Fair dinkum

Die Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka haben zwar keine geset­zlich ver­ankerte Amtssprache, sind aber trotz­dem eine der am radikalsten ein­sprachi­gen Regio­nen der Welt — wer sich in der Öffentlichkeit bewe­gen will, der muss Englisch sprechen.

Wenn sich diese Ein­sprachigkeit mit der all­ge­meinen Ner­vosität mis­cht, die die Bush-Regierung und die Massen­me­di­en seit dem 11. Sep­tem­ber 2001 gezielt ermuti­gen, kann es schnell zu kri­tis­chen Sit­u­a­tio­nen kom­men. Inzwis­chen ist man mancherorts in den USA so empfind­lich, dass sog­ar Mut­ter­sprach­ler des Englis­chen mit ern­sthaften Kon­se­quen­zen rech­nen müssen — wenn sie kein amerikanis­ches Englisch sprechen. Wie The Atlanta Jour­nal-Con­sti­tu­tion berichtet, hat die Aus­tralierin Sophie Reynolds auf einem Flug von Atlanta nach Pitts­burgh mit ein­er harm­losen und nur schw­er fehlin­ter­pretier­baren Bemerkung Ter­ro­ralarm aus­gelöst.

Als die Flug­be­glei­t­erin­nen die oblig­a­torischen Käse­crack­er verteil­ten, fragte Reynolds, ob sie stattdessen vielle­icht Salzbrezeln bekom­men könne. Salzbrezeln habe man nicht, wurde ihr gesagt. Daraufhin erwiderte die Aus­tralierin resig­niert „Fair dinkum“ — eine Redewen­dung im aus­tralis­chen Englisch, die in etwa „echt“ oder „wirk­lich“ bedeutet. Reynolds sagte also so etwas wie „Ach, tat­säch­lich“.

Die Reak­tion des Flug­per­son­als war über­raschend: man ver­langte ihren Pass und notierte ihre Per­so­n­en­dat­en. In Pitts­burgh gelandet, wurde sie von uni­formierten Polizis­ten in Gewahrsam genom­men:

They said, ‘You swore at the host­ess and there are fed­er­al rules against that,’” Reynolds said. “And I said, ‘I did not swear at the host­ess, I just said fair dinkum.’” (Atlanta Jour­nal-Con­sti­tu­tion)

Sie sagten, ‚Sie haben die Flug­be­glei­t­erin belei­digt und das ver­stößt gegen Bun­des­ge­set­ze‘“, sagte Reynolds. „Und ich sagte, ‚Ich habe die Flug­be­glei­t­erin nicht belei­digt, ich habe nur fair dinkum gesagt.“

Das überzeugte die Geset­zeshüter nicht: Reynolds wurde nach eige­nen Aus­sagen 40 Minuten lang ver­hört, und zwar nicht ger­ade auf die san­fte Tour:

They threat­ened me with depor­ta­tion, they threat­ened me with jail,” Ms Reynolds said. “They rang home­land secu­ri­ty.” (Her­ald Sun)

Sie haben mir mit Ausweisung gedro­ht, sie haben mir mit Gefäng­nis gedro­ht“, sagte Reynolds. „Sie haben die Heimatschutzbe­hörde angerufen.“

Bei der Heimatschutzbe­hörde ist dann vielle­icht jeman­dem aufge­fall­en, dass Aus­tralien ein­er der unbeir­rbarsten Ver­bün­de­ten der USA ist und dass man sich die strate­gis­che Fre­und­schaft im paz­i­fis­chen Raum nicht wegen ein paar Salzbrezeln verder­ben sollte. Auf jeden Fall durfte Reynolds gehen. Sie traut dem Frieden mit der amerikanis­chen Luft­fahrt aber nicht, und will ihre Eheschließung mit einem Amerikan­er nutzen, um ihren Namen zu ändern:

I am going to change my name — tomor­row,” Ms Reynolds said. “I think if I book on any air­line any­where they are going to have a red light flash­ing.” (Her­ald Sun)

Ich werde meinen Namen mor­gen ändern,“, sagte Reynolds. „Ich glaube, wenn ich einen Flug buche, egal wo, leuchtet dort eine rote Warn­leuchte auf.“

Die Fluglin­ie, Sky­West (Part­ner der Delta Air­lines), ist überzeugt, tadel­los reagiert zu haben:

The safe­ty and com­fort our of pas­sen­gers and crew is our first pri­or­i­ty,” Snow said. “When oth­er pas­sen­gers or crew mem­bers feel uncom­fort­able it’s our stan­dard pro­ce­dure to con­tact law enforce­ment just as a pre­cau­tion.” (Atlanta Jour­nal-Con­sti­tu­tion).

