[Buchtipp] Heike Wiese: Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht

Von Kristin Kopf

Heute will ich euch  Heike Wieses »Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entste­ht« empfehlen. Viele von euch wer­den in den let­zten Wochen in den Medi­en etwas zum The­ma aufgeschnappt haben – im Rah­men der Buch­pub­lika­tion wurde Frau Wiese oft inter­viewt und rezen­siert. Sie forscht und schreibt  näm­lich über ein The­ma, bei dem die Emo­tio­nen hochkochen und manchen beim Geifern der Schaum aus dem Mund schlägt: Über eine sprach­liche Vari­etät, die sie Kiezdeutsch nennt.

Kiezdeutsch ist eine Jugend­sprache, die sich in mul­ti­eth­nis­chen Wohn­vierteln beson­ders in Berlin, also z.B. Kreuzberg und Neukölln, her­aus­ge­bildet hat. Von anderen Jugend­sprachen unter­schei­det sie sich dadurch, dass sehr viele der SprecherIn­nen zwei- oder mehrsprachig aufwach­sen – aber nicht alle: auch ein­sprachig mit Deutsch aufgewach­sene Jugendliche benutzen Kiezdeutsch. Daher auch die orts­be­zo­gene Beze­ich­nung, in der Kiez als städtis­ches Wohnum­feld vorkommt.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Zu Beginn liegt der Fokus auf den sprach­lichen Merk­malen von Kiezdeutsch und auf ver­gle­ich­baren Vari­etäten in anderen europäis­chen Län­dern. Das ist, um es gle­ich zu sagen, der Teil des Buch­es, den ich nicht sooo toll fand (obwohl ich begeis­tert aufge­sprun­gen bin, als Wiese gle­ich auf den ersten Seit­en ganz en pas­sant erk­lärte, was Prä­ter­i­to­präsen­tien sind – das hat Stil!). Der Haupt­grund für mein Nicht­ganz­soglück­lich­seit mit dem ersten Teil ist die poli­tis­che Kom­po­nente, die per­ma­nent durch­scheint. Mit der ich dur­chaus sym­pa­thisiere, aber der hier, so finde ich, die lin­guis­tis­che Analyse unter­wor­fen wird.

Wiese will zeigen, dass es sich bei Kiezdeutsch wirk­lich um eine Vari­etät des Deutschen han­delt, und zwar um eine voll­w­er­tige Vari­etät, nicht um »schlecht­es Deutsch«. Unter anderem deshalb auch die Beze­ich­nung Dialekt. Dabei schießt sie m.E. etwas über das Ziel hin­aus: Sie betont bei allen Phänome­nen ganz beson­ders, wie gut sie sich in das gram­ma­tis­che Sys­tem des Deutschen ein­fü­gen bzw. wie sie darin schon angelegt seien. Dafür bietet sie zwar span­nende, aber eher anek­do­tis­che Evi­denz, wie zum Beispiel für die Artikel- und Prä­po­si­tion­slosigkeit bei Hal­tepunk­ten des öffentlichen Nahverkehrs (auch Stan­dard: Ich bin grad Alexan­der­platz, nur Kiezdeutsch: Ich bin grad Schule). (Mehr Beispiele zur Kiezdeutschgram­matik, auch mit Hör­beispie­len, find­et ihr auf dem Kiezdeutsch­por­tal.)

Hinzu kommt, dass oft auch eine Erk­lärung über Sprachkon­takt nahe­liegt, die manch­mal zwar erwäh­nt, aber eher abge­tan wird. Das liegt, denke ich, daran, dass das Pro­jekt von der ger­man­is­tis­chen Seite her kommt und daran, dass Wiese unbe­d­ingt zeigen will, wie deutsch Kiezdeutsch ist. Damit beschnei­det sich das Pro­jekt aber m.E. selb­st, ich fände es wirk­lich inter­es­sant, wenn für alle Phänomene, die als typ­isch deutsch beze­ich­net wer­den, auch alter­na­tive Erk­lärun­gen in Erwä­gung gezo­gen wür­den. (Z.B. Artikel­losigkeit und Post­po­si­tio­nen im Türkischen.) Wäre doch nicht schlimm, wenn ein paar der anderen im Kiezdeutschge­bi­et gesproch­enen Sprachen Kiezdeutsch bee­in­flussen wür­den. Ich kriege es irgend­wie nicht ganz zusam­men, dass die mul­ti­eth­nis­che Sprecherge­mein­schaft immer betont wird, aber die damit ein­herge­hende Mehrsprachigkeit als Fak­tor nur insofern mit­spie­len darf, als dass die Jugendlichen dadurch irgend­wie sprach­lich kreativ­er werden.

