Schneeschmelze

Von Anatol Stefanowitsch

Eigentlich ist die ganze Geschichte Schnee von gestern: lange Zeit glaubte man, die Eski­mos ver­fügten über eine große Zahl von Wörtern für Schnee und ver­wies gerne und häu­fig auf diese ver­meintliche Tat­sache. Dann set­zte sich langsam die Erken­nt­nis durch, dass dies nicht der Fall ist. Eigentlich ist das schon alles und vie­len Men­schen ist nicht klar, warum uns das über­haupt inter­essieren sollte. Ich hätte das The­ma auch lieber ver­mieden, aber ein aktueller Anlass in der Blo­gosphäre (und das unver­hoffte Win­ter­wet­ter) zwin­gen mich nun, die Geschichte hier aufzugreifen.

Aber der Rei­he nach. Zunächst die Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen für diejeni­gen, die noch nie etwas über Eski­mos und Wörter für Schnee gehört haben: laut einem weitver­bre­it­eten urba­nen Mythos haben die Eski­mos eine Vielzahl davon, eine häu­fig genan­nte Zahl ist 50 (siehe z.B. hier, hier, und hier).

Die Fabel von den vie­len Wörtern für Schnee find­et sich aber nicht nur im urba­nen Mythen­schatz, son­dern sie wurde lange Zeit auch von vie­len Anthro­polo­gen, Psy­cholo­gen und Lin­guis­ten vertreten und weit­er­ver­bre­it­et — ohne jede Grund­lage. Dieser schlu­drige Verzicht auf die in der Wis­senschaft son­st so wichtige Quel­lenar­beit störte die die Anthro­polo­gin Lau­ra Mar­tin, und so schrieb sie 1986 einen Auf­satz im Amer­i­can Anthro­pol­o­gist, in dem sie den Ursprung und Werde­gang dieser Fabel nachze­ich­nete. Diesen Auf­satz griff der Sprach­wis­senschaftler Geof­frey Pul­lum auf und begann damit eine Aufk­lärungskam­pagne, die bis heute anhält und langsam Früchte trägt: wenn man heute bei Google nach Eski­mo Wörter Schnee (oder Eski­mo words snow) sucht, dann hal­ten sich die Tre­f­fer, in denen der Mythos ver­bre­it­et wird, in etwa die Waage mit denen, in denen er ent­larvt wird.

Diesen Monat, volle zwanzig Jahre nach der Veröf­fentlichung von Lau­ra Mar­tins Auf­satz, ist diese Erken­nt­nis nun auch in der ehrwürdi­gen Süd­deutschen Zeitung angekom­men. Sie nen­nt sog­ar die wahrschein­lich­ste Schätzung für die tat­säch­liche Anzahl von Schneewörtern: zwei, näm­lich qanik (für „fal­l­en­den Schnee“) und aput (für „liegen­den Schnee“). Damit ist der Fall eigentlich gek­lärt und es gäbe keinen Grund, den Schnee auch noch hier im Bre­mer Sprach­blog breitzutreten.

Wenn nicht der oben erwäh­nte aktuelle Anlass wäre: „Sprach­bloggeur“ P.J. Blu­men­thal mochte sich in der let­zten Woche nach der Lek­türe der Süd­deutschen mit der tris­ten Wahrheit nicht abfind­en. Zwei Wörter erschienen ihm nicht aus­re­ichend für die Schnee­vielfalt der Ark­tis, und so schlug er einen Kom­pro­miss zwis­chen den durch­schnit­tlichen 50 Wörtern der Leg­ende und den zwei Wörtern der Wis­senschaft vor:

Wie wäre es, wenn wir sagten, die Eski­mos ken­nen 20 oder sog­ar nur 10 Wörter für das pap­pige Zeug? Durch Kom­pro­misse kommt man oft der Wahrheit näher.

In einem Kom­men­tar habe ich den ihn darauf hingewiesen, dass dies ein fauler Kom­pro­miss ist, da er schlicht nicht den Tat­sachen entspricht und habe ver­sucht, die tat­säch­liche Sit­u­a­tion kurz zu umreißen.

