Im Rausch der Schärfentiefe

Durch einen Beitrag im mit­machenswerten Lin­guis­tik­fo­rum linguisten.de bin ich dieser Tage wieder ein­mal auf die end­lose Diskus­sion um die Richtigkeit und/oder Logik der Wörter Tiefen­schärfe und Schär­fen­tiefe gestoßen, die mich als begeis­terten, wenn auch lei­der nur sehr gele­gentlichen Hob­by­fo­tografen seit vie­len Jahren ver­fol­gt.

Bei dieser Diskus­sion geht es im Prinzip darum, dass alle Tiefen­schärfe sagen, aber in jed­er Diskus­sion früher oder später jemand kommt und darauf hin­weist, dass es „eigentlich“ Schär­fen­tiefe heißen muss. Das älteste doku­men­tierte Beispiel, das ich für diese Art von Diskus­sion find­en kon­nte, stammt aus dem Jahrbuch für Pho­togra­phie und Repro­duk­tion­stech­nik aus dem Jahre 1905:

Schärfentiefe

Schär­fen­tiefe

Dr. Schef­fers Bemerkung ist ein früh­es Beispiel für ein Ver­hal­ten, das sich auch heute noch häu­fig in Foren und Blogkom­mentaren find­et: Wenn man inhaltlich nichts beizu­tra­gen hat, nörgelt man am Sprachge­brauch der anderen Diskus­sion­steil­nehmer herum. Denn eins ist klar: Alle Fotograf/innen, damals wie heute, ver­ste­hen, was mit Tiefen­schärfe gemeint ist, und sprachkri­tis­che Ermah­nun­gen tra­gen nichts zu diesem Ver­ständ­nis bei.

Trotz­dem ist es natür­lich inter­es­sant, zu über­legen, ob Dr. Schef­fer und seine ter­mi­nolo­giebegeis­terten Nach­fahren sprachlo­gisch gese­hen recht haben. Dass dies der Fall sein kön­nte, deutet die Tat­sache an, dass der „offizielle“ Begriff für die Tiefen­schärfe tat­säch­lich Schär­fen­tiefe ist (wie der Wikipedia-Ein­trag belegt).

Um zu entschei­den, ob Schär­fen­tiefe logis­ch­er ist als Tiefen­schärfe, müssen wir zunächst ver­ste­hen, wie zusam­menge­set­zte Sub­stan­tive (Nom­i­nalkom­posi­ta) im Deutschen funk­tion­ieren, denn bei­de Wörter sind ja solche Kom­posi­ta, und bei­de beste­hen aus den Teilen (Kom­po­si­tion­s­gliedern) Schärfe und Tiefe (und aus dem Fugenele­ment -n-, dessen Funk­tion nur ist, die bei­den Wort­teile zu verbinden).

Bei den meis­ten zusam­menge­set­zen Sub­stan­tiv­en im Deutschen bes­timmt das Zweit­glied die Kernbe­deu­tung und das gram­ma­tis­che Ver­hal­ten des gesamten Wortes. Ein Hochzeits­fo­tograf ist eine Art Fotograf, nicht eine Art Hochzeit. „Fotograf“ ist also die Kernbe­deu­tung, die durch „Hochzeit“ genauer bes­timmt wird — ein Hochzeits­fo­tograf unter­schei­det sich von einem Presse-, Sport-, Por­trait- oder Unter­wasser­fo­tograf durch die Motive, die er fotografiert. Es heißt auch der Hochzeits­fo­tograf, das gram­ma­tis­che Geschlecht des Kom­posi­tums wird also durch das Zweit­glied (das Maskulinum Fotograf) bes­timmt, nicht durch das Erst­glied (das Fem­i­ninum Hochzeit). Man kann die Rei­hen­folge der Glieder hier nicht umdrehen, ohne die Bedeu­tung
kom­plett zu verän­dern — eine Fotografen­hochzeit ist etwas ganz anderes
als ein Hochzeits­fo­tograf. Solche Kom­posi­ta nen­nt man „endozen­trisch“ (nach Innen aus­gerichtet), da die Bedeu­tung durch einen der Bestandteile des zusam­menge­set­zten Wortes bes­timmt wird.

Neben endozen­trischen Kom­posi­ta gibt es aber auch soge­nan­nte „exozen­trische“ (nach Außen aus­gerichtete) Kom­posi­ta, bei denen wed­er das Erst- noch das Zweit­glied im engeren Sinne die Bedeu­tung bes­timmt. Ein Löwen­zahn, beispiel­sweise, ist wed­er ein Löwe, noch ein Zahn, son­dern eine Blume.

Schließlich gibt es noch soge­nan­nte Kop­u­la­tivkom­posi­ta (oder Koor­di­na­tivkom­posi­ta), bei denen Erst- und Zweit­glied gle­ich­berechtigt zur Gesamtbe­deu­tung beitra­gen — typ­is­che Beispiele sind Wörter wie Radioweck­er, Has­sliebe oder Hosen­rock. Die Bedeu­tun­gen dieser Wörter sind im Prinzip eine Mis­chung aus den Bedeu­tun­gen der Kom­po­si­tion­s­glieder. Ein Radioweck­er ist je nach Blick­winkel eine bes­timmte Art von Weck­er (ein­er, der ein Radio bein­hal­tet) oder eine bes­timmte Art von Radio (eines mit ein­er Weck­funk­tion). Man kön­nte die Rei­hen­folge der Kom­po­si­tion­s­glieder ver­tauschen, ohne, dass sich die Bedeu­tung ändert: Sucht man in der Google-Bilder­suche nach “Radioweck­er” und “Weck­er­ra­dio”, so erhält man Bilder von sehr ähn­lichen Geräten.

