Schlagwort-Archive: Phonologie

Vokalharmonisches Türkisch

Ich habe Anfang des Jahres zum ersten Mal seit ewig eine Zwiebelfis­chkolumne gele­sen. Und erstaunlicher­weise am Ende nicht angewidert weggek­lickt, son­dern eher neu­tral. Ne Kolumne halt. Es geht um Sprache und Sprach­spiele und er ver­sucht nicht, sprach­wis­senschaftlich zu sein. Vielle­icht kann ich ihn vom Erzbösewicht zum nor­malen Bösewicht run­ter­stufen? Mal im Auge behal­ten.

Der Text han­delt von der ü-Affinität des Türkischen und davon, dass es im Deutschen ja auch eine Menge ü’s gibt. Aber Äpfel und Bir­nen. Dass bei­de Sprachen den Laut ü besitzen, ist eine ziem­lich lasche Gemein­samkeit. Das ü ist zwar ein nicht sooo häu­figer Laut, find­et sich aber doch in ein­er ganzen Rei­he von uns umgeben­den Sprachen, so im Franzö­sis­chen (culture ‘Kul­tur’), im Schwedis­chen (tysk ‘deutsch’), im Nieder­ländis­chen (huren ‘mieten’) und im Ungarischen (kön­nyű ‘ein­fach’). Die weltweite Ver­bre­itung in einem Sam­ple von 562 Sprachen kann man sich im WALS anschauen (und habe ich auch hier schon ein­mal behan­delt):

Sprachen mit ü (rot, 6) und mit ü und ö (pink, 23)

Auf­fäl­liger ist (wie Sick auch bemerkt), dass bei­de Sprachen den Laut als <u> mit zwei Punk­ten drauf ver­schriften. Aber mir geht’s um die Verteilung dieser ü’s. Dass Deutsch und Türkisch den Laut haben und gle­ich schreiben, heißt näm­lich noch lange nicht, dass sie ihn auch gle­ich nutzen … Weit­er­lesen

[Videotipp] The linguistic genius of babies

Ich bin dieser Tage ganz furcht­bar beschäftigt und komme lei­der kaum zum Sch­plock – wird aber wieder bess­er. Spätestens übernäch­ste Woche. (Näch­ste Woche ist DGfS-Jahresta­gung, sieht man da jeman­den von euch?)

Inzwis­chen ein schneller Videotipp: Patri­cia Kuhl spricht über Spracher­werb. Sehr kurz, aber span­nend. (Momen­tan nur auf Englisch, aber vielle­icht kom­men ja dem­nächst noch deutsche Unter­ti­tel dazu.)

Sprachkontakt im Deutschen? *gähn*

So, der Anglizis­mus des Jahres 2010 ist gekürt und heute geleakt wor­den. Das möchte ich zum Anlass nehmen, ein bißchen über Sprachkon­takt nachzu­denken und zu zeigen, welche For­men und Inten­sitäts­grade es dabei geben kann. Um es schon mal vor­wegzunehmen: Das Deutsche kann beim Kon­takt eigentlich ein­pack­en. Wirk­lich viel haben wir nicht zu bieten.

Kulturkontakt bringt Sprachkontakt

Sprachkon­takt ist eine natür­liche Begleit­er­schei­n­ung von Kul­turkon­takt und je inten­siv­er dieser Kul­turkon­takt, desto inten­siv­er kön­nen sich auch die beteiligten Sprachen bee­in­flussen. Diese Kon­tak­t­si­t­u­a­tion ist meist irgend­wie asym­metrisch, das heißt eine der Sprachen hat mehr Pres­tige, wird von mehr Men­schen gesprochen, wird von den Men­schen mit den gefährlicheren Waf­fen gesprochen o.ä. – da gibt es einen ganzen Haufen mehr oder weniger voneinan­der abhängiger Fak­toren. Und damit auch eine War­nung vor­weg: Sprachkon­takt ist weitaus kom­plex­er, als ich ihn hier darstelle, es gibt eine Vielzahl von Kon­tak­t­szenar­ien mit den wildesten Resul­tat­en.

