgrund der Ähnlichkeit eingebaut hat. Natürlich könnten beide, <em>tribuere</em> (siehe <em>Tribut </em>und <em>Distribution</em>) und <em>tribun(us)</em>, auf einen gemeinsamen Stamm zurückgehen. <del><em>Falls</em> dem so ist, wäre</del> <a href="http://www.sprachlog.de/2013/05/09/von-tribunen-und-tribuenen/#comment-25652">Weil dem so ist</a>, ist der Kern der Frage, wie man „ursprünglich“ interpretiert — denn dann wäre D streitbarerweise ursprünglicher als B. Plausibler erscheint mir da also die Annahme einer Verwirrtaktik der Redaktion.</p>
<h3>Fazit</h3>
<p>Antwort B ist nicht per se falsch, die Herleitung der Studentin aber auch nicht — der Tribun hatte nichts mit der Rechtssprechung zu tun. Außerdem sollte man bei 125.000€ schon mal ins Grübeln kommen, ob das „so krass offensichtliche“ nicht doch unzutreffend ist. Man hätte die Frage aber anders stellen sollen (wobei ich bezweifele, dass dies etwas an der Sache geändert hätte). <em>Tribüne</em> geht tatsächlich auf etwas zurück, was auch mal zur Bezeichnung eines Richterstuhls benutzt wurde, aber eben nur auf Umwegen. Die Entlehnung, der wir <em>Tribüne</em> vermutlich verdanken, hatte da nichts mehr mit der Rechtssprechung zu tun, sondern bezog sich auf einen erhöhten Platz.</p>
<p>Kurz: die WWM-Redaktion hat sich eine zeitlich und linguistisch ziemlich willkürliche Bedeutungsvariante rausgepickt — und sie als die „eigentliche“ verkauft.</p>
<p>Jetzt wollte ich ja noch was zur Arroganz schreiben. Dieser arrogante, ahnungslose Tribünen–<del>Plebs</del>–Pöbel, der sich nicht zu widerlich ist, eine Facebook-Seite einzurichten … ach suz, lass doch gut sein. Aber wenn das hier alles, wofür ich zwei Tage recherchiert habe, all diejenigen gewusst haben wollen, die so wissend mit dem Kopf geschüttelt haben — Chapeau!</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_6390" class="footnote">Falsch ist nach allem was die Recherche hergegeben hat sogar Jauchs Erklärung als „erhöhter Platz <em>für</em> einen Richterstuhl“. </li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Blogspektrogramm 18/2013</title>
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		<pubDate>Sun, 05 May 2013 07:00:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachlog</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hinweise]]></category>

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		<description><![CDATA[Und nun, liebe Leserinnen und Leser, kommen – *tusch* – die dieswöchigen Links mit allerhand unterhaltsamen Geschichten, spannenden Phänomenen und Star Wars. Der Staat Washington hat seine Gesetze komplett in geschlechtergerechte Sprache überführt. LUISE PUSCH kommentiert die Änderungen und erinnert, auf das Deutsche bezogen, an ihren radikalsten Reformvorschlag. Von aktuellen Ereignissen inspiriert hat sich Stefan Hartmann [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><span style="text-indent: -0.5em; line-height: 1.5;">Und nun, liebe Leserinnen und Leser, kommen – *tusch* – die dieswöchigen Links mit allerhand unterhaltsamen Geschichten, spannenden Phänomenen und Star Wars.</span></p>
<ul>
<li><span style="text-indent: 0px; line-height: 1.5;">Der Staat Washington hat seine Gesetze komplett in geschlechtergerechte Sprache überführt.</span> <a style="text-indent: 0px; line-height: 1.5;" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/washington-entmannt-das-englische/">LUISE PUSCH kommentiert die Änderungen</a><span style="text-indent: 0px; line-height: 1.5;"> und erinnert, auf das Deutsche bezogen, an ihren radikalsten Reformvorschlag.</span></li>
<li>Von aktuellen Ereignissen inspiriert hat sich Stefan Hartmann von PRIEMELPFUHL <a href="https://pfriemelpfuhl.wordpress.com/2013/05/04/voll-asi-gauck-hoenes-und-das-a-wort/">Geschichte, Verwendung und Bedeutung</a> der Begriffe <em>asozial</em> und <em>unsozial</em> angesehen.</li>
<li>Anne Curzan (<a href="http://chronicle.com/blogs/linguafranca/2013/04/24/slash-not-just-a-punctuation-mark-anymore/">hier</a>) und Geoff Pullum (<a href="http://chronicle.com/blogs/linguafranca/2013/04/30/being-a-coordinator/">hier</a>) kommentieren im CHRONICLE OF HIGHER EDUCATION im Zusammenhang mit John McWorthers TED-Vortrag (<a href="http://www.sprachlog.de/2013/04/28/blogspektrogramm-172013/">BS 17/2013</a>) den Status von <em>slash</em> als Konjunktion slash Disjunktion (Englisch).</li>
<li>Michael Mann vom LEXIKOGRAPHIEBLOG erzählt uns in einem zweiteiligen Beitrag etwas zum <a href="http://lexikographieblog.wordpress.com/2013/04/22/schrift-buchstaben-assoziationen-und-effekte-1-die-punktchen-auf-dem-motley-crue/">Heavy-Metal-Umlaut</a> und die <a href="http://lexikographieblog.wordpress.com/2013/04/29/schrift-buchstaben-assoziationen-und-effekte-2-%D1%8Fussisc%D0%BD/">Kyrillisierung</a> von Text aus Designgründen.</li>
<li>Zum gestrigen „Star Wars Day“ noch <a href="http://www.denverpost.com/nationworld/ci_23123268/star-wars-be-translated-into-navajo">eine von vielen, vielen Meldungen</a> dazu:  Die Kult-Reihe soll in Navajo übersetzt werden, gemessen an den SprecherInnenzahlen größte indigene Sprache Nordamerikas (Englisch).</li>
