Nafris (ein sprachwissenschaftliches Grünen-Seminar für Rainer Wendt)

Von Anatol Stefanowitsch

Das Wort Nafri sorgt für heftige Debat­ten, seit die Köl­ner Polizei in der Sil­vester­nacht 2016 über den Kurz­nachrich­t­en­di­enst Twit­ter fol­gende Beschrei­bung ihres Vorge­hens absetzte:

Die Diskus­sion wird, wie es in Deutsch­land lei­der üblich ist, wenn es um poten­ziell prob­lema­tis­che Sprache geht, sehr hitzig, fak­te­n­arm und wenig pro­duk­tiv geführt. Sie wird außer­dem ver­mis­cht mit der wichtigeren Diskus­sion um Racial Pro­fil­ing und öffentliche Sicher­heit, die mit dem Wort Nafri eher am Rande zu tun hat.

Eigentlich wollte ich mich deshalb aus der Diskus­sion her­aushal­ten, aber dann las ich fol­gende Aus­sage des Vor­sitzen­den der Deutschen Polizeigew­erkschaft, Rain­er Wendt:

Das ist eine Abkürzung, die wir im Ein­satz benutzen, beispiel­weise bei Funksprüchen oder wenn sich die Beamten etwas zurufen. Das braucht man nicht zu drama­tisieren. Das ist eben der Unter­schied zwis­chen einem sprach­wis­senschaftlichen Grü­nen-Sem­i­nar und einem Polizeiein­satz. (Rain­er Wendt in der Jun­gen Frei­heit, 2. Jan­u­ar 2017)

Ich bin zwar kein Grün­er, aber ein sprach­wis­senschaftlich­es Sem­i­nar kann ich liefern, und da die Kri­tik am Begriff „Nafri“ weit­ge­hend am eigentlichen Prob­lem vor­beige­ht, habe ich Wendts Her­aus­forderung dann doch angenommen.

Für die Kri­tik am Begriff lassen sich in der aktuellen Diskus­sion grob drei Begrün­dun­gen erkennen:
1. Der Begriff klinge abwertend/herabwürdigend.
2. Der Begriff sei „Sprachge­brauch der Rechten“
3. Der Begriff pauschal­isiere (sug­geriere also, dass alle Men­schen aus Nordafri­ka krim­inell seien).

Die erste Begrün­dung ist schw­er einzuord­nen, da es weit­ge­hend sub­jek­tiv ist, was abw­er­tend „klingt“ und ich keine genaueren Aus­führun­gen find­en kon­nte, worin dieser Klang liegen soll. Manche Kommentator/innen ziehen eine Par­al­lele zum Wort N*ger, möglicher­weise auf­grund des gemein­samen ersten Lautes/Buchstaben, aber ins­ge­samt beste­ht keine große laut­liche Nähe zwis­chen diesen Wörtern. Mir sind auch keine anderen abw­er­tenden Wörter bekan­nt, die eine beson­dere Ähn­lichkeit zu Nafri hät­ten – Wörter, die auf -i enden, etwa, kön­nen sowohl neg­a­tiv sein (Alki, Spasti, Assi, Tus­si, Knac­ki), als auch neu­tral (Azu­bi, Zivi, Schiri, Pro­mi) oder sog­ar pos­i­tiv (Profi, Spezi, Mami, Papi, siehe auch Kose­na­men wie Schu­mi). Ich würde deshalb ver­muten, dass die sub­jek­tive Empfind­ung eines „abw­er­tenden Klangs“ sich erst im Nach­hinein aus ein­er neg­a­tiv­en Bew­er­tung ergibt, die andere Ursachen hat.

