Blogspektrogramm 35/2017

Das Spektrogramm lebt! Die aktuellen Links sind nicht mehr durchgehend taufrisch, aber Spaß kann man daran durchaus noch haben. Es geht heute um die Ehe für alle, Vongolisch, die vermeintliche Sprache des Volkes, scary Englisch in Berlin und darum, was ein Hochbauingenieur mit Hochdeutsch zu tun hat:

  • Stefan Niggemeier ist für ÜBERMEDIEN dem Ursprung der Bezeichnung Ehe für alle und ihrem Verhältnis zur Homoehe nachgegangen: »Natürlich hing der Kampf für die Gleichstellung nicht nur an der Durchsetzung eines Hashtags. Aber der Begriff „Ehe für alle“ half sehr, das Anliegen sympathisch, positiv und allgemein wirken zu lassen, nicht speziell und vor allem nicht sexuell. „Viele Leute sprechen das Wort ‚Homo‘ nicht gerne aus“, sagt der Initiator Sören Landmann. „Das ist schade, aber das ist Realität.“ […] Dass man plötzlich über die „Ehe für alle“ reden konnte, habe auch dafür gesorgt, dass sich mehr Menschen überhaupt zu dem Thema äußerten.«
  • Vong Sprache her hat sich im letzten Jahr auch 1 bisschen was getan und es gibt Streit darüber, wem das zu verdanken ist. Für die SÜDDEUTSCHE hat sich Jan Stremmel die Sache genauer angesehen: »30 Millionen Deutsche sind aktuell bei Facebook. Und weil man sich dort vor allem schriftlich mitteilt, ist korrekte Sprache heute ein wichtigeres Distinktionsmerkmal denn je. Wer in seinen Postings "seid" und "seit" verwechselt, zu viele Ausrufezeichen oder falsche Kommata setzt, gilt umgehend als Trottel, egal was er zu sagen hat. […] Insofern war die absichtlich hirnlose Witzsprache in ihren Anfangstagen quasi Punkrock. Aber das ist lange vorbei.«
  • Schon im März hat Anatol Stefanowitsch der SÜDDEUTSCHEN ein Interview zu Politik und Populismus gegeben: »Ich glaube, dass die Idee, dass man mit dem Volk sprechen kann, schon in sich populistisch ist. Weil sie davon ausgeht, dass es irgendwo ein Volk gibt, das eine bestimmte Sprache spricht, die man nur treffen muss. Wir leben aber in einer komplexen Gesellschaft, die insgesamt sehr gebildet ist. "Der kleine Mann auf der Straße" versteht im Zweifelsfall wesentlich komplexere Dinge, als es in diesem populistischen Zerrbild dargestellt wird. Der Populismus macht diesen sogenannten kleinen Mann viel naiver und uninformierter als er ist.«
  • Fatma Aydemir trollt Jens Spahn in der TAZ»Don’t get me wrong, Spahn möchte nicht das EasyJet-Prekariat in Schönefeld abfangen, um es in Inte­gra­tions­camps zu stecken. Es geht ihm viel mehr „um uns Deutsche selbst“ und um eine drohende „kulturelle Gleichschaltung“. […] Dabei ist es nicht so, dass ich es kein bisschen sad finde, wenn sich Jens’Mom in Berlin-Mitte keinen Flat White bestellen kann, weil die Baristas nur noch Englisch sprechen. Zu Recht geht das Spahniboy ziemlich „auf den Zwirn“ (= es turnt ihn ab). Obendrein ist er als amtierender Staatssekretär für Finanzen dahintergekommen, dass mittelständische German-speaking Enterprises im Schwarzwald mehr Asche machen als die angeblich so boomende Start-up-Szene in der Hauptstadt. In short: Das Hipsterbusiness bringt nicht mal richtig Cash. Wieso sollte er die also supporten?«
  • In Sven Regeners Betrachtung des Tiefbauingenieurberufs für die FAZ verbirgt sich auch ein wenig Sprachwissenschaft»„Es ist ja so“, nimmt er mit einer wegwischenden Handbewegung plötzlich den Faden wieder auf, „dass man zwar Begriffe mit ,hoch‘ beim ersten Hinhören positiver konnotiert findet als Begriffe mit ,tief‘ oder ,nieder‘, dass man damit aber eben oft auch falschliegt, nur dass das keiner merkt. […] Die meisten Leute glauben zum Beispiel, und da wird es eben jetzt mal einen Moment lang germanistisch, dass mit dem Begriff Hochdeutsch eine höherstehende, in höheren Kreisen und so weiter entwickelte Sprache gemeint sei, manche sagen auch Hochsprache, weil sie denken, es gäbe so etwas, und da sei ein Zusammenhang, dabei wissen sie bloß nicht, dass es Hochdeutsch heißt, weil es das Süddeutsche oder Oberdeutsche ist, die also einst in den höher gelegenen deutschen Gebieten gesprochene Sprache, dass also die hochdeutschen Dialekte eben das Bairische, Alemannische, Sächsische und Fränkische sind, im Gegensatz zum Niederdeutschen, das so heißt, weil es in den norddeutschen, tiefer gelegenen Landschaften gesprochen wurde und sowieso eine ganz andere Sprache ist und das schon seit dem achten, neunten Jahrhundert, als sich südlich der Benrather Linie das Hochdeutsche entwickelte, und niemand weiß, warum. Da können Sie schon mal sehen, wie sehr der Zusatz ,hoch‘ in die Irre führen kann, teuflisch“, sagt der Tiefbauingenieur und beruhigt sich erst einmal mit einem Schluck aus dem Deckel seiner Thermoskanne.«