Allerd­ings tra­gen auch bei Kop­u­la­tivkom­posi­ta die bei­den Glieder nicht abso­lut gle­ich­berechtigt zur Gesamtbe­deu­tung bei. Pro­bieren Sie das mit den Wörtern Hosen­rock und Rock­hose bei der Google-Bilder­suche selb­st aus. Sie wer­den fest­stellen, dass sich die Bilder für diese bei­den Such­be­griffe zwar über­schnei­den, dass es aber trotz­dem Unter­schiede gibt: Bei dem Such­be­griff Hosen­rock taucht über­wiegend ein Typ von Bein­bek­lei­dung auf, die zwar zwei Beine hat, aber so weit geschnit­ten ist, dass sie wie ein Rock aussieht; bei Rock­hose find­en sich eben­falls Bilder für diese Art Klei­dungsstück, es tauchen aber auch Bilder von Hosen auf, die an der Taille fest mit einem Rock vernäht sind, also ins­ge­samt eher wie eine Hose ausse­hen, die gle­ichzeit­ig mit einem Rock getra­gen wird. Das jew­eilige Zweit­glied beze­ich­net also in der Ten­denz das­jenige Klei­dungsstück, dem der Hosenrock/die Rock­hose ins­ge­samt ähn­lich­er sieht (bei Radiowecker/Weckerradio lassen sich ähn­liche gradu­elle Unter­schiede fest­stellen). Es gibt also auch bei Kop­u­la­tivkom­posi­ta die Ten­denz, das zweite Glied als etwas dom­i­nan­ter zu inter­pretieren, und auch bei diesen Kom­posi­ta bes­timmt ja das Zweit­glied die gram­ma­tis­chen Eigen­schaften (es heißt der Hosen­rock, nicht die Hosen­rock; der Radioweck­er, nicht das Radioweck­er; die Has­sliebe, nicht der Has­sliebe, usw.).

Kom­men wir nun zur Tiefenschärfe/Schärfentiefe zurück. Offizielle Def­i­n­i­tio­nen leg­en nahe, dass es sich dabei um eine Art der Tiefe han­delt, und nicht um eine spezielle Art der Schärfe:

Schär|fen|tie|fe f. 11 nur Sg. räuml. Bere­ich, inner­halb dessen ein fotograf. Objek­tiv Gegen­stände scharf abbildet [BERTELSMANN Wörter­buch]

Es muss Schär­fen­tiefe heißen, so ein häu­figes Argu­ment in Diskus­sio­nen um die kor­rek­te Beze­ich­nung, weil es sich um die „Tiefe der Schärfe“ (d.h., um die Aus­dehnung des schar­fen Bild­bere­ichs von vorne nach hin­ten, also auf der sagit­tal­en Ebene) han­delt. Eine große Schär­fen­tiefe liegt demgemäß dann vor, wenn ein großer Teil der sagit­tal­en Ebene scharf ist, eine geringe Schär­fen­tiefe dage­gen dann, wenn nur ein klein­er Teil dieser Ebene scharf ist.

Das klingt zunächst logisch. Aber was würde nach dieser Logik und mit dieser Bedeu­tung der Wörter Schärfe und Tiefe das Wort Tiefen­schärfe heißen? Es müsste sich um eine bes­timmte Art von Schärfe han­deln, näm­lich die Schärfe der Aus­dehnung von vorne nach hin­ten). Eine große Tiefen­schärfe würde dann vor­liegen, wenn der scharfe Bild­bere­ich sich über einen großen Teil dieser Aus­dehnung erstreckt, eine geringe Tiefen­schärfe dann, wenn der scharfe Bild­bere­ich sich über einen kleinen Teil der Aus­de­hung erstreckt.

Mit anderen Worten: die bei­den Wörter Schär­fen­tiefe und Tiefen­schärfe beze­ich­nen, wenn man ihre Bedeu­tung aus ihren Einzel­teilen her­leit­et, genau das­selbe. Es gibt schlicht kein sprachlo­gis­ches Argu­ment dafür, einen dieser Begriffe zu bevorzu­gen. Die Sit­u­a­tion ist ganz ähn­lich, wie bei den kop­u­la­tiv­en Kom­posi­ta, allerd­ings nicht, weil bei­de Glieder zu gle­ichen Teilen zur Gesamtbe­deu­tung beitra­gen, son­dern, weil es egal ist, welch­es Glied die Kernbe­deu­tung beis­teuert — die Aus­dehnung der Schärfe ist das­selbe wie die Schärfe der Aus­dehnung.

Das erk­lärt allerd­ings noch nicht, warum sich das Wort Tiefen­schärfe hart­näck­ig und trotz häu­figer Belehrung durch Experten als dom­i­nante Form hält. Seit die Begriffe im späten neun­zehn­ten Jahrhun­dert zum ersten Mal im Google-Books-Kor­pus auftreten, war Tiefen­schärfe fast immer häu­figer als Schär­fen­tiefe. Erst in den let­zten Jahren scheint sich das geän­dert zu haben, wobei abzuwarten ist, ob es sich hier um einen Aus­reißer oder einen dauer­haften Effekt han­delt:

Tiefenschärfe un Schärfentiefe im Google-Books-Korpus

Tiefen­schärfe un Schär­fen­tiefe im Google-Books-Kor­pus

Wenn bei­de Wörter genau das­selbe beze­ich­nen, ist diese Bevorzu­gung des offiziell „falschen“ Wortes erstaunlich. Es kön­nte sich dabei natür­lich ein­fach um die Macht der Tra­di­tion han­deln, aber vielle­icht ist die Erk­lärung auch inter­es­san­ter. Wie ich oben dargestellt habe, übt selb­st bei Kop­u­la­tivkom­posi­ta das Zweit­glied einen etwas dom­i­nan­teren Ein­fluss auf die Inter­pre­ta­tion des gesamten Wortes aus.

Das gilt wohl auch für die Wörter Tiefen­schärfe und Schär­fen­tiefe: Wie der „ambi­tion­ierte Hob­by­fo­tograf“ (Selb­st­beschrei­bung) Wolf­gang Schmidet­z­ki in diesem Blog­beitrag sehr scharf­sin­nig her­ausar­beit­et, geht es vie­len Fotografen bei ein­er Manip­u­la­tion der Schär­fen­tiefe darum, den Hin­ter­grund scharf oder unscharf zu machen. Es geht ihnen also tat­säch­lich um die Schärfe der Tiefe (wobei sie unter Tiefe nicht die (sagit­tale) Aus­dehnung ver­ste­hen, son­dern den Bild­bere­ich, der am weitesten von ihnen ent­fer­nt ist).

