Unverständnis auf Deutsch

Im Mit­te­lal­ter und in der frühen Neuzeit war Latein die Sprache der Wis­senschaft. Galileo Galilei, Johannes Kepler und Tycho Bra­he ver­fassten ihre Hauptwerke nicht in ital­ienis­ch­er, deutsch­er oder dänis­ch­er Sprache, son­dern in lateinis­ch­er. Das ermöglichte ihnen, ihre Ideen schnell und direkt nachvol­lziehbar auszu­tauschen, sie zu kri­tisieren oder darauf aufzubauen.

Das Tem­po der wis­senschaftlichen Forschung und der Grad ihrer inter­na­tionalen Ver­net­zung haben sich seit­dem drastisch erhöht, und der freie Aus­tausch von Ideen ist unverzicht­bar­er denn je. Wis­senschaftlich­er Fortschritt wäre schlicht nicht möglich, wenn Forsch­er jahre- oder auch nur monate­lang auf Über­set­zun­gen warten oder sprachkundi­ge Kolleg/innen bit­ten müssten, Ihnen bei der Lek­türe der Flut wis­senschaftlich­er Veröf­fentlichun­gen behil­flich zu sein.

Und so ist es natür­lich, dass die Wis­senschaft auch heute eine gemein­same Sprache braucht, und diese gemein­same Sprache ist das Englis­che. Das hat ver­schiedene Gründe: Nicht zulet­zt hängt es mit der Exzel­lenz des US-amerikanis­chen Uni­ver­sitätssys­tems (nicht: US-amerikanis­ch­er Forscher/innen) zusam­men, einem der am effizien­testen organ­isierten und bestaus­ges­tat­teten der Welt. Aber auch die Tat­sache, dass Englisch zu Beginn des 20. Jahrhun­derts bere­its das Franzö­sis­che als Sprache der inter­na­tionalen Kom­mu­nika­tion abgelöst hat­te, trug mit Sicher­heit zu dieser Entwick­lung bei. Nicht zu vergessen, dass die Nation­al­sozial­is­ten durch die bru­tale Ermor­dung und Vertrei­bung viel­er sein­er besten Wissenschaftler/innen der Wis­senschaftssprache Deutsch die Exis­ten­z­grund­lage ent­zo­gen.

Aus wis­senschaftlich­er Sicht ist es völ­lig egal, in welch­er Sprache der Ideenaus­tausch stat­tfind­et. Wis­senschaftliche Mod­elle sollen die Wirk­lichkeit abbilden und dazu ist jede Sprache in gle­ich­er Weise geeignet. Wenn sich ein wis­senschaftlich­es Mod­ell nur in ein­er einzi­gen Sprache adäquat for­mulieren lässt, ist das ein sicher­er Hin­weis darauf, dass es das Papi­er nicht wert ist, auf dem sein/e Schöpfer/in es for­muliert hat (davon abge­se­hen ist eine Wis­senschaft, deren Ergeb­nisse sich nicht in die uni­verselle „Sprache“ der Math­e­matik über­set­zen lassen, ohne­hin noch weit von ihrem Ziel ent­fer­nt).

Das alles will — oder kann — Klaus Reichert, emer­i­tiert­er Pro­fes­sor für amerikanis­che Lit­er­atur und Präsi­dent der Deutschen Akademie für Sprache und Dich­tung, nicht ver­ste­hen. Unter dem Titel „Weltver­ständ­nis auf Deutsch“ mäan­dert er sich auf den Seit­en der Deutschen Welle durch einen Besin­nungsauf­satz, dessen zen­trale Botschaft ich nur so ver­ste­hen kann: Klaus Reicherts Englisch hat — seinem Fachge­bi­et zum Trotz — nicht das Niveau, das für den inter­na­tionalen Aus­tausch von Ideen nötig wäre, und deshalb soll auch kein ander­er deutsch­er Wis­senschaftler seine Forschungsergeb­nisse in englis­ch­er Sprache veröf­fentlichen (neben­bei jam­mert er auch noch über das Ver­schwinden von Kon­junk­tiv und Futur II und redet sich den weltweit­en Ein­fluss des Deutschen schön, aber das soll uns hier nicht weit­er beschäfti­gen).

Fak­ten hat er nicht zu bieten, dafür aber jede Menge unbe­wiesen­er (und unbe­weis­bar­er) Andeu­tun­gen und Behaup­tun­gen. Das fängt an mit dem Motiv, das er hin­ter der Ver­wen­dung der Wis­senschaftssprache Englisch ver­mutet:

Nicht nur Natur-, auch viele Geis­teswis­senschaftler hal­ten ihre Kon­gresse auf Englisch ab und pub­lizieren in dieser Sprache, um, wie sie sich einre­den, ein größeres Pub­likum erre­ichen zu kön­nen.

Die For­mulierung „wie sie sich einre­den“ kann ja nur heißen, dass Reichert nicht glaubt, dass man mit der Welt­sprache Englisch, die weltweit immer­hin von ein­er Mil­liarde Men­schen ver­standen wird, ein größeres Pub­likum erre­icht als mit der Nation­al­sprache deutsch, die es auf ger­ade ein­mal 100 Mil­lio­nen Sprech­er bringt, die zum größten Teil in Deutsch­land, Öster­re­ich und der Schweiz leben. Aber selb­st, wenn ihn die Zahlen über­fordern, er müsste nur eine beliebige hochkarätige wis­senschaftliche Kon­ferenz besuchen, um sich zu überzeu­gen, dass ein sub­stanzieller Teil der Anwe­senden auf ein­er deutschsprachi­gen Kon­ferenz nichts ver­ste­hen und sie deshalb auch nicht besuchen würde. Aber vielle­icht war er nie auf ein­er solchen Kon­ferenz. Ich enthalte mich eines Urteils darüber, was das über ihn und seine Forschung aus­sagen würde.

Bei sein­er näch­sten Behaup­tung fällt mir das schon deut­lich schw­er­er:

Mir ist nicht bekan­nt, dass englisch geschriebene Auf­sätze oder Büch­er deutsch­er (Geistes-)Wissenschaftler son­der­lich beachtet wer­den.

Ich kann nur sagen: Speak for your­self. Wenn er keine deutschen Wis­senschaftler — Geistes- oder sonst­wie — ken­nt, deren in englis­ch­er Sprache veröf­fentlicht­en Arbeit­en inter­na­tion­al rezip­iert wer­den, dann ken­nt er nicht die richti­gen Wis­senschaftler. Aber selb­st wenn er recht hätte — will er ern­sthaft behaupten, die schmäh­lich Ignori­erten wür­den mehr inter­na­tionale Anerken­nung erhal­ten, wenn sie ihre Arbeit­en auf Deutsch veröf­fentlichen wür­den?

Und woran liegt es sein­er Mei­n­ung nach, dass die inter­na­tionale Fachöf­fentlichkeit die deutschen Wis­senschaftler ignori­ert? Klar, an deren man­gel­haften Englis­chken­nt­nis­sen:

Das Englis­che ist näm­lich, ent­ge­gen gängiger Mei­n­ung, ab einem gewis­sen Niveau, das für wis­senschaftlich­es Schrift­tum unab­d­ing­bar ist, eine außeror­dentlich schwierige Sprache. Dieses Niveau zu erre­ichen, ist für Nicht-Mut­ter­sprach­ler fast unmöglich. Es ist wichtig, hier­für ein Bewusst­sein zu schaf­fen: dass die deutschen Forsch­er in der Regel kein Englisch schreiben kön­nen.

Es ist schon in der eigne­nen Mut­ter­sprache eine Her­aus­forderung, kom­plexe Inhalte sprach­lich klar und nachvol­lziehbar darzustellen und ich will gar nicht bestre­it­en, dass es in ein­er Fremd­sprache ten­den­ziell noch schw­er­er ist. Aber dass es im Englis­chen „außeror­dentlich“ schw­er (also schw­er­er als in anderen Fremd­sprachen) und „für Nicht-Mut­ter­sprach­ler [des Englis­chen] fast unmöglich“ sei, das ist wed­er logisch nachvol­lziehbar, noch entspricht es der alltäglichen Erfahrung. Deutsche Forsch­er kön­nen oft erstaunlich gut Englisch schreiben — selb­st die, denen es schw­er­fällt, auf Englisch ein Gespräch über alltägliche Dinge zu führen.

