Blogspektrogramm 35/2017

Das Spek­tro­gramm lebt! Die aktuellen Links sind nicht mehr durchge­hend taufrisch, aber Spaß kann man daran dur­chaus noch haben. Es geht heute um die Ehe für alle, Von­golisch, die ver­meintliche Sprache des Volkes, scary Englisch in Berlin und darum, was ein Hochbauin­ge­nieur mit Hochdeutsch zu tun hat:

  • Ste­fan Nigge­meier ist für ÜBERMEDIEN dem Ursprung der Beze­ich­nung Ehe für alle und ihrem Ver­hält­nis zur Homoe­he nachge­gan­gen: »Natür­lich hing der Kampf für die Gle­ich­stel­lung nicht nur an der Durch­set­zung eines Hash­tags. Aber der Begriff „Ehe für alle“ half sehr, das Anliegen sym­pa­thisch, pos­i­tiv und all­ge­mein wirken zu lassen, nicht speziell und vor allem nicht sex­uell. „Viele Leute sprechen das Wort ‚Homo‘ nicht gerne aus“, sagt der Ini­tia­tor Sören Land­mann. „Das ist schade, aber das ist Real­ität.“ […] Dass man plöt­zlich über die „Ehe für alle“ reden kon­nte, habe auch dafür gesorgt, dass sich mehr Men­schen über­haupt zu dem The­ma äußerten.«
  • Vong Sprache her hat sich im let­zten Jahr auch 1 biss­chen was getan und es gibt Stre­it darüber, wem das zu ver­danken ist. Für die SÜDDEUTSCHE hat sich Jan Strem­mel die Sache genauer ange­se­hen: »30 Mil­lio­nen Deutsche sind aktuell bei Face­book. Und weil man sich dort vor allem schriftlich mit­teilt, ist kor­rek­te Sprache heute ein wichtigeres Dis­tink­tion­s­merk­mal denn je. Wer in seinen Post­ings “seid” und “seit” ver­wech­selt, zu viele Aus­rufeze­ichen oder falsche Kom­ma­ta set­zt, gilt umge­hend als Trot­tel, egal was er zu sagen hat. […] Insofern war die absichtlich hirn­lose Witzsprache in ihren Anfangsta­gen qua­si Punkrock. Aber das ist lange vor­bei.«
  • Schon im März hat Ana­tol Ste­fanow­itsch der SÜDDEUTSCHEN ein Inter­view zu Poli­tik und Pop­ulis­mus gegeben: »Ich glaube, dass die Idee, dass man mit dem Volk sprechen kann, schon in sich pop­ulis­tisch ist. Weil sie davon aus­ge­ht, dass es irgend­wo ein Volk gibt, das eine bes­timmte Sprache spricht, die man nur tre­f­fen muss. Wir leben aber in ein­er kom­plex­en Gesellschaft, die ins­ge­samt sehr gebildet ist. “Der kleine Mann auf der Straße” ver­ste­ht im Zweifels­fall wesentlich kom­plexere Dinge, als es in diesem pop­ulis­tis­chen Zer­rbild dargestellt wird. Der Pop­ulis­mus macht diesen soge­nan­nten kleinen Mann viel naiv­er und unin­formiert­er als er ist.«