Das Wort Tiefen­schärfe ist hier die fol­gerichtige Wahl, und wir sehen wieder ein­mal: Sprachkri­tik ergibt sel­ten Sinn. Die Sprachge­mein­schaft hat nor­maler­weise gute Gründe für ihre sprach­lichen Vor­lieben.

 

Eder, Josef Maria (Hg. 1905) Jahrbuch für Pho­togra­phie und Repro­duk­tion­stech­nik für das Jahr 1905. Halle/Saale, Wil­helm Knapp [Google Books (Snip­pet View)]

Schmidet­z­ki, Wolf­gang (2009) Tiefen­schärfe vs. Schär­fen­tiefe, wolfgang.schmidetzki.net, 5. Dezem­ber 2009. [Link]

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

27 Gedanken zu „Im Rausch der Schärfentiefe

  1. Joachim

    Wik­inör­gler
    “Dass dies der Fall sein kön­nte, deutet die Tat­sache an, dass der „offizielle“ Begriff für die Tiefen­schärfe tat­säch­lich Schär­fen­tiefe ist (wie der Wikipedia-Ein­trag belegt). ”
    Naja, eigentlich belegt der Artikel nur, dass es in der Wikipedia auch Sprach­nör­gler gibt, die darauf beste­hen, dass nur Schär­fen­tiefe richtig sei. Uns übri­gen ist es let­ztlich egal und wir geben es dann auf zu kor­rigieren.
    Ähn­lich erg­ing es mir damals mit dem Begriff Quan­ten­physik, den Sprach­nör­gler unbe­d­ingt zu einem Ober­be­griff machen woll­ten, der neben der Quan­ten­mechanik eben auch “andere Quan­ten­the­o­rien” enthält.
    Sprachlo­gisch mag das stim­men. Schließlich ist Mechanik ein Teil­bere­ich der Physik. Aber fach­sprach­lich ist Quan­ten­mechanik das selbe wie Quan­ten­physik. Unab­hängig davon, das Wikipedia sagt.
    Die Ver­sion­s­geschichte von Tiefen­schärfe kenn ich jet­zt nicht, aber es würde mich nicht wun­dern, wenn es da eine Umbe­nen­nung gegeben hat.

  2. Simon

    Tiefen­schärfe != Schär­fen­tiefe 🙂
    Spätestens wenn man sich mit 3D Auf­nah­men (muss nicht in der Fotografie sein) beschäftigt, weiß man, was “Tiefen­schärfe” wirk­lich bedeutet: Die Schärfe bezo­gen auf die Tiefen­in­for­ma­tion — so wie Klin­gen­schärfe.
    Zugegeben — diese Wortbe­deu­tung ist nicht son­der­lich ver­bre­it­et, aber zumin­d­est bei Bildgeben­den Ver­fahren wie der Com­put­er­to­mo­gra­phie wird er bisweilen genutzt.

  3. suz

    Ich sehe bei­de Begriffe nicht unbe­d­ingt als Syn­onyme (obgle­ich ich gar nicht sagen kön­nte, ob ich sie nicht oft syn­onym ver­wende…).
    Aber ich bin ver­mut­lich vor­ein­genom­men, weil meine PS5 als Bridgekam­era keine Tiefenunschärfe darstellen kann (bzw. nur unter bes­timmten Voraus­set­zun­gen). Tiefe­nun­schärfe klingt für mich auch akzept­abler als ?Unschär­fen­tiefe.
    Also ein­mal Bere­ich (Schär­fen­tiefe) und ein­mal die “Manip­u­la­tion des Hin­ter­grun­des” (Tiefen­schärfe). Ergo: eigentlich eine “klas­sis­che” Deter­mi­na­tivkom­posi­ta-Inter­pre­ta­tion, oder?
    Ist eine solche Ten­denz in den Daten/der Verwendung/der Diskus­sion erkennbar?

  4. jan wo

    > ?Unschär­fen­tiefe
    guck an … das wär mir im Traum nicht einge­fall­en, ich hätt Schär­fe­nun­tiefe draus gemacht.

  5. Markus Pössel

    @Joachim Quan­ten­mechanik
    Ich kenne es dur­chaus so, dass zwis­chen Quan­ten­feldthe­o­rien und Quan­ten­mechanik unter­schieden wird — Quan­ten­mechanik ist dann wirk­lich nur die Quan­ten­the­o­rie von Teilchen, während bei Quan­ten­feldthe­o­rie eben noch ein viel größer­er For­mal­is­mus dazukommt (damit auch die Wech­sel­wirkun­gen quan­ten­the­o­retisch beschrieben wer­den kön­nen).
    Insofern gibt es dur­chaus andere Quan­ten­the­o­rien neben der Quan­ten­mechanik, und die Suche nach einem Ober­be­griff ist so sinn­los nicht…
    Und das sind keine Sprach­nör­gler, son­dern dass ist All­t­ags­ge­brauch bei vie­len Physik­ern, die im Bere­ich Ele­men­tarteilchen­physik und Quan­ten­the­o­rie arbeit­en.

