Sprachpanscher und Nichtsversteher

Ich habe lange nichts über den Vere­in Deutsche Sprache geschrieben, dabei hätte der etwas dig­i­tale Aufmerk­samkeit drin­gend nötig: Für den Such­be­griff VDS bietet Google derzeit als ersten Tre­f­fer die Seite des Brand­schutzex­perten „Ver­trauen durch Sicher­heit“ an, erst an zweit­er Stelle fol­gen die Anglizis­men­jäger aus Dort­mund. Der Such­be­griff Sprach­nör­gler führt dage­gen nach wie vor tre­ff­sich­er zum gewün­scht­en Ziel.

Da ich per­sön­lich die Hauptver­ant­wor­tung für die Ver­bre­itung dieses Begriffs trage (wobei ich sein­erzeit Schützen­hil­fe von Wortis­tik­er Detlef Gürtler hat­te), würde ich zum Aus­gle­ich gerne etwas Nettes über den VDS sagen. Aber so sehr ich mich bemühe, in den Pressemit­teilun­gen der Möchte­gern-Sprach­schützer irgen­det­was zu find­en, das tat­säch­lich etwas mit Sprach­pflege zu tun hätte, ich finde immer nur Sprach­nörgeleien, die in ihrer humor­be­fre­it­en Blöd­haftigkeit zum Verzweifeln sind.

Ein beson­ders dumpfes Beispiel für die Aktiv­itäten des Vere­ins ist die alljährliche Ver­lei­hung des Titels „Sprach­pan­sch­er“ an irgen­deine promi­nente Per­son, von deren Öffentlichkeitswirkung die Deutschtüm­ler auf diese Art etwas abzubekom­men hof­fen. Die Begrün­dun­gen für die Ver­lei­hung sind durchgängig noch faden­scheiniger als das, was der Vere­in son­st so von sich gibt.

In diesem Jahr hat es den ehe­ma­li­gen WDR-Inten­dan­ten und derzeit­i­gen Geschäfts­führer der RUHR.2010 GmbH, Fritz Pleit­gen, getrof­fen. Sein Verge­hen?

Pleit­gen hat als Vor­sitzen­der der Geschäfts­führung der Ruhr.2010 GmbH nicht ver­hin­dern kön­nen, dass der öffentliche Auftritt der von ihm geführten Gesellschaft voller denglis­ch­er Imponier­vok­a­beln steckt. [Pressemit­teilung des VDS vom 27. August 2010]

Ein Beispiel für die „Imponier­vok­a­beln“ gefäl­lig? Bitte sehr:

So beein­druck­end etwa das über 60 km lange Still-Leben Ruhrschnell­weg am 18. Juli gewe­sen ist, warum wur­den dann die vie­len fre­undlichen frei­willi­gen Helfer Vol­un­teers genan­nt?”, fragt der VDS-Vor­sitzende Wal­ter Krämer. „Ich finde, hier hätte der von mir hoch geschätzte Fritz Pleit­gen seine Autorität mehr in den Dienst der deutschen Sprache stellen kön­nen.“

Gut, das kann man nachvol­lziehen. Es dürfte Jahre dauern, bis die deutsche Sprache sich von diesem Schlag erholt hat.

Aber der sprach­liche Fehltritt Pleit­gens ist noch verzeih­lich im Ver­gle­ich zu dem Sün­den­fall, den die zweit­platzierte Stiftung Preußis­che Schlöss­er und Gärten Berlin-Bran­den­burg began­gen hat:

Mit geringem Abstand zweit­er der Abstim­mung wurde die Pots­damer „Stiftung Preußis­che Schlöss­er und Gärten Berlin-Bran­den­burg“. Auf Wer­be­plakat­en für ihre Ausstel­lung zur Preußenköni­gin Luise heißt diese „It Girl“, „Fash­ion Vic­tim“ oder „Work­ing Mom“. „Tiefer kann man wohl nicht sinken“, so Krämer.

Korrekt muss es natürlich Bekleidungsbrauchtumsopfer heißen.

Kor­rekt muss es natür­lich Bek­lei­dungs­brauch­tum­sopfer heißen.

Ja, wenn man tiefer nicht mehr sinken kann, warum hat denn dann Pleit­gen die Ausze­ich­nung erhal­ten, und nicht der Gen­eraldirek­tor der Stiftung Preußis­che Schlöss­er und Gärten, Prof. Dr. Hart­mut Dorg­er­loh? Man ahnt, dass die rel­a­tive Promi­nenz der bei­den Her­ren bei der Auswahl eine größere Rolle gespielt haben dürfte als die rel­a­tive Schwere ihrer sprach­schän­derischen Schuld.

