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Witwe vs. Witwerin

Im Sprachlog geht es zur Zeit um die Form Witwerin (statt Witwe) und ihre möglichen Ursachen. (Kurzver­sion: Es han­delt sich um eine Analo­giebil­dung zu all den anderen abgeleit­eten For­men auf -in, die an Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen auf -er ange­hängt wer­den.)

In den Kom­mentaren kam die Frage auf, ob Witwe und Witwerin ein­mal gle­ich­berechtigt nebeneinan­der existierten:

Waren damals die Witwerin ein gle­ci­h­berechtigtes Syn­onym zur Witwe? Oder war Witwe immer das Grund­wort und die Witwerin war immer eine zweifel­hafte Neben­form. Wann und warum set­zte sich die Witwe durch?

Nun haben wir lei­der keine per­fek­ten his­torischen Kor­po­ra, aber ich glaube, dass das, was es so gibt, auch ein ganz gutes Bild ver­mit­telt.1 Ich habe mal bei Google­Books alle deutschsprachi­gen Büch­er nach Jahrhun­derten getren­nt durch­sucht, begin­nend mit dem 16. Jahrhun­dert. (Vorher sah es ja bekan­ntlich mau aus mit dem Buch­druck.)

Kaum einer mag die Witwerin

Die Ergeb­nisse zeigen recht deut­lich, dass Witwerin immer nur eine (mit gutem Willen) Neben­form war: Weit­er­lesen

Vokalharmonisches Türkisch

Ich habe Anfang des Jahres zum ersten Mal seit ewig eine Zwiebelfis­chkolumne gele­sen. Und erstaunlicher­weise am Ende nicht angewidert weggek­lickt, son­dern eher neu­tral. Ne Kolumne halt. Es geht um Sprache und Sprach­spiele und er ver­sucht nicht, sprach­wis­senschaftlich zu sein. Vielle­icht kann ich ihn vom Erzbösewicht zum nor­malen Bösewicht run­ter­stufen? Mal im Auge behal­ten.

Der Text han­delt von der ü-Affinität des Türkischen und davon, dass es im Deutschen ja auch eine Menge ü’s gibt. Aber Äpfel und Bir­nen. Dass bei­de Sprachen den Laut ü besitzen, ist eine ziem­lich lasche Gemein­samkeit. Das ü ist zwar ein nicht sooo häu­figer Laut, find­et sich aber doch in ein­er ganzen Rei­he von uns umgeben­den Sprachen, so im Franzö­sis­chen (culture ‘Kul­tur’), im Schwedis­chen (tysk ‘deutsch’), im Nieder­ländis­chen (huren ‘mieten’) und im Ungarischen (kön­nyű ‘ein­fach’). Die weltweite Ver­bre­itung in einem Sam­ple von 562 Sprachen kann man sich im WALS anschauen (und habe ich auch hier schon ein­mal behan­delt):

Sprachen mit ü (rot, 6) und mit ü und ö (pink, 23)

Auf­fäl­liger ist (wie Sick auch bemerkt), dass bei­de Sprachen den Laut als <u> mit zwei Punk­ten drauf ver­schriften. Aber mir geht’s um die Verteilung dieser ü’s. Dass Deutsch und Türkisch den Laut haben und gle­ich schreiben, heißt näm­lich noch lange nicht, dass sie ihn auch gle­ich nutzen … Weit­er­lesen

[Buchtipp] The Unfolding of Language (Du Jane, ich Goethe)

Lan­guage is mankind’s great­est inven­tion – except, of course, that it was nev­er invent­ed. (Guy Deutsch­er)

Schon wieder ein Buchtipp! Ui! Heute will ich Euch “The Unfold­ing of Lan­guage” von Guy Deutsch­er ans Herz leg­en. Ich hab’s auf Englisch gele­sen, es gibt aber auch eine deutsche Über­set­zung: “Du Jane, ich Goethe”. Keine Angst, der Inhalt wurde bedeu­tend bess­er über­set­zt als der Titel befürcht­en lässt, ich hab mal in der Buch­hand­lung rein­ge­le­sen.

The Unfolding of Language

The Unfold­ing of Lan­guage

Worum geht es? Darum, wie Sprache entste­ht und sich verän­dert. Deutsch­er hat als großes Ziel vor Augen zu erk­lären, wie kom­plizierte Satzstruk­turen und Gram­matik ent­standen sein kön­nten. Da die Entste­hung der Sprache viel zu lange her ist, um darüber irgendwelche Aus­sagen zu tre­f­fen, wählt Deutsch­er “neuere” Beispiele aus ganz ver­schiede­nen Sprachen, nur wenige Jahrhun­derte oder Jahrtausende alt. Die all­ge­meinen Prinzip­i­en, die darin wirken, ver­mutet er auch schon zu früheren Zeit­en. Der unter Laien ver­bre­it­eten Ansicht, dass unsere Sprache ein­mal per­fekt war und jet­zt nur noch ver­fällt, wider­spricht er entsch­ieden.