Die Sicher­heit und das Wohlbefind­en unser­er Pas­sagiere und unser­er Besatzung genießern ober­ste Pri­or­ität“, sagte Snow. „Wenn sich andere Pas­sagiere oder Mit­glieder der Besatzung unwohl fühlen, schal­ten wir rou­tinemäßig die Strafver­fol­gung­sor­gane ein, als reine Vor­sichts­maß­nahme.“

Aus dieser Geschichte lassen sich gle­ich mehrere Lehren ziehen. Erstens zeigt sie, dass ein Kli­ma ständi­ger Angst zu ein­er gewis­sen Überempfind­lichkeit führt (oder als Entschuldigung für eine bere­its beste­hende Überempfind­lichkeit genutzt wer­den kann). Zweit­ens wirft sie die Frage auf, ob es eine gute Idee ist, per­sön­liche Empfind­un­gen so ernst zu nehmen, dass man jedes Unwohl­sein mit einem Polizeiein­satz beant­wortet. Nehmen wir ein­mal an, Reynolds hätte statt fair dinkum so etwas wie stu­pid cow gesagt — hätte das einen Anruf bei der Heimatschutzbe­hörde gerecht­fer­tigt?. Drit­tens, und darum geht es hier, zeigt sie, dass radikale Ein­sprachigkeit nicht zum zwis­chen­men­schlichen Ver­ständ­nis beiträgt. Im Gegen­teil — die All­ge­gen­wart ein­er einzi­gen sprach­lichen Vari­etät führt dazu, dass die Sprech­er dieser Vari­etät die Ver­ant­wor­tung für das Glück­en ein­er kom­mu­nika­tiv­en Hand­lung voll­ständig auf diejeni­gen abwälzen, die diese Vari­etät nicht sprechen, und dass jede nicht sofort ver­standene Äußerung als Bedro­hung aufge­fasst wird.

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

4 Gedanken zu „Fair dinkum

  1. bernd

    Gestolpert bin ich (ein wenig) über die Aus­sage “eine der am radikalsten ein­sprachi­gen Regio­nen der Welt”. Zur Argu­men­ta­tion in diesem Beitrag ist es natür­lich kor­rekt, aber auch wenn Ich jet­zt zu dieser Uhrzeit keine Lust habe nach Bele­gen zu suchen, meine ich auch “frei­händig” behaupten zu kön­nen, dass es einige Regionen/Städte gibt, in denen man mit Spanisch min­destens genau so weit kommt.

    [Beina­he hätte ich einge­fügt “unbeachtet von der über­wiegend aus Europa stam­menden (noch) dominieren­den Gesellschaftss­chicht”, aber selb­st das stimmt wohl nicht mehr so ganz.]

    PS Auf die schnelle geht vielle­icht diese Adresse durch http://www.laalmanac.com/population/po47b.htm .

  2. Anatol Stefanowitsch

    Bernd, Sie haben Recht. Ich hat­te im ersten Entwurf einen Neben­satz über die Bun­desstaat­en eingeschoben, in denen Spanisch neben Englisch offizielle Amtssprache ist (etwa Texas, Neumexiko, Kali­fornien). Aber das hätte zum Argu­ment nichts beige­tra­gen und es hätte, damit man es richtig einord­nen kön­nte, eine aus­füh­liche Diskus­sion der Amtssprachen auf der Ebene der Bun­desstaat­en erfordert. Die “zweis­prachi­gen” Staat­en ändern auch an der eigentlichen Aus­sage nicht viel, da die Bewohn­er dieser Staat­en größ­ten­teils ein­sprachig sind (sie sprechen nur Englisch oder nur Spanisch).

  3. Christoph Päper

    Eine gute Arbeit­shy­pothese für die Kom­mu­nika­tion mit US-Amerikan­ern ist, dass sie zu viel feelen, an den falschen Stellen meanen oder believen und zu wenig thinken.

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