In den letzten vier Wochen haben wir uns mit verschiedenen Aspekten der Redewendung Sinn machen beschäftigt. Wir haben gezeigt, dass sie älter ist, als gemeinhin angenommen und dass sich vermutlich nicht von Journalisten und Politikern, sondern von Philosophen und Literaten in die Sprache eingeführt worden ist. Wir haben gezeigt, dass weder aus syntaktischer, noch aus semantischer Sicht irgendetwas gegen die Intergration dieser Redewendung in die deutsche Sprache spricht. Und wir haben gesehen, dass sie, wenn sie denn tatsächlich aus dem Englischen stammt, völlig korrekt und in vollem Umfang entlehnt worden ist.
Mehr bleibt eigentlich nicht zu sagen. Bis auf das Wichtigste, natürlich. Sick und seine Anhänger gehen stets davon aus, dass Sinn machen nicht nur falsches Deutsch ist, sondern dass es sich dabei auch noch um eine völlig überflüssige Redewendung handelt, da es ausreichend Alternativen gebe:
Die deutsche Sprache bietet viele Möglichkeiten, den vorhandenen oder unvorhandenen Sinn auszudrücken. Neben „Das ist sinnvoll“ ist ebenso richtig: „Das ergibt einen Sinn“, „Das hat einen Sinn“, „Ich sehe einen Sinn darin“.
Aber hier haben wir es wieder einmal mit einer reinen Behauptung zu tun, die durch nichts belegt wird. Sehen wir uns also an, ob diese Alternativen tatsächlich synonym (bedeutungsgleich) mit Das macht Sinn sind.
Dazu müssen wir uns zunächst das Wort Sinn selber ansehen, denn das ist ein stark polysemes Wort, d.h., es hat viele (poly) Bedeutungen (sem, wie in Semantik). Das Bertelsmann Wörterbuch der deutschen Sprache nennt insgesamt acht:
- „Fähigkeit eines lebenden Wesens, mit Hilfe bestimmter Organe seine Umwelt wahrzunehmen“ (die fünf Sinne.)
- „Denkfähigkeit, Bewusstsein“ (Der Schnaps umnebelt seine Sinne.)
- „sexuelles Verlangen, sexuelles Empfinden“ (Der Film erregte seine Sinne.)
- „Gefühl, Verständnis“ (für etwas keinen Sinn haben)
- „Gedanken, Denken“ (Das musst du dir aus dem Sinn schlagen.)
- „Denkweise“ (ein Mann mit hohem und edlem Sinn)
- „Bedeutung“/„innerer, geistiger Gehalt“(diese Interpretation, Übersetzung ergibt keinen Sinn; den tieferen Sinn von etwas erfassen; über den S. des Lebens nachdenken)
- „Zweck, Wert“ (Das hat keinen Sinn.)
Die ersten sechs dieser Bedeutungen sind für die Redewendungen, um die es hier geht, nicht relevant (Ein Satz wie Der Film hat/ergibt/macht Sinn kann nicht „Der Film erregt seine Sinne“ bedeuten, Der Schnaps hat/ergibt/macht keinen Sinn nicht „Der Schnaps umnebelt seine Sinne“, usw.). Die Redewendungen beziehen sich nur auf die Bedeutungsbereiche, der durch die letzten beiden Definitionen skizziert werden.
Dabei ist es zunächst interessant, dass das Bertelsmann-Wörterbuch zwei der Redewendungen, um die es geht, als Beispielsätze heranzieht um diese Definitionen zu illustrieren: Sinn haben wird der Bedeutung „Zweck, Wert“ zugeordnet, Sinn ergeben der Bedeutung „Bedeutung, innerer Gehalt“. Diese Zuordnung deckt sich mit meinen Intuitionen als deutscher Mutterprachler, was die Bedeutung der jeweiligen Redewendung angeht. Wir Linguisten ziehen solche Intuitionen häufig heran, um einen ersten Eindruck vom Verhalten sprachlicher Ausdrücke zu erhalten. Dabei geht es uns nicht um eine Bewertung („gut/schlecht“), sondern um die Fragen „Ist das ein möglicher Satz der Sprache X?“ und/oder „Wenn das jemand sagt, was bedeutet es dann“. Dazu konstruiert man gerne Minimalpaare — Satzpaare, die sich nur in einem Aspekt unterscheiden. Nehmen wir an, eine Gruppe von Theaterfreunden überlegt, wie sie noch rechtzeitig ins Theater kommen. Dann könnten folgende Sätze fallen:
(1a) Es hat keinen Sinn, die U‑Bahn zu nehmen.
