Sprachbrocken 17/2012

Da macht man sich ein biss­chen über die ange­bliche Mod­ell­haftigkeit des Lateinis­chen lustig und schlägt vor, doch lieber mod­erne Fremd­sprachen oder Piratisch zu ler­nen, und kurz darauf disku­tiert die deutsche Medi­en­land­schaft auf bre­it­er Ebene über die Sprache der alten Römer. Wie Der West­en berichtet, find­et plöt­zlich auch die Bun­desvere­ini­gung der Deutschen Arbeit­ge­berver­bände, dass der Latei­n­un­ter­richt nicht dazu taugt, die Schüler/innen zu zukün­fti­gen „Beschäftigten“ auszu­bilden. Und was tut der Vor­sitzende des Alt­philolo­gen­ver­ban­des, von dem die Idee der Mod­ell­haftigkeit stammt? Er stimmt zu: „Wer Rich­tung Wirtschaft denkt, ist mit aus­ge­fal­l­enen Sprachen wie Ara­bisch oder Chi­ne­sisch bess­er berat­en.“

Und Rich­tung Wirtschaft denkt ja schließlich ganz Deutsch­land.

Ganz Deutsch­land? Nein! Ein unbeugsamer Latein­lehrer hört nicht auf, den mod­er­nen Fremd­sprachen Wider­stand zu leis­ten: Sog­ar nachts ste­ht er auf, um Liebesgedichte von Ovid zu über­set­zen. Doch nicht nur die roman­tis­chen Qual­itäten des Lateinis­chen haben es ihm ange­tan, er sieht einen klaren Nutzen: „Latein ist die Basis, um andere roman­is­che Sprachen wie Ital­ienisch oder Spanisch, die auch an der Schule unter­richtet wer­den, ein­fach­er zu ler­nen.“ Dafür liefert er zwar keine Belege, aber die braucht es auch gar nicht. Die Behaup­tung ist schließlich eben­so unmit­tel­bar ein­leuch­t­end, wie die all­ge­mein anerkan­nte Tat­sache, dass eine umfan­gre­iche Ken­nt­nis ägyp­tis­ch­er Hiero­glyphen die Basis für ein ein­facheres Erler­nen der Schreib­schrift ist.

Eine gute Ken­nt­nis der lateinis­chen Sprache kann allerd­ings auch zu Ent­täuschun­gen führen. Bis zur let­zten Woche durften sich Mil­lio­nen des Lateinis­chen nur unzure­ichend mächtige Chris­ten und Christin­nen in der Gewis­sheit wiegen, dass das Blut Christi beim Abend­mal auch für sie ver­gossen wurde. Damit ist nun Schluss: nach der lateinis­chen Liturgie hat Jesus die Reich­weite der pos­i­tiv­en Effek­te seines Blutvergießens mit den Worten pro mul­tis beschrieben, und die, so ließ Benedikt der XVIte wis­sen, bedeuten keineswegs „für alle“, son­dern lediglich „für viele“. Und seit­dem müssen die Gläu­bi­gen ban­gen, ob sie zu jenen „vie­len“ gehören.

Auf Welt Online ver­sucht der (katholis­che) Jour­nal­ist Paul Badde zwar, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sich und der Leser­schaft einzure­den, viele könne ja auch „alle“ meinen, aber da muss man ihn aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht lei­der ent­täuschen: Das wäre ein Ver­stoß gegen ein grundle­gen­des kom­mu­nika­tives Prinzip, die Maxime der Quan­tität, die besagt, dass Gesprächs­beiträge so zu gestal­ten sind, dass sie opti­mal infor­ma­tiv sind. Wenn ich viele sage, wo ich genau­sogut alle sagen kön­nte, darf und muss mein Gegenüber davon aus­ge­hen, dass ich eben nicht „alle“ meine. Und wenn Jesus sich schon die Mühe macht, Latein zu sprechen, sollte man ihn auch beim Wort nehmen.

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

Dieser Beitrag wurde unter Altes Sprachlog abgelegt am von .
Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

46 Gedanken zu „Sprachbrocken 17/2012

  1. Leif

    Lojban statt Latein
    Statt Latein sollte lieber Lojban als neue Uni­ver­sal­sprache gelehrt wer­den. Gemäß der Sapir-Whorf-Hypothese erhoffe ich mir davon einen pos­i­tiv­en Neben­ef­fekt auf die Denk­fähigkeit. Falls Lojban den­noch keine grund­sät­zlich neuen Gedanken ermöglichen sollte, ist zumin­d­est von ein­er Schu­lung des struk­turi­erten Denkens auszuge­hen.

  2. Muriel

    Wer auf zwei Eseln in eine Stadt reit­et, sich für den Sohn eines Gottes hält und Feigen­bäume ver­flucht, weil ihm nicht passt, dass sie nur in der Sai­son Früchte tra­gen, an dessen präzis­er und durch­dachter Wort­wahl soll­ten doch wohl keine Zweifel beste­hen.
    Ach ja, Latein: Ich mag die Sprache ja, aber dass sie sich beim Ler­nen von Franzö­sisch, Spanisch oder son­st irgend­was als nüt­zlich erwiesen hätte, möchte ich doch sehr bezweifeln.
    Wenn schon tote Sprachen, dann vielle­icht eine, die einem langfristig was nützt, wie die Sprache der Toten. Mi him, en tow, tow en can da lach.
    Ja, schon gut, bin ja schon still.

  3. bruno jennrich

    für mich…
    war latein in vielfach­er hin­sicht eine “merk­WÜRDI­GE” erfahrung.
    nicht nur, dass sie mir half, das deutsche bess­er zu ver­ste­hen, son­dern ausser­dem auch auch die strin­genz im denken und sorgfalt beim analysieren (über­set­zen) förderte.
    und: obwohl ich NIE spanisch oder ital­ienisch gel­ernt habe (son­dern nur latein und franzö­sisch), hat­te ich bei diversen aus­land­saufen­hal­ten recht geringe ver­ständ­nis-prob­leme und bere­its nach weni­gen wochen kon­nte ich mich weitest­ge­hend selb­ständig ver­ständlich machen.
    das mag eine indi­vidu­elle sprach­be­gabung sein, aber ich glaube, dass meine lateinken­nt­nisse mehr dazu beitru­gen (dafür hab ich natür­lich keine beweise).
    daher fände ich einen verzicht auf latein schade.

  4. kreetrapper

    Der Welt-Link führt noch mal zu Der­West­en.
    Und da wir alle wis­sen, daß Anek­doten die besseren Beweise sind: Mir per­sön­lich hat der Latei­n­un­ter­richt später tat­säch­lich beim Ler­nen von Span­ish geholfen. Zumin­d­est ein bißchen. Daher bin ich dafür, daß alle Schüler weit­er Latein ler­nen müssen. Aus mir ist hin­ter­her ja auch trotz­dem was gewor­den.