Reichert aber möchte dem Deutschen durch wil­lentlich­es Ignori­eren der sprach­lichen Tat­sachen wieder zur Wis­senschaftssprache machen, und wer die deutschen Wis­senschaftler dann nicht ver­ste­ht, der ist selb­st schuld:

Gle­ichzeit­ig soll­ten deutsche Forsch­er sich dur­chaus stolz und offen­siv auf den for­malen und lexikalis­chen Reich­tum ihrer Sprache besin­nen und sich sagen: Wer des Deutschen unkundig ist, dem ent­ge­ht ein Kul­tur- und Denkraum, ohne den die Philoso­phie Frankre­ichs, Ital­iens, Spaniens, Eng­lands, Amerikas bei­der Hemis­phären sich nie so entwick­elt hätte, wie sie es tat. Man sage nicht, das seien tem­pi pas­sati, und der hier schreibe, verkenne die Zeichen der Zeit, Entwick­lung lasse sich eben nicht aufhal­ten.

Schließlich, so Reichert später im Text, wür­den ja selb­st Mut­ter­sprach­ler ander­er Sprachen das Deutsche ver­wen­den, um sich lit­er­arisch auszu­drück­en:

Was sind die Alle­in­stel­lungsmerk­male der deutschen Sprache? Man frage die vie­len Autoren mit „Migra­tionsh­in­ter­grund“, die die deutsche Sprache gewählt haben und die einen immer bedeu­ten­deren Teil der deutschen Gegen­wart­slit­er­atur bilden!

Entwed­er er wider­spricht hier sein­er eige­nen These, und es ist doch möglich, kom­plexe Gedanken auch in ein­er Fremd­sprache darzule­gen, oder das Deutsche ist sein­er Mei­n­ung nach irgend­wie ein­fach­er zu erler­nen als das Englis­che. Wie son­st will er erk­lären, dass es zwar anderen Mut­ter­sprach­lern gelingt, das Deutsche auf schrift­sprach­lich hohem Niveau zu ver­wen­den, es aber umgekehrt Deutschen unmöglich sein soll, ein solch­es Niveau im Englis­chen zu erre­ichen?

Bevor Reichert den deutschen Wis­senschaftlern pauschal ihre Englis­chken­nt­nisse aberken­nt, bringt er noch ein anderes Argu­ment für die Wis­senschaftssprache Deutsch: deren einzi­gar­tige „Denk­for­men“. Hin­ter diesem Argu­ment steckt die (falsche) Idee, jed­er Sprache wohne ein eigenes „Weltver­ständ­nis“ inne. Schon in den Natur­wis­senschaften sei das ein Prob­lem, so Reichert, erst recht aber in den Geis­teswis­senschaften:

Noch fataler ist es, wenn deutsche Geis­teswis­senschaftler (Philosophen, Lit­er­atur­wis­senschaftler) glauben, die Sprache wech­seln zu sollen. Jede Sprache hat ihre eige­nen Denk­for­men und -stile entwick­elt – was in ein­er Sprache denkbar und sag­bar ist, ist es nicht in ein­er anderen, oder nur mit erhe­blichen Ver­lus­ten und Ver­fälschun­gen. Ein englis­ch­er Hegel ist ein ander­er als der deutsche („Phe­nom­e­nol­o­gy of the mind“ oder „of the spir­it“ – wed­er das eine noch das andere deckt sich mit dem deutschen Wort ‘Geist’.) Nach einem alten Wort bedin­gen Denken und Sprache einan­der.

Ich habe es ein­gangs ja schon gesagt: Wis­senschaft soll die Welt beschreiben. Solange sie das tut, lassen sich ihre Aus­sagen in jede beliebige Sprache über­set­zen. Erst da, wo sie sich von der Beschrei­bung der Welt löst und zu einem reinen Sprach­spiel wird, endet die Über­set­zbarkeit — aber eben auch die Wis­senschaftlichkeit. Sollte es tat­säch­lich der Fall sein, dass Hegels Über­legun­gen nur für den­jeni­gen nachvol­lziehbar sind, der das deutsche Wort Geist in sein­er all­t­agssprach­lichen Bedeu­tung ken­nt, dann hätte er sich nicht aus­re­ichend klar aus­ge­drückt. Und dann wäre jede Beschäf­ti­gung mit seinem Werk aus wis­senschaflich­er Sicht Zeitver­schwen­dung, egal, in welch­er Sprache.

Das­selbe gilt für zwei andere Beispiele deutsch­er Denker, die Reichert nen­nt:

Der sein Leben lang in Eng­land lehrende Philosoph Lud­wig Wittgen­stein hat nur deutsch geschrieben und wurde und wird doch weltweit gele­sen. (Das gle­iche gilt für Jür­gen Haber­mas, der das Englis­che weiß Gott beherrscht.)

Ja, Wittgen­stein und Haber­mas wer­den weltweit gele­sen, aber natür­lich nicht im deutschen Orig­i­nal, son­dern (eben­so wie Hegel) in englis­ch­er Über­set­zung. Wenn diese Über­set­zun­gen die Gedanken dieser Autoren kor­rekt wiedergeben, dann hät­ten sie diese auch auf Englisch aus­drück­en kön­nen (vor allem, wenn sie „weiß Gott“ und im Wider­spruch zu Reicherts vor­ange­hen­der Pauschalkri­tik des Englis­chen mächtig waren oder sind). Wenn ihre Gedanken dage­gen unüber­set­zbar sind, dann beruht der Erfolg der Über­set­zun­gen auf ein­er Illu­sion und die Welt rezip­iert gar nicht Wittgen­stein und Haber­mas, son­dern deren sprach­liche Zer­rbilder. Bei­de Möglichkeit­en trü­gen nichts zu Reicherts Argu­men­ta­tion­sstrang bei.

Die neben­bei aufgestellte und als „altes Wort“ deklar­i­erte Behaup­tung, dass Denken und Sprache einan­der „bedin­gen“, ist der Höhep­unkt leer­er Rhetorik. Dieses „alte Wort“, bess­er bekan­nt als Sapir-Whorf-Hypothese, ist schon für das alltägliche Denken und Sprechen wis­senschaftlich wider­legt. Besten­falls ein schwach­er gegen­seit­iger Ein­fluss lässt sich nach­weisen, und auch der nur für wenige Bere­iche der Sprache und unter sorgfältig kon­trol­lierten Laborbe­din­gun­gen. Dass diese schwachen Effek­te Auswirkun­gen auf kom­plexe wis­senschaftliche Mod­elle der Welt haben kön­nten, ist nach derzeit­igem Ken­nt­nis­stand auszuschließen.

Und was die Frage bet­rifft, ob die Rolle des Deutschen als Wis­senschaftssprache Ver­gan­gen­heit („tem­pi pas­sati“) sei, so dürfte klar sein, dass sie genau das ist. Wie jede andere Sprachge­mein­schaft wählt sich auch die inter­na­tionale Forscherge­meinde ihre Sprache durch die Summe von Einze­lentschei­dun­gen ihrer Mit­glieder. Sie hat sich für das Englis­che entsch­ieden und daran ändert wed­er Wun­schdenken noch die Ver­weigerung einzel­ner Wis­senschaftler etwas. Das muss einem per­sön­lich nicht gefall­en, aber wer deutschen Wissenschafler/innen ern­sthaft vorschreiben will, auf das Englis­che zu verzicht­en, der nimmt damit deren voll­ständi­ge Iso­la­tion in Kauf.

REICHERT, Klaus (2009) Weltver­ständ­nis auf Deutsch. DW-World.de, 25. Jan­u­ar 2010. [Link]

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

34 Gedanken zu „Unverständnis auf Deutsch

  1. J. Martin

    Gute Güte …
    Wittgen­steins Logisch-Philosophis­che Abhand­lung erschien 1921, die englis­che Über­set­zung (als Trac­ta­tus Logi­co-Philo­soph­i­cus) 1922. Philosophis­che Unter­suchun­gen erschien 1953, die englis­che Über­set­zung 1953. Die Zeit­nähe der englis­chen Über­set­zun­gen weist also weiß Gott klar darauf hin, daß die Englän­derIn­nen Wittgen­stein in deutsch­er Sprache gele­sen und ver­standen haben.