Vor allem aber: Tut er nur so, oder kann der Ober­sprach­nör­gler der Nation tat­säch­lich nicht erken­nen, wann jemand ver­sucht, sich mit dem Gebrauch englis­chen Sprachguts eine harm­lose aber durch­schaubare Hip­ness zu ver­lei­hen, und wann jemand eben jene auf die Schippe nimmt? Kann er wirk­lich nicht zwis­chen dem eigentlichen Gebrauch eines Wortes und einem hin­ter­gründig gemein­ten Zitat des­sel­ben unter­schei­den?

Man muss die Plakatkam­pagne der Stiftung nicht mögen, aber wenn das Sprach­pan­scherei ist, dann ist das hier eine Pfeife:

Das ist keine Pfeife -- oder doch?

Das ist keine Pfeife — oder doch?

Tiefer kann man wirk­lich nicht im selb­stver­liebt sprach­nör­g­lerischen Sumpf versinken.

 

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

24 Gedanken zu „Sprachpanscher und Nichtsversteher

  1. Kinch

    And the win­ner is…
    „wann jemand ver­sucht, sich mit dem Gebrauch englis­chen Sprachguts eine harm­lose aber durch­schaubare Hip­ness zu ver­lei­hen“
    Ha, ich weiß schon, wer näch­stes Jahr als „Sprach­pan­sch­er“ nominiert wird.^^

  2. Peter Hofmann

    Fash­ion Gil
    Meine Eltern kön­nen kein Englisch. Sie kön­nen die Plakate zur Berlin­er Ausstel­lung nicht lesen. Sie sind aus­geschlossen. Die Kri­tik von Begrif­f­en wie “It Girl”, “Fash­ion Vic­tim” oder “Work­ing Mom” in Bezug von Köni­gin Luise über­lasse ich anderen. Ich glaube nur anmerken zu dür­fen, dass Köni­gin Luise, hätte sie jemand als “Work­ing Mom” beze­ich­net, nicht ger­ade höflich geant­wortet hätte.

  3. Jens

    Ja mei
    Ein Großteil der Bevölkerung weiß ver­mut­lich nicht­mal, wer Köni­gin Luise war. Auch alle aus­geschlossen …

  4. Frank Oswalt

    @Peter Hof­mann: Ich kann mir vorstellen, wenn man alles auf Ihre Eltern zuschnei­den würde, wäre die Welt ziem­lich lagn­weilig.

  5. Jens

    Meine Eltern kön­nen auch kein Englisch, trotz­dem, da bin ich mir ziem­lich sich­er, ken­nen sie die Begriffe und wür­den das Plakat auch ver­ste­hen.
    Wobei ich mir nicht ver­stellen kann, daß sie wis­sen, wer Köni­gin Luise ist.

  6. Michael Kuhlmann

    It Girl”
    Ger­ade die Plakate zur Köni­gin Luise sind doch ein her­rlich­es Beispiel, wie jemand genau diese Denglis­chen Mode- und Hip-Wörter der Wer­bein­dus­trie und des Glam­our-Jour­nal­is­mus auf die Schippe nimmt, die auch der VDS kri­tisiert!
    Kön­nen die Leute denn wirk­lich nicht die feine Ironie erken­nen, die hin­ter diesen Plakat­en steckt? Ger­ade die sich cool vork­om­menden “Sprach­pan­sch­er”, die der VDS kri­tisiert, sind doch das Ziel des Spotts. Pro­fess­sor Dorg­er­loh hätte vom VDS also eine Ausze­ich­nung erhal­ten müssen, und nicht den Titel “Sprach­pan­sch­er”, deren eigentliche Adres­sat­en mit den Plakat­en ver­ball­hornt wer­den.
    Aber der VDS ist anscheinend wirk­lich so blöd, wie er sich gibt.

  7. kreetrapper

    Fre­quen­zlob
    Wieder ein schön­er Artikel. Abseits davon möchte ich hier mal ein all­ge­meines Lob dafür aussprechen wie angenehm hoch in den let­zten Wochen die Veröf­fentlichungs­fre­quenz im Sprachlog ist. Danke für all die Mühe.