Änderungswillig: Wort- und Namenschatz

Es lässt sich grob sagen, dass eine Sprache Teil­bere­iche hat, die auf­nah­me­bere­it­er für Neuerun­gen sind und welche, die sich stärk­er sträuben. Ein­er dieser sehr auf­nah­me­bere­it­en Teile ist der Wortschatz (das “Lexikon”). Hat eine ander­ssprachige Kul­tur ein nüt­zlich­es Ding, das man selb­st nicht besitzt, dann will man nicht nur das Ding haben, nein, man will es auch benen­nen kön­nen. Dazu gibt es einige Strate­gien, die sich in lexikalis­che und seman­tis­che Entlehnun­gen teilen lassen. Weit­er­lesen

Namenlandschaften 2: Kleine Räume

Heute gibt es, wie ver­sprochen, Beispiele für Namen, die sehr klein­räu­mig ver­bre­it­et sind. Im ersten Teil zu Namen­land­schaften habe ich geschrieben:

Wenn ich in den Süden fahre, merke ich nicht nur am isch und kannsch und weisch, dass ich zuhause angekom­men bin, son­dern auch daran, dass die Leute plöt­zlich Him­mels­bach, Göp­pert und Ohne­mus heißen.

Vielle­icht hat ja jemand von euch die Namen schon kartiert und fest­gestellt, dass ich aus dem Orte­naukreis in Baden-Würt­tem­berg komme. Einen anderen Schluss lassen sie näm­lich wirk­lich nicht zu:

v.l.n.r.: Ohne­mus, Him­mels­bach, Göp­pert

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Namenlandschaften 1: Große Flächen

Über die Feiertage ist mir mal wieder aufge­fall­en, wie prä­gend Namen für eine Gegend sein kön­nen. Wenn ich in den Süden fahre, merke ich nicht nur am isch und kannsch und weisch, dass ich zuhause angekom­men bin, son­dern auch daran, dass die Leute plöt­zlich Him­mels­bach, Göp­pert und Ohne­mus heißen.

Und tat­säch­lich sind alle Namen, die mir typ­isch vorka­men, in “meinem” Land­kreis oder einem direkt angren­zen­den mit Abstand am häu­fig­sten. Um noch mehr solch­er Namen zu find­en, habe ich dann die Face­book­fre­unde mein­er Ver­wandtschaft durchgeschaut, was sich als exzel­lente Strate­gie erwiesen hat. (Man kön­nte da richtig kreativ wer­den mit Face­bookpro­filen: Öffentlich zugängliche Pro­file mit Wohnor­tangaben automa­tisch auswerten und damit ein “Namen­pro­fil” eines Ortes erstellen. Namen von Leuten, die noch zur Schule gehen, kön­nten dabei ein stärk­eres Gewicht bekom­men, weil sie eher noch an ihrem Herkun­ft­sort leben. Oder Namen von Leuten, bei denen Wohn- und Schu­lort iden­tisch sind. Großstädte wer­den wegen der vie­len Umzieherei ignori­ert. Etc. Aber ich fürchte, das gren­zt dann schon an Ille­gal­ität und set­zt kein so gutes Zeichen in punc­to Daten­schutz.)

Wenn man nun Namen als typ­isch im Ver­dacht hat, wie kriegt man raus, wie häu­fig sie wo sind? Als am besten geeignet für solche Zwecke haben sich Dat­en aus elek­tro­n­is­chen Tele­fon­büch­ern her­aus­gestellt – darin sind die Namen ja ganz genau bes­timmten Postleitzahlen­bere­ichen zuge­ord­net. Mit­tels bes­timmter Com­put­er­pro­gramme kann man sie dann pri­ma auf ein­er Deutsch­land­karte verorten.

Ide­ale, aber lei­der nicht öffentlich zugängliche Möglichkeit­en dazu hat der Deutsche Fam­i­li­en­na­me­nat­las (ein Pro­jekt der Unis Mainz und Freiburg, mit Tele­fon­buch­dat­en von 2005), aber es gibt auch im Inter­net eine sehr brauch­bare Option, auf die ich hier schon ein­mal ver­wiesen habe, näm­lich Geogen (mit Tele­fon­buch­dat­en von 2002).