  6. Michael

    Schär­fen­tiefe quan­tifiziert?
    Als Lexiko­gra­phieblog­ger füh­le ich mich verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass Bedeu­tungserk­lärun­gen in all­ge­mein­sprach­lichen Wörter­büch­ern keine “offiziellen Def­i­n­i­tion” sind; zweit­ens stellen sich dort (nach mein­er Suche im Ber­tels­mann-Wörter­buch auf wissen.de) die Ver­hält­nisse noch etwas abstruser dar: Die Bedeu­tungserk­lärung stammt erstaunlicher­weise aus dem Rechtschreib­wörter­buch, das Bedeu­tungswörter­buch ver­weist stattdessen von Schär­fen­tiefe auf Tiefen­schärfe und von Tiefen­schärfe wieder auf Schär­fen­tiefe. Klas­sis­ch­er Fall eines Zirkelver­weis­es — aber eigentlich ganz im Sinne Deines Posts.
    Doch nun genug der Klugscheißerei: Ich bin kein Experte in Sachen Fotografie, aber die Tiefenschärfe/Schärfentiefe scheint mir etwas quan­tifizier­bares sein — stimmt das? Wenn ich bei Google nach “Meter Tiefen­schärfe” oder “Meter Schär­fen­tiefe” suche, gibt es (ziem­lich wenige) Tre­f­fer. Falls die Tiefen­schärfe in Metern mess­bar ist, wäre das für mich ein (auch sprachlo­gis­ch­er) Grund, von “Schär­fen­tiefe” zu sprechen, denn Tiefe ist in räum­lichen Maßein­heit­en bes­timm­bar, Schärfe wohl eher nicht, und die “Tiefe” hätte damit stärk­er den Sta­tus eines Grund­wortes. Nichts­destoweniger war mir das Wort Schär­fen­tiefe bis heute unbekan­nt. Wieder was gel­ernt.

  7. Michael

    Schär­fen­tiefe quan­tifiziert (2)
    Ich sehe ger­ade, dass meine Über­legung so mehr oder weniger auch im Lin­guis­ten-Forum bere­its angedeutet wurde (und der anderen Lesart gegenübergestellt wurde). Hätte ich dort nur mal früher nachge­le­sen. Grüße von einem Fre­und der Filme von Luc Besson.

  8. alter Jakob

    Ich sehe allerd­ings einen Unter­schied zwis­chen der “Aus­dehnung der Schärfe” (1) und der “Schärfe der Aus­dehnung” (2).
    (1) bedeutet mMn dass nach der Aus­dehnung ein­er bes­timmten Schärfe gefragt ist. D.h. z.B. ich will nur den “schar­fen Bere­ich” bes­tim­men.
    (2) fragt dage­gen nach der Schärfe ein­er Aus­dehnung, die allerd­ings inner­halb der Aus­dehnung ver­schieden sein kön­nte. Bspw. scharf bis zu einem bes­timmten Bere­ich (der dann dem oben genan­nten “schar­fen Bere­ich” entspricht), ab da aber dann weniger scharf oder unscharf. Die Aus­de­hung kann sozusagen ver­schiedene Schär­fen haben.
    Zugegeben, dass macht in der Fotografie keinen Unter­schied, weil man immer nur den “schar­fen Bere­ich” haben will. In meinem Ver­ständ­nis gibt es aber prinzip­iell einen Unter­schied von (1) und (2).

  9. Dierk

    Hat noch jemand die Büch­er von Dieter Gabler? Ich habe meine vor Jahren verkauft, aber erin­nere mich vage, dass er bei­de Begriffe unter­schiedlich [und sin­nvoll] definierte. Lei­der bekomme ich das nicht mehr zusam­men, da zum einen kaum jemand seine Def­i­n­i­tio­nen nutzte, und zum anderen weil die prak­tis­che Fotografie sich einen nicht so ganz trock­e­nen um die Sophis­terei von Hoobysprach­wis­senschaftlern küm­mert.
    Selb­st wenn ich den prag­ma­tis­chen Aspekt — Leute, JEDER weiß, was gemeint ist, egal welch­es der bei­den Worte benutzt wird — außer acht lasse, geht es nicht um Meter, Zen­time­ter und Mil­lime­ter, die ich irgend­wie auf einem Stück Papi­er berechne. Es geht darum, Objek­te ein­er Szene ins Ver­hält­nis zu set­zen, so dass der Betra­chter einen Plot/Charakter/Atmosphäre geboten bekommt.
    SLR-Kam­eras mit Offen­blendmes­sung bieten dafür meis­tens einen Knopf zum Schließen der Blende ohne auszulösen. Mit Dig­italk­a­m­eras jed­er Art kann auch ohne solch eine Funk­tion sofort geprüft wer­den, wie das fer­tige Bild aussieht. Ich gebe allerd­ings zu, dass man dafür eine Kam­era, kreatives Ver­mö­gen und Prax­is benötigt — min­destens eines davon geht üblicher­weise TS-ST-Disku­tan­ten ab.

  10. Balanus

    Der Hob­by­fo­tograf Wolf­gang Schmidet­z­ki sieht das, denke ich, ganz richtig.
    Mir ging es beim Lesen des Blog-Beitrags wie @Dierk, ich meine mal gel­ernt zu haben, dass es einen “echt­en” Unter­schied zwis­chen Schär­fen­tiefe und Tiefen­schärfe gibt, ohne mich jedoch erin­nern zu kön­nen, wie es denn nun war oder ist.
    Es war (und ist) wohl so, wie Schmidet­z­ki es beschreibt: Schär­fen­tiefe bezieht sich auf die Abbil­dung­seigen­schaften von Objek­tiv­en, Tiefen­schärfe auf das Foto.
    Das heißt, im Grunde gibt es keinen Stre­it, welch­er Ter­mi­nus richtiger ist (außer bei denen, die von Fotografie keine Ahnung haben ;-)).

