Wort des Jahres: Heißzeit

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat einen Job, um den sie nicht zu benei­den ist: sie muss — da sie nun ein­mal irgend­wann damit ange­fan­gen hat — jedes Jahr ein Wort des Jahres wählen. Eigentlich eine schöne, span­nende Auf­gabe, wäre da nicht ein ungeschriebenes aber eis­ernes Gesetz: das Wort darf keines­falls tat­säch­lich in nen­nenswert­er Häu­figkeit ver­wen­det wor­den sein, schon gar nicht im Jahr, für das es gewählt wurde. Aber anders als der Lan­gen­schei­dt-Ver­lag es mit dem Jugend­wort macht, darf die GfdS das Wort auch nicht völ­lig frei erfind­en oder aus einem YouTube-Video von Mon­ey­boy klauen. Wie gesagt, nicht zu benei­den. 

Aber man muss es ihnen lassen, sie machen diesen Job ganz her­vor­ra­gend: 

Das Wort des Jahres 2018 ist Heißzeit. Diese Entschei­dung traf am Mittwoch eine Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wies­baden. [Pressemit­teilung der GfdS]

Genial. Man nimmt ein Wort aus ein­er Pressemit­teilung des Pots­dam-Insti­tut für Kli­mafol­gen­forschung PIK, die Anfang August kurz für Aufmerk­samkeit gesorgt hat, bevor wir alle den Kli­mawan­del wieder kollek­tiv ver­drängt haben.

Und die Begrün­dung:

Sie the­ma­tisiert damit nicht nur einen extremen Som­mer, der gefühlt von April bis Novem­ber dauerte. Eben­falls angedeutet wer­den soll eines der gravierend­sten glob­alen Phänomene des frühen 21. Jahrhun­derts, der Kli­mawan­del. 

Gut, eigentlich hat das Pots­dam-Insti­tut für Kli­mafol­gen­forschung damit den Kli­mawan­del the­ma­tisiert. In ein­er (in Worten 1) Pressemit­teilung.  Aber Schwamm drüber, warum es Wort des ver­dammten Jahres ist, will ich wis­sen. 

Ah:

Nicht zulet­zt ist Heißzeit eine inter­es­sante Wort­bil­dung. Mit der laut­lichen Analo­gie zu Eiszeit erhält der Aus­druck über die bloße Bedeu­tung ›Zeitraum, in dem es heiß ist‹ hin­aus eine epochale Dimen­sion und ver­weist möglicher­weise auf eine sich ändernde Klimape­ri­ode.

Ja, genau darauf ver­weist es. Nicht „möglicher­weise“, son­dern ganz, ganz deut­lich. In ein­er Pressemit­teilung des PIK. Warum es Wort des Jahres ist, will ich wis­sen.

Ehren­mann, wer mir das erk­lären kann. 

Gendergap und Gendersternchen in der gesprochenen Sprache

Im feuil­leton­is­tis­chen Eklat um ver­schiedene For­men der geschlechterg­erecht­en Rechtschrei­bung, über die der Rechtschreibrat gestern erst­mals berat­en und mit denen er sich in den näch­sten Monat­en genauer beschäfti­gen will, wird immer wieder die Frage gestellt, wie man diese For­men den aussprechen solle. Genauer gesagt, es wird – im Ein­klang mit dem all­ge­mein sehr selb­stzufriede­nen Ton der Kritiker/innen – unter­stellt, dass man sie eben nicht aussprechen könne.

Tat­säch­lich lässt sich diese Frage beant­worten (bzw. die Unter­stel­lung aus der Welt räu­men). Auch wenn die Kritier/innen es sich offen­bar nicht vorstellen kön­nen, machen die Befürworter/innen geschlechterg­erechter Sprache sich sehr aus­führlich Gedanken über das, was sie tun, und lösen solche Prob­leme lange bevor sie den Kritiker/innen über­haupt auf­fall­en.

Bei den soge­nan­nten Sparschrei­bun­gen mit Schrägstrichen oder Klam­mern – also z.B. Kri­tik­er/-in oder Befürworter(inn)en – ist die Sache ein­fach: Diese For­men sind als Abkürzung für Dop­pelfor­men gedacht und wer­den als solche gesprochen: Kri­tik­er oder Kri­tik­erin, Befür­wor­terin­nen und Befür­worter usw.

Auch das Bin­nen-I wird von manchen als Sparschrei­bung (Abkürzung) betra­chtet, und wäre in diesem Fall genau­so zu behan­deln. Andere Betra­cht­en es als eigene Form, und sprechen es ein­fach aus, ohne das Bin­nen-I her­vorzuheben – es klingt dann eben so wie das Fem­i­ninum (Kri­tik­erin, Befür­wor­terin­nen).

Glottaler Plosivlaut über das Transgender-Symbol gelegtInter­es­sant wird es beim Gen­der­gap (Kritiker_in) und dem Gen­der­sternchen (Kritiker*in). Diese sind ja expliz­it nicht als Abkürzun­gen der Dop­pelform gedacht, son­dern sollen die darin enthal­tene Zweigeschlechtlichkeit durch­brechen – die Lücke und das Sternchen sind hier Platzhal­ter für weit­ere mögliche Geschlechter. Dieser Platzhal­ter muss sin­nvoller­weise auch in der gesproch­enen Sprache sig­nal­isiert wer­den – und dafür hat sich schon seit län­gerem eine lin­guis­tisch inter­es­sante Lösung etabliert.

Das Sternchen und die Lücke wer­den in der Aussprache durch einen stimm­losen glot­tal­en Ver­schlus­slaut wiedergegeben – ein Laut, den wir pro­duzieren, indem wir die Stimm­lip­pen („Stimm­bän­der”) kurz voll­ständig schließen.

