Tag der Muttersprache 2011

Heute ist der Inter­na­tionale Tag der Mut­ter­sprache, den die UNESCO im Jahr 2000 ins Leben gerufen hat, um „ein Bewusst­sein für die Wichtigkeit kul­tureller und sprach­lich­er Vielfalt zu weck­en“. Beson­ders die  weltweit etwa 2 500 bis 3 000 bedro­ht­en Sprachen sollen dabei im Mit­telpunkt ste­hen.

Wer sich mit diesen bedro­ht­en Sprachen näher beschäfti­gen möchte, dem sei als Ein­stieg der von der UNESCO her­aus­gegebene inter­ak­tive Atlas der bedro­ht­en Sprachen emp­fohlen.

Bedro­hte Sprachen gibt es nicht nur ander­swo, son­dern auch direkt vor unser­er Tür. Nicht die deutsche Sprache ist es, um deren Über­leben wir uns sor­gen müssen, son­dern sechs Min­der­heit­en­sprachen, die die UNESCO als „gefährdet“ (def­i­nite­ly endan­gered) oder sog­ar „schw­er gefährdet“ (severe­ly endan­gered) ein­stuft.

Als schw­er gefährdet gel­ten:

  • Sater­friesisch (auch Ost­friesisch), eine west­ger­man­is­che Sprache, die im Land­kreis Clop­pen­burg in Nieder­sach­sen noch von etwa 1000–2500 Men­schen gesprochen wird. [Link zum Wikipedia-Artikel]
  • Nord­friesisch, eine west­ger­man­is­che Sprache, die in Nord­fries­land, auf Föhr, Amrum, Sylt und den Hal­li­gen und auf Hel­goland noch von etwa 8 000 bis 10 000 Men­schen gesprochen wird. [Link zum Wikipedia-Artikel]

Als gefährdet gel­ten:

  • die sor­bis­chen Sprachen, die zur west­slaw­is­chen Sprach­fam­i­lie gehören und in der Ober­lausitz und der Nieder­lausitz in Bran­den­burg und Sach­sen von etwa 20 000 bis 30 000 Men­schen gesprochen wer­den. [Link zum Wikipedia-Artikel]
  • Süd­jütisch (auch Søn­der­jysk), ein dänis­ch­er Dialekt und damit eine nordger­man­is­che (skan­di­navis­che) Sprache, die auf bei­den Seit­en der deutsch-dänis­chen Gren­ze nach inof­fiziellen Schätzun­gen von etwa 30 000 bis 35 000 Men­schen gesprochen wird. [Link zum Wikipedia-Artikel]
  • Jid­disch, eine west­ger­man­is­che Sprache, die weltweit von etwa 2–3 Mil­lio­nen Men­schen gesprochen wird (die genaue Zahl der Sprecher/innen in Deutsch­land ist nicht bekan­nt). [Link zum Wikipedia-Artikel]
  • Romani, eine indoarische Sprache die in Europa von etwa 3,5 bis 4,6 Mil­lio­nen Men­schen gesprochen wird  (die genaue Zahl der Sprecher/innen in Deutsch­land ist nicht bekan­nt). [Link zum Wikipedia-Artikel]

Darüber hin­aus gibt es eine Rei­he weit­er­er Sprachen in Deutsch­land, die nicht als unmit­tel­bar gefährdet, aber als mit­tel­fristig poten­ziell bedro­ht gel­ten müssen, darunter z.B. das Bairische und ver­schiedene fränkische Dialek­te.

Zum Schluss ein Hin­weis auf die Gesellschaft für bedro­hte Sprachen, die ver­sucht, ausster­bende Sprachen wenig­stens zu doku­men­tieren (was sowohl für wis­senschaftliche Zwecke nötig ist, als auch für eine Wieder­bele­bung der Sprache, falls zukün­ftige Nach­fahren der heuti­gen Sprech­er das wün­schen).

