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Warum man Fake News nicht verbieten kann: Eine Fallstudie

Zufäl­lig war ich heute auf der Suche nach Wei­h­nachts­geschenken in den Schön­hauser-Allee-Arkaden (einem Einkauf­szen­trum im Pren­zlauer Berg), als der Ein­gang und die Straße und der U-Bahn­hof vor dem Einkauf­szen­trum von der Polizei abges­per­rt wur­den. Ein fre­undlich­er Beamter erk­lärte auf Nach­frage, dass man einen verdächti­gen Gegen­stand gefun­den habe, der nun unter­sucht würde.

Das wurde auch schnell von eini­gen lokalen Medi­en auf Twit­ter bekan­nt­gegeben, z.B. hier (um 14:33):

Der Gegen­stand wurde am Ende ergeb­nis­los gesprengt (es war, je nach Mel­dung, eine Tüte, ein Kof­fer oder ein leer­er Schuhkar­ton) und mein Wei­h­nachts­geschenk habe ich auch nicht gefun­den, aber dafür eine schöne Fall­studie darüber, wie man Fake News ver­fasst, ohne dabei zu lügen. Weit­er­lesen

And the Winner is: -gate

Als das Wort Water­gate 1972 ins Deutsche entlehnt wurde, war es nur der Name ein­er bes­timmten poli­tis­chen Affäre: Der repub­likanis­che US-Präsi­dent Richard Nixon hat­te das im Water­gate Build­ing behei­matete Haup­tquarti­er der geg­ner­ischen Demokrat­en abhören lassen. Dass er dafür 1974 zurück­treten musste, kön­nen wir uns angesichts der poli­tis­chen Kon­se­quen­zlosigkeit des aktuellen Dauer-Abhörskan­dals kaum noch vorstellen – so wie sich damals nie­mand hätte vorstellen kön­nen, dass die let­zte Silbe des Eigen­na­mens Water­gate vierzig Jahre später zum deutschen Anglizis­mus des Jahres gekürt wer­den würde.

Und um ein Haar wäre es dazu auch nie gekom­men, denn zunächst schien es für die deutsche Sprachge­mein­schaft keinen Grund zu geben, den Wortbe­standteil -gate her­auszulösen. Stattdessen sah es eher so aus, als kön­nte sich das Wort Water­gate im Ganzen als all­ge­meine Beze­ich­nung für poli­tis­che Skan­dale durch­set­zen. Frühe Tre­f­fer im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus beziehen sich zum Beispiel auf ein franzö­sis­ches, philip­pinis­ches oder englis­ches Water­gate, ein Ham­burg­er oder Bon­ner Water­gate, und (wohl in Anlehnung an das zum all­ge­meinen Wort für eine Nieder­lage gewor­de­nen Water­loo) sog­ar davon, dass jemand vor seinem Water­gate ste­he. Weit­er­lesen

Sprachkritik auf Ramschniveau

Am 10. Sep­tem­ber war “Tag der deutschen Sprache”. Keine Sorge — wer jet­zt hek­tisch im Ter­min- und Gedenk­tagskalen­der nach­sieht, ob er an diesem Tag einen Schrein ange­him­melt hat, der sei beruhigt: Dieser Tag ist eine Aktion des Vere­in deutsche Sprache (VDS). Damit will der VDS seit 2001 “ein Sprach­be­wusst­sein schaf­fen und fes­ti­gen […]”

Jeden­falls kriechen an und vor diesem Tagen die Medi­en, vor­rangig die kleineren, vor dem Altar der Sprachkri­tik zu Kreuze und veröf­fentlichen im Zuge ihrer Prak­tikan­tenbeschäf­ti­gung­spro­gramme die entsprechen­den VDS-Pressemel­dun­gen. Einige Zeitun­gen ver­suchen sich gar in Kreativ­ität. Die Badis­che Zeitung (BZ) ist so ein Beispiel.