  5. Alberto Green

    Ach
    Es ist furcht­bar, dass diese Dep­pen mit ihren däm­lichen “Argu­menten” den Blick darauf ver­stellen, dass die lateinis­che Lit­er­atur ganz toll ist und dass es sich lohnt, sie im Orig­i­nal zu lesen und ihre Sprache schon in der Schule zu ler­nen.
    (Ich glaube, bei uns Alt­philolo­gen ist aber die Freak-Dichte nicht höher als son­st wo. Wir haben nur weniger Nor­male.)
    (Dass heutzu­tage die meis­ten Schüler_innen und Studieren­den reflek­tieren­den Umgang mit der deutschen Sprache haben, wenn sie Latein ler­nen, ist keine Qual­ität des Latei­n­un­ter­richts, son­dern ein Man­gel des Deutschunter­richts.)

  6. Dirk Westermann

    Jesus lateinisch?
    “Und wenn Jesus sich schon die Mühe macht, Latein zu sprechen, sollte man ihn auch beim Wort nehmen.”
    Hat Jesus, falls er gelebt haben sollte, nicht Hebräisch gesprochen oder aramäisch wie Mel Gib­son in seinem Splat­ter Movie gezeigt hat?
    Im Übri­gen sind die “Maxime der Qual­ität” und die Bibel doch wohl der größte denkbare Wider­spruch, oder ken­nt jemand einen Vers, der unmit­tel­bar ver­ständlich ist?

  7. Rolf

    @Dirk West­er­mann
    Ach, Kor­rek­theit der his­torischen Fak­ten hat die katholis­che Kirche doch noch nie inter­essiert.
    Was erwarten Sie von einem Papst, der den Auss­chluss der Frauen vom Priester­amt begrün­det mit der (um einige Jahrhun­derte ver­späteten) Über­liefer­ung von Män­nern, die (wieder einige Jahrhun­derte später und eben­falls) von Män­nern für den Kanon des neuen Tes­ta­ments aus­gewählt wur­den?
    Zum The­ma “Latein in der Schule”: Ich war damals froh, dass ich im Abitur die Sprachen durch Latein abdeck­en kon­nte. Son­st wäre es näm­lich bei weit­em nicht so gut aus­ge­fall­en. Tex­t­analy­sen und -inter­pre­ta­tio­nen sind mir ein­fach ein Graus — und in Latein kon­nte ich den Großteil der Note durch die Über­set­zung rein­holen, brauchte mir also keine Sor­gen machen.

  8. Pompeius

    Jet­zt muss ich Latein als Unter­richts­fach aber doch noch mal in Schutz nehmen: Dass Argu­ment, dass man Latein im Beruf nicht unbe­d­ingt sofort brauchen kön­nte, lässt sich auch auf den bei weit­em größten Teil des Schul­stoffes anwen­den. Wers nicht glaubt, frage sich ein­mal, wo er in seinem Beruf die kep­pler­schen Geset­ze, Stad­ten­twick­lungsmod­elle oder Aquis Sub­mer­sus braucht. Schule lehrt exem­plar­isch. Wenn über­haupt wer­den den Schü­lerin­nen und Schülern Meth­o­d­en aufgezeigt, die sie auch an anderen Stellen hof­fentlich nutzen kön­nen. Wer also sagt, Latein sei nicht nüt­zlich und daher abzuschaf­fen, müsste Schulen in der jet­zi­gen Form zumachen.
    Und weil Leif so hüb­sch fragt:
    caku .uenai mi nitcu lenu ban­du lenu tad­ni lo lat­no .i lodu’u lo lat­no cu na’e sar­ji ka’e se cusku fi’o tavla piso’a lo se ckule .iga do kri­ci gi ko pen­si lojei gun­ka sepi’o lo la kyplyr. cimei saske .a lo saske be lonu tacu farvi be’o .a la .aquis. sub­mer­sus. .i su’anai mupli tad­ni ckule .i .a’o lo ve ckule ca da cu pil­no lo se ckule .iga da cusku lu lo lat­no na sar­ji .ini’ibo se fan­gau li’iu gi nitcu lenu fan­gau ro cab­na ckule

  9. Klaus

    @Dirk West­er­mann: Ironie und Inter­net tre­f­fen aufeinan­der …
    Daher nutzen viele Leute auch Smi­leys in ihren Tex­ten.
    BTW: Wann erk­lärt uns der Duden endlich, wie man die kor­rekt ein­set­zt? Ich frage mich immer, ob ein Smi­ley nun vor oder nach einem Satzze­ichen kom­men sollte und wie das mit Klam­mern am besten passt. 😀

  10. Dieter

    Nachricht­en auf Latein
    Nicht nur ein ein­samer Latein­lehrer über­set­zt nachts Gedichte, nein, ein Radio-Sender liefert auch Nachricht­en auf Latein.
    http://wissen.dradio.de/…-nachrichten.93.de.html
    Sohne­mann fängt nach dem Som­mer allerd­ings doch erst mit Englisch anstatt Latein (wie ich) an. Was es mir gebracht hat? Ach…

  11. Marc B.

    @A.S.
    Ja, in der Vul­ga­ta heißt es “pro mul­tis”. Ich kann die Edi­toren aber ver­ste­hen, die aus der Sep­tu­ag­in­ta die Bedeu­tung “für alle” her­ausle­sen. Bei­de Auf­fas­sun­gen haben etwas für sich, was die Frage eben nicht so ein­fach oder gar selb­stver­ständlich macht.

  12. Dierk

    @Marc B
    Das ist dann so wie mit der ‘Jungfrau’, Haupt­sache es passt zur ver­queren Welt­sicht, egal, was da im Orig­i­nal [also nicht der Vul­ga­ta] ste­ht.*
    Ceterum censeo Carthaginem esse delen­dam!
    *Keine Kri­tik an deinem Beitrag.

  13. kreetrapper

    Ironie

    Wann erk­lärt uns der Duden endlich, wie man die kor­rekt ein­set­zt? Ich frage mich immer, ob ein Smi­ley nun vor oder nach einem Satzze­ichen kom­men sollte und wie das mit Klam­mern am besten passt.

