Sinnesfreuden (V)

Von Anatol Stefanowitsch

In den let­zten vier Wochen haben wir uns mit ver­schiede­nen Aspek­ten der Redewen­dung Sinn machen beschäftigt. Wir haben gezeigt, dass sie älter ist, als gemein­hin angenom­men und dass sich ver­mut­lich nicht von Jour­nal­is­ten und Poli­tik­ern, son­dern von Philosophen und Lit­er­at­en in die Sprache einge­führt wor­den ist. Wir haben gezeigt, dass wed­er aus syn­tak­tis­ch­er, noch aus seman­tis­ch­er Sicht irgen­det­was gegen die Inter­gra­tion dieser Redewen­dung in die deutsche Sprache spricht. Und wir haben gese­hen, dass sie, wenn sie denn tat­säch­lich aus dem Englis­chen stammt, völ­lig kor­rekt und in vollem Umfang entlehnt wor­den ist.

Mehr bleibt eigentlich nicht zu sagen. Bis auf das Wichtig­ste, natür­lich. Sick und seine Anhänger gehen stets davon aus, dass Sinn machen nicht nur falsches Deutsch ist, son­dern dass es sich dabei auch noch um eine völ­lig über­flüs­sige Redewen­dung han­delt, da es aus­re­ichend Alter­na­tiv­en gebe:

Die deutsche Sprache bietet viele Möglichkeit­en, den vorhan­de­nen oder unvorhan­de­nen Sinn auszu­drück­en. Neben „Das ist sin­nvoll“ ist eben­so richtig: „Das ergibt einen Sinn“, „Das hat einen Sinn“, „Ich sehe einen Sinn darin“.

Aber hier haben wir es wieder ein­mal mit ein­er reinen Behaup­tung zu tun, die durch nichts belegt wird. Sehen wir uns also an, ob diese Alter­na­tiv­en tat­säch­lich syn­onym (bedeu­tungs­gle­ich) mit Das macht Sinn sind.

Dazu müssen wir uns zunächst das Wort Sinn sel­ber anse­hen, denn das ist ein stark pol­ysemes Wort, d.h., es hat viele (poly) Bedeu­tun­gen (sem, wie in Seman­tik). Das Ber­tels­mann Wörter­buch der deutschen Sprache nen­nt ins­ge­samt acht:

  1. Fähigkeit eines leben­den Wesens, mit Hil­fe bes­timmter Organe seine Umwelt wahrzunehmen“ (die fünf Sinne.)
  2. Denk­fähigkeit, Bewusst­sein“ (Der Schnaps umnebelt seine Sinne.)
  3. sex­uelles Ver­lan­gen, sex­uelles Empfind­en“ (Der Film erregte seine Sinne.)
  4. Gefühl, Ver­ständ­nis“ (für etwas keinen Sinn haben)
  5. Gedanken, Denken“ (Das musst du dir aus dem Sinn schla­gen.)
  6. Denkweise“ (ein Mann mit hohem und edlem Sinn)
  7. Bedeutung“/„innerer, geistiger Gehalt“(diese Inter­pre­ta­tion, Über­set­zung ergibt keinen Sinn; den tief­er­en Sinn von etwas erfassen; über den S. des Lebens nach­denken)
  8. Zweck, Wert“ (Das hat keinen Sinn.)

Die ersten sechs dieser Bedeu­tun­gen sind für die Redewen­dun­gen, um die es hier geht, nicht rel­e­vant (Ein Satz wie Der Film hat/ergibt/macht Sinn kann nicht „Der Film erregt seine Sinne“ bedeuten, Der Schnaps hat/ergibt/macht keinen Sinn nicht „Der Schnaps umnebelt seine Sinne“, usw.). Die Redewen­dun­gen beziehen sich nur auf die Bedeu­tungs­bere­iche, der durch die let­zten bei­den Def­i­n­i­tio­nen skizziert werden.

