Kinderleichter Spracherwerb

Von Anatol Stefanowitsch

In den let­zten Tagen ging eine inter­es­sante Mel­dung zum frühkindlichen Fremd­sprache­nun­ter­richt durch die Presse: unter dem Ein­druck des „Pisa-Schocks“ schick­en immer mehr Eltern ihre Kinder — vom Säugling bis zum Vorschulkind — in Englis­chkurse. Die Kleinen sollen dort für das Über­leben in ein­er glob­al­isierten Welt fit gemacht werden.

(In Ameri­ka haben ähn­lich besorgte Eltern übri­gens eine andere Vorstel­lung davon, wer diese glob­al­isierte Welt dominieren wird und lassen ihre Kinder deshalb von chi­ne­sis­chen Kin­der­mäd­chen in deren Mut­ter­sprache betreuen oder schick­en sie in zweis­prachige englisch-chi­ne­sis­che Vorschulen.)

Aus der Poli­tik, die sich über so viel elter­lich­es Engage­ment doch eigentlich freuen sollte, kom­men nun war­nende Stimmen:

Entwick­lungspsy­cholo­gen und Poli­tik­er wie Nieder­sach­sens Kul­tus­min­is­ter Bernd Buse­mann (CDU) war­nen Eltern vor einem Förder­wahn: „Es ist sin­nvoller, zunächst alle Energien auf die Beherrschung der eige­nen Sprache zu bün­deln. Eltern soll­ten ihre Kinder nicht mit über­triebe­nen Erwartun­gen überziehen“, meint Buse­mann. „Es muss sich nie­mand Sor­gen machen, dass die Kinder ohne Extrakurse nicht fit genug für die Wis­sens­ge­sellschaft sind.“

Ein Zitat eines Entwick­lungspsy­cholo­gen, das diese Mei­n­ung stützen würde, habe ich verge­blich gesucht. Es würde mich auch wun­dern, wenn sich eines find­en ließe. Denn zum „Förder­wahn“ mag man ste­hen, wie man will, aber die Vorstel­lung, dass der frühe Erwerb ein­er Fremd­sprache die Beherrschung der Mut­ter­sprache verzögert oder gar behin­dert, ist schlicht falsch.

Im Gegen­teil: so müh­e­los und gründlich wie als Kinder ler­nen wir Sprachen nie wieder. Zwar kann eine Fremd­sprache auch später im Leben noch bis zu einem erstaunlich hohen Niveau gel­ernt wer­den, aber ein neben­bei und unbe­wußt ablaufend­er mut­ter­sprach­lich­er Erwerb ist wohl nur im Kinde­salter möglich — dort dann aber fast unbegrenzt.

Eine frühe Mehrsprachigkeit führt häu­fig sog­ar zu einem höheren all­ge­meinen Sprach­be­wusstein und bietet damit eine gute Grund­lage für den sou­verä­nen Umgang mit allen erlern­ten Sprachen. Es würde mich deshalb nicht über­raschen, wenn Kinder, die schon im Vorschu­lal­ter in Englis­chkurse geschickt wer­den, später auch im Deutschunter­richt glänzen sollten.

Wir Wis­senschaftler beobacht­en ja lieber, als dass wir aktiv in unseren Forschungs­ge­gen­stand ein­greifen wür­den. Aber Sinn und Zweck des Bre­mer Sprach­blogs soll es ja unter anderem sein, dies wenig­stens hie und da zu ändern. Ich möchte also diesen Beitrag mit ein­er ganz hand­festen Auf­forderung beschließen: Wenn es irgen­deine Möglichkeit gibt, Ihren Kindern Zugang zu ein­er Fremd­sprache zu ermöglichen — z.B. über ein rus­sis­ches Au Pair, eine spanis­che Tages­mut­ter oder einen türkischen Spielka­m­er­aden aus dem Kinder­garten — tun Sie es! Es gibt kaum einen größeren Gefall­en, den Sie Ihrem Kind tun können.

Um Ihnen den let­zten Rest der Angst vor ein­er verzögerten Sprachen­twick­lung zu nehmen, hier drei gold­ene Regeln, die man aus der bish­eri­gen Forschung ableit­en kann:

  1. Sor­gen Sie dafür, dass in der sprach­lichen Umwelt Ihres Kindes jede Sprache ein­er Bezugsper­son zuge­ord­net ist. Ihr Kind wird dann die jew­eilige Sprache zunächst ganz natür­lich mit der betr­e­f­fend­en Per­son assozi­ieren und gar nicht merken, dass es mehrere Sprachen erwirbt.
  2. Acht­en Sie darauf, dass die fremd­sprachige Bezugsper­son ihre Sprache mut­ter­sprach­lich beherrscht. Sie tun Ihrem Kind keinen Gefall­en, wenn Sie es beispiel­sweise mit den Brock­en ihres hal­b­vergesse­nen Schu­lenglisch konfrontieren.
  3. Ger­at­en Sie nicht in Panik, wenn Ihr Kind ab und zu Wörter aus der einen Sprache in der anderen ver­wen­det. Dies deutet nicht auf eine „Ver­mis­chung“ der Sprachen hin, son­dern ist eine ganz natür­liche Kom­mu­nika­tion­sstrate­gie, die sich „Code Switch­ing“ nen­nt und die sich bei allen zweis­prachi­gen Men­schen beobacht­en lässt.
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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.