  • Fat­ma Aydemir trollt Jens Spahn in der TAZ»Don’t get me wrong, Spahn möchte nicht das Easy­Jet-Prekari­at in Schöne­feld abfan­gen, um es in Inte­gra­tions­camps zu steck­en. Es geht ihm viel mehr „um uns Deutsche selb­st“ und um eine dro­hende „kul­turelle Gle­ich­schal­tung“. […] Dabei ist es nicht so, dass ich es kein biss­chen sad finde, wenn sich Jens’Mom in Berlin-Mitte keinen Flat White bestellen kann, weil die Baris­tas nur noch Englisch sprechen. Zu Recht geht das Spah­ni­boy ziem­lich „auf den Zwirn“ (= es turnt ihn ab). Oben­drein ist er als amtieren­der Staatssekretär für Finanzen dahin­tergekom­men, dass mit­tel­ständis­che Ger­man-speak­ing Enter­pris­es im Schwarzwald mehr Asche machen als die ange­blich so boomende Start-up-Szene in der Haupt­stadt. In short: Das Hip­ster­busi­ness bringt nicht mal richtig Cash. Wieso sollte er die also sup­port­en?«
  • In Sven Regen­ers Betra­ch­tung des Tief­bauin­ge­nieurberufs für die FAZ ver­birgt sich auch ein wenig Sprach­wis­senschaft»„Es ist ja so“, nimmt er mit ein­er weg­wis­chen­den Hand­be­we­gung plöt­zlich den Faden wieder auf, „dass man zwar Begriffe mit ‚hoch‘ beim ersten Hin­hören pos­i­tiv­er kon­notiert find­et als Begriffe mit ‚tief‘ oder ‚nieder‘, dass man damit aber eben oft auch falschliegt, nur dass das kein­er merkt. […] Die meis­ten Leute glauben zum Beispiel, und da wird es eben jet­zt mal einen Moment lang ger­man­is­tisch, dass mit dem Begriff Hochdeutsch eine höher­ste­hende, in höheren Kreisen und so weit­er entwick­elte Sprache gemeint sei, manche sagen auch Hochsprache, weil sie denken, es gäbe so etwas, und da sei ein Zusam­men­hang, dabei wis­sen sie bloß nicht, dass es Hochdeutsch heißt, weil es das Süd­deutsche oder Oberdeutsche ist, die also einst in den höher gele­ge­nen deutschen Gebi­eten gesproch­ene Sprache, dass also die hochdeutschen Dialek­te eben das Bairische, Ale­man­nis­che, Säch­sis­che und Fränkische sind, im Gegen­satz zum Niederdeutschen, das so heißt, weil es in den nord­deutschen, tiefer gele­ge­nen Land­schaften gesprochen wurde und sowieso eine ganz andere Sprache ist und das schon seit dem acht­en, neun­ten Jahrhun­dert, als sich südlich der Ben­rather Lin­ie das Hochdeutsche entwick­elte, und nie­mand weiß, warum. Da kön­nen Sie schon mal sehen, wie sehr der Zusatz ‚hoch‘ in die Irre führen kann, teu­flisch“, sagt der Tief­bauin­ge­nieur und beruhigt sich erst ein­mal mit einem Schluck aus dem Deck­el sein­er Ther­moskanne.«