Dieser Laut, der im Inter­na­tionalen Phonetis­chen Alpha­bet durch das Sym­bol [ʔ] repräsen­tiert wird, ste­ht im Deutschen (in den deutschen und öster­re­ichis­chen Dialek­ten) am Anfang jedes Wortes, das schein­bar mit einem Vokal begin­nt. Das Wort Eklat, z.B., wird nicht [eklaː] aus­ge­sprochen, son­dern [ʔeklaː]. Das merken wir, wenn wir einen indef­i­niten Artikel davor set­zen – ein Eklat. Wenn wir das aussprechen, hören wir eine kurze Pause vor Eklat, und das [e] hat einen klaren Ansatz: [aɪ̯n  ?eklaː] (das Leerze­ichen ste­ht für eine kurze Pause).

Im Franzö­sis­chen, beispiel­sweise, ist das anders, dort gibt es diesen glot­tal­en Ver­schlus­slaut am Wor­tan­fang nicht. Eclat wird hier tat­säch­lich [ekla] aus­ge­sprochen, und wenn wir einen indef­i­niten Artikel davor set­zen, fließen die Wörter ineinan­der [œnekla]. Auch an der Silb­i­fizierung sehen wir die Effek­te des glot­tal­en Ver­schlus­slauts: im Deutschen ist zwis­chen ein und Eklat eine Sil­ben­gren­ze (hier durch einen Punkt dargestellt) – [aɪ̯n.?e.klaː]; im Franzö­sis­chen ist diese Sil­ben­gren­ze in der Mitte des indef­i­niten Artikels un, das n bildet mit dem e von Eklat eine Silbe, die Wort­gren­ze wird ignori­ert – [œ.ne.kla]. Im Schweiz­erdeutschen ist es übri­gens wie im Franzö­sis­chen, ein Eklat wird dort [aɪ̯.ne.klaː] aus­ge­sprochen.

Inner­halb von Wörtern kommt der stimm­lose glot­tale Ver­schlus­slaut im Deutschen sel­ten vor, näm­lich in Kom­posi­ta (die ja aus zwei Wörtern beste­hen) an der inter­nen Wort­gren­ze, und bei manchen Prä­fix­en („Vor­sil­ben“), z.B. ver-: in den meis­ten Dialek­ten sagen wir beispiel­sweise für Vere­in [fɛɐ̯ʔaɪ̯n], und nicht [fɛˈʁaɪ̯n].

Vor Suf­fix­en („Nach­sil­ben“) kommt der glot­tale Ver­schlus­slaut nie vor – bzw., er kam dort nie vor, bis eben manche Sprecher/innen ange­fan­gen haben, ihn als laut­liche Repräsen­ta­tion des Gen­der­gap bzw. -sternchen zu ver­wen­den. Während Ärztin z.B. [ɛːɐ̯tstɪn] aus­ge­sprochen wird, wird Ärzt_in oder Ärzt*in [ɛːɐ̯tstʔɪn] aus­ge­sprochen.

Das hat eine Rei­he erwart­bar­er pho­nol­o­gis­ch­er Kon­se­quen­zen. So verän­dert es die Silb­i­fizierung. Bei Ärztin bildet der Kon­so­nant am Ende des Wort­stammes gemein­sam mit dem Suf­fix eine Silbe – [ɛːɐ̯ts.tɪn], bei Ärzt_in/Ärzt*in wird das durch den glot­tal­en Ver­schlus­slaut ver­hin­dert – [ɛːɐ̯tst.ʔɪn]. In dieser Hin­sicht ver­hält sich das Suf­fix jet­zt laut­lich wie ein eigenes Wort.

Aber inter­es­san­ter­weise nur in dieser Hin­sicht. Alle anderen Prozesse, die man am Wor­tende erwarten würde, find­en sich vor diesem Suf­fix nicht.

Zum Beispiel wird das er-Suf­fix im Deutschen pho­nol­o­gisch zu einem [ɐ], ein­er Art unbe­ton­ten, tiefen a: [kʁiːtɪkɐ]. Fol­gt ein Suf­fix, behält es seine eigentliche laut­liche Form [əʁ], z.B. in Kri­tik­erin: [kʁiːtɪkəʁɪn]. Vor dem glot­tal­en Ver­schlus­slaut in der Aussprache von Kri­tik­erin behält es eben­falls diese Form: [kʁiːtɪkəʁʔɪn]. Damit ist klar, dass vor dem Suf­fix keine Wort­gren­ze ist – die Gap/Sternchen-Ver­sion des Suf­fix­es, [ʔɪn], bleibt trotz des glot­tal­en Ver­schlus­slauts ein Suf­fix.

Das zeigt sich auch an einem weit­eren Phänomen des Deutschen, der Aus­lautver­här­tung. Am Wor­tende sind im Deutschen keine stimmhaften Kon­so­nan­ten erlaubt, wo ein Wort einen hätte, wird dieser stimm­los. Chirurg wird etwa [çiʀʊʁk] aus­ge­sprochen, nicht [çiʀʊʁɡ]. Fol­gt ein Suf­fix, z.B. der Plur­al oder eben das fem­i­nine -in, bleibt das [ɡ] am Wor­tende stimmhaft: [çiʀʊʁɡən], [çiʀʊʁɡɪn]. Und auch bei der Gap/Sternchen-Vari­ante bleibt es stimmhaft: [çiʀʊʁɡʔɪn].