Und außer­dem natür­lich ein Hin­weis auf die Peti­tion „Keine Auf­nahme der deutschen Sprache ins Grundge­setz“, die unter anderem ver­hin­dern soll, dass mit ein­er grundge­set­zlichen Ver­ankerung des Hochdeutschen als Staatssprache die Rolle der Min­der­heit­en­sprachen in Deutsch­land weit­er geschwächt wird.

[Link ent­fer­nt.]

Mose­ley, Christo­pher (Hg, 2010) Atlas of the World’s Lan­guages in Dan­ger, Dritte Auflage. Paris, UNESCO Pub­lish­ing. Onlin­ev­er­sion: http://www.unesco.org/culture/en/endangeredlanguages/atlas

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

17 Gedanken zu „Tag der Muttersprache 2011

  1. Smila

    Weil, ich zitiere den Artikel:
    “Beson­ders die weltweit etwa 2 500 bis 3 000 bedro­ht­en Sprachen sollen dabei im Mit­telpunkt ste­hen.”
    Darum.
    Und auf Deutsch ist der Post selb­st schon ver­fasst, wenn ich mich nicht irre. Weil man mit Deutsch näm­lich eine ganze Menge poten­zieller Leser erre­icht, weitaus mehr als mit Sater­friesisch oder seb­st Romani.
    [Für einen ersten Überblick über ein The­ma eignet sich Wikipedia recht gut: http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Sprache ]

  2. mathias

    @Martin:
    Wer des deutschen mächtig ist, dem dürfte der erste Abschnitt aufge­fall­en sein..
    “Heute ist der Inter­na­tionale Tag der Mut­ter­sprache, den die UNESCO im Jahr 2000 ins Leben gerufen hat, um „ein Bewusst­sein für die Wichtigkeit kul­tureller und sprach­lich­er Vielfalt zu weck­en“. Beson­ders die weltweit etwa 2 500 bis 3 000 bedro­ht­en Sprachen sollen dabei im Mit­telpunkt ste­hen. ”
    Das ist doch selb­stre­dend..
    Deutsch wwird von mehr als 120 Mio Men­schen gesprochen, inkl der Deutschen Dialek­te noch ein paar mehr..
    Da ist nichts von bedro­hung zu sehen..

  3. gnaddrig

    Weil:
    Deutsch ste­ht mit 90 Mil­lio­nen Sprech­ern an zehn­ter Stelle, direkt nach Rus­sisch und Japanisch, weit vor Sprachen wie Franzö­sisch, Türkisch oder Pol­nisch (s. Eth­no­logue — Lan­guages of the World. Da fällt es mir schw­er, an eine Gefährdung der deutschen Sprache zu glauben.

  4. Anatol Stefanowitsch

    Deutsch
    Richtig, Deutsch ist nicht „dabei“, weil die UNESCO sich trotz Anglizis­men­schelte und Sprach­pan­sch­er-Wahlen weigert, einzuse­hen, dass diese Sprache dem Unter­gang gewei­ht ist. Man will bei der UNESCO nicht ver­ste­hen, dass Deutsch bei dem derzeit­i­gen Tem­po des Sprach­wan­dels möglicher­weise schon in 500 Jahren kaum noch wiederzuerken­nen sein wird.

  5. mathias

    A.S
    Wenn man mal alte Büch­er liest, die 100 jahre alt sind, erken­nt man das Deutsche da kaum wieder. Von daher sind 500 jahre etwas hoch gegrif­f­en. Und noch ältere Büch­er, die so an mein Haus (1832) her­ran reichen, kön­nen eh höch­stens nur wenige wirk­lich lesen.. Und wenn ich mit mein­er Oma praat, ver­ste­hen das höch­stens Kässköppe 😉

  6. Werner

    alte Büch­er
    @mathias: So sehr hat sich das Deutsche denn doch nicht gewan­delt, son­st wären Goethe und seine Zeitgenossen uns unver­ständlich. Ich habe ger­ade mit großem Vergnü­gen und ohne Prob­leme Friedrich Ger­stäck­ers “Im Eck­fen­ster” von 1870 gele­sen. Außer dem Begriff “Auss­chnit­thand­lung” mußte ich nicht ein Wort nach­schla­gen. Der Stil mag etwas altertüm­lich sein, manche Aus­drücke sind es auch, aber es ist alles als Deutsch zu erken­nen.