Tat­säch­lich lässt sich die Frage, wieviele Wörter für Schnee die Eski­mos haben, nicht beant­worten … [Deren Sprache] ist näm­lich poly­syn­thetisch, was bedeutet, dass aus jedem Grund­mor­phem durch das inko­r­pori­eren ander­er Grund­mor­pheme sowie durch das Hinzufü­gen von Prä­fix­en und Suf­fix­en eine unbe­gren­zte Zahl von zusam­menge­set­zten Wörtern gebildet wer­den kann. Wenn Sie zusam­menge­set­zte Wörter mitzählen, so wie sie es bei Schneematsch (Schnee + Matsch) im Deutschen getan haben, dann haben die Inu­it aber­tausende Wörter für Schnee, eben­so wie sie dann aber auch aber­tausende Wörter für alles andere haben. Wenn Sie nur die Grund­mor­pheme zählen, dann haben die Inu­it zwei, näm­lich die, die Lau­ra Mar­tin nennt.

[Hier bin ich eventuell der Süd­deutschen auf den Leim gegan­gen und muss mich in diesem Fall kor­rigieren: soweit ich mich bei genauerem Nach­denken erin­nere, nen­nt Lau­ra Mar­tin diese Wörter gar nicht. Sie stam­men aus ein­er Glosse des oben erwäh­n­ten Geof­frey Pullum].

Der Sprach­bloggeur griff meinen Ein­wand in sein­er näch­sten wöchentlichen Kolumne fre­undlich und sehr sports­man­like auf, zeigte sich aber let­ztlich unbeeindruckt:

… ich glaube, dass es Neben­sache ist, ob die „unzäh­li­gen“ Wörter für Schnee in der Eski­mo­sprache aus zusam­menge­set­zten oder Einzel­stäm­men beste­hen. Wichtig ist lediglich die Tat­sache, dass die Inu­it und Grön­län­der viele dif­feren­zierte Begriffe für das weiße Zeug ken­nen. Fakt ist: Die Eski­mos ken­nen genau­so viele Begriffe für den Schnee und das Eis, wie sie aus ihrer Sit­u­a­tion brauchen.

Da der Sprach­bloggeur ein gebilde­ter Mann (Alt­philologe, also im weit­eren Sinne Fachkol­lege) und ein erfahren­er Wis­senschaft­sautor (bei der Zeitschrift P.M.) ist, muss ich es als mein Ver­sagen betra­cht­en, ihn nicht überzeugt zu haben. Ich muss es also noch ein­mal ver­suchen und mir dies­mal mehr Mühe geben.

Um meinen oben zitierten Ein­wand richtig zu ver­ste­hen, brauchen wir ein paar Fach­be­griffe. Zunächst müssen wir zwis­chen ein­fachen und kom­plex­en Wörtern unter­schei­den. Ein­fache Wörter sind solche, die nicht in kleinere Teile zer­legt wer­den kön­nen — z.B. Schnee oder Boot. Kom­plexe Wörter kön­nen in kleinere Teile zer­legt wer­den. Wenn alle kleineren Teile eben­falls Wörter sind, sprechen wir von Kom­posi­ta (z.B. Pul­ver­schnee, aus Pul­ver + Schnee oder Schlauch­boot aus Schlauch + Boot). Wenn nicht alle kleineren Teile eigen­ständi­ge Wörter sind, sprechen wir von Deriva­ta (z.B. schneeig aus Schnee + -ig).

Als näch­stes müssen wir zwis­chen Wörtern und Phrasen unter­schei­den. Eine Phrase kom­biniert mehrere Wörter nach bes­timmten Regeln zu ein­er größeren Ein­heit. Eine Nom­i­nalphrase, beispiel­sweise, kom­biniert ein Sub­stan­tiv mit anderen Wörtern, die dieses Sub­stan­tiv genauer bes­tim­men, z.B. nach der Regel Adjek­tiv + Sub­stan­tiv (glitzern­der Schnee, schnelles Boot) oder Sub­stan­tiv + Rel­a­tivsatz (Schnee, der auf Zed­ern fällt).