Den zweit­en Teil des Buch­es fand ich hinge­gen uneingeschränkt großar­tig. Hier geht es nun wirk­lich expliz­it darum, welchen abw­er­tenden Urteilen Kiezdeutsch aus­ge­set­zt ist und welche gesellschaftlichen Mech­a­nis­men dahin­ter­steck­en. Es geht also um die Wahrnehmung der SprecherIn­nen und um den Sta­tus von Vari­etäten und Dialek­ten. Wiese beze­ich­net Kiezdeutsch ja als deutschen Dialekt. Mir gefällt das nicht so gut, weil die Beze­ich­nung Dialekt all­ge­mein­sprach­lich eher für eine andere Gruppe von Vari­etäten ver­wen­det wird, die Basis­di­alek­te. (In der englis­chen Fach­tra­di­tion ist das allerd­ings anders, Wiese bezieht sich auf Trudg­ill.) Nun teilen sich Kiezdeutsch und die klas­sis­chen Dialek­te zwar viele Aspek­te (z.B. dass ihre SprecherIn­nen oft für unge­bildet gehal­ten wer­den), unter­schei­den sich aber zumin­d­est in einem, den ich recht wichtig finde: Kiezdeutsch ist eine Jugend­sprache. Wenn die SprecherIn­nen älter wer­den, hören sie irgend­wann auf, Kiezdeutsch zu sprechen, und ver­wen­den eine stan­dard­nähere Vari­etät ihres Reper­toires (die sie ja auch vorher schon die ganze Zeit beherrscht­en und in den gesellschaftlichen Kon­tex­ten, wo sie nötig war, benutzt haben). (Aber: Das ste­ht so nicht im Buch, das habe ich entwed­er ander­swo in einem Auf­satz von Wiese gele­sen oder bei einem Vor­trag gehört, das weiß ich grade nicht mehr ganz genau.)

Wieses Ver­wen­dung erschien mir bish­er immer recht pro­voka­tiv, und vielle­icht ist sie es auch, aber je weit­er ich im zweit­en Teil des Buch­es gele­sen habe, desto bess­er kon­nte ich sie ver­ste­hen. Sie beschreibt zunächst (toll, wie ich finde!), wie Stan­dard­deutsch ent­standen ist, und zwar mit Schw­er­punkt darauf, dass es sich hier­bei um den Sprachge­brauch der Mit­tel- und Ober­schicht han­delte. Dadurch kon­nte dieser Stan­dard schnell als sozialer Mark­er inter­pretiert wer­den, mit dem man sich abgren­zen kon­nte, und entsprechend erfuhren die Dialek­te eine Abw­er­tung. Wichtig ist hier also, dass eine Bew­er­tung von Sprech­weisen nie eine Bew­er­tung der Sprache per se ist, son­dern immer eine (soziale) Bew­er­tung ihrer SprecherIn­nen, bei Dialek­ten wie auch bei Kiezdeutsch.

Die näch­sten drei Kapi­tel haben dann eine gemein­same Struk­tur, in denen immer ein “Mythos” geschildert und dann mit der Real­ität kon­fron­tiert wird. Die drei Mythen besagen 1) Kiezdeutsch sei gebroch­enes Deutsch, 2) Kiezdeutsch sei ein Zeichen man­gel­nder Inte­gra­tion und 3) Kiezdeutsch sei eine Bedro­hung des Deutschen. Wiese entkräftet alle drei ele­gant – aber wie genau, das soll­tet ihr lieber selb­st lesen, ich will euch den Genuss nicht nehmen. Beson­ders wichtig dabei finde ich die Über­legun­gen zum Schul­sys­tem, das auss­chließlich auf bil­dungs­bürg­er­lichen Sprachge­brauch setzt.

Alles in allem ein kluges, abso­lut empfehlenswertes Buch, das mir viel Spaß gemacht hat!

Heike Wiese (2012): Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entste­ht. München: C.H. Beck.

[Hin­weis: Der Ver­lag hat mir ein kosten­los­es Rezen­sion­sex­em­plar zur Ver­fü­gung gestellt.]

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