Deutsch — eine bedrohte Sprache?

Glaubt man promi­nen­ten Mit­gliedern des Vere­ins Deutsche Sprache, dann sieht es um die Zukun­ft des Deutschen fin­ster aus:

Kolo­nial­staat­en pfle­gen im Lauf der Zeit die Sprache ihres Mut­ter­lan­des anzunehmen.“ Her­bert Bonewitz (Held der Mainz­er Fasse­nacht)

Die deutsche Sprache veren­det wie ein krankes Tier.“ Edda Moser (Opern­sän­gerin)

Man wird schw­er­lich in der Welt noch eine andere Gesellschaft find­en, die ihre eigene Sprache so scham­los mißachtet und so hem­mungs­los aufgibt, wie die deutsche Gesellschaft.“ Prof. Dr. Hans Joachim Mey­er (Präsi­dent des Zen­tralkomi­tees der deutschen Katho­liken)

Ist die deutsche Sprache tat­säch­lich in Gefahr? Wird sie in abse­hbar­er Zeit ver­schwinden?

Vor einiger Zeit habe ich skizziert, wie Sprachen ster­ben. Zur Erin­nerung: das geschieht in drei Phasen: in der ersten Phase sehen sich Sprech­er mit ein­er dom­i­nan­ten Fremd­sprache kon­fron­tiert, deren Beherrschung für eine Teil­nahme am öffentlichen Leben (Bil­dung, Medi­en, staatliche Insti­tu­tio­nen) notwendig ist. In der zweit­en Phase entste­ht in der Gesellschaft eine solide Zweis­prachigkeit, bei der die Sprech­er die neue Sprache im öffentlichen Raum und ihre ursprüngliche Sprache im pri­vat­en Raum ver­wen­den. In der drit­ten Phase geben die Sprech­er, vor allem die jün­geren, ihre ursprüngliche Sprache ganz auf, manch­mal frei­willig (weil sie sich mit ihr nicht mehr iden­ti­fizieren), manch­mal unter Zwang. Übri­gens ergibt sich die dritte Phase nicht zwangsläu­fig aus der zweit­en — es kann sich auch eine dauer­hafte Mehrsprachigkeit ein­stellen.

Befind­et sich die deutsche Sprache in ein­er dieser Phasen? Die zweite und dritte Phase brauchen wir wohl nicht ern­sthaft zu disku­tieren. Es gibt keine all­ge­meine Zweis­prachigkeit und erst recht keine Sprech­er, die das Deutsche für eine andere Sprache (etwa eine der anderen bei­den Arbeitssprachen der EU, Franzö­sisch oder Englisch) aufgäben.

Wie sieht es aber mit der ersten Phase aus?

In der jün­geren deutschen Geschichte gab bzw. gibt es zwei Sit­u­a­tio­nen, die eine solche Phase hät­ten ein­leit­en kön­nen. Die erste war die Beendi­gung des nation­al­sozial­is­tis­chen Unrecht­sregimes durch die Alli­ierten und das darauf fol­gende halbe Jahrhun­dert, in dem die deutsche Poli­tik im West­en dem Alli­ierten Kon­troll­rat im Osten der Sow­je­tu­nion unter­stellt war. Mil­itärische Nieder­la­gen sind ein häu­figer Grund für die plöt­zliche Dom­i­nanz ein­er frem­den Sprache, es wäre also dur­chaus vorstell­bar, dass das Englis­che, das Franzö­sis­che oder das Rus­sis­che im öffentlichen Raum Einzug hät­ten hal­ten kön­nen. Das ist aber nicht geschehen. Wed­er die West­mächte, die die BRD ohne­hin schnell als gle­ich­berechtigten Part­ner behan­del­ten, noch die Sow­je­tu­nion, die die DDR poli­tisch an der kurzen Leine hielt, grif­f­en in die sprach­liche Sou­veränität Deutsch­lands ein. Gerichtsver­fahren, Wahlen, Nachricht­en- und Unter­hal­tungssendun­gen, Schul- und Hochschul­bil­dung — alles das fand weit­er­hin auf Deutsch statt.

Die zweite Sit­u­a­tion, die zu ein­er ersten Phase des Sprach­tods hätte führen kön­nen oder dies noch kön­nte, ist der europäis­chen Eini­gung­sprozess. Im Zuge ein­er poli­tis­chen Kon­so­li­dierung der europäis­chen Union kön­nte the­o­retisch die Sit­u­a­tion ein­er dom­i­nan­ten Sprache entste­hen, etwa, in dem die deutsche Judika­tive das Franzö­sis­che, das in der EU bere­its de fac­to erste Rechtssprache ist, auch an deutschen Gericht­en ein­führen würde, oder in dem das Englis­che, dass sich mehr und mehr zur fak­tis­chen Verkehrssprache inner­halb der EU (und darüber hin­aus) entwick­elt, in den Medi­en, im Bil­dungssys­tem und in der öffentlichen Ver­wal­tung eine insti­tu­tion­al­isierte Rolle erhal­ten würde. Derzeit ist das aber nicht der Fall und es gibt auch kein­er­lei Anze­ichen dafür, dass sich das ändern kön­nte.

In den Medi­en spielt das Englis­che so gut wie keine Rolle. Um eine Nachricht­ensendung oder einen Film in englis­ch­er Sprache zu sehen, muss man schon beson­dere Anstren­gun­gen unternehmen. Als eines von weni­gen Län­dern in Europa wer­den in Deutsch­land bis heute sog­ar aus­ländis­che Filme fast auss­chließlich in syn­chro­nisierten Fas­sun­gen in den Kinos und im Fernse­hen gezeigt.

In der Ver­wal­tung spielt das Englis­che eben­falls keine Rolle. Im Gegen­teil — wer schon ein­mal ver­sucht hat, sich mit deutschen Ämtern auf Englisch zu ver­ständi­gen, der trifft dort auf glasige Blicke (unsere inter­na­tionalen Aus­tauschstu­den­ten hier in Bre­men kön­nen ein Lied davon sin­gen).