  8. Gerhard

    Ironie…
    … und gar feine Ironie, die den Gebrauch englis­ch­er Mod­ewörter zum Ziel hätte, kann ich auf den Plakat­en nicht ent­deck­en. Natür­lich ist diese Beze­ich­nung auf den Plakat­en ein bewusster Stil­bruch, aber wenn ich jeden solchen Stil­bruch als Ironie betra­cht­en würde, käme ich aus dem Lachen nicht mehr her­aus.

  9. Gerhard

    @Peer
    Lachen, grin­sen oder schmun­zeln kann ich über diese Plakate dur­chaus. Aber das tue ich auch oft, wenn ich die sprach­lichen Fehlleis­tun­gen unser­er Werbeschaf­fend­en betra­chte oder betrieb­sin­terne Ver­laut­barun­gen nahe der Unver­ständlichkeits­gren­ze. Ob ich da jedes­mal auch nach Ironie fah­n­den soll? Oder es lieber als das nehmen, was es wahrschein­lich meis­tens ist: Real­satire.

  10. Angla

    A bit nut­ty, isn t he??
    Hat der Typ son­st nichts zu tun? Das sind alles offentliche Gelder. Ist das ein­er von
    diesen Pro­fes­soren, die nie arbeit­en? Und dann ganz wichtig irgendwelche Büch­er schreiben, die (oh, lachenswerte Tat), gar
    nichts mit ihrem Fachge­bi­et zu tun haben?
    Wenn der Typ eine Koryphäe wäre, dann hätte
    er sicher­lich nicht so viel Zeit. Jede Wette, der Typ ist aus der 2. Rei­he.
    Grüße (mit Umlaut bitte
    Angela (Angi)

  11. Gareth

    In Berlin hän­gen die Plakate zur Ausstel­lung an allen möglichen Lit­fasssäulen und Bushal­testellen und ich muss sagen, dass ich sie sehr gelun­gen finde. Ich habe übri­gens keine Ahnung, wer Köni­gin Luise ist und ich weiß nicht­mal, von welchem Land oder Reich sie Köni­gin gewe­sen sein soll und zugegeben­er­maßen interessiert’s mich auch nicht, ich ver­ste­he trotz­dem die Inten­tion der Wer­bekam­pagne.
    Peter Hof­manns Eltern tun mir natür­lich leid, nun da sie sich mit dieser ver­wirren­den Kam­pagne (meine Eltern kön­nen übri­gens kein Franzö­sisch!) in frem­den Zun­gen kon­fron­tiert sehen, genau­so wie Köni­gin Luise, die posthum mit undeutschem Vok­ab­u­lar geschän­det wird.

  12. Gareth

    PS. Ist mal jeman­dem aufge­fall­en, was für einen Ser­mos der VDS schon auf dem Cov­er seines aktuellen Mag­a­zins ver­bre­it­et? Ange­blich ist der deutsche Begriff Mit­tel­stürmer in Gefahr, weil er in den Medi­en vom englis­chen Wort goal­get­ter ver­drängt würde. Dass die Herrschaften schon aus Posten­grün­den ungern Englisch sprechen, ver­ste­ht sich von selb­st, aber es wäre ja nicht zu viel ver­langt, mal kurz im Wörter­buch zu schauen, ob goal­get­ter (was ich übri­gens noch nie in deutschen Medi­en gehört oder gele­sen habe) über­haupt Mit­tel­stürmer. Was für Dilet­tan­ten.
    In der­sel­ben Aus­gabe find­et sich auch eine erboste Nachricht von einem Her­ren aus Biele­feld (das fänd ich per­sön­lich um einiges schlim­mer), der einen Brief vom Europäis­chen Gericht­shof auf Englisch erhielt. Skan­dalös, dass nicht die ganze Welt Deutsch schreibt.