Die zweite Begrün­dung lässt sich schnell als falsch einord­nen. Der Begriff stammt nicht aus dem Sprachge­brauch der Recht­en, son­dern tat­säch­lich aus dem Sprachge­brauch der Polizei selb­st. Er gelangte erst­mals Anfang des let­zten Jahres im Zusam­men­hang mit der sex­u­al­isierten Gewalt am Köl­ner Haupt­bahn­hof in die Öffentlichkeit. Die Bild zitierte damals aus einem inter­nen Bericht der Köl­ner Polizei mit dem Titel „Analy­se­pro­jekt Nordafrikanis­che Straftäter“. Dort wurde eine Kat­e­gorie von soge­nan­nten „Nafri-Delik­ten“ definiert, die fol­gende Eigen­schaften haben (ich komme auf diese Defn­i­ni­tion) später noch zurück:

  • Täter ist Ange­höriger eines „Nafri“-Staates (Ägypten, Alge­rien, Libanon, Libyen, Marokko, Syrien und Tunesien)
  • Täter ist meist zwis­chen 15 und 25 Jahre alt
  • Began­gen wer­den Raub‑, Körperverletzungs‑, BtM‑, und Taschendiebstähle
  • Tatorte liegen schw­er­punk­t­mäßig im Bere­ich der Köl­ner Alt­stadt, Mar­tinsvier­tel, Franken­werft, Weltjugendtagsweg
  • Tatzeit­en liegen schw­er­punk­t­mäßig an Woch­enen­den zur Nachtzeit
  • Der jugendliche Täter ist regelmäßig in ein­er Ein­rich­tung der Stadt Köln untergebracht.

Das Wort find­et sich seit­dem ab und zu auf ein­schlägi­gen Web­seit­en wie PI News, meis­tens in direk­tem Zusam­men­hang mit Diskus­sio­nen der Sil­vesternächte 2015 und 2016. Dass es in den all­ge­meinen recht­en Sprachge­brauch einge­gan­gen wäre, lässt sich zu diesem Zeit­punkt aber nicht behaupten.

Die dritte Begrün­dung kommt ein­er sprach­wis­senschaftlich fundierten Kri­tik an dem Wort Nafri am näch­sten, sehen wir sie uns also genauer an.

Die meis­ten Sub­stan­tive beze­ich­nen Kat­e­gorien von Din­gen. Das Wort Vogel, beispiel­sweise, beze­ich­net eine Kat­e­gorie von indi­vidu­ellen Organ­is­men, die ihrer­seits in Unterkat­e­gorien wie Spatzen, Wellen­sit­tiche, Enten und Pin­guine gehören. Das Wort Möbel beze­ich­net eine Kat­e­gorie von indi­vidu­ellen Gegen­stän­den, die eben­falls in Unterkat­e­gorien wie Schränke, Bet­ten, Stüh­le und Spül­maschi­nen fallen.

Die Gemein­samkeit zwis­chen bei­den Wörtern ist, dass sie unter­schiedliche Dinge sprach­lich als zusam­menge­hörig kennze­ich­nen. Der Unter­schied ist, dass Vögel tat­säch­lich eine natür­liche Kat­e­gorie bilden – sie haben eine gemein­same evo­lu­tionäre Geschichte und gemein­same Eigen­schaften (z.B. haben sie alle Schnä­bel und leg­en alle Eier). Möbel bilden dage­gen keine natür­liche Kat­e­gorie – sie wer­den erst durch die sprach­liche Beze­ich­nung zu ein­er Kat­e­gorie und sie haben auch keine gemein­samen Eigen­schaften, außer der etwas vagen Eigen­schaft „ste­hen typ­is­cher­weise in Woh­nun­gen“ (das ist auch der Grund, warum die Gren­zen solch­er Kat­e­gorien schw­er­er zu ziehen sind – wir wären uns vielle­icht uneins, ob Spül­maschi­nen tat­säch­lich Möbel sind, aber wir wären uns alle einig, dass Pin­guine zwar merk­würdi­ge, aber den­noch ein­deutige Vögel sind).

Sprach­lich behan­deln wir bei­de Kat­e­gorien gle­ich. Da es ein Wort für sie gibt, gehen wir davon aus, dass die in ihnen enthal­te­nen Indi­viduen zusam­menge­hören. Wir erwarten eine gewisse Homogen­ität der Eigen­schaften und des Ver­hal­tens oder Vorkom­mens in der Welt (z.B., dass wir in einem Möbel­haus sowohl Bet­ten als auch Schränke als auch Stüh­le vorfind­en wer­den, und zumin­d­est die großen Möbel­häuser bieten inzwis­chen auch Spül­maschi­nen an).