Und auch im Bil­dungssys­tem spielt das Englis­che bis­lang die Rolle ein­er typ­is­chen Fremd­sprache. Vielle­icht lässt sich an den Uni­ver­sitäten eine gewisse Ten­denz erken­nen, das Deutsche als Unter­richtssprache durch das Englis­che zu erset­zen. Diese Ten­denz beschränkt sich im Augen­blick außer­halb der englis­chen Philolo­gie allerd­ings auf inter­na­tion­al aus­gerichtete Stu­di­engänge und Graduierten­schulen. Es ist denkbar, dass die zunehmende inter­na­tionale Ver­net­zung der Uni­ver­sitäten dazu führt, dass das Englis­che als Unter­richtssprache gle­ich­berechtigt neben das Deutsche tritt oder es sog­ar aussticht. Schließlich find­et die Veröf­fentlichung von Forschungsergeb­nis­sen bere­its heute in den meis­ten Diszi­plinen haupt­säch­lich in englis­ch­er Sprache statt. Aber selb­st wenn das geschehen sollte, würde diese Tat­sache allein die deutsche Sprache nicht ern­sthaft bedro­hen. Jahrhun­derte­lang wur­den uni­ver­sitäre Forschung und Lehre in lateinis­ch­er Sprache betrieben, ohne dass das Latein sich deshalb im All­t­ag durchge­set­zt hätte.

Der einzige andere Bere­ich, in dem das Deutsche ern­sthafte Konkur­renz hat, ist in inter­na­tion­al ori­en­tierten Fir­men. Man kann sich darüber stre­it­en, wie sin­nvoll es ist, deutsche Belegschaften im Beruf­sall­t­ag Englisch sprechen zu lassen, doch in den meis­ten Fällen wählen Fir­men das Englis­che als Fir­men­sprache, weil Belegschaften mit unter­schiedlichen Mut­ter­sprachen zusam­me­nar­beit­en müssen. Auch das wird aber nicht dazu führen, dass die deutsche Sprache aus dem öffentlichen Leben ver­drängt wird.

Das Deutsche ist also eine quick­lebendi­ge Sprache, um die sich nie­mand ern­sthaft Sor­gen zu machen braucht. Solange die erste Phase des Sprach­tods nicht in Sicht ist, kann nichts schief gehen.

Wie ist es aber mit dem viel beschriee­nen Sprachgemisch aus Deutsch und Englisch, das ange­blich unseren All­t­ag beherrscht. Nun, zunächst ist hier eine gehörige Por­tion Real­is­mus gefragt: zählen Sie doch ein­fach ein­mal mit, wieviel Prozent der Wörter, die Ihnen im Laufe eines Tages begeg­nen, tat­säch­lich englis­ches Lehngut sind. Wenn Sie auf mehr als ein Prozent kom­men, arbeit­en Sie entwed­er in der Wer­bein­dus­trie oder als „Busi­ness Con­sul­tant“ — Verzei­hung, Unternehmens­ber­ater. Manche der englis­chen Lehn­wörter oder Pseudolehn­wörter, die Ihnen begeg­nen, mögen über­flüs­sig oder unfrei­willig komisch sein, aber die deutsche Sprache bedro­hen sie nicht. Denn noch nie ist eine Sprache ver­schwun­den, weil sie Lehngut aufgenom­men hat. Die erfol­gre­ich­ste Sprache, die es je gegeben hat, das Englis­che, zeigt sog­ar sehr deut­lich, dass das Gegen­teil der Fall ist: wie ein sprach­lich­er Staub­sauger nimmt sie unglaubliche Men­gen an Lehn­wörtern auf und assim­i­liert sie in ihren Wortschatz und ihre Gram­matik: nur noch unge­fähr ein Vier­tel des englis­chen Wortschatzes ist angel­säch­sis­chen Ursprungs. Und trotz­dem: die Sprache läuft, und läuft, und läuft…

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

14 Gedanken zu „Deutsch — eine bedrohte Sprache?

  1. buntklicker.de

    Ich spendiere das Wort “Veröf­fentlichung”. Bitte vor “von Forschungsergeb­nis­sen” ein­fügern. 🙂

    [Anmerkung des Sprach­blog-Admin­is­tra­torenteams (2007–08-09, 14:19): Danke, ist erledigt! Der dazuge­hörige Link funk­tion­iert nun auch.]

  2. Chat Atkins

    Scham­los mis­sacht­en’, ‘hem­mungs­los aufgeben’, dazu noch zweimal ‘Gesellschaft’ in nur einem Satz — tsss! Der Herr Pro­fes­sor sollte den bild­ner­ischen Umgang mit der deutschen Sprache noch ein wenig ‘trainieren’ [darf ich so undeutsch daherre­den?], bevor er sich zu diesem The­ma äußert.

  3. Anatol Stefanowitsch

    Chat Atkins, ich bin ja in stilis­tis­chen Din­gen generell großzügiger als Sie, aber der Satz ist wirk­lich nicht schön. Wahrschein­lich war Mey­er so aufgeregt über den dro­hen­den Nieder­gang, dass fürs Kor­rek­turlesen keine Zeit blieb…

  4. Chat Atkins

    Tscha­ja — unter ‘scham­los eracht­en’ oder ‘hem­mungs­los aufgeilen’ kön­nte ich mir ja noch etwas Konkretes vorstellen. Aber ein ‘mis­sacht­en’ im Kon­nex mit ‘scham­los’?

    Du Vati, die nack­te Frau da, die habe ich erst scham­los mis­sachtet, und dann hat sie ihren Striptease — igit­te­gitt — hem­mungs­los aufgegeben” … 😉

  5. Reiner Pogarell

    Lei­der trifft das schöne Bild von der Zukun­ft der deutschen Sprache für viele Bere­iche nicht mehr zu. Ganze Bere­iche der Wis­senschaft sind der Sprache wegge­brochen (in der Psy­cholo­gie z.B. bekommt man nur noch Pop­ulär­wis­senschaft auf Deutsch). Diverse Com­mu­ni­ties im Inter­net ver­wen­den nut noch wenige deutsche Ver­satzstücke. Trotz­dem glaube ich auch nicht, dass die deutsche Sprache kurz vor ihrem Ende ste­ht. Aber etwas Pflege kann sie schon gebrauchen.

  6. Peter Roemer

    Stimmt: Englisch nimmt inter­es­sante Wörter auf und inte­gri­ert diese. Aber Deutsch nimmt über­wiegend unnötige Wörter auf und inte­gri­ert diese nur sel­ten. Z. B. sprechen und schreiben wir nach ca. 300 Jahren immer noch viele franzö­sis­chen Importe möglichst orig­i­nal.

    In den Natur­wis­senschaften ist Deutsch so gut wie weg vom Tisch, was zwar bedauer­lich aber wenig­stens nachvol­lziehbar ist. Aber auch in den Geis­teswis­senschaften ist der Anglozug in Fahrt. Wieso eigentlich ?