  2. Patrick Schulz

    Ich bin ja der Mei­n­ung, jed­er solle selb­st entschei­den (dür­fen) in welch­er Sprache er veröf­fentlicht. Und er solle sich über die Kon­se­quen­zen im Klaren sein; Also was es für seine Rep­u­ta­tion als Wis­senschaftler bedeutet, wenn er das auss­chliesslich in sein­er nicht-englis­chen Mut­ter­sprache tut. Wie auch immer.
    Was die Saphir-Whorf-Hypothese ange­ht; Ich finde das The­ma ist schon fast einen eige­nen Beitrag gle­ich­er länge wert: So pauschal zu sagen, dass sie als wieder­legt gelte, halte ich für ziem­lich undif­feren­ziert.

  3. Julius

    math­e­ma­tis­che Ein­deutigkeit?
    Es gibt schon Dif­feren­zen zwis­chen Konzepten im Deutschen und im Englis­chen, die zwar nicht unüber­set­zbar sind, aber den­noch Prob­leme darstellen kön­nen. Denn welch­es Wörter­buch sagt einem: »Hey, das heißt in der Fremd­sprache das, aber die Bedeu­tung ist etwas ver­schoben!«?
    In der englis­chsprachi­gen Lit­er­atur, die ich für eine Vor­lesung über die Bil­dungs­dy­namik der mod­er­nen Welt lese, wird immer von ide­ol­o­gy gesprochen, die deutsche Entsprechung hierzu ist Pro­gram­matik, da der Ter­mi­nus Ide­olo­gie stark von Karl Marx geprägt wurde. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch umgekehrt Konzepte gibt, die keine 1-zu-1-Entsprechung haben, bei denen man als Pro­duzent bzw. Rezip­i­ent für die Unter­schiede sen­si­bil­isiert sein muss, um nicht sein deutsches Denken in die Fremd­sprache zu trans­portieren.
    Darüber hin­aus ist es ja schon schwierig, in der eige­nen Mut­ter­sprache math­e­ma­tisch anmu­tende Gle­ichung à la »Syn­onym = …« oder »Wort = …« zu for­mulieren. Ich per­sön­lich glaube, dass es Natur­wis­senschaften leichter gelingt, diesem Anspruch der Ein­deutigkeit in der Ter­mi­nolo­gie gerecht zu wer­den. Aus mein­er Erfahrung gelingt es Geis­teswis­senschaften (noch) nicht.
    @Martin
    Ich hoffe, das ist Ironie. Denn son­st erschlösse sich mir der Gedanken­gang nicht.

  4. Kai Hiltmann

    gutes Englisch
    In der Prax­is ist es nicht notwendig, einen Fachauf­satz in per­fek­tem Englisch zu schreiben. In ein­er wis­senschaftlichen Gemein­schaft bildet sich schnell ein eigenes Fach­vok­ab­u­lar her­aus, und die Sprache viel­er Auf­sätze ist eher ein “Fach-Pid­gin” als gutes Englisch. Dies liegt wahrschein­lich daran, dass eben viel von Nicht-Mut­ter­sprach­lern geschrieben wird und ein großer Teil des Rests von sprach­lich unin­ter­essierten Mut­ter­sprach­lern. Sich in seinem Fach auf Englisch auszu­drück­en ist also in der Regel ein­fach.
    Ich sehe das Prob­lem eher darin, dass man auch ver­suchen sollte, einem Laien die eigene Arbeit ver­ständlich zu machen. Ein Math­e­matik­er z.B. wird dann nicht nur Sym­bole schreiben, son­dern erk­lären, was sie bedeuten. Sie in der Umgangssprache zu erk­lären, ist für den Fach­mann auch eine Chance, die eigene Arbeit ein wenig von außen zu sehen, kri­tisch zu betra­cht­en und neue Ideen zu gewin­nen. Oft habe ich den Ein­druck, dass Wis­senschaftler, PR-Leute und Poli­tik­er auf ein­er Welle leer­er Pid­gin-Phrasen schwim­men, ohne über deren Gehalt nachzu­denken.
    Den Medi­zin­ern sagte man ja früher auch nach, sie sprächen Latein um nicht zu zeigen, dass sie keine Ahnung hät­ten.

  5. Dierk

    Wie son­st will er erk­lären, dass es zwar anderen Mut­ter­sprach­lern gelingt, das Deutsche auf schrift­sprach­lich hohem Niveau zu ver­wen­den, es aber umgekehrt Deutschen unmöglich sein soll, ein solch­es Niveau im Englis­chen zu erre­ichen?’
    Ein­fach: die Deutschen sind blöd.
    Wie sieht es nach Reichert eigentlich mit dem sehr großen Schatz englis­ch­er und amerikanis­ch­er Wissenschaftler/Philosophen deutschsprachiger Herkun­ft aus, Men­schen wie Ein­stein, Pop­per, Dahren­dorf, von Braun um nur einen ganz winzi­gen Bruchteil zu nen­nen? Ich ver­mute mal, die liefen alle mit Dol­metsch­er durch Har­vard, MIT, Cal­Tech, Oxford, Cam­bridge, LSE, weil sie sich nach Reichert ja son­st nicht hät­ten — auf anständi­gem Niveau! — mit ihren englis­chen, aus­tral­ish­cen, amerikanis­chen Kol­le­gen unter­hal­ten kön­nen. von Vor­lesun­gen, Sem­i­naren, tuto­ri­als und Veröf­fentlichun­gen ganz zu schweigen.

  6. Anatol Stefanowitsch

    @Patrick Schulz, Sapir-Whorf

    Was die Saphir-Whorf-Hypothese ange­ht; Ich finde das The­ma ist schon fast einen eige­nen Beitrag gle­ich­er länge wert: So pauschal zu sagen, dass sie als wieder­legt gelte, halte ich für ziem­lich undif­feren­ziert.

    Reichert ver­wen­det das Wort „bedin­gen“, was ja die starke Ver­sion der Hypothese nahelegt. Und die war ohne­hin nie plau­si­bel, kann aber durch die empirische Lit­er­atur klar als wider­legt gel­ten. Dass es, unter sorgfältig kon­trol­lierten Bedin­gun­gen, schwache Wech­sel­wirkun­gen geben kann, habe ich ja klar gesagt. Ich werde darüber nach­denken, über diese Wech­sel­wirkun­gen einen Beitrag oder eine kleine Serie zu schreiben.

  7. jennie

    danke
    danke, dass sie sich auch noch nach dem gefühlten zen­htausend­sten artikel/buch dieser art die mühe machen, ihn/es auseinan­der zu nehmen und einzelne punk­te zu wider­legen. das bringt mir großar­tige unter­hal­tung und ab und zu argu­mente für die näch­ste diskus­sion mit leuten, die dieses dif­fuse “ich hab das gefühl, deutsch wird von englisch unter­drückt, kann’s zwar nicht wirk­lich bele­gen, aber beharre rotz­dem darauf”-gefühl haben. und ich bin wirk­lich dankbar für ihre arbeit, weil ich selb­st nach dem lesen solch­er sachen ein­fach viel zu aufge­bracht wäre, um das noch objek­tiv auseinan­der nehmen zu kön­nen.

  8. Balanus

    Sig­mund Freud auf Englisch
    Bruno Bet­tel­heim, in “Freud und die Seele des Men­schen” (1983):
    »Als ich in der Mitte meines Lebens das Glück hat­te, in den Vere­inigten Staat­en ein neues Leben begin­nen zu kön­nen, und anf­ing, psy­cho­an­a­lytis­che Schriften auf englisch zu lesen und zu erörtern, ent­deck­te ich, daß die Lek­türe Freuds in englis­ch­er Über­set­zung zu ganz anderen Ein­drück­en führt als denen, die ich bei der deutschsprachi­gen Lek­türe gewon­nen hat­te. Es wurde mir klar, daß die englis­chen Wieder­gaben der Schriften Freuds viel von dem grundle­gen­den Human­is­mus, der das Orig­i­nal durch­dringt, verz­er­ren.«

  9. Andreas H.

    Pip­i­lot­ta-Prinzip
    Herr Reichert fol­gt augen­scheinlch dem Pip­i­lot­ta-Prinzip: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.
    Mal ges­pan­nt, wann Englisch in diesem Sinne von Man­darin abgeköst wird…

  10. Lars Fischer

    Vielle­icht eine gewisse Rel­a­tivierung…
    Es ist m.E. nicht grund­sät­zlich egal, in welch­er Sprache Wis­senschaft betrieben wird. Der Aus­tausch inner­halb der Wis­senschaften find­et zwar auf englisch statt und das ist auch gut und richtig so. Ich finde es aber dur­chaus prob­lema­tisch, dass darüber Deutsch als Wis­senschaftssprache ver­nach­läs­sigt wird. Denn Wis­senschaft ist ein Kul­turgut, das unbe­d­ingt auch in die Gesellschaft hinein kom­mu­niziert wer­den muss, und das geht nur in der Mut­ter­sprache. Insofern muss bei­des passieren, son­st ver­liert Wis­senschaft den Kon­takt zur Gesellschaft.