<li>Total April, immer aktuell: Geoff Nunberg nimmt die Diskussion um das Wort <em>marriage</em> aus <a href="http://www.npr.org/2013/04/04/176235479/even-dictionaries-grapple-with-getting-marriage-right">lexikografischer Sicht</a> unter die Lupe (Englisch).</li>
</ul>
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		</item>
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		<title>Sprachbrocken 18/2013</title>
		<link>http://www.sprachlog.de/2013/05/04/sprachbrocken-18-2013/</link>
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		<pubDate>Sat, 04 May 2013 09:58:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anatol Stefanowitsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Glossen]]></category>
		<category><![CDATA[Dialekt]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierende Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Euphemismen]]></category>
		<category><![CDATA[Klassismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Mein wöchentliches Durchkämmen der Presse liefert nicht immer Material für die Sprachbrocken – so auch diese Woche. Ich habe deshalb per Twitter nach Themenwünschen gefragt, die ich im Sprachbrockenformat beantworten könnte. Aus den zahlreichen Wünschen habe ich vier ausgewählt, zu denen mir spontan etwas einfiel (die übrigen Vorschläge habe ich mir notiert und werde vielleicht [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Mein wöchentliches Durchkämmen der Presse liefert nicht immer Material für die Sprachbrocken – so auch diese Woche. Ich habe deshalb per Twitter nach Themenwünschen gefragt, die ich im Sprachbrockenformat beantworten könnte. Aus den zahlreichen Wünschen habe ich vier ausgewählt, zu denen mir spontan etwas einfiel (die übrigen Vorschläge habe ich mir notiert und werde vielleicht bei Gelegenheit darauf zurückkommen). Los gehts.<br />
<span id="more-6370"></span></p>
<p><a href="https://twitter.com/ol_sen/status/330598287067459586">@ol_sen</a> wünscht sich eine „Analyse, warum Hessen ‚ist das mir‘ bzw ‚wem ist das‘ sagen“, da ihn das „seit Jahren aufregt“. Das ist leicht zu beantworten: Sie sagen es, weil Possessivität (also Besitzbeziehungen im weiteren Sinne) auf Satzebene in ihrem Sprachsystem durch die Konstruktion [NOMINATIV<sub>Possessum</sub> + <em>sein</em> + DATIV<sub>Possessor</sub>] ausgedrückt werden. Das ist typologisch auch nicht weiter ungewöhnlich – viele Sprachen kennzeichnen den Possessor (den Besitzenden) durch einen Dativ (auch das Standarddeutsche tut das ja in Konstruktionen wie <em>Die Ärztin verbindet <strong>ihm</strong> die Hand</em>). Interessanter ist die Frage, dass @ol_sen (und viele andere) sich über diese und ähnliche Konstruktionen so aufregen. Das liegt zum einen natürlich daran, dass das Standarddeutsche in der entsprechenden Konstruktion statt des Dativs den Genitiv verwendet, und die Konstruktion mit dem Dativ deshalb ungewohnt klingt. Zum anderen liegt es daran, dass wir in der Schule und in der von Sprachnörglern beherrschten öffentlichen Diskussion sprachliche Abweichungen immer nur als Fehler und nie als Ausdruck einer natürlichen Vielfalt kennen lernen. Ich empfehle @ol_sen hier einen weniger aufgeregten Umgang mit sprachlicher Variation – seinem Avatar entnehme ich, dass er (wie ich) Fan des FC St. Pauli ist – ich nehme also an, dass er sich über die Jahre eine hohe Frustrationstoleranz zugelegt hat.</p>
<p><a href="https://twitter.com/greveler/status/330599396783828993">@greveler</a> und <a href="https://twitter.com/emckeexpedition/status/330600356780339200">@EmckeExpedition</a> möchten etwas zum Wort <em>asozial</em> hören – inspiriert, so vermute ich, durch die Gaucksche Feststellung „Wer Steuern hinterzieht, verhält sich verantwortungslos oder gar asozial“. Für diese Zuschreibung hat er ja viel Kritik geerntet: Das Wort <em>asozial</em> klinge „nicht mehr nach Fehler, es klingt nach einem zentralen Charaktermerkmal“, <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/debatte-um-steuerhinterziehung-asozial-passt-weder-zu-hoeness-noch-zu-gauck-1.1663790">fand etwa Stefan Braun in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG</a> – deshalb habe „der Begriff mit Blick auf Hoeneß einen Haken: Er passt nicht auf jenen Hoeneß, der viel hilft und viel stiftet“. Und <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article115864992/Der-Fehltritt-des-Joachim-Gauck.html">Torsten Krauel stößt sich in der WELT daran</a>, dass „Sünder“ mit diesem Wort „aus der Gesellschaft ausgestoßen“ würden. Ich lasse dahingestellt, ob Steuerhinterziehung in Millionenhöhe tatsächlich eine „Sünde“ ist, und nicht vielmehr eine schwere Straftat, und ob sich daraus nicht durchaus Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen ziehen lassen. Stattdessen beschränke ich mich auf die Vermutung, dass die Empörung, die aus der konservativen Presse jedes Mal zu