Schon wieder das Handy

Von Anatol Stefanowitsch

In einem Beitrag Anfang des Monats haben wir uns mit dem Wort Handy und sein­er Herkun­ft beschäftigt. Ein inter­es­san­ter Aspekt war dabei die Behaup­tung auf dieser Seite von Wal­ter Koch, dass das Wort in einem Roman der amerikanis­chen Autorin Rita Mae Brown vorkommt (und dort einem Englän­der in den Mund gelegt wird).

Der Satz, um den es geht, ist der folgende:

I can and I must. Now if you would bring me the handy, I will arrange a meet­ing.’ She gave him the cell phone. (Rita Mae Brown, Cat on the Scent)

Da man nicht alles glauben soll, was man im Inter­net find­et, hat­te ich unsere Leser um eine Bestä­ti­gung des Zitates gebeten, am besten mit Foto.

Pia Banzhaf, die in ihrem Blog Win­drose in Worten und sehr schö­nen Fotografien über das Leben im kalten Neu­fund­land berichtet, hat sich dieser Bitte nun net­ter­weise angenom­men. Sie schreibt:

Seit einiger Zeit lese ich Ihre Beiträge im Bre­mer Sprach­blog mit großem Vergnü­gen mit. Daher dachte ich mir, dass ich in der Orts­bib­lio­thek für Sie mal auf die Suche nach dem oben erwäh­n­ten Buch gehen kön­nte. Et voilà, in ein­er Zweig­stelle des neu­fundländis­chen Bib­lio­thek­we­sens war es vorhan­den und ich habe es jet­zt schwarz auf weiß für Sie, dass in diesem Buch tat­säch­lich „handy“ steht.

Und hier sind die Fotos, die sie zum Beweis mit­geschickt hat:

<em>Cat on the Scent</em> -- Seite 176

Cat on the Scent — Seite 176

<em>Cat on the Scent</em> -- Seite 177

Cat on the Scent — Seite 177

Die Ver­wen­dung der Beze­ich­nung handy für ein Mobil­tele­fon durch eine englis­che Mut­ter­sprach­lerin wider­spricht zunächst allem, was wir über dieses Wort zu wis­sen glaubten. Ich sehe drei mögliche Erk­lärun­gen. Erstens wäre es denkbar, dass Rita Mae Brown das Wort in Deutsch­land gehört hat und fälschlicher­weise für britis­ches Englisch gehal­ten hat. Um ihre Roman­fig­ur beson­ders britsch klin­gen zu lassen, hat sie ihm das Wort dann in den Mund gelegt. Das wäre eine Erk­lärung, die zur vorherrschen­den Mei­n­ung über die Herkun­ft des Wortes passen würde. Zweit­ens kön­nte es sein, dass Rita Mae Brown das Wort tat­säch­lich in Großbri­tan­nien gehört hat, dass es also zu irgen­deinem Zeit­punkt in irgen­deinem britis­chen Dialekt ver­wen­det wurde. Und drit­tens ist es möglich, dass Rita Mae Brown das Wort in den USA gehört hat, dass es also dort wenig­stens eine zeit­lang (vielle­icht region­al begren­zt) vorkam.

Die Tat­sache, dass das Mobil­tele­fon nur in der direk­ten Rede von H. Vane-Tem­pest als handy beze­ich­net wird und der Erzäh­ler unmit­tel­bar danach das erwart­bare cell phone ver­wen­det, ist ein Hin­weis darauf, dass eine der ersten bei­den The­o­rien stim­men kön­nte. Bis wir das hier abschließend gek­lärt haben, kön­nen Sie aber auf jeden Fall etwas Ver­wirrung in Ihrem Bekan­ntenkreis stiften: wenn Sie das näch­ste Mal irgen­dein Besser­wiss­er mit wichtiger Miene darauf hin­weist, dass Handy ja gar kein englis­ches Wort sei, geben Sie ihm ein­fach Cat on the Scent zu lesen.

BROWN, Rita Mae und Sneaky Pie BROWN (1999): Cat on the Scent. New York, Ban­tam Books (Ran­dom House). [ISBN 0–553-09971‑X]

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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

12 Gedanken zu „Schon wieder das Handy

  1. Anatol Stefanowitsch

    Herr Päper, das ist eine gute Idee. Ich per­sön­lich habe in meinen lit­er­atur­wis­senschaftlichen Sem­i­naren zu viel Ehrfurcht vor Browns Früh­w­erk mit­bekom­men, um sie jet­zt wegen des Wortes „Handy“ zu belästi­gen. Aber wenn jemand anders sich berufen fühlt, nachzufra­gen, kann er/sie sich damit hier im Bre­mer Sprach­blog verewigen.

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  2. Laura

    Das Syd­ney­er Blog gibt es noch, aber da ich nicht mehr in Syd­ney bin, machts keinen Sinn, da noch reinzuschreiben 🙂 Das neue machte irgend­wann auch keinen Sinn mehr, weil ich gemerkt habe, dass ich nur noch so wahnsin­nig sel­ten da rein­schreibe… Aber ich hab die Idee noch im Hinterkopf.

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  3. Swen

    @Alexander

    Die Ver­wen­dung kann ja auch in einem anderen, “herkömm­lichen” Kon­text erfolgen:

    …While not a plumber or a par­tic­u­lar­ly handy fellow…”

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  4. Fabian

    Habe mal irgend­wo gele­sen, dass sich das Wort an der Ostküste der USA langsam ver­bre­ite. Aber eben, man kann nicht alles glauben was im Inter­net steht.

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