  11. Frank Oswalt

    Sig­mund Freud
    @Balanus: Es geht ja hier um die Über­set­zbarkeit von *wis­senschaftlichen* Tex­ten, nicht um die von kokain­in­duzierten Fieber­phan­tasien…

  12. Anatol Stefanowitsch

    @Lars Fis­ch­er, Öffentliche Kom­mu­nika­tion
    Ich sehe es auch so, dass pop­ulär­wis­senschaftliche Texte (auch solche mit hohem Anspruch) in der jew­eili­gen Sprache der Gesellschaft ver­fasst sein sollte, an die sie sich richtet. Aber soweit ich das sehe, bestre­it­et das nie­mand und Reichert spricht dieses konkrete Prob­lem nicht direkt an. Er spricht natur­wis­senschaftlichen Schu­lun­ter­richt in englis­ch­er Sprache an und er sieht die Gefahr, dass die Wis­senschaftssprache Deutsch nicht mehr angemessen aus­ge­baut (also mit entsprechen­der Ter­mi­nolo­gie angere­ichert wer­den kön­nte). Ersteres ist ein The­ma, das mit Wis­senschaftssprache nur am Rande zu tun hat und das ich dem­nächst getren­nt auf­greifen werde, let­zteres ist meines Eracht­ens eine grund­lose Befürch­tung, denn die Prinzip­i­en, nach denen der ter­mi­nol­o­gis­che Aus­bau ein­er Sprache vorgenom­men wer­den sollte, sind aus­führlich erforscht und leicht anwend­bar.

  13. Ingrid Blum

    Sagen sie das mal auf Englisch!
    Sehr geehrter Reichert,
    Sie haben diesen Text noch auf Deutsch ver­faßt, anstatt ans Aus­land zu denken.
    Deutsche Dax-Konz­erne sind da schon weit­er: sie unter­hal­ten sich auf BSE, was für Bad Sim­ple Eng­lish ste­ht. Daß da Vieles nicht gesagt oder ver­standen wird, ist unver­mei­dlich, und daß solche Mißver­ständ­nisse Geld kosten, auch.
    Englisch wurde in Deutsch­land und weltweit mit vorge­hal­tenem Bajonett einge­führt, also nicht auf­grund sein­er Güte. Das englis­che Empire ist schon unterge­gan­gen, da war das Englis­che keine Hil­fe. Was, wenn jet­zt nach den englis­chsprachi­gen Finanzmärk­ten auch noch die US-Stre­itkräfte ver­sagen soll­ten? Zum Ver­gle­ich: als die Sow­je­tu­nion sein­erzeit in Konkurs ging, ver­stand Osteu­ropa plöt­zlich kein Rus­sisch mehr. So schnell kann´s gehen.
    Der Kriegssieger gibt die Verkehrssprache vor, der Besiegte muß sich anpassen. Aber er muß sich das nicht auch noch schönre­den. Doch Wis­senschaftler steck­en in einem engen Korsett, nicht nur beim The­ma Kli­ma.
    Das Deutsche erschafft intel­li­gente Denkstruk­turen, die im volk­sna­hen Englisch nicht vorge­se­hen sind, und auch andere europäis­che Sprachen sind ärmer aus­ges­tat­tet. Dadurch bietet sich Deutsch als europäis­che Elite­sprache an. BSE wird sich­er noch eine Zeit­lang inter­na­tionale Verkehrssprache sein. Dies ver­mutet die Forschungs­gruppe LEAP E/2020: http://www.leap2020.eu/…zeichnen-sich_a1035.html
    Danke für Ihre Denkanstöße!

  14. Thomas Müller

    @Julius
    “Es gibt schon Dif­feren­zen zwis­chen Konzepten im Deutschen und im Englis­chen, die zwar nicht unüber­set­zbar sind, aber den­noch Prob­leme darstellen kön­nen.”
    =========
    Das sind aber nur seman­tis­che Unter­schiede, die dur­chaus nichts mit der “Denkweise” zu tun haben müssen.
    “Denkweise” oder “Denk­for­men” wie es Reichert nen­nt, sind ziem­lich schwammige Begriffe. Ich ver­ste­he sie so, dass es Konzepte gäbe, die nur in bes­timmten Sprachen denkbar seien, in anderen nicht. Wenn nun das berühmte Eski­mo-Beispiel kor­rekt wäre und es in ein­er entsprechen­den Sprache Begriffe für Schnee gäbe, die sich nicht ins Deutsche über­set­zen lassen, dann wäre es kein Prob­lem für Sprech­er des Deutschen, das dahin­ter ste­hende Konzept zu erler­nen und dann Begriffe dazu zu bilden.
    So etwas machen wir ständig, etwa, indem wir Fremd­wörter, die eine bes­timmte Bedeu­tungsnu­ance aus­drück­en, für die wir noch kein Wort haben, ein­fach übernehmen und in unsere Sprache inte­gri­eren.
    Was es hinge­gen bedeuten soll, ein Konzept prinzip­iell nicht denken, d.h. das Denken dieses Konzeptes ohne genaue Ken­nt­nis der entsprechen­den Fremd­sprache gar nicht erler­nen zu kön­nen, ist völ­lig unklar. Kommt es dabei zu einem neu­ronalen Kurz­schluss? Explodiert unser Kopf?
    Es müsste bedeuten, dass mit dem Erst­spracher­werb auch die neu­ronalen Struk­turen zum Erfassen neuer kog­ni­tiv­er Konzepte etabliert wür­den, dann aber “ver­schlossen” wür­den und sich allen­falls noch “öffneten”, wenn das Erler­nen ein­er Zweit­sprache das Erfassen neuer kog­ni­tiv­er Konzepte ermöglichte. Und das ist Quatsch.

  15. kreetrapper

    Sapir-Whorf

    Dass es, unter sorgfältig kon­trol­lierten Bedin­gun­gen, schwache Wech­sel­wirkun­gen geben kann, habe ich ja klar gesagt. Ich werde darüber nach­denken, über diese Wech­sel­wirkun­gen einen Beitrag oder eine kleine Serie zu schreiben.

    Ich hoffe, daß dieses Nach­denken zu einem pos­i­tiv­en Ergeb­nis führt. Ich würde mich jeden­falls sehr über (einen) solche(n) Artikel freuen.
    btw: Jet­zt, wo ich hier erst­mals kom­men­tiere, muß ich Detlef Guertler recht geben. Daß das Kom­men­tar­fen­ster hier oben über allen beste­hen­den Kom­mentaren ist, ist zumin­d­est unge­wohnt. Mal schauen, ob ich mich schnell daran gewöhne.

  16. Ingrid Blum

    Sehr geehrter Herr Reichert,
    muß natür­lich die Anrede in meinem Beitrag
    Sagen sie das mal auf Englisch!
    26.01.2010 | 12:08
    laut­en. Ich bitte die dort began­gene Unhöflichkeit zu entschuldigen.

  17. Lars Fischer

    @A.S.
    “let­zteres ist meines Eracht­ens eine grund­lose Befürch­tung, denn die Prinzip­i­en, nach denen der ter­mi­nol­o­gis­che Aus­bau ein­er Sprache vorgenom­men wer­den sollte, sind aus­führlich erforscht und leicht anwend­bar.”
    Da bin ich nicht so opti­mistisch. Ich beobachte inzwis­chen einen selb­stver­stärk­enden Effekt, der immer mehr The­men der mut­ter­sprach­lichen Diskus­sion entzieht: Über neue wis­senschaftliche Konzepte wird auf englisch kom­mu­niziert, so dass über­haupt keine deutschsprachi­gen Begriffe mehr entste­hen. Und das führt dazu, dass diese Konzepte ten­den­ziell nicht mehr (oder nicht kor­rekt) the­ma­tisiert wer­den. Wis­senschaftler soll­ten ganz bewusst auch in ihrer Mut­ter­sprache wis­senschaftlich arbeit­en, denn wer sollte denn die Mut­ter­sprache um die notwendi­gen Begriffe erweit­ern, wenn nicht die Wis­senschaftler selb­st?