hören ist, wenn Banker, Vereinspräsidenten und andere ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft als <em>asozial</em> bezeichnet werden, nichts mit Charakter-zuschreibungen oder dem Ausschluss aus der Gesellschaft zu tun haben. <em>Asozial</em> hat ja, <a href="http://www.duden.de/rechtschreibung/asozial">laut DUDEN</a>, mindestens drei Bedeutungen: 1. „sich nicht in die Gemeinschaft einfügend“, 2. „die Gemeinschaft, Gesellschaft schädigend“, und 3. „ein niedriges geistiges, kulturelles Niveau aufweisend; ungebildet und ungehobelt“. Die letzte dieser Bedeutungen dürfte es sein, die den Unmut auslöst – <em>asozial</em> sind für den Konservativen immer nur die Verlierer der Leistungsgesellschaft, aber keinesfalls deren Stützen, wie z.B. ein bekannter, beliebter und vor allem wohlhabender Präsident eines erfolgreichen Fußballvereins. Und genau diese Ideologie ist es übrigens, die dafür gesorgt hat, dass ein Wort, dessen wörtliche Bedeutung „nicht Teil der Gesellschaft“ ist, zu einem Schimpfwort für diejenigen geworden ist, die am unteren Rand aus der Leistungsgesellschaft herausfallen, aber nicht für diejenigen, die sich am oberen Rand über diese erheben.</p>
<p><a href="https://twitter.com/bauerjelinek/status/330601203165696000">@BauerJelinek</a> will wissen, ob es „ehrlich verdienten“ Reichtum gibt. Eine gute Frage, denn <em>ehrlich</em> bedeutet ja soviel wie „ohne Verstellung, ohne Lügen“. Unehrlich verdienter Reichtum wäre demnach Reichtum, der z.B. durch den Verkauf homöopathischer Medikamente oder ähnliche Trickbetrügereien erworben wurde. Aber tatsächlic wird die Redewendung „ehrlich verdient“ eher verwendet, wenn darauf hingewiesen werden soll, wie hart jemand angeblich für etwas gearbeitet hat, bei dem für jeden offensichtlich ist, dass Leistung und Entlohnung in keinem realistischen Verhältnis zueinander stehen. Nehmen wir als Messlatte Krankenschwestern oder Bergleute, die zweifellos sehr hart arbeiten. Die verdienen, wenn es gut läuft, 2000 Euro brutto, in einem 30-jährigen Arbeitsleben also 720 000 Euro. Wenn wir von der Einfachheit halber davon ausgehen, dass diesem Einkommen keine Kosten gegenüber stehen, ergibt sich daraus die Erkenntnis, dass ein Vermögen von mehr als 720 000 Euro keinesfalls „ehrlich verdient“ sein kann.</p>
<p><a href="https://twitter.com/stefansasse/status/330598744741539840">@StefanSasse</a> schließlich wünscht sich „mehr vernünftige Beispiele für geschlechtergerechte Sprache (<em>Lehrende</em> etc.)“. Die würde ich gerne liefern, wenn ich wüsste, wie sie sich für ihn von unvernünftigen Beispielen unterscheiden. Vielleicht meint er Beispiele, die nicht ungewohnt klingen. Dann wäre es schwer, seinen Wunsch zu erfüllen, denn damit Wörter nicht ungewohnt klingen, müssen sie etabliert sein, und wenn sie etabliert wären, hätten wir ja kein Problem. Vielleicht meint er aber auch Beispiele, die keine orthografischen Tricks oder Besonderheiten (wie Schräg– oder Unterstriche, Binnenmajuskeln oder Sternchen) beinhalten. Dann wäre <em>Lehrende</em> ein gutes Modell, das sich auf viele Tätigkeitsbezeichnungen erweitern ließe, die traditionell durch die Endung <em>–er</em> gebildet werden (z.B. <em>Busfahrende</em> statt <em>Busfahrer/in</em>, <em>Kassierende</em> statt <em>Kassierer/in</em> usw. Dort, wo diese Strategie an ihre Grenzen stößt, können Wörtbildungen mit <em>–person</em> oder <em>–kraft</em> (nach dem Modell <em>Lehrperson</em> oder <em>Lehrkraft</em>) weiterhelfen (z.B. <em>Fahrkraft</em> statt <em>Fahrer/in</em> oder <em>Kassenperson</em> statt <em>Kassierer/in</em>). Aber „vernünftig“ werden auch das nur diejenigen finden, die den Status Quo als Problem erkannt haben.</p>
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		<title>Shitstormgeburtstag</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Apr 2013 11:42:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anatol Stefanowitsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Kommentare]]></category>
		<category><![CDATA[Anglizismus des Jahres]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsch]]></category>
		<category><![CDATA[Englisch]]></category>
		<category><![CDATA[Lehnwörter]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit wir 2011 Shitstorm zum Anglizismus des Jahres gewählt haben, vergeht kaum eine Woche, in der ich meinen Namen nicht irgendwo in Verbindung mit diesem Wort lesen darf. Wann immer ein Shitstorm diskutiert wird, finden sich in einem Nebensatz oder in einem erklärenden Kasten ein Hinweis auf unsere Wahl und ein oder zwei Zitate von [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Seit wir 2011<em> Shitstorm</em> zum Anglizismus des Jahres gewählt haben, vergeht kaum eine Woche, in der ich meinen Namen nicht irgendwo in Verbindung mit diesem Wort lesen darf. Wann immer ein Shitstorm diskutiert wird, finden sich in einem Nebensatz oder in einem erklärenden Kasten ein Hinweis auf unsere Wahl und ein oder zwei Zitate von mir. Obwohl ich leicht zu erreichen bin, sind diese Zitate normalerweise alt und stammen aus Pressemitteilungen oder Interviews, und nicht aus meiner Laudatio oder Susannes exzellenten Beiträgen zu diesem Wort.