Zeichen und Wunder

Das klingt doch eigentlich sehr vernün­ftig:

Ich glaube nicht, dass die deutsche Sprache gerettet wer­den muss. Alles in allem geht es ihr ganz gut. Gewiss, sie befind­et sich im Wan­del, alte Wörter ver­schwinden, neue kom­men hinzu, die älteren Men­schen ver­ste­hen die Sprache der jün­geren oft nicht mehr, aber das war schon immer so. Es hat immer Ein­flüsse aus anderen Sprachen gegeben, und es gab auch immer schon Bestre­bun­gen, die deutsche Sprache von diesen Ein­flüssen zu „reini­gen“. Sprachgeschichtlich gese­hen übt das Englis­che erst rel­a­tiv kurz einen der­art starken Ein­fluss aufs Deutsche aus, eine Folge des Zweit­en Weltkriegs und der daraus resul­tieren­den Vor­ma­cht­stel­lung der USA. Davor war über Jahrhun­derte Franzö­sisch die dominierende Kul­tur­sprache, tausende franzö­sis­ch­er Wörter sind ins Deutsche einge­drun­gen. Damals haben sich Sprachkri­tik­er darüber erregt, um nicht zu sagen „echauffiert“. Heute erken­nt man kaum noch, dass diese Wörter gar nicht deutschen Ursprungs sind. Wer würde bei Allee, Büro, Café, Dusche, May­on­naise, Pommes frites, Reportage, Roman, Servi­ette, Ter­rine, Toi­lette, Zigarette seufzen: Mon Dieu, immer diese Roman­is­men!

Von wem mag diese Aus­sage wohl stam­men? Erst rat­en, dann nach­se­hen!

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

13 Gedanken zu „Zeichen und Wunder

  1. Paul R

    Sehr geehrter Herr Ste­fanow­itsch!

    Ich ver­misse, dass Sie beschreiben, ob und welche Ziele Sie mit dieser Seite ver­fol­gen.

    mfg

    Paul R

  2. Frank Oswalt

    Ha, ich lag nur knapp daneben (ich nenne keine Namen, um Anderen den Rates­paß nicht zu verder­ben).

    @Paul R: Und welche Ziele ver­fol­gen Sie mit Ihrer Seite? Ich bin mir nicht ganz im Klaren: soll es ein Lehrstück darstellen, wie eine Web­seite keines­falls aufge­baut sein darf, oder wollen Sie zeigen, dass die Mess­lat­te für das Niveau von Sprach­nörgeleien nach unten unbe­gren­zt ist?

  3. Hedemann

    Ich dachte es mir bald, dass ER es sei. ;o)

    Erstaunliche Aus­sagen, u.a. auch — auf die Frage, ob die deutsche Sprache heute schlechter als früher beherrscht würde:

    Früher sind Rechtschreib­schwächen nicht so aufge­fall­en – weil weniger geschrieben wurde. Heute wird mehr geschrieben und getippt als je zuvor.”

  4. K. Heidtmann

    ” (…) eine Folge des Zweit­en Weltkriegs und der daraus resul­tieren­den Vor­ma­cht­stel­lung der USA.”

    Erstaunlich, dass das inzwis­chen so gese­hen wer­den kann und darf! Wegen solch­er Schlüsse hat­te ich Anfang der 80er Jahre erhe­blichen Stre­it mit dem Pro­mo­tion­sauschuss der Uni­ver­sität Bre­men. Prof. Geiss meinte sein­erzeit, dass es ja jedem klar sei, weshalb in der DRR “diesem Vasal­len­staat der UdSSR” Rus­sisch Pflicht­fach sei. Wenn ich aber behaupte, Englisch sei Pflicht­fach in der BRD als Resul­tat der (anglo-) amerikanis­chen Siegermächte, “dann ist das Ide­olo­gie”!

    Was mich aber in diesem Zusam­men­hang viel mehr inter­essiert, da ich den Sprach­blog noch nicht lange ver­folge, hat denn hier jen­seits aller quan­ti­ta­tiv­er Meth­o­d­en jemals eine inhaltlich Auseinan­der­set­zung darüber stattge­fun­den, was es eigentlich (nicht nur seman­tisch) für Kon­se­quen­zen hat, wenn man sich in Deutsch­land bzw. weltweit zunehmend der “lin­gua fran­ca” Englisch bedi­ent? Ist eigentlich jedem klar, was “endur­ing free­dom” jen­seits aller Anglizis­men fak­tisch bedeutet?