(1b) Es ergibt keinen Sinn, die U‑Bahn zu nehmen.
Jemand, der (1a) sagt, meint, dass die Situation nicht mehr zu retten ist und es zwecklos wäre, die U‑Bahn zu nehmen. Er würde vielleicht fortfahren „… wir kommen trotzdem nicht mehr rechtzeitig ins Theater“. Jemand, der (1b) sagt, meint, dass es ein unverständliches Verhalten wäre, die U‑Bahn zu nehmen, und würde vielleicht fortfahren „… die U‑Bahn fährt doch gar nicht zum Theater“. Der Bedeutungsunterschied zeigt sich noch klarer in folgendem Minimalpaar:
(2a) *Dieser Satz hat keinen Sinn.
(2b) Dieser Satz ergibt keinen Sinn.
Der erste Satz scheint mir kein möglicher Satz des Deutschen zu sein (so etwas kennzeichnen Linguisten gerne mit einem Sternchen vor dem entsprechenden Satz), während der zweite völlig normalklingt. Es ist merkwürdig, über die „Zwecklosigkeit“ eines Satzes zu reden, während man seine „Bedeutungslosigkeit“ bzw. „Unverständlichkeit“ durchaus kommentieren kann.
Diese Unterschiede passen zu den im Bertelsmann getroffenen Bedeutungszuordnungen. Wie sieht es jetzt mit Sinn machen aus?
(1c) Es macht keinen Sinn, die U‑Bahn zu nehmen.
Satz (1c) scheint mir zu bedeuten, dass die U‑Bahn keine gut durchdachte Lösung des Problems darstellt, ohne dabei aber gleichzeitig die Hoffnungslosigkeit von (1a) oder die Unverständlichkeit von (1b) auszudrücken. Jemand, der das sagt, würde vielleicht fortfahren „…zu Fuß wären wir viel schneller“.
Als Zwischenergebnis können wir also festhalten, dass die drei Redewendungen drei unterschiedliche Bedeutungen haben: Sinn haben bedeutet so etwas wie „Zweck haben“ und Sinn ergeben so etwas wie „Bedeutung haben“. Das ungeliebte Sinn machen bedeutet „vernünftig/gut durchdacht sein.“
Nun ist die muttersprachliche Intuition zwar das wichtigste Werkzeug des Linguisten, sie ist aber auch notorisch unzuverlässig. Sie muss deshalb möglichst mit objektiveren Mitteln überprüft werden. Ich verwende in meiner Forschung dafür gerne Korpora, also große Mengen authentischer geschriebener und gesprochener Texte. Gemeinsam mit meinem Kollegen Stefan Gries von der University of California, Santa Barbara, habe ich ein Verfahren entwickelt, das für die vorliegende Fragestellung gut geeignet ist: es vergleicht zwei oder mehr sprachliche Ausdrücke darauf hin, welche Wörter in jedem dieser Ausdrücke häufiger oder seltener vorkommen, als man es im Vergleich zu den anderen Ausdrücken erwarten würde. Wendet man dieses Verfahren auf die drei Redewendungen Sinn haben, Sinn ergeben und Sinn machen an, so erhält man folgende Ranglisten (die Daten stammen aus dem deutschsprachigen Internet):
| RANG | HABEN | ERGEBEN | MACHEN |
| 1. | Diskussion | Satz | Ganze |
| 2. | Beziehung | Bewertung | Teilverkauf |
| 3. | Thread | Rest | Kombination |
| 4. | Sache | Name | Aktion |
| 5. | Tod | Story | Zerschlagung |
| 6. | Seite | Wort | Fusion |
| 7. | Idee | Nadelstich | Umschulung |
| 8. | Schule | Programm | Verrechnung |
| 9. | Geschichte | Code | Krisenszenario |
| 10. | Ding | Astrologie | Baumstruktur |
| 11. | Lied | Text | Offshoring |
| 12. | Film | Ganze | Herbstpflanzung |
| 13. | Universum | Botschaft | Altersvorsorge |
| 14. | Ende | Antwort | Annahme |
| 15. | Teil | Aussage | Pkw-Maut |
| 16. | Titel | Wagen | Verbot |
| 17. | Evolution | Aufforderung | Kantone |
| 18. | Abend | Uhr | Gegenentwurf |
| 19. | Signatur | Beispiel | Regelung |
| 20. | Strafe | Zuordnung | Vorbereitung |
Die Daten bestätigen im Großen und Ganzen die Bedeutungszuordnungen, die ich auf der Grundlage der muttersprachlichen Intuition getroffen habe.