    Wikipedia hat hier dem Duden einiges voraus:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Ironiezeichen

  14. Nathalie

    Ich muss ja sagen, der süff­isante Unter­ton in den Sprach­brock­en ist wie Honig auf meinem Gau­men — köstlich. Auch wenn er wohl nicht dazu beitra­gen dürfte, überzeugte Latein­tüm­ler zum Nach­denken zu brin­gen. 😉
    @Dirk West­er­mann:
    Maxime der Quan­tität, nicht Qual­ität… was dann auch bess­er zur Bibel passen dürfte 😉

  15. Kris

    Latei­n­un­ter­richt
    Im Rah­men des jet­zi­gen Wahlkampfes spielt natür­lich auch die Bil­dungspoli­tik ein wichtiges The­ma, und der Latei­n­un­ter­richt ist ja so etwas wie das “gym­nasial­ste aller Schulfäch­er”.
    Während ich als Sprach­wis­senschaftler froh bin, Latein in der Schule gehabt zu haben, hätte ich als Bürg­er im nach­hinein lieber doch mehr Zeit fürs Franzö­sis­chler­nen gehabt.
    Der Alt­philolo­gen­ver­band erzählt zwar immer wieder, wie ein­fach es sei, roman­is­che Sprachen zu ler­nen, wenn man Latein gehabt habe, aber hier möchte ich unbe­d­ingt dem Blo­gau­tor zus­tim­men, dass man auch mit entsprechend aus­ge­bilde­ten Franzö­sisch- und Spanis­chlehren­den hätte man das auch wettmachen kön­nen. Aber aus mein­er eige­nen Schuler­fahrung erin­nere mich ich noch an Lehrende, deren sprach­wis­senschaftliche Kom­pe­tenz zu wün­schen übri­gen ließ (z.B. eine Deutschlehrerin aus der 5. Klasse, die mir den Unter­schied zwis­chen “dem” und “den” nicht erk­lären kon­nte).
    Insofern bin ich per­sön­lich der Ansicht, dass man den Latei­n­un­ter­richt in eine Art Alter­tum­skunde umwan­deln sollte, denn die Geschichte und Philoso­phie von Rom und Griechen­land sind dur­chaus für das heutige Europa von Bedeu­tung, aber die Einübung von lateinis­chen Par­a­dig­men sollte vielle­icht etwas für eine “Sprach­wis­senschaft-AG” sein.
    Als let­ztes möchte ich noch auf einen Radiobeitrag des SWR vom März 2012 hin­weisen, der sich dazu ver­steigt zu behaupten, Latein nütze der Inte­gra­tion: http://www.altphilologenverband.de/…mp;Itemid=29
    Dazu fällt mir ein:
    — die frühkindliche Bil­dung ist sicher­lich um einiges wichtiger für die Bil­dungschan­cen von Men­schen mit Migra­tionsh­in­ter­grund
    — wiederum: anstatt Latein­lehrende so auszu­bilden, dass sie einen Latei­n­un­ter­richt angepasst an Men­schen mit Migra­tionsh­in­ter­grund abhal­ten, soll­ten Lehrende des Deutschen und mod­ern­er Fremd­sprachen entsprechend aus­ge­bidlet wer­den (teils geschieht das ja schon). Die deutsche Gram­matik auf dem Umweg über das Latein­siche zu ler­nen scheint mir ziem­lich umständlich.
    — Zuguter­let­zt etwas nicht-Sprach­lich­es: die gemein­same Zuge­hörigkeit zum Römis­chen Reich würde verbinden. Es gibt auch Men­schen mit einem Hin­ter­grund, der sich nicht auf Gebi­ete zurück­führen lässt, die zum Römis­chen Reich gehört haben.

  16. Kris

    oops
    Pre­view rules.…
    Im Rah­men des jet­zi­gen Wahlkampfes IST natür­lich auch die Bil­dungspoli­tik ein wichtiges The­ma, und der Latei­n­un­ter­richt ist ja so etwas wie das “gym­nasial­ste aller Schulfäch­er”.
    […] aber hier möchte ich unbe­d­ingt dem Blo­gau­tor zus­tim­men, dass man DAS auch mit entsprechend aus­ge­bilde­ten Franzö­sisch- und Spanis­chlehren­den hätte wettmachen kön­nen.

  17. Joachim Pense

    Maxime der Quan­tität
    Bezüglich dieser Maxi­men ist zu beacht­en, dass sie nicht als nor­ma­tive Regeln für den Sprech­er zu ver­ste­hen sind, wie man kom­mun­zieren sollte — sie sind Regeln, die (nach ein­er wei­thin anerkan­nten The­o­rie) der Hör­er spon­tan als richtig voraus­set­zt und benutzt, um den Text zu inter­pretieren.

  18. impala

    Diese Diskus­sion ist ja schon was älter… Wer Latein in der Schule durch Spanisch erset­zt, wird Franzö­sisch auch ein­fach­er find­en als wenn er vorher nicht Spanisch gel­ernt hätte, da es doch einige deut­liche Par­al­le­len zwis­chen den Sprachen gibt. Ich würde sog­ar behaupten, dass man es mit Spanisch bess­er hat als mit Latein, da Franzö­sisch eben­so viele gram­ma­tis­che Kat­e­gorien, die das Lateinis­che hat, ver­loren hat.
    Das Argu­ment, dass der Latei­n­un­ter­richt beim Ver­ständ­nis der deutschen Sprache hil­ft, ist in jedem Fall kein Argu­ment für Latei­n­un­ter­richt son­dern stattdessen für besseren Deutschunter­richt. Dass das gram­ma­tis­che Sys­tem des Deutschen an Schulen nicht gut erk­lärt wird, sollte wohl kaum der Latei­n­un­ter­richt aus­bügeln müssen. Für mich sind die Befür­worter des Latei­n­un­ter­richts vor allem eines: Befür­worter der Erhal­tung von Eliten, was noch dadurch ver­stärkt wird, dass Latein sowieso beina­he aus­nahm­s­los an Gym­nasien unter­richtet wird.
    Ich habe in der Schule neben Englisch sowohl Latein als auch Franzö­sisch ler­nen müssen und durfte später noch zwis­chen Rus­sisch und Ital­ienisch wählen. Im Nach­hinein hätte ich wesentlich mehr davon gehabt, wenn Latein raus­ge­fall­en wäre und ich mich auf die anderen mod­er­nen Sprachen hätte konzen­tri­eren kön­nen.
    Ob lateinis­che Lit­er­atur inter­es­sant ist, ist natür­lich eine Frage des Geschmacks. Ich finde sie heute genau­so lahm wie früher, aber eins durfte deut­lich sein: dass der Unter­richt mod­ern­er Fremd­sprachen wie Spanisch oder Franzö­sisch näher an der Leben­sre­al­ität unser­er Sech­stk­lässler ist als Geschicht­en über Leute, die seit tausenden Jahren tot sind, dürfte wohl auf der Hand liegen.
    Und die Behaup­tung, dass Ara­bisch und Chi­ne­sisch the way to go sind, wage ich auch noch bezweifeln. Das hörte ich schon 2005 an mein­er Schule rumoren, als Rus­sisch wegen zu weni­gen Inter­essen­ten abgeschafft wurde, und ich habe in den let­zten sieben Jahren wenig Joban­non­cen gese­hen, in denen gute Chi­ne­sisch- oder Ara­bis­chken­nt­nisse voraus­ge­set­zt wur­den. Franzö­sisch oder Spanisch sind da i.A. doch deut­lich hil­fre­ich­er. Ich glaube übri­gens auch nicht, dass sich daran in den näch­sten 10 oder 20 Jahren etwas ändern wird, da Chi­ne­sis­chunter­richt in der Schule ziem­lich unprak­tik­a­bel ist. Der Ler­naufwand ist durch das unnötig kom­plizierte Schrift­sys­tem deut­lich höher als bei indoeu­ropäis­chen Fremd­sprachen, was entwed­er zu einem nicht zu ver­mit­tel­nden Ler­naufwand führt oder dazu, dass die Schüler auch nach drei Jahren Unter­richt de fac­to Anal­pha­beten sind. Die Ver­mit­tlung des Ton­sys­tems nimmt darüber hin­aus auch wesentlich mehr Zeit in Anspruch als bei europäis­chen Fremd­sprachen. Die Nasal­vokale des Franzö­sis­chen und Laute wie th, r und w bere­it­en eini­gen Schülern ja schon Schwierigkeit­en genug.