Wenn ich Ihnen nun sagen würde, dass das Deutsche vier Wörter für Schnee hat, und Ihnen die ein­fachen Wörter Schnee, Firn, Harsch und Sulz nen­nen würde, wäre mir wohl Ihrer aller Zus­tim­mung sicher.

Was aber, wenn ich sagen würde, dass das Deutsche zehn Wörter für Schnee hat, und neben den bere­its genan­nten noch Faulschnee, Neuschnee, Papp­schnee, Pul­ver­schnee, Schwimm­schnee und Wild­schnee nen­nen würde? Einige von Ihnen wären damit vielle­icht noch zufrieden, aber andere wür­den darauf hin­weisen, dass ich hier nicht ganz fair spiele: die sechs zusät­zlichen Wörter sind Kom­posi­ta, und da die Kom­po­si­tion ein regel­hafter Prozess ist, kön­nte ich nach belieben weit­ere Kom­posi­ta bilden, z.B. Straßen­schnee, für „Schnee, der auf der Straße liegt“ (93 Google-Tre­f­fer); Salzschnee für „Schnee, der Streusalz enthält“ (43 Google-Tre­f­fer), oder Wind­schutzschnee für „Schnee, den man mor­gens müh­sam von der Wind­schutzscheibe abkratzen muss“ (zum Zeit­punkt der Entste­hung dieses Beitrags 0 Google-Tre­f­fer). Wenn ich also Kom­posi­ta mitzäh­le, wird es erstens schw­er, die Zahl der Schneewörter im Deutschen zu zählen, denn diese hängt nun nur von der Fähigkeit kreativ­er Sprech­er ab, diese neu zu erfind­en; zweit­ens sage ich nichts mehr über das Ver­hält­nis der deutschen Sprache speziell zum Schnee, denn ich kann mit jedem ein­fachen Wort zahhlose Kom­posi­ta bilden.

Spätestens, wenn ich sagen würde, dass das Deutsche zwanzig Wörter für Schnee hat, und neben den schon genan­nten Wörtern die Nom­i­nalphrasen frischge­fal­l­en­er Schnee, gefroren­er Schnee, gepresster Schnee, glitzern­der Schnee, knirschen­der Schnee, riesel­nder Schnee, stieben­der Schnee, tiefer Schnee, unberührter Schnee, und wirbel­nder Schnee aufzählen würde, stünde ich mit mein­er Mei­n­ung wohl ziem­lich allein da: „Das gilt nicht“, wür­den Sie rufen. „Das sind ja gar keine Wörter, son­dern Nominalphrasen“.

Das Prob­lem ist nun, dass die Eski­mo-Aleut-Sprachen eine aus Sicht der europäis­chen Sprachen sehr bemerkenswerte gram­ma­tis­che Struk­tur haben. Dort, wo das Deutsche Wort­grup­pen aus Adjek­tiv + Sub­stan­tiv oder aus Sub­stan­tiv + Rel­a­tivsatz bildet, ver­wen­den die Eski­mo-Aleut-Sprachen Kom­posi­ta und Deriva­ta. Man kann sich das in etwa so vorstellen, dass die Wort­bil­dung­sprozesse der Kom­po­si­tion und Deriva­tion in diesen Sprachen auf Hyper­antrieb geschal­tet sind und viele (fast alle) der Funk­tio­nen übernehmen, die in den meis­ten anderen Sprachen durch phrasale Regeln erfüllt werden.

Nehmen wir das Wort Boot. Mein Bre­mer Kol­lege Thomas Stolz hat im Inter­esse der sprach­wis­senschaftlichen Aufk­lärung stun­den­lang Yup’ik-Texte nach Wörtern durch­sucht, die dieses ein­fache Wort enthal­ten (Thomas, ich schulde Dir was!). Er hat dabei fol­gende zehn Wörter gefun­den (die Liste ließe sich aber beliebig fortsetzen).

