Liquid Democracy [Kandidaten für den Anglizismus des Jahres]

Button für den Anglizismus des Jahres 2011

But­ton für den Anglizis­mus des Jahres 2011

Um es gle­ich vor­weg zu nehmen: Für den Anglizis­mus des Jahres wird sich Liq­uid Democ­ra­cy dies­mal wahrschein­lich noch nicht qual­i­fizieren kön­nen. Es ist ein­fach zu sel­ten. Im Deutschen Ref­eren­zko­r­pus des Insti­tuts für Deutsche Sprache (DeReKo) find­en sich ganze drei Tre­f­fer. Die sind zwar immer­hin (schein­bar) aus dem Jahr 2011, aber zwei davon (aus den „VDI-Nachricht­en“) beziehen sich auf einen Vere­in dieses Namens, zählen also nicht.

Der dritte Tre­f­fer stammt aus dem Wikipedia-Artikel zum Ver­fahren des „Del­e­gat­ed Vot­ing“ (allerd­ings aus ein­er Ver­sion vom 18. Feb­ru­ar 2007):

Eine ein­heitliche Beze­ich­nung für dieses Ver­fahren (auch liq­uid democ­ra­cy), das erst durch elek­tro­n­is­che Kom­mu­nika­tion­s­mit­tel prak­tik­a­bel ein­set­zbar ist, hat sich bish­er nicht durchge­set­zt. [Wikipedia, s.v. Del­e­gat­ed Vot­ing, 18.2.2007]

Man kön­nte also sagen, dass es für 2011 gar keinen Tre­f­fer im DeReKo gibt (wobei auch die aktuelle Ver­sion des Wikipedia-Artikels das Wort enthält).

Aber bevor ich auf die Aktu­al­ität und Häu­figkeit des Wortes Liq­uid Democ­ra­cy zurück­komme, ein paar Anmerkun­gen zu sein­er Bedeu­tung. Wie der Wikipedia-Artikel zeigt, han­delt es sich um eine Beze­ich­nung für das Prinzip des „Del­e­gat­ed Vot­ing“, das die Wikipedia (in der aktuellen Fas­sung) so erk­lärt:

Del­e­gat­ed Vot­ing ist eine Form der gemein­samen Entschei­dungs­find­ung, die Bestandteile der direk­ten Demokratie und der repräsen­ta­tiv­en Demokratie in sich vere­inigt bzw. einen Mit­tel­weg zwis­chen diesen darstellt.

Jed­er Beteiligte kann dabei entwed­er selb­st wählen oder seine Stimme jemand anderem über­tra­gen. Dabei kann sich die Über­tra­gung auch nur auf einzelne Entschei­dun­gen und Bere­iche erstreck­en, in denen der Wäh­ler ein­er anderen Per­son mehr Entschei­dungskom­pe­tenz zutraut. Die Über­tra­gung ist jedoch nur tem­porär und kann jed­erzeit aufge­hoben wer­den, zum Beispiel indem der Wäh­ler selb­st durch Wahl an ein­er Entschei­dung teil­nimmt. [Wikipedia, s.v. Del­e­gat­ed Vot­ing, 3. Jan­u­ar 2012]

Es ließe sich viel über diese Form der Demokratie sagen, die — zumin­d­est solange es das Inter­net gibt, mit­tels dessen sie sich prax­is­tauglich umset­zen lässt — eine echte Alter­na­tive zu den derzeit prak­tizierten For­men der demokratis­chen Beteili­gung darstellen würde (die Piraten­partei set­zt das Ver­fahren in inter­nen Entschei­dung­sprozessen auf Bun­des- und Lan­desebene unter dem Namen Liq­uid Feed­back bere­its ein).

Aber hier geht es ja nicht um das Prinzip selb­st, son­dern um das Wort Liq­uid Feed­back. Ich habe zunächst ver­sucht, her­auszufind­en, woher es stammt. Der hier zitierte Wikipedia-Ein­trag sagt dazu nichts erhel­len­des, dort find­et sich lediglich der Satz „Aus dem Kreis amerikanis­ch­er Online-Com­mu­ni­ties ist ab 2003 das Konzept liq­uid democ­ra­cy for­muliert wor­den…“. Welche Com­mu­ni­ties das sind, wird aber nicht gesagt. Im News­group-Archiv „Google Groups“ stammt die erste Ver­wen­dung, die ich find­en kon­nte, aus der Gruppe can.politics, aus einem Beitrag eines Steven Kaas­gard vom 8. Feb­ru­ar 1999:

How about month­ly phone ref­er­en­dums.

Direct Democ­ra­cy — the stuff we dream about when we lis­ten to mod­ern day vision­ar­ies like Noam Chom­sky, Che Gue­var­ra and Mur­ray Bookchin…

any sug­ges­tions… liq­uid democracy…follows the cracks we open… for it

Steven [Link]

Hier scheint noch kein bes­timmtes Konzept hin­ter dem Begriff zu steck­en, lediglich die Idee der direk­ten Demokratie klingt an.