Das Deppenleerzeichen gibt es nicht: Eine Art Replik

Ich habe kür­zlich ein Gespräch mit Michel Winde von der dpa geführt — über Leerze­ichen und Binde­striche in Kom­posi­ta. Es ging dabei um sehr emo­tion­al beset­zte Schrei­bun­gen wie z.B.

Johannes Guten­berg-Uni­ver­sität

dpa-Kinder­nachricht­en

Wür­fel Zuck­er

Nun ist ein Artikel ent­standen, in dem sich Spurenele­mente des Inter­views wiederfind­en.1 Der Text nervt mich. Neben inhaltlichen Aspek­ten (dazu gle­ich mehr) finde ich es unredlich, dass durch extreme Zitat­mon­tage der Ein­druck entste­ht, alle Inter­viewten hät­ten ein Gespräch miteinan­der geführt, aufeinan­der Bezug genom­men. So z.B.:

Sprache ändert sich. „Aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht finde ich das span­nend“, sagt Kopf über das Dep­pen­leerze­ichen. Allerd­ings gehen auch Aus­drucksmöglichkeit­en ver­loren. Ein „Chefin­ge­nieur“ sei nun mal etwas anderes als ein „Chef Inge­nieur“, sagt Lutz.

Ich hat­te aber wed­er mit den wis­senschaftlicheren Stim­men noch mit Bas­t­ian Sick oder Titus Gast irgen­deine Art von Aus­tausch und der sug­gerierte Kon­sens zum The­ma existiert auch nicht.

Ganz abge­se­hen davon habe ich wirk­lich keinen blassen Schim­mer, was denn ein <Chef Inge­nieur> anderes sein soll als ein <Chefin­ge­nieur>. Kann mir da jemand helfen? Und welche “Aus­drucksmöglichkeit­en” sollen das sein, die man da ver­liert? In der gesproch­enen Sprache gibt’s auch keine Getren­nt- und Zusam­men­schrei­bung und trotz­dem funk­tion­ert die Kom­mu­nika­tion ganz wun­der­bar. Das Englis­che, wo Kom­posi­ta oft getren­nt geschrieben wer­den, lei­det meines Wis­sens auch nicht ger­ade an Aus­druck­sar­mut.

Die Deppen, das sind die anderen

Der zweite über­greifende Punkt, der mich nervt, ist, dass das Wort “Dep­pen­leerze­ichen” über­all vorkommt und so getan wird, als sei das ein etabliert­er Fach­be­griff. In Wirk­lichkeit ist das Wort ein­fach nur wider­lich: Weit­er­lesen

  1. Meine Zitate wur­den freigegeben, den ganzen Text kan­nte ich vorher nicht. []

Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2016: Fake News

Die Jury hat sich die Wahl zum Anglizis­mus des Jahres auch dies­mal nicht leicht gemacht, aber mit Fake News gab es einen Kan­di­dat­en, der 2016 eine so plöt­zliche und mas­sive Präsenz im öffentlichen Diskurs erlangt hat, dass es am Ende doch keine ern­sthafte Alter­na­tive gab. Damit haben wir seit langem wieder ein­mal einen Anglizis­mus des Jahres, von dem nie­mand behaupten kann, ihn nicht zu ken­nen, und dem nie­mand vor­w­er­fen kann, er sei zu alt.

Dabei begin­nt die Geschichte dieses Aus­drucks schon im späten 19. Jahrhun­dert. Die früh­este Ver­wen­dung, die ich find­en kon­nte, stammt aus der Zeitschrift Amer­i­can His­tor­i­cal Reg­is­ter vom Novem­ber 1894 in ein­er Diskus­sion über die Rolle und Qual­ität von Lokalzeitun­gen in den USA wird eine Mel­dung über eine (ange­bliche) Flucht Napoleons nach Flo­renz beschrieben. Die Autorin stellt dann fest, dass Napoleon zur betr­e­f­fend­en Zeit auf der Höhe seines Erfolges war und dass es außer den Wun­schvorstel­lun­gen sein­er Geg­n­er keine Belege für die beschriebe­nen Ereignisse gibt – Or was it “fake news”?, fragt sie rhetorisch.

Dieser frühe Beleg hat damit schon fast alle Eigen­schaften dessen, was die heutige Ver­wen­dung des Begriffs aus­macht – der Aus­druck fake news beze­ich­net hier bere­its eine frei erfun­dene Nachricht, die einen poli­tis­chen Geg­n­er in ein schlecht­es Licht stellt und die deshalb dankbar aufgenom­men wird, weil sie ins Welt­bild der­er passt, an die sie sich richtet. Das einzige, was sie von den heuti­gen Fake News unter­schei­det, ist die Tat­sache, dass diese Nachricht in ein­er kleinen Landzeitung in den USA ste­ht, und nicht auf einem Screen­shot auf Face­book. Übri­gens: Auch in Eng­land und den Kolonien gab es damals schon Geset­ze, die die Ver­bre­itung gefälschter Nachricht­en unter Strafe stellen – die wer­den damals aber (noch) nicht als fake news, son­dern als false news beze­ich­net.