<sup><a href="http://www.sprachlog.de/2013/04/30/shitstormgeburtstag/#footnote_0_6361" id="identifier_0_6361" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Wobei hier ein Lob an die Wikipedia angemessen ist, die sich in dem Eintrag zu diesem Wort in wichtigen Punkten auf unsere Recherchen st&uuml;tzt.">1</a></sup> So auch heute, wo eine Pressemeldung der dpa den 50. Geburtstag des Wortes bekannt gibt (abgedruckt z.B. <a href="http://www.waz-online.de/Nachrichten/Medien/Uebersicht/Der-Begriff-Shitstorm-feiert-bereits-seinen-50.-Geburtstag">in der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung</a> unter der Überschrift „Vermeintlich neues Wort“):<span id="more-6361"></span></p>
<blockquote><p>Die wohl früheste schriftliche Erwähnung des Wortes liegt aber etliche Jahrzehnte zurück. Sie findet sich im Roman "Cat’s cradle" von Kurt Vonnegut. Das Erscheinungsjahr ist 1963. In diesem Buch über die Zerstörung der Welt durch eine chemisch-physikalische Superwaffe schildert Vonnegut eine fiktive Religion, die auf einer ebenfalls fiktiven kleinen Karibikinsel von einem Religionsstifter namens Bokonon begründet wurde.</p>
<p>Diese Religion, der "Bokononism", hat einen eigenen religiösen Wortschatz. Dazu gehört der Begriff "pool-pah", über den Kurt Vonnegut schreibt, der fiktive Religionsgründer Bokonon habe zwei Vorschläge für eine Übersetzung ins Englische gemacht: "Wrath of God", also Zorn Gottes, oder "shit storm", was in der deutschen Übersetzung des Buches mit den Worten "Orkan von Scheiße" wiedergegeben wurde. Da ältere schriftliche Belege bislang nicht auffindbar sind, deutet also vieles darauf hin, dass man dieses Jahr den 50. Geburtstag des "Shitstorm" feiern kann.</p></blockquote>
<p>Woher diese Information stammt, ist unklar, ich nehme aber an, dass sie aus <a href="http://www.br.de/themen/ratgeber/inhalt/computer/geburtstag-50-jahre-shitstorm-100.html">diesem (insgesamt gar nicht schlechten) Beitrag</a> des Bayrischen Rundfunks stammt, in dem es heißt:</p>
<blockquote><p>Die erste auffindbare schriftliche Erwähnung findet sich in einem Roman des amerikanischen Schriftstellers Kurt Vonnegut, der es in den bewegten 60er und 70er-Jahren in den USA zu einem gewissen Kultstatus brachte. In seinem Buch "Cat’s Cradle" schildert Vonnegut eine fiktive Religion, die auf einer ebenfalls fiktiven kleinen Karibikinsel von einen Religionsstifter namens Bokonon begründet wurde. Diese Religion, der Bokononismus, hat eine eigene religiöse Terminologie. Dazu gehört das Wort "Pool-Pah".</p></blockquote>
<p>Und dieser Beitrag, so vermute ich, stützt sich auf den <a href="http://en.wiktionary.org/wiki/shitstorm">Eintrag des Wortes im Wiktionary</a>, der (derzeit) Vonneguts Roman als ersten Beleg nennt.</p>
<p>Tatsächlich ist das Wort aber deutlich älter, wie wir seinerzeit <a href="http://www.sprachlog.de/2012/02/13/and-the-winner-is-shitstorm/">in der Laudatio diskutiert</a> haben: Es stammt vermutlich aus dem Slang amerikanischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg, der erste schriftliche Beleg findet sich in Norman Mailers Roman „The Naked and the Dead“.</p>
<p>Glücklicherweise ist dieser Roman von 1948, sodass wir trotzdem einen symbolträchtig runden Geburtstag feiern können: der Shitstorm wird in diesem Jahr 65 Jahre alt.</p>
<p>A propos 65. Geburtstag: Sascha Lobo (der seinen Namen auch jede Woche im Zusammenhang mit diesem Wort lesen muss) <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-ueber-die-entstehung-des-begriffs-shitstorm-a-884199.html">wollte den <em>Shitstorm</em> ja vor einiger Zeit schon beerdigen</a>. Vielleicht können wir das Wort ja wenigstens in Rente schicken.</p>
<p>[Aktualisierung (15:30): Kurz nachdem die ersten Medien die oben verlinkte Pressemeldung der dpa übernommen hatten, informierte ein Leser die ursprünglich verlinkte Quelle, die Ruhrnachrichten, über die fehlerhafte Datierung und nannte den korrekten Erstbeleg. Die Ruhrnachrichten <a href="http://www.webcitation.org/6GGUsjOYC">korrigierten den Beitrag umgehend.</a> Fast gleichzeitig machten Leute auf Twitter die dpa auf den Fehler aufmerksam, sodass die innerhalb kurzer Zeit ebenfalls eine korrigierte Meldung herausgeben konnte, die von vielen Medien übernommen wurde (hier z.B. <a href="http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/computer_nt/article115745015/Wer-hat-den-Shitstorm-erfunden-Wurzeln-gehen-weit-zurueck.html">bei der Welt</a> zu finden).</p>