  • angyaq „Boot“
  • angyaqatak „kleines Boot“
  • angyaruk „großes Boot“
  • angyarpal­l’er „sehr großes Boot“
  • angya’urlaq „geliebtes Boot“
  • angyal­lu­raq „lausiges Boot“
  • angyar’ay’at „Massen von Booten“
  • angyak­cak „etwas, das wie ein Boot aussieht“
  • angyaru­aq „ein unecht­es Boot, Mod­ell­boot, Spiezeugboot“
  • angyalian „ein vom Ange­sproch­enen hergestelltes, aber nicht unbe­d­ingt besessenes Boot“
  • und so weiter…

Um das noch ein­mal deut­lich zu sagen: das­selbe geht mit allen andern Wörtern! Ich möchte keines­falls ver­ant­wortlich sein für einem neuen Mythos in der Art „Die Eski­mos haben 10 (50, 100, 400) Wörter für Boot“.

Auf­grund der beson­deren Struk­tur der Eski­mo-Aleut­sprachen ist dieser Deriva­tion­sprozess übri­gens nicht auf Aus­drücke beschränkt, die im Deutschen als Sub­stan­tive oder Nom­i­nalphrasen über­set­zt wer­den, son­dern set­zt sich in der sel­ben Art fort bei Aus­drück­en, denen im Deutschen ganze Sätze gegenüberstehen:

  • angyailliquq „er lei­det darunter, dass er kein Boot hat“
  • angyaqaqa „ich habe es als mein Boot“ (d.h. „Ich ver­wende es als Boot, obwohl es keins ist“, oder „Das ist mein Boot“)
  • angyaqeg­ci­uq „er hat ein gutes Boot“

Die Kon­se­quenz ist also, dass es schlicht keinen Sinn hat, in den Eski­mo-Aleut-Sprachen Wörter zu zählen. Egal, welch­es ein­fache Wort wir uns vornehmen — Schnee, Boot, oder auch Strand — wir kön­nen Tausende von Wörtern damit bilden, so, wie wir im Deutschen Tausende von Phrasen damit bilden könnten.

Wir kön­nen also fra­gen „Wieviele Arten von Schnee kön­nen die Eski­mos benen­nen?“. Die Antwort darauf ist: „Soviele, wie sie wollen.” Wäre das erwäh­nenswert? Nein, denn die Sprech­er aller anderen Sprachen kön­nen das auch.

Wenn wir aber fra­gen „Wieviele Wörter für Schnee haben die Eski­mos?“, dann muss die Antwort sich wegen der beson­deren Struk­tur der Eski­mo-Aleut-Sprachen auf ein­fache Wörter beschränken. Und da sind sich die meis­ten Experten einig, dass es, zumin­d­est im West­grön­ländis­chen, zwei sind: aput und qanik. Es mögen, je nach­dem, welche Eski­mo-Aleut-Sprache und welchen Dialekt dieser Sprache wir uns vornehmen, noch ein oder zwei poten­zielle Kan­di­dat­en hinzukom­men. So gibt es im Yup’ik das Wort natquik, dass Schnee beze­ich­net, der dicht über dem Boden ent­lang­we­ht (allerd­ings ist das Wort nicht auf Schee beschränkt, son­dern kann alle über dem Boden ent­lang­we­hen­den Mate­ri­alien beze­ich­nen). Und das Wort muru­aneq, dass ursprünglich „Zeug, in dem man versinkt“ bedeutete und das haupt­säch­lich auf Schnee angewen­det wird. Damit wären wir dann bei max­i­mal vier Wörtern, also der sel­ben Zahl wie im Deutschen.