Das Wort fake news bleibt lange eine Gele­gen­heit­ser­schei­n­ung. Erst seit den 1990er Jahren wird es langsam zu einem fest­ste­hen­den Begriff. Dabei beze­ich­net es meis­tens satirische Nachricht­ensendun­gen und -mag­a­zine, wie Jon Stew­arts The Dai­ly Show oder das amerikanis­che Vor­bild und Äquiv­a­lent des Pos­til­lon, The Onion. Auch zu dieser Zeit wer­den in pro­pa­gan­dis­tis­ch­er Absicht ver­bre­it­ete absichtliche Falschmel­dun­gen haupt­säch­lich als false news (items/reports) beze­ich­net. Aber punk­tuell find­et sich auch der Aus­druck fake news in dieser Bedeu­tung, z.B. in Frank Kel­ly Richs Buch „The Great­est Sto­ry Ever Sold: The Decline and Fall of Truth in Bush’s Amer­i­ca“, in dem eine fake news fac­to­ry der Bush-Regierung beschrieben wird, in der fake jour­nal­ists Pro­pa­gan­da im Nachricht­enge­wand erstellen.

Die Bedeu­tungsen­twick­lung des Aus­drucks geht dann aber zunächst in eine andere Rich­tung – immer häu­figer beze­ich­net er bewusste Falschmel­dun­gen in sozialen Net­zw­erken, die entwed­er in kom­merzieller Absicht ver­bre­it­et wer­den – um Klicks auf Seit­en mit Wer­beanzeigen zu erzeu­gen –, oder schlicht aus Freude daran, Men­schen beispiel­sweise mit erfun­de­nen Tode­sanzeigen Promi­nen­ter zu ver­wirren.

In dieser Bedeu­tung taucht der Aus­druck seit eini­gen Jahren ab und zu auch in deutschen Tex­ten auf. Ein früh­es Beispiel ist ein Bericht im Juli 2014 über eine Mel­dung, dass Manuel Neuer im Finale der Fußball­welt­meis­ter­schaft aus­fall­en werde. Allerd­ings gab und gibt es im Deutschen für solche Mel­dun­gen schon Wörter wie Hoax-Nachricht oder Hoax-Mel­dung, gegen die sich der Neuankömm­ling Fake News nicht durch­set­zen kon­nte.

Erst im Novem­ber 2016 schafft Fake News einen plöt­zlichen und hefti­gen Durch­bruch in den all­ge­meinen Sprachge­brauch. Dieser geht ein­her mit ein­er weit­eren Bedeu­tungsver­schiebung: Das Wort beze­ich­net im Englis­chen inzwis­chen wieder die Art von Manip­u­la­tion­s­ab­sicht­en und Wun­schvorstel­lun­gen getriebene Pro­pa­gan­da, die schon im Erst­be­leg über Napoleons Flucht anklingt – erweit­ert um den Aspekt der Ver­bre­itung über die Sozialen Medi­en, der auch für der Ver­wen­dung zur Beze­ich­nung von Hoax-Mel­dun­gen charak­ter­is­tisch ist. Ins öffentliche Bewusst­sein und in den all­ge­meinen Sprachge­brauch gelangt es in Diskus­sio­nen um die Ursachen­find­ung zum Wahler­folg des US-Präsi­den­ten Don­ald Trump, der ange­blich auf Fake News zurück­zuführen gewe­sen sei (was inzwis­chen von wis­senschaftlich­er Seite bezweifelt wird).