Der zweite Tre­f­fer im Google-Groups-Archiv stammt vom 23. Juli 2003, aus der Gruppe rec.arts.sf.fandom. Zunächst beschreibt ein David Fried­man am 22. Juli ein Konzept der Demokratie, das sehr nach Del­e­gat­ed Vot­ing klingt. Ein Mark Atwood antwortet darauf dann: This is known as, IIRC, “liq­uid democ­ra­cy”. Zu diesem Zeit­punkt muss es das Wort liq­uid democ­ra­cy in sein­er mod­er­nen Bedeu­tung also bere­its gegeben haben, aber woher es tat­säch­lich stammt, lässt sich nicht fest­stellen.

Beson­ders stark ver­bre­it­et hat sich das Wort bish­er aber nicht. Google Schol­ar lis­tet ins­ge­samt nur 31 Tre­f­fer in wis­senschaftlichen und qua­si-wis­senschaftlichen Werken, und Google Books find­et sog­ar nur acht Tre­f­fer, von denen drei aus gestohle­nen Wikipedia-Artikel beste­hen und ein­er sich auf den o.g. Vere­in bezieht.

Bei den Google-Schol­ar-Tre­f­fern fällt auf, dass fast die Hälfte von ihnen aus dem deutschsprachi­gen Raum stammt und auch die übri­gen (die haupt­säch­lich in englis­ch­er Sprache ver­fasst sind), sich teil­weise expliz­it auf Deutsch­land beziehen. Weit­er­hin fällt auf, dass sich eine überzufäl­lig hohe Anzahl von Tre­f­fern auf die Piraten­partei bezieht.

Es scheint also, dass das Wort in Deutsch­land weit­er ver­bre­it­et ist als im englis­chen Sprachraum (wo del­e­gat­ed vot­ing häu­figer ist), und dass seine Pop­u­lar­ität möglicher­weise etwas damit zu tun hat, dass die Piraten­partei als Vor­re­it­er des Del­e­gat­ed Vot­ing dieses Wort bevorzugt ver­wen­det.

Wie ver­bre­it­et ist das Wort aber über­haupt? Wie gesagt, im DeReKo find­et sich neben dem Wikipedi­aein­trag von 2007 kein Beispiel. Eine Suche im Google-News-Archiv fördert aber wenig­stens eine Hand­voll Tre­f­fer zutage: 57 für das Jahr 2011, 9 für das Jahr 2010, 2 für 2009. Auch hier bestätigt sich der Zusam­men­hang zur Piraten­partei, un die es in der Mehrzahl der Nachricht­en­beiträge geht, die das Wort enthal­ten.

Und schließlich bestätigt auch Google Trends das zeitliche Muster und den pirati­gen Ursprung des Wortes: Nur in Deutsch­land wird das Wort häu­fig genug gesucht, um über­haupt in den Trends aufzu­tauchen; auch hier taucht es (wie im News-Archiv) seit 2009 auf, und auch hier gab es 2011 einen sprung­haften Anstieg im Inter­esse — und zwar im Sep­tem­ber, als die Piraten­partei das Berlin­er Abge­ord­neten­haus [SPRACHLOGLESER/INNEN FÜGEN BITTE IHRE BEVORZUGTE NAUTISCHE METAPHER DES BETRETENS EIN. VORSCHLÄGE: entern, kapern, Kurs nehmen auf]:

Liquid Democracy bei Google Trends

Liq­uid Democ­ra­cy bei Google Trends

Das Wort erfüllt also alle Bedin­gun­gen für den Anglizis­mus des Jahres 2011 — bis auf eine. Es ist in 2011 sprung­haft ins Bewusst­sein ein­er größeren Gruppe von Sprecher/innen des Deutschen gelangt und es füllt eine Lücke im deutschen Wortschatz (ganz zu schweigen vom deutschen Demokratiev­er­ständ­nis). Nur lei­der ist es noch zu sel­ten.

Aber wer weiß, vielle­icht ist es im näch­sten oder übernäch­sten Jahr schon in aller Munde. Vielle­icht set­zt es sich in poli­tis­chen Entschei­dung­sprozessen durch. Vielle­icht wählen wir irgend­wann sog­ar den Anglizis­mus des Jahres mit­tels Liq­uid Democ­ra­cy.

 

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

Ein Gedanke zu „Liquid Democracy [Kandidaten für den Anglizismus des Jahres]

  1. Burnus

    Kor­rek­turen zu Liq­uid Feed­back
    Hal­lo,
    vie­len Dank für diesen mal wieder sehr lehrre­ichen Post. Ich kam jedoch beim Lesen nicht umhin, zu bemerken, dass sich hier zwei kleine Fehler eingeschlichen haben:
    (1) Die Piraten­partei set­zt nicht Liq­uid Democ­ra­cy unter dem Namen „Liq­uid Feed­back“ ein, son­dern sie set­zt ein Tool dieses Namens ein, welch­es Liq­uid Democ­ra­cy imple­men­tiert.
    (2) Der darauf fol­gende Satz: „Aber hier geht es ja nicht um das Prinzip selb­st, son­dern um das Wort Liq­uid Feed­back“ sollte eigentlich auf „Liq­uid Democ­ra­cy“ enden, nicht auf „Liq­uid Feed­back,“ oder?
    Viele Grüße

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