  13. wakarazu

    Wenn wir schon beim Fußball sind: Viel amüsan­ter fand ich da die News-Mel­dung des VDS vom 18.6., wo Ottmar Hitzfeld zu seinem Sieg gegen Spanien grat­uliert wird und der olle Herr Krämer tat­säch­lich den Grund dafür in der Anglizis­men-Askese von VDS-Mit­glied Hitzfeld sucht.
    So ab und an frage ich mich ja schon, ob der gute Krämer alles glaubt, was er so schreibt…

  14. ramses101

    Ironiebe­fre­ite Zone
    Ich hab mich ja lange genug in dem Forum des VDS rumgetrieben und mich wun­dert über­haupt nichts mehr. Schon gar nicht die Tat­sache, dass Ironie dort ums Ver­reck­en nicht erkan­nt wird.
    Das ist mitunter erheit­ernd bis desilu­sion­ierend. Zum Beispiel gab es mal ein Wahlplakat der Grü­nen mit der Über­schrift “Mehr Playsta­tions” und dem Bild eines Kindes auf ein­er Spielplatzschaukel. Ironie? Witz? Nicht für den VDS. Da wurde gle­ich ver­mutet, die Grü­nen wür­den Spielplätze in Playsta­tions umbe­nen­nen wollen.

  15. Lucia

    Ja das lei­di­ge The­ma kenne ich nur zu gut, in unserem Deutschunter­richt haben wir sehr oft über die Massen an Englis­chen Wörtern in der deutschen Sprache gesprochen. Viel sind heut zu Tage ein­fach schon gang und gebe und man möchte sie manch­mal auch gar nicht mis­sen, da die deutschen dage­gen oft sehr lan­gat­mig klin­gen. Ja klar und was die ältere Gen­er­a­tion bet­rifft, hört man schon oft Unmut über diesen mas­siv­en Englis­chen Gebrauch. Aber irgend­wie muss man sich heute abfind­en damit, dass man um das Englisch nicht mehr herumkommt.

  16. Nörgler

    Woher stammt das Wort “Sprach­nör­gler”?

    Da ich per­sön­lich die Hauptver­ant­wor­tung für die Ver­bre­itung dieses Begriffs trage (wobei ich sein­erzeit Schützen­hil­fe von Wortis­tik­er Detlef Gürtler hat­te), …

    Detlev Gürtler ist allerd­ings nicht der (erste) Erfind­er dieses Wortes. Das Wort “Sprach­nör­gler” ist schon vor fast hun­dert Jahren aus­gerech­net von Eduard Engel, einem der lei­den­schaftlich­sten Kämpfer gegen die Fremd­wörter, benutzt worden(Deutsche Stilkun­st, 1911, S. 245).
    Erstaunlich, wie sich die Gegen­sätze manch­mal berühren.

  17. Gregor

    Sprach­nörgelei finde ich legit­im…
    …wenn Sie nach­weist, daß ein bes­timmter Begriff infla­tionär gebraucht und damit sein­er Orig­i­nal­ität beraubt wird. So war es beispiel­sweise mal ein witziger Ein­fall, den Begriff “gefühlt” vom Wet­ter­bericht (“gefühlte Tem­per­atur”) auf andere Pänomene (“gefühlte soza­ile Kälte”) zu über­tra­gen. Inzwis­chen ist diese For­mulierung aus­ge­lutscht, weil sie so oft ver­wen­det wird. Genau­so kann das mit Anglizis­men passieren,die, wie A.S. schreibt “eine harm­lose aber durch­schaubare Hip­ness” vor­spiegeln sollen. In so einem Fall finde ich es in Ord­nung, auch mal polemisch Sprach­nörgelei zu betreiben.
    Die Plakate für Luise finde ich geistre­ich und orig­inell, um so mehr als sie dur­chaus ein­mal die Rolle ein­er Sti­likone und Leit­fig­ur des deutschen Patri­o­tismus gespielt hat.

  18. Klausi

    Eng­lish in der deutschen Lan­guage
    Sich über die “Sprach­nör­gler” regelmäßig abzurollen, ist das eine. Sich mit den wahren Prob­le­men nicht auseinan­derzuset­zen, das andere.
    http://www.chronologs.de/…der-deutschen-lan­guage