  7. Klaus Däßler

    Sehr geehrter Junior­pro­fes­sor Ana­tol Ste­fanow­itsch,

    Ihr Beitrag enthält neben einem etwas bräsi­gen, aber nicht unsym­pa­this­chen Selb­st­be­wußt­sein doch eine ganze Rei­he nicht zuen­degedachter Argu­mente — fast hätte ich geglaubt, den Artikel eines Spiegel-Redak­teurs zu lesen, der die hal­bge­bildete nachachtund­sechziger Klein­bürg­er­schicht amüsieren will. Doch von einem Lin­guis­tik-Pro­fes­sor, sei er denn “Junior-”, erwarte ich eine tiefer­ge­hende Betra­ch­tung. Zur Sache.

    Als Erstes erwäh­nen Sie mit kein­er Silbe, daß das Prob­lem der deutschen Sprache eigentlich das Prob­lem aller wichti­gen Mut­ter­sprachen, ein­schließlich des Englis­chen ist. Alle diese Hochsprachen sind davon bedro­ht, durch einen monokon­tex­tu­ralen (Got­thard Gün­ther) uni­versellen Ver­ständi­gungscode von etwa 800 Sym­bol­en (ohne Flex­ion) — Glob­al-Englisch — erset­zt zu wer­den, der sich zunehmend von den — son­st mut­ter­sprach­lich aufge­lade­nen — Basiskat­e­gorien des Denkens im jew­eili­gen Sprachraum ablöst, und damit nicht mehr sprach­mächtig, wirkungsvoll, sin­nprozeßori­en­tiert, semi­o­tisch, wis­senschaft­stauglich sein kann. Die Vielfalt kul­turge­laden­er Denkmod­elle erstirbt somit, und die Welt fol­gt verun­sichert einem einzi­gen (bere­its vielfach fal­si­fizierten) Denkschema, was sehr leicht zum Wel­tun­ter­gang führen kann. Das Fol­gende bezieht sich zunächst auf die west­liche Hemis­phäre — Deutsch gilt als promi­nen­ter Vor­re­it­er dieses Phänomens.

    Die Ursachen hier­für sind zumin­d­est vier­fältig:

    1. Die Men­schen, ein­schließlich ihrer Lin­guis­ten 🙂 haben noch nicht wirk­lich ver­standen, was Mut­ter­sprache eigentlich ist. Für sie ist Sprache meist ein syn­tak­tisch struk­turier­bares Zeichen­sys­tem zum Benen­nen von Din­gen, dessen Sätze im Sinne ein­er for­malen Seman­tik definier­bare Wirkung her­vor­rufen — let­ztlich ist es gle­ichgültig, in welch­er Sprache ich spreche — da nehme ich doch am besten gle­ich:

    - die Sprache des inter­na­tionalen Mark­tes

    - die Sprache der inter­na­tionalen Wis­senschaft

    - die Sprache der mächtig­sten Nation der Welt

    - die Sprache, mit der ich später die besten Beruf­schan­cen habe

    - die Sprache, mit der ich mich weltweit am besten ver­ständi­gen kann (denn ich habe über­all in der Welt Fre­unde, nur zuhaus nicht:-)

    - die Sprache, die ohne­hin verbleibende Arbeits- und Ver­ständi­gungssprache in der EU sein wird

    - die Sprache, die tagtäglich so sym­pa­thisch unver­ständlich aus allen Rohren auf mich ein­schallt

    - und der­lei Gedanken mehr.

    2. (und das ist ein sehr wirk­mächtiges Argu­ment): Die Konz­ern- und Finan­zlenker unser­er Hemis­phäre glauben fast aus­nahm­s­los, Englisch sei die “Sprache des inter­na­tionalen Mark­tes” (der bil­lige ferne Osten bestätigt sie hierin), und deshalb müssen alle beru­flich aktiv­en Deutschen Englisch “wie ihre Mut­ter­sprache beherrschen”. (Zitat, vielfach von großen Män­nern gesprochen und trotz prag­ma­tis­ch­er Demen­tis beherzt vor­angetrieben: Rüttgers, Öttinger, Thu­mann, Rogows­ki, Hundt, Kan­negießer, Grün­berg, Leibinger, Schwenker, Mehdorn und viele, viele andere mehr. Und Ihre. lieber Herr Ste­fanow­itsch, “inter­na­tion­al ori­en­tierten” Fir­men sind im Export­land Deutsch­land, gemessen an ihrer normieren­den Wirkung, beträchtlich in der Über­ma­cht.!

    Nun kon­sta­tieren wir, daß in Deutsch­land seit 1871 das Volk immer genau das getan hat, was das Großkap­i­tal, und damit die ihm — der “Wirtschaft” — ver­bun­dene und verpflichtete Poli­tik, beab­sichtigte. So “wur­den” wir z.B. jüngst von ein­er Kul­tur­na­tion in eine Kon­sum­na­tion “mutiert”. Sehen Sie gegen­wär­tig eine neue demokratisch-kul­turelle Qual­ität der Bun­desre­pub­lik? Meine Mei­n­ung: man wird es weit­er vorantreiben. Diese Mei­n­ung wird täglich bestätigt.

    3. Die Absicht der deutschen Wis­senschafts­bürokratie und die Bere­itwilligkeit der meis­ten Wis­senschaftler, “Englisch” als alleinige “Wis­senschaftssprache” und Lehrsprache auch in Deutsch­land einzuführen. Diese Ten­denz nimmt ganz rapi­de zu. Dies zieht wach­sende Dom­i­nanz des Englis­chen in allen Schul­for­men nach sich, bis hin­unter zum zunehmenden Englisch-Immer­sion­sun­ter­richt ab 1. Klasse (alle Sachkun­de­fäch­er nur noch auf Englisch; Helen Doron; GIFIL). Die fatale Folge ist, daß keine neuen Begriffe mehr ins Deutsche ein­drin­gen, die let­ztlich auch die Mut­ter ver­wen­det — die Mut­ter­sprache stirbt also tat­säch­lich, obwohl sie noch “irgend­wie” dableibt. Denn Wis­senschaft ist vor allem “das Bilden von Begrif­f­en und das Benen­nen der­sel­ben”, und Wis­senschaft ver­fein­ert die Begriffe für das Volk, damit es gescheit­er wird. Das ent­fällt nun, und manche Schwachköpfe sind so eit­el, daß sie sagen: “Das Volk ver­ste­ht unsere Wis­senschaft sowieso nicht, auch nicht auf deutsch.”

    Nun möchte ich mich endlich Ihrer Argu­men­ta­tion direkt zuwen­den.

    Etwas selb­st­ge­fäl­lig (ich bemerk­te es bere­its) skizzierten Sie ein dreistu­figes Mod­ell des “Sprachen­ster­bens” — so als ob es keine anderen Mech­a­nis­men, Motive, Stufen, Entwick­lun­gen geben kön­nte.