  19. Joachim Pense

    Für den Latei­n­un­ter­richt spricht, …
    … dass Latein heute nicht mehr gesprochen wird, und dass man daher gar nicht in Ver­suchung gerät, Spra­chunter­richt zum Sprech­train­ing absack­en zu lassen.
    Im Latei­n­un­ter­richt lernt man, genau zu lesen und Texte bis ins Kle­in­ste zu analysieren — was zum Beispiel beim Lesen von poet­is­chen, von juris­tis­chen, von math­e­ma­tis­chen Tex­ten hil­fre­ich ist.
    Mit ein­er leben­den Sprache geht das nicht so gut — da soll man ja üben, Texte flüs­sig zu ver­ste­hen, auch ggf. über unbekan­nte Stellen hin­wegzus­prin­gen, kom­pe­tent zu kom­mu­nizieren.

  20. Statistiker

    Als Jurist
    muss ich mal was anmerken:
    “Im Latei­n­un­ter­richt lernt man, genau zu lesen und Texte bis ins Kle­in­ste zu analysieren” ist Quatsch.
    “was zum Beispiel beim Lesen von poet­is­chen, von juris­tis­chen, von math­e­ma­tis­chen Tex­ten hil­fre­ich ist.” ist noch dün­ner­er Quatsch
    Das ist Grlaber von Per­so­n­en, die meinen, Lateinken­nt­nisse wür­den gle­ichbe­deu­tend mit Bil­dung sein. Dies ist nicht so. Latein­lken­nt­nisse kor­re­lieren (nicht kausalieren) mit Arro­ganz.

  21. Martin B

    @Statistiker
    Das ganze als “Quatsch” zu beze­ich­nen ist natür­lich nicht überzeu­gen­der… Im Unter­richt der mod­er­nen Sprachen ent­fällt weniger Zeit aus das Über­set­zen und Analysieren von Tex­ten als im Latei­n­un­ter­richt, das ist doch sich­er eine Tat­sache.
    Dass Sie daraus gle­ich schließen, jemand würde Lateinken­nt­nisse mit Bil­dung gle­ich­set­zen, ist doch eher ein Hin­weis auf Ihre Vorurteile, statt auf die der Latein­be­für­worter.
    Ich ver­ste­he ehrlich gesagt nicht, warum man immer über Latein redet. Es wird doch nie­mand gezwun­gen, diese Sprache zu ler­nen. Das sollen halt die Eltern (bzw. die Schüler selb­st) entschei­den, wie sie das machen wollen. Wo ist das Prob­lem?

  22. rechenmonster

    Sind Nüt­zlichkeit­ser­wä­gun­gen nüt­zlich?
    Viele Argu­mente, die die “Nüt­zlichkeit” des Lateinis­chen “bele­gen” sollen, wur­den bere­its im Text und in den Kom­mentaren erwäh­nt, und als gle­ichgültiger Inhab­er eines Lat­inums möchte ich anmerken, dass in mein­er Wahrnehmung die Pro-Argu­mente ziem­lich an den Haaren her­beige­zo­gen sind.
    Das soll aber nicht der Tenor meines Kom­men­tars sein.
    Wenn jemand sich für alte Sprachen, oder alte Kul­turen, oder mit­te­lal­ter­liche The­olo­gie inter­essiert, dann soll er (oder sie) Latein ler­nen!
    Ende der Diskus­sion!
    Jemand inter­essiert sich für etwas, also befasst sich dieser Men­sch damit.
    An dieser Stelle braucht man dann auch keine Ratio­nal­isierun­gen mehr, schon gar keine der­ar­tig idi­o­tis­che.

  23. Björn Lohmann

    Latein ist ökonomisch…
    … denn wer Latein beherrscht, hat bessere Chan­cen, bei Jauch die Mil­lion zu gewin­nen. 😉
    Wieso heißt es eigentlich seit eini­gen Jahren “Lateinisch” — in der Schule habe ich noch “Latein” gel­ernt?
    Davon ab ist mein per­sön­lich­er Ein­druck, dass ich dur­chaus beim Ler­nen roman­is­ch­er Sprachen von meinen Lateinken­nt­nis­sen prof­i­tiert habe, und auch die Möglichkeit, im All­t­ag Fremd­worte herzuleit­en, schätze ich immer wieder mal. Davon unberührt ist natür­lich die Frage, ob man eine Sprache ler­nen muss, um eine andere ein­fach­er zu ler­nen. Das scheint mir dann doch wieder wenig ökonomisch.

  24. Kris

    SIch­er…
    helfen Lateinken­nt­nisse beim Ler­nen von roman­is­chen Sprachen, oder auch des Englis­chen.
    Aber man kann auch die Wortele­mente des latenisch-griechis­chen Wortschatzes sys­tem­a­tisch ler­nen, da gibt es im Englisch-als-Fremd­sprache-Bere­ich dur­chaus auch einige Büch­er. Das kön­nte man sich auch fürs Deutsche vorstellen.
    Und klar, ich fand es schon zu Schulzeit­en faszinierend zu sehen, wie sich das Franzö­sis­che oder das Spanis­che aus dem Lateinis­chen entwick­elt hat­te. Aber man kann dur­chaus auch mit ein­er roman­is­chen Sprache begin­nen und dann anhand der Par­al­le­len eine zweite roman­is­che Sprache dann später ein­führen, z.B. kön­nte man das sicher­lich gut mit Franzö­sisch und Spanisch tun.
    An diejeni­gen, die sich fra­gen, warum Latein disku­tiert wird: mit Aus­nahme von Ital­ien gibt es wohl kaum ein Land, in dem so viele Schü­lerin­nen und Schüler Latein ler­nen. In Deutsch­land sind es wohl immer noch 15% eines Jahrgangs. Das bindet dur­chaus Ressourcen, die mein­er Mei­n­ung nach sin­nvoller für mod­erne Fremd­sprachen aufzuwen­den wären.
    Wobei ich, wie gesagt, für ein Schul­fach Alter­tum­skunde plädieren würde, aber mit deut­lich mehr Fokus auf Philoso­phie und Geschichte.

  25. Alexander Merz

    @A.S.
    Die Argu­men­ta­tion von Benedikt gibt es auch im Netz, z. B. hier: http://www.bistum-erfurt.de/…836&idart=19287
    Mich würde ausser­dem inter­essieren, in wie weit die Maxime der Quan­tität bei Gebeten eine Rolle spielt. Es han­delt sich dabei eben nicht um eine Gesprächssi­t­u­a­tion, son­dern um eine rit­u­al­isierte Hand­lung.