<p>Mein obiger Beitrag war von Anfang an nicht als Presseschelte gedacht. Im Gegenteil: Der ursprüngliche BR-Beitrag gefiel mir und ist ja im Prinzip auch gut recherchiert. Wenn das Wiktionary wirklich die Quelle für die Altersschätzung sein sollte, würde  das mich <a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1518578/">als bekennenden Wiktionary-Fan</a> freuen, und dass das Wiktionary hier nicht den aller aktuellsten Wissensstand wiedergibt, ist angesichts der Tatsache verzeihlich, dass das Wort <em>shitstorm</em> in vielen großen englischen Wörterbüchern gar nicht verzeichnet ist (das deutsche Lehnwort ist im Duden online übrigens <a href="http://www.duden.de/suchen/dudenonline/Shitstorm">bereits zu finden</a>). Vielleicht fühlt sich ja sogar jemand berufen, den Wiktionary-Eintrag zu aktualisieren.</p>
<p>Die schnelle Reaktion einzelner Zeitungen und der dpa ist aber sogar im Gegenteil Anlass für ein Lob der Presse, die, obwohl die Altersfrage des Wortes <em>Shitstorm</em> ja zugegebenermaßen nur von begrenzter Relevanz ist, schnell auf Informationen aus Blogs und sozialen Medien reagiert hat. Und es ist Anlass für ein Lob von Blogs und sozialen Medien, die (wieder einmal) gar keine Konkurrenz zu den klassischen Medien waren, sondern Ergänzung und Korrektiv. Wenn das ein Modell für die friedliche Koexistenz alter und neuer Medien würde, könnten wir uns endlich alle vertragen, Leistungsschutzrecht, Linkboykotte und ähnliches vergessen und einfach unsere gemeinsamen Ziele verfolgen: Informieren, Bilden und Unterhalten.]</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_6361" class="footnote">Wobei hier ein Lob an die Wikipedia angemessen ist, die sich in <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Shitstorm">dem Eintrag zu diesem Wort</a> in wichtigen Punkten auf unsere Recherchen stützt.</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Blogspektrogramm 17/2013</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Apr 2013 07:00:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachlog</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hinweise]]></category>

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		<description><![CDATA[Ben Zimmer schreibt im BOSTON GLOBE (Englisch) über surreal, nach den Bombenexplosionen beim Marathon eines der am häufigsten aufgerufenen Worte im Merriam-Webster Dictionary. John Simpson, Chefredakteur des Oxford English Dictionary (OED) gibt nach 37 Jahren in diesem Jahr seinen Posten auf — TIME ENTERTAINMENT hat mit ihm über seine Arbeit allgemein und die spannende Zeit der [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<ul>
<li>Ben Zimmer schreibt im BOSTON GLOBE (Englisch) über <a href="http://www.bostonglobe.com/ideas/2013/04/20/why-surreal-took-over/WnG75RLaWZkOwsjliLjFGL/story.html?camp"><em>surreal</em></a>, nach den Bombenexplosionen beim Marathon eines der am häufigsten aufgerufenen Worte im Merriam-Webster Dictionary.</li>
<li>John Simpson, Chefredakteur des Oxford English Dictionary (OED) gibt nach 37 Jahren in diesem Jahr seinen Posten auf — TIME ENTERTAINMENT hat mit ihm über <a href="http://entertainment.time.com/2013/04/23/an-exit-interview-with-the-man-who-transformed-the-oxford-english-dictionary/">seine Arbeit allgemein und die spannende Zeit der Umstellung von Print auf Online</a> gesprochen (Englisch).</li>
<li>John McWorther spricht auf TEDtalks über „txtng“ oder „fingered speech“ (etwa: SMS, Chat &amp; sonstige orthografisch verkürzte Sprache) — und <a href="http://www.youtube.com/watch?v=UmvOgW6iV2s">warum es die Sprache nicht kaputt macht</a> (Englisch).</li>
<li><span style="line-height: 16px;">Auch auf TEDtalks, zwar nicht neu, aber immer aktuell: Kate Burridge von der Monash University über <a href="https://www.youtube.com/watch?v=tpCTgNyA3DY">Euphemismen</a> (Englisch).</span></li>
<li>Die entgegengesetzte Richtung schlagen Ane Kleine-Engel und Jutta Schumacher auf INFOLUX ein: sie gehen der Etymologie der unglücklich zahlreichen <a href="http://infolux.uni.lu/scheckt-een-en-iesel-fort-da-kennt-en-dabo-erem-april-2013/">Bezeichnungen für <em>Dummkopf</em></a> auf den Grund.</li>
<li>Der INDEPENDENT (Englisch) <a href="http://www.independent.co.uk/news/science/who-told-me-to-get-out-noc-the-talking-whale-learns-to-imitate-human-speech-in-attempt-to-reach-out-to-human-captors-8221800.html">berichtet</a> von Forschungen zur Fähigkeit von Walen bei der Mustererkennung von akustischen Signalen — und dass diese Tiere menschliche Laute imitieren können. (Achtung: der Artikel versäumt eine saubere Trennung von unbedingt auseinander zu haltenden Ebenen — tierische Imitation bzw. Vokalisierung sollte nicht mit (menschlicher) Sprache verglichen werden.)</li>
<li>Etwas spezieller und detaillierter: wer sich für Namenforschung interessiert, wird im ONOMASTIKBLOG fündig. Dieter Kremer <a href="http://www.onomastikblog.de/namen_spiegel/ferrari/">über die italienischen Schmieds</a> — <em>Ferrari</em> und <em>Ferrero</em>.</li>
</ul>
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		<title>Sprachbrocken 17/2013</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Apr 2013 12:53:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anatol Stefanowitsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Glossen]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsch]]></category>