    Bleiben wir bei Ihrer Stufe 1.

    Kön­nen Sie sich vorstellen, daß auch die vier Mech­a­nis­men, die ich oben skz­izzierte, zum fatal­en Ergeb­nis führen kön­nten? (Es gibt weit mehr)

    Hierzu bedarf es kein­er Koloni­sa­tion, wie sie zu Zeit­en physis­ch­er Dik­tatur üblich war — eine päd­a­gogis­che Dik­tatur (Slo­ter­dijk) reicht völ­lig aus. Und diese haben wir wohl. Im übri­gen kann man beobacht­en, daß der Siegeszug von Glob­alenglisch in Deutsch­land genau mit dem Siegeszug der Glob­al­isierung begann und nicht vorher, obwohl Deutsch­land etwa ab 1900 führende Export­na­tion ist (Bosch z.B.). Vor der Wende war die Mut­ter­sprache gehütetes und weit­er­en­twick­eltes Gut jed­er (west­lichen) Nation. Es kommt also in der Tat von innen her­aus.

    Europäis­ch­er Eini­gung­sprozeß:

    Was meinen Sie wohl — real­is­tisch gese­hen — worauf das ungeliebte, teure Viel­sprachen­regime der EU hin­aus­läuft (wenn diese nicht vorher zer­bricht)? Welche uni­verselle Sprache, glauben Sie, wird wohl den Sieg davon­tra­gen? Welche hätte es wohl ver­di­ent? Ich meine, das Glob­al-Englis­che ist der einzige natür­liche Kan­di­dat. Und das ist nicht the­o­retisch, denn wie ver­ständi­gen sich denn die meis­ten Kom­mis­sare, Abge­ord­neten, Beamten usw. heute zwan­g­los untere­inan­der? Dazu gibt es sog­ar Sta­tis­tiken zur bevorzugten EU-Volon­tari­atssprache, oder die häu­fig zu lesenden “native Eng­lish speak­ing” Stel­lenange­bote in jedem Mit­glied­s­land, eben­falls leicht zu ver­i­fizieren bei Inter­views mit EU-Beamten im Deutsch­land­funk. Insofern sind Ihre “kein­er­lei Anze­ichen” doch eher ein from­mer Wun­sch.

    Und “in den Medi­en spiele das Englis­che so gut wie keine Rolle”? Ja haben Sie denn noch nie ein Radio ange­dreht? Waren Sie noch nie in einem Ver­braucher­markt oder ein­er Autow­erk­statt? Haben Sie noch nie in einem öffentlichen Verkehrsmit­tel gesessen und das charak­ter­is­tis­che Zisch-Plär­ren aus vielfälti­gen Ohrhör­ern der umsitzen­den Jugendlichen ver­nom­men? Oder haben Sie ihre Jung-Mitwissenschaftler an deren Rech­n­ern besucht? Was dringt denn aus deren Kopfhör­ern? Welche Sprache war das gle­ich??

    Nun noch ein­mal zum großen Fak­tor Wis­senschaftssprache:

    Ihr Ver­gle­ich mit Latein ist haarsträubend ober­fläch­lich. Wann fand Wis­senschaft in Latein statt, und in welch­er wis­senschaftlichen Sit­u­a­tion befand sich Deutsch­land im Mit­te­lal­ter, wo Latein als (nun bere­its tote Sprache) Träger der Wis­senschaft war?

    Wis­senschaft wurde zu dieser Zeit bevorzugt in den Klöstern betrieben — sie war auch danach -, und als das Bürg­er­tum zum Zuge kam, so fand auch schon die Geburt der Mut­ter­sprache als Wis­senschaftssprache statt.

    Erst diese — in Deutsch­land mit der bahn­brechen­den Bibel-Über­set­zung von Luther — entriß die Wis­senschaft dem Klerus und gab sie dem Volke, was zu ein­er gewalti­gen wis­senschaftlich-tech­nis­chen Rev­o­lu­tion, ins­beson­dere in Deutsch­land, führte. Haben Sie ein­mal Feld­haus “Ruhmes­blät­ter der Tech­nik” oder Ever­ling “Erfind­un­gen und Fortschritte” gele­sen? Dort bekom­men Sie ein Gefühl dafür, wie eine befre­ite Mut­ter­sprache sich der Wis­senschaft bemächtigte, in Gestalt von Mil­lio­nen Erfind­ern aus Handw­erk, Bürg­er­tum, Fab­rik. Der Begriff des Inge­nieurs ist eben­so eng mit der franzö­sis­chen Mut­ter­sprache ver­bun­den.

    Inter­es­san­ter­weise trat auch die Math­e­matik, ungeachtet der sin­gulären “prin­cip­ia math­e­mat­i­ca” immer dann mit großen Leis­tun­gen zutage, wenn ihre Sprache die Mut­ter­sprache war. Das galt für das Griechis­che und Römis­che (Latein), und dann erst wieder ab dem 16. Jhd, mit dem Auftreten großer franzö­sis­ch­er, englis­ch­er und deutsch­er Math­e­matik­er in ihren Mut­ter­sprachen.

    Daß wir uns jet­zt unsere her­vor­ra­gende Wis­senschaftssprache Deutsch weg­nehmen lassen, ist eine Riesen-Dummheit, aber es find­et tausend­fach statt. Schuld ist der erbärm­liche Mate­ri­al­is­mus der Wis­senschaftler von der Stange und die Inkom­pe­tenz der Wis­senschafts­bürokratie, die bei­de nur danach schie­len, ob Veröf­fentlichun­gen in US-amerikanis­chen Zitaten­zäh­lun­gen erwäh­nt sind und ob man viele schöne Konz­ert- (vzg. Kon­ferenz-) Ein­ladun­gen zu “inter­na­tionalen” Kon­feren­zen bekommt. Ein fataler Effekt. Schließlich gehört unsere deutsche Wis­senschaft (noch) zu den besten der Welt, und die “Wis­senschafts-Super­ma­cht” USA würde alt ausse­hen, wenn sie die Blut­trans­fu­sion 1936–1951 und die vie­len neuen deutschen Forschungsem­i­granten nicht hätte.

    Nun, daß Denglisch nicht das Haupt­prob­lem ist, darin stimme ich Ihnen zu. Wenn aber z.B. deutsche Infor­matik­stu­den­ten haufen­weise darüber kla­gen, daß sie nur noch Lehrbüch­er und Vor­lesun­gen auf Englisch bekä­men, so daß das tief­ere Ver­ständ­nis völ­lig auf der Strecke bliebe, so kann ich nicht bestäti­gen, daß unsere Sprache läuft und läuft… höch­stens ins Abseits.