  26. fegalo

    Latein
    Ob die Ken­nt­nisse des Lateinis­chen als über­flüs­sig oder als erstrebenswert zu bew­erten sind, hängt wohl eng damit zusam­men, was man über­haupt unter Bil­dung ver­ste­ht.
    Wer Bil­dung als Train­ing funk­tionaler Kom­pe­ten­zen für eine spätere Kar­riere begreift, der wird mit Latein nicht viel anfan­gen kön­nen, und sollte eher Englisch, Rus­sisch und Chi­ne­sisch ler­nen. Suum cuique.
    Hin­ter der Wertschätzung des Latein steckt jedoch eine andere Auf­fas­sung von Bil­dung, näm­lich die eines Erschließens und Aneignens unser­er eige­nen, also der abendländis­chen Kul­tur. Und dafür ist Latein von unschätzbarem Wert. Wer Latein beherrscht, kann sich unsere kul­turellen Wurzeln bis tief in die Neuzeit auf ganz andere Weise „von innen“ anschauen und, als dies ohne Lateinken­nt­nis möglich ist. Insofern ist auch völ­lig klar, dass man zu Fäch­ern wie Geschichte und Philoso­phie ohne Latein niemals pro­fes­sionellen Zugang hat und dort diese Sprache als Pflichtqual­i­fika­tion beibehal­ten wer­den muss.
    Was den funk­tionalen Nutzen des Latein für den Erwerb des Spanis­chen, Ital­ienis­chen oder Franzö­sis­chen bet­rifft, so ist dieser – das sage ich aus eigen­er Erfahrung – immens, wenn man auch wirk­lich vom Latein dabei Gebrauch macht. Ich selb­st habe es im Ital­ienis­chen und im Spanis­chen inner­halb weniger Wochen von Null bis zur All­t­ags-Plap­per­reife und zur Lese­fähigkeit gebracht, was zum Beispiel nach mein­er Ein­schätzung völ­lig undenkbar wäre im Türkischen oder Pol­nis­chen.
    Den­noch ist das für mich nicht das wesentliche Argu­ment für das Latein­ler­nen, son­dern nur ein nüt­zlich­er Neben­ef­fekt.

  27. linguistic turn

    Ste­fanow­itsche Sprach-Ironie-Brock­en?
    Bei dem Weni­gen, was ich hier bish­er von A.S. gele­sen habe, schien für mich – wie auch hier – eine mehrdeutige Sprachi­ronie, beim Sprach­wis­senschaftler und Lin­guis­ten also ein Gut­teil Selb­stironie, sprach­lüstern zu ent­ber­gen.
    So ent­ge­ht es der Leser­schaft wohl, daß der Autor auf die Grice’schen Kon­ver­sa­tion­s­maxi­men ver­linkt, dabei aber nur auf die Maxime der Quan­tität – als ein­er, diskur­siv isolierten, ökonomisch und ide­ol­o­gisch aus­beut­baren Kat­e­gorie abhebt und die anderen drei, in Bezug auf Latein als Sprachdiszi­plin bzw. ein hohes Maß an Lerndiszi­plin erfordern­der Sprache, aus­blendet. Absicht oder iro­nis­che Kri­tik?
    2. Maxime der Qual­ität (Max­im of Qual­i­ty)
    Ver­suche einen Gesprächs­beitrag zu liefern, der wahr ist.
    Sage nichts, wovon du glaub­st, dass es falsch ist.
    Sage nichts, wofür du keine hin­re­ichen­den Anhalt­spunk­te hast.
    3. Maxime der Relevanz/Relation (Max­im of Rel­e­vance)
    Sage nichts, was nicht zum The­ma gehört, wech­sle das The­ma nicht ein­fach so plöt­zlich.
    4. Maxime der Modal­ität (Max­im of Man­ner)
    Ver­mei­de Unklarheit.
    Ver­mei­de Mehrdeutigkeit.
    Ver­mei­de unnötige Weitschweifigkeit.
    Ver­mei­de Unge­ord­netheit
    DAS sind Sprach­tu­gen­den, die laut Auskun­ft unseres Jüng­sten bis zur siebten Klasse : weit mehr – und kon­se­quenter – von seinem Latein­lehrer, als von sein­er Deutschlehrerin einge­fordert wur­den – bis er in der acht­en Klasse eine neue Lehrerin der deutschen Sprache und beson­ders ihrer Gram­matik bekam, die ihren Job und die zuge­hörige Lern – und Sprachdiszi­plin genau so ernst nahm wie ihr Lateinkol­lege. Ergeb­nis: die Klasse stürzte im Deutschunter­richt um etwa eine Note nach unten ab, nur die Latein­er nicht.
    Abge­se­hen davon soll­ten sich die Griechisch – und Lateinkri­tik­er mal vor Augen hal­ten, daß in unserem Kul­turkreis die Entwick­lung der Wis­senschaften seit der Antike auf den soge­nan­nten „toten Sprachen“ beruhte – die ein­er­seits der elitären Abgren­zung der später christlichen Wis­senschaften im Ver­bund mit dem Klerus und Adel dien­ten, auf der anderen Seite aber auch eine schrift­sprach­liche Exak­theit boten und bieten, die der konzen­tri­erten Aneig­nung und Spe­icherung wie der kom­prim­ierten Wieder/Weitergabe von Wis­sen ent­ge­genkam.
    Mithin erwirk­te ein auf der Grund­lage des Lateinis­chen ver­mit­teltes Wis­sen zwangsläu­fig jene Sprachdiszi­plin, welche sich in den o.g. Maxi­men 2–4 als Tugen­den abbildet und hat so vielle­icht zur Aus­for­mung der wis­senschaftlichen Arbeitsweise und Fachdiszi­plinen beige­tra­gen.
    Insoweit ist das Lateinis­che wie das Alt­griechis­che viel mehr als nur eine ver­meintlich tote Sprache, sie ist ein Ursprung und Bestandteil der Tiefen­struk­tur unser­er Wis­sens – und Sprachkul­tur, auch wenn Lateinisch heute nurmehr lit­er­al, aber kaum noch auf oral kom­mu­niziert wird.
    Daher hat der Latei­n­un­ter­richt in Schul­for­men die auf eine akademis­che – d.h. lit­er­al und auf Sprachexa­k­theit basierende — Bil­dung vor­bere­it­en nach wie vor seine Berech­ti­gung, wenn auch keinen unmit­tel­bar quan­tifizier­baren Nutzen.

  28. Joachim Pense

    Sprach­tu­gen­den
    Nochmal: Die Griceschen Maxi­men sind keine “Sprach­tu­gen­den”, son­dern Annah­men, die der Hör­er (bzw. Leser) unwillkür­lich zur Inter­pre­ta­tion des Textes her­anzieht.