Die BZ präsen­tierte ein kleines “Floske­lal­pha­bet” des “Fast­food der Sprache”. Von A bis Z hohle Floskeln. Darunter: Zukun­ftsper­spek­tive (hä?), Dozierende & Studierende (gähn) oder nicht wirk­lich (schnarch). Aber mir soll’s heute um Ram­schniveau gehen.

Die Redak­teure wollen nach eige­nen Worten der Wahl zum Unwort des Jahres 2011 nicht vor­greifen — hal­ten sie Ram­schniveau doch für einen aus­richt­sre­ichen Kan­di­dat­en (mit dieser Ein­schätzen kön­nten sie sog­ar recht gut liegen) und schla­gen das Wort den­ngle­ich zur Wahl vor.

Aber aus falschen Motiv­en. Denn der BZ geht es nicht um das Wort Ram­schniveau an sich, son­dern darum, was gerne mal vor Ram­schniveau ver­wen­det wird — und warum diese Kon­struk­tion ange­blich ins Floske­lal­pha­bet gehört. Die BZ schreibt:

Ram­schniveau

Wir wollen der Jury, die das Unwort des Jahres 2011 ermit­telt, nicht vor­greifen, aber ihr dieses Wort vorschla­gen. “Irland auf Ram­schniveau her­abgestuft.” Ganz Irland? Natür­lich nicht, bloß seine Staat­san­lei­hen. Der Ire muss es unfair find­en.

Hier drängt sich also die Frage auf: Wer­den sich die Iren belei­digt fühlen (müssen/dürfen)?

Na, vielle­icht auf Regierun­gen und Finanzspeku­la­teure, die ihnen die Suppe einge­brockt haben. Aber sprach­lich ist hier eigentlich alles in Ord­nung. Wenn die BZ sagt: “‘Irland auf Ram­schniveau her­abgestuft’ Ganz Irland? Natür­lich nicht, bloß seine Staat­san­lei­hen” — hat da jemand gröbere Ver­ständ­nis­prob­leme, dass es eben nicht um die Bewohn­er geht? Die Floske­lanal­pha­betisierungs­beauf­tragten der BZ überse­hen bei ihrer Kri­tik näm­lich einen alltäglichen und nor­malen sprach­lich-kog­ni­tiv­en Prozess, den wir gar nicht bewusst wahrnehmen; also Laien noch weniger und die meis­ten Sprachkri­tik­er schon mal gar nicht.

Dieser Prozess nen­nt sich Metonymie*: Von einem metonymis­ch­er Aus­druck spricht man dort, wo ein Begriff nicht in sein­er wörtlichen Bedeu­tung ver­wen­det wird (was immer die sein kön­nte), son­dern es sich in ein­er Bedeu­tungser­weiterung um eine enge seman­tis­che Ver­wandtschaft zwis­chen dem Beze­ich­nen­den und Beze­ich­neten han­delt. Soll heißen: Durch Metonymie kann sowohl das “Ganze für einen Teil” ste­hen (WHOLE-FOR-PART; Ich lese Shake­speare, Shake­speare als Autor für sein(e) Werk(e)), als auch umgekehrt ein Teil der Bedeu­tungss­chat­tierung für das Ganze (PART-FOR-WHOLE; Super­hirn, Hirn als Teil des Men­schen für den ganzen Men­schen).

Wenn Neusee­land im Halb­fi­nale der Rug­by-Welt­meis­ter­schaft Aus­tralien geschla­gen hat, dann haben wed­er 20 Mil­lio­nen Aus­tralier gegen vier Mil­lio­nen Neuseelän­der ver­loren, noch siebenein­halb Mil­lio­nen Quadratk­ilo­me­ter gegen eine Viertelmil­lion — dann haben die Spiel­er gegeneinan­der gespielt, die ihr jew­eiliges Herkun­ft­s­land in ein­er Mannschaft repräsen­tieren. Wie unökonomisch wäre es denn, jedes Mal zu sagen: ‘Die Mannschaft mit Spiel­ern aus­tralis­ch­er Staat­sange­hörigkeit ver­lor deut­lich gegen die Mannschaft mit den Spiel­ern neuseeländis­ch­er Staat­sange­hörigkeit’?