    Ein Let­ztes — Sie wer­den lachen; in ihrem Opti­mis­mus pflichte ich Ihnen den­noch bei. Jedoch aus völ­lig anderen Grün­den.

    Die deutsche Rech­n­er­lin­guis­tik hat näm­lich nicht gän­zlich geschlafen, bzw. sich nur dem US-Pro­jekt des sta­tis­tis­chen Anti-Islam- Phrase­la­tors (DOD-TransTac-Inter­Act) unter­wor­fen.

    [Anmerkung des Sprach­blog-Admin­is­tra­torenteams: Klaus Däßler ist Mitl­glied und ehem. Vor­standsmit­glied des Vere­ins Deutsche Sprache.]

  8. Detlef Guertler

    Uiuiui, Herr Däßler,

    da haben Sie ja die ganz dicke Behaup­tungskanone aus­gepackt — weil die Fak­ten nicht ein­mal für ein Blas­rohr reichen?

    Für die ganz rapi­de Zunahme der Absicht der deutschen Wis­senschafts­bürokratie, Englisch als alleinige Wis­senschaftssprache einzuführen, hät­ten Sie sicher­lich einen Beleg ange­führt, wenn es denn einen geben sollte.

    Auch die Horde römis­ch­er Math­e­matik­er, die ganz groß raus­gekom­men sind, weil sie auf Latein pub­lizieren kon­nten, würde ich gerne ein­mal ken­nen­ler­nen.

    Die eben­falls behauptete Gle­ichzeit­igkeit des Siegeszugs von Glob­alenglisch in Deutsch­land und Glob­al­isierung stünde eben­falls mit der einen oder anderen Zahl oder Quelle glaub­hafter da.

    Vielle­icht dient es der Ver­sach­lichung, eine Zahl zur ange­blich so ras­an­ten Ver­denglis­chung unser­er Sprache einzuw­er­fen: Von den 100 meist ver­wen­de­ten Wörtern in deutschen Werbeslo­gans waren im Okto­ber 2006 genau 22 englisch, im April 2007 nur noch 17, derzeit sind es 20, und damit immer noch eins weniger als dem Gesamt-Durch­schnitt für die Jahre ab 2000 entspricht. (Quelle: http://www.slogans.de/slogometer.php )

    Das kann man jet­zt für viel oder für wenig hal­ten — aber es han­delt sich jeden­falls nicht um eine rapi­de Zunahme, son­dern eher um eine leicht sink­ende Ten­denz.

    Für das ver­gan­gene Jahrhun­dert lassen sich bes­timmt hun­derte von Bele­gen dafür find­en, dass das Englis­che einen steigen­den Raum in der deutschen Sprache ein­nimmt. Für das ver­gan­gene JAHRZEHNT, also die ger­ade aktuelle Entwick­lung, wäre ich an solchen Bele­gen höchst inter­essiert — komisch, dass sie kein­er liefert.

  9. Chat Atkins

    Die Mod­e­vok­a­beln kom­men und gehen, und der Text klingt für mich leicht ante­dilu­vian­isch, wie aus Adelungs Zeit­en. Dass die Sprachkom­pe­tenz im All­t­ag nach­lässt, bin ich ja gerne bere­it als höchst sub­jek­tiv­en Beobach­tungswert zu ‘konzedieren’ [ihh — schon wieder so’n Immi­grant!], weil mir belast­bare Dat­en fehlen. Das aber hängt mit fehlen­den Flex­io­nen und einem all­ge­meinen Kurzsatz-Ges­tam­mel in der Öffentlichkeit — auch der massen­medi­alen — viel mehr zusam­men als mit der Frage, ob wir nun ‘geup­dat­ed’ oder ‘upge­dat­ed’ oder ‘aktu­al­isiert’ sagen. DER Text ist das jeden­falls nicht …

  10. Klaus Däßler

    Zu Her­rn Gürtler,

    tja, lieber Herr Gürtler. Jet­zt kom­men die gewün­scht­en Belege:

    Exzel­len­zini­tia­tive der DFG, der größten Forschungs­förderungsin­sti­tu­tion der BRD,

    für die deutschen Hochschulen.

    http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/koordinierte_programme/exzellenzinitiative/exzellenzcluster/index.html

    Anträge wer­den “auf Englisch erbeten”. “Englis­che Begriffe” wer­den bere­it­gestellt.

    Englis­che Vor­drucke wer­den bere­it­gestellt.

    Das ist für mich der größte Ham­mer an Kul­turvergessen­heit der Wis­senschafts­bürokratie der deutschen Nachkriegs­geschichte.

    Übri­gens gab es da kür­zlich eine bekan­nte Sozi­olo­giepro­fes­sorin, die forderte, DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN ENGLICH AUCH AUF ENGLISCH UMZUSTELLEN.

    Griechen­land und Rom:

    Die Math­e­matik der Antike stammt im wesentlichen aus Griechen­land (Ara­bi­en, Chi­na usw sind vorher auch bekan­nt).

    Daß es dort Leute wie Her­ak­lit, Pythago­ras, Euk­lid gab, kön­nen Sie nicht leug­nen.

    Diese ver­ständigten sich in ihrer Mut­ter­sprache Griechisch und beschrieben

    auch ihre Math­e­matik darin.

    Jedoch führte im alten Rom die Math­e­matik zu den größten, von ein­er hohen Ken­nt­nis der Geome­trie zeu­gen­den, in der Folge jahrhun­derte­lang unübertrof­fe­nen math­e­ma­tis­chen Leis­tun­gen der Baukun­st.

    Im Römis­chen Reich war es nicht Sache der Math­e­matik­er, zu veröf­fentlichen,

    son­dern Werke zu voll­brin­gen. Diese Werke sind uns bis heute

    über­liefert und zeu­gen, trotz des schwachen römis­chen Zahlen­sys­tems

    von hohen geometrischen Leis­tun­gen.

    In der lateinisch basierten Renais­sance ist lediglich Leonar­do da Vin­ci ein

    her­aus­ra­gen­des Licht. Inwieweit er schon die Volkssprache ital­ienisch

    statt römisch-Latein ver­wen­det hat, weiß ich nicht. Müßt ich nach­schauen.

    Die eigentliche Weit­er­en­twick­lung der Math­e­matik begann jedoch mit Adam Riese in

    Deutsch­land und Descartes in Frankre­ich im 16. Jhd.