  18. Ingrid Blum

    Über­set­zen deutsch­er Denkkonzepte
    @Thomas Müller, Sie schrieben um 12:08:
    “Ich ver­ste­he sie so, dass es Konzepte gäbe, die nur in bes­timmten Sprachen denkbar seien, in anderen nicht. .. dann wäre es kein Prob­lem für Sprech­er des Deutschen, das dahin­ter ste­hende Konzept zu erler­nen und dann Begriffe dazu zu bilden. So etwas machen wir ständig .. ”
    .. oder ggf. auch nicht. Noch schlechter sieht es aus, wenn englis­che und son­sti­gen Mut­ter­sprach­ler auf die ins Englis­che aus dem Deutschen über­tra­ge­nen Texte tre­f­fen.
    Da ich täglich Englisch, Schwedisch und Deutsch spreche, stoße ich regelmäßig an Denkkonzeptschwellen.
    Beispiel: “Beschäf­ti­gung­spro­gramm”.
    Den schwedis­chen Fre­un­den war allein der Gedanke schon Häre­sie, denn hier gilt: Arbeit für alle! Da sei es uner­wün­scht, gewisse Arbeit­en als For­men von Kör­be­flecht­en zu beze­ich­nen. Es dauerte 3 Stun­den und brauchte ein von mir neugeschaf­fenes Wort, um das Konzept zu ver­mit­teln.
    Der englis­che Mann kan­nte das Konzept auch nicht, hat­te aber bere­its einen Anfangsver­dacht.
    Allein der amerikanis­che Schwiegersohn erkan­nte sofort: “Busy Work”!
    Ein weit­eres Wort, “Beuteschema”, war den Schwe­den und dem Amerikan­er ähn­lich schw­er zu erläutern, wurde aber vom Englän­der sofort ver­standen.
    Anschließend wur­den die neuen Begriffe vergessen und später nicht wieder­erkan­nt.
    Wenn mehrere typ­isch deutsche Konzepte in einem deutschen Text vorkom­men, bräuchte es bei der Über­set­zung ins Englis­che viele Fußnoten. Weiß man ja nicht, welche Mut­ter­sprache ein zukün­ftiger Leser hat, und welche zugrun­deliegen­den deutschen Denkkonzepte ihm unbekan­nt wären. Ver­ste­ht der Chi­nese oder Buschmann “Busy Work”? Oder muß man das erläutern?
    Ein­fach­er ist es, den Text solange zu abzus­tre­ichen, bis man den kle­in­sten gemein­samen Nen­ner erre­icht. Der kann ggf. sehr klein sein. Daher wäre es m.E. nötig, zuerst den deutschen Text voll­mundig zu schreiben und zu erhal­ten! Das geschieht wohl eher nicht:
    Lars Fis­ch­er @A.S. 26.01.2010 | 13:38 schreibt:
    “Ich beobachte inzwis­chen einen selb­stver­stärk­enden Effekt, der immer mehr The­men der mut­ter­sprach­lichen Diskus­sion entzieht: Über neue wis­senschaftliche Konzepte wird auf englisch kom­mu­niziert, so dass über­haupt keine deutschsprachi­gen Begriffe mehr entste­hen.”

  19. Jan Hattenbach

    Zus­tim­mung zu Lars Fis­ch­er
    Ich stimme Lars Fis­ch­er zu: Wis­senschaft darf sich nicht *auss­chließlich* in ein­er “Wis­senschaftler­sprache” abspie­len, son­dern auch in der Sprache der Nicht-Wis­senschaftler, und damit in den Mut­ter­sprachen. Englisch ist nicht zulet­zt auch dadurch eine so her­vor­ra­gende Wis­senschaftssprache, weil sie so flex­i­bel ist. Sie nimmt leicht neue Begriffe auf oder definiert bere­its bekan­nte um. Das Deutsche tut sich da schw­er­er.
    Ein Beispiel: Der englis­che Begriff “Jet” hat (neben vie­len nicht-wis­senschaftlichen) fol­gende wis­senschaftliche Bedeu­tun­gen:
    “Jet (flu­id), a coher­ent stream of flu­id that is pro­ject­ed into a sur­round­ing medi­um, usu­al­ly from some kind of a noz­zle or aper­ture
    Jet (par­ti­cle physics), a nar­row cone of hadrons and oth­er par­ti­cles pro­duced by the hadroniza­tion of a quark or glu­on in a par­ti­cle physics or heavy ion exper­i­ment
    Polar jet, a phe­nom­e­non in astron­o­my, where streams of mat­ter are emit­ted along the axis of rota­tion of a com­pact object
    Rel­a­tivis­tic jet, an extreme­ly pow­er­ful jet of plas­ma which emerges from the cen­ters of some active galax­ies
    Jet (lig­nite), a type of coal used in some jew­el­ry (ori­gin of the adjec­tive “jet-black”)
    Jet, a type of upper atmos­phere light­ning phe­nom­e­na
    In dif­fer­en­tial geom­e­try, the jet bun­dle is a cer­tain con­struc­tion which makes a new smooth fiber bun­dle out of a giv­en smooth fiber bun­dle
    In math­e­mat­ics, the jet is an oper­a­tion which takes a dif­fer­en­tiable func­tion f and pro­duces a poly­no­mi­al, the trun­cat­ed Tay­lor poly­no­mi­al of f, at each point of its domain”
    (Scham­los kopiert aus Wikipedia.)
    Wie würde man diese Begriffe auf Deutsch beze­ich­nen? Ohne eben “Jet” zu sagen?
    Übri­gens stimmt es zwar, dass die Wis­senschaftssprache zu Galileis Zeit­en Latein war, doch soweit ich weiss (mag sein dass ich mich irre, aber: http://v1.theglobeandmail.com/…NStory/DAVA+SOBEL), ver­fasste er seinen “Dial­o­go” zuerst in ital­ienis­ch­er Sprache — ger­ade weil er ver­standen wer­den wollte(?)

  20. ohno

    @lars fis­ch­er
    Ist das etwas Neues? Schließlich haben die von Dir benutzten Wörter “opti­mistisch”, “Effekt”, “Diskus­sion”, “Konzepte”, “kom­mu­niziert”, “ten­den­ziell”, “kor­rekt”, “the­ma­tisiert” es ganz wun­der­bar geschafft, als (zwar dur­chaus als Fremd­wörter emp­fun­dene) Begriffe heutzu­tage “im Deutschen” benutzt und auch ver­standen zu wer­den.
    Warum soll­ten Wis­senschaftler dann heute die deutsche Sprache um irgendwelche “Begriffe erweit­ern” (erfind­en oder wie?), wenn viele davon über kurz oder lang als ganz natür­lich­er Bestandteil _deutscher_ Sprache benutzt wer­den? Dieses Mal halt nicht lateinisch odr griechisch, son­dern eben englisch. Mal schauen, was als näch­stes kommt.

  21. Lars Fischer

    @ ohno
    Um als Fremd- oder Lehn­worte über­nom­men zu wer­den, müssen diese Begriffe allerd­ings erst ein­mal mit der deutschen Sprache in Kon­takt kom­men. Und das ist nun mal nicht gegeben, wenn man dauernd nur englisch über Wis­senschaft spricht. Worte wech­seln nicht per Osmose zwis­chen Sprachen, son­dern einzig und allein durch Gebrauch.

  22. Thomas Müller

    @Ingrid Blum
    Da war das Prob­lem aber nicht notwendig das Nichtvorhan­den­sein von kog­ni­tiv­en Konzepten, son­dern eben das bloße Fehlen eines entsprechen­den Wortes dafür. Wenn die erwäh­n­ten Per­so­n­en die Konzepte gar nicht ver­standen hät­ten, ohne vorher Deutsch zu erler­nen, dann würde das Reicherts Punkt bzw. die Sapir-Whorf-Hypothese stützen.
    So ist es ein­fach nur eine Lücke im Lexikon, die vielle­icht durch kul­turelle Dif­feren­zen zus­tande gekom­men ist. Das ist nichts beson­deres. Es zeigt nicht, dass auf­grund der Sprache, die ein Sprech­er spricht, diesem andere kog­ni­tive Konzepte zugängig oder ver­wehrt sind, son­dern nur, dass es zwis­chen ver­schiede­nen Sprecher­grup­pen kul­turelle Unter­schiede gibt, die sich (auf lexikalis­ch­er Ebene) auf die Sprache nieder­schla­gen.

