In den letzten Tagen ging eine interessante Meldung zum frühkindlichen Fremdsprachenunterricht durch die Presse: unter dem Eindruck des „Pisa-Schocks“ schicken immer mehr Eltern ihre Kinder — vom Säugling bis zum Vorschulkind — in Englischkurse. Die Kleinen sollen dort für das Überleben in einer globalisierten Welt fit gemacht werden.
(In Amerika haben ähnlich besorgte Eltern übrigens eine andere Vorstellung davon, wer diese globalisierte Welt dominieren wird und lassen ihre Kinder deshalb von chinesischen Kindermädchen in deren Muttersprache betreuen oder schicken sie in zweisprachige englisch-chinesische Vorschulen.)
Aus der Politik, die sich über so viel elterliches Engagement doch eigentlich freuen sollte, kommen nun warnende Stimmen:
Entwicklungspsychologen und Politiker wie Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) warnen Eltern vor einem Förderwahn: „Es ist sinnvoller, zunächst alle Energien auf die Beherrschung der eigenen Sprache zu bündeln. Eltern sollten ihre Kinder nicht mit übertriebenen Erwartungen überziehen“, meint Busemann. „Es muss sich niemand Sorgen machen, dass die Kinder ohne Extrakurse nicht fit genug für die Wissensgesellschaft sind.“
Ein Zitat eines Entwicklungspsychologen, das diese Meinung stützen würde, habe ich vergeblich gesucht. Es würde mich auch wundern, wenn sich eines finden ließe. Denn zum „Förderwahn“ mag man stehen, wie man will, aber die Vorstellung, dass der frühe Erwerb einer Fremdsprache die Beherrschung der Muttersprache verzögert oder gar behindert, ist schlicht falsch.
Im Gegenteil: so mühelos und gründlich wie als Kinder lernen wir Sprachen nie wieder. Zwar kann eine Fremdsprache auch später im Leben noch bis zu einem erstaunlich hohen Niveau gelernt werden, aber ein nebenbei und unbewußt ablaufender muttersprachlicher Erwerb ist wohl nur im Kindesalter möglich — dort dann aber fast unbegrenzt.
Eine frühe Mehrsprachigkeit führt häufig sogar zu einem höheren allgemeinen Sprachbewusstein und bietet damit eine gute Grundlage für den souveränen Umgang mit allen erlernten Sprachen. Es würde mich deshalb nicht überraschen, wenn Kinder, die schon im Vorschulalter in Englischkurse geschickt werden, später auch im Deutschunterricht glänzen sollten.
Wir Wissenschaftler beobachten ja lieber, als dass wir aktiv in unseren Forschungsgegenstand eingreifen würden. Aber Sinn und Zweck des Bremer Sprachblogs soll es ja unter anderem sein, dies wenigstens hie und da zu ändern. Ich möchte also diesen Beitrag mit einer ganz handfesten Aufforderung beschließen: Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, Ihren Kindern Zugang zu einer Fremdsprache zu ermöglichen — z.B. über ein russisches Au Pair, eine spanische Tagesmutter oder einen türkischen Spielkameraden aus dem Kindergarten — tun Sie es! Es gibt kaum einen größeren Gefallen, den Sie Ihrem Kind tun können.
Um Ihnen den letzten Rest der Angst vor einer verzögerten Sprachentwicklung zu nehmen, hier drei goldene Regeln, die man aus der bisherigen Forschung ableiten kann:
- Sorgen Sie dafür, dass in der sprachlichen Umwelt Ihres Kindes jede Sprache einer Bezugsperson zugeordnet ist. Ihr Kind wird dann die jeweilige Sprache zunächst ganz natürlich mit der betreffenden Person assoziieren und gar nicht merken, dass es mehrere Sprachen erwirbt.
- Achten Sie darauf, dass die fremdsprachige Bezugsperson ihre Sprache muttersprachlich beherrscht. Sie tun Ihrem Kind keinen Gefallen, wenn Sie es beispielsweise mit den Brocken ihres halbvergessenen Schulenglisch konfrontieren.
- Geraten Sie nicht in Panik, wenn Ihr Kind ab und zu Wörter aus der einen Sprache in der anderen verwendet. Dies deutet nicht auf eine „Vermischung“ der Sprachen hin, sondern ist eine ganz natürliche Kommunikationsstrategie, die sich „Code Switching“ nennt und die sich bei allen zweisprachigen Menschen beobachten lässt.
