Bei der deutschen Debatte über geschlechtergerechte Sprache geht es oft um eine bestimmte Wortbildungsendung: das -in. Es ist ein sogenanntes »Movierungssuffix«, das aus einer Männer- eine Frauenbezeichnung macht: Ministerin, Wirtin, Klempnerin. Die männliche Form bildet also das Grundmaterial, das durch einen Zusatz angepasst wird.
Das ist aber nicht die einzige formale Beziehung, in der Formen für Männer und Frauen in einer Sprache zueinander stehen können! In der deutschen Sprachgeschichte gab es auch ein Muster, das keine der beiden Formen als Voraussetzung für die andere nutzte. Wie das aussah, wohin es verschwunden ist, wie man sonst noch Bezeichnungen für handelnde Personen bilden konnte und was dem -in so wiederfahren ist, will ich heute ein wenig beleuchten.
[Dieser Beitrag besteht wieder aus Material, das in mein bald erscheinendes Buch nicht mehr hineingepasst hat.]
Das frühere, symmetrische Muster, das wir noch zu althochdeutscher Zeit (500‑1050 n. Chr.) finden, verfügte über eine Endung pro Geschlecht: Mit dem Brotbacken waren der becko ‚Bäcker‘ und die becka ‚Bäckerin‘ beschäftigt.
Das ist ein gemeinsames indogermanisches Muster, findet sich also in der Ursprache, auf die sich Deutsch, Englisch, aber auch Latein, Französisch, Russisch oder Sanskrit zurückführen lassen. Beobachten kann man es zum Beispiel im Lateinischen, wo der domina ‚Hausherrin‘ ein dominus ‚Hausherr‘ gegenübersteht: Beide nutzen dieselbe Basis (domin-) und versehen sie mit einer eigenen Endung (-a oder -us). Das hat sich auch in einigen Nachfolgesprachen des Lateinischen gehalten: Eine spanische Bäckerin ist eine panadera, zu Männern sagt man panadero.
Im Deutschen kam dieser schönen Symmetrie eine ärgerliche Lautentwicklung in die Quere: Die Nebensilbenabschwächung. Sie setzte in spätalthochdeutscher Zeit ein und sorgte dafür, dass schrittweise alle Vokale in unbetonten Silben zu einem e (wie in lesen) vereinheitlicht wurden.
Das A und O
Damit steckte in allen Endungen — da sie ja unbetont waren — nur noch einen einziger Vokal, viele von ihnen hörten sich nun gleich an. Betroffen waren auch unser -o und -a. Die becka wurde, wie der becko, im Mittelhochdeutschen zu becke. Damit waren die beiden, zumindest wenn sie alleine vorkamen, ununterscheidbar – die begleitenden Wortarten konnten aber noch Hilfestellung leisten (ein becke, eine becke). Im Familiennamen Beck steckt das alte Wort noch, im Standard backen heute dagegen der Bäcker und die Bäckerin – dazu gleich mehr.
Einige wenige Bildungen, die ehemals auf -o oder -a endeten, finden sich noch heute im Wortschatz: Der Bote war einst ein boto, also einer, der etwas gebot, der Erbe (ahd. erbo) einer, der etwas erbte. Heute bezeichnen beide ausschließlich Männer, obwohl die Formen ja auch auf bota und erba zurückgehen können. Ebenfalls überlebt hat die Witwe, die mal eine wituwa war – hier hat sich die weibliche Form gehalten, dazu habe ich bereits einmal etwas geschrieben. Die zusammengfallenen Formen hätten in all diesen Fällen auch — und das kam eine Weile lang tatsächlich vor — geschlechtsneutral sein bzw. nur durch begleitende Wortarten festgelegt werden können. Schließlich setzte sich aber der Bezug auf ein Geschlecht fest, i.d.R. die männliche, wobei die Witwe die weibliche Ausnahme bildet.