		<category><![CDATA[Englisch]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehen]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
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		<category><![CDATA[Navajo]]></category>
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		<category><![CDATA[Völkerverständigung]]></category>

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		<description><![CDATA[Über die religiösen Mythen exotischer Kulturen kursieren ja die wildesten Gerüchte, was häufig daran liegt, dass sie in ebenso exotischen Sprachen abgefasst sind und dass es keine Übersetzungen gibt. Ein Grund mehr, einen Meilenstein des interkulturellen Verständnisses zu feiern, der diese Woche bekannt wurde: der Mythos „Star Wars Episode IV: Eine neue Hoffnung“ (bei Fundamentalisten [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Über die religiösen Mythen exotischer Kulturen kursieren ja die wildesten Gerüchte, was häufig daran liegt, dass sie in ebenso exotischen Sprachen abgefasst sind und dass es keine Übersetzungen gibt. Ein Grund mehr, einen Meilenstein des interkulturellen Verständnisses zu feiern, der diese Woche bekannt wurde: der Mythos „Star Wars Episode IV: Eine neue Hoffnung“ (bei Fundamentalisten aus nicht nachvollziehbaren Gründen als „Episode I“ bekannt) wird, <a href="http://www.hollywoodreporter.com/heat-vision/star-wars-a-navajo-version-446533">wie der HOLLYWOOD REPORTER meldet</a>, endlich ins Navajo übersetzt. Damit wird dieses urtümliche und schwer verständliche Epos erstmals Mitgliedern einer fortgeschrittenen Zivilisation zugänglich gemacht, die so unschätzbar wertvolle Einblicke in das spirituelle Leben der sogenannten „Amerikaner“ (die sich selbst nur <em>People</em>, also grob übersetzt „Menschen“ nennen) erhalten.<span id="more-6341"></span></p>
<p>Was das Verständnis primitiver Kulturen angeht, hinken die Navajo allerdings deutlich hinter den Maya her. Die haben die sogenannten „Telenovelas“ der manchmal mit dem abwertend empfundenen Ausdruck „Rostro Pálido“<sup><a href="http://www.sprachlog.de/2013/04/27/sprachbrocken-17-2013/#footnote_0_6341" id="identifier_0_6341" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Moment mal, bitte, das war fr&uuml;her ein ganz normales Wort, und au&szlig;erdem ist es doch nur ein Scherz, und ich kenne einen Wei&szlig;en, der sich selbst so nennt.">1</a></sup> bezeichneten Stämme jahrelang genauestens studiert. Nun ist es ihnen, <a href="http://www.stern.de/kultur/tv/mayas-drehen-telenovela-in-eigener-sprache-2002248.html">wie der STERN berichtet</a>, gelungen, die für Außenseiter hoffnungslos verwirrenden Handlungsstränge dieser moralischen Erbauungsstücke so detailliert aufzuschlüsseln, dass sie sie in ihrer eigenen Sprache nachbilden können.</p>
<p>Umgekehrt fällt es den Mitgliedern in ihrer zivilisatorischen Entwicklung zurückgebliebener Kulturen häufig schwer, den Wissensschatz fortgeschrittenerer Kulturen zu verstehen. So <a href="http://www.bundestag.de/presse/pressemitteilungen/2013/pm_1304261.html">beschwerte sich ein Stammeshäuptling der sogenannten „Deutschen“</a> (bei ihren Nachbarn als „Niemcy“, „Alemánes“ oder „geschichtsvergessene Arschgesichter“ bekannt) bei einem Abgesandten der Europäer darüber, dass deren Texte zur finanziellen Solidarität (einem Konzept, das in der deutschen Kultur nicht existiert) nicht schnell und gut genug in die Stammessprache der Deutschen übersetzt würden. Der oberste Häuptling der Deutschen hatte interessanterweise <a href="http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2013/02/130222-Europa.html">vor einigen Monaten vorgeschlagen</a>, dass diese ja eigentlich lieber Englisch (die Stammessprache der oben erwähnten „Amerikaner“) verwenden könnten, um mit den Europäern zu kommunizieren — was nur zeigt, wie verwirrend selbst so etwas einfaches wie die Sprachvielfalt für die Angehörigen einer Kultur sein kann, die sich aus ihrem Stammesgebiet nur in sogenannten „Reisegruppen“<sup><a href="http://www.sprachlog.de/2013/04/27/sprachbrocken-17-2013/#footnote_1_6341" id="identifier_1_6341" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Bei diesen handelt es sich nach dem aktuellen Verst&auml;ndnis der Anthropologie um rituelle Zusammenschl&uuml;sse sogenannter &bdquo;Touristen&ldquo;, einer Art geistige Erf&uuml;llung Suchender.">2</a></sup>  hinaus wagen.</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_6341" class="footnote">Moment mal, bitte, das war früher ein ganz normales Wort, und außerdem ist es doch nur ein Scherz, und ich kenne einen Weißen, der sich selbst so nennt.</li><li id="footnote_1_6341" class="footnote">Bei diesen handelt es sich nach dem aktuellen Verständnis der Anthropologie um rituelle Zusammenschlüsse sogenannter „Touristen“, einer Art geistige Erfüllung Suchender.</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Von alten Säcken und alten Damen</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Apr 2013 17:26:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anatol Stefanowitsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kommentare]]></category>