Dabei ist es zunächst inter­es­sant, dass das Ber­tels­mann-Wörter­buch zwei der Redewen­dun­gen, um die es geht, als Beispiel­sätze her­anzieht um diese Def­i­n­i­tio­nen zu illus­tri­eren: Sinn haben wird der Bedeu­tung „Zweck, Wert“ zuge­ord­net, Sinn ergeben der Bedeu­tung „Bedeu­tung, inner­er Gehalt“. Diese Zuord­nung deckt sich mit meinen Intu­itio­nen als deutsch­er Mut­ter­prach­ler, was die Bedeu­tung der jew­eili­gen Redewen­dung ange­ht. Wir Lin­guis­ten ziehen solche Intu­itio­nen häu­fig her­an, um einen ersten Ein­druck vom Ver­hal­ten sprach­lich­er Aus­drücke zu erhal­ten. Dabei geht es uns nicht um eine Bew­er­tung („gut/schlecht“), son­dern um die Fra­gen „Ist das ein möglich­er Satz der Sprache X?“ und/oder „Wenn das jemand sagt, was bedeutet es dann“. Dazu kon­stru­iert man gerne Min­i­mal­paare — Satz­paare, die sich nur in einem Aspekt unter­schei­den. Nehmen wir an, eine Gruppe von The­ater­fre­un­den über­legt, wie sie noch rechtzeit­ig ins The­ater kom­men. Dann kön­nten fol­gende Sätze fallen:

(1a) Es hat keinen Sinn, die U‑Bahn zu nehmen.

(1b) Es ergibt keinen Sinn, die U‑Bahn zu nehmen.

Jemand, der (1a) sagt, meint, dass die Sit­u­a­tion nicht mehr zu ret­ten ist und es zweck­los wäre, die U‑Bahn zu nehmen. Er würde vielle­icht fort­fahren „… wir kom­men trotz­dem nicht mehr rechtzeit­ig ins The­ater“. Jemand, der (1b) sagt, meint, dass es ein unver­ständlich­es Ver­hal­ten wäre, die U‑Bahn zu nehmen, und würde vielle­icht fort­fahren „… die U‑Bahn fährt doch gar nicht zum The­ater“. Der Bedeu­tung­sun­ter­schied zeigt sich noch klar­er in fol­gen­dem Minimalpaar:

(2a) *Dieser Satz hat keinen Sinn.

(2b) Dieser Satz ergibt keinen Sinn.

Der erste Satz scheint mir kein möglich­er Satz des Deutschen zu sein (so etwas kennze­ich­nen Lin­guis­ten gerne mit einem Sternchen vor dem entsprechen­den Satz), während der zweite völ­lig nor­malk­lingt. Es ist merk­würdig, über die „Zweck­losigkeit“ eines Satzes zu reden, während man seine „Bedeu­tungslosigkeit“ bzw. „Unver­ständlichkeit“ dur­chaus kom­men­tieren kann.

Diese Unter­schiede passen zu den im Ber­tels­mann getrof­fe­nen Bedeu­tungszuord­nun­gen. Wie sieht es jet­zt mit Sinn machen aus?

(1c) Es macht keinen Sinn, die U‑Bahn zu nehmen.

Satz (1c) scheint mir zu bedeuten, dass die U‑Bahn keine gut durch­dachte Lösung des Prob­lems darstellt, ohne dabei aber gle­ichzeit­ig die Hoff­nungslosigkeit von (1a) oder die Unver­ständlichkeit von (1b) auszu­drück­en. Jemand, der das sagt, würde vielle­icht fort­fahren „…zu Fuß wären wir viel schneller“.