Als Nichtalko­ho­lik­er dür­fen Sie zurecht pikiert sein, als Trinker beze­ich­net zu wer­den, auch wenn Sie jeden Tag eine Zwei-Liter-Flasche trinken. Fahren Sie zur Tankstelle, um den Schlauch mit dem Tankstutzen an die Öff­nung des Rohrs anzule­gen, von wo aus das Ben­zin in den Tank geleit­et wird — oder tanken sie ein­fach das Auto voll? Ich wün­sche viel Spaß beim Entlüften.

Metonymien sind so alltäglich, dass sie uns nicht auf­fall­en: Da ist Wash­ing­ton sauer auf Berlin, Lon­don macht Zusagen an Paris oder Deutsch­land ver­han­delt mit Peking. Dies sind sowohl Beispiele für das PART-FOR-WHOLE (Lan­deshaupt­stadt als Teil des Lan­des), als auch WHOLE-FOR-PART (Lan­deshaupt­stadt für die dort ansäs­sige Regierung bzw. Lan­des­beze­ich­nung für dessen poli­tis­che Führung). Sollte sich der Berlin­er unfair behan­delt fühlen, wenn die Griechen sauer auf Angela Merkel sind?

Mal sehen, wie es die Badis­che Zeitung mit ‘[LAND] auf Ram­schniveau’ hält:

Irland rang­iert damit nur noch eine Stufe über Ram­schniveau.
Badis­che Zeitung, 16. April 2011.

Die Ratin­ga­gen­tur Stan­dard & Poor’s hat­te bere­its am Mon­tag Griechen­land auf das Ram­schniveau CCC her­abgestuft.
Badis­che Zeitung, 15. Juni 2011.

Fair­erweise muss man dazu sagen, dass sich Ram­schniveau bei der BZ tat­säch­lich in den meis­ten Fällen auf die Kred­itwürdigkeit oder Staat­san­lei­hen bezieht, in 17 von 19 Tre­f­fern. Immer­hin. Aber trotz­dem nutzen natür­lich auch die Jour­nal­is­ten bei der BZ die Metonymie, um kom­plexere oder neue Umstände sprachökonomisch pointiert(er) darzustellen. Und im Kon­text wis­sen wir auch, dass Con­nemara oder Dublin immer noch reizend und bes­timmt nicht bil­lig sind.

Nun ist Ram­schniveau vielle­icht nicht beson­ders hüb­sch. Oder ermunternd. Oder zutr­e­f­fend. Oder gerecht. Oder psy­chol­o­gisch klug. Für eine Wahl zum Unwort des Jahres wäre es deshalb gar nicht so ungeeignet. Aber der BZ ging es ja um belei­digte Iren.

Bei aller Kri­tik am einzel­nen Begriff — die Kon­struk­tion Irland auf Ram­schniveau ist sprach­lich keine hohle Floskel, und ganz gedanken­los daherge­sagt ist sie auch nicht. Sie ist erk­lär­bar als eine Analo­gie zu einem gängi­gen Muster (z.B. Irland mit Defiziten im Staat­shaushalt) auf Grund­lage eines hunds­gewöhn­lichen, sprachökonomis­chen, kog­ni­tiv­en Prozess­es.

Ganz neben­bei und weil es mir noch so auf­fällt: Die For­mulierung “Das Fast­food der Sprache”, mit der die BZ ihr Floske­lal­pha­bet umschrieben hat, fällt unter den Prozess der Meta­pher — und ist von der Metonymie gar nicht beson­ders weit ent­fer­nt.

In ein­er ersten Ver­sion dieses Beitrags habe ich zwei Fra­gen aufge­wor­fen. Zur Frage, ob die Iren belei­digt sein dürfen/sollen/müssen kam noch: Was hat Ram­schniveau in einem Floske­lal­pha­bet der Poli­tik­er­sprache zu suchen? Die Über­legun­gen dazu ufer­ten etwas aus — aber ich möchte nicht die Arbeit und das Gedanken­chaos von Stun­den ein­fach der Entf-Taste übergeben. Wer sich für die zweite Frage inter­essiert, kann mit meinen unaus­gereiften Über­legun­gen zum Begriff Ram­schniveau weit­er­lesen (als mögliche Her­leitung des Begriffs, sein­er Bedeu­tung und Erk­lärung der Ver­wen­dung, aber beton­ter­weise nicht als Recht­fer­ti­gung der­sel­ben):

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Stephen Fry, language lover

Auch wenn hier jet­zt der Ein­druck entste­ht, das Blog sei über die Som­mer­pause zu ein­er Link­farm verkom­men: Diesen Hin­weis darf ich nie­man­dem voren­thal­ten, der der englis­chen Sprache mächtig ist, Stephen Fry ganz wun­der­bar find­et und sich für Sprache inter­essiert: Die BBC-Doku­men­ta­tion “Stephen Fry’s Plan­et Word” (BBC 2011). Michael hat­te zwar schon bei 2′36″ ein ARRRGH!-Erlebnis, aber wenn wir über die kleinen Detail­fra­gen hin­wegse­hen, die in der Wis­senschaft etwas fizzelig sind — viel Spaß!

[Das Video ist lei­der nicht mehr ver­füg­bar. Alter­na­tiv­en ändern sich oft.]

Um dem ganzen aber blog­seit­ig etwas Neues hinzuzufü­gen: Warum sind, sub­jek­tiv-objek­tiv gesprochen, solche Doku­men­ta­tio­nen bei uns nicht möglich? Eine fün­f­stündi­ge Doku­men­ta­tio­nen in fünf Teilen, und das zur besten Sendezeit? Wo ist der Inten­dant bei uns, der Mut dazu hat? (Bitte — das waren rhetorische Fra­gen!) Mal abge­se­hen davon, dass sie natür­lich, wenn über­haupt, dann im Nacht­pro­gramm bei Eins­Fes­ti­val laufen wür­den.

Vielle­icht fehlt uns aber auch ein Stephen Fry.

[Video] The History of English

So, heute ein Link­tipp. Die Open Uni­ver­si­ty in Großbri­tan­nien hat in zehn Kapiteln à 1′20″ in sehr humor­voller Weise die Geschichte des Englis­chen nachgeze­ich­net. Es wird mehr als 10 Minuten dauern, weil die kleinen Film­chen voll von Wort­spie­len und mit kleinen und großen Pointen gespickt sind — man kann es sich wirk­lich mehrfach mit höch­stem Amüse­ment anse­hen. (Eine gröbere Ken­nt­nis der Lin­guis­tik ist nicht notwendig.)

Viel Spaß!

(via linguisten.de@facebook)

The German Blitz macht endlich Sinn!

Gestört von sprach­wis­senschaftlich­er Prü­fungslit­er­atur waren die Tief­flieger vom VDS in der let­zten Zeit irgend­wie von meinem Radar ver­schwun­den. Ein weit­er­er Grund ist möglicher­weise auch, dass ein erneuter Viren- und Tro­jan­eran­griff auf meinen Rech­n­er meine Leseze­ichen­leiste mit den unter „Lustiges Fremd­schä­men für Fort­geschrit­tene” abgelegten Foren­beiträ­gen des Vere­ins unbrauch­bar gemacht hat. Den heuti­gen Besuch beim VDS ver­danke ich einem sehr witzi­gen Beitrag im Sprach­blog über „Sprach­pan­sch­er”.

Zur Erin­nerung und in Kurz­form: eigentlich geht es dem VDS nicht um Sprach­pflege, son­dern um die ange­bliche Über­frach­tung der deutschen Sprache mit „Denglisch”. Haup­taus­sagen: Nieder­gang des Deutschen! Pein­liche Ange­berei! Heiße Luft! Lehn­wörter ergeben kein­er­lei Sinn in ihrer Herkun­ftssprache! Mut­ter­sprach­ler lachen sich tot über unseren Gebrauch englis­ch­er Lehn­wörter! Bedeu­tung der Lehn­wörter im Englis­chen ganz anders! Goethe würde sich im Grab umdrehen!

Denkbar. Weit­er­lesen

Die Feindstaatenklausel

FIFA-Chef Blat­ter hat sich jegliche Ein­mis­chung der Poli­tik in den Fußball ver­beten.

Fein! Nach­dem wir irgend­wie ger­ade alle vom Platz jagen, abschießen, nieder­walzen und durch geschick­te Vertei­di­gung, über­fal­lar­tige Kon­ter oder strate­gis­che Gege­nan­griffe ver­dreschen, ver­mö­beln (“Wer hat Argen­tinien am meis­ten weh getan?”) und zur Kapit­u­la­tion zwin­gen oder geg­ner­ischen Anführern zur Explo­sion brin­gen wollen, wun­dern wir uns noch über die Kriegsrhetorik aus­ländis­ch­er Medi­en über den bick­el­be­haubten hässlichen Deutschen (El Mun­do: “Bestie”) im anrol­len­den Panz­er. Da sind auch feinsin­nige Neol­o­gis­men wie “Deutsch­land müllert Eng­land” oder “Woe­ful Eng­land mullered by Ger­many” (Mir­ror) eher der Bick-Stick-Diplo­matie zuzuord­nen.

Dabei ist alles in Wahrheit noch viel schlim­mer. Nach den immer noch gülti­gen — wenn auch obso­leten — Artikeln 53 und 107 der UN-Char­ta ist es allen Unterze­ich­n­er­staat­en ges­tat­tet, Aggres­sio­nen eines Feind­staates aus dem Zweit­en Weltkrieg mit mil­itärischen Mit­teln ohne beson­dere Ermäch­ti­gung gegenüberzutreten. Diese “Feind­staatsklausel” bezog sich natür­lich haupt­säch­lich auf Deutsch­land und Japan. Zu den Unterze­ich­n­ern der Char­ta 1945 gehörten unter anderem Aus­tralien, Jugoslaw­ien, das Vere­inigte Kön­i­gre­ich, Argen­tinien, Uruguay und die Nieder­lande; noch vor Deutsch­land (1990*) unterze­ich­neten die Char­ta außer­dem Ghana (1957) und Spanien (1955). (Okay, irgend­wie alle halt. Aber vor uns zit­tern jet­zt… ja auch irgend­wie alle!)

Aus Grün­den ver­patzter Pointen bin ich froh wenn die Prü­fun­gen durch sind.

*Streng genom­men hat Deutsch­land erst 1990/1 mit dem Zwei-Plus-Vier-Ver­trag volle Sou­veränität erhal­ten. Deutsch­land war aber bere­its mit dem NATO-Beitritt der BRD 1955 und der Unterze­ich­nung der UN-Char­ta der BRD und der DDR 1973 vor der Feind­staaten­klausel, äh, geschützt. Der Medi­en­ar­beit vom “hässlichen Deutschen” und der Kriegsrhetorik in aus­ländis­chen Fußballme­di­en hat das bekan­nter­maßen keinen Abbruch getan. So gese­hen ist Fußball ja auch irgend­wie die Fort­set­zung des Krieges mit anderen Mit­teln.

Rand­no­tiz aus einem Prü­fungsvor­bere­itung­shirn.

Es woar dә Mutius

Wenn, in sein­er wirk­lich ein­fach­sten und stark verkürzten Form, der bes­timmte Artikel einen Ref­er­enten (z.B. ein Objekt oder eine Per­son) als bes­timmt oder definit markiert, dann ist der Artikel in vie­len im vorigen Beitrag ange­führten Kon­tex­ten eigentlich über­flüs­sig. Ein Früh­ling, in welchem ich nach Eng­land fahre, ist immer noch der gle­iche Früh­ling, ob mit oder ohne bes­timmten Artikel.

Noch “unl­o­gis­ch­er” wird es bei Artikeln in Verbindung mit Namen. Weit­er­lesen

We are all sitting in one boat”

Derzeit macht sich die deutsche Inter­net­ge­meinde über Gün­ther Oet­tinger lustig, weil er eine Rede auf Englisch hielt.

Mal davon abge­se­hen, dass er nicht mal Deutsch spricht, gibt es genug Gründe, diesen Mann zu has­sen: Der Geschicht­sre­vi­sion­ist ist CDU-Poli­tik­er, Schwabe und Fan des VfB Stuttgart; jedes für sich schon hin­re­ichende Gründe, sich über jedes Fass Häme zu freuen, das über ihm aus­gekü­belt wird. Und wer ver­sucht, aus Hans Fil­binger einen Wider­stand­skämpfer zu machen, hat im öffentlichen Leben nichts mehr ver­loren.

Die hämis­chen Reak­tion in Blogs und Foren reichen von Belus­ti­gung über Fremd­schä­men bis zu Verärgerun­gen darüber, dass Poli­tik­er “richtig viel Asche vom Steuerzahler bekom­men”. Und dass man für jedes kle­in­ste Prak­tikum “außereu­ropäis­che Sprachken­nt­nisse vor­weisen” müsse. Oet­tinger hat sich in der Ver­gan­gen­heit als Ver­fechter für Englisch als Arbeitssprache etabliert, wofür er vom Vere­in Deutsche Sprache (jaja, unsere Fre­unde vom VDS) 2006 den “Sprach­pan­sch­er des Jahres” für “beson­dere Fehlleis­tun­gen im Umgang mit der deutschen Sprache” ver­liehen bekam. (Der Men­sch hat diesen Preis ver­di­ent, sobald er den Mund auf­macht.)

Und so spiegelt sich das in Inter­ne­treak­tio­nen wider: Wer Fremd­sprachenken­nt­nisse fordere, müsse auch selb­st mit gutem Beispiel voran gehen, schließlich sei das in der freien Wirtschaft auch so. Dort würde man mit Oet­tingers Sprachken­nt­nis­sen keinen Job bekom­men.

Ja und nein. Oet­tinger ist Poli­tik­er, und als solch­er maßge­blich an Geset­zen und Poli­tiken beteiligt. Poli­tik sendet Sig­nal­wirkun­gen, und unter­mauert Forderun­gen nach Fremd­sprachenken­nt­nis­sen mit der Umset­zung entsprechen­der Richtlin­ien. Sie lenkt mit öffentlichen Geldern, beispiel­sweise im europäis­chen Mobil­ität­spro­gramm ERASMUS, welche primär dazu da sind, Fremd­sprachenken­nt­nisse und kul­turelles Ver­ständ­nis zu fördern. Man­ag­er tun das nicht. Man­ag­er prof­i­tieren von entsprechen­den Maß­nah­men der Regierun­gen.

Viel wird jet­zt auch darauf rumgerit­ten, dass ja eigentlich auch nie­mand nach Oet­tingers Englis­chken­nt­nis­sen gefragt hätte, wäre er in Stuttgart geblieben. Aber in Brüs­sel sei die Amtssprache ja Englisch, da müsse er, weil auf einem inter­na­tionalen Par­kett, auch vernün­ftig Englisch sprechen kön­nen. Die, die das fordern, haben die EU nicht ver­standen.

Nein, Amtssprache in Brüs­sel ist nicht Englisch, Amtssprachen sind in der EU nicht weniger als 23 Sprachen. Arbeitssprachen hinge­gen sind die Sprachen, die im täglichen Beamte­nap­pa­rat die meist­genutzten sind. Und das sind Deutsch, Franzö­sisch und Englisch. Anmerkun­gen von Kom­men­ta­toren, Oet­tinger käme in der informellen Poli­tik­mache in Brüs­sel ohne entsprechende Englis­chken­nt­nisse zu kurz, sind von ein­er reflexar­ti­gen Angst geprägt, “wir Deutschen” kämen zu kurz. Die EU-Real­ität zeigt doch: Deutsch­land und Frankre­ich regieren das Orch­ester.

Darüber hin­aus definiert sich die EU über “Ein­heit in Vielfalt” — und ganz beson­ders über ihre Sprachen­vielfalt. Die EU leis­tet sich einen bul­li­gen Über­set­zungsap­pa­rat, der immer­hin mehr als 2% ihres Bud­gets aus­macht. Ob nun in der Hin­terz­im­mer­poli­tik immer ein Dol­metsch­er dabei ist, sei mal ern­sthaft in Frage gestellt, aber daraus eine Forderung abzuleit­en, ein deutsch­er EU-Kom­mis­sar müsse “vernün­ftig Englisch” beherrschen kön­nen, ist falsch und irreführend. Wir kön­nen gerne über Oet­tingers Qual­i­fika­tio­nen disku­tieren — seine Sprachken­nt­nisse zählen nicht dazu. Sein Arbeit­ge­ber — die Europäis­che Union, und damit “wir alle” — legt großen Wert auf Gle­ich­berech­ti­gung. Dies äußert sich eben in ihrem Statut, dass sich jed­er Bürg­er in sein­er Mut­ter­sprache an sie wen­den darf, gle­ich, wie gut und flüs­sig er Englisch spricht. Das ist für die Demokratie in dieser Riesenor­gan­i­sa­tion über­lebenswichtig. Die EU definiert sich viel­sprachig, nicht englis­chsprachig.

In der Diskus­sion offen­bart sich auch eine eige­nar­tige Schiz­o­phre­nie unser­er Gesellschaft: wir wollen inter­na­tion­al sein und haben Angst vor dem Ver­fall unser­er Sprache. Gui­do West­er­welle bashte man dafür, dass er sich weigerte, auf ein­er deutschen Pressekon­ferenz die Frage eines britis­chen Jour­nal­is­ten auf Englisch zu beant­worten, Gün­ther Oet­tinger amüsiert die Inter­net­ge­meinde, in dem er vor einem inter­na­tionalen Pub­likum der Colum­bia Uni­ver­si­ty in Berlin Englisch spricht. Dass die Rede an sich scheiße war und inhalt­sleer dazu, liegt daran, dass der Men­sch Poli­tik­er ist.

Im Übri­gen: Oet­tingers Englisch (und auch das von Gui­do West­er­welle) ist lediglich von einem starken deutschen Akzent geprägt. Er liest die Rede ab und tappt damit in jede Falle, die die unl­o­gis­che englis­che Orthogra­phie für ihn aufgestellt hat. Das ist bemitlei­denswert, pein­lich ist es nicht. Ich bleibe bei mein­er These: die Mehrheit der­jeni­gen, die das so unglaublich amüsant find­en, hät­ten mit den fraglichen Fremd­wörtern auch ihre Prob­leme und erfahren ver­mut­lich eine unter­be­wusste Befreiung, genau dabei nicht selb­st ertappt wor­den zu sein. Deutsche tendieren dazu, ihre eige­nen Sprachken­nt­nisse zu über­schätzen.

Einige Kom­men­ta­toren belusti­gen sich unter anderem über seine Schluss­be­merkung (zumin­d­est sug­geriert uns das das YouTube-Video): “We are all sit­ting in one boat”. Die englis­che Entsprechung heißt zwar “we are all in the same boat” — an der Meta­pher ändert es nichts. Man sollte die Sprache selb­st beherrschen, bevor man sich über die Ken­nt­nisse der­sel­ben ander­er lustig macht.

Um Oet­tinger zu ver­ste­hen, muss man ihm auch zuhören wollen.

Quelle versiegt

Jed­er Sech­ste von Zehn Euro kommt über das Online hinein. (Thomas Voigt von der Otto-Gruppe in einem Tages­the­men­beitrag über die Quelle-Pleite.)

Wenn die bei Quelle ähn­lich wider­sprüch­liche Ken­nt­nisse über ihre Wirtschafts­dat­en hat­ten, wundert’s ja nich so sehr.

Ein Sech­s­tel ist immer­hin weit weniger als etwas mehr über der Hälfte.