Schließlich sieht man auch am Wor­takzent, dass das Gap/Sternchen-Suf­fix­es [ʔɪn] sich wie ein Suf­fix ver­hält. Im Deutschen wer­den roman­is­che Lehn­wörter, die auf das Suf­fix -or enden, auf der vor­let­zten Silbe betont (hier durch Großbuch­staben sym­bol­isiert): MOtor, AUtor, pro­FES­Sor, alli­GA­tor, mod­eR­A­tor. Kommt ein Suf­fix dazu, ver­schiebt sich der Wor­takzent auf das Suf­fix selb­st, so dass er wieder auf der vor­let­zten Silbe liegt: moTOren, auTOren, pro­feS­SOrin, alli­ga­TOren, mod­er­a­TOrin. Beim Gap/Sternchen-Suf­fix [ʔɪn] ver­schiebt sich der Wor­takzent eben­falls auf diese Weise (in der phonetis­chen Tran­skrip­tion ste­ht ein Apos­troph vor der beton­ten Silbe: Mod­er­a­tor [mod­eˈʀaː­toːɐ̯], Mod­er­a­torin [mod­eʀaˈ­toːʀɪn], Moderator*in [mod­eʀaˈ­toːʀʔɪn]. Die Aussprache dieser drei Wörter ist hier zu hören:

 

Wir sehen: Mit dem stimm­losen glot­tal­en Ver­schlus­slaut am Anfang eines Suf­fix­es betreten die Verwender/innen dieser For­men pho­nol­o­gis­ches Neu­land, da der Laut an dieser Stelle bish­er nicht ste­hen kon­nte. Da schon die orthografis­chen For­men mit Gen­der­gap oder -sternchen bei manchen Kol­le­gen (kein gener­isches Maskulinum) Äng­ste vor ein­er bevorste­hen­den Zer­störung der deutschen Sprache aus­lösen, kann man sich vorstellen, wie sie reagieren wür­den, wenn sie vom [ʔɪn]-Suffix erführen. Da sie nichts zur Ken­nt­nis nehmen, was irgend­je­mand zum The­ma Gen­der schreibt, wird das zum Glück nicht passieren.

Es beste­ht aber keine Gefahr fürs Deutsche – die oben disku­tierten Phänomene zeigen, dass die laut­liche Struk­tur der betr­e­f­fend­en Wörter voll erhal­ten bleibt, dass sich das [ʔɪn]-Suffix also trotz sein­er ungewöh­lichen laut­lichen Form voll in die Mor­pholo­gie und Phonolo­gie des Deutschen inte­gri­ert.

Wir wer­den also die deutsche Sprache in all ihrer geschlechterg­erecht­en und -ungerecht­en Vielfalt noch sehr lange genießen dür­fen.

Die Grenzen des Sagbaren

Am 8. Mai 2018 habe ich anlässlich des 85. Jahrestages der Bücherver­bren­nung im Lit­er­aturhaus Berlin einen Vor­trag über die „Gren­zen des Sag­baren“ gehal­ten. Der Mitschnitt zu diesem Vor­trag ist nun auf Sound­cloud zum Nach­hören ver­füg­bar.

Anglizismus des Jahres 2017: Influencer

Der Anglizis­mus des Jahres 2017 ist Influ­encer. In der Fach­sprache des Inter­net-Mar­ket­ing, von der aus das Wort sich in den all­ge­meinen Sprachge­brauch aus­ge­bre­it­et hat, beze­ich­net man damit eine

a) Per­son, die in sozialen Net­zw­erken viele Kon­tak­te oder Abon­nen­ten hat, sich an diese regelmäßig mit informieren­den Beiträ­gen wen­det und ihren Ein­fluss dafür nutzt, um (gegen Ent­gelt von Wirtschaft­sun­ternehmen) Wer­bung für bes­timmte Pro­duk­te, Dien­stleis­tun­gen o. Ä. zu machen [Dig­i­tales Wörter­buch der deutschen Sprache, s.v. Influ­encer]

Die hier beschriebene Form der Wer­bung, das soge­nan­nte Influ­encer Mar­ket­ing, liefert für den aktuellen Sprachge­brauch den wichtig­sten inhaltlichen Zusam­men­hang, in dem das Wort Influ­encer ver­wen­det wird, aber tat­säch­lich gibt es das Wort schon länger in ein­er all­ge­meineren Bedeu­tung, die das DWDS mit „b) Per­son, die einen größeren Ein­fluss, ins­beson­dere auf die Mei­n­ungs­bil­dung, ausübt“ erfasst. Und da die bei­den Bedeu­tun­gen miteinan­der ver­wandt sind, fall­en viele Ver­wen­dun­gen des Wortes auch dazwis­chen.

Für ein all­ge­meines Ver­ständ­nis des Wortes ist es wichtig, sich zunächst die Beson­der­heit bewusst zu machen, die Influ­encer (in der engeren Bedeu­tung a) von anderen Werbeträger/innen unter­schei­det: ihr Ein­fluss leit­et sich nicht aus ein­er unab­hängig von den sozialen Medi­en beste­hen­den Promi­nenz ab, son­dern allein aus ihrer Reich­weite in einem oder mehreren sozialen Net­zw­erken. Influ­encer kön­nen zwar Berühmtheit­en aus Musik, Sport oder Film sein, sind es aber nor­maler­weise nicht, son­dern wer­den erst durch ihre Social-Media-Präsenz zu Stars und Sternchen.

Uhr am Markusdom in Venedig mit SternzeichenMit Ster­nen begin­nt auch die lange Bedeu­tungs­geschichte des Wortes Influ­encer: In der Astrolo­gie der Spä­tan­tike beze­ich­nete der Aus­druck influxus stel­larum eine unsicht­bare Kraft, die von den Ster­nen aus in alle Kör­p­er hine­in­strömte und deren Schick­sal bes­timmte (wörtlich bedeutet es „das Hinen­fließen der Sterne“). In dieser Bedeu­tung wurde der Aus­druck im Mit­te­lal­ter ins Englis­che über­nom­men – die erste anglisierte Ver­wen­dung stammt von keinem gerin­geren als dem englis­chen Dichter­ge­nie und Shake­speare-Vor­bild Geof­frey Chaucer:

O influ­ences of thise heuenes hye, / Soth is that vnder god e ben oure hierdes […]
(„Oh, Ein­flüsse der hohen Him­mel, ihr seid wahrhaftig unsere Hirten“)
[Geof­frey Chaucer, Troilus & Criseyde, 1374]

Die Bedeu­tung von influ­ence weit­ete sich dann auf einen Ein­fluss aus, der von Per­so­n­en aus­geübt wurde – zunächst noch bild­haft, indem diese Per­so­n­en den Ster­nen gle­ichgestellt wur­den. Zu Beginn der Neuzeit war daraus eine wörtliche Bedeu­tung gewor­den – influ­ence beze­ich­nete schlicht eine bes­tim­mende Wirkung, die Men­schen oder abstrak­te Kräfte auf andere Men­schen haben. Das Verb to influ­ence ent­stand um die Mitte des 17. Jahrhun­derts — der erste Beleg stammt aus ein­er Rede des Staat­sober­haupts der kur­zlebi­gen Repub­lik Com­mon­wealth of Eng­land, Oliv­er Cromwell von 1658.