		<category><![CDATA[Alter]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsch]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierende Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlecht]]></category>

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		<description><![CDATA[Es fällt der taz in letzter Zeit sichtlich immer schwerer, das eigene Niveau noch zu unterbieten, aber Matthias Lohre ist es diese Woche wieder einmal gelungen: Er hat einen Text verfasst, der so unterirdisch verblödet und so unglaublich schlecht recherchiert ist, dass man ernsthafte Zweifel hegen muss, ob Texte bei der taz einen redaktionellen Prozess [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Es fällt der taz in letzter Zeit sichtlich immer schwerer, das eigene Niveau noch zu unterbieten, aber Matthias Lohre ist es diese Woche wieder einmal gelungen: Er hat<a href="http://www.taz.de/Kolumne-Maenner/!115030/"> einen Text verfass</a>t, der so unterirdisch verblödet und so unglaublich schlecht recherchiert ist, dass man ernsthafte Zweifel hegen muss, ob Texte bei der taz einen redaktionellen Prozess durchlaufen, bevor sie freigeschaltet werden.</p>
<p>Eine „neue Form der Diskriminierung“ will der Kolumnist gefunden haben, eine, die er – offenkundig ganz ohne sich mühsam mit der Forschungsliteratur zu Diskriminierung zu befassen, mit inspiriert-beschwingtem Federstrich „Altersgeschlechtsdiskriminierung“ nennt. Und die treffe — wait for it — „ausschließlich Männer, alte Männer“.</p>
<p>Für eine derartig absurde Behauptung dürften die für gesellschaftliche Diskriminierung vermutlich überdurchschnittlich sensibilisierten LeserInnen der taz überwältigend überzeugende Belege erwarten. Und diese Erwartung wird umgehend mit einer Konsequenz enttäuscht, wie sie derzeit nur die taz an den Tag legen kann. Und da die Belege rein sprachlicher Natur sind, greife ich sie im Sprachlog kurz auf, obwohl <a href="http://antiprodukt.de/die-taz-und-ihre-alten-sacke/">Felis die wesentliche Antwort bereits geliefert hat</a>.</p>
<p><em>[Hinweis: Der folgende Text enthält Beispiele sexistischer und altersdiskriminierender Sprache.]<span id="more-6336"></span></em></p>
<p>„Es ist nämlich so“, erklärt Herr Lohre:</p>
<blockquote><p>Nicht alle Menschen altern auf dieselbe Art. Frauen reifen im allgemeinen Sprachgebrauch nach und nach zu „alten Damen“. Männer hingegen werden bestenfalls „alte Männer“, häufig aber auch „alte Säcke“. Nur Kerle können alte Säcke werden. Das liegt den Schluss nahe, dass diese Bezeichnung etwas mit dem Geschlecht des Bezeichneten zu tun hat. Um ein alter Sack zu werden, braucht man also einen Hodensack. Das ist doch arg unfein.<br />
Oder wäre es hierzulande kommod, eine nicht mehr junge Frau dafür zu schmähen, dass sie schon etwas länger lebt? Sicher, es gibt die Bezeichnung „alte Schachtel“, aber die klingt geradezu putzig.</p></blockquote>
<p>Wie schon Felis kann auch ich das „putzige“ an <em>alte Schachtel</em> nicht entdecken. <em>Schachtel</em> ist ein derber, grob abwertender Ausdruck für „Vagina“, <em>alte Schachtel</em> wäre deshalb eher mit <em>alter Schwanz</em> gleichzusetzen als mit dem vergleichsweise harmlosen <em>alter Sack</em>, bei dem keineswegs klar ist, dass es sich auf den Hodensack bezieht (man vergleiche z.B. abfällige Ausdrücke wie <em>Geldsack</em> oder Pfeffersack).</p>
<p>Vor allem fällt aber auf, dass sich <em>alte Schachtel</em> in eine lange Reihe abwertender Ausdrücke für alte Frauen einreiht: angefangen mit dem auf die sexuelle Defektheit unverheirateter alter Frauen abzielende <em>alte Jungfer</em> über Ausdrücke wie <em>alte Hexe</em> oder <em>alter Drache</em>, die sich auf das vermeintlich herrische (ha!) Wesen alter Frauen beziehen, Ausdrücke wie <em>alte Schraube</em> und <em>alte Schrulle</em>, die deren Geisteszustand infrage Stellen, bis zu <em>alte Schlampe</em> und <em>alte Vettel</em>, die sich auf mangelnde Ordnung und Körperpflege beziehen. Dazu kommen eine Reihe von Wörtern aus dem Tierreich, die sich ebenfalls in diese Kategorien einordnen lassen: <em>alte Ziege</em>, <em>alte Eule</em>, <em>alte Wachtel</em>, <em>alte Krähe</em>, <em>altes Suppenhuhn</em>, <em>alte Glucke</em>, <em>alte Kuh</em> und <em>alte Schabracke</em> (‘Pferd’) oder Wörter für diverse Gegenstände, die auf Frauen angewendet meistens abwertend über deren Aussehen urteilen: <em>alte Schrippe</em>, <em>altes Reff</em> (‘Gerippe’), <em>alte Scharteke</em> (‘wertloses Buch’), <em>altes Register</em> und <em>alte Schese</em>. Und schließlich erhalten Verwandtschaftsbezeichnungen auf alte Frauen angewendet eine abwertende Bedeutung: <em>altes Mütterchen</em>, <em>alte Tante </em>, <em>alte Oma</em>. Nicht zu vergessen das <em>alte Weib</em> mit schönen Ableitungen wie <em>Altweibergeschwätz</em>, <em>Altweibergewäsch</em>, <em>Altweibermärchen</em>, usw.</p>
