Bislang kein Dialekt

Obwohl ich als Sprach­wis­senschaftler natür­lich Deskrip­tivist bin, den Sprachge­brauch also beschreibe und erk­läre, ohne ihn in Kat­e­gorien wie „gut“ und „schlecht“ zu bew­erten, ver­suche ich mich beim Ver­fassen mein­er Texte im Großen und Ganzen an präskrip­tiv­en (vorschreiben­den) Sprach­nor­men zu ori­en­tieren. Ein­fach, weil es viel Ärg­er und über­flüs­sige Diskus­sio­nen mit der (ver­legen­den und lesenden) Kund­schaft erspart.

Um mich präskrip­tiv auf Spur zu brin­gen, nutze ich unter anderem den Duden Kor­rek­tor, der seine Arbeit im Großen und Ganzen sehr ordentlich macht. Nur manch­mal ver­hält er sich etwas merk­würdig, zum Beispiel, als er eine Zeit lang den geografis­chen Namen Bre­men als Dialek­t­wort markierte, weil dies auch die Plu­ral­form der Breme, einem mundartlichen Aus­druck für die Stech­fliege, sein kön­nte.

<em>bislang</em>

bis­lang

Auch das Wort bis­lang wird als dialek­tal markiert. Ich habe das immer achselzuck­end hin­genom­men und das Wort trotz­dem ver­wen­det, da für mich offen­sichtlich war, dass es sich dabei um tadel­los­es Stan­dard­deutsch han­delt. Als nun gestern jemand auf Twit­ter darüber nach­dachte, welchen Dialekt der Kor­rek­tor hier meinen kön­nte, behauptete ich öffentlich, dass es sich bei dieser Kat­e­gorisierung um einen Fehler han­deln müsse.

Wie immer, wenn ich etwas öffentlich behaupte, das ich eigentlich gar nicht weiß, wurde ich sofort danach unsich­er und beschloss, der Sache lieber genauer nachzuge­hen.

Zunächst sah ich mir an, was die Stan­dard­wörter­büch­er zur Sache sagen. Wed­er im Ber­tels­mann-Wörter­buch noch im Duden selb­st gibt es in den Ein­trä­gen für bis­lang Hin­weise darauf, dass es sich um ein Dialek­t­wort han­deln kön­nte. Durch Zufall ent­deck­te ich dann aber einen solch­er Hin­weis im Duden-Ein­trag für bish­er, wo bei den Syn­ony­men fol­gen­des ste­ht:

bis heute, bis jet­zt, bis zu diesem Zeit­punkt, bis zum heuti­gen Tag, bis zur Stunde; (schweiz­erisch) bis anhin; (land­schaftlich) bis­lang; (Kauf­mannssprache ver­al­tet) bis dato [Duden online, s.v. bish­er]

Einen weit­eren Hin­weis auf einen möglichen dialek­tal­en Sta­tus des Wortes fand ich dann im Grimm­schen Wörter­buch:

bis­lang, adv. aus bis­solang (s. bis III, 5) zusam­menge­zo­gen, und etwa noch für tam diu, gewöhn­lich für adhuc = bish­er gebraucht. es fehlt ganz in den wörter­büch­ern, ist aber im munde der geschäft­sleute, namentlich im Han­növerischen sehr beliebt. … [Grimms Wörter­buch, s.v. bis­lang]

Wenn es ein Wort aus dem han­noverischen Dialekt wäre, würde das ja erk­lären, warum es für mich wie ein ganz nor­males Wort klingt, denn mein Ham­burg­er Dialekt unter­schei­det sich ja nicht stark von dem der Han­nover­an­er. Trotz­dem passte diese Erk­lärung nicht zu meinem Sprachge­fühl, da ich sich­er war, das Wort auch in der Schrift­sprache schon oft gele­sen zu haben.