Sinn haben bezieht sich am häufigsten auf Dinge, die zu einem bestimmten Ziel führen sollen oder bei denen man sich über die möglichen Gründe ihrer Existenz wundern kann: Diskussion, Beziehung, Thread, Tod, Schule, Geschichte, Universum, Evolution und Strafe. Hier ist es plausibel, den Zweck zu hinterfragen oder zu verneinen.
Sinn ergeben wird häufig auf Elemente der Sprache (oder sprachähnlicher Systeme) angewendet: Satz, Bewertung, Name, Story, Wort, Programm, Code, Text, Botschaft, Antwort, Aussage, Aufforderung, Beispiel. Hier ist es plausibel, nach der Bedeutung zu fragen oder diese zu verneinen oder zu kommentieren.
Sinn machen findet man am häufigsten mit Aktivitäten, denen Entscheidungsprozesse vorausgehen und zu denen es normalerweise Alternativen gäbe: Teilverkauf, Kombination, Aktion, Zerschlagung, Fusion, Umschulung, Verrechnung, Offshoring, Herbstpflanzung, Altersvorsorge, Annahme, Pkw-Maut, Verbot, Gegenentwurf, Regelung und Vorbereitung. Hier ist es plausibel, zu fragen, ob diese Aktivitäten gut durchdacht sind bzw. die jeweils beste Alternative darstellen.
Für alle drei Redewendungen bleiben natürlich eine Reihe von Wörtern, die nicht gleich auf den ersten Blick in das jeweilige Schema passen oder die zunächst so aussehen, als sollten sie bei einer der anderen Redewendungen stehen (Idee, Lied, Film und Titel wären z.B. eher bei Sinn ergeben als bei Sinn haben zu erwarten). Das liegt natürlich zum einen daran, dass sich die genaue Bedeutung dieser Wörter im Zusammenhang eventuell anders darstellt, zum anderen hat es vermutlich etwas damit zu tun, dass es bei deutschen Muttersprachlern eine gewisse Unsicherheit bezüglich der Verwendung der drei Redewendungen gibt, die durch sprachpuristische Verbote noch verstärkt wird.
Bleibt noch die Redewendung sinnvoll sein. Sehen wir uns noch ein Minimalpaar an:
(3a) Es macht keinen Sinn, die U‑Bahn zu nehmen.
(3b) Es ist nicht sinnvoll, die U‑Bahn zu nehmen.
Die beiden Sätze sind semantisch nah beieinander, aber es scheint mir doch einen Unterschied zu geben: (3a) klingt für mich wie eine persönliche Meinungsäußerung, während (3b) so klingt, als sei es eine unumstößliche Wahrheit (siehe hierzu auch Eriks Kommentar zum ersten Beitrag in dieser Reihe). Während auf (3a) also, wie oben gesagt, etwas folgen könnte, wie „… zu Fuß wären wir viel schneller“, würde man bei (3b) eher so etwas erwarten, wie „… das weiß doch jeder“. Um diese Intuition zu überprüfen, könnten wir zum Beispiel in einem Korpus danach suchen, wie häufig der jeweiligen Redewendung die Phrase Ich finde… vorangestellt wird, die ja auf eine persönliche Meinung hindeutet. Die Häufigkeiten bestätigen die Intuition: bei Sinn machen findet sich die Phrase bei 174 von 1 Million Treffern, bei sinnvoll sein nur bei 75 von 1 Million.
Zusammenfassend können wir also feststellen, dass die Redewendung Sinn machen ihre eigene Funktion erfüllt, die durch die vorgeschlagenen Alternativen keineswegs abgedeckt wird. Das sollte uns auch nicht weiter wundern: anders, als die Sprachpuristen annehmen, verhalten die Sprecher einer Sprache sich selten sinnlos irrational oder bewusst schlampig. Sie schaffen keine überflüssigen Alternativen zu bestehenden Ausdrücken, weder mit sprachinternen Mitteln, noch durch Entlehnung. Sie verwenden aber durchaus beide Strategien, um den vorhandenen Ausdrucksreichtum weiter auszudifferenzieren.
Sie können die Redewendung Sinn machen in Zukunft natürlich meiden. Aber das hat keinen Sinn (der Ausdruck wird sich ungehindert weiter durchsetzen), es ergibt keinen Sinn (es fehlt jede rationale Begründung, den Ausdruck zu verteufeln), und es macht auch keinen Sinn (es handelt sich nämlich um eine wertvolle Ergänzung der deutschen Sprache).
Die ganze Serie
Sinnesfreuden: Zweiter Teil
Sinnesfreuden: Dritter Teil

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