Warum sollte uns das nun über­haupt inter­essieren? Ein Leser des Sprach­bloggeurs stellt auf meinen Kom­men­tar hin diese Frage:

Ist es wirk­lich wichtig, dass man sich akademisch darauf eini­gen muß, wieviele ver­schiedene Worte die Inu­it für Schnee haben? Oder ob das nun „richtig” Worte sind oder nur irgend­wie zusam­menge­set­zte oder sonst­wie abge­wan­delte? Entschuldigung viel­mals, aber für mich klingt das irgend­wie nach der schon ein­mal an ander­er Stelle zitierten Korinthenkackerei.

Ja, ich glaube, dass das tat­säch­lich wichtig ist, und zwar aus min­destens drei Gründen.

Erstens, und das ist der Aspekt, der die Sprach­wis­senschaft inter­essiert, ler­nen wir dabei etwas über die Struk­tur der indo-europäis­chen Sprachen und der Eski­mo-Aleut-Sprachen im beson­deren und über mögliche Sprach­struk­turen im All­ge­meinen. Das ist eben­sowenig Korinthenkack­erei wie der Ver­such der Physik, die Struk­tur des Uni­ver­sums zu ver­ste­hen oder der Ver­such der Neu­rolo­gie, die Struk­tur des visuellen Sys­tems zu verstehen.

Zweit­ens trans­portiert der Mythos von den Eski­mowörtern für Schnee bes­timmte Vorurteile über Eski­mos, Naturvölk­er generell und die Vari­abil­ität in der Wahrnehmung der Welt — „Eski­mos reden den ganzen Tag lang über Schnee“ oder, all­ge­mein­er, „Fremde Kul­turen (vorzugsweise Naturvölk­er) nehmen die Welt auf ganz andere, fremde Weise wahr“. Diese Vorurteile wer­den durch die Wirk­lichkeit­en des Eski­mo-Aleutis­chen Schnee­vok­ab­u­lars in kein­er Weise gestützt, und es scheint mir wichtig, dies laut und deut­lich zu sagen.

Drit­tens, und das mag eine „defor­ma­tion pro­fes­sionelle“ sein, finde ich es aufre­gend, intellek­tuell stim­ulierend und ästhetisch befriedi­gend, ein sprach­lich­es Phänomen so zu durch­drin­gen, dass ich es wirk­lich ver­standen habe. Wer in frem­den Sprachen nach Exotik sucht, der kann sie ja dur­chaus find­en, nur eben nicht im Schnee­vok­ab­u­lar son­dern in der gram­ma­tis­chen Struk­tur. Dabei hil­ft hier die Dekon­struk­tion vom Mythos der Schneewörter. Ich danke dem Sprach­bloggeur dafür, einen würdi­gen Anlass für die Diskus­sion geliefert zu haben und freue mich auf zukün­ftige Diskussionen.

17 Gedanken zu „Schneeschmelze

  1. bernd

    Ich habe den Mythos in der Schule in einem sprachthe­o­retis­chen Zusam­men­hang kennengelernt.

    Eski­mos hät­ten so viele Wörter für Schnee, weil für Sie die exak­te Iden­ti­fika­tion des jew­eili­gen Schneezu­s­tandes über­lebenswichtig sein kann. Wir hät­ten weniger Wörter, weil der Zus­tand des Schnee keinen wesentlichen Ein­fluss auf unsere Über­lebenswarschein­lichkeit hat. Etwas das mir als Ham­burg­er Großs­tadtkind einleuchtete.

    Dazu passte dann auch, dass der aktive Wortschatz für Schneeart­en im bay­erischen Alpenge­bi­et sta­tis­tisch gese­hen größer ist als in Hamburg.

    Die Frage bleibt also: Wieviele Arten von Schnee pfle­gen die Eski­mos zu unter­schei­den (sta­tis­tisch, wenn man 100 Men­schen befragt, oder Büch­er auswertet) und wieviele ken­nen im Ver­gle­ich dazu wes­teu­ropäis­che Kulturen ?

    Beste Grüße

    bernd

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  2. Anatol Stefanowitsch

    Bernd, Ihre äußerst berechtigte Frage kann ich lei­der nicht beant­worten, möchte sie aber trotz­dem kurz kommentieren.