Das Wort Fake News – im Deutschen auch Fake-News oder sog­ar Fak­e­news geschrieben – füllt damit dif­feren­zierend eine Lücke zwis­chen den etablierten Wörtern Falschmel­dung und Pro­pa­gan­da. Anders als die Falschmel­dung, die ja sowohl absichtlich als auch unab­sichtlich falsch sein kann, sind die Fake News immer absichtlich falsch. Und anders als die Pro­pa­gan­da, die das Ziel hat, das öffentliche Bewusst­sein sys­tem­a­tisch und tief­greifend zu bee­in­flussen, sind die Fake-News eher auf die Bestä­ti­gung beste­hen­der Vorurteile bei bes­timmten Ziel­grup­pen aus­gerichtet. Ganz im Sinne eines post­fak­tis­chen Zeit­geistes geht es häu­fig auch gar nicht darum, dass die Fake News tat­säch­lich geglaubt, son­dern nur, dass sie für möglich gehal­ten wer­den und so ein Gegengewicht zu den tat­säch­lichen Nachricht­en in den „etablierten“ Medi­en (vul­go „Lügen­presse“) bilden kön­nen.

Diese Lücke kann das Wort unter anderem füllen, weil das Wort fake, anders als das Wort falsch in Wörtern wie Falschmel­dung oder dem neu geprägten Falschnachricht ein­deutig die bewusste Fälschung und Täuschungsab­sicht hin­ter den Fake News anspricht. Anders als falsch (oder das englis­che false) beze­ich­net das Adjek­tiv fake bewusste, in Täuschungsab­sicht hergestellte Nach­bil­dun­gen von Din­gen – Pelze, Pässe, Bärte, Wim­pern, Geld, Schmuck, Schnee und nun eben auch news. Dieses bedeu­tungs­d­if­feren­zierende Poten­zial hat das Adjek­tiv fake schon vor drei Jahren auf die Short­list zum Anglizis­mus des Jahres gebracht und es ist auch Bestandteil der einzi­gen Ein­deutschung des Wortes Fake News, der wir Erfolg prog­nos­tizieren: Fak­e­nachricht­en.

Wörterwolke Anglizismus 2016

Unwort des Jahres 2016: Volksverräter.

Die „Sprachkri­tis­che Aktion“ hat ger­ade das Unwort des Jahres 2016 bekan­nt­gegeben: Volksver­räter. Damit set­zt die Jury unter Leitung mein­er Darm­städter Kol­le­gin Nina Janich kon­se­quent die Kri­tik an rechter und recht­es Han­deln ver­harm­losender Sprache fort, die sie 2013 mit dem Unwort Sozial­touris­mus begonnen und sei­ther mit Lügen­presse (2014) und Gut­men­sch (2015) fort­ge­set­zt hat.

Die zunehmende Nor­mal­isierung rechter Inhalte und rechter Sprache im öffentlichen Diskurs ist eine erschreck­ende Entwick­lung und man kann es der „Sprachkri­tis­chen Aktion“ nicht hoch genug anrech­nen, dass sie jedes Jahr aufs neue auf diese Entwick­lung hin­weist.

Volksver­räter ist ein Begriff, der his­torisch schon zwei sprach­liche Kon­junk­tur­phasen hat­te. Zum ersten Mal nimmt seine Häu­figkeit im Sprachge­bauch im ersten Weltkrieg zu und sinkt dann wieder ab, um dann in der Zeit des Nation­al­sozial­is­mus einen sprung­haften und nach­halti­gen Anstieg zu erleben, der in den 1950er und 1960er Jahren langsam wieder nach­lässt.

Die Häu­figkeit­sen­twick­lung liest sich also wie eine Fieberkurve völkischen Denkens in Deutsch­land, und dass das Wort inzwis­chen wieder laut auf der Straße gerufen wird, zeigt, dass die aktuelle, häu­fig als „recht­spop­ulis­tisch“ ver­harm­loste Stim­mung in großen Teilen der Gesellschaft diskur­siv direkt an dieses Denken anschließt.

Wer mehr wis­sen will – ich bin ab 12:10 im Kul­tur­ra­dio des rbb zu Gast, um mit Mod­er­a­tor Frank Rawel und dem Kolum­nis­ten Har­ald Marten­stein über Unwörter all­ge­mein und das Unwort des Jahres im Beson­deren zu disku­tieren. Später bin ich dann noch im Deutsch­landra­dio Kul­tur zu Gast, Details fol­gen.