Also habe ich eine kleine Dialek­t­studie des schrift­deutschen Gebrauchs von bis­lang durchge­führt. Im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus des Insti­tuts für Deutsche Sprache habe ich die Häu­figkeit­en für bis jet­zt, bish­er und bis­lang her­aus­ge­sucht und mir nach Quellen sortiert anzeigen lassen. Aus diesen Quellen habe ich alle Tageszeitun­gen aus­gewählt, in denen die drei Wörter ins­ge­samt mehr als 150 Mal vorkom­men und die den Namen ein­er Stadt oder Region im Namen tra­gen. Dann habe ich den Anteil (in Prozent) aus­gerech­net, den die Form bis­lang an der kom­binierten Tre­f­fer­zahl für alle drei Wörter hat. Das Ergeb­nis habe ich auf fol­gende Karte über­tra­gen, wobei der Durchmess­er der gel­ben Kreise in Pix­eln der jew­eili­gen Prozentzahl von bis­lang entspricht. Wenn eine Stadt mit zwei Zeitun­gen vertreten war, zeigt ein zusät­zlich­er oranger Kreis die Häu­figkeit in der zweit­en Zeitung an.

<em>bislang</em>

bis­lang

Ver­wen­dung von bis­lang im Ver­gle­ich zu bisher/bis jet­zt. [Die ver­wen­dete Land­karte stammt von Open­StreetMap. Open­StreetMap und diese von mir erstellte Karte ste­hen unter der Creative-Commons-BY-SA-2.0-Lizenz.]

Für einen dialek­tal­en Sta­tus von bis­lang liefert die Karte keine Hin­weise. Das Wort find­et sich in Zeitun­gen aus ganz Deutsch­land, Öster­re­ich und der Schweiz. Allerd­ings ist es in der Schweiz und in Öster­re­ich sel­tener (in eini­gen Regio­nen sog­ar deut­lich sel­tener) als in Deutsch­land. Inner­halb Deutsch­lands gibt es dage­gen kaum nen­nenswerte Häu­figkeit­sun­ter­schiede.

Es kann also sein, dass das Wort ursprünglich auf den han­nover­an­er Dialekt beschränkt war, wie es das Grimm­sche Wörter­buch sagt, und sich von dort aus in die Stan­dard­sprache aus­ge­bre­it­et hat (was durch den her­aus­ge­hobe­nen Sta­tus der des Han­noverischen bei der Stan­dar­d­isierung des Deutschen gut möglich ist). Das würde erk­lären, warum es in Deutsch­land häu­figer ist als in den anderen deutschsprachi­gen Län­dern. Aber dialek­tal im Sinne des Kor­rek­tors ist es sich­er nicht.

Oder überse­he ich etwas? Hat bis­lang zusät­zlich zu sein­er stan­dard­sprach­lichen Ver­wen­dung noch auf einzelne Dialek­te bes­timmte Bedeu­tun­gen? Gibt es vielle­icht ein Insekt, das mundartlich als „Bis­lang“ beze­ich­net wird?

 

Erk­lärung zu Inter­essenkon­flik­ten: Es beste­hen keine Inter­essenkon­flik­te. Ich ste­he in kein­er­lei per­sön­lich­er oder geschäftlich­er Beziehung zum Ver­lag Bib­li­ographis­ches Insti­tut GmbH, der Cor­nelsen-Ver­lags­gruppe, der Ber­tels­mann AG oder deren Mitarbeiter/innen.

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

30 Gedanken zu „Bislang kein Dialekt

  1. Simone

    Zwei Kom­mentare:
    zum gerin­gen Auftreten in der Schweiz:
    nach meinem Sprachge­fühl kann man “bis­lang” in unserem Dialekt nicht ver­wen­den. Daraus ergibt sich wohl, dass wir es auch im Stan­dard weniger ver­wen­den.
    Zu möglichen Inter­feren­zen:
    Im Zweifels­fälle-Duden ste­ht:
    bis­lang: Das Adverb bis­lang (= bis jet­zt) kann nicht als Attrib­ut vor einem Sub­stan­tiv ver­wen­det wer­den; also nicht: die bis­langen Ergeb­nisse, son­dern: die bish­eri­gen Ergeb­nisse. Adverb (1).
    © Duden — Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 [CD-ROM]
    Evt. behan­delt das Kor­rek­tur­pro­gramm von Duden Wörter, bei denen Ein­schränkun­gen beste­hen generell vor­sichtiger, unter­schei­det aber nicht nach der Art der Ein­schränkung.