Das Buch kommt kom­plett ohne Fachter­mi­ni aus – und ist den­noch wis­senschaftlich fundiert. (Gram­matikalisierung, Analo­giebil­dung und Ökonomie spie­len z.B. eine große Rolle.) Ich hat­te eine Menge Spaß beim Lesen, und das, obwohl ich die meis­ten präsen­tierten Fak­ten und Gedanken schon kan­nte – es ist ein­fach richtig gut geschrieben und clever aufge­baut. Mein per­sön­lich­es High­light war die The­o­rie zur Entste­hung der Wurzelkon­so­nan­ten im Ara­bis­chen, ein The­ma, über das ich mir noch nie Gedanken gemacht hat­te.

Deutschen würde ich übri­gens eher zur deutschen Aus­gabe rat­en, die keine bloße Über­set­zung ist. Viele Grund­la­gen wer­den näm­lich im Orig­i­nal an kleinen Beispie­len aus dem Englis­chen erk­lärt. Für die deutsche Über­set­zung wurde, wo es möglich war, nach deutschen Beispie­len gesucht, die das gle­iche zeigen. So geht es zum Beispiel ein­mal darum, dass im Englis­chen die Entwick­lung von th zu f eigentlich ganz nahe­liegend ist und auch in eini­gen Dialek­ten vorkommt. Den Laut th gibt es im Deutschen aber nicht, so dass schließlich p zu b gewählt wurde, etwas, das man z.B. im Hes­sis­chen beobacht­en kann.

Wer sich für Sprache und Sprachen inter­essiert, dem kann ich das Buch wirk­lich nur empfehlen!

Unförmige Gurken und zusammengewachsene Kirchen

Rhein-Neckar-Zeitung, 28.5.2009

Rhein-Neckar-Zeitung, 28.5.2009

Na also! Es kann doch nicht sein, dass man jeden Mor­gen einen Press­espiegel erstellt und dabei nie auf bemerkenswerte Spracheigen­heit­en stößt! Diese hier wurde zwar im Sch­plock schon lang und bre­it besprochen, aber dass zusam­mengewach­sene Kirchen auf dem Lebens­mit­tel­markt auf Ablehnung stoßen, ist dur­chaus eine Mel­dung wert:

Kopie von gurken-groß

Guten Appetit und fro­he Mit­tagspause!

Dagegen ist kein Mittel gewachsen

Auf der Fahrt zur DGfS-Tagung im März fiel mir fol­gen­des “Falt­blatt Ihr Reise­plan” in die Hand:
mittelgewachsen1

Es dauerte eine ganze Weile, bis mir klar wurde, woher mein Unbe­ha­gen stammte: Statt kein Kraut gewach­sen ste­ht in der Wer­beanzeige kein Mit­tel. Selt­sam, zumal es um ein pflan­zlich basiertes Mit­tel geht, Kraut also vol­lkom­men angemessen gewe­sen wäre. Lange habe ich mir den Kopf darüber zer­brochen, ob es nun Absicht (dazu schien es mir zu unauf­fäl­lig) oder ein Verse­hen (dazu schien es mir zu pro­fes­sionell) war. Oder ob sich die Wen­dung gar verän­dert? Let­zteres ist schnell über­prüf­bar, eine kurze Googelei führt zu 39 Tre­f­fern1 für “kein Mit­tel gewach­sen” – ein paar Kost­proben:

Die Suche nach “kein Kraut gewach­sen” erzielt hinge­gen 38.500 Tre­f­fer – sieht also so aus, als sei es eher ein Versprecher/Verschreiber als ein Wan­del­prozess. Wie kamen die Leute aber auf Mit­tel, warum wird die Ver­tauschung doch rel­a­tiv häu­fig gemacht?

Wahrschein­lich hat das mit anderen Wen­dun­gen zu tun, die etwas ähn­lich­es aus­drück­en wie dage­gen ist kein Kraut gewach­sen, z.B. da(gegen) hil­ft kein Mit­tel, es gibt kein Mit­tel gegen X, etc. Die große inhaltliche Ähn­lichkeit führt dazu, dass Kraut leicht gegen Mit­tel aus­ge­tauscht wer­den kann. Das nen­nt man “Kon­t­a­m­i­na­tion”. Weit­ere Beispiele2 sind:

(1) Sei mir nicht übel. < Sei mir nicht böse + Nimm’s mir nicht übel

(2) Er ist mit auf die Pelle getreten. < Er ist mir auf die Pelle gerückt + Er ist mir auf die Füße getreten

Das Wele­da-Rät­sel ist übri­gens gelöst, das Unternehmen hat mir auf eine Anfrage geant­wortet:

Es wurde in der Wer­beanzeige für Fer­rum phos­pho­ricum comp. absichtlich „Kraut“ durch „Mit­tel“ erset­zt, weil es ein wenig irri­tiert wodurch die Aufmerk­samkeit erhöht wird.