  7. Achim

    100 Jahre???

    Wenn man mal alte Büch­er liest, die 100 jahre alt sind, erken­nt man das Deutsche da kaum wieder.

    Hab ich da irgend­wo einen Ironiemark­er überse­hen?

  8. lexikographieblog

    tag der mut­ter­sprache… Auch in Deutsch­land gibt es bedro­hte Sprachen, ins­beson­dere Nord­friesisch und Sater­friesisch (siehe auch das Sprachlog), und die Zeitun­gen (Google-News) nehmen diesen Tag zum Anlass, ver­stärkt über Sprache und ins­beson­dere über Dialek­te zu bericht­en. …

  9. Logiker

    Alte Büch­er…
    @ math­ias:
    … kann zumin­d­est ich prob­lem­los lesen. Hab grad mal ein naja… “nur” 84 Jahre altes Buch raus­gekramt. Bis auf einen gewis­sen “Kochbuch­stil” (“Man nehme …”) ist das Ganze in ein­er heute abso­lut ver­ständlichen Sprache und in einem abso­lut ver­ständlichem Sprach­stil ver­fasst.

  10. Frank Wappler

    Mar­tin schrieb: > Warum … Hm?
    Weil … gestern ja nicht der “Tag der Lan­dessprachen” began­gen wurde; der bis­lang wohl sowieso noch keinen Ter­min hat (son­dern nur hypo­thetisch ist, so sehr er vielle­icht auch für Touris­ten, Entwick­lung­shelfer und/oder -prof­i­teure oder son­stige Kos­mopo­liten ein Anlass zum Feiern und Reflek­tieren wäre).
    Sofern die Sprache “Deutsch” also nicht mit bes­timmten Müt­tern zusam­men­hängt –
    warum dann eigentlich mit bes­timmten Län­dern? …

  11. Sedarra

    Ist Sprache nicht let­ztlich auch etwas, das dem ständi­gen Wan­del unter­liegt, so wie alles auf der Erde? Manch­mal hab ich ein Prob­lem damit, dass man unen­twegt das was war, um jeden Preis erhal­ten will, saniert und ren­oviert. Das Leben entwick­elt sich in neue Rich­tun­gen und damit auch die Sprache, egal ob in Deutsch­land oder sonst­wo. Und je näher die Völk­er zusam­men­rück­en wer­den, desto mehr wer­den sich die Sprachen in Zukun­ft ver­mis­chen.