Die Köl­ner Polizei hat mit dem Begriff Nafri nun nicht nur ein Wort geschaf­fen, son­dern auch die damit beze­ich­nete Kat­e­gorie: Sie fasst Men­schen aus sieben sehr unter­schiedlichen Län­dern (von denen zwei, der Libanon und Syrien, tat­säch­lich gar nicht in Nordafri­ka liegen), zu ein­er Gruppe zusam­men. Schon hier liegt das erste Prob­lem dieses Begriffs: Sobald er sich etabliert hat, führt er dazu, dass wir (bzw. die, die ihn ver­wen­den) davon aus­ge­hen, dass die Indi­viduen in der damit beze­ich­neten Kat­e­gorie eine gewisse Homogen­ität aufweisen. Das ist bei dem Begriff Nafri offenkundig der Fall – genau auf dieser erwarteten Homogen­ität im Ver­hal­ten beruhen ja die geson­derten Per­so­n­enkon­trollen, die die Polizei bei Men­schen am Köl­ner Haupt­bahn­hof, die wie „Nafris“ ausse­hen, durchge­führt hat.

Der Begriff ist nicht deshalb prob­lema­tisch, weil die Köl­ner Polizei (ver­mut­lich kor­rekt) erkan­nt hat, dass bes­timmte Grup­pen von Men­schen aus bes­timmten Län­dern ihnen beson­ders oft Prob­leme bere­it­en, son­dern, weil die sehr bre­ite Kat­e­gorie Nafri dazu führt, dass nicht nur etwa alle Tune­si­er unter einen Gen­er­alver­dacht für die Tat­en ein­er bes­timmten Gruppe von Tune­siern gestellt wer­den, son­dern sog­ar etwa alle Syr­er unter einen Gen­er­alver­dacht für die Tat­en ein­er bes­timmten Gruppe von Tune­siern gestellt wer­den (und umgekehrt).

Das zweite all­ge­meine Prob­lem an Kat­e­gorien­beze­ich­nun­gen – vor allem solchen für Men­schen – ist, dass sie sich leicht mit zusät­zlichen Bedeu­tungskom­po­nen­ten aufladen, die eigentlich kein Teil der Def­i­n­i­tion sind. Nehmen wir das Wort Blon­dine — es bedeutet eigentlich nur „Frau mit hellen Haaren“, aber anders als die beschreibende Phrase Frau mit hellen Haaren ist das Wort Blon­dine mit zusät­zlichen Bedeu­tun­gen wie „dumm“, „attrak­tiv“, „gut im Bett“ usw. Und diese Bedeu­tun­gen sind, wie dieses Beispiel zeigt, häu­fig stereo­typ­isierende und abw­er­tende Zuschreibungen.

Kat­e­gorien­beze­ich­nun­gen chang­ieren damit ständig zwis­chen der Kernbe­deu­tung und der durch zusät­zliche Bedeu­tun­gen erweit­erten Bedeu­tung. Bei der Beze­ich­nung Nafri war das in der Sil­vester­nacht augen­fäl­lig. Obwohl der Begriff von der Polizei selb­st geschaf­fen wurde und neben der Herkun­ft eine ganze Rei­he weit­er­er Bedeu­tungskom­po­nen­ten umfasst – etwa, dass es sich eben um Straftäter han­deln muss – wird es von der Polizei ganz ein­deutig auch als all­ge­meine Beze­ich­nung für Men­schen aus den genan­nten Län­dern (oder auch solche, die nur so ausse­hen, wie Men­schen aus den genan­nten Län­dern) verwendet.