Als Zwis­ch­en­ergeb­nis kön­nen wir also fes­thal­ten, dass die drei Redewen­dun­gen drei unter­schiedliche Bedeu­tun­gen haben: Sinn haben bedeutet so etwas wie „Zweck haben“ und Sinn ergeben so etwas wie „Bedeu­tung haben“. Das ungeliebte Sinn machen bedeutet „vernünftig/gut durch­dacht sein.“

Nun ist die mut­ter­sprach­liche Intu­ition zwar das wichtig­ste Werkzeug des Lin­guis­ten, sie ist aber auch notorisch unzu­ver­läs­sig. Sie muss deshalb möglichst mit objek­tiv­eren Mit­teln über­prüft wer­den. Ich ver­wende in mein­er Forschung dafür gerne Kor­po­ra, also große Men­gen authen­tis­ch­er geschrieben­er und gesproch­en­er Texte. Gemein­sam mit meinem Kol­le­gen Ste­fan Gries von der Uni­ver­si­ty of Cal­i­for­nia, San­ta Bar­bara, habe ich ein Ver­fahren entwick­elt, das für die vor­liegende Fragestel­lung gut geeignet ist: es ver­gle­icht zwei oder mehr sprach­liche Aus­drücke darauf hin, welche Wörter in jedem dieser Aus­drücke häu­figer oder sel­tener vorkom­men, als man es im Ver­gle­ich zu den anderen Aus­drück­en erwarten würde. Wen­det man dieses Ver­fahren auf die drei Redewen­dun­gen Sinn haben, Sinn ergeben und Sinn machen an, so erhält man fol­gende Ran­glis­ten (die Dat­en stam­men aus dem deutschsprachi­gen Internet):

RANG HABEN ERGEBEN MACHEN
1. Diskus­sion Satz Ganze
2. Beziehung Bew­er­tung Teil­verkauf
3. Thread Rest Kom­bi­na­tion
4. Sache Name Aktion
5. Tod Sto­ry Zer­schla­gung
6. Seite Wort Fusion
7. Idee Nadel­stich Umschu­lung
8. Schule Pro­gramm Ver­rech­nung
9. Geschichte Code Krisen­szenario
10. Ding Astrolo­gie Baum­struk­tur
11. Lied Text Off­shoring
12. Film Ganze Herb­stpflanzung
13. Uni­ver­sum Botschaft Altersvor­sorge
14. Ende Antwort Annahme
15. Teil Aus­sage Pkw-Maut
16. Titel Wagen Ver­bot
17. Evo­lu­tion Auf­forderung Kan­tone
18. Abend Uhr Gege­nen­twurf
19. Sig­natur Beispiel Regelung
20. Strafe Zuord­nung Vor­bere­itung

Die Dat­en bestäti­gen im Großen und Ganzen die Bedeu­tungszuord­nun­gen, die ich auf der Grund­lage der mut­ter­sprach­lichen Intu­ition getrof­fen habe.

Sinn haben bezieht sich am häu­fig­sten auf Dinge, die zu einem bes­timmten Ziel führen sollen oder bei denen man sich über die möglichen Gründe ihrer Exis­tenz wun­dern kann: Diskus­sion, Beziehung, Thread, Tod, Schule, Geschichte, Uni­ver­sum, Evo­lu­tion und Strafe. Hier ist es plau­si­bel, den Zweck zu hin­ter­fra­gen oder zu verneinen.

Sinn ergeben wird häu­fig auf Ele­mente der Sprache (oder sprachähn­lich­er Sys­teme) angewen­det: Satz, Bew­er­tung, Name, Sto­ry, Wort, Pro­gramm, Code, Text, Botschaft, Antwort, Aus­sage, Auf­forderung, Beispiel. Hier ist es plau­si­bel, nach der Bedeu­tung zu fra­gen oder diese zu verneinen oder zu kommentieren.

Sinn machen find­et man am häu­fig­sten mit Aktiv­itäten, denen Entschei­dung­sprozesse voraus­ge­hen und zu denen es nor­maler­weise Alter­na­tiv­en gäbe: Teil­verkauf, Kom­bi­na­tion, Aktion, Zer­schla­gung, Fusion, Umschu­lung, Ver­rech­nung, Off­shoring, Herb­stpflanzung, Altersvor­sorge, Annahme, Pkw-Maut, Ver­bot, Gege­nen­twurf, Regelung und Vor­bere­itung. Hier ist es plau­si­bel, zu fra­gen, ob diese Aktiv­itäten gut durch­dacht sind bzw. die jew­eils beste Alter­na­tive darstellen.