Trau­rige Nachricht­en, macht mich das doch zum unwilli­gen Werkzeug der Wer­bekam­pagne. Glück­licher­weise ist die Erkäl­tungs­sai­son erst­mal vor­bei, sodass sich hier hof­fentlich auch nie­mand bewor­ben fühlt.

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[Buchtipp] Vernäht und zugeflixt!

Ich hat­te gehofft, diese Woche noch etwas Span­nen­des schreiben zu kön­nen – geplant sind z.B. noch ein, zwei Beiträge zu Ver­wandtschaftssys­te­men. Da jet­zt aber meine Hausar­beit über sel­bige in den let­zten Zügen liegt und mor­gen fer­tig wer­den soll, gibt’s nur einen schnellen Buchtipp.

2009-03-27-vernahtBere­its let­ztes Jahr erschienen, ist “Ver­flixt und … Vernäht und zuge­flixt! Von Ver­sprech­ern, Flüchen, Dialek­ten & Co.” von Ilse Achilles und Ger­da Pigh­in zwar kein Geheimtipp mehr, aber emp­fohlen wer­den muss es den­noch noch – vor allem den­jeni­gen unter Euch, die nicht aus der Lin­guis­tikecke kom­men.

Ziel des Pro­jek­tes war es, Sprach­wis­senschaft­lerIn­nen und inter­essierte Laien zusam­men­zubrin­gen, ein pop­ulär­wis­senschaftlich­es Buch mit Anspruch über Sprache zu schreiben. In elf Kapiteln stellen die Autorin­nen ver­schiedene The­men vor, die die Sprach­wis­senschaft beschäfti­gen. Jedes Kapi­tel hat eine Art “Pat­en” aus der akademis­chen Welt – Sprach­wis­senschaft­lerin­nen und Sprach­wis­senschaftler liefer­ten die Infor­ma­tio­nen, die Autorin­nen machen sie angenehm les­bar. Es geht z.B. um Sprach­wan­del, Jugend­sprache, Dialek­te, Rechtschrei­bung, Sprachen­ler­nen, Bilin­gual­is­mus, Fremd­wörter, Flüche, Ver­sprech­er, Gebär­den­sprache und Com­put­er­lin­guis­tik.

Sprache ist ja so ein The­ma, bei dem es unglaublich viele selb­ster­nan­nte Experten gibt – dass man aber auch pop­ulär­wis­senschaftlich schreiben kann, ohne in die üblichen Schimpfti­raden über die Ver­lot­terung der Sprache, Denglisch und die Rechtschreibre­form zu ver­fall­en, wird hier unter Beweis gestellt. Wer sich bish­er noch nicht mit Sprach­wis­senschaft beschäftigt hat, wird in diesem Büch­lein einen wun­der­baren Ein­stieg find­en und ent­deck­en, dass man über Sprache auch ganz, ganz anders denken und urteilen kann, als das nor­maler­weise geschieht.

Hät­tet Ihr übri­gens errat­en, dass die Autorin­nen für Frauen­zeitschriften schreiben oder geschrieben haben?

Wir haben umler­nen müssen,” sagt Stein­bach, ein hochgewach­sen­er Mann, mit kräftigem Haar und angenehmem Lachen.

Nie im Leben, ne?

Sportreporterkontaminationen

Diese bei­den wun­der­baren Äußerun­gen haben mich fast davon überzeugt, dass es sich lohnt, Sportre­portern zuzuhören1:

… ist das große Unschuld­slamm vom Lande.… ein Baum­fäller von einem Mann …

Bei­des aufgeschnappt bei der SWR1-Europameis­ter­schafts­berichter­stat­tung. Es war das Spiel mit den ganzen Bild- und Tonaus­fällen. Deutsch­land gegen irgendwen. Glaube ich.

Eben mal ein bißchen gegooglet — jemand anders hat den Baum­fäller auch gehört: da. Ver­wen­det hat ihn im ganzen weit­en Inter­net aber kein zweit­er.
Das Unschuld­slamm vom Lande hinge­gen scheint weit ver­bre­it­et zu sein: 37 Tre­f­fer! Darunter der Focus (Rus­s­land & Verona Pooth) und die Berlin­er Zeitung. Gegen die Unschuld vom Lande ver­liert das Lamm dann aber doch nach wie vor: 43.200.

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