    Die Über­nahme ein­er Sprache ist his­torisch wohl unbe­strit­ten immer auch (Indiz eines Teiles der) Über­nahme ein­er frem­den Kul­tur.

    Und genau dage­gen kann man m. E. dur­chaus etwas haben. Aber das ist etwas ganz anderes als die Sorge um die deutsche Sprache. Das Eine ist phänom­e­nal, das Andere real.

  5. Anatol Stefanowitsch

    Herr Hei­dt­mann, ich finde es vor allem erstaunlich, dass das ent­ge­gen aller Evi­denz so gese­hen wird! Wenn der dom­i­nante Ein­fluss des Englis­chen auf eine wie auch immer geart­ete „Vor­ma­cht­stel­lung“ der USA zurück­zuführen wäre, müsste der Gebrauch englis­ch­er Lehn­wörter ja nach 1945 drastisch angestiegen sein. Ist er aber im Großen und Ganzen nicht. Wenn über­haupt, lässt sich ein Anstieg seit den achtziger Jahren des let­zten Jahrhun­derts beobacht­en, und der dürfte auf die Glob­al­isierung zurück­zuführen sein. Gegen die Über­nahme ein­er „frem­den“ Kul­tur kann man dur­chaus etwas haben. Aber ich möchte das an dieser Stelle ein­mal deut­lich sagen, weil es heutzu­tage oft in Vergessen­heit gerät: die Über­nahme der demokratis­chen Kul­tur der Vere­inigten Staat­en nach dem zweit­en Weltkrieg war für Deutsch­land eine sehr gute Sache! Dass die USA auf­grund divers­er inner­er Entwick­lun­gen derzeit manch­mal Prob­leme haben, ihr eigenes demokratis­ches Gle­ichgewicht wiederzufind­en, darf nicht darüber hin­wegtäuschen, dass Deutsch­land sich selb­st unter US-amerikanis­chem Ein­fluss nur langsam über­haupt mit der Demokratie anfre­un­den kon­nte.

  6. Thomas Paulwitz

    Herr Ste­fanow­itsch,

    (1) Deutsch­land ken­nt die Demokratie nicht erst seit dem Ein­marsch der Amerikan­er 1945. Par­la­mente und Parteien gab es in Deutsch­land bere­its im 19. Jahrhun­dert.

    (2) Daß die Vor­ma­cht­stel­lung und die Absatzmärk­te der USA nach dem Fall des Eis­er­nen Vorhangs mit einem Sprung gewach­sen sind, kann doch ohne Zweifel behauptet wer­den.

  7. Christoph Pohanka

    ad (1) Die exper­i­mente mit der Demokratie sind sowohl in Öster­re­ich (in dem die meis­tens per Son­derge­set­zen regiert wurde) als auch in Deutsch­land vor 45 gescheit­ert. Und zwar mas­siv. Man muss allerd­ings auch erwäh­nen, dass so ziem­lich das gle­iche in Frankre­ich geschah als man sich durch Repub­lik-Kaiser­re­ich-Kön­i­gre­ich-Repu­bik-Kaiser­re­ich-Repub­lik kämpfte.

    Ad (2): Die Absatzärk­te für wes­teu­ropäis­che Waren sind noch im viel grösseren Aus­maße gewach­sen. Nicht US-amerikanis­che Fir­men übernehmen und beherrschen das Wirtschafts­gesch­enen in den neuen EU-Län­dern, europäis­che Fir­men tun das. Als Beispiel möchte ich den öster­re­ichis­chen Bankensek­tor nen­nen, der inzwis­chen in den umliegen­den neuen EU-Staat­en die meis­ten Banken über­nom­men hat. Und trotz­dem spircht dort kein­er Deutsch.

    Früher sprach man in aller Welt Französich. Heute ist Deutsch die lin­gua fran­ca schlechthin. Dass dies geschehen ist, hat viele Gründe. Aber den WWII als den Haupt­grund zu nen­nen ist dann doch etwas naiv.

  8. K. Heidtmann

    @7 AS: “… die Über­nahme der demokratis­chen Kul­tur der Vere­inigten Staat­en nach dem zweit­en Weltkrieg war für Deutsch­land eine sehr gute Sache!”