  11. Klausi

    Sprach/Sprechergemeinschaft
    “Die Sprachge­mein­schaft hat nor­maler­weise gute Gründe für ihre sprach­lichen Vor­lieben.”
    Dem Satz möchte ich ein Zitat ent­ge­gen­hal­ten, das ich lei­der nicht mehr wortwörtlich im Kopf habe (und vom dem ich noch nicht ein­mal mehr weiß, von wem es stammt): “Sprache ist zwar das Ergeb­nis men­schlichen Tuns, aber nicht men­schlichen Pla­nens.”
    Der Satz bein­hal­tet dem Grunde nach meine Kri­tik an dem Begriff Sprach- der Sprecherge­mein­schaft, der immer wieder genan­nt wird, um Sprachen­twick­lung mit ein­er per­ma­nen­ten demokratis­chen Abstim­mung zu ver­gle­ichen, die man, weil der­art legit­imiert, nicht zu hin­ter­fra­gen hat (nicht daran­herumzunörgeln hat). Manch ein­er stellt das Mod­ell der Sprachge­mein­schaft immer noch als ein alter­na­tivlos­es dar, obwohl “Alter­na­tiv­los” (zu Recht) zum Unwort des Jahres 2011 gewählt wor­den ist.
    Wie dem auch sei, demokratis­che Mod­elle sehen anders aus, ist doch Sprachen­twick­lung nichts anderes, als eine Folge von der eine sagt es dem anderen nach, also dem Nach­plap­pern. So näm­lich ler­nen wir sprechen, Mama, Papa und andere Bezugsper­so­n­en sprechen vor, klein Klausi plap­pert nach. So funk­tion­iert es auch im All­t­ag und im all­ge­meinen bei dem, was wir Sprachen­twick­lung nen­nen. Was wir in den Medi­en lesen, sehen und hören, was Bezugsper­so­n­en und Vor­bilder zeigen und von sich geben, machen wir alle, ohne Aus­nahme, besten­falls durch Nuan­cen unter­schieden, nach. Der Men­sch ist ein Her­den­tier, der seinem Lei­tham­mel fol­gt. Sage mir kein­er, er sei eine Aus­nahme, Aus­nah­men sind so sel­ten wie es echte Indi­vid­u­al­is­ten gibt.
    Dem­nach regiert Sprache auch nicht die “unsicht­bare Hand”, von der andere Wis­senschaftler sprechen, wenn sie (das Phänomen Sprachen­twick­lung oder andere) sozi­ol­o­gis­che Phänomene umreißen wollen, ihnen nichts Besseres ein­fällt, rat­los sind, aber den­noch eine gewisse Tiefen­schärfe zeigen möcht­en. Immer­hin ist die Vorstel­lung ein­er unsicht­baren Hand eine bild­hafte, lei­der aber auch eine falsche, so dass sie uns nichts nutzt. Es ist nun ein­mal, wie oben kurz angeris­sen, kein Geheim­nis, was z.B. hin­ter der Sprachen­twick­lung steckt, und auch keine Magie, wie der Begriff der unsicht­baren Hand uns weiß­machen will.
    Die Sprecherge­mein­schaft ver­di­ent den aufge­set­zten Heili­gen­schein nicht. Anson­sten ver­langte ich den auch für das plumpe Nach­plap­pern.
    Wenn wir “Sprach­nör­gler” an Sprache “herum­nörgeln”, ver­stoßen wir also wed­er gegen demokratis­che Grund­sätze noch gegen göt­tliche Gebote noch gegen Naturge­set­ze, son­dern nehmen viel mehr das Grun­drecht auf freie Mei­n­ungsäußerung wahr. Dazu gehört im übri­gen auch, für eine Grundge­set­zän­derung oder eine Radio­quote bei den öffentlich-rechtlichen Rund­funk- und Fernse­hanstal­ten einzutreten.

  12. Dierk

    @Klausi
    In der Schule wäre das jet­zt ein ‘The­ma ver­fehlt’ — nicht das erste Mal. Meinetwe­gen müssen Sie nicht immer wieder bele­gen, wie wenig Sie an Sprache, Lin­guis­tik oder Ideenaus­tausch inter­essiert sind, ich zumin­d­est glaube Ihnen das auch so.
    Inhaltlich Ihrem Käse ent­ge­gen­zutreten …
    Hät­ten Sie nicht ein­fach schreiben kön­nen: ‘Sehen Sie, die Masse ist doof, deswe­gen benöti­gen wir eine Elite, die bes­timmt, wie es geht.’?

  13. suz

    @Klausi
    Mir geht’s ähn­lich wie Dierk: Zwar weiß ich auch nicht genau, was sie wirk­lich aus­sagen woll­ten. Ver­mut­lich ver­let­zte ich auch die Kom­men­tar­regeln, wenn ich Ihnen antworte, wie ich es vorhabe, aber ich kann Ihnen zumin­d­est beim Zitat helfen.
    Es klingt näm­lich sehr nach Rudi Keller. Auch, weil sie danach die “unsicht­bare Hand” ansprechen. Wenn dem so ist, dann haben Sie aber wed­er Rudi Keller ver­standen, noch die Meta­pher der unsicht­baren Hand, die er für seinen Sprach­be­griff ein­set­zt.

  14. Der Björn

    Esels­brücke im Englis­chen
    Ich unter­schei­de eben­falls bewusst zwis­chen den bei­den Begrif­f­en, da ich in meinem englis­chsprachi­gen Studi­um dem Duk­tus meines Film-Profs gefol­gt bin. Bei ihm lern­ten wir damals die Unter­schei­dung
    “Schär­fen­tiefe = Depth of field
    sowie
    Tiefen­schärfe = Depth of focus”,
    was ja von diesem Stand­punkt aus betra­chtet wirk­lich zwei unter­schiedliche Begriffe sind (siehe jew­eils Wikipedia), die auch in der Pro­duk­tion­sprax­is (und in entsprechen­den Sem­i­narar­beit­en) unter­schieden wer­den mussten.
    Ich kenne allerd­ings auch viele Men­schen, die die Begriffe syn­onym ver­wen­den (und stets “Depth of field” meinen). Hier würde es mich tat­säch­lich freuen, wenn man sich für eine der zwei Begrif­flichkeit­en entschei­den würde..