Am dem späten 17. Jahrhun­dert find­et sich dann die aus dem Verb abgeleit­ete Per­so­n­en­beze­ich­nung influ­encer, zunächst für Men­schen mit insti­tu­tioneller Macht (wie Staats- und Kirchenober­häupter), später auch für solche, deren Ein­fluss sich aus der ihnen zuge­sproch­enen Autorität und Rel­e­vanz in einem bes­timmten Bere­ich ergibt. In dieser Bedeu­tung find­et sich das Wort auch im heuti­gen Englisch, etwa, wenn von „pol­i­cy influ­encers“, „indus­try influ­encers“, „fash­ion influ­encers“ usw. die Rede ist – Indus­triekapitäne, Ex-Präsi­den­ten und andere Men­schen, die sich auf „Glob­al Influ­encer Sum­mits” tre­f­fen und „Influ­encer-of-the-Year-Awards“ ver­liehen bekom­men.

An diese Bedeu­tung angelehnt entwick­elte sich in den let­zten zehn Jahren der Begriff „social media influnencers“ oder „dig­i­tal influ­encers“, der dann – schnell auf den Wortbe­standteil Influ­encer verkürzt – ins Deutsche entlehnt wurde. Vere­inzelte Belege gibt es im Deutschen min­destens seit 2007 – der früh­este Beleg, den ich find­en kon­nte, stammt aus einem Text der ein­er Schweiz­er Wer­beagen­tur:

Die Blog-Ein­träge ver­sor­gen Unternehmen mit glaub­hafter und langfristiger Aufmerk­samkeit und wertvollem Feed­back, denn Blog­ger gel­ten als Ear­ly Adopters und Influ­encers. [Triga­mi, 2007 (Link)]

Inter­es­sant ist, dass hier die englis­che Plu­ral­form Influ­encers gewählt wird. Das deutet auf eine zu diesem Zeit­punkt noch sehr schwache Inte­gra­tion ins Deutsche hin, denn bei masku­li­nen Sub­stan­tiv­en auf -er wäre eigentlich ein Nullplur­al zu erwarten. Ein solch­er Nullplur­al find­et sich dann 2010 in dem früh­esten gedruck­ten Beleg, den ich find­en kon­nte:

6.2 Die Influ­encer … Es gibt einige wenige Kun­den, die auf­grund der Anzahl ihrer Kon­tak­te großen Ein­fluss auf den Erfolg ein­er Marke haben kön­nen. Sie wer­den als Influ­encer beze­ich­net und wahrgenom­men. [Klaus Eck, 2010]

Das Wort bleibt in dieser neuen Bedeu­tung zunächst, wie schon in den früheren Bedeu­tun­gen, auf fach­sprach­liche Zusam­men­hänge beschränkt. In Zeitun­gen find­et sich bis 2015 nur eine Hand­voll von Tre­f­fern, die sich größ­ten­teils auf die ältere, all­ge­meinere Bedeu­tung beziehen (oft in fest­ste­hen­den Aus­drück­en wie Influ­encer Rela­tions Web Offi­cer, Influ­encer of the Year und Glob­al Influ­encer Sum­mit).

Erst 2016 erre­icht die Ver­wen­dung­shäu­figkeit ein mess­bares Niveau – die ein­gangs zitierte Bedeu­tung ist nun die dom­i­nante gewor­den, auch wenn die ältere Bedeu­tung nach wie vor zu find­en ist. Die zunehmende Ver­bre­itung führt auch zu ein­er engeren Ein­bindung in die deutsche Gram­matik: 2016 find­en sich im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus die ersten weib­lichen For­men, auch als Mehrzahl:

So kommt es, dass die gebür­tige Russin nun um den Globus jet­ten und ihr Geld als «Dig­i­tal Influ­encerin» ver­di­enen kann. [St. Galler Tag­blatt, 9.11.2016]

Die neuen Vor­bilder junger Mäd­chen sind soge­nan­nte Influ­encerin­nen wie Juliane Dies­ner alias Style Shiv­er. [NZZ am Son­ntag, 18.12.2016]

Häu­figkeit von Influ­encer im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus (Quelle)

Im Jahr 2017 vervielfacht sich die Gebrauchshäu­figkeit dann sprun­gar­tig: das Ref­eren­zko­r­pus des Insti­tuts für Deutsche Sprache zeigt einen Anstieg in Zeitung­s­tex­ten von 0,2 auf etwas über 2 Vorkom­men pro 1 Mil­lion Wörter. Damit ist Influ­encer in Zeitung­s­tex­ten genau­so häu­fig wie alteinge­sessene Per­so­n­en-beze­ich­nun­gen wie Auge­narzt, Bergar­beit­er, Dra­matik­erFriseurinKinobe­such­erMit­be­wohn­er, Tages­mut­terRaubkopier­er oder Wer­ber.