Für alle drei Redewen­dun­gen bleiben natür­lich eine Rei­he von Wörtern, die nicht gle­ich auf den ersten Blick in das jew­eilige Schema passen oder die zunächst so ausse­hen, als soll­ten sie bei ein­er der anderen Redewen­dun­gen ste­hen (Idee, Lied, Film und Titel wären z.B. eher bei Sinn ergeben als bei Sinn haben zu erwarten). Das liegt natür­lich zum einen daran, dass sich die genaue Bedeu­tung dieser Wörter im Zusam­men­hang eventuell anders darstellt, zum anderen hat es ver­mut­lich etwas damit zu tun, dass es bei deutschen Mut­ter­sprach­lern eine gewisse Unsicher­heit bezüglich der Ver­wen­dung der drei Redewen­dun­gen gibt, die durch sprach­puris­tis­che Ver­bote noch ver­stärkt wird.

Bleibt noch die Redewen­dung sin­nvoll sein. Sehen wir uns noch ein Min­i­mal­paar an:

(3a) Es macht keinen Sinn, die U‑Bahn zu nehmen.

(3b) Es ist nicht sin­nvoll, die U‑Bahn zu nehmen.

Die bei­den Sätze sind seman­tisch nah beieinan­der, aber es scheint mir doch einen Unter­schied zu geben: (3a) klingt für mich wie eine per­sön­liche Mei­n­ungsäußerung, während (3b) so klingt, als sei es eine unum­stößliche Wahrheit (siehe hierzu auch Eriks Kom­men­tar zum ersten Beitrag in dieser Rei­he). Während auf (3a) also, wie oben gesagt, etwas fol­gen kön­nte, wie „… zu Fuß wären wir viel schneller“, würde man bei (3b) eher so etwas erwarten, wie „… das weiß doch jed­er“. Um diese Intu­ition zu über­prüfen, kön­nten wir zum Beispiel in einem Kor­pus danach suchen, wie häu­fig der jew­eili­gen Redewen­dung die Phrase Ich finde… vor­angestellt wird, die ja auf eine per­sön­liche Mei­n­ung hin­deutet. Die Häu­figkeit­en bestäti­gen die Intu­ition: bei Sinn machen find­et sich die Phrase bei 174 von 1 Mil­lion Tre­f­fern, bei sin­nvoll sein nur bei 75 von 1 Million.

Zusam­men­fassend kön­nen wir also fest­stellen, dass die Redewen­dung Sinn machen ihre eigene Funk­tion erfüllt, die durch die vorgeschla­ge­nen Alter­na­tiv­en keineswegs abgedeckt wird. Das sollte uns auch nicht weit­er wun­dern: anders, als die Sprach­puris­ten annehmen, ver­hal­ten die Sprech­er ein­er Sprache sich sel­ten sinn­los irra­tional oder bewusst schlampig. Sie schaf­fen keine über­flüs­si­gen Alter­na­tiv­en zu beste­hen­den Aus­drück­en, wed­er mit sprach­in­ter­nen Mit­teln, noch durch Entlehnung. Sie ver­wen­den aber dur­chaus bei­de Strate­gien, um den vorhan­de­nen Aus­druck­sre­ich­tum weit­er auszudifferenzieren.

Sie kön­nen die Redewen­dung Sinn machen in Zukun­ft natür­lich mei­den. Aber das hat keinen Sinn (der Aus­druck wird sich unge­hin­dert weit­er durch­set­zen), es ergibt keinen Sinn (es fehlt jede ratio­nale Begrün­dung, den Aus­druck zu ver­teufeln), und es macht auch keinen Sinn (es han­delt sich näm­lich um eine wertvolle Ergänzung der deutschen Sprache).

Die ganze Serie

Sin­nes­freuden: Erster Teil

Sin­nes­freuden: Zweit­er Teil

Sin­nes­freuden: Drit­ter Teil

Sin­nes­freuden: Viert­er Teil

Sin­nes­freuden: Fün­fter Teil

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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

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