  23. Gareth

    Ste­he ich so auf dem Schlauch, dass ich die Ironie nicht erkenne, oder ist Ingrid Blum ein Gespenst aus Deutsch­lands jün­ger­er Ver­gan­gen­heit, das die Über­legen­heit der deutschen Sprache gegenüber anderen Sprachen ern­sthaft pos­tuliert?

  24. David Marjanović

    Wie idi­o­tisch, dass das Kom­men­tar­fen­ster über den schon veröf­fentlicht­en Kom­mentaren ste­ht statt darunter. Das ver­führt ja direkt dazu, zu kom­men­tieren, bevor man sich vergewis­sert hat, ob das Argu­ment, das man anbrin­gen möchte, schon fünf­mal erwäh­nt wor­den ist.
    Noch schlim­mer: Wenn man anfängt, zu schreiben, und dann beim Lesen weit­erblät­tert, ver­schwindet alles, was man geschrieben hat! Zum Glück habe ich das im Vorhinein befürchtet und alles kopiert, bevor ich weit­erge­blät­tert habe. Aber wem ist dieser Blödsinn einge­fall­en???

    neben­bei jam­mert er auch noch über das Ver­schwinden von Kon­junk­tiv und Futur II

    Der Kon­junk­tiv II ist in den bairisch-öster­re­ichis­chen Dialek­ten quick­lebendig (wenn auch regelmäßiger als in der Schrift­sprache), weil es kein Prä­ter­i­tum gibt, mit dem man ihn ver­wech­seln kön­nte. Das Futur II war immer schon sel­ten, und ich ver­wende es immer noch gele­gentlich… es wird nicht ausster­ben, weil seine Kon­struk­tion so nahe­liegend ist.

    Sollte es tat­säch­lich der Fall sein, dass Hegels Über­legun­gen nur für den­jeni­gen nachvol­lziehbar sind, der das deutsche Wort Geist in sein­er all­t­agssprach­lichen Bedeu­tung ken­nt, dann hätte er sich nicht aus­re­ichend klar aus­ge­drückt.

    Es würde mich über­haupt nicht wun­dern, wenn Hegel die Bedeu­tun­gen, die das Englis­che mit mind und spir­it ziem­lich sauber tren­nt, durcheinan­derge­bracht hätte, und das die Basis für alle seine Speku­la­tio­nen über den Geist wären. Solche unfrei­willi­gen Wort­spiele sind in der Philoso­phie ja häu­fig (min­destens seit Anselms ontol­o­gis­chem Gottes“beweis”). Ich habe es aber nie für nötig gehal­ten, Hegels Werke zu lesen, also bin ich lieber ruhig…

    Bruno Bet­tel­heim, in “Freud und die Seele des Men­schen” (1983):

    Das passt ja – die Psy­cho­analyse ist keine Wis­senschaft.

    Mal ges­pan­nt, wann Englisch in diesem Sinne von Man­darin abgeköst wird…

    Naja, früh­estens, wenn es nicht mehr in chi­ne­sis­chen Zeichen geschrieben wer­den muss.
    Außer­dem sind die Töne nicht leicht zu ler­nen (und noch schwieriger zu merken!), wenn man nicht schon eine Ton­sprache spricht. (Der englis­che Artikel ist übri­gens bess­er. Im deutschen sind sog­ar Über­set­zungs­fehler. Tut mir leid, ich habe im Moment keine Zeit, sie zu kor­rigieren.)

    Englisch wurde in Deutsch­land und weltweit mit vorge­hal­tenem Bajonett einge­führt […] Das englis­che Empire ist schon unterge­gan­gen […] US-Stre­itkräfte […] Der Kriegssieger gibt die Verkehrssprache vor, der Besiegte muß sich anpassen. Aber er muß sich das nicht auch noch schönre­den.

    Sie haben den 2. Weltkrieg nicht ver­loren, Frau Blum. Die Nazis haben ihn ver­loren.

    Doch Wis­senschaftler steck­en in einem engen Korsett, nicht nur beim The­ma Kli­ma.

    Was meinen Sie?

    Das Deutsche erschafft intel­li­gente Denkstruk­turen, die im volk­sna­hen Englisch nicht vorge­se­hen sind, und auch andere europäis­che Sprachen sind ärmer aus­ges­tat­tet.

    So kommt es einem immer vor, wenn man keine Fremd­sprache richtig gut kann.

    Den schwedis­chen Fre­un­den war allein der Gedanke schon Häre­sie, denn hier gilt: Arbeit für alle! Da sei es uner­wün­scht, gewisse Arbeit­en als For­men von Kör­be­flecht­en zu beze­ich­nen. Es dauerte 3 Stun­den und brauchte ein von mir neugeschaf­fenes Wort, um das Konzept zu ver­mit­teln.

    Das ist ein kul­tureller Unter­schied, nicht ein­er, der in der Sprache begrün­det ist.

    Ein weit­eres Wort, “Beuteschema”, war den Schwe­den und dem Amerikan­er ähn­lich schw­er zu erläutern, wurde aber vom Englän­der sofort ver­standen.

    Prey spec­trum.
    I’m a biol­o­gist, you can trust me on that. But don’t – look it up instead!
    Dun­ning-Kruger-Effekt (… und wieder ist der englis­che Artikel viel aus­führlich­er).

  25. Gareth

    Das Kom­men­tar­feld geht mir auch mehr und mehr auf den Zeiger.
    Aber zum The­ma:

    Der Kon­junk­tiv II ist in den bairisch-öster­re­ichis­chen Dialek­ten quick­lebendig (wenn auch regelmäßiger als in der Schrift­sprache), weil es kein Prä­ter­i­tum gibt, mit dem man ihn ver­wech­seln kön­nte.

    Der Kon­junk­tiv II (der starken Ver­ben) ist auch in anderen Gegen­den des deutschen Sprachraums noch quick­lebendig. Ich würde eher sagen, dass der Kon­junk­tiv I im gesproch­enen Deutsch so gut wie aus­gestor­ben ist, eben wegen der (teil­weise) For­men­gle­ich­heit mit dem Indika­tiv.

  26. DrNI@AM

    Denken wir wirk­lich in Sprache?
    Die Ironie von Ingrid Blum hier in den Kom­mentaren ist wohl schon sehr sub­til… 😉
    Es ist jeden­falls schwierig, zu behaupten, der Men­sch denke direkt in Sprache. Konzepte und deren Zusam­men­hänge (im Sinne ein­er Ontolo­gie) kön­nen ja auch von Tieren ver­standen wer­den, deren “Sprache” sehr viel lim­i­tiert­er als unsere ist. Sollte sich nun das Gehirn des Men­schen wirk­lich so drastisch von dem der Tiere unter­schei­den?
    Was sich natür­lich unter­schei­den kann, das ist der Trans­portweg der Gedanken. Hier ste­hen je nach Sprache unter­schiedlich gut tre­f­fende Konzepte (im lexikalisch-seman­tis­chen Sinn) zur Ver­fü­gung. Das Prob­lem dürfte jedem Über­set­zer sehr gut bekan­nt sein.
    Im Zweifel darf jed­er auf englisch veröf­fentlichende deutsche Wis­senschaftler einen mut­ter­sprach­lichen Kol­le­gen bit­ten, das Werk Kor­rek­tur zu lesen.

