Presseschau

In der Press­eschau von ver­gan­gener Woche haben wir berichtet, dass der schweiz­er Kan­ton Bern Lehrern und Schülern ab diesem Schul­jahr vorschreibt, im Unter­richt statt ihres mut­ter­sprach­lichen Bern­deutschen nur noch Hochdeutsch zu sprechen. Wir haben den Bern­er Lehrer Klaus Bart­lome zitiert, der diese Entschei­dung mit der merk­würdi­gen Begrün­dung begrüßt, die Bern­er zeigten damit, dass sie „zum europäis­chen Kul­tur­raum gehören“. Als ob das Hochdeutsche europäis­ch­er wäre, als das Bern­deutsche.

Der Lan­desmusikrat Nor­drhein-West­falen hat am let­zten Woch­enende eine sehr viel weniger prov­inzielle Ein­stel­lung zum The­ma Dialek­te demon­stri­ert: er ver­lieh Wolf­gang Niedeck­en die Sil­berne Stim­m­ga­bel „für seine beson­deren Ver­di­en­ste um das Musik­leben“. Niedeck­en ist ja nun nicht ger­ade für sein Hochdeutsch bekan­nt, aber das hat man ihm als Plus­punkt angerech­net:

Niedeck­en hat es geschafft, seinen so oft andere auss­chließen­den Dialekt fast zu so etwas wie ein­er Welt­sprache zu machen“, sagte der Stuttgarter Lit­er­atur­wis­senschaftler und Her­aus­ge­ber des BAP-Song­buch­es, Oliv­er Kobold, in sein­er Lau­da­tio.

So macht man das — statt Dialek­te durch Welt­sprachen zu erset­zen, macht man ein­fach eine Welt­sprache aus dem Dialekt.

Das Kölsche ist diese Woche auch im Köl­ner Stadt-Anzeiger gut weggekom­men, der Fritz Lan­gen­siepen, den Leit­er des Amtes für rheinis­che Lan­deskunde inter­viewt hat:

Ist Kölsch, wie die Köl­ner meinen, die Kro­ne der rheinis­chen Dialek­te?

LANGENSIEPEN: Das Kölsch ist zweifel­los viel lebendi­ger und pop­ulär­er als alle Mundarten in anderen rheinis­chen Städten und Land­schaften. Man muss aber fes­thal­ten, dass das Kölsch nicht mehr die All­t­agssprache in Köln ist — mit „Kölsch“ meine ich hier den alten, „tiefen“ Dialekt, den immer weniger Men­schen beherrschen. Die heutige kölsche Umgangssprache wird dage­gen von sehr vie­len Men­schen gesprochen. Dieses Kölsch ist, wie früher das „Rheinis­che“ Ade­nauers, zu ein­er Leit­sprache der Region gewor­den. Hier ist also die kölsche Nei­gung zum Superla­tiv ein­mal ange­bracht.

Und außer­dem ist es meines Wis­sens der einzige Dialekt, der nach einem Bier benan­nt ist.

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

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