Dass die Ver­wen­dung­shäu­figkeit so stark angestiegen ist, liegt nicht daran, dass die Sprachge­mein­schaft plöt­zlich ein Inter­esse an Meth­o­d­en des Online-Mar­ket­ings ent­deckt hätte, son­dern daran, dass die Influencer/innen zu einem kul­turell rel­e­van­ten Phänomen gewor­den sind. Natür­lich wird auch die Wer­be­form selb­st disku­tiert – anhand von miss­lun­genen Kam­pag­nen, bei denen z.B. plöt­zlich dutzende bekan­nter Instagrammer/innen pen­e­trant-läs­sig lila Schoko­ladetafeln in ihre Lifestyle-Fotos ein­bauen – die Face­book­seite Perlen des Influ­encer-Mar­ket­ings hat sich dem Sam­meln solch­er Beispiele ver­schrieben. Oder anhand all­ge­mein­er Fra­gen zum Prob­lem der Schle­ich­wer­bung. Aber die Influencer/innen sind längst (Anti-)Held/innen der Pop­kul­tur. Mal wird der Influ­encer als neuer Trend-Beruf­swun­sch junger Men­schen präsen­tiert, mal die (fehlende) Ver­ant­wor­tung reich­weites­tark­er Youtu­ber (Inhaltswar­nung: Selb­st­tö­tung) disku­tiert. Und beson­ders gerne regt man sich über die „Dreistigkeit“ von Influencer/innen auf, wenn diese bei Hotels oder Restau­rants ihre Dien­ste im Aus­tausch gegen Kost und Logis anbi­eten.

Egal, ob man die Influ­encer nun liebt oder has­st, das Wort Influ­encer erlaubt eine klare und präzise Benen­nung des Phänomens. Während das Englis­che das Kom­posi­tum social media influ­encer benötigt, um die betr­e­f­fend­en Men­schen von anderen Arten von influ­encers zu unter­schei­den, hat das Deutsche mit dem Lehn­wort Influ­encer die Möglichkeit, diese Bedeu­tung direkt auszu­drück­en. Influ­encer ver­drängt damit nicht die manch­mal ver­wen­de­ten Alter­na­tiv­en Vor­bild, Mei­n­ungs­führer, Mei­n­ungs­mach­er, Mei­n­ungs­bild­ner oder Trend­set­ter, son­dern ergänzt sie. Damit ist das Wort Influ­encer eine Bere­icherung der deutschen Sprache.

Ob auch für die Influ­encer selb­st eine Bere­icherung darstellen, muss jede und jed­er für sich entschei­den. Ihr Ein­fluss auf jeden Fall ist – anders als der des influxus stel­larum der Spä­tan­tike – real, auch wenn 10 000 Likes für ein durschnit­tlich­es Self­ie mit Schoko­ladentafel fast so geheimnisvoll erscheinen wie der unsicht­bare Kräfte­fluss, von dem unsere Vor­fahren glaubten, dass er ihre Geschicke lenke.

Unwort des Jahres: Alternative Fakten

Die Sprachkri­tis­che Aktion hat ger­ade das Unwort des Jahres bekan­nt­gegeben: alter­na­tive Fak­ten (PDF). Sie schließt sich damit sowohl der Amer­i­can Dialect Soci­ety an, die alter­na­tive facts zum Euphemism of the Year wählte (PDF), als auch der aus­tralis­chen Plain Eng­lish Foun­da­tion für die es das Worst Word of the Year war (PDF).

Der Aus­druck ist nur ein­er von vie­len fast schon hyp­no­tisch post­fak­tis­chen Sprach­mustern, die US-Präsi­dent Trump und seine Gefol­gschaft zum Stan­dard des amerikanis­chen poli­tis­chen Diskurs­es erhoben haben. Er stammt von Trumps Bera­terin Kellyanne Con­way, die ihn ver­wen­dete, um die Trump’sche Behaup­tung zu stützen, zu sein­er Amt­se­in­führung seien mehr Zuschauer/innen erschienen als zu der irgen­deines anderen Präsi­den­ten vor ihm.

Diese Behaup­tung, die sich durch Fil­mauf­nah­men leicht als falsch ent­lar­ven ließ, wieder­holte Trumps dama­liger Press­esprech­er Sean Spicer gle­ich bei sein­er ersten Begeg­nung mit der amerikanis­chen Presse. Vom CNN-Mod­er­a­tor Chuck Todd darauf ange­sprochen, warum man die Zusam­me­nar­beit mit der Presse mit ein­er Lüge beginne, antwortete Con­way: „Sie nen­nen das eine Lüge. Unser Press­esprech­er Sean Spicer lieferte aber alter­na­tive Fak­ten“. „Alter­na­tive Fak­ten sind keine Fak­ten“, erwiderte Todd. „Sie sind Lügen.“ Aber natür­lich sind sie mehr als das – „alter­na­tive facts“ sind Lügen, mit denen eine offen­sichtliche und umfassend doku­men­tierte Wahrheit­en solange bestrit­ten wird, bis sich kein­er mehr daran erin­nert, was denn nun wirk­lich stimmt.

Die Trump-Regierung dominierte auch die englis­chsprachi­gen Wort-des-Jahres-Wahlen der let­zten Jahre: in diesem Jahr wählten sowohl die Amer­i­can Dialect Soci­ety als auch die britis­chen Collins Dic­tio­nar­ies fake news zum Wort des Jahres (im let­zten Jahr war das bere­its der deutsche Anglizis­mus des Jahres und das Aus­tralis­che Mac­quar­ie Dic­tio­nary Word of the Year), im let­zten Jahr war es dump­ster fire („Müll­con­tainer­brand“) – eine Meta­pher unter anderem für den US-Präsi­dentschaftswahlkampf. Das britis­che Word-of-the-Year der Oxford Dic­tio­nar­ies war im let­zten Jahr post truth.

Wenn der post­fak­tis­che Zugang zur Real­ität sich flächen­deck­end durch­set­zt, kann wenig­stens nie­mand sagen, die inter­na­tionale Lexiko­grafie hätte nicht davor gewarnt.