    Ab dem 17. Jhd. begann mit hun­derten namhafter Math­e­matik­er der Prozeß, den ich als wiss. techn. Rev­o­lu­tion auf­grund

    Ver­füg­barkeit der Mut­ter­sprache für die Wis­senschaft beze­ichne, qua­si eine

    Erup­tion.

    Denglisch:

    Ich bemerk­te schon, daß Denglisch m.E. nicht so entschei­dend ist, obwohl es das Wet­ter­leucht­en ander­er, wirk­lich entschei­den­der Prozesse ist.

    Das Argu­ment: bei hun­dert ver­schiede­nen Wörtern sind nur 17 (pseudo-)Englisch ist irreführend. Es kommt darauf an, wie oft sie in diesem Text gebraucht wer­den. Z.B. ver­wen­det der DLF ständig das Wort Fes­tiv­ell für Fest oder Fest­spiele. Natür­lich ist das ver­gle­ich­sweise wenig, aber Fest bzw. Fest­spiele wer­den den­noch sinn­los ver­drängt. D.h. Englisch zu Deutsch 1000%, und zwar sinnloser­weise unter Dif­feren­zierungsver­lust.

    Für das begin­nende Durch­set­zen von Englisch als deutsch­er Lan­dessprache seit der Wende habe ich keine Zahlen,

    jedoch sehr inten­sive Beobach­tun­gen und Stoff­samm­lun­gen. So hat Deutsch­land 40 Jahre unter der Herrschaft der angloamerikanis­chen Allierten (und ihrer Musik, ihrem Dol­lar, ihren Zigaret­ten, ihrem ganzen Zin­nober) aus­ge­hal­ten, OHNE daß seine Sprache nen­nenswert mutiert wäre. Erst ab 1990 erschienen fol­gende Phänomene:

    - Frühenglis­chunter­richt ab 3. bzw. 1. Klasse (vorher wie jede Fremd­sprache ab 5. Klasse)

    - Ein­führen englis­ch­er Stu­di­en­fäch­er und englis­chsprachiger Vor­lesung an den natur­wis­senschaftlichen Fakultäten

    - Abschließende Diskus­sion, daß Englisch in der Infor­matik bess­er sei, als Deutsch — im Infor­matik-Spek­trum -

    - Entste­hen des GIFIL-Insti­tutes

    - Entste­hen der Helen-Doron-Fran­chise-Bewe­gung

    - Ein­führung englis­ch­er Abteilungs­beze­ich­nun­gen bei Siemens und anderen Groß­fir­men

    - Ein­führen von Englisch als Fir­men­sprache, weil Indi­en als Glob­al­isierungspart­ner auf den Plan tritt.

    Alle diese Dinge fan­den in Deutsch­land nicht in den 40 Jahren Alli­ierten­herrschaft und Umerziehung, son­dern genau in den 10 Jahren Glob­al­isierung­sh­errschaft NACH der Wende, d.h. dem Zusam­men­bruch des Ost­blocks statt.

    Sind doch eine ganze Menge Belege für das let­zte Jahrzehnt, nöch?

    Ich habe in den Jahren mein­er Beschäf­ti­gung mit dieser Materie jede Menge Mate­r­i­al gesam­melt, das ist in meinen Schränken, z.B. wie sich die Sprache der EU allmäh­lich nach Englisch neigt usw.

    Doch ich habe keine Zeit mehr.

    Hoffe, das genügt.

    mfg Klaus Däßler

    [Anmerkung des Sprach­blog-Admin­is­tra­torenteams: Klaus Däßler ist Mitl­glied und ehem. Vor­standsmit­glied des Vere­ins Deutsche Sprache.]

  11. Anatol Stefanowitsch

    Lieber Herr Däßler,

    ich will Sie wenig­stens kurz wis­sen lassen, dass ich Ihre Bemühun­gen schätze, einen etwas aus­führlicheren Dia­log zu führen als das Beispiel­sweise der große Vor­sitzende Ihres Vere­ins zu kön­nen scheint (wenn er es wirlich war). Trotz­dem kön­nte ich auf Ihre Kom­mentare hin nur das wieder­holen, was ich in meinem Beitrag bere­its gesagt habe (und das wäre etwas lang­weilig, deshalb lasse ich es).

    Das Grund­prob­lem der kleinen Diskus­sion, die sich hier entwick­elt hat, hat Herr Guertler (tre­f­fend, wie immer) zusam­menge­fasst: wie fast alle Ihrer Vere­in­skol­le­gen haben Sie ein äußerst los­es Ver­hält­nis zur Evi­denz. Sie stellen ein­fach eine Rei­he von Behaup­tun­gen auf, was den Zus­tand der deutschen Sprache, den Ein­fluss des Englis­chen und dessen mögliche Kon­se­quen­zen ange­ht. Keine dieser Behaup­tun­gen wird auch nur ansatzweise durch Fak­ten gestützt — ja, die meis­ten dieser Behaup­tun­gen sind so sub­jek­tiv, dass noch nicht ein­mal klar ist, welche Fak­ten man her­anziehen müsste, um ihren Plau­si­bil­itäts­ge­halt zu über­prüfen. Trotz­dem glauben Sie — wie mir scheint, dur­chaus ern­sthaft und aufrichtig — dass diese Behaup­tun­gen mehr zählen als ein wis­senschaftlich­es Mod­ell des Sprach­ster­bens, das übri­gens keineswegs auf dem bräsi­gen und ober­fläch­lichen Ver­ständ­nis eines bloßen Junior­pro­fes­sors auf­baut, son­dern das von Koryphäen der Sprach­wis­senschaft wie Robert M.W. Dixon entwick­elt wor­den ist und das sich hun­dert­fach bestätigt hat. Dieses Mod­ell ist keineswegs unan­greif­bar: es ist ein wis­senschaftlich­es Hypothe­sen­ge­bilde, das klare Vorher­sagen macht. Wenn diese Vorher­sagen falsch wären, wäre das Mod­ell damit hin­fäl­lig. Die Vorher­sagen haben sich bis­lang aber kein einziges Mal als falsch erwiesen, deshalb gehen wir weit­er­hin von der Gültigkeit des Mod­ells aus. Das braucht Ihnen nicht zu passen, aber so funk­tion­iert Wis­senschaft — und eigentlich auch jede andere Art eines ratio­nalen Diskurs­es.

    Ihnen geht es ja aber gar nicht um einen ratio­nalen Diskurs: Sie haben eine antikap­i­tal­is­tis­che und (hof­fentlich nur) iso­la­tion­is­tis­che poli­tis­che Agen­da. In einem freien Land dür­fen Sie die ja auch haben, aber sie soll­ten sie nicht hin­ter Diskus­sio­nen um die deutsche und die englis­che Sprache ver­steck­en.