Arius und Ara
Wörter für Menschen, die etwas Bestimmtes tun, nennt man fachsprachlich Nomina agentis, also ‚handelnde Substantive‘. Heute sind sie meist von einem Verb abgeleitet, das die entsprechende Handlung bezeichnet: Ein Lehrer lehrt, eine Taucherin taucht, ein Bäcker bäckt. Oder sie stammen von typischerweise mit einer Handlung verbundenen Substantiven: Eine Zöllnerin treibt Zoll ein, ein Tischler stellt Tische her, eine Gewerkschafterin ist in einer Gewerkschaft organisiert.
Die heutigen Nomina agentis werden auf -er oder eine daraus entstandene Variante (-ler, -ner) abgeleitet. Dieses Ableitungssuffix ist nur der kümmerliche Rest einer einstmals klangvollen Endung lateinischer Herkunft — sehen wir uns mal ein Beispiel dafür an: Aus dem lateinischen Lehnwort monētārius wurde im Althochdeutschen ein muniʒʒari, im Mittelhochdeutsche sprach man ihn als münzære und heute als Münzer aus. Die Bildung basiert auf lateinisch monēta ‚Geld, Münze, Münzstätte‘.
Die Endung -ārius nutze man im Lateinischen um Zugehörigkeitsadjektive zu bilden, also monētārius ‚zur Moneta gehörig‘. Verwendete man es als Substantiv, so bedeutete es damit ‚zur Moneta Gehöriger‘. Nun hatte man von diesen Bildungen massenweisen in die germanischen Sprachen übernommen und prompt auch entdeckt, dass ihnen allen das -ārius gemein war. In den Köpfen der SprecherInnen verband es sich mit Personen, und so begann man dann in den germanischen Sprachen selbst neue Substantive damit zu basteln, die einen handelnden Menschen bezeichneten. Daneben gab es auch hier eine weibliche Form auf -a: Die althochdeutsche fiurara war eine Köchin (darin steckt fiur ‚Feuer‘), die folgarâ eine Art Dienerin (sie folgte). Und auch hier ist die weibliche Form später, als beide Endungen zu -ere und dann -er zusammenfielen, verschwunden. (Im Englischen z.B. ist das ganz anders gelaufen.)
Bieter, Bote und Büttel
Bevor wir uns anschauen, wie neue Formen für Frauenbezeichnungen geschaffen wurden, gibt es aber noch einen kleinen Exkurs: Neben dem Boten und der Witwe nutzte man im Althochdeutschen auch Bildungen vom Typ Büttel, Krüppel, Schlingel und Lümmel. Der Büttel lautete damals butil, er ließ sich in die Bestandteile but- und -il zerlegen. Das -il markiert unseren »Täter«, das but- geht auf eine Form des Verbs bieten zurück. Ein Büttel war damit einer, der etwas gebot oder kundtat, genauer: ein Gerichtsdiener oder Bote des Königs. Im Mittelhochdeutschen benutzte man den bütel dann ganz allgemein für einen Boten oder Diener ohne Berücksichtigung seines Standes und heute wird das Wort nur noch abwertend gebraucht – wie in diesem Zeitungstext:
Und weil die meisten Wissenschaftler anderer Meinung sind, werden sie kurzerhand zu Bütteln der Industrie erklärt.
(Via DWDS, Die Zeit, 19.05.2009.)
Das Wort Krüppel stammt vom Verb kriupan ‚kriechen‘ und auch die beiden Taugenichtse gehen auf Bewegungs- oder Zustandsverben zurück: Der Schlingel gehört zum Verb schlingen ‚schleichen, kriechen‘ und der Lümmel zu lummen ‚schlaff sein, herunterhängen‘.
Warum das -il verschwand, lässt sich nicht so recht sagen – vielleicht, weil es insgesamt sehr uneindeutig war: Neben Personen konnte es nämlich auch Geräte (Schlegel zu schlagen, Deckelzu decken, Henkel zu henken, Hebel zu heben und unzählige mehr) bezeichnen und Verkleinerungsformen bilden (Mädel zu Magd, Krümel zu Krume, Büschel zu Busch, Bündel zu Bund).