  2. Eva-M.

    Vom Viech “Bis-fliege” zum
    Ja, dieses Viech gibt es im „Rheinis­chen Wörter­buch”: „Bis-fliege bę•i.s- Prüm-Ihren; bī:s- Erk-Borschemich; best- Barm-Rit­ter­sh­sn f.: Stech­mücke. Bis-mücke bę•i.smek von Merz-Bergen an im Mos­frk ver­br. f.: Das­selfliege.“ [“Bis­lang” fehlt dort aber.]
    Einige groß- und klein­lit­er­arische Wort­be­funde:
    Im Schrift­sprach­lichen, in der Lit­er­atur, die bei z. B. „guten­berg-online“ erfasst ist (also nicht nie neuste, für die der Urhe­ber­rechtss­chutz gilt, ist „bis­lang“ deut­lich nur in wörtlich­er Rede, die auch schnell ver­standen wer­den soll oder will, üblich; übri­gens nicht sehr häu­fig gegenüber anderen gebräuch­licheren Kop­u­la oder Zeitad­ver­bi­en etc.)
    Peter Roseg­ger: Die Schriften des Wald­schul­meis­ters. Pro­log:
    »Wenn Sie meinen, Sie haben bis­lang nur Übles ges­tiftet, warum wollen Sie sich aus dem Staube machen, ohne der Welt, dem Gemein­samen, auch das Gute zu geben, das gewiß in reichem Maße in Ihnen schlum­mert?«
    In ander­er Triv­ial­lit­er­atur ver­stärkt und deut­lich in kurzen erk­lären­den Zusam­men­hän­gen:
    „Das ›Im Namen des Königs‹ stellte all­ge­meine Ruhe und Aufmerk­samkeit her. Die kauf- und schaulusti­gen Män­ner und Weiber, die bis­lang die zu ver­steigern­den Gegen­stände unter­sucht, in Töpfe und Schränke die Nase gesteckt, alles Abschätzenswerte befühlt und betastet und die York­shire-Sau ein­er gründlichen Beau­gen­scheini­gung hin­sichtlich des zu erwartenden Fleis­chw­ertes unter­zo­gen hat­ten, plac­i­erten oder drängten sich an den Tisch, wo der Herr Auk­tion­a­tor amtierte, um ihre Ange­bote zu machen.
    »Im Namen des Königs!«
    (Joseph von Lauff: Pit­tje Pit­tje­witt — Kapi­tel 6)
    *
    Intere­sant, dass Schopen­hauser „bis­lang“ als ein „Beip­siel im Verze­ich­niß der wichtigeren in der Abhand­lung über die Sprachver­hun­zung besproch­enen Worte“ führte: „sprachver­hun­zend „bis­lang« 179.“
    [An diese Textstelle kam ich bish­er nicht ran.)
    Vom Nier­rhein er kenne ich es im All­t­agsprach­lichen nicht; im West­fälis­chen nur in etwas gezierten, for­mal­isierten Zusam­men­hän­gen: “Bis­lang ist der Jansen­hans nicht wieder aufge­taucht.”
    Südlich der Ben­rather Sprach­lin­ie scheint man es umganssprach­lich nicht zu ken­nen.

  3. ama

    Rain­stes Hochdeitsch!
    Han­noverisches Deutsch wird, so erlebe ich es, immer als rein­stes Hochdeutsch beze­ich­net. Spricht Ein­er im Süden reines Hochdeutsch, wird er dort sofort als “aus Han­nover” ein­sortiert.
    Mich inter­essiert aber etwas ganz anderes: Wie benutzt man eine Zeitung als Wortquelle? Daß ein Wort in ein­er Zeitung ste­ht, ist eine Sache, aber wie will man die Häu­figkeit von Worten messen? Dicke Zeitun­gen haben mehr Inhalt, kleine Blättchen viel weniger Text. Große Städte haben große Zeitun­gen, kleine haben Käse­blättchen. Insofern ist doch zu erwarten, daß in ein­er Kle­in­stadt viel eher sprach­lich dialek­tis­che Inhalte sind (aber in viel gerin­ger­er Textmenge) als in ein­er sich vornehm geben Großs­tadtre­gion mit “besserem” Lesepub­likum.

  4. JHB

    (was durch den her­aus­ge­hobe­nen Sta­tus der des Han­noverischen bei der Stan­dar­d­isierung des Deutschen gut möglich ist)
    der des? klingt komisch…
    Freu mich aber das ich auf meinen “Dialekt” -> Nieder­sachse, spreche daher “Hochdeutsch” stolz sein kann 😉
    Hat jmd zu dem The­ma Bedeu­tung der Han­nover­an­er Sprache in Bezug auf das Hochdeutsch einen Link?