  29. Statistiker

    @ Mar­tin B.
    Sie sagen: “Im Unter­richt der mod­er­nen Sprachen ent­fällt weniger Zeit aus das Über­set­zen und Analysieren von Tex­ten als im Latei­n­un­ter­richt, das ist doch sich­er eine Tat­sache.”
    Dies ist eine Behaup­tung ihrer­seits, keine Tat­sache.
    Ich habe das logis­che Denken im Math­e­matikun­ter­richt gel­ernt, nicht im Latei­n­un­ter­richt. Latein habe ich ein halbes Jahr “genossen” und mich gefragt, wozu dieser Unsinn gut sein soll. Habe über­legt und fest­gestellt: Latein ist redun­dant und zu nichts nütze, außer um sich wichtig zu tun, wie etliche Kom­men­ta­toren hier ja beweisen. Da ich es nicht nötig habe, mich wichtig zu machen: Latein–> Mülleimer.

  30. SH

    Die Bibel? Oh je!
    Irgend­wie schafft es der Papst doch immer wieder aufs neue seine Eng­stirnigkeit zu bestäti­gen. Einen Text wie die Bibel mit all ihren sym­bol­is­chen Gle­ich­nis­sen wortwörtlich zu nehmen ist wohl blanker Irsinn.
    Was immer Jesus (mal davon aus­ge­gan­gen, dass es einen his­torischen Jesus gibt) vor 2000 Jahren gesagt haben mag, es ste­ht bes­timmt nicht als wortwörtlich­es Zitat in der Bibel. Während sich Forsch­er nach wie vor stre­it­en, welchen Dialekt besagte Per­son wohl gesprochen hat, ist wohl gesichert, dass es wohl kaum Latein war. Tat­säch­lich han­delt es sich bei dem Lateinis­chen Text um eine schlechte lateinis­che Über­set­zung ein­er vielle­icht noch schlechteren griechis­chen Über­set­zung, bei der der Autor nach­weis­lich auch noch aller­lei per­sön­liche Ansicht­en hat ein­fließen lassen. (Z.B. schimpft im Johannes Evan­geli­um Jesus per­ma­nent auf die Juden, wie unglaublich authen­tisch!)
    Wahrschein­lich wäre der Welt viel Übel erspart geblieben, hätte es sich bei den Evan­ge­lis­ten um puris­tis­che Alt­philolo­gen gehan­delt. In diesem Sinne würde ich die verehrten Latein­lehrer nur zu gerne in ihre hochgelobte Antike schick­en, wo sie am besten gle­ich bleiben sollen. Der­weil kön­nen die geknechteten Schüler sich mit triv­ialen Fachge­bi­eten wie Math­e­matik beschäfti­gen, Däum­chen drehen oder von mir aus auch auf den näch­sten Mes­sias warten.
    P.S.: Für alle, die sich wirk­lich vor der Hölle fürcht­en. Nach katholis­ch­er Aufas­sung kann Gottes “großer Plan” vom Him­mel­re­ich nicht in Erfül­lung gehen, solange irgen­deine arme Seele in der “Hölle” schmort. Einem wirk­lich Gläu­bi­gen muss die Vorstel­lung vom Scheit­ern seines Gottes doch ziem­lich unwahrschein­lich erscheinen.

  31. Mario H.

    Richtig ver­standen?
    Habe ich es richtig ver­standen?
    Ich soll Latein ler­nen, weil ich dann weiß, was ein Nomen oder Objekt ist, weil ich dieses Wis­sen gut gebrauchen kann, wenn ich Chi­ne­sisch ler­nen will.
    So ganz logisch scheint mir das nicht, vor allem nicht, wenn man bedenkt, dass der Men­sch iA nicht unendlich Zeit/Geld hat…

  32. rechenmonster

    Gram­matik
    Ich kann die Abfäl­ligkeit, mit der einige Kom­men­ta­toren über den Latei­n­un­ter­richt herziehen, schlecht nachvol­lziehen.
    Schließlich wird nie­mand dazu gezwun­gen, Latein zu ler­nen, im Gegen­satz zu Math­e­matik. Und es gibt Leute wie Wern­er Fuld, die in Büch­ern wie “Die Bil­dungslüge” behaupten, Math­e­matik sei unnötig. (Zuerst dachte ich, der Autor hätte den Titel gewählt, um plaka­tiv die augen­blick­lichen Zustände zu kri­tisieren. Ich hat­te keine Ahnung, dass dieser Titel wörtlich gemeint ist und er seine eigene Bil­dungslüge fab­riziert hat.)
    Moral von der Geschichte, es gibt immer und über­all Men­schen, die das eine oder andere Fach für über­flüs­sig hal­ten.
    Wenn man mich fragt, was mir Latein gebracht hat, dann würde ich antworten: “Latein hat mir beige­bracht, was der Deutschunter­richt hätte leis­ten müssen.” Näm­lich eine (für einen Schüler) recht intime Ken­nt­nis der Gram­matik auch der deutschen Sprache. Im Latein gibt es fünf Fälle, den Abla­tiv noch extra, im Deutschen nur vier. Für mich war es anfangs eine Her­aus­forderung zu ver­ste­hen, was dieser Extra-Fall seman­tisch aus­drückt und wie das im Deutschen zu for­mulieren wäre. Dazu gab es noch viele weit­ere, im Lateinis­chen übliche, Kon­struk­tio­nen, die im Deutschen keine direk­te Entsprechung haben.
    Ich behaupte nicht, dass man unbe­d­ingt Latein ler­nen müsse, um all dies zu ler­nen.
    Allerd­ings ist es wirk­lich absurd zu behaupten, dass man diese Dinge *nicht* lernt, ins­beson­dere wenn man die eigene Mut­ter­sprache im Kon­trast zu ein­er Sprache sieht, die teil­weise ganz anders aufge­baut ist als die eigene.
    Man sieht weiße Papier­schnipsel bess­er, wenn sie auf einem schwarzen Tep­pich liegen, als wenn sie sich auf weißen Fliesen befän­den.
    In Bezug auf Her­rn Prof. Ste­fanow­itschs Kolumne, man solle ihn ver­rückt nen­nen für seine These, dass man an der eige­nen Sprache ler­nen könne, wie Sprache funk­tion­iert, kann ich nur sagen, ja, sich­er, das kann man. Aber um mal eine Alle­gorie aus der Wis­senschaft zu brin­gen — man verzei­he mir dies — : Auf einem Rönt­gen­fo­to kann man die Ver­hält­nisse zuweilen wesentlich bess­er erken­nen, wenn man ein Kon­trast­mit­tel gibt. Allerd­ings muss das Kon­trast­mit­tel nicht unbe­d­ingt Latein sein.
    Was die leichtere Erlern­barkeit roman­is­ch­er Sprachen ange­ht: vielle­icht, vielle­icht auch nicht. Ich empfinde das nicht so. In jedem Fall halte ich es für idi­o­tisch, erst Latein zu ler­nen, wenn man zum Ziel hat, Franzö­sisch zu sprechen.