Wort des Jahres 2017: Jamaika-Aus

Jedes Jahr Anfang Dezem­ber trifft sich die Gesellschaft für Deutsche Sprache, um das „Wort des Jahres“ zu wählen. Und jedes Jahr zeigt sich, dass den Mit­gliedern der Jury erst in den Tagen unmit­tel­bar vor diesem Tre­f­fen ein­fällt, dass sie vielle­icht mal in eine Zeitung guck­en soll­ten, um her­auszufind­en, was für Wörter es im Deutschen eigentlich so gibt.

Hastig wählt man dann das erste Wort, das einem bei diesem Blick in die Zeitung auf­fällt. Das ist mal ein Wort, das Wolf­gang Bos­bach zufäl­lig ein einziges Mal ver­wen­det hat, wie 2012, als man Ret­tungsrou­tine auserkor, und mal eines, das seit Jahren ein unauf­fäl­liges Puz­zlestückchen im Wortschatz des Deutschen ist, wie 2013, als man sich für GroKo entsch­ied. Oder man nimmt eben ein Wort, das zufäl­lig ger­ade durch die Medi­en geis­tert, wie 2014, als mit Licht­gren­ze der Name eines Luft­bal­lon-Großevents das Ren­nen machte.

In diesem Jahr hat man sich offen­sichtlich für let­ztere Strate­gie entsch­ieden: Mit Jamai­ka-Aus hat man sich für ein Wort entsch­ieden, das ger­ade mal fünf Tage lang – vom 20. bis zum 25. Novem­ber 2017 – eine nen­nenswerte Medi­en­präsenz hat­te und es bei Google ins­ge­samt auf sat­te 80 Einzel-Tre­f­fer bringt, wenn man die paar Hun­dert abzieht, in denen über das Wort des Jahres berichtet wird.

Damit, so die Jury, the­ma­tisiere sie

nicht nur die beson­deren Schwierigkeit­en bei der Regierungs­bil­dung, die sich nach der Bun­destagswahl 2017 ergaben, son­dern lenkt den Blick auch auf eine inter­es­sante Wort­bil­dung: Nicht nur hat der Lan­desname Jamai­ka eine neue Bedeu­tung angenom­men, son­dern auch die Aussprache wurde eingedeutscht: Nach­dem die englis­che Lau­tung „Dschamäi­ka“ bere­its seit langem zu »Dschamai­ka« gewor­den war, hört man am Wor­tan­fang anstelle von „Dsch“ heute zunehmend auch ein „J“ wie in „Jahr“. – Mit der Sub­stan­tivierung das Aus wird umgangssprach­lich auf das Ende, das Scheit­ern von etwas ver­wiesen; die Zusam­menset­zung Jamai­ka-Aus bringt somit präg­nant den kom­plex­en Sachver­halt ›Abbruch der Sondierungs­ge­spräche für eine schwarz-gelb-grüne Koali­tion‹ zum Aus­druck.

Der Lan­desname Jamai­ka hat diese „neue Bedeu­tung“ allerd­ings schon im Bun­destagswahlkampf 2005 angenom­men, wo sich das Wort erst­mals in den Medi­en find­et, oder spätestens seit 2009, als im Saar­land erst­mals eine solche Koali­tion gebildet wurde. Auch die Aussprache mit „J wie Jahr“ ist laut Duden die Stan­dar­d­aussprache für den Lan­desna­men Jamai­ka, und so inter­es­sant es wäre, zu erfahren, ob sich in den Aussprache-Gewohn­heit­en Änderun­gen beobacht­en lassen, von der Wort-des-Jahres-Jury wer­den wir es nicht erfahren, denn denen scheint das Wort Ende Novem­ber zum ersten Mal aufge­fall­en zu sein.

Schade ist das alles, weil die GfdS tat­säch­lich ein paar gute Kan­di­dat­en auf der Liste hat­te – Ehe für Alle (auf Platz 2) und Ober­gren­ze zum Beispiel, die ja die Diskus­sio­nen dieses Jahres dur­chaus geprägt haben. Es hätte allerd­ings auch schlim­mer kom­men kön­nen: auch cov­fefe und hyggelig lan­de­ten auf den vorderen Plätzen.

Verwortete Jugend

Das Jugend­wort des Jahres ist i bims, was in der Logik des Wet­tbe­werbs nur fol­gerichtig ist, weil es wed­er ein Wort ist, noch von Jugendlichen ver­wen­det wird. Wie jedes Jahr sind uns auch dies­mal wieder die Aufze­ich­nun­gen aus den Redak­tion­sräu­men des Schlangenei­dt-Ver­lags zuge­spielt wor­den, in denen Ober­lexiko­graf Dr. Will­helm Wortwisper­er und Assis­ten­zober­lexiko­graf Siegfried Sil­ben­säusler das Wort alljährlich küren. (Die geleak­ten Pro­tokolle der ver­gan­genen Jahre find­en Sie hier.)

In den Redak­tion­sräu­men des Wörter­buchver­lags Schlangenei­dt in München.

Anwe­send sind OBERLEXIKOGRAF DR. WILLHELM WORTWISPERER und ASSISTENZOBERLEXIKOGRAF SIEGFRIED SILBENSÄUSLER.

SILBENSÄUSLER. Wortwisper­er, Wortwisper­er!

(STILLE)

SILBENSÄUSLER. Aufgewacht, Wortwisper­er!

WORTWISPERER. Eider­daus, Sil­ben­säusler, wie oft habe ich Ihnen gesagt, Sie sollen mich nicht beim Nach­denken stören!

SILBENSÄUSLER. Par­don, Wortwisper­er, aber ich hat­te just den Herr Direk­tor Schlangenei­dt am Fern­sprechap­pa­rat, er fragt, wo das Jungspund­wort des Jahres bleibt!

WORTWISPERER. Er will schon wieder ein neues? Was passt ihm denn an „knorke“ nicht?