  5. gnaddrig

    @ ama: Han­növer­sch ist kein Hochdeutsch
    “Han­noverisches Deutsch wird, so erlebe ich es, immer als rein­stes Hochdeutsch beze­ich­net. Spricht Ein­er im Süden reines Hochdeutsch, wird er dort sofort als “aus Han­nover” ein­sortiert.”
    Zu unrecht. In Han­nover wird beileibe nicht nur Hochdeutsch gesprochen, son­dern auch Dialekt. Der heißt Han­növer­sch und klingt nicht wirk­lich wie Hochdeutsch. Nachzule­sen bei Wir sind Han­nover­an­er, da gibt’s auch schöne Sprach­beispiele zum Anhören.

  6. ama

    @gnaddrig
    “Han­növer­sch ist kein Hochdeutsch”… Danke für den link. Anhören werde ich das nicht. Die schriftlichen Beispiele sind schon schlimm genug.
    Wie gut, daß ich NICHT aus Han­nover bin, auch wenn mich die Spitzkohlköppe der Fildern der hannover’schen Land­schaft zuord­nen.
    Inter­es­sant ist, wie man in ein­er Umge­bung aufwach­sen kann und doch eine ganz andere Sprache als diese spricht, wobei es sog­ar die Hochsprache des Lan­des ist. Sprach­liche Oasen und Exklaven…

  7. Anatol Stefanowitsch

    Häu­figkeit
    @ama: Die Karte zeigt nicht die reinen Häu­figkeit­en. Das wäre in der Tat sinn­los, weil die Zeitun­gen mit unter­schiedlich großen Textmen­gen im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus vertreten sind. Stattdessen zeigt die Karte, wieviel Prozent aller Tre­f­fer für bis­lang, bis jet­zt und bish­er auf bis­lang fall­en, also:
    nbis­lang / (nbis­lang + nbish­er + nbis jet­zt)

  8. ama

    Lieber His­togramm nehmen?
    AS, Danke für die Erk­lärung.
    Das meiste der Karte ist doch weiß, weil unbekan­nt. Die Kreise kann ich schlecht unter­schei­den, auch fehlen die Prozentzahlen. Oder sind die woan­ders, was ich jet­zt nicht ver­linkt finde?
    Ich finde die Stelle jet­zt nicht, kann mich aber auch irren: wie ist es mit dem Satzbau? Gibt es bevorzugte Kon­struk­tio­nen, bei denen ein Wort häu­figer, ein anderes weniger oder gar nicht benutzt wird? Dann kön­nte die Häu­figkeit auch mit den regionalen Vor­lieben für die Erzählweise zusam­men­hän­gen.
    Übri­gens habe ich das Wort “bisweilen” hier im Text nicht ent­deckt. Das ist auch auch so ein Kan­di­dat.
    Schon vor einiger Zeit ist mir “deswe­gen” “darum” “deshalb” aufge­fall­en. Die sind doch in der Anwen­dungsweise gle­ich. Aber ich wette, es sind Unter­schiede in der Häu­figkeit festzustellen.
    Kann die Anwen­dung­shäu­figkeit auch etwas mit dem Zielpub­likum der jed­weili­gen Zeitung zu tun haben, also weniger damit, wie WIRKLICH gesprochen wird? Manche Zeitun­gen haben den Wahn, sprach­bildend sein zu müssen, und reit­en ger­manikalis­tis­che Steck­en­tro­jan­er.

  9. Christoph Päper

    wieso? weshalb? warum? *weswe­gen?
    Ama: „Schon vor einiger Zeit ist mir “deswe­gen” “darum” “deshalb” aufge­fall­en.“
    In der Rei­he fehlt ‚dieso‘, um für jedes Sesam­straßen-W-Frage­wort eine entsprechende Antwort parat zu haben.

