Vom Beck und der Bäckerin

Von Kristin Kopf

Bei der deutschen Debat­te über geschlechterg­erechte Sprache geht es oft um eine bes­timmte Wort­bil­dungsendung: das -in. Es ist ein soge­nan­ntes »Movierungssuf­fix«, das aus ein­er Män­ner- eine Frauen­beze­ich­nung macht: Min­is­terin, Wirtin, Klemp­ner­in. Die männliche Form bildet also das Grund­ma­te­r­i­al, das durch einen Zusatz angepasst wird.

Das ist aber nicht die einzige for­male Beziehung, in der For­men für Män­ner und Frauen in ein­er Sprache zueinan­der ste­hen kön­nen! In der deutschen Sprachgeschichte gab es auch ein Muster, das keine der bei­den For­men als Voraus­set­zung für die andere nutzte. Wie das aus­sah, wohin es ver­schwun­den ist, wie man son­st noch Beze­ich­nun­gen für han­del­nde Per­so­n­en bilden kon­nte und was dem -in so wieder­fahren ist, will ich heute ein wenig beleuchten.

[Dieser Beitrag beste­ht wieder aus Mate­r­i­al, das in mein bald erscheinen­des Buch nicht mehr hineingepasst hat.]

Das frühere, sym­metrische Muster, das wir noch zu althochdeutsch­er Zeit (500‑1050 n. Chr.) find­en, ver­fügte über eine Endung pro Geschlecht: Mit dem Brot­back­en waren der becko ‚Bäck­er‘ und die becka ‚Bäck­erin‘ beschäftigt.

Das ist ein gemein­sames indoger­man­is­ches Muster, find­et sich also in der Ursprache, auf die sich Deutsch, Englisch, aber auch Latein, Franzö­sisch, Rus­sisch oder San­skrit zurück­führen lassen. Beobacht­en kann man es zum Beispiel im Lateinis­chen, wo der domina ‚Haush­er­rin‘ ein dominus ‚Haush­err‘ gegenüber­ste­ht: Bei­de nutzen dieselbe Basis (domin-) und verse­hen sie mit ein­er eige­nen Endung (-a oder -us). Das hat sich auch in eini­gen Nach­folge­sprachen des Lateinis­chen gehal­ten: Eine spanis­che Bäck­erin ist eine panad­era, zu Män­nern sagt man panad­ero.

Im Deutschen kam dieser schö­nen Sym­me­trie eine ärg­er­liche Lau­t­en­twick­lung in die Quere: Die Neben­sil­ben­ab­schwächung. Sie set­zte in spä­talthochdeutsch­er Zeit ein und sorgte dafür, dass schrit­tweise alle Vokale in unbe­ton­ten Sil­ben zu einem e (wie in lesen) vere­in­heitlicht wurden.

Das A und O

Damit steck­te in allen Endun­gen — da sie ja unbe­tont waren — nur noch einen einziger Vokal, viele von ihnen hörten sich nun gle­ich an. Betrof­fen waren auch unser -o und -a. Die bec­ka wurde, wie der becko, im Mit­tel­hochdeutschen zu becke. Damit waren die bei­den, zumin­d­est wenn sie alleine vorka­men, unun­ter­schei­d­bar – die beglei­t­en­den Wor­tarten kon­nten aber noch Hil­festel­lung leis­ten (ein becke, eine becke). Im Fam­i­li­en­na­men Beck steckt das alte Wort noch, im Stan­dard back­en heute dage­gen der Bäck­er und die Bäck­erin – dazu gle­ich mehr.

Einige wenige Bil­dun­gen, die ehe­mals auf -o oder -a ende­ten, find­en sich noch heute im Wortschatz: Der Bote war einst ein boto, also ein­er, der etwas gebot, der Erbe (ahd. erbo) ein­er, der etwas erbte. Heute beze­ich­nen bei­de auss­chließlich Män­ner, obwohl die For­men ja auch auf bota und erba zurück­ge­hen kön­nen. Eben­falls über­lebt hat die Witwe, die mal eine wituwa war – hier hat sich die weib­liche Form gehal­ten, dazu habe ich bere­its ein­mal etwas geschrieben. Die zusam­meng­fal­l­enen For­men hät­ten in all diesen Fällen auch — und das kam eine Weile lang tat­säch­lich vor — geschlecht­sneu­tral sein bzw. nur durch beglei­t­ende Wor­tarten fest­gelegt wer­den kön­nen. Schließlich set­zte sich aber der Bezug auf ein Geschlecht fest, i.d.R. die männliche, wobei die Witwe die weib­liche Aus­nahme bildet.