Das Deppenleerzeichen gibt es nicht: Eine Art Replik

Ich habe kürzlich ein Gespräch mit Michel Winde von der dpa geführt — über Leerzeichen und Bindestriche in Komposita. Es ging dabei um sehr emotional besetzte Schreibungen wie z.B. Johannes Gutenberg-Universität dpa-Kindernachrichten Würfel Zucker Nun ist ein Artikel entstanden, in dem sich Spurenelemente des Interviews wiederfinden.1 Der Text nervt mich. Neben inhaltlichen Aspekten (dazu gleich mehr) […]


Laudatio zum Anglizismus des Jahres 2016: Fake News

Die Jury hat sich die Wahl zum Anglizismus des Jahres auch diesmal nicht leicht gemacht, aber mit Fake News gab es einen Kandidaten, der 2016 eine so plötzliche und massive Präsenz im öffentlichen Diskurs erlangt hat, dass es am Ende doch keine ernsthafte Alternative gab. Damit haben wir seit langem wieder einmal einen Anglizismus des […]


Unwort des Jahres 2016: Volksverräter.

Die „Sprachkritische Aktion“ hat gerade das Unwort des Jahres 2016 bekanntgegeben: Volksverräter. Damit setzt die Jury unter Leitung meiner Darmstädter Kollegin Nina Janich konsequent die Kritik an rechter und rechtes Handeln verharmlosender Sprache fort, die sie 2013 mit dem Unwort Sozialtourismus begonnen und seither mit Lügenpresse (2014) und Gutmensch (2015) fortgesetzt hat. Die zunehmende Normalisierung […]


Nafris (ein sprachwissenschaftliches Grünen-Seminar für Rainer Wendt)

Das Wort Nafri sorgt für heftige Debatten, seit die Kölner Polizei in der Silvesternacht 2016 über den Kurznachrichtendienst Twitter folgende Beschreibung ihres Vorgehens absetzte: #PolizeiNRW #Silvester2016 #SicherInKöln: Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft. Infos folgen. https://t.co/VYMQuT6B7u pic.twitter.com/cCVVdRwr9D — Polizei NRW K (@polizei_nrw_k) December 31, 2016 Die Diskussion wird, wie es in Deutschland leider üblich […]


Warum man Fake News nicht verbieten kann: Eine Fallstudie

Zufällig war ich heute auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken in den Schönhauser-Allee-Arkaden (einem Einkaufszentrum im Prenzlauer Berg), als der Eingang und die Straße und der U-Bahnhof vor dem Einkaufszentrum von der Polizei abgesperrt wurden. Ein freundlicher Beamter erklärte auf Nachfrage, dass man einen verdächtigen Gegenstand gefunden habe, der nun untersucht würde. Das wurde auch schnell […]


Meist märchenhaft? Mehr Etymologien (und eine Siegerehrung)

Was zum Beispiel Advent und Akrobat oder Gräte und Grenze miteinander zu tun haben, habe ich vor einer Weile schon geklärt. Seither war bei mir irgendwie zu viel los um die Auflösung des letzten Etymologierätsels zu Ende zu bringen. Auch hinter den noch unbesprochenen Wörtern verbergen sich aber interessante Zusammenhänge (und ein Fehler), die für […]


Wort des Jahres 2016: Postfaktisch

Wenn die Gesellschaft für Deutsche Sprache uns ihre Wörter schickt, schickt sie nicht ihre besten Wörter. Sie schicken uns Wörter, die viele Problem haben und sie bringen diese Probleme zu uns. Sie bringen wohlfeilen Unfug. Sie bringen erfundene Wörter. Es sind Wörter, die niemand kennt. Und einige, vermute ich, sind gute Wörter. Das Wort des […]


Blogspektrogramm 46/2016

Das heutige Spektrogramm bringt eher anstrengendere Themen — nichtsdestotrotz sind unsere Links über die US-Wahl, typografische Einbürgerungshindernisse, Kommunikationsprobleme beim Brexit und luxemburgischen Nationalismus lesens– und hörenswert. Der Lexikograph Ben Zimmer hat mit WNYC über Wörter gesprochen, die den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf geprägt haben (Audio, Englisch): whitelash, rigged, big league, deplorables, nasty woman etc. Wenn man einen Namen […]


Jugend schützt vor Wortheit nicht

Das Jugendwörterbuch-des-Jahres-Werbewort 2016 wurde eben bekannt gegeben. Wie auch in den letzten Jahren (2013, 2014, 2015) sind dem Sprachlog die Aufzeichnungen der Beratungen aus den Redaktionsräumen des Wörterbuchverlags Schlangeneidt zugespielt worden, die wir im Folgenden ungekürzt veröffentlichen. Im Büro von DR. WORTWISPERER, Oberlexikograf des Wörterbuchverlags Schlangeneidt in München. Anwesend sind OBERLEXIKOGRAF DR. WILLHELM WORTWISPERER und […]