  10. Albert P.

    Kleine Anmerkung
    @ama usw.:
    Der deskrip­tive Lin­guist bevorzugt im übri­gen “Stan­dard­deutsch” statt “Hochdeutsch”, da es weniger wert­ge­laden klingt.
    Bzgl. Han­nover und Stan­dard­deutsch: Ich würde behaupten, dass in Han­nover kein Stan­dard­deutsch gesprochen wird (son­dern ein “Regi­olekt”) — und es über­haupt kaum jeman­den geben dürfte, der es spricht.
    Die zugrunde liegende Def­i­n­i­tion von “Stan­dard­va­ri­etät” wäre, das es die Abwe­se­hen­heit regionaler/lokaler Fär­bun­gen bedeutet. D.h. ein Sprech­er des Stan­dard­deutschen dürfte räum­lich nicht zu verorten sein.
    Das ist bei Han­nover­an­er mit Sicher­heit nicht der Fall; die lassen sich i.d.R. recht leicht verorten…

  11. madcynic

    Und ich dachte immer, der Lin­guist bevorzugt den Begriff Stan­dard­deutsch um nicht ständig die Vewech­selungs­ge­fahr mit Hoch- (aka Oberdeutsch) und Niederdeutsch zu befördern.

  12. NörglerIn

    Als ich (im Ruhrge­bi­et) aufgewach­sen bin, kan­nte ich nur das Wort bish­er. Als mir zuerst – vielle­icht in den 60er oder 70er Jahren — das Wort bis­lang begeg­nete, fand ich es fürchter­lich affek­tiert, ja lächer­lich.
    Mir scheint deshalb, daß das Wort bis­lang bis vor weni­gen Jahrzehn­ten nicht zum stan­dard­deutschen Wortschatz gehörte. Inzwis­chen habe ich mich daran gewöh­nt, und das Wort gehört heutzu­tage wohl dur­chaus zum Stan­dard­deutschen.
    Wörter­buchein­träge sind allerd­ings lan­glebig und entsprechen nicht immer dem aktuellen Stand. Es wäre naiv anzunehmen, daß der Duden bei jed­er Neuau­flage seine sämtlichen Ein­träge über­prüft.
    Eine Suche im DWDS- Stan­dard­ko­r­pus bestätigt meinen Ein­druck. Danach hat die Ver­wen­dung von bis­lang seit den 70er, aber beson­ders in den 80er und 90er Jahren stark zugenom­men.
    Nach wie vor ist aber bish­er laut DWDS und Google die ein­deutig vorherrschende Vari­ante, von bis jet­zt oder bis heute ganz abge­se­hen.
    Ob bis­lang früher eine „dialek­tale“ oder regionale oder bloß eine sel­tenere hochdeutsche Vari­ante war, bleibt allerd­ings noch offen. Um das zu entschei­den, bedürfte es genauer­er his­torisch-regionaler Unter­suchun­gen.

  13. Alexss

    Apro­pos…
    Ich ver­suche selb­st so gut wie möglich dialek­t­frei zu reden. Jedoch ist das nicht ein­fach.
    Welche Möglichkeit beste­ht für mich, richtig Deutsch zu ler­nen?
    Schule ist schon lange her und ich bin auf der alten Rechtschrei­bung noch hän­gen geblieben. 🙂
    Danke!

  14. Frank Wappler

    Diesen­thalb und der­en­twe­gen …
    Ana­tol Ste­fanow­itsch schrieb (10. Okto­ber 2011, 09:29):
    > […] den Anteil (in Prozent)ausgerechnet […]
    > Das Ergeb­nis habe ich auf fol­gende Karte über­tra­gen, wobei der Durchmess­er der gel­ben Kreise in Pix­eln der jew­eili­gen Prozentzahl […] entspricht.
    Wie viele Pix­el groß sind denn nun die Durchmess­er dieser ver­schiede­nen gel­ben Kreise; z.B. der “über Ham­burg” oder der “über Salzburg”?

  15. Anatol Stefanowitsch

    His­torische Entwick­lung
    @Nörgler u.a.: Die his­torische Entwick­lung zeigt genau das, was die Gegenüber­stel­lung des Grimm­schen Zitats („fehlt in den Wörter­büch­ern“) und die aktuelle Sit­u­a­tion (im gesamten deutschen Sprachraum ver­bre­it­et) ver­muten lässt: Die Häu­figkeit der von bis­lang im Schrift­deutschen hat (ger­ade über die let­zten Jahrzehnte) stark zugenom­men, die Form kann heute ein­deutig als Stan­dard­deutsch beze­ich­net wer­den:

    [Nach­trag: Die Prozent sind in Dez­i­malschreib­weise angegeben, d.h. 1,0 = 100 %]

  16. gnaddrig

    @ JHB
    Willy Sanders beschreibt in „Sach­sen­sprache, Hans­esprache, Plattdeutsch – Sprachgeschichtliche Grundzüge des Niederdeutschen“ (Göt­tin­gen 1982), wie es zu dem Ein­druck kommt, dass in oder um Han­nover das beste Hochdeutsch gesprochen werde, und welche Rolle die Han­nover­an­er Sprache für das Hochdeutsche spielt.
    Kurz zusam­menge­fasst von S. 179: Im ober- und mit­teldeutschen Bere­ich stellen Hochsprache und Mundarten Repräsen­ta­tio­nen des­sel­ben Sprachtyps dar, die sich gegen­seit­ig bee­in­flussen. Die Übergänge sind fließend, der Wech­sel zwis­chen Hochsprache und Mundart ist stufen­los möglich.
    Im niederdeutschen Bere­ich ist es anders. Hochsprache und Mundarten stellen Repräsen­ta­tio­nen ver­schieden­er Sprachtypen dar. Der Unter­schied zwis­chen Hochdeutsch und Niederdeutsch ist let­ztlich unüber­brück­bar, man spricht entwed­er Hochdeutsch oder Mundart. Deshalb ist das Hochdeutsche im niederdeutschen Bere­ich (u.a. um Han­nover) als erlernte „Fremd­sprache“ anzuse­hen. (Jeden­falls ist es dort wie eine Fremd­sprache einge­führt wor­den und hat über einen län­geren Zeitraum das niederdeutsche Sprachge­bi­et „erobert“.)
    „Man kann immer wieder hören, das beste Hochdeutsch werde im Nieder­säch­sich­schen gesprochen, genauer noch im Raum um Han­nover […]. Dies trifft in der Tat zu, wenn man die Kor­rek­theit der Artiku­la­tion an ihrer Übere­in­stim­mung mit der Schrift bemißt. Man muß sich infolgedessen klar­ma­chen, daß diese vor­bild­hafte niederdeutsche Aussprache im Grunde nichts anderes ist als das Sprechen des zunächst als fremd emp­fun­de­nen und erlern­ten Hochdeutschen nach dem geschriebe­nen Buch­staben. Den­noch zählt let­zen Endes nur der Erfolg, und so hat H. Bach „die dom­i­nanz der nord­deutschen aussprache“ als einen nichtzu unter­schätzen­den „gegen­stoß der unter­lege­nen sprache“ gew­ertet.“ (S. 189f.)

  17. impala

    bisweilen passt nicht in die Rei­he

    Übri­gens habe ich das Wort “bisweilen” hier im Text nicht ent­deckt. Das ist auch auch so ein Kan­di­dat.

    bis­lang und bisweilen sind aber nicht syn­onym, da bisweilen so viel wie manch­mal oder mitunter bedeutet, vgl.:
    “Die Bewohn­er der Tief­see sind bisweilen bizarr.”
    (http://www.dradio.de/…1152300/bilder/image_main/)
    “Zuwan­der­er sind bisweilen sehr gut aus­ge­bildet, bekom­men aber ihre Abschlüsse nicht anerkan­nt.”
    (http://www.faz.net/56E4A~ATpl~Ecommon~SMed.html)

  18. Frank Wappler

    … noch immer (jot jejange)
    A.S. schrieb (11.10.2011, 09:46):
    > Die genaue Größe der Kreise ist ja eigentlich egal
    Falls, wie das Dia­gramm “His­torische Entwick­lung” (11.10.2011, 10:43) bei flüchtigem Lesen sug­geriert, der “bisher”-Anteil in der Größenord­nung von noch immer weniger als einem hal­ben Prozent läge …
    … dann kön­nte man ja eigentlich einen Sozi­olekt ver­muten.
    > Wenn Sie die genauen Prozentzahlen haben möcht­en, find­en Sie sie in dieser Datei […]
    Danke, passt schon, so weit (Bremerhaven–Kiel an die hun­dert Pix­el).