Nafris (ein sprachwissenschaftliches Grünen-Seminar für Rainer Wendt)

Das Wort Nafri sorgt für heftige Debat­ten, seit die Köl­ner Polizei in der Sil­vester­nacht 2016 über den Kurz­nachrich­t­en­di­enst Twit­ter fol­gende Beschrei­bung ihres Vorge­hens abset­zte:

Die Diskus­sion wird, wie es in Deutsch­land lei­der üblich ist, wenn es um poten­ziell prob­lema­tis­che Sprache geht, sehr hitzig, fak­te­n­arm und wenig pro­duk­tiv geführt. Sie wird außer­dem ver­mis­cht mit der wichtigeren Diskus­sion um Racial Pro­fil­ing und öffentliche Sicher­heit, die mit dem Wort Nafri eher am Rande zu tun hat.

Eigentlich wollte ich mich deshalb aus der Diskus­sion her­aushal­ten, aber dann las ich fol­gende Aus­sage des Vor­sitzen­den der Deutschen Polizeigew­erkschaft, Rain­er Wendt:

Das ist eine Abkürzung, die wir im Ein­satz benutzen, beispiel­weise bei Funksprüchen oder wenn sich die Beamten etwas zurufen. Das braucht man nicht zu drama­tisieren. Das ist eben der Unter­schied zwis­chen einem sprach­wis­senschaftlichen Grü­nen-Sem­i­nar und einem Polizeiein­satz. (Rain­er Wendt in der Jun­gen Frei­heit, 2. Jan­u­ar 2017)

Ich bin zwar kein Grün­er, aber ein sprach­wis­senschaftlich­es Sem­i­nar kann ich liefern, und da die Kri­tik am Begriff „Nafri“ weit­ge­hend am eigentlichen Prob­lem vor­beige­ht, habe ich Wendts Her­aus­forderung dann doch angenom­men. Weit­er­lesen

Warum man Fake News nicht verbieten kann: Eine Fallstudie

Zufäl­lig war ich heute auf der Suche nach Wei­h­nachts­geschenken in den Schön­hauser-Allee-Arkaden (einem Einkauf­szen­trum im Pren­zlauer Berg), als der Ein­gang und die Straße und der U-Bahn­hof vor dem Einkauf­szen­trum von der Polizei abges­per­rt wur­den. Ein fre­undlich­er Beamter erk­lärte auf Nach­frage, dass man einen verdächti­gen Gegen­stand gefun­den habe, der nun unter­sucht würde.

Das wurde auch schnell von eini­gen lokalen Medi­en auf Twit­ter bekan­nt­gegeben, z.B. hier (um 14:33):

Der Gegen­stand wurde am Ende ergeb­nis­los gesprengt (es war, je nach Mel­dung, eine Tüte, ein Kof­fer oder ein leer­er Schuhkar­ton) und mein Wei­h­nachts­geschenk habe ich auch nicht gefun­den, aber dafür eine schöne Fall­studie darüber, wie man Fake News ver­fasst, ohne dabei zu lügen. Weit­er­lesen

Meist märchenhaft? Mehr Etymologien (und eine Siegerehrung)

Was zum Beispiel Advent und Akro­bat oder Gräte und Gren­ze miteinan­der zu tun haben, habe ich vor ein­er Weile schon gek­lärt. Sei­ther war bei mir irgend­wie zu viel los um die Auflö­sung des let­zten Ety­molo­gierät­sels zu Ende zu brin­gen. Auch hin­ter den noch unbe­sproch­enen Wörtern ver­ber­gen sich aber inter­es­sante Zusam­men­hänge (und ein Fehler), die für Nicht-RaterIn­nen eben­so span­nend sind. Nach­dem ich sie erhellt habe, kom­men wir dann endlich zur Siegerehrung.