  33. Klausi

    Non scholae, sed vitae discimus.”
    Erst war es Latein, dann Franzö­sisch, was der fremd­wort­geile Deutsche brauchte, um sich vom gemeinen Volk abzuheben. Die ganze heiße Luft, die in dem Zusam­men­hang je aus­gestoßen wurde, reichte heute aus, die Weltk­limaprob­leme zu lösen. Dabei sind sog­ar noch Kirchen- und Jäger­latein unberück­sichtigt geblieben.
    Da kam und kommt Englisch ein­fach nicht mit, jed­er Depp hat’s drauf und der halbe Wortschatz ist auch noch aus dem Griechis­chen oder Lateinis­chen geklaut. Typ­isch britisch eben, Empire und Sprache, alles zusam­mengestohlen.
    Gott sei Dank hat sich Englisch in der Grund­schule nicht durchge­set­zt. Nicht wegen der Moral, nein, son­dern weil schon wieder eine neue Sau durch’s Dorf getrieben wird: Chi­ne­sisch, bess­er gesagt Man­darin, ver­drängt nach und nach Englisch, zumin­d­est aus den Köpfen der besserver­di­enen­den Eltern. Und schon wird die Forderung laut, Man­darin im Kinder­garten!

  34. kahve

    Türkisch taugt genau­so
    Wie wäre es statt Latein mit 2 Jahren Türkischunter­richt für alle.
    Die Sprache ken­nt fast keine Aus­nah­men, hat eine aus­ge­feilte, logis­che Gram­matik und eröffnet einem ganz beson­dere Ein­sicht­en über die Funk­tion von Sprache.
    Als kleines Beispiel:
    Fragewörter wie wo?, wohin? wer­den ein­fach durch Dek­li­na­tion des Grund­frage­worts (exakt nach dem Muster der Sub­stan­tive) gebildet.
    Nerede? Berlin’de
    Ner­eye? Karlsruhe’ye
    Außer­dem kann man Türkischken­nt­nisse in Deutsch­land auch prak­tisch üben, schließlich spricht ja schon ein guter Prozentsatz der Deutschen Türkisch als Mut­ter oder Großmüt­ter­sprache.
    Die Stammtis­che wür­den natür­lich sturm­laufen…
    Slaw­is­che Sprachen wären auch geeignet, sie ver­fü­gen ja auch über ein aus­gek­lügeltes Dek­li­na­tions und Kon­ju­ga­tion­ssys­tem.

  35. Wentus

    Dog­ma soll bei ein­er Erken­nt­nis helfen?
    Dog­matik­er fordern meis­tens völ­lig ver­rück­te Sachen: ich hätte auch Spaß daran, an der Grund­schule erst die Dif­fer­en­ti­a­tion und Inte­gra­tion in der Math­e­matik zu lehren, weil das so fan­tastisch hil­ft, das Addieren und Sub­trahieren zu ver­ste­hen.
    Hin­ter dem Latei­n­un­ter­richt steckt natür­lich auch das katholis­che Dog­ma. Die kirch­liche Lithurgie würde ohne Lateinken­nt­nisse noch absur­der erscheinen.
    Hin­ter dem Vorschlag des Ara­bisch-Unter­richts kann man auch den Islam ver­muten. Wer hat es denn schon mal geschafft, beim libane­sis­chen Imbiss um die Ecke ein Gespräch in Hochara­bisch zu führen? Entwed­er man spricht Dialekt oder bekommt eine Antwort in Englisch oder Deutsch.
    Alles, was ange­blich so gut am Latei­n­un­ter­richt ist, kann man auch im Rus­sis­chen ler­nen, oder Japanis­chen, oder …

  36. phaeake

    Unglaublich,
    dass die obige Behaup­tung von Kris, wonach “der Latei­n­un­ter­richt (…) so etwas wie das ‘gym­nasial­ste aller Schulfäch­er’” sei, unwider­sprochen blieb! Das gym­nasial­ste aller Schulfäch­er ist natür­lich diejenige Sprache, aus der “Gym­na­si­um” entlehnt wurde, also (Alt-)Griechisch. Schulen, auf denen kein Griechisch gelehrt wird, sind daher max­i­mal Ober­re­alschulen.

  37. impala

    Dass in der FAZ für den Erhalt des Latei­n­un­ter­richts “argu­men­tiert” wird (ohne Argu­mente natür­lich), ist ja nicht weit­er ver­wun­der­lich, schließlich ist sie die Tageszeitung der Eliten.

  38. phaeake

    @Nick der Bösewicht, Schwiegersöhne
    Wenn mich mein Chef mit bloßem Nach­na­men und “er” anspräche, würde ich mich entwed­er zurück­ge­set­zt fühlen, oder aber den Schluss ziehen, dass er im Umgang mit Men­schen unbe­holfen ist, also einen guten Teil des Respek­ts vor ihm ver­lieren.
    Denn so sprach vielle­icht vor 150 Jahren der Gut­sherr den Knecht an. Die Kom­bi­na­tion Vor­name und Sie erin­nert eben­falls an Per­son­al (wie schon erwäh­nt wurde), allerd­ings eher an das Dien­st­mäd­chen im aufgek­lärten bürg­er­lichen Haushalt.
    Zum Schwiegerel­tern­prob­lem. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal zum Vertei­di­ger von Ben­imm­regeln werde, aber hier machen sie das Leben schon ein­fach­er. Man siezt seine Schwiegerel­tern — jeden­falls im Nor­mal­fall, dass diese älter sind als man selb­st — und es ist deren Entschei­dung, ob und wann sie einem das Du anbi­eten. Das Anre­de­v­er­mei­den finde ich pein­lich und wird bei Ken­nt­nis der Regel über­flüs­sig.

  39. phaeake

    Bitte löschen
    Bitte um Entschuldigung. Das gehört natür­lich zu ein­er anderen Diskus­sion

  40. Name (notwendig)

    @ impala: Ein Argu­ment habe ich in Deinem Beitrag allerd­ings nicht ent­deck­en kön­nen. Herr Wal­ter argu­men­tiert auch nicht “für den Erhalt des Latei­n­un­ter­richts”, er plädiert für Vielfalt und Wahl­frei­heit. Ich halte das schlimm­sten­falls für lib­er­al, nicht jedoch für elitär.