<p>Gegen diese lange Liste sieht das von Lohre dem <em>alten Sack</em> so durchsichtig merkbefreit gegenübergestellte <em>alte Dame</em> etwas einsam aus. Es ist aber natürlich sowieso nicht das Gegenstück zu <em>alter Sack</em>, sondern zu <em>alter Herr</em>. Auch die Liste von weiteren Ausdrücken für alte Männer liest sich erstaunlich kurz. Als da wären: <em>alter Knabe</em> und <em>alter Kerl</em>, die nicht besonders abwertend sind, das eher liebevoller <em>alter Esel</em>, sowie die abfälligen Ausdrücke <em>alter Opa</em>, <em>alter Bock</em>, und <em>alter Knacker</em>. Keiner davon bezieht sich auf das Aussehen oder die Hygiene alter Männer oder ihren Gemüts– oder Geisteszustand. Und bestenfalls <em>alter Bock</em> bezieht sich auf ihre Sexualität, wobei darin durchaus etwas Anerkennendes mitschwingt.</p>
<p>Ja, ich sehe da eine Altersgeschlechtsdiskriminierung, aber sie findet genau dort statt, wo sie zu erwarten wäre: In der Schnittmenge zwischen ohnehin diskriminierten Frauen und ohnehin diskriminierten alten Menschen. Ein Blick ins Wörterbuch hätte der taz und ihren LeserInnen also Lohres ganzen peinlichen Besinnungsaufsatz erspart.</p>
<p>Aber das ist ja nicht alles. Lohre hat noch mehr Belege:</p>
<blockquote><p>Insbesondere ältere Männer, die sexuelles Interesse an jüngeren Frauen zeigen, handeln sich das Etikett „alter Sack“ ein. Früher galt Ähnliches für die Lust älterer Frauen. Das ändert sich. Begehrt heute eine ältere Frau einen jüngeren Mann, heißt das „Cougar Town – 40 ist das neue 20“ und läuft auf Sixx.</p></blockquote>
<p>In der Tat, im amerikanischen Englisch gibt es den medial geschöpften Ausdruck <em>Cougar</em> für Frauen mittleren Alters, die auf sexuelle Abenteuer mit deutlich jüngeren Männern aus sind (medial geschöpft werden musste er deshalb, weil dieses Phänomen außerhalb der Medien eine eher marginale Rolle spielt).</p>
<p>Aber für den umgekehrten Fall von Männern mittleren Alters, die auf sexuelle Abenteuer mit deutlich jüngeren Frauen aus sind, gibt es natürlich ebenfalls ein Wort. Es lautet aber nicht, wie Lohre glaubt, <em>alter Sack</em>. Es lautet <em>Mann, </em>denn Männer müssen sich für ihre Sexualität nicht rechtfertigen.</p>
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		<title>Blogspektrogramm 16/2013</title>
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		<pubDate>Sun, 21 Apr 2013 07:00:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachlog</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hinweise]]></category>

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		<description><![CDATA[Diese Woche geht es im Spektrogramm um absichtliche und unabsichtliche Missverständnisse, um bedrohte und tote Sprachen und um imaginäre FreundInnen. Viel Spaß damit! Muriel Silberstreif von ÜBERSCHAUBARE RELEVANZ zerlegt für uns einen Beitrag von Dieter Nuhr über das, was er für politisch korrekte Sprache hält. Das Schöne: so bleibt Ihnen Dieter Nuhr erspart. Eine Forschergruppe [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Diese Woche geht es im Spektrogramm um absichtliche und unabsichtliche Missverständnisse, um bedrohte und tote Sprachen und um imaginäre FreundInnen. Viel Spaß damit!</p>
<ul>
<li>Muriel Silberstreif von ÜBERSCHAUBARE RELEVANZ zerlegt für uns einen Beitrag von Dieter Nuhr über das, was er für politisch korrekte Sprache hält. Das Schöne: <a href="https://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/2013/04/17/sex-sex-es-geht-um-sex-und-bruste/">so bleibt Ihnen Dieter Nuhr erspart</a>.</li>
<li>Eine Forschergruppe um <a href="https://twitter.com/StevenBird">Steven Bird</a> von der University of Melbourne hat <a href="http://rosettaproject.org/blog/02013/apr/17/android-app-language-documentation/">eine App entwickelt</a>, die die Dokumentation von bedrohten Sprachen sehr vereinfacht — wie das funktioniert, zeigen Bericht und Videos auf dem Blog des ROSETTA PROJECT (Englisch). (Via <a href="https://twitter.com/linguistlist/status/325311684199735297">@linguistlist</a>)</li>
<li>In North Carolina nimmt ein Lateinlehrer das spielerische Lernen ganz genau und macht aus seinem Unikurs <a href="http://news.wfu.edu/2013/04/19/bringing-new-life-to-a-dead-language/">ein Rollenspiel</a> (Englisch).</li>
<li>Auf SUPERLINGUO (Englisch) berichtet Lauren Gawne von ihren <a href="http://www.superlinguo.com/post/48145082383/adventures-in-naming-visa-paywave">Erfahrungen mit Visa Paywave</a> — einem Produktnamen, der zu unerwünschtem Kundenverhalten führt.</li>
<li>Und zum Schluss noch was zum Gucken: Evan Kidd spricht bei Ted<sup>x </sup>Sydney über Forschung zu <a href="https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&amp;v=UzCfUvWD0Q4#!">imaginären FreundInnen bei Kindern</a> — sie haben unter anderen Auswirkungen auf die Sprachentwicklung! (Via <a href="http://www.superlinguo.com/post/48301555397/i-had-the-good-fortune-of-meeting-evan-kidd-at-a">Superlinguo</a>)</li>
</ul>
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