Arius und Ara

Wörter für Men­schen, die etwas Bes­timmtes tun, nen­nt man fach­sprach­lich Nom­i­na agen­tis, also ‚han­del­nde Sub­stan­tive‘. Heute sind sie meist von einem Verb abgeleit­et, das die entsprechende Hand­lung beze­ich­net: Ein Lehrer lehrt, eine Taucherin taucht, ein Bäcker bäckt. Oder sie stam­men von typ­is­cher­weise mit ein­er Hand­lung ver­bun­de­nen Sub­stan­tiv­en: Eine Zöllner­in treibt Zoll ein, ein Tischler stellt Tis­che her, eine Gew­erkschafterin ist in ein­er Gew­erkschaft organisiert.

Die heuti­gen Nom­i­na agen­tis wer­den auf -er oder eine daraus ent­standene Vari­ante (-ler, -ner) abgeleit­et. Dieses Ableitungssuf­fix ist nur der küm­mer­liche Rest ein­er ein­st­mals klangvollen Endung lateinis­ch­er Herkun­ft — sehen wir uns mal ein Beispiel dafür an: Aus dem lateinis­chen Lehn­wort monētārius wurde im Althochdeutschen ein muniʒʒari, im Mit­tel­hochdeutsche sprach man ihn als münzære und heute als Münzer aus. Die Bil­dung basiert auf lateinisch monē­ta ‚Geld, Münze, Münzstätte‘.

Die Endung -ārius nutze man im Lateinis­chen um Zuge­hörigkeit­sad­jek­tive zu bilden, also monētārius ‚zur Mon­e­ta gehörig‘. Ver­wen­dete man es als Sub­stan­tiv, so bedeutete es damit ‚zur Mon­e­ta Gehöriger‘. Nun hat­te man von diesen Bil­dun­gen massen­weisen in die ger­man­is­chen Sprachen über­nom­men und prompt auch ent­deckt, dass ihnen allen das -ārius gemein war. In den Köpfen der SprecherIn­nen ver­band es sich mit Per­so­n­en, und so begann man dann in den ger­man­is­chen Sprachen selb­st neue Sub­stan­tive damit zu basteln, die einen han­del­nden Men­schen beze­ich­neten. Daneben gab es auch hier eine weib­liche Form auf -a: Die althochdeutsche fiu­rara war eine Köchin (darin steckt fiur ‚Feuer‘), die fol­garâ eine Art Diener­in (sie fol­gte). Und auch hier ist die weib­liche Form später, als bei­de Endun­gen zu -ere und dann -er zusam­men­fie­len, ver­schwun­den. (Im Englis­chen z.B. ist das ganz anders gelaufen.)

Bieter, Bote und Büttel

Bevor wir uns anschauen, wie neue For­men für Frauen­beze­ich­nun­gen geschaf­fen wur­den, gibt es aber noch einen kleinen Exkurs: Neben dem Boten und der Witwe nutzte man im Althochdeutschen auch Bil­dun­gen vom Typ Büt­tel, Krüp­pel, Schlin­gel und Lüm­mel. Der Büt­tel lautete damals butil, er ließ sich in die Bestandteile but- und -il zer­legen. Das -il markiert unseren »Täter«, das but- geht auf eine Form des Verbs bieten zurück. Ein Büt­tel war damit ein­er, der etwas gebot oder kund­tat, genauer: ein Gerichts­di­ener oder Bote des Königs. Im Mit­tel­hochdeutschen benutzte man den bütel dann ganz all­ge­mein für einen Boten oder Diener ohne Berück­sich­ti­gung seines Standes und heute wird das Wort nur noch abw­er­tend gebraucht – wie in diesem Zeitungstext:

Und weil die meis­ten Wis­senschaftler ander­er Mei­n­ung sind, wer­den sie kurz­er­hand zu Büt­teln der Indus­trie erklärt.

(Via DWDS, Die Zeit, 19.05.2009.)

Das Wort Krüp­pel stammt vom Verb kri­u­pan ‚kriechen‘ und auch die bei­den Tau­genichtse gehen auf Bewe­gungs- oder Zus­tandsver­ben zurück: Der Schlin­gel gehört zum Verb schlin­gen ‚schle­ichen, kriechen‘ und der Lüm­mel zu lum­men ‚schlaff sein, herunterhängen‘.

Warum das -il ver­schwand, lässt sich nicht so recht sagen – vielle­icht, weil es ins­ge­samt sehr unein­deutig war: Neben Per­so­n­en kon­nte es näm­lich auch Geräte (Schlegel zu schla­gen, Deck­elzu deck­en, Henkel zu henken, Hebel zu heben und unzäh­lige mehr) beze­ich­nen und Verkleinerungs­for­men bilden (Mädel zu Magd, Krümel zu Krume, Büschel zu Busch, Bün­del zu Bund).