  19. Gregor

    Sehr Inter­es­sant, Klausi
    Danke für diesen Link. Beson­ders die Frage, in wieweit Englisch als dom­i­nante Wis­senschaftssprache die Arbeit und die Pub­lika­tion­schan­cen nicht-englis­chsprachiger Forsch­er ein­schränkt, ist inter­es­sant.
    Auch den Gedanken, daß englis­che Begriffe sich auch auf das Denken der Men­schen auswirken. Bestes Beispiel ist für mich der Begriff „Her­aus­forderun­gen“, der seit Jahren von Man­agern anstatt des Wortes „Prob­leme“ infla­tionär gebraucht wird. Das ist – so weit ich das beurteilen kann – eine Über­nahme des englis­chen „Chal­lenges“. Damit soll sug­geriert wer­den, es gäbe keine (unlös­baren) Prob­leme, son­dern eben nur „Her­aus­forderun­gen“, die die tollen Hechte in den Führungse­ta­gen sportlich nehmen — sprich: mit Pro­gram­men, die vor allem aus den kreativ­en Ele­menten „Lohn­drück­en“ und „Rauss­chmeißen“ beste­hen. Ich sehe dies als eine typ­isch amerikanis­che Attitüde („Can do“, „Yes we can“), die eine ern­sthafte Debat­te von Prob­le­men, deren Ursachen und möglichen Lösun­gen erschw­ert. Anstatt nachzu­denken und Selb­stkri­tik zu üben nimmt man so lange Siegerposen ein, bis die Karre im Graben liegt.

  20. Gareth

    Anstatt nachzu­denken und Selb­stkri­tik zu üben nimmt man so lange Siegerposen ein, bis die Karre im Graben liegt.

    Jo, genau. Die englis­che Sprache ist wohl kaum daran Schuld, wenn man sich für blöd verkaufen lässt.

  21. Gregor

    @Gareth
    „Anstatt nachzu­denken und Selb­stkri­tik zu üben nimmt man so lange Siegerposen ein, bis die Karre im Graben liegt.“
    Natür­lich braucht man dazu nicht die englis­che Sprache. Mir fall­en – ganz spon­tan – zwei Episo­den aus unser­er Geschichte ein, in der genau das passierte, Englisch aber dabei keine Rolle als Mit­tel der (Selbst-)Täuschung spielte.
    Englisch ist aber heute ein Instru­ment, um Men­schen Sand in die Augen zu streuen. So wie früher mal Latein. Damals brauchte man nur ein paar lateinis­che Brock­en zu murmeln um gelehrt und unan­greif­bar zu wirken.
    Kri­tik an diesem Gebrauch des Englis­chen ist notwendig. Aber nicht weil Englisch min­der­w­er­tig ist. Es geht um die Absicht­en der Sprech­er, die kri­tisiert wer­den müssen.
    Hier geht es um mehr als um das Vortäuschen „harm­los­er Hip­ness“, es geht um die Ver­schleierung der Real­ität.

  22. suz

    @Gregor
    1. Ziel men­schlich­er Kom­mu­nika­tion IST die Manip­u­la­tion des Gegenübers, egal ob in pos­i­tiv­er oder neg­a­tiv­er Absicht oder Wirkung. Mit anderen Worten: Sprache ist nicht nur dazu da, Infor­ma­tio­nen von A nach B zu trans­portieren. Es ist IMMER die Ver­schleierung irgen­dein­er sub­jek­tiv­en Real­ität. Nehmen Sie Höflichkeit: “Kön­nen Sie das Fen­ster zu machen?” ist nicht die Frage nach den physis­chen, zeitlichen oder örtlichen Möglichkeit­en des Adres­sat­en, son­dern schlicht eine Auf­forderung.
    2. “Infla­tionär­er Gebrauch” ist das, was passiert, wenn Men­schen einen zunächst ungewöhn­lichen oder kreativ­en Aus­druck als sehr kom­mu­nika­tiv empfind­en. Im steten Gebrauch wird dieser nor­mal, nutzt sich ab — und wird irgend­wann ggf. durch einen neuen erset­zt. Dage­gen einen Feldzug führen zu wollen ist, naja, bestens­falls zum Scheit­ern verurteilt.
    Wenn “Infla­tion” in Zusam­men­hang mit Sprachkri­tik benutzt wird, dann meist bewusst neg­a­tiv. Es wird sug­geriert, dass Sprech­er gezwun­gen sind, den Aus­druck zu benutzen. Sie benutzen solche Aus­drücke aber genau aus ent­ge­genge­set­zten Motiv­en: weil sie ein bes­timmtes Kom­mu­nika­tions­bedürf­nis bedi­enen.
    3. Ein Prax­is­test: als Tex­terin kann ich ver­suchen, meinen Auf­tragge­bern einen Text unterzu­jubeln, in dem “Prob­leme” und nicht “Her­aus­forderun­gen” ste­ht. Der kommt mit dem Ver­merk ‘zu neg­a­tiv’ zurück. Das nen­nen Sie ‘ver­schleiern der Real­ität’ — wom­it Sie ver­mut­lich in gewiss­er Weise und in vie­len Fällen Recht haben (siehe 1.). Aber Sprachge­brauch ist im weitesten Sinn immer Wer­bung: für den eige­nen Stand­punkt, die intendierte Wirkung etc. Wenn ein Unternehmens­ber­ater oder ein Handw­erk­er einen Text möchte, der poten­tielle Kun­den überzeu­gen soll, dann kann man ruhig eine Ein­stel­lung von “Wir denken in Her­aus­forderun­gen, nicht in Prob­le­men” trans­portieren.
    Dafür müssen wir keine Kul­turkri­tik der “Yes, we can”-Mentalität üben.
    Davon unab­hängig ist die Frage, ob Man­ag­er- und Poli­tik­er­sprache kri­tisier­bar ist (natür­lich ist sie es, obwohl ich Analyse und/oder Wirkung ungle­ich span­nen­der finde). Sie sprechen ver­mut­lich in erster Lin­ie vom all­ge­meinen Sprachge­brauch, und auch da “ver­schleiern” wir per­ma­nent “die Real­ität”, ob mit hip­pen Anglizis­men oder ohne. Und es ist prob­lema­tisch, wenn Sie pauschal die “Absicht­en” der Sprech­er kri­tisieren, weil diese andere sprach­liche Mit­tel wählen, als Sie.