    Das müssen Sie sagen, Sie haben mit Ihrer W-Besol­dung immer­hin einen Eid auf die Ver­fas­sung abgelegt, nehme ich doch mal an!

    Kön­nen wir uns trotz­dem auf ein “rel­a­tiv” nach “eine” und auf “gute” eini­gen? Aus zum Beispiel ost­deutsch­er Sicht, war es das sich­er, aber die Kosten der weltweit­en “pur­suit of hap­py­ness” sind hoch und wer­den immer höher.

    Zudem, mit Ver­laub, hat der Begriff der “Demokratie” seman­tisch doch eine recht unter­schiedliche Bedeu­tung. Auch die DDR hielt sich ja sel­ber für demokratisch.

    Thomas Assheuer beschreibt in seinem Artikel in der vor­let­zten “ZEIT” unter dem Titel “Der große Ausverkauf” sehr tre­f­fend die zunehmende Macht der Wirtschaft und Ohn­macht der Poli­tik.

    Doch wir kom­men vom The­ma ab …

  9. Anatol Stefanowitsch

    Herr Hei­dt­mann, umgekehrt: ich hätte meinen Amt­seid nie geleis­tet, wenn ich nicht daran glauben würde. Nein, die Über­nahme der demokratis­chen Kul­tur der Vere­inigten Staat­en war keine „rel­a­tiv“ gute Sache, sie war eine gute Sache ohne wenn und aber. Was sozial­is­tis­che Län­der unter Demokratie ver­ste­hen, halte ich dabei für irrel­e­vant. Die zunehmende Macht der Wirtschaft halte ich allerd­ings für eine große poli­tis­che Tragödie und für die größte Bedro­hung, die es für die Demokratie derzeit gibt.

    Herr Paulwitz, ich kann mich da nur Her­rn Pohanka anschließen. Par­la­mente und Parteien machen noch keine demokratis­che Ein­stel­lung aus, und mit der Demokratie in Deutsch­land war es von 1945 nicht weit her. Und alles, was die Absatzmärk­te der US-amerikanis­ch­er Unternehmen ver­größert, ver­größert wohl auch die Absatzmärk­te deutsche Unternehmen. Ob die Vor­ma­cht­stel­lung der USA mit dem Fall des Ost­blocks gewach­sen ist, wird sich erst noch her­ausstellen. Für ihre derzeit­ige Außen­poli­tik haben die USA ja kaum noch die Unter­stützung in Europa, die ihnen im kalten Krieg immer sich­er war.

  10. marlow

    Herr Ste­fanow­itsch, Ihr erster Gedanke ist überzeu­gend: dass Sie nur auf der Basis ein­er demokratis­chen Gesin­nung einen Eid auf die Ver­fas­sung able­gen kon­nten. Der zweite stimmt schon nicht mehr ganz: Schön wäre es gewe­sen, wenn in der Bun­desre­pub­lik die demokratis­che Kul­tur der USA über­nom­men wor­den wäre. Tat­säch­lich wurde in einem lan­gen Prozess, indem die Bun­desre­pub­lik Deutsch­land nur teil­weise ein sou­verän­er Staat war, demokratis­che Tra­di­tio­nen entwick­elt und weit­er entwick­elt, die sich nicht hät­ten entwick­eln kön­nen, hät­ten die USA nicht ide­ol­o­gisch durch Amerikahäuser, Ein­flussnahme auf Rund­funk und Fernse­hen und viele andere Maß­nah­men sowie mil­itär- und macht­poli­tisch mas­siv auf die Entwick­lung Ein­fluss genom­men. Ich bin froh darüber, dass das vere­inigte Deutsch­land nun immer sou­verän­er und — seit dem Ende des Kalten Krieges — nicht auss­chließlich auf den Dual­is­mus Ost-West reagierend auch in Sachen Men­schen­rechte weltweit mehr Ver­ant­wor­tung übern­immt.

    Im übri­gen ist die zunehmende Macht der sich glob­al­isieren­den Wirtschaft keine Tragödie, son­dern eine durch eine nach wie vor über­fäl­lige Demokratisierung der Arbeitswelt und durch inter­na­tion­al zu vere­in­barende soziale Min­dest­stan­dards zu beschränk­ende Entwick­lung.

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