Im Althochdeutschen gab es also drei ver­schiedene Möglichkeit­en zur Schaf­fung von Nom­i­na agen­tis, die in Konkur­renz miteinan­der standen: -o/a, -il und -ari/-ara. Belegt sind zum Beispiel drei Träger: der trago, der tregil und der tragari. Über­lebt hat nur das -ari als -er.

Frauen in den Nominativ!

Unser­er sym­metrisch­er Aus­druck des Geschlechts vom Anfang hat­te also ab dem Spä­talthochdeutschen keine Chance mehr: Die Unter­schei­dung löste sich durch die Neben­sil­ben­ab­schwächung auf. Dabei set­zte sich für die aller­meis­ten For­men die männliche Lesart durch — und für Frauen ver­legte man sich auf -in. Das Suf­fix gab es schon im Ger­man­is­chen, wo es -injo lautete, im Althochdeutschen find­et es sich dann als -inna oder -in.

Nach­dem andere Möglichkeit­en zur Beze­ich­nung von Frauen ver­schwun­den waren, musste sich -in ganz beson­ders anstren­gen. Es war näm­lich auch von der Neben­sil­ben­ab­schwächung bedro­ht: Aus der althochdeutschen kuningin hätte nach allen Regeln der Kun­st eine mit­tel­hochdeutsche küni­gen wer­den müssen: Die Endung hätte deut­lich an Erkennbarkeit ver­loren. Das sieht man schön in der fol­gen­den Abbil­dung (stammt aus mein­er Magisterarbeit):

2014-08-07-küniginMan sieht hier, dass die unbe­ton­ten Sil­ben im Wortin­neren noch größeren Erfolg hat­ten, ihren Vol­l­vokal zu bewahren: Während aus diu kuningin im Mit­tel­hochdeutschen die küni­gen wurde, behiel­ten die anderen Kasus das i der Endung bei: küniginne. Nur das aus­lau­t­ende a oder u wurde abgeschwächt. Bis dahin alles ganz nor­maler Laut­wan­del — doch dann set­zte sich eine andere sprach­liche Ebene durch:

Der Nom­i­na­tiv ver­wan­delte sich ein­fach so von küni­gen in künig­inne (grün). Einen solchen Prozess nen­nt man »anal­o­gis­chen Aus­gle­ich«: Eine Wort­form, die sich laut­lich von den übri­gen wegen­twick­elt hat, kehrt zurück in den Schoß der Fam­i­lie. Die küni­gen nimmt sich ein­fach den Gen­i­tiv, Dativ und Akkusativ zum Vor­bild und hängt sich wider­rechtlich ein -inne an. Später ver­loren alle For­men, damit hat­te es nun auch laut­lich wieder seine Richtigkeit, das e am Schluss, wom­it wir bei der heuti­gen Endung -in angekom­men sind. Sie macht aus dem Boten eine Botin, aus dem Erben eine Erbin und aus allen er-For­men -erin­nen: Helferin, Leserin, Lei­t­erin.

Wie war das also mit den Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen? Früher ließ sich ein­fach anhand eines Vokals zwis­chen Män­nern und Frauen unter­schei­den. Das wurde durch die Abschwächung unmöglich, die ehe­mals so sym­metrischen For­men schlu­gen sich größ­ten­teils auf die Män­ner­seite. Um weit­er­hin Frauen beze­ich­nen zu kön­nen, rekru­tierte man nun die Endung -in, die schon seit ein­er Weile im Deutschen unter­wegs war — aber jet­zt lastete die Unter­schei­dung fast auss­chließlich auf ihr. Bevor sie darunter zusam­men­brach, wurde sie im Mit­tel­hochdeutschen laut­lich ein wenig ver­stärkt und leis­tet uns sei­ther in der heuti­gen Form treue Dienste.

Quellen:

Hen­zen, Wal­ter (31965): Deutsche Wort­bil­dung. Tübin­gen: Niemeyer.

Kluge, Friedrich & Elmar See­bold (Hgg.) (252011): Ety­mol­o­gis­ches Wörter­buch der deutschen Sprache. [Elek­tro­n­is­che Ressource]. Berlin: de Gruyter.

Kun­ze, Kon­rad (52004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor– und Fam­i­li­en­na­men im deutschen Sprachge­bi­et. München: dtv.

Nübling, Damaris et al. (42013): His­torische Sprach­wis­senschaft des Deutschen. Eine Ein­führung in die Prinzip­i­en des Sprach­wan­dels. Tübin­gen: Narr.

Pfeifer, Wolf­gang (1993): Ety­mol­o­gis­ches Wörter­buch des Deutschen. [Ergänzte Online-Version].

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