    Erstens fra­gen Sie nicht nach der Sprache der Eski­mos son­dern nach deren kul­turellem Wis­sen. Es ist selb­stver­ständlich plau­si­bel, dass die Eski­mos mehr über die Schneev­er­hält­nisse in der Ark­tis wis­sen als wir, selb­st wenn sie nicht mehr Wörter dafür haben. So kenne ich, ein Kind der nord­deutschen Tiefebene, zwar eine Rei­he von ein­fachen und kom­plex­en Wörtern für Schnee (Harsch, Firn, Papp­schnee, Pul­ver­schnee, usw.), habe aber keine oder nur eine vage Vorstel­lung davon, was diese Wörter genau beze­ich­nen. Eine bayrische oder öster­re­ichis­che Berg­be­wohner­in mag also den sel­ben Wortschatz haben wie ich, dürfte aber mit diesem Wortschatz ganz anders umge­hen kön­nen. Außer­dem dürfte sie viel Wis­sen über Schnee besitzen, das sich nicht unmit­tel­bar im Wortschatz nieder­schlägt, so wie ich sich­er zwanzig Arten von Regen unter­schei­den kann, ohne Wörter dafür zu haben. Wie Sie richtig sagen, dürfte das, was für Bay­ern und Öster­re­ich­er gilt, auch für die Bewohn­er der Ark­tis gel­ten. Nur: wäre das wirk­lich erwäh­nenswert? Wür­den wir Aus­sagen wie „Die Eski­mos wis­sen mehr über Schnee als wir“ in unsere Gespräche einflechten?

    Zweit­ens fra­gen Sie nach sta­tis­tis­chen Unter­schieden zwis­chen dem Schneediskurs von Eski­mos im Ver­gle­ich zu dem von wes­teu­ropäis­chen Kul­turen. Worum es mir (und anderen Sprach­wis­senschaftlern vor mir) ging, war, dass es in Bezug auf das Schnee­vok­ab­u­lar auf der sys­temis­chen Ebene keine nen­nenswerten Unter­schiede zwis­chen den Eski­mo-Aleut-Sprachen und anderen Sprachen gibt: alle Sprachen haben Regeln, nach denen eine beliebige Zahl zusam­menge­set­zter Wörter oder beschreiben­der Phrasen gebildet wer­den kann. Aber natür­lich kann es trotz­dem drastis­che Unter­schiede im Gebrauch der Sprachen geben. So ist es dur­chaus plau­si­bel, dass die Eski­mos ihre zusam­menge­set­zten Wörtern viel häu­figer im Gespräch ver­wen­den als wir unsere. Aber wieder stellt sich die Frage: wäre das außer­halb ein­er anthro­pol­o­gis­chen Studie über das Leben der Eski­mos erwäh­nenswert? Wür­den wir mit bedeu­tungss­chwan­gerem Blick Dinge sagen wie: „Die Eski­mos sprechen häu­figer über Schnee als wir“?

    Ich glaube nicht. Ich denke, der Mythos von den Eski­mos und dem Schnee nur deshalb so faszinierend ist, weil er als Aus­sage über deren Sprach­sys­tem for­muliert ist. Und diese Aus­sage ist falsch (wenn auch äußerst hartnäckig).

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  3. Jens

    Ein schön­er Artikel!

    Den Eski­moschnee hat neben­bei an manchen Stellen der ostasi­atis­che Reis (als Pflanze, geschält, gekocht, …) abgelöst — und bei teils isolieren­den Sprachen trifft’s dann ja noch eher zu.

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  4. Heidi

    Auch ich gehöre zu den Faszinierten des Eski­mo-Schneewörter-Mythos. Als schlechte Deutschschü­lerin beein­druckt mich den­noch die Aus­druck­skraft der Worte. Dieser Beitrag hat mich, nicht nur in dieser Hin­sicht, sehr bere­ichert. Vie­len Dank!