In dem oben zitierten Tweet kann sich das Wort unmöglich auf „Straftäter aus Ägypten, Alge­rien, Libanon, Libyen, Marokko, Syrien und Tune­sien“ beziehen, da die Polizei ja vor der Über­prü­fung nicht wis­sen kon­nte, ob es sich um Straftäter han­delt, und auch nicht davon aus­ge­gan­gen ist, dass es sich bei allen um Straftäter han­delt. Stattdessen lässt sich das Wort Nafri in diesem Tweet nur mit „Men­schen aus Ägypten, Alge­rien, Libanon, Libyen, Marokko, Syrien und Tune­sien“ übersetzen.

Die Polizei ver­wen­det also ein und das­selbe Wort für Men­schen aus bes­timmten Län­dern (bzw. solche, die ihrer Mei­n­ung nach so ausse­hen), und für Straftäter aus diesen Län­dern. Diese Dop­peldeutigkeit bestäti­gen auch Aus­sagen der Polizei selb­st. Während ein Sprech­er der Polizei vom Spiegel mit der Aus­sage zitiert wird, das Wort Nafri beze­ichne „generell Per­so­n­en, die dem nordafrikanis­chen Spek­trum zuge­ord­net wer­den“ und es sei „frei jed­er Wer­tung“, ist es laut dem Vor­sitzen­den der DPolG Bun­de­spolizeigew­erkschaft, Ernst Wal­ter, „eine Abkürzung für nordafrikanis­che Intensivtäter“.

Bei der Debat­te um das Wort Nafri sollte es nicht darum gehen, ob die Polizei das Wort in ras­sis­tis­ch­er Absicht geprägt hat, son­dern darum, dass diese Art von Kat­e­goriebeze­ich­nun­gen grund­sät­zlich gefährlich sind. Die Pauschal­isierung und die begrif­fliche Unschärfe, die in solchen Beze­ich­nun­gen steckt, muss nicht unbe­d­ingt zum Prob­lem wer­den – bei Möbel­stück­en etwa wird sie kaum jeman­dem schaden. Aber wenn es um Men­schen geht, ist eine beson­dere Vor­sicht geboten, damit Kat­e­gorien­beze­ich­nun­gen nicht zu einem Teufel­skreis von neg­a­tiv­en Zuschrei­bun­gen beitragen.

Die Köl­ner Polizei hat den Begriff zunächst geschaf­fen, weil sie eine Beze­ich­nung für eine bes­timmte Gruppe wieder­holt straf­fäl­liger Men­schen brauchte. Die Absicht dahin­ter ist nicht zu verurteilen. Sobald die Beze­ich­nung da ist, nimmt ihre Bedeu­tungsen­twick­lung aber ein Eigen­leben an – in diesem Fall hat sich schnell eine Dop­peldeutigkeit zwis­chen Men­schen und Straftätern aus ein­er bes­timmten geo­graphis­chen Region her­aus­ge­bildet, die poten­ziell ras­sist­siche Denk- und Hand­lungsweisen aus­lösen bzw. ver­stärken kann. Zu dieser Dop­peldeutigkeit hat sich­er beige­tra­gen, dass die Polizei mit Men­schen grund­sät­zlich genau dann zu tun bekommt, wenn diese straf­fäl­lig wer­den. Im Falle des Wortes Nafri kommt hinzu, dass ein sehr bre­it­er und het­ero­gen­er Per­so­n­enkreis zusam­menge­fasst wird, der sich vor­rangig dadurch ausze­ich­net, nicht weiß zu sein. Auch das war ver­mut­lich ursprünglich nicht beab­sichtigt, aber auch das hat schnell ein Eigen­leben angenom­men, wie die zumin­d­est etwas unre­flek­tierten Per­so­n­enkon­trollen auf der Grund­lage visueller eth­nis­ch­er Merk­male in der Sil­vester­nacht 2016 zeigen.

Natür­lich gibt es einen Unter­schied zwis­chen Polizeiar­beit und sprach­wis­senschaftlichen Sem­i­naren aller Far­ben, aber dort, wo Polizeiar­beit sich auf sprach­liche Kat­e­gorien bezieht, kann sprach­wis­senschaftliche Sen­si­bil­ität sich­er nicht schaden.