Märchen und meist. Das Märchen ist eine Diminu­tiv­bil­dung zu ahd. māri ‘Nachricht, Erzäh­lung; Gerücht’. Die heutige Form des Sub­stan­tivs ist, kaum mehr gebräuch­lich, Mär — vielle­icht haben Sie den Anfang des Nibelun­gen­lieds noch im Kopf, wie “in alten maeren” viel Wun­der­bares berichtet wird,((Hier find­et sich eine Über­set­zung der ersten Stro­phe.)) oder es wei­h­nachtet bei Vom Him­mel hoch, wo “gute neue Mär” gebracht wird. Diese “kleine Erzäh­lung” bezog sich schon früh auf Aus­gedacht­es, im Gegen­satz zur Mär, die lange Zeit Fakt und Fik­tion beze­ich­nen kon­nte.

Aber um zu meist zu gelan­gen, müssen wir in die andere Rich­tung gehen: Weit­er­lesen

Wort des Jahres 2016: Postfaktisch

Wenn die Gesellschaft für Deutsche Sprache uns ihre Wörter schickt, schickt sie nicht ihre besten Wörter. Sie schick­en uns Wörter, die viele Prob­lem haben und sie brin­gen diese Prob­leme zu uns. Sie brin­gen wohlfeilen Unfug. Sie brin­gen erfun­dene Wörter. Es sind Wörter, die nie­mand ken­nt. Und einige, ver­mute ich, sind gute Wörter.

Das Wort des Jahres wurde von und für die Chi­ne­sen erfun­den, um die deutsche Sprach­pro­duk­tion wet­tbe­werb­sun­fähig zu machen. Die krim­inelle Gesellschaft für deutsche Sprache hat die Puris­ten­miliz Vere­in Deutsche Sprache gegrün­det. Aber da kann man nichts machen, Obwohl — die Leute der Amtlichen Rechtschrei­bung, vielle­icht gibt es doch etwas. Ich weiß es nicht.

Ich werde ein eigenes Wort des Jahres wählen – und nie­mand wählt Wörter bess­er als ich, glauben Sie mir – und ich wäh­le sie sehr kostengün­stig. Ich werde ein großes, großes Wort des Jahres an unser­er Sprach­gren­ze wählen und ich werde die Lexiko­graphen für dieses Wort bezahlen lassen.

Alle lieben meine Wörter. Ich kön­nte mich auf die Kon­rad-Duden-Straße stellen und jeman­den zutex­ten, und die Leute wür­den mein Wort des Jahres trotz­dem wählen. Wenn es nicht mein Wort des Jahres wäre, würde ich es wahrschein­lich dat­en.

Blogspektrogramm 46/2016

Das heutige Spek­tro­gramm bringt eher anstren­gen­dere The­men — nichts­destotrotz sind unsere Links über die US-Wahl, typografis­che Ein­bürgerung­shin­dernisse, Kom­mu­nika­tion­sprob­leme beim Brex­it und lux­em­bur­gis­chen Nation­al­is­mus lesens- und hörenswert.