Im Althochdeutschen gab es also drei verschiedene Möglichkeiten zur Schaffung von Nomina agentis, die in Konkurrenz miteinander standen: -o/a, -il und -ari/-ara. Belegt sind zum Beispiel drei Träger: der trago, der tregil und der tragari. Überlebt hat nur das -ari als -er.
Frauen in den Nominativ!
Unserer symmetrischer Ausdruck des Geschlechts vom Anfang hatte also ab dem Spätalthochdeutschen keine Chance mehr: Die Unterscheidung löste sich durch die Nebensilbenabschwächung auf. Dabei setzte sich für die allermeisten Formen die männliche Lesart durch — und für Frauen verlegte man sich auf -in. Das Suffix gab es schon im Germanischen, wo es -injo lautete, im Althochdeutschen findet es sich dann als -inna oder -in.
Nachdem andere Möglichkeiten zur Bezeichnung von Frauen verschwunden waren, musste sich -in ganz besonders anstrengen. Es war nämlich auch von der Nebensilbenabschwächung bedroht: Aus der althochdeutschen kuningin hätte nach allen Regeln der Kunst eine mittelhochdeutsche künigen werden müssen: Die Endung hätte deutlich an Erkennbarkeit verloren. Das sieht man schön in der folgenden Abbildung (stammt aus meiner Magisterarbeit):
Man sieht hier, dass die unbetonten Silben im Wortinneren noch größeren Erfolg hatten, ihren Vollvokal zu bewahren: Während aus diu kuningin im Mittelhochdeutschen die künigen wurde, behielten die anderen Kasus das i der Endung bei: küniginne. Nur das auslautende a oder u wurde abgeschwächt. Bis dahin alles ganz normaler Lautwandel — doch dann setzte sich eine andere sprachliche Ebene durch:
Der Nominativ verwandelte sich einfach so von künigen in küniginne (grün). Einen solchen Prozess nennt man »analogischen Ausgleich«: Eine Wortform, die sich lautlich von den übrigen wegentwickelt hat, kehrt zurück in den Schoß der Familie. Die künigen nimmt sich einfach den Genitiv, Dativ und Akkusativ zum Vorbild und hängt sich widerrechtlich ein -inne an. Später verloren alle Formen, damit hatte es nun auch lautlich wieder seine Richtigkeit, das e am Schluss, womit wir bei der heutigen Endung -in angekommen sind. Sie macht aus dem Boten eine Botin, aus dem Erben eine Erbin und aus allen er-Formen -erinnen: Helferin, Leserin, Leiterin.
Wie war das also mit den Personenbezeichnungen? Früher ließ sich einfach anhand eines Vokals zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Das wurde durch die Abschwächung unmöglich, die ehemals so symmetrischen Formen schlugen sich größtenteils auf die Männerseite. Um weiterhin Frauen bezeichnen zu können, rekrutierte man nun die Endung -in, die schon seit einer Weile im Deutschen unterwegs war — aber jetzt lastete die Unterscheidung fast ausschließlich auf ihr. Bevor sie darunter zusammenbrach, wurde sie im Mittelhochdeutschen lautlich ein wenig verstärkt und leistet uns seither in der heutigen Form treue Dienste.
Quellen:
Henzen, Walter (31965): Deutsche Wortbildung. Tübingen: Niemeyer.
Kluge, Friedrich & Elmar Seebold (Hgg.) (252011): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. [Elektronische Ressource]. Berlin: de Gruyter.
Kunze, Konrad (52004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor– und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. München: dtv.
Nübling, Damaris et al. (42013): Historische Sprachwissenschaft des Deutschen. Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels. Tübingen: Narr.
Pfeifer, Wolfgang (1993): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. [Ergänzte Online-Version].

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