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  5. Elisabeth

    Danke für den sorgfältig und acht­sam geschriebe­nen Artikel. Jet­zt begebe ich mich auf die Suche nach neuen Beispie­len die anschaulich verdeut­lichen, dass Sprache unser Denken bes­timmt — oder das wir die Sprache haben, die wir in unser­er Umwelt brauchen :-))

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  6. Till K.

    Auf jeden Fall auch von mir vie­len Dank für die Befreiung vom Schnee­mythus — darüber hin­aus muss ich bemerken, dass sich der Artikel außeror­dentlich gut lesen lässt und als eins der weni­gen Beispiele für makel­lose Sprache im Inter­net beze­ich­net wer­den darf.

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  7. pit

    im nor­den deutsch­land gibt es dänisch-sprech­er. wieso hängt sich kein­er von denen ans tele­fon und redet direkt mit einem inu­it. dann wüssten wirs aus erster hand …

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  8. Markus Bogasch

    DAS war mal wirk­lich gut! Hochin­ter­es­sant! Ich muss zur Zeit ziem­lich viel Schnee schip­pen, ich wohne im bay­erischen Wald, da denkt man bei meinem all­ge­meinen Inter­esse für Sprachen und auch Naturvölk­er gerne mal an die Eski­mos und ihren ach so vie­len Wörtern für Schnee. Ich sel­ber bin ja auch diesem Mythos aufge­sessen, obwohl ich ja schon geah­nt habe, dass in der Sprache der Inu­it und Eski­mos Umschrei­bun­gen für eine Sache als ein Wort wiedergegeben wer­den, etwa “Wolf, der einen Hirsch jagt” und so. Keine Ahnung, was das auf Inuk­ti­tut heißt. Jeden­falls wollte ich mal ein paar Aus­drücke für Schnee auf eski­moisch (nicht eski­monisch!) googeln und bin dann auch hier gelandet. Hat mir die Augen geöffnet und ich möchte hier auch meinen mit­telschar­fen Senf, der noch nicht aufs Brot geschmiert wurde, dazugeben:

    Ein weit­er­er Mythos über Eski­mos ist ja, dass sie sich sel­ber Inu­it nen­nen, was “Men­schen” heißt. (Inuk ist der Men­sch, zwei Men­schen heißen Inuuk. Dual also, inter­es­sant) Tat­säch­lich ist Eski­mo aber ein Über­be­griff für mehrere ark­tis­che Völk­er, zu denen AUCH die Inu­it im ark­tis­chen Kana­da und auf Grön­land gehören, genau­so wie die Ewenken, Nen­zen (Samo­je­den), Samen (Lap­pen), Jakuten und andere. Der Begriff Eski­mo wird gerne mal als abw­er­tend emp­fun­den, allerd­ings hat sich Inu­it auch nicht über­all durchge­set­zt, außer­dem nen­nen sich ver­wandte Völk­er zwar sel­ber auch Men­schen (das ist bei Naturvölk­ern nicht unüblich, auch viele Beze­ich­nun­gen für Indi­an­ervölk­er bedeuten schlicht “Men­schen”, sofern sich diese Völk­er auch wirk­lich mit diesem Namen beze­ich­net haben — die Cheyenne z. B. nen­nen sich sel­ber Tis-Tis-Tas, das allerd­ings heißt “Volk”). Bestre­bun­gen, das Wort Eski­mo all­ge­mein durch Inu­it zu erset­zen, gibt es aber.

    Und wo wir grad dabei sind: Die Inu­it mögen die Beze­ich­nung Eski­mo deshalb nicht, weil es ange­blich “Rohfleis­chess­er” heißen soll und von dem Wort “ashkipok” der benach­barten Anishin­abe hergeleit­et sein soll. Eher soll es aber von dem Wort “aayaskimeew” der Cree-Indi­an­er stam­men, was “Schneeschuh­mach­er” (sic!) heißen soll. Kann natür­lich ein biss­chen was von bei­dem dabei sein, wer weiß sowas schon so genau. 