    Mit besten Grüßen

    Ana­tol Ste­fanow­itsch

  12. Klaus Däßler

    Lieber Herr Ste­fanow­itsch,

    vie­len Dank, daß Sie, der Ange­sproch­ene, sich ein­mal zu Wort gemeldet haben.

    Ich freue mich auch über sach­liche Argu­mente, aber nicht über Ver­mu­tun­gen und grobe Unter­stel­lun­gen, die Sie sich nicht ent­brechen kon­nten, im zweit­en Teil Ihrer Ent­geg­nung zu äußern. Ich will den hiesi­gen Dis­put nicht ins Unendliche treiben, aber für inkom­pe­tent, fak­ten­re­sistent, sub­jek­tiv lasse ich mich keines­falls ästimieren.

    Es liegt mir ins­beson­dere fern, mich hin­ter sog. Koryphäen zu ver­steck­en, da ich deren hun­derte, ja Tausende ken­nen­gel­ernt habe, in mein­er früheren Tätigkeit an sehr zen­traler Stelle im wis­senschaftlichen Bere­ich in einem deutschen Großkonz­ern.

    Offen­sichtlich haben Sie schon meine Ent­geg­nung auf den Her­rn Gürtler gar nicht richtig gele­sen, denn dort ste­hen einige der gewün­scht­en Fak­ten, ohne den Anspruch der “Wis­senschaftlichkeit” zu erheben, eher den Anspruch des gesun­den Men­schen­ver­standes und ein­er gesun­den Beobach­tungs­gabe.

    Diese ein­fach zu ignori­eren, und von einem “losen Ver­hält­nis zur Evi­denz” zu sprechen, ist doch etwas stark, und ich darf es hier­mit sauber zurück­geben.

    Wenn Sie — als offen­bar “richtiger Sprach­wis­senschaftler” — sich wie die Mehrzahl dieser Zun­ft im von außen beschreiben­den Elfen­bein­turm befind­en, und nicht bere­it sind, in die Lebenswelt

    dieses Volkes zu gehen, dessen Mut­ter­sprache so arg in Bedräng­nis gekom­men ist, so rel­a­tiviert das sehr stark die Anwend­barkeit Ihrer Äußerun­gen.

    Sie haben zwei Denkmod­elle für die Dixon­sche “Phase 1” ange­führt, und dann Phase 1, da bei­de nicht zutr­e­f­fen, in Deutsch­land als nicht exis­tent unter­stellt — was man als grob unwis­senschaftlich beze­ich­nen kön­nte, denn das ist noch keine Wider­legung; es sind unendlich viele Sit­u­a­tio­nen denkbar, auf die die Dixon­schen “Phase-1-Kri­te­rien” zutr­e­f­fen kön­nten.

    Das hat­te ich kri­tisiert, ohne sehr mas­siv zu wer­den — und hat­te die beson­ders unbarmherzige ökonomis­che Glob­al­isierung im Vor­re­it­er­land der Glob­al­isierung als drittes Denkmod­ell,

    als eigentliche Ursache, genan­nt. Damit hat­te ich sog­ar Ihre “Phase 1” als anwend­bar unter­stellt.

    Daß Sie aus lauter Hil­flosigkeit nun aber ide­ol­o­gisch wer­den, und mir (bzw. dem VDS) eine antikap­i­tal­is­tis­che poli­tis­che Agen­da unter­stellen, die nur hin­ter der Sprache getarnt werde, ist, gelinde gesagt, etwas stark. Fehlt bloß noch der Hin­weis auf “Recht­sex­trem­is­mus” — wie wär’s?

    Wieder muß ich kon­sta­tieren, daß ich von einem Pro­fes­sor — und sei er “Junior”

    eine beträchtlich tief­ere Denkweise erwarte. Was ich geschrieben habe, war ern­st­ge­meint, und Sie dür­fen es sich ruhig noch ein­mal durch­le­sen! (Müssen Sie aber nicht:-)

    Für mich gilt, daß ich die ökonomis­che Glob­al­isierung als Feind der Kul­turen und der Mut­ter­sprachen aus­gemacht habe. Dafür gibt es jede Menge Belege. Und was

    ich über die Sit­u­a­tion von 1945–1990 und 1990 bis heute geschrieben habe,

    kön­nen Sie alles über­prüfen. Ich habe Ihnen nicht die Taschen voll­ge­hauen.

    Es ist zu ein­fach, Zeitungsar­tikel herzunehmen, und die Wörter zu zählen!

    Zu Ihrer Antikap­i­tal­is­mus-Unter­stel­lung:

    Bitte nehmen Sie zur Ken­nt­nis, daß es ver­schiedene For­men des Kap­i­tal­is­mus gibt.

    Zu denen gehören (unter anderen):

    - Eine soziale Mark­twirtschaft, die ich (möglicher­weise im Gegen­satz zu Ihnen) das Glück hat­te noch zu erleben — in den 70er Jahren in Bay­ern. Wie kom­men Sie also darauf, daß ich Geg­n­er des Kap­i­tal­is­mus sein sollte?

    - Einen ent­fes­sel­ten Neolib­eralen Kap­i­tal­is­mus (NK), der sehr stark in den USA aus­geprägt ist und auch in Europa zunimmt; der die sozialen Struk­turen und Schutzräume aus dem Wege räumt, die ein Staat den Men­schen bietet (die z.B. in der Bun­desre­pub­lik zur Zeit der sozialen Mark­twirtschaft aufge­baut wur­den).

    - und ein Glob­alka­p­i­tal­is­mus, bei dem zum NK auf der einen Seite noch eine Art

    räu­berisch­er Frühkap­i­tal­is­mus (z.B. in Chi­na, in Ben­galen und anderen Fer­nost-Bil­liglän­dern) hinzukommt.

    Dazu will ich Ihnen abschließend noch einen kleinen Beleg geben.

    1 Eine Arbei­t­erin in Bangla Desh bekommt für die Her­stel­lung eines Armani-Hemdes 0.07 €

    2 Die Gesamt­pro­duk­tion des Hemdes dort ein­schließlich ‘Trans­ports in den Hafen kostet 5 €

    3. Der Trans­port übers Meer mit dem Con­tain­er­frachter kostet pro Hemd 5 €. Dabei sind z.B. 1.5 Liter Diesel für ein 300-g-Hemd, die allerd­ings steuer­frei sind (30 Pfg. / L) und offen­sichtlich sinn­los in die Atmo­sphäre geblasen wer­den, nur damit der Pro­duzent

    dann unsit­tlich daran ver­di­ent.