Unterteilt in zwei kleinere Beiträge will ich zunächst ein­mal zeigen, welche Namen es über­all gibt und bei welchen man trotz recht weit­er Ver­bre­itung großflächige Unter­schiede erken­nen kann (heute) und dann die ein­gangs erwäh­n­ten Namen zeigen, die für einen ganz bes­timmten Land­kreis typ­isch sind und son­st fast nir­gends in Deutsch­land auftreten (lat­er this week). Weit­er­lesen

Wie man ein Korpus zusammenstückelt und einen Teufelspakt schließt

Ich bin momen­tan dabei, eine Samm­lung früh­neuhochdeutsch­er Texte (ein “Kor­pus”), aus denen man ide­al­er­weise Aus­sagen über das Deutsch der dama­li­gen Zeit ableit­en kann, für mein Dis­ser­ta­tionsvorhaben anzu­passen. Das Kor­pus wurde ursprünglich zusam­mengestellt, um die Entste­hung der Sub­stan­tiv­großschrei­bung zu unter­suchen, deshalb machte es z.B. nichts aus, dass auch über­set­zte Texte darin enthal­ten waren. Bei mein­er Fragestel­lung habe ich aber ein bißchen Angst, dass die Wort- und Satzstruk­tur durch direk­te lateinis­che Vor­la­gen bee­in­flusst sein kön­nte. Deshalb werfe ich über­set­zte Texte raus und nehme andere rein.

Ich war also in der let­zten Zeit viel auf der Suche nach passenden Tex­ten – sie müssen aus bes­timmten Zeitspan­nen sein, als Drucke vor­liegen und von bes­timmten Druck­o­rten (oder wenig­stens aus deren Dialek­t­ge­bi­et) stam­men. Ach ja, Gereimtes darf auch nicht. Und min­destens 4000 Wörter lang. Und sie müssen Orig­i­nale oder Fak­sim­i­les als Vor­lage haben.

Per­fekt sind Texte, die elek­tro­n­isch vor­liegen, wie z.B. die Texte des Bon­ner Früh­neuhochdeutschko­r­pus. Auch bei Wik­isource find­et sich für ver­gan­gene Jahrhun­derte einiges, was sorgfältig von den Orig­i­nalen abgetippt und kor­rek­turge­le­sen wurde und sich damit auch bei Unsicher­heit­en immer ver­gle­ichen lässt. Weniger per­fekt, aber als Lück­en­füller geeignet ist auch Google­Books – die Tex­terken­nung, die man über die alten Drucke gejagt hat, taugt zwar für Frak­tur nichts, aber man kann sich viele alte Büch­er als Pdf run­ter­laden und dann per Auge durch­suchen. Anson­sten gibt es auch noch eine ganze Rei­he von Unibib­lio­theken, die ihre alten Drucke und Manuskripte als Bilder dig­i­tal­isieren, z.B. Hei­del­berg und Göt­tin­gen. (Hei­del­berg hat auch eine enorm aus­führliche Lin­kliste zum The­ma.)

Auf mein­er Suche habe ich viele Texte ange­le­sen – auch welche, die gar nicht geeignet, aber dafür sehr kurios sind. Zum Beispiel diesen (Foto von His­to­ri­ograf):

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Diverses von der 48. StuTS

Die StuTS in Pots­dam ist vor­bei, die in Leipzig ste­ht bevor … fun facts am Rande:

  • Adygeisch (eine Kauka­sussprache) hat dor­so­postalve­o­lare Frika­tive (bei denen man die Zun­gen­spitze unten hin­ter die Zähne leg­en muss), aber nur drei Vokale. (Ludger Paschen)
  • Prof. Wiese unter­sucht Kiezdeutsch und bekommt dazu “sehr viele Zuschriften aus der … soge­nan­nten Öffentlichkeit”. Wir durften zwei lesen – sehr krass, wie sich manche Leute bedro­ht fühlen, wenn man an ihrem Welt­bild kratzt – und zu welch­er Sprache sie dabei greifen. Was macht sie mit den Mails? “Für mich sind das auch erst mal Dat­en.” Spon­tan­er Applaus.
  • Im Lasis­chen (auch ein­er Kauka­sussprache) gibt’s wilde Mor­pholo­gie, aber am schön­sten ist, dass man aus ‘Ich bin glück­lich’ die wörtliche Form ‘Ich bin glück­lich um dich herum’ (d.h. ‘mit dir als Zen­trum’) bilden kann – sie aber mit­tler­weile ‘Ich küsse dich’ bedeutet. (Hagen Blix) Weit­er­lesen

Sexismusverdacht

In let­zter Zeit ger­at­en immer wieder Leute her, weil es irgend­wo eine (meist niveaulose) Debat­te zu Sex­is­mus gibt. Im Laufe ebendieser zaubert jemand die “däm­lich kommt von Dame”-Behaup­tung aus dem Hut und prompt schreibt jemand anders: “Nein, däm­lich ist nicht sex­is­tisch, das kommt näm­lich gar nicht von Dame!” Drunter dann ein Link zum ein­schlägi­gen Sch­plock-Beitrag.