  27. Ignaz Wrobel

    Weltver­ständ­nis auf Unver­ständ­nis?
    oder Selb­stver­ständis als Wirk­lichkeit?
    Der deutsche Wis­senschaftler kann natür­lich Kor­rek­tur lesen lassen, und doch wird schon der Kor­rek­tor ihn nicht ganz ver­ste­hen — es sei denn er kann eben­falls (in) Deutsch denken! Ich habe das — allerd­ings mit dem Franzö­sis­chen — selb­st mehrfach erlebt, und zwar sowohl anfangs als Ver­fass­er als auch sieben Aus­land­s­jahre später als Kor­rek­tor.
    Genau dort liegt wohl auch ein Denk­fehler des Blog­beitrages. Eine ein­heitliche Sprache mag nötig sein (per­sön­lich zwei­fle ich daran — im 18./19. Jahrhun­dert genügte die erstaunlich zügige Über­set­zung). Und falls sie wirk­lich ein­heitlich ist — wie über­wiegend in der Math­e­matik — dann wird sie kaum den wis­senschaftlichen Fortschritt behin­dern. ABER: Eine lebende Sprache ist niemals ein­heitlich, wird nie von allen Forsch­ern gle­ich ver­standen — außer vielle­icht im Bere­ich des inner­sten Fachchi­ne­sischs. (Doch selb­st dort gibt es z.B. im Rechts­franzö­sisch gravierende Unter­schei­de zwis­chen Frankre­ich und der Schweiz oder im Rechts­deutsch zwis­chen Deutsch­land, Öster­re­ich und der Schweiz.) (Etwas) anders war das beim bere­its toten Latein — denn das beruhte auf ein­er (recht) ein­heitlichen Wurzel!
    Lebende Sprachen — und als Sprach­forsch­er wis­sen Sie, Prof. Ste­fanow­itsch, das sich­er — trans­portieren immer auch kul­turelle Ideen und Vorstel­lun­gen. Und diese kul­turellen Spez­i­fi­ka kann der Nicht­mut­ter­sprach­ler nur schw­er erler­nen. Er kann es, ins­beson­dere wenn er (im)migriert (oder Sprach- bzw. Kul­tur­wis­senschaftler wird) und dadurch auch die Kul­tur umfassend mitverin­ner­licht. Aber das braucht Zeit und Kraft, und die haben Wis­senschaftler ja nach Ihrem Pos­tu­lat ger­ade nicht. (Anders wohl noch zu Zeit­en Rilkes, der Dänisch gel­ernt haben soll, um Kiekegaard im Orig­i­nal lesen zu kön­nen.)
    In den Natur­wis­senschaften ist dies von eher unter­ge­ord­neter Bedeu­tung, doch jeden­falls in den sprach­be­ton­ten Geis­teswis­senschaften nicht mehr ver­nach­läs­sig­bar. Das umso mehr als gut 90% der Kom­mu­nika­tion unbe­wusst erfol­gt und dieses Unbe­wusste selb­st in wis­senschaftlichen Pub­lika­tio­nen nie ganz aus­geschlossen wer­den kann, wenn auch reduziert. Ein wis­senschaftlich­er Über­set­zer kann allerd­ings das unbe­wusste zumin­d­est weit­ge­hend bewusst machen.
    Ganz leicht lässt sich dies mit der ach so for­malen Math­e­matik beweisen: 77 + 1 = 100 wird wohl leicht als falsche Aus­sage qual­i­fiziert wer­den, und doch ist sie richtig — im Oktal­sys­tem. Hier ist das Missver­ständ­nis zwar schnell gek­lärt — es wäre schon schwieriger, wenn Amerikan­er an das Oktal­sys­tem und Europäer an das Dez­i­mal­sys­tem gewohnt wären — in der nor­malen Sprache aber wird es meist nicht ein­mal bewusst, meint man also zu ver­ste­hen und ver­ste­ht nicht.
    Daher haben Sie wohl eben­so Recht, wie Prof. Reichert: Vorschreiben kann man die deutsche Sprache nicht; anrat­en und vor Missver­ständ­nis­sen war­nen aber sehr wohl…
    Und vielle­icht hängt die Vorherrschaft des Englis­chen ja zumin­d­est auch von der schieren Lan­des­größe ab, von dessen wirtschaftlich­er Über­ma­cht, von der han­dels­be­zo­gen­heit der englis­chen Kul­tur, von (Kontinental)Europas (leicht­gläu­biger) Akzep­tanz eines amerikanis­chen Wis­senschafts- bzw. Fortschrittsver­ständ­niss­es, etc.

  28. Achim

    Nicht so ein­fach
    Meine wis­senschaftliche Lauf­bahn dauerte nicht sehr lang, aber ein paar Erfahrun­gen auf dem Span­nungs­feld Mut­ter­sprache vs. lin­gua fran­ca des Fachge­bi­ets habe ich schon gesam­melt:
    Die Diskus­sion sub­til­er Unter­schiede zwis­chen ver­schiede­nen Hypothe­sen z.B. fand ich in der Mut­ter­sprache ein­fach­er. Ganz ein­fach, weil mir ein größer­er Wortschatz zur Ver­fü­gung ste­ht, und ich mich hin­sichtlich der Bedeu­tungsnu­an­cen im Englis­chen (wie natür­lich in Fremd­sprachen über­haupt) nicht so sich­er füh­le wie im Deutschen. Ander­er­seits habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass diese Schwierigkeit in den For­mulierun­gen mich zu mehr Klarheit in der Argu­men­ta­tion gezwun­gen hat…
    Um erfol­gre­ich in ein­er Fremd­sprache zu pub­lizieren, reicht es meines Eracht­ens nicht, fach­lich gut zu sein. Ich habe doch an mir selb­st erlebt, dass Fachar­tikel, Vorträge etc., die auf BSE ver­fasst waren, mir inhaltlich schon sehr viel mehr bieten mussten als solche in gutem, flüs­sigem Englisch, wenn sie rezip­iert wer­den woll­ten — weil ich für die Rezep­tion mehr Mühe aufwen­den muss.
    Zum The­ma Konzepte: Wenn man ein Konzept nicht ken­nt, hat man natür­lich Prob­leme, das Wort zu ver­ste­hen.
    Zum The­ma Freud: Da gibt es zwei mögliche Erk­lärun­gen — entwed­er reichte Her­rn Bet­tel­heims Englisch nicht aus, um die Über­set­zung zu würdi­gen, oder die Über­set­zung war ein­fach schlecht. Angesichts Bet­tel­heims Aus­sage Es wurde mir klar, daß die englis­chen Wieder­gaben der Schriften Freuds viel von dem grundle­gen­den Human­is­mus, der das Orig­i­nal durch­dringt, verz­er­ren tippe ich hier auf die Über­set­zung als Kern des Prob­lems.

  29. Ignaz Wrobel

    Tat­säch­lich sprach­lich nicht so ein­fachDie Prob­leme mit BSE reichen meines Eracht­ens noch weit­er: Mehr Mühe, explizitere Argu­men­ta­tion und fehlende Konzepte zwin­gen let­ztlich entwed­er zu einem deut­lich län­geren Artikel oder zu deut­lich weniger Inhalt.
    Darüber hin­aus ist das Denken wohl nicht ganz so unab­hängig von der Sprache, zumin­d­est beim Indi­vidu­um. Gewisse Prob­leme durch­denke ich z.B. eher auf Franzö­sisch, andere eher auf Deutsch. Natür­lich wäre es in der jew­eils anderen Sprache möglich, doch kämem/kommen mir dann nicht diesel­ben Gedanken. Das begin­nt bere­its mit den Wörtern (Assozi­a­tio­nen) und set­zt sich in der Aus­druck­sweise fort. Was in ein­er Sprache fließend sich verbindet, passt oft in der anderen (vor­erst) nicht. Ganz zu schweigen von (oft unbe­wusst mitgedacht­en) kul­turellen Eigen­heit­en. Dazu kommt noch, dass das Deutsche eher die Zus­tand­sän­derung beschreibt, während das Franzö­sis­che mehr das Ergeb­nis betont.
    Zum The­ma Freud: Es gibt eine dritte mögliche Erk­lärung — die Ziel­sprache kann (die) Gedanken nicht gle­icher­maßen wiedergeben. Dies ist z.B. bei der Über­set­zung ins Franzö­sis­che passiert (und Freud wurde ganz anders rezip­iert). Sehr verkürzt gesagt, liegt das an den bei­den ange­führten Unter­schieden: anderes Vok­ab­u­lar und andere For­mulierung. Das im Deutschen tief ver­ankerte Wort “Trieb” musste im Franzö­sis­chen erst erfun­den wer­den. Und dass die Schwierigkeit­en nicht weniger wer­den, wenn man mehr auf (noch dazu oft indi­rekt ver­mit­telte) Ergeb­nisse als auf Hand­lun­gen achtet, das leuchtet sich­er ein. Recht detail­liert dazu, wenn auch nur ein (teils polemis­ch­er) Essay: Gold­schmidt, Als Freud das Meer sah und Gold­schmidt, Freud wartet auf das Wort.
    Vielle­icht gibt es darum ja noch eine weit­ere Erk­lärung: Wel­terken­nt­nis kann nur aus der Kom­bi­na­tion aller Sprach(an)sichten fol­gen, und bleibt selb­st dann inter­sub­jek­tiv. Vielle­icht solle man daher auch/gerade in der Wis­senschaft wieder sprach­liche Vielfalt suchen und (auch) in der Mut­ter­sprache pub­lizieren…