    4. Der Trans­port von Ham­burg, mit der gesamten Logis­tik, mit Mar­ket­ing, Ver­trieb, zum Einzel­han­delsend­punkt am Frank­furter Flughafen kostet 50 € (wir sind in einem “Hoch­preis-Land”).

    5. Dort wird dieses Hemd für 120 € verkauft.

    6. Da es sich um einen inter­na­tionalen Her­steller han­delt, fall­en so gut wie keine Steuern an. Reingewinn also etwa 60 €

    Und jet­zt noch unser Anliegen: damit das Ganze rei­bungs­los funk­tion­iert, wird

    von der ben­galis­chen Arbei­t­erin bis zum deutschen Verkäufer in Frank­furt

    rei­bungs­los Glob­alenglisch gesprochen.

    Ich freue mich auf eine sach­lichere Diskus­sion, wenn Sie ein­mal 30 Jahre älter sind, und vielle­icht eine gewisse Lebenser­fahrung gewon­nen haben. Mein Wun­sch an Sie wäre, daß Sie sich

    schon jet­zt etwas aktiv­er poli­tisch (zumin­d­est kul­tur­poli­tisch) betäti­gen.

    Dazu gibt es auch in Bre­men reich­haltige Möglichkeit­en.

    mit fre­und­schaftlichen Grüßen

    Klaus Däßler

  13. Detlef Guertler

    Lieber Herr Däßler,

    lei­der mit ein­er sehr späten Antwort, da zwis­chen­zeitlich auf anderen Baustellen beschäftigt. Vie­len Dank für Ihre nachgeliefer­ten Fak­ten. In einem Punkt stimme ich Ihnen unumwun­den zu: Es ist ein absolutes Und­ing, dass die DFG Anträge für Exzel­len­z­clus­ter auf Englisch anfordert — das hätte ich nicht für möglich gehal­ten.

    Wesentlich lock­er­er als Sie sehe ich den Vor­marsch des Englis­chen in den deutschen Schulen: Es han­delt sich nicht so sehr darum, mehr Schülern Englisch beizubrin­gen (mehr als 100 Prozent geht nicht), son­dern darum, früher mit dem Sprache­nun­ter­richt anz­u­fan­gen, da kleine Kinder bess­er bzw. spielerisch­er Fremd­sprachen ler­nen sollen. Ich habe erhe­bliche Zweifel, dass dieses Kinder­garte­nenglisch tat­säch­lich zu besseren Fremd­sprachenken­nt­nis­sen führt, aber das mögen die Päd­a­gogen unter sich aus­machen.

    Im Aus­land, etwa an meinem Wohnort Mar­bel­la, wird es übri­gens als großer Vorteil des deutschen Schul­we­sens ange­se­hen, dass man dort so viele Fremd­sprachen lernt, was sicher­lich auch zu einem Teil die deutschen Exporter­folge erk­lärt: Die Englän­der, die ger­ade die Verpflich­tung zum Erler­nen ein­er (!) Fremd­sprache abgeschafft haben, stellen nach­den­klich fest, dass sie nur mit Län­dern, deren Mut­ter­sprache Englisch ist, einen Exportüber­schuss haben, mit allen anderen nicht: Wer etwas verkaufen will, sollte näm­lich die Sprache des Käufers beherrschen. Vielle­icht kön­nten wir also sog­ar aus dem deutschen Schul­we­sen einen Exportschlager machen (siehe auch meinen Beitrag in der “Welt” hierzu: http://debatte.welt.de/kolumnen/55/meine+woche/35832/am+deutschen+schulwesen+soll+die+welt+genesen )

    Ach ja: Eben­falls in der Welt habe ich prog­nos­tiziert, dass in den kom­menden Jahren die deutsche Sprache par­al­lel zur deutschen Wirtschaft zum Glob­al­isierungs­gewin­ner wer­den wird: http://debatte.welt.de/kolumnen/55/meine+woche/35676/powerdeutsch+fuer+globalisierungsgewinner

    Schauen Sie doch mal rein, es lohnt sich bes­timmt.

    Mit besten Grüßen

    Detlef Gürtler

    [Hin­weis des Sprach­blog-Admin­is­tra­tionsteams: dieser Kom­men­tar erre­ichte uns am 8.9.2007 per Email, kon­nte aber urlaub­s­be­d­ingt erst heute eingestellt wer­den.]

  14. Anatol Stefanowitsch

    Herr Gürtler, vie­len Dank für Ihre fort­ge­set­zte Bere­itschaft, zu diesem Beitrag die Stimme der Ver­nun­ft zu vertreten. Nur eine Bemerkung. Sie schreiben:

    Es ist ein absolutes Und­ing, dass die DFG Anträge für Exzel­len­z­clus­ter auf Englisch anfordert — das hätte ich nicht für möglich gehal­ten.

    Wenn die DFG das aus Jux und Tollerei machen würde, würde ich Ihnen da sog­ar zus­tim­men. Aber dem „Merk­blatt Antrag­stel­lung“ kann man ent­nehmen, dass es für die Entschei­dung einen guten Grund gibt:

    Inter­na­tionale Experten­grup­pen unter­stützen die Gemein­same Kom­mis­sion bei der Auswahl der­jeni­gen Ini­tia­tiv­en, die ein­ge­laden wer­den, einen voll­ständi­gen Antrag einzure­ichen. Diese Anträge wer­den eben­falls durch inter­na­tionale Experten­grup­pen begutachtet.

    Da es hier um beträchtliche Förderungssum­men geht, bin ich als Steuerzahler froh darüber, dass die DFG Anträge von den besten Vertretern der jew­eili­gen Fäch­er begutacht­en lässt und nicht von denen, die zufäl­lig Deutsch kön­nen.

    Viel schlim­mer finde ich, dass man für die Geis­teswis­senschaften eine Aus­nahme macht. Aus den „Hin­weisen zur Erstel­lung von Antragskizzen“:

    Antragsskizzen auf dem Gebi­et der Geis­teswis­senschaften kön­nen in Aus­nah­me­fällen nach Rück­sprache mit der Geschäftsstelle der Deutschen Forschungs­ge­mein­schaft (DFG) auch in deutsch­er Sprache ein­gere­icht wer­den.

    Ich bin der Mei­n­ung, die deutschen Geis­teswis­senschaften haben es nicht nötig, sich vor ein­er Begutach­tung durch inter­na­tionale Experten zu ver­steck­en…

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