  19. ama

    impala: “bis­lang und bisweilen sind aber nicht syn­onym”
    Das hat­te ich auch nicht behauptet! Ich hat­te geschrieben;
    “Übri­gens habe ich das Wort “bisweilen” hier im Text nicht ent­deckt. Das ist auch auch so ein Kan­di­dat.”
    Es ging mir um die Auflis­tung der Wörter mit “bis” vorne.
    “bisweilen” ist eine selt­sam ver­schraubte Kon­struk­tion.

  20. gnaddrig

    @ ama: -bis
    Was wollen Sie hier mit den Wörtern auf -bis? Es geht doch um “bis­lang” und seine Syn­onyme. Da hat “bisweilen” nichts ver­loren, -bis hin, ver­staubt her.

  21. Helmut Wicht

    bislang/bisher/bis jet­zt
    Ich komme aus Süd­hessen, einem “Hotspot” des “bis­lang”, das meinen Ohren also gar nicht fremd klingt.
    Ich mag das Adjek­tiv als Bere­icherung der sprach­lichen Möglichkeit­en gerne lei­den, denn “bis­lang” zielt mehr auf den (lan­gen) Zeitraum, der VOR dem Ereig­nis liegt (“bis­lang hat er seine Schulden nicht bezahlt”), wohinge­gen “bisher/bis jet­zt” mehr auf den aktuellen Moment zielt — zumin­d­est für mein Sprachge­fühl.

  22. Klausi

    Bis bald
    Bis­lang gibt es keine (jeden­falls kenne ich bis jet­zt keine, was aber gele­gentlich gar nichts heißt…) Unter­suchung über die Häu­figkeit von Anglizis­men in z.B. den deutschen Tageszeitun­gen. Bish­er bin ich auch noch gar nicht auf den Gedanken gekom­men, dass das eine inter­ssante Sache sein kön­nte, bis dato vielle­icht auch noch nie­mand anders.
    Sei­ther lässt mir jeden­falls das keine Ruhe mehr. Mitunter hätte vielle­icht A.S. Lust und Laune sich der Sache ein­mal zeitweilig anzunehmen? Bisweilen gilt es abzuwarten.

  23. zer0wrk

    Kor­rek­te” Aussprache
    Die Behaup­tung, die niederdeutsch geprägte Aussprache des Stan­dard­deutschen sei irgend­wie “kor­rek­ter” oder “schrift­näher” also etwa die oberdeutsche Aussprache des Stan­dard­deutschen in der Schweiz oder die mit­teldeutsche Aussprache des Deutschen in Ober­sach­sen set­zt voraus, was sie behauptet: Dass die Aussprache, wie sie in ehe­mals niederdeutschen Gebi­eten vorherrscht, “kor­rekt” ist.
    Zunächst mal müsste näm­lich definiert wer­den, wie denn ein ‘a’, ein ‘e’, ein ‘d’ usw. auszus­prechen sind, wollte man fes­tle­gen, was die richtige Aussprache eines geschriebe­nen Wortes ist. Freilich gibt es dazu bes­timmte Ansicht­en, eine davon ist die, dass die in Nord­deutsch­land vorherrschende Aussprache der in Süd­deutsch­land vorherrschen­den vorzuziehen sei. Nicht ganz zufäl­lig kam der wohl ein­flussre­ich­ste Vertreter dieser Ansicht, Herr Theodor Siebs, aus Bre­men.
    Wenn man andere Laut­stände als “kor­rekt” definiert, wie es vor Zeit­en der Fall war, als die meis­senis­che Aussprache als beson­ders vor­bildlich galt, erscheint das Han­nover­an­er Hochdeutsch plöt­zlich “falsch”. Wenn wer fes­tlegt, dass ein ‘k’ im Anlaut als /kχ/ zu sprechen ist, wie es in eini­gen süd­deutschen Dialek­ten üblich ist, weil nur das den voll ver­schobe­nen Laut­stand der hochdeutschen Lautver­schiebung darstellt, spricht der größte Teil der Sprachge­mein­schaft “falsch”.