  12. Klausi

    Inter­na­tionaler Tag der Mut­ter­sprache
    http://www.unesco.de/2975.html
    Sprach­liche und kul­turelle Vielfalt repräsen­tieren uni­verselle Werte, die Ein­heit und Zusam­men­halt ein­er Gesellschaft stärken. Der Inter­na­tionale Tag der Mut­ter­sprache erin­nert an die Bedeu­tung des Kul­turgutes Sprache. Er soll die Sprachen­vielfalt und den Gebrauch der Mut­ter­sprache fördern und das Bewusst­sein für sprach­liche und kul­turelle Tra­di­tio­nen stärken.
    Wenn schon nicht — aus ein­seit­ig sprach­wis­senschaftlich­er Sicht, ver­ste­ht sich — unsere Mut­ter­sprache Deutsch bedro­ht ist, dann doch unsere kul­turelle Vielfalt.
    Ich habe das hier bere­its an ander­er Stelle aus­ge­führt, wie wenig Vielfalt man z.B. in unseren Rund­funk- und Ferb­seh­pro­gram­m­men erken­nen kann. Die sind näm­lich alle­samt anglo-amerikanisch geprägt. Viel englis­che Musik, viele amerikanis­che Filme machen noch lange keine Vielfalt aus. Im Gegen­teil, sie beweisen eine bekla­genswerte Ein­seit­igkeit unser­er gegen­wär­ti­gen Kul­tur­land­schaft. Noch nicht ein­mal unsere Ein­wan­der­er (um das Wort Migranten ein­mal zu ver­mei­den) kom­men gebührend zu Wort. Wed­er wird in unseren Schulen z.B. Türkisch unter­richtet, noch haben wir Sende­plätze für sie übrig.
    Beim Tag der Mut­ter­sprache geht es tat­säch­lich um die Mut­ter­sprache, und zwar — bitte nicht vergessen — um die jew­eils eigene. Die Unesco set­zt sich für die (Mutter-)Sprachen ein, aus den oben genan­nten Grün­den, und nicht dafür, dass eine Sprache oder eine Kul­tur die Welt dominiert.
    Sprachen­vielfalt im Sinne der Unesco heißt außer­dem Sprachen­vielfalt auf der Welt und nicht baby­lonis­che Sprachzustände in einem Lande oder die Durch­set­zung der Mut­ter­sprache mit Anl­izis­men. Im Gegen­teil, Sprache soll Ein­heit und Zusam­men­halt ein­er Gesellschaft stärken. Jeden­falls lese ich das so her­aus, und auch so etwas wie das hier ver­pönte Wort Sprachenpflege.
    Das alles hat nichts mit dem Schutz von Min­der­heit­en­sprachen zu tun, der selb­stver­ständlich sein sollte, für mich als erk­lärter Anhänger von Mundarten und Dialek­ten alle­mal.
    Statt Englis­chunter­richt schon in der Grund­schule wäre für die jew­eili­gen Kinder die Unter­rich­tung in Sor­bisch, Sater­friesisch usw. in den entsprechen­den Regio­nen Deutsch­lands viel sin­nvoller. Und für unsere Migrantenkinder wäre ein Unter­richt in der Sprache der Eltern und Großel­tern mit Sicher­heit frucht­brin­gen­der als alles andere. Die Fremd­sprache, die der nor­male Bürg­er in der Regel noch nicht ein­mal im Beruf braucht, kann der Schüler auch später noch auf ein­er weit­er­führen­den Schule ler­nen. Und für das biss­chen Englisch, auf das unser Fremd­sprache­nun­ter­richt ja eigentlich beschränkt ist, reicht es alle­mal.

  13. Klausi

    Die sprachlose Forschung
    Neben Sater­friesisch und Nord­friesisch ist in Deutsch­land noch eine andere Sprache bedro­ht bzw. bere­its aus­gestor­ben, näm­lich die Wis­senschaftssprache Deutsch. Das jeden­falls sieht Peter-Andre‘ Alt, Lit­er­atur­wi­isen­schaftler und Präsi­dent der Freien Uni­ver­sität Berlin, so:
    http://www.tagesspiegel.de/…rschung/4679386.html
    So enthält man mir als Steuerzahler und Bürg­er dieses Lan­des und mit meinen verblassten Schu­lenglis­chken­nt­nis­sen viele neue wis­senschaftliche Erken­nt­nisse vor. Das ist nicht nur ein Skan­dal an sich, son­dern auch eine neue Form der Zen­sur, wie wir sie lange nicht mehr hat­ten.
    Die geschätzten Werke von A.S. z.B. wer­den mir deshalb wohl auf immer ver­schlossen bleiben.

  14. Anatol Stefanowitsch

    @Klausi
    Bei Inter­esse an meinen wis­senschaftlichen Ein­sicht­en empfehle ich Ihnen, erst­mal mit meinen zahlre­ichen deutschsprachi­gen Pub­lika­tio­nen anz­u­fan­gen. Ich empfehle allerd­ings, vorher Sprach­wis­senschaft zu studieren, da die (durch und durch deutsche) Fachter­mi­nolo­gie son­st ein Prob­lem darstellen dürfte.

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