Weit­er­lesen

Blogspektrogramm 38/2017

Heute haben Sie Links zur Wahl, und man darf sog­ar mehr als zwei davon anklick­en! Für unsere Schweiz­er LeserIn­nen, die nicht abstim­men dür­fen, haben wir uns als Ersatz einen andere Beschäf­ti­gung aus­gedacht. Und son­st noch? Wahlkampf­sprache, Apos­tro­phen­hass und Farb­wörter — viel Spaß!

  • Mit dem Kul­tur­ra­dio vom RBB haben sich Ana­tol Ste­fanow­itsch und Sebas­t­ian Pertsch über Wahlkampf­sprache unter­hal­ten. (Audio)
  • Im SZ MAGAZIN kom­men­tiert CUS angenehm entspan­nt den wort­in­ter­nen Apos­troph: »So ein­fach kön­nte das Leben sein, wenn da nicht der Wut­bürg­er wäre. Denn nichts kann diese Spezies der­maßen auf die Palme brin­gen wie ein ver­meintlich falsch­er Apos­troph: Über Helga’s Frisier­sa­lon oder Bernie’s Pils-Tre­ff gehen im Netz Shit­storme von Apos­tro­phen-Hass nieder. Einzig kor­rekt sei doch Hel­gas Frisier­sa­lon, ohne Apos­troph, bas­ta. Geht’s noch? Muss man deswe­gen Gift und Geifer über ein­er braven Friseurin abladen?«
  • Forschung­shil­fe gesucht: Sprechen Sie zufäl­lig mut­ter­sprach­lich einen Schweiz­erdeutschen Dialekt? Dann klick­en Sie doch mal hier herüber, mein Kol­lege Andreas Klein und ich inter­essieren uns dafür, wie Sie bes­timmte Sätze ins Schweiz­erdeutsche über­set­zen. (Wer kein Schweiz­erdeutsch spricht und nur mal guck­en will, darf natür­lich auch, aber dann bitte den Bogen nicht abschick­en.) Gerne weit­er­leit­en — tausend Dank!
  • Wie kat­e­gorisieren Men­schen Far­ben in ver­schiede­nen Sprachen? Für THE CONVERSATION bericht­en Ted Gib­son und Bevil Con­way davon, über welche Far­ben sich Men­schen beson­ders leicht ver­ständi­gen kön­nen und bieten eine Erk­lärung dafür an: »In Eng­lish, it turns out that peo­ple can con­vey the warm col­ors – reds, oranges and yel­lows – more effi­cient­ly (with few­er guess­es) than the cool col­ors – blues and greens. You can see this in the col­or grid: There are few­er com­peti­tors for what might be labeled “red,” “orange” or “yel­low” than there are col­ors that would be labeled “blue” or “green.”«

Blogspektrogramm 35/2017

Das Spek­tro­gramm lebt! Die aktuellen Links sind nicht mehr durchge­hend taufrisch, aber Spaß kann man daran dur­chaus noch haben. Es geht heute um die Ehe für alle, Von­golisch, die ver­meintliche Sprache des Volkes, scary Englisch in Berlin und darum, was ein Hochbauin­ge­nieur mit Hochdeutsch zu tun hat:

  • Ste­fan Nigge­meier ist für ÜBERMEDIEN dem Ursprung der Beze­ich­nung Ehe für alle und ihrem Ver­hält­nis zur Homoe­he nachge­gan­gen: »Natür­lich hing der Kampf für die Gle­ich­stel­lung nicht nur an der Durch­set­zung eines Hash­tags. Aber der Begriff „Ehe für alle“ half sehr, das Anliegen sym­pa­thisch, pos­i­tiv und all­ge­mein wirken zu lassen, nicht speziell und vor allem nicht sex­uell. „Viele Leute sprechen das Wort ‚Homo‘ nicht gerne aus“, sagt der Ini­tia­tor Sören Land­mann. „Das ist schade, aber das ist Real­ität.“ […] Dass man plöt­zlich über die „Ehe für alle“ reden kon­nte, habe auch dafür gesorgt, dass sich mehr Men­schen über­haupt zu dem The­ma äußerten.«
  • Vong Sprache her hat sich im let­zten Jahr auch 1 biss­chen was getan und es gibt Stre­it darüber, wem das zu ver­danken ist. Für die SÜDDEUTSCHE hat sich Jan Strem­mel die Sache genauer ange­se­hen: »30 Mil­lio­nen Deutsche sind aktuell bei Face­book. Und weil man sich dort vor allem schriftlich mit­teilt, ist kor­rek­te Sprache heute ein wichtigeres Dis­tink­tion­s­merk­mal denn je. Wer in seinen Post­ings “seid” und “seit” ver­wech­selt, zu viele Aus­rufeze­ichen oder falsche Kom­ma­ta set­zt, gilt umge­hend als Trot­tel, egal was er zu sagen hat. […] Insofern war die absichtlich hirn­lose Witzsprache in ihren Anfangsta­gen qua­si Punkrock. Aber das ist lange vor­bei.«
  • Schon im März hat Ana­tol Ste­fanow­itsch der SÜDDEUTSCHEN ein Inter­view zu Poli­tik und Pop­ulis­mus gegeben: »Ich glaube, dass die Idee, dass man mit dem Volk sprechen kann, schon in sich pop­ulis­tisch ist. Weil sie davon aus­ge­ht, dass es irgend­wo ein Volk gibt, das eine bes­timmte Sprache spricht, die man nur tre­f­fen muss. Wir leben aber in ein­er kom­plex­en Gesellschaft, die ins­ge­samt sehr gebildet ist. “Der kleine Mann auf der Straße” ver­ste­ht im Zweifels­fall wesentlich kom­plexere Dinge, als es in diesem pop­ulis­tis­chen Zer­rbild dargestellt wird. Der Pop­ulis­mus macht diesen soge­nan­nten kleinen Mann viel naiv­er und unin­formiert­er als er ist.«
  • Fat­ma Aydemir trollt Jens Spahn in der TAZ»Don’t get me wrong, Spahn möchte nicht das Easy­Jet-Prekari­at in Schöne­feld abfan­gen, um es in Inte­gra­tions­camps zu steck­en. Es geht ihm viel mehr „um uns Deutsche selb­st“ und um eine dro­hende „kul­turelle Gle­ich­schal­tung“. […] Dabei ist es nicht so, dass ich es kein biss­chen sad finde, wenn sich Jens’Mom in Berlin-Mitte keinen Flat White bestellen kann, weil die Baris­tas nur noch Englisch sprechen. Zu Recht geht das Spah­ni­boy ziem­lich „auf den Zwirn“ (= es turnt ihn ab). Oben­drein ist er als amtieren­der Staatssekretär für Finanzen dahin­tergekom­men, dass mit­tel­ständis­che Ger­man-speak­ing Enter­pris­es im Schwarzwald mehr Asche machen als die ange­blich so boomende Start-up-Szene in der Haupt­stadt. In short: Das Hip­ster­busi­ness bringt nicht mal richtig Cash. Wieso sollte er die also sup­port­en?«
  • In Sven Regen­ers Betra­ch­tung des Tief­bauin­ge­nieurberufs für die FAZ ver­birgt sich auch ein wenig Sprach­wis­senschaft»„Es ist ja so“, nimmt er mit ein­er weg­wis­chen­den Hand­be­we­gung plöt­zlich den Faden wieder auf, „dass man zwar Begriffe mit ‚hoch‘ beim ersten Hin­hören pos­i­tiv­er kon­notiert find­et als Begriffe mit ‚tief‘ oder ‚nieder‘, dass man damit aber eben oft auch falschliegt, nur dass das kein­er merkt. […] Die meis­ten Leute glauben zum Beispiel, und da wird es eben jet­zt mal einen Moment lang ger­man­is­tisch, dass mit dem Begriff Hochdeutsch eine höher­ste­hende, in höheren Kreisen und so weit­er entwick­elte Sprache gemeint sei, manche sagen auch Hochsprache, weil sie denken, es gäbe so etwas, und da sei ein Zusam­men­hang, dabei wis­sen sie bloß nicht, dass es Hochdeutsch heißt, weil es das Süd­deutsche oder Oberdeutsche ist, die also einst in den höher gele­ge­nen deutschen Gebi­eten gesproch­ene Sprache, dass also die hochdeutschen Dialek­te eben das Bairische, Ale­man­nis­che, Säch­sis­che und Fränkische sind, im Gegen­satz zum Niederdeutschen, das so heißt, weil es in den nord­deutschen, tiefer gele­ge­nen Land­schaften gesprochen wurde und sowieso eine ganz andere Sprache ist und das schon seit dem acht­en, neun­ten Jahrhun­dert, als sich südlich der Ben­rather Lin­ie das Hochdeutsche entwick­elte, und nie­mand weiß, warum. Da kön­nen Sie schon mal sehen, wie sehr der Zusatz ‚hoch‘ in die Irre führen kann, teu­flisch“, sagt der Tief­bauin­ge­nieur und beruhigt sich erst ein­mal mit einem Schluck aus dem Deck­el sein­er Ther­moskanne.«

Das Deppenleerzeichen gibt es nicht: Eine Art Replik

Ich habe kür­zlich ein Gespräch mit Michel Winde von der dpa geführt — über Leerze­ichen und Binde­striche in Kom­posi­ta. Es ging dabei um sehr emo­tion­al beset­zte Schrei­bun­gen wie z.B.

Johannes Guten­berg-Uni­ver­sität

dpa-Kinder­nachricht­en

Wür­fel Zuck­er

Nun ist ein Artikel ent­standen, in dem sich Spurenele­mente des Inter­views wiederfind­en.1 Der Text nervt mich. Neben inhaltlichen Aspek­ten (dazu gle­ich mehr) finde ich es unredlich, dass durch extreme Zitat­mon­tage der Ein­druck entste­ht, alle Inter­viewten hät­ten ein Gespräch miteinan­der geführt, aufeinan­der Bezug genom­men. So z.B.:

Sprache ändert sich. „Aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht finde ich das span­nend“, sagt Kopf über das Dep­pen­leerze­ichen. Allerd­ings gehen auch Aus­drucksmöglichkeit­en ver­loren. Ein „Chefin­ge­nieur“ sei nun mal etwas anderes als ein „Chef Inge­nieur“, sagt Lutz.

Ich hat­te aber wed­er mit den wis­senschaftlicheren Stim­men noch mit Bas­t­ian Sick oder Titus Gast irgen­deine Art von Aus­tausch und der sug­gerierte Kon­sens zum The­ma existiert auch nicht.

Ganz abge­se­hen davon habe ich wirk­lich keinen blassen Schim­mer, was denn ein <Chef Inge­nieur> anderes sein soll als ein <Chefin­ge­nieur>. Kann mir da jemand helfen? Und welche “Aus­drucksmöglichkeit­en” sollen das sein, die man da ver­liert? In der gesproch­enen Sprache gibt’s auch keine Getren­nt- und Zusam­men­schrei­bung und trotz­dem funk­tion­ert die Kom­mu­nika­tion ganz wun­der­bar. Das Englis­che, wo Kom­posi­ta oft getren­nt geschrieben wer­den, lei­det meines Wis­sens auch nicht ger­ade an Aus­druck­sar­mut.

Die Deppen, das sind die anderen

Der zweite über­greifende Punkt, der mich nervt, ist, dass das Wort “Dep­pen­leerze­ichen” über­all vorkommt und so getan wird, als sei das ein etabliert­er Fach­be­griff. In Wirk­lichkeit ist das Wort ein­fach nur wider­lich: Weit­er­lesen

  1. Meine Zitate wur­den freigegeben, den ganzen Text kan­nte ich vorher nicht. []