  15. NörglerIn

    Lin­guis­tik und Pho­totech­nik
    Dieser Blog­beitrag zeigt wieder ein­mal sehr schön, wie wenig die Lin­guis­tik anscheinend zu so ein­er sim­plen Frage beitra­gen kann.
    Die ganze umfan­gre­iche Belehrung über Kom­posi­ta, exozen­trische oder endozen­trische usw. trägt zur kurzen eigentlichen Argu­men­ta­tion nicht das ger­ing­ste bei.
    Diese Argu­men­ta­tion ist zudem über­haupt nicht nachvol­lziehbar und beste­ht in der schlicht­en, gewalt­samen Behaup­tung, “Aus­dehnung der Schärfe” und “Schärfe der Aus­dehnung” seien das­selbe. Die “Schärfe der Aus­dehnung” ist aber doch ger­ade das, woran sich die Kri­tik­er des Wortes “Tiefen­schärfe” stoßen. Wie kann eine Aus­dehnung, die Tiefe, die Eigen­schaft “Schärfe” haben?
    Der Behaup­tung, die bei­den Wörter beze­ich­neten “genau das­selbe”, fol­gt auf dem Fuße die Ein­schränkung, daß sie doch nicht so ganz “genau das­selbe” bedeuteten, was dann in bewährter Gewalt­samkeit die Aus­sage recht­fer­ti­gen soll, “Tiefen­schärfe” sei “hier die fol­gerichtige Wahl”.
    Die Behaup­tung, daß “bei­de Wörter genau das­selbe beze­ich­nen” wider­spricht im übri­gen dem “sehr scharf­sin­ni­gen” Blog­beitrag von Schmidet­z­ki. Schmidet­z­ki sagt ja ger­ade das Gegenteil,daß näm­lich bei­de Begriffe nicht das gle­iche bedeuten.
    Dem Beitrag von Schmidet­z­ki stimme ich ganz zu. Ich würde seine Argu­men­ta­tion wie fol­gt para­phrasieren: “Schär­fen­tiefe” beze­ich­net die lin­eare Aus­dehnung des Schär­febere­ichs (so auch die Wikipedia-Def­i­n­i­tion), “Tiefen­schärfe” dage­gen die Schärfe in der Tiefe der Abbildung(meist Hin­ter­grund, aber auch Vorder­grund).
    Was Schmidet­z­ki zu sagen hat, sagt er viel kürz­er und ohne lin­guis­tis­ches Wort­gek­lin­gel.

  16. Anatol Stefanowitsch

    @NöglerIn
    Ihr Kom­men­tar zeigt wieder ein­mal sehr schön, was viele Ihrer Kom­mentare zeigen: Sie lesen die Beiträge nicht sehr aufmerk­sam und ver­ste­hen deshalb auch nicht, worum es geht. Tat­säch­lich ste­ht nir­gends in meinem Beitrag, dass bei­de Wörter „genau das­selbe“ bedeuten (klein­er Hin­weis: Neben­sätze müssen mit­ge­le­sen wer­den, und wenn Sie das in diesem Fall getan hät­ten, wüssten Sie auch, wozu die Diskus­sion der Bil­dung von Kom­posi­ta dienen sollte). Der Rest Ihres Kom­men­tars ist die übliche heiße Luft, die hier nur deshalb ste­hen bleibt, weil Sie im Sprachlog Stam­m­gast sind und ich die Kom­men­tar­regeln deshalb großzügig auslege.

  17. NörglerIn

    @A.S.
    Sie sagen, ganz ohne Neben­satz: “die Aus­dehnung der Schärfe ist das­selbe wie die Schärfe der Aus­dehnung.”
    Ich halte diese Aus­sage für falsch und habe das auch begrün­det. Es ste­ht Ihnen frei, meine Argu­mente für falsch zu hal­ten, jeden­falls ver­stoße ich damit nicht gegen Ihre Kom­men­tar­regeln. In meinen Beiträ­gen belei­di­ge ich nie­man­den und ich begründe meine Aus­sagen. Wenn Sie ander­er Auf­fas­sung sind, dann nen­nen Sie mir doch bitte die Kom­men­tar­regeln, gegen die ich ver­stoßen hätte.

  18. Dierk

    @NörglerIn

    wenn man ihre Bedeu­tung aus ihren Einzel­teilen her­leit­et, genau das­selbe

    Man muss nicht ein­mal Kon­tex­t­an­a­lytik­er sein, um die von Ihnen zitierte Phrase als Resul­tat eines Absatzes zu erken­nen, dessen Schlüs­se­lele­ment wie oben lautet. Es geht dort also auss­chließlich um eine Wortele­men­t­analyse, nicht um eine foto­fach­sprach­liche Prag­matik, auf die andere [u.a. ich] in den Kom­mentaren bere­its hingewiesen haben.
    Schon in der direkt an das von Ihnen gewählte Zitat anschließen­den Eröff­nung des Fol­ge­ab­satzes macht A.S. deut­lich, dass es eben doch einen emp­fun­de­nen Unter­schied zwis­chen den bei­den zur Diskus­sion ste­hen­den Begrif­f­en gibt — und dies wird ja in den Kom­mentaren von eini­gen [u.a. mir] aufge­grif­f­en und empirisch — wenn auch nicht sta­tis­tisch, schließlich geht es dabei um Fachde­f­i­n­i­tio­nen, nicht um tat­säch­lichen Gebrauch — unter­mauert.
    Nur unter kom­plet­ter Mis­sach­tung des vorgegebe­nen Textes und sein­er Diskus­sion ist es Ihnen möglich, A.S., wenn auch in hüb­schere Worte gefasst, als Dep­pen zu beze­ich­nen, der wed­er Ahnung von Wörtern noch von Fotografie hat. Und außer­dem in einem nut­zlosen Fach arbeit­et.

  19. NörglerIn

    @Dierk
    Glauben Sie denn auch an die Aus­sage: “die Aus­dehnung der Schärfe ist das­selbe wie die Schärfe der Aus­dehnung”?
    Dann erk­lären Sie mir doch bitte, was die Eigen­schaft Schärfe bei ein­er Aus­dehnung bedeutet.
    Ich habe A.S. auch nicht indi­rekt als “Dep­pen” beze­ich­net. Ich habe lediglich die Strin­genz sein­er Argu­men­ta­tion in Zweifel gezo­gen. Das ist nun ein­mal etwas, was jed­er tut, der in ein­er kon­tro­ver­sen Diskus­sion eine eigene Mei­n­ung ver­tritt.
    Ins­beson­dere bezwei­fle ich seine Behaup­tung, daß die Wörter “Tiefen­schärfe” und “Schär­fen­tiefe” das­selbe bedeuteten, “wenn man ihre Bedeu­tung aus ihren Einzel­teilen her­leit­et”. Ich bin vielmehr der gegen­teili­gen Auf­fas­sung und habe das auch begrün­det. Daß sie in der Prax­is häu­fig gle­ichbe­deu­tend gebraucht wer­den mögen, habe ich doch gar nicht bezweifelt. Daß ist aber eine ganz andere Frage.
    Ich habe fern­er A.S. auch nicht indi­rekt als jeman­den beze­ich­net, der “wed­er Ahnung von Wörtern noch von Fotografie” habe. Vielmehr ver­mute ich, daß er viel mehr Ahnung von bei­den The­men hat als ich. Schließlich beze­ich­net er sich selb­st als “begeis­terten Hob­by­fo­tografen”, während ich selb­st eher Gele­gen­heit­sknipser bin, allerd­ings ein wenig Ahnung von the­o­retis­ch­er Optik habe.
    Der Appell an die Autorität ist für mich aber kein Argu­ment. Auch eine Autorität muß sich im Einzelfall an der Schlüs­sigkeit sein­er Schluß­fol­gerun­gen messen lassen.

