Stimmen aus der Vergangenheit

Ob die Nean­der­taler eine Sprache hat­ten, wer­den wir nie mit Sicher­heit wis­sen. Wis­senschaftler des Max-Planck-Insti­tuts für Evo­lu­tionäre Anthro­pol­gie in Leipzig fan­den im let­zen Jahr her­aus, dass der Nean­der­taler die gle­iche Vari­ante des Gens FOXP2 besaß, die beim Men­schen eine entschei­dende Rolle beim Gram­matik­er­werb spielt.

Neandertaler Schädel

Nean­der­taler Schädel

Ander­er­seits hat der Lin­guist Philip Lieber­man schon in den siebziger Jahren anhand von Fos­silien den für die Erzeu­gung von Sprach­laut­en wichti­gen Mund- und Nasen­raum des Nean­der­talers ver­messen und fest­gestellt, dass der Nean­der­taler keine unter­schiedlichen Vokale hätte her­vor­brin­gen kön­nen. Daraus haben viele Sprach­wis­senschaftler geschlossen, dass der Nean­der­taler keine Sprache im men­schlichen Sinne hätte haben kön­nen.

Neandertaler Kind

Nean­der­taler Kind

Andere, zum Beispiel der Psy­chologe Steven Pinker, haben darauf hingewiesen, dass man Sprx­chx