  41. impala

    Name,
    Wer für den Erhalt des Latei­n­un­ter­richts plädiert, muss halt auch Argu­mente für den Latei­n­un­ter­richt brin­gen. Ich bin für den Pflich­tun­ter­richt zweier mod­ern­er Fremd­sprachen anstelle des Latei­n­un­ter­richts, da der Latei­n­un­ter­richt für mich nicht nach­weis­bar Fähigkeit­en ver­mit­telt, die Gym­nasi­as­ten oder Gesamtschüler im Jahre 2012 nötig haben, der Unter­richt des Franzö­sis­chen, Spanis­chen und Rus­sis­chen (oder welche mod­er­nen Fremd­sprachen in Deutsch­land noch als zweite Fremd­sprache unter­richtet wer­den) hinge­gen schon. Näm­lich nicht nur, dass die Schüler eine andere Sprache ler­nen und somit andere Sprach­fam­i­lien ken­nen ler­nen und ihre Gram­matikvorstel­lung erweit­ert wird, son­dern auch dass sie kom­mu­nika­tive Fähigkeit­en erwer­ben, die ihnen u.U. beru­fliche Vorteile ver­schaf­fen, ihnen aber in jedem Falle kul­turelle Kom­pe­tenz ver­mit­teln und sie dazu anre­gen, sich für andere mod­erne Kul­turen zu inter­essieren. Das hat vor allem in Europa auch eine wichtige poli­tis­che Funk­tion.
    Der Latei­n­un­ter­richt ver­mit­telt keine kom­mu­nika­tive Kom­pe­tenz und die kul­turelle Kom­pe­tenz, die ver­mit­telt wird, ist vor allem eine his­torische, die eben­falls vom Geschicht­sun­ter­richt ver­mit­telt wird. Aber ich höre gerne ihre schlagkräfti­gen Argu­mente.

  42. Hoimrdengr

    @Martin. B: “nie­mand wird gezwun­gen”
    “Ich ver­ste­he ehrlich gesagt nicht, warum man immer ber Latein redet. Es wird doch nie­mand gezwun­gen, diese Sprache zu ler­nen. Das sollen halt die Eltern (bzw. die Schler selb­st) entschei­den, wie sie das machen wollen. Wo ist das Prob­lem?”
    Ich kann nur fuer Bay­ern sprechen. Dort sind die Wahlmoeglichkeit­en am Gym­na­si­um ohne Latein drastisch eingeschraenkt. Kein neusprach­lich­er Zweig *). Kein musis­ch­er Zweig. Nur E-F als latein­lose Sprachkom­bi­na­tion. Wer sich in der 6. Klasse noch nicht auf sprach­lich vs mathematisch/wirtschaftlich fes­tle­gen kann: Latein. Wer in der 10. sein Latein durch eine andere Sprache erset­zen will: Darf man. Gibt halt dann kein Lat­inum, das an den “besseren” Unis zB fuer Deutsch notwendig ist. Im Ergeb­nis sprechen die Mehrheit der bay­erischen Elite­abi­turi­en­ten genau eine Fremd­sprache.
    Wahl­frei­heit sieht anders aus.
    *) Ok. Mit Kumi-Antrag darf eine Schule einen neusprach­lichen Zweig ohne Latein ein­richt­en. Ich kenne lei­der keine Zahlen, aber in den umgeben­den Land­kreisen gibt’s das nur ein­mal — mit der sportlichen Vari­a­tion, dass man dann mit F anfan­gen muss. Also kein Fallschirm fuer die Realschule. Mit dem inter­es­san­ten Auswahlef­fekt, dass diese selb­st­be­wussten “Fran­zosen” die “Englaen­der” in den anderen Faech­ern mit +0.5 Schnitt in die Tasche steck­en. Meis­tens wirkt dieser sta­tis­tis­che Auswahlef­fekt in die andere Rich­tung und wird der didak­tis­chen Wun­der­wirkung des Lateins angedichtet.

  43. Crissov

    Rhenus longus est
    In sein­er bish­eri­gen Form taugt der Latei­n­un­ter­richt vor allem dazu, den Gram­matik­teil in den anderen Sprachen zu ver­ste­hen. Das spricht allerd­ings nicht für mehr Latei­n­un­ter­richt, son­dern für besseren Gram­matikun­ter­richt.
    Die Gegeneinan­der-Diskus­sion ist das eigentlich Schlimme. Wenn es nach mir gin­ge, gäbe es ab der Grund­schule durchgängig einen Ger­man­is­tikun­ter­richt, der neben Deutsch auch Englisch lehrt und sich neben Sprach­wis­senschaft auch um Lit­er­atur- und Medi­enken­nt­nisse sowie rhetorische und kom­mu­nika­tive Fer­tigkeit­en bemüht, während der Roman­is­tikun­ter­richt ab ca. der 5. Klasse Latein zwar als zu ver­mit­tel­nde The­o­rieba­sis nimmt, aber die kom­mu­nika­tive Beherrschung von min­destens ein­er mod­er­nen Sprache (Franzö­sisch, Spanisch, Ital­ienisch …) zum Ziel hat (und nur option­al mit Lit­er­at­u­r­analyse etc.). Dabei wür­den regionale Beson­der­heit­en (Dialek­te, Migranten­sprachen) bzw. geo­graphis­che oder zeitliche Nach­barschaften (Dänisch, Nieder­ländisch, Plattdeutsch etc.) entsprechend berück­sichtigt. Auch Slaw­is­tik (mit Rus­sisch, Pol­nisch, Tschechisch oder Sor­bisch als Grund­lage und Ziel) sollte vor allem im (Süd-)Osten seinen, wenn auch nicht verpflich­t­en­den, Platz haben. Jed­er (Gymnasial-)Schüler sollte die anderen europäis­chen Alpha­betschriften (Kyril­lisch, Griechisch) lesen (bzw. wenig­stens entz­if­fern) und schreiben kön­nen sowie sich mit min­destens einem anderen Schrift­sys­tem einge­hend beschäftigt haben.
    Damit das klap­pen kön­nte, müsste natür­lich neben den Lehrplä­nen und -büch­ern auch die Lehreraus- und -weit­er­bil­dung sowie das Lehramt­studi­um bzw. die Zulas­sung zum Lehrberuf über­dacht wer­den.

  44. Phu

    Wahl­frei­heit
    Gott­sei­dank gibt es Wahl­frei­heit. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie sehr ich vom Lateiun­ter­richt prof­i­tiere. Daraufhin habe ich mir auch noch (lei­der noch viel schlecht) Alt­griechisch beige­bracht.
    Meine Kinder sollen diese Chance auf jeden Fall auch ein­mal haben. Ander­er­seits muß ja kein­er gezwun­gen wer­den. Wem Latein zu doof ist oder wer damit in der Schule schlechte Erfahrun­gen gemacht hat: bitteschön. Wäre ja lang­weilig, wenn alle das gle­iche kön­nen wür­den.
    Aber die Häme, mit der hier über Latei­n­un­ter­richt herge­zo­gen wird, die kenne ich ich aus dem echt­en Leben nur von Sit­u­a­tio­nen, bei denen viel viel Neid und Min­der­w­er­tigkeit­skom­plex im Spiel ist.
    Aber eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, was mich am Artikel wirk­lich aufregt: viele und alles sind zwei grund­ver­schiedene Dinge, trotz­dem kann alles eine Vari­ante von viele sein. Mit viele kann also natür­lich auch alle gemeint sein, aber eben nicht nur son­dern auch. Viele enthält eine Unbes­timmtheit, schließt alle aber nicht aus. Darum ist alle eine vol­lkom­men valide Inter­pre­ta­tion von viele.
    Herr Ste­fanow­itschs Beiträge sind häu­fig so angenehm wis­senschaftlich, da darf ein solch­er Fehler selb­st um der Pointe Willen nicht geschehen…

Kommentare sind geschlossen.