  23. Gregor

    @suz
    Kom­mu­nika­tion ist auf Wirkung aus, aber diese muß nicht unbe­d­ingt manip­u­la­tiv sein. Von Manip­u­la­tion würde ich sprechen, wenn ich zu etwas überre­det werde, was nicht in meinem eige­nen Inter­esse ist. (Etwas zu kaufen, das ich nicht brauche, jeman­den zu wählen, der nicht meine Inter­essen ver­tritt, auf etwas zu verzicht­en, was mir zuste­ht.)
    Sprachkri­tik ist ein Instru­ment, um diese Mech­a­nis­men aufzudeck­en. Es geht nicht darum, ob ich oder jemand anders bes­timmte For­mulierun­gen doof find­et. Es geht darum, den Men­schen die Möglichkeit­en der Manip­u­la­tion aufzuzeigen.
    Das Beispiel „Fen­ster auf/zu“ bietet zwar Kon­flik­t­po­ten­tial, aber den Beteiligten dürften ihre Inter­essen klar sein: Die einen wollen frische Luft, die anderen wollen es lieber warm haben. Im Zweifels­fall siegt die Mehrheit oder der Stärk­ste set­zt sich durch. Mit sprach­lichen Manip­u­la­tionsver­suchen ist da nicht viel zu machen. Bei kom­plex­eren Prob­le­men hinge­gen schon.
    Mit Ihrer Bemerkung über die Wün­sche der Auf­tragge­ber an die Tex­ter haben Sie recht. Kun­den wollen das Gängige, darum ist Wer­bung ja so ein­tönig. Das Prob­lem für die, die kom­mu­nizieren (oder manip­ulieren) wollen, ist hier, dass eine Botschaft, zu oft wieder­holt wird, irgend­wann nicht mehr wirkt. (Insofern kön­nte man sich die ganze Sprachkri­tik natür­lich auch sparen, weil sich abge­drosch­ene Floskeln irgend­wann selb­st ad absur­dum führen.) Wür­den sich die Auf­tragge­ber auf neue, orig­inelle Sprache ein­lassen, dann kön­nten Sie vielle­icht mehr erre­ichen.
    Im Falle des Luisen-Plakates ist die Absicht, Men­schen auf die Ausstel­lung aufmerk­sam zu machen, aus mein­er Sicht nicht manip­u­la­tiv. Und sie wird durch orig­inelle Mit­tel erre­icht, näm­lich die Assozi­a­tion ein­er his­torischen Per­sön­lichkeit mit Vok­ab­u­lar aus der Klatsch­presse. Über die Begriffe „it-girl“ und „fash­ion vic­tim“ würde ich mich in einem anderen Zusam­men­hang ver­mut­lich ärg­ern, weil sie nor­maler­weise dazu dienen, irgendwelchen belan­glosen Zeitgenossi­nen Bedeu­tung zu ver­lei­hen. Auf dem Plakat erzeugt der Kon­trast jedoch eine echte Wirkung. Wenn diese Idee jet­zt aber noch zehn andere Plakat­gestal­ter auf­greifen, dann wird daraus wieder eine Masche, die irgend­wann nur noch nervt.

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