  20. Dierk

    Ich halte das für ein rein fach­sprach­lich­es Prob­lem, wie ich schon geschrieben habe. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Ausüben­den eines bes­timmten Fach­es, hier der Fotografie, sich eini­gen, wie sie bes­timmte Phänomene, die sich häu­fig nur in Kleinigkeit­en der Anwen­dung oder sog­ar der rein the­o­retis­chen Betra­ch­tung unter­schei­den, der Ein­fach­heit hal­ber benen­nen sollen. Große Konzepte wer­den auf grif­fige Wörter runter gebrochen.
    Was dem Fach­mann in bes­timmten Diskus­sion hil­ft, artet unter Hob­by­is­ten nicht sel­ten zu sin­n­freier Sophis­terei aus. Hier ein sehr aus­führlich­er Artikel aus der inter­na­tonalen Wikipedia http://en.wikipedia.org/wiki/Depth_of_field, in dem die math­e­ma­tisch-physikalis­chen Grund­la­gen recht ordentlich dargestellt sind. Dieser Artikel ist übri­gens erhe­blich aus­führlich­er als das Gegen­stück zu Depth of focus, das wiederum einige Absätze zur Unter­schei­dung, http://en.wikipedia.org/…ocus_vs_depth_of_field, enthält.
    Ziem­lich genau das, was dort geschrieben ste­ht, meine ich auch von Dieter Gabler gehört zu haben. Hat sich halt in D nicht durchge­set­zt, nicht zulet­zt, weil die prak­tizieren­den Fotografen schlicht den DOF-Knopf ihrer Spiegel­re­flex benutzten bzw. ihre Erfahrung ein­set­zten.
    Was die sprach­liche Diskus­sion ange­ht, ob ‘Schärfe der Tiefe’ gle­ichbe­deu­tend ist mit ‘Tiefe der Schärfe’, ja, doch, da ste­he ich bei Her­rn Ste­fanow­itsch. Ich sehe keinen seman­tis­chen Unter­schied zwis­chen diesen bei­den Kon­struk­ten, aber einen prag­ma­tis­chen. Let­zter­er scheint mir allerd­ings sehr ger­ing, da wir schw­er­lich davon reden kön­nen, in ein­er Szene eine Schär­feverteilung zu haben. Wir kön­nen die nur in einem Bild — ganz genau: der zwei­di­men­sion­alen Abbil­dung ein­er drei­di­men­sion­alen Szene — bes­tim­men. Das kann auf Papi­er sein, auf einem Mon­i­tor oder ein­er klas­sis­chen Mattscheibe.
    Die Real­ität [um der Falle zu ent­ge­hen: das gilt natür­lich auch für gestellte Auf­nah­men im Stu­dio, für Table-tops etc.] ken­nt keine Schär­feverteilung. Unser Auge-Hirn-Sys­tem, dass mit ein­er zwei­di­men­sion­alen Abbil­dung arbeit­et, tut eine ganze Menge, um die auf der Net­zhaut ent­stande­nen Schär­feverteilung ver­schwinden zu lassen. Neben­bei gesagt, ger­ade diese Kün­stlichkeit des DOF in Fotos und Fil­men macht Fotografie und Film über­haupt erst kün­st­lerisch inter­es­sant [und 3D grund­sät­zlich urgs].
    Die Verän­derung der Schär­feverteilung wird schließlich mit eini­gen tech­nis­chen Tricks erre­icht, die vor allem die Beu­gung der Lich­strahlen verän­dert, damit diese enger oder weit­er streuen und damit größere oder kleinere Schär­fekreise auf dem Bildträger erzeu­gen. In der Szene ist da gar nichts. Nur in der Kam­era bzw. auf dem endgülti­gen Bild [dessen Schär­feverteilung dann noch in der Dunkelka­m­mer und viel flex­i­bler im Com­put­er verän­dert wer­den kann

  21. Hobbylinguist

    Der Stre­it wäre längst vom Tisch
    wenn alle, so wie ich, Schiefen­tärfe sagen wür­den. Diesen Begriff ver­wende ich seit Jahren. Er hat den Vorteil, dass 1. jed­er ver­ste­ht, was gemeint ist, und 2. kein­er auf den Gedanken kommt, mit “es müsste aber kor­rek­ter­weise Tär­fen­schiefe heißen” zu schlaumeiern.

  22. Tobias

    Die sagit­tale Ebene?
    Ich mein­er­seits möchte nur anmerken, daß es bei der Fotografie meist allen­falls um die trans­ver­sale Ebene geht und nicht um die sagit­tale. Da aber dieser­lei Ebe­nen eher ein Koor­di­naten­sys­tem beze­ich­nen und nicht — wie es richtiger wäre — die Scheimpflugsche Hauptebene, würde ich lieber den /axialen/ Aspekt der Tiefen­schärfe her­vorheben, wenn man über die Tiefe des Raums in Bezug auf die Optik spricht. Also eine Dimen­sion weniger.

  23. Tobias

    und zudem
    hören sich bei­de Wörter ziem­lich bescheuert an, wenn man sie nur oft genug wieder­holt → seman­tic sati­a­tion.