  • Der Lexiko­graph Ben Zim­mer hat mit WNYC über Wörter gesprochen, die den US-amerikanis­chen Präsi­dentschaftswahlkampf geprägt haben (Audio, Englisch): white­lash, rigged, big league, deplorables, nasty woman etc.
  • Wenn man einen Namen falsch schreibt, reagieren die Namen­trägerIn­nen oft emo­tion­al — als “Kristin mit K und ohne e” weiß ich das bestens. Mit einem wesentlich prob­lema­tis­cheren Fall hat es Robert Matešić zu tun, über den DAS MAGAZIN berichtet — ein ganz­er Staat ist typografisch gegen ihn: »Mit dem Lin­eal zieht er einen Strich durch seinen Namen und schreibt ihn in Druck­buch­staben auf die gepunk­tete Linie:M a t e š i ć. Aus­ge­sprochen: Ma-te-schitsch. Gefehlt hat das auf­steigende Strich­lein, der Akut, über dem c. Bitte kon­trol­lieren Sie die Dat­en genau, hiess es im Schreiben des Zivil­stand­samts der Stadt Zürich. Mit Ihrer Unter­schrift bestäti­gen Sie die Richtigkeit Ihrer Angaben. […] Es geht um […] seine Ein­bürgerung. Zum Glück, denkt er, hat er den Fehler noch rechtzeit­ig ent­deckt.«
  • Nein, nein und noch mal nein! Für BBC Radio 4 geht Damien McGuin­ness auf höflichkeits­be­d­ingte Kom­mu­nika­tion­sprob­leme ein (Audio, Englisch).
  • Vor ein paar Jahren war “Deutsch ins Grundge­setz” in Deutsch­land ein The­ma, aktuell stre­it­et man in Lux­em­burg darüber, ob Lux­em­bur­gisch erste Amtssprache wer­den soll. Dabei ist die Sprache nur Stel­lvertreterin für Nation­al­is­mus, sagt Danielle Igni­ti zu RADIO 100,7: »Si wëllen d’Land spléck­en a Lëtze­buerg­er, déi Lëtze­buergesch schwätzen, an an Aus­län­ner, déi mussen aus­ge­gren­zt ginn. D’Lëtzebuerger Sprooch gëtt e Mët­tel zum Zweck fir ultra-nation­al­is­tesch Aktivis­ten, déi de Lëtze­buerg­er hir irra­tional Ängscht­en aus­notzen an zur eth­nesch­er Säu­berung opruf­fen. De Feind ass den Aus­län­ner — ob en elo Lëtze­buergesch kann oder net, ass am Fong net méi wichteg.« (Ein kurz­er Text auf Deutsch mit den groben Rah­menin­fos find­en sich hier.)

Jugend schützt vor Wortheit nicht

Das Jugend­wörter­buch-des-Jahres-Wer­be­wort 2016 wurde eben bekan­nt gegeben. Wie auch in den let­zten Jahren (2013, 2014, 2015) sind dem Sprachlog die Aufze­ich­nun­gen der Beratun­gen aus den Redak­tion­sräu­men des Wörter­buchver­lags Schlangenei­dt zuge­spielt wor­den, die wir im Fol­gen­den ungekürzt veröf­fentlichen.

Im Büro von DR. WORTWISPERER, Ober­lexiko­graf des Wörter­buchver­lags Schlangenei­dt in München.

Anwe­send sind OBERLEXIKOGRAF DR. WILLHELM WORTWISPERER und ASSISTENZOBERLEXIKOGRAF SIEGFRIED SILBENSÄUSLER.

SILBENSÄUSLER. Wortwisper­er, Wortwisper­er!

(STILLE)

SILBENSÄUSLER. Aufgewacht, Wortwisper­er!

WORTWISPERER. Potz­tausend, Sil­ben­säusler! Wie oft habe ich Ihnen gesagt, Sie sollen mich nicht beim Sin­nieren unter­brechen!

SILBENSÄUSLER. Par­don, Wortwisper­er, aber es eilt! Der Herr Direk­tor Schlangenei­dt ver­langt das Jungspund­wort des Jahres!

WORTWISPERER: Schon wieder, Sil­ben­säusler?

SILBENSÄUSLER: Ja, der Lauf der Jahreszeit­en, Wortwisper­er. Es ist schon wieder so weit.

WORTWISPERER: Aber sind diese Jungspunde nun­mehr nicht langsam alle im Man­nesalter angekom­men, Sil­ben­säusler?

SILBENSÄUSLER: Da wach­sen ständig neue Jungspunde nach, Wortwisper­er. Weit­er­lesen