    Aber hochin­ter­es­santes Forum, das. Die ganze “Man-sagt-nicht-Eski­mo-son­dern-Inu­it-und-die-haben-fün­fzig-Wörter-für-Schnee-und-wir-nur-eines-das-ist-toll-Sache” klingt halt wun­der­bar polit­i­cal cor­rect, aber ist halt doch nur heiße Luft.

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  9. Kathrin

    Lieber Herr Ste­fanow­itsch, her­zlichen Dank für Ihre Schneeschmelze, die in meinem Fall nicht nur den Mythos, son­dern gle­ich noch ein Vorurteil aufge­taut hat. Ich habe angenom­men, dass Sprach­wis­senschaftler Sprachen studieren, nicht aber davon schreiben kön­nen. Zwei Bit­ten: Kön­nten Sie an deutschen Phil-Faks Sem­i­nare in “Wie erzähl ich’s pack­end” geben? Und zweit­ens: Kön­nten Sie, falls noch nicht geschehen, ein pop­ulär­wis­senschaftlich­es Buch zur Sprache schreiben? Wäre schön — und nur gerecht, nach­dem sie mich ja, wie gesagt, um einen Mythos und ein Vorurteil ärmer gemacht haben.

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  10. Jürgen Fink

    Her­vor­ra­gend. Ich habe von Vera F. Birken­bihl in ihrem Sem­i­nar von der “Lüge” mit den 50 Begrif­f­en für Schnee gehört. (Dort wird über die Ver­bre­itung solch­er Geschicht­en von einem “Mem” gesprochen. Google-Suche “Memetik”) Und es gibt noch viele von diesen “Lügen”. Ich bin noch ges­pan­nt welche ich noch finde.

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  11. rob

    Ich dachte immer die Schnee-Geschichte sei nur die paz­i­fistis­che Form von “die Roe­mer waren so mil­i­taris­tisch dass sie X Worte fuer Krieg/Kampf hat­ten”. Und auch wenn mein Latei­n­un­ter­richt schon eine Weile zurueck­liegt meine ich, dass sie da tat­saech­lich einige hat­ten. Allerd­ings haben wir die ja im Deutschen auch, wobei “Krieg” selb­st ja heutzu­tage gar nicht mehr dazu gehoert 😉

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  12. Petra Schmalzl

    Sel­ten einen so sprach­lich flüs­si­gen und inter­es­sant aufge­baut­en Artikel zu einem trock­e­nen (in dem Fall schneeigen) The­ma gele­sen. Danke…

    Haben Sie eigentlich 50 Worte für Schreibstil? ;-))

    Antworten
  13. Bianka

    Meine Hochachtung für diesen Blog!

    Inter­es­sante Betra­ch­tung und in ein­er Art und Weise frei im Denken, die so manchen vor Neid erblassen lassen würde, wenn ein Ver­ste­hen den Hor­i­zont erweit­ern kön­nte. Unver­ständ­nis ist der Grund, warum die Unver­ständi­gen noch Farbe im Gesicht haben. 

    Wun­der­bar, wie dieser Beitrag meinen Hor­i­zont weit­et und mich froh macht. Ich liebe es, wenn Dinge ver­ständlich werden.

    Vie­len Dank dafür!

    Antworten
  14. Dianna

    Ich bin ger­ade hel­lauf entset­zt, das im INSTITUT FÜR ALLGEMEINE UND ANGEWANDTE SPRACHWISSENSCHAFT von Eski­mos die Rede ist…

    INUIT bitte – nicht Eskimos. 🙁

    Antworten
  15. Sarah

    Ich hat­te vorher nie von diesem Mythos gehört und war unfass­bar ver­wirrt, dass dieser Post mein drit­ter Suchtr­e­f­fer war, obwohl ich eigentlich “pro­fes­sionelles Wort für Schneematsch” eingeben habe, aber ich habe ihn dann trotz­dem bis zum Ende gele­sen. Schön­er Artikel 🙂 Wieder was dazu gelernt…

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