  24. impala

    Ähm nö.

    bisweilen” ist eine selt­sam ver­schraubte Kon­struk­tion.

    bisweilen kommt aus dem mit­tel­hochdeutschen bīwīlen und existierte in früheren Sprach­stufen auch als bei­weilen. Das bis hier ste­ht also in kein­er klaren Verbindung zu dem bis aus bis­lang, vgl. nhd. bish­er aus mhd. biӡ her, s. auch DWDS.
    Die Wörter sind also nicht nur nicht syn­onym, son­dern auch ety­mol­o­gisch wahrschein­lich nicht ver­wandt. “Selt­sam ver­schraubt” ist die Kon­struk­tion auch nicht. Im Übri­gen ist es rel­a­tiv sinn­los, die Ver­wen­dung­shäu­figkeit eines einzi­gen Wortes zu unter­suchen, weil sie dann nur eine absolute Zahl haben, die Ihnen über­haupt nichts bringt.

  25. Dilettant

    @JHB — Han­noverisch und Stan­dard­deutsch
    Den “her­aus­ge­hobe­nen Sta­tus der des Han­noverischen bei der Stan­dar­d­isierung des Deutschen” will ich keines­falls in Abrede stellen. Nach mein­er laien­haften Beobach­tung führt aber genau dieser Sachver­halt bei nicht weni­gen Han­nover­an­ern zu dem Fehlschluss, Han­noverisch sei mit Stan­dard­deutsch iden­tisch, sie müssten sich mithin nicht mit der Frage befassen, ob man dies oder jenes auf Stan­dard­deutsch so sagen könne, weil sie ja qua Han­nover­an­er schon reines Stan­dard­deutsch sprächen (eine Hal­tung, die nicht sel­ten mit ein­er gewis­sen unaus­ge­sproch­enen Ger­ingschätzung des leicht süd­deutsch gefärbten Stan­dard­deutsch des Gegenübers ein­her geht). Dem ist aber nicht so. Wer es nicht glaubt, möge sich ein­mal von einem Han­nover­an­er die Wörter “Flug”, “Pflug” und “Fluch” vor­sprechen lassen. Das Ergeb­nis deckt sich bei den meis­ten Han­nover­an­ern nicht mit dem, was (zumin­d­est außer­halb Nieder­sach­sens) für stan­dard­deutsche Aussprache gehal­ten wird.

  26. D. Müller

    Wer es nicht glaubt, möge sich ein­mal von einem Han­nover­an­er die Wörter “Flug”, “Pflug” und “Fluch” vor­sprechen lassen.”
    Ich glaube es — bed­ingt. Es gilt nur für jene Min­der­heit, die noch eine gewisse regionale Fär­bung beibehal­ten hat. Anson­sten beste­ht, das ist richtig bemerkt wor­den, das “Reine” der han­noverischen (und braun­schweigis­chen” Aussprache darin, dass man in dieser Gegend am kon­se­quentesten den Dialekt (ost­fälis­ches Platt) vergessen hat. Eigentlich schade.

  27. NörglerIn

    Nord- und Süd­deutsch
    Bekan­ntlich unter­schei­det sich die Aussprache des aus­lau­t­en­den ‘g´ der Nord- und der Süd­deutschen. Bei­de liegen falsch, wenn man als „stan­dard­deutsche“ Aus­prache die sog. Büh­ne­naussprache zugrunde legt. Hinzu kommt anscheinend auch eine hyper­ko­r­rek­te Aussprache.
    Man höre sich nur an, wie in Funk und Fernse­hen artig oder König aus­ge­sprochen wer­den. So sagt Gün­ther Jauch, obwohl in Mün­ster geboren und in Berlin aufgewach­sen, grund­sät­zlich Könik usw.
    Außer­dem muß man, nicht nur bei Han­nover­an­ern, die Gespräch­sumge­bung berück­sichti­gen. Ich selb­st spreche nur Hochdeutsch, sage aber im Fam­i­lien- oder Fre­un­deskreis z.B. Berch, in einem förm­licheren Zusam­men­hang aber ganz automa­tisch Berk, aber immer Könich.

  28. Taii

    Regionale Ver­bre­itung
    Zur Frage der regionalen Ver­bre­itung fällt mir auf der Karte auf, dass in “Ost­deutsch­land” — mit Aus­nahme von Berlin — das Wort anscheinend nicht gebräuch­lich ist, oder es wur­den keine Zeitun­gen aus diesem Gebi­et aus­gew­ertet.
    Ich selb­st habe komme aus Magde­burg und benutze das Wort “bish­er”, das Wort “bis­lang” wird oft von meinen zwei Kol­le­gen aus dem Köl­ner Raum ver­wen­det.

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