  24. willi wamser

    Strumpfhose und Tiefen­schärfe
    Hier ein paar Beobach­tun­gen zur Con­clu­sio und ihren Prämis­sen.
    Das Faz­it: Der Begriff “Tiefen­schärfe” hat sich in der Konkur­renz der bei­den möglichen Koor­di­na­tiv-Kom­posi­ta “Tiefen­schärfe” und “Schär­fen­tiefe” durchge­set­zt, denn:
    a) Auch bei Koor­di­na­tiv-Kom­posi­ta/Kop­u­la­tivkom­posi­ta liegt ein Bedeu­tungsakzent eher auf dem zweit­en Glied.
    b) prag­ma­tisch gese­hen geht es dem Fotografen häu­fig darum, weit von seinem Stan­dort ent­fer­nte Punk­te scharf oder unscharf zu präsen­tieren.
    c) Das kann, aber muss nicht mit der Schärfe des Nah­bere­ich­es zusam­men­hän­gen: So kann etwa ein Bild “von vorne bis nach hin­ten” scharf sein, muss aber nicht, wenn “Tiefen­schärfe” im hohen Aus­maß gegeben ist.
    d) So gese­hen ist es sprachlo­gisch ein­leuch­t­end, dass der poten­tiell inter­es­san­tere Ziel­bere­ich der fotografis­chen Prax­is auch in den poten­tiell dom­i­nan­teren Teil ein­er Lex­emkom­bi­na­tion gestellt wird.
    Bei ein­er ersten vor­läu­fi­gen Unter­suchung dieser Argu­men­ta­tion tauchen fol­gende Alter­na­tivüber­legun­gen auf:
    a) Ein Lex­em wie “Strumpfhose” dürfte anders als “Hosen-Rock” eher dort ver­wen­det wer­den, wo Strümpfe verkauft wer­den und diese das Ziel des Käufer­in­ter­ess­es sind.
    Somit ist zumin­d­est die These von der leicht­en, gewis­sen Dom­i­nanz des Zweit­gliedes in ihrer vor­sichti­gen For­mulierung bestätigt:”[…]übt selb­st bei Kop­u­la­tivkom­posi­ta das Zweit­glied einen etwas dom­i­nan­teren Ein­fluss auf die Inter­pre­ta­tion des gesamten Wortes aus” (A.S.). Aber das ist kein echt­es Gege­nar­gu­ment. Denn es kann sich ja bei “STRUMPFhose” um eine weniger fre­quente Markierungsart mit­tels Kom­posi­ta han­deln.
    b) Ander­er­seits lässt sich auch fra­gen, inwieweit mit dem gerin­geren oder weniger
    gerin­gen Gle­ichgewicht von zwei Lex­e­men in dem, was man Kop­u­la­tiv-Kom­posi­ta nen­nt, nicht doch ab einem bes­timmten Grad der Ter­mi­nus nur noch holpernd ver­wen­det wer­den kann. Die “Has­sliebe” ist eben pro­to­typ­isch und anders gewichtet in ihren Ele­menten als die “Tiefen­schärfe”.
    c) Eine mögliche Volte in diesen Prob­lem­lage ist das Her­anziehen ein­er anderen Inter­pre­ta­tion: Vielle­icht wird “Tiefen­schärfe” im men­tal­en Lexikon als eine Art Deter­mi­na­tivkom­posi­tum ana­log zu “Feindbe­sei­t­i­gung” ver­standen.
    Es geht um eine Art latentes Objekt (wie beim Gen­i­tivus objek­tivus: Besei­t­i­gung des Fein­des). Dabei würde “Tiefe” metonymisch ver­standen als “Hin­ter­grund” und “Schärfe” als Endergeb­nis eines Vor­ganges “Schärfung/Scharfzeichnung”.
    Also ste­ht in dieser Per­spek­tive “Tiefen­schärfe” für “Tiefen/Hin­ter­grund-Schär­fung/Schar­fze­ich­nung”.
    Eine Lex­emkom­bi­na­tion, die in dieser expliziten Form das tech­nis­che Zielin­ter­esse des Fotografen deut­lich­er markiert.
    Und insofern sie als Lesart des Begriffes “Tiefen­schärfe” fungiert, kann sie hin­re­ichend erk­lären, warum sich der Begriff Tiefen­schärfe (noch) in weit­er­er Ver­bre­itung find­et als der Begriff “Schär­fen­tiefe”.

  25. Roland

    DoF
    Immer wieder inter­es­sant, diese bei­den Wörter gegeneinan­derzustellen; nun lasst mich doch mal schauen, ob ich den Hin­weis auf Depth Of Field ver­sus Depth Of Focus anhand des o.g. Wikipedia-Artikels richtig ver­ste­he. Dem­nach wäre D-o-Focus der Schär­febere­ich auf der Abbil­dung der Szene, die von der Kam­era aufgenom­men wird, während D-o-Field der Schär­febere­ich der Orig­i­nal­szene ist, die mit der Kam­era auf eine Abbil­dung über­tra­gen wird?
    Falls das richtig ver­standen ist, bestärkt mich das darin, bei­de Begriffe syn­onym zu ver­wen­den, solange ich keine genauen Maßein­heit­en quan­tifizieren würde, son­dern von “großer” oder “geringer” “Tiefen­schärfe” oder “Schär­fen­tiefe” sprechen würde. Aber auch fein, gel­ernt zu haben, dass man mit bei­den Begrif­f­en auch zwis­chen Orig­i­nal­szene und ihrer Abbil­dung unter­schei­den kön­nte, sofern man so eine Unter­schei­dung mal extra tre­f­fen müßte und sie nicht entwed­er aus dem Kon­text ersichtlich oder “egal” wäre.
    Wer nun meint, meine Betra­ch­tungsweise sei zu unspez­i­fisch, den bitte ich, ein Wort zu find­en, das dieser Unspez­i­fität Rech­nung trägt …vielle­icht trifft’s “Hin­ter­grund­ver­matschung”? …aber das klingt nun mal nicht sehr fach­lich 😉

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