  30. Adrian

    Saus­sures Semi­olo­gie hil­ft
    Ich lese dieses Blog ja ganz gerne mal, aber bin doch nun über­aus erstaunt, welche Ansicht von der erken­nt­nis­the­o­retis­chen Funk­tion der Sprache hier vertreten wird. Dieses ganze Gerede von der weltab­bilden­den Funk­tion von Sprache wider­spricht meinem Ver­ständ­nis völ­lig.
    Hier wird offen­sichtlich eine dop­pelte Repräsen­ta­tion­s­the­o­rie von Sprache zugrun­degelegt: Die Gedanken eines Men­schen beziehen sich auf die Welt bzw. ste­hen für Sachver­halte in der Welt und die Wörter ste­hen für eben diese Gedanken. Diese Sichtweise wird deut­lich in Sätzen wie fol­gen­den:
    “Aus wis­senschaftlich­er Sicht ist es völ­lig egal, in welch­er Sprache der Ideenaus­tausch stat­tfind­et. Wis­senschaftliche Mod­elle sollen die Wirk­lichkeit abbilden und dazu ist jede Sprache in gle­ich­er Weise geeignet.”
    “Wis­senschaft soll die Welt beschreiben. Solange sie das tut, lassen sich ihre Aus­sagen in jede beliebige Sprache über­set­zen.”
    “Wenn diese Über­set­zun­gen die Gedanken dieser Autoren kor­rekt wiedergeben…”
    “Wenn ihre Gedanken dage­gen unüber­set­zbar sind…”
    Bei solchen Grun­dan­nah­men ist klar: Über­set­zen heißt her­aus­find­en, welche Dinge/Sachverhalte oder Gedanken abge­bildet wer­den und diese dann ein­fach in der anderen Sprache aus­drück­en.
    Eine Rezep­tion des Grün­dungs­vaters der mod­er­nen Lin­guis­tik Fer­di­nand de Saus­sures (sog­ar des im Cours de lin­guis­tique générale deformierten) wäre hier sich­er ganz anre­gend, um diese Sicht von Sprache zu hin­ter­fra­gen. Saus­sures Semi­olo­gie stellt die erken­nt­niskon­sti­tu­tive Leis­tung der Sprache her­aus, ihre wel­ter­schaf­fende Funk­tion. Es gibt eben keine Erken­nt­nis ohne Zeichen, der Men­sch hat keine der Sprache vorgängige Erken­nt­nis der Welt. (Ich lasse mal andere Medie wie Malerei und Musik außen vor.) Auch Wil­helm von Hum­boldt hat dies ver­standen und so aus­ge­drückt:
    “Die Sprache ist das bildende Organ des Gedanken. Die intel­lectuelle Thätigkeit, dur­chaus geistig, dur­chaus inner­lich und gewis­ser­massen spur­los vorüberge­hend, wird durch den Laut in der Rede äußer­lich und wahrnehm­bar für die Sinne. Sie und die Sprache sind daher Eins und unz­ertrennlich von einan­der. Sie ist aber auch in sich an die Noth­wendigkeit geknüpft, eine Verbindung mit dem Sprach­laute einzuge­hen: das Denken kann son­st nicht zur Deut­lichkeit gelan­gen, die Vorstel­lung nicht zum Begriff wer­den.”
    Eine sehr ähn­liche häu­fig zitierte Stelle aus dem Cours lautet (meine Über­set­zung):
    “Es ist nicht die charak­ter­is­tis­che Rolle der Sprache gegenüber dem Denken, ein laut­lich­es materielles Mit­tel für den Aus­druck der Gedanken zu schaf­fen, son­dern als Ver­mit­t­lerin zwis­chen dem Denken und dem Laut zu dienen, dergestalt, dass deren Vere­ini­gung notwendig zu wech­sel­seit­i­gen Abgren­zun­gen von Ein­heit­en führt. Das Denken, von sein­er Natur her chao­tisch, wird gezwun­gen, sich in sein­er Zer­gliederung zu präzisieren. Es gibt also wed­er eine Mate­ri­al­i­sa­tion von Gedanken noch eine Vergeis­ti­gung von Laut­en, son­dern es han­delt sich um diese auf irgen­deine Weise mys­ter­iöse Tat­sache [“ce fait en quelque sorte mys­térieux”], dass der ‚Gedanken-Laut’ Gliederun­gen mit sich bringt und dass die Sprache diese Ein­heit­en bildet, indem sie sich zwis­chen zwei amor­phen Massen kon­sti­tu­iert.”
    Mit anderen Worten: Begriffe und Denk­in­halte wer­den – wie die Laut­for­men auf der anderen Seite – erst mit ihrer Vere­ini­gung im Zeichen als differente/identische Begriffe gebildet
    . Aber was ist die Bedeu­tung eines Wortes oder Satzes dann, wenn sie nicht durch das jew­eils Ref­eren­zierte (Gedanke/Ding/Sachverhalt) bes­timmt ist? Die Bedeu­tung eines Zeichens ist das Ergeb­nis sein­er Beziehung zu den anderen Zeichen der Sprache. Dieses “Prinzip der Dif­ferenz” geht auch auf Saus­sure zurück und ist der Grundgedanke des Struk­tu­ral­is­mus.
    “Hin­ter diesem Argu­ment steckt die (falsche) Idee, jed­er Sprache wohne ein eigenes „Weltver­ständ­nis“ inne.”
    Wenn man schon von unter­schiedlichen Sprachen spricht, dann trifft diese Idee zu, weil sich in ein­er Sprache eine je eigene Welt­sicht oder “Lebens­form” zum Aus­druck bringt.
    Ich möchte also bit­ten, falls die Sprach(un)abhängigkeit des Denkens hier nochmal The­ma wird, nicht nur Sapir-Whorf in Augen­schein zu nehmen, son­dern auch Saus­sure und Hum­boldt (und auch Wittgen­stein, den ich nicht auch noch auf­führen wollte).

  31. Armin

    Flex­ion…
    …ist zum Glück im Englis­chen auch so gut wie aus­gestor­ben.
    Und daher ist es wohl ein weit­er­er Vorteil, dass das auf englisch nicht hätte passieren kön­nen:
    “Reichert aber möchte dem Deutschen durch wil­lentlich­es Ignori­eren der sprach­lichen Tat­sachen wieder zur Wis­senschaftssprache machen…”
    Außer­dem finde ich es sehr ein­leuch­t­end, dass natür­lich nicht einzelne Worte, aber sehr wohl die Bilder, die in ein­er bes­timmten Sprache zur Darstel­lung eines Sachver­halts dienen, in ihrer Gesamtheit auch eine Welt­sicht oder Denkweise wider­spiegeln.
    Trotz­dem stimme ich selb­stver­ständlich zu, dass in den Natur­wis­senschaften auf englisch pub­liziert wer­den sollte.
    Herr Reichert ist aber Lit­er­atur-wis­senschaftler und spricht wohl für seine Sparte. Da denke ich dann schon eher, dass Deutsch die Sprache der Wahl ist, sofern das The­ma wiederum deutsche Sprache oder deutsche Lit­er­atur ist.
    Falls es in diesem Zusam­men­hang inter­es­sant ist: Ich per­sön­lich hätte die vor­ange­gan­genen Sätze auch müh­e­los auf englisch schreiben kön­nen.

  32. A. Gonzalez

    Deutsche Wis­senschaftler zu doof?
    Es lässt sich das alles (ich habe jet­zt nicht das Orig­i­nal gele­sen, son­dern nur die Zitate) evtl. auch so deuten, dass Reichert meint, dass die deutschen Wis­senschaftler zu doof für Englisch sind? Zum Glück hat der gute Mann keine Vorurteile. 😉
    Grüßle, Gonzo

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