Aber ist es so leicht?

Dass däm­lich nicht von Dame kommt, ja klar – aber ist es deshalb auch defin­i­tiv nicht sex­is­tisch? Weit­er­lesen

l-Vokalisierung reloaded

Nach meinem Beitrag zur l-Vokalisierung in schweiz­erdeutschen Dialek­ten haben sich natür­lich ein paar Schweiz­er zu Wort gemeldet – und mich dazu gebracht, meine Aus­führun­gen noch etwas zu dif­feren­zieren. Sie hat­ten näm­lich Prob­leme mit der Behaup­tung, l zwis­chen Vokalen werde vokalisiert. Ich hat­te ja geschrieben:

Fasst man die Regeln, die Haas (1983) nen­nt, zusam­men, so gilt die Vokalisierung immer …

  1. … nach Vokal, z.B. Sauz ‘Salz’, Soue ‘Sohle’, Taau ‘Tal’ und
  2. … wenn l der Sil­benkern2 ist, z.B. Fogu ‘Vogel’.

Bei Dop­pel-l wird auch dop­pelt vokalisiert, z.B. uuer ‘Teller’.

Nun habe ich Her­rn Haas wirk­lich sehr grob zusam­menge­fasst, indem ich als ersten Punkt ein­fach “nach Vokal” geschrieben habe. Hier nun die dif­feren­ziert­ere Fas­sung:

  1. … nach Vokal, z.B. Sauz ‘Salz’, Soue ‘Sohle’, Taau ‘Tal’
    (a) Beim ersten Beispiel, Salz > Sauz, han­delt es sich um ein l zwis­chen Vokal und Kon­so­nant,
    (b) beim zweit­en, Sohle > Soue, ste­ht es zwis­chen zwei Vokalen
    © und beim drit­ten, Tal > Taau, nach Vokal ganz am Wor­tende.
  2. … wenn l der Sil­benkern ist, z.B. Fogu ‘Vogel’
  3. Bei Dop­pel-l wird i.d.R. auch dop­pelt vokalisiert, z.B. uuer ‘Teller’.

Num­mer 1b ist der Fall, mit dem nicht alle ein­ver­standen waren. Begrei­flich, denn Haas schreibt dazu, dass es sich dabei um ein region­al eng begren­ztes Phänomen han­dle. Gölä bleibt meist Gölä und die von mir kreierte Vokauisierung hört man sich­er nur sel­ten (während Vokau für ‘Vokal’ ganz nor­mal ist, da er ja dem drit­ten Unter­punkt fol­gt – danke Pier­pao­lo!)

Nun habe ich lei­der kein patentes Mit­tel gefun­den, um dieses Gebi­et so richtig festzu­nageln. Ich habe einen Blick in den Sprachat­las der deutschen Schweiz gewor­fen, neben­her enorm viel über Schweiz­er Geografie gel­ernt und aus den Dat­en die fol­gende Karte kreiert:

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Über die Vokauisierung

Ich war ja kür­zlich in der Schweiz und habe mir ganz fasziniert zahlre­iche schweiz­erdeutsche Dialek­te ange­hört. Ganz beson­ders auf­fäl­lig in der Phonolo­gie fand ich vier1 Dinge und von diesen vieren kan­nte ich eines noch nicht: das vokalisierte l. Lest ein­fach mal …

[…] D’r Himu vou Wouche
U äs rägnet, was es abe mah,
Nume im Schoufän­schter vom
Reise­büro
Schi­int d’Sunne no.

Hät­ti Flügu zum Flüge
Flug i mit de Vögu furt
U chiem nie meh hei.
I’nes Land ohni Näbu, ohni Räge,
I’nes Land wo si Sunne hei…
I gieng hüt no …. uf u der­vo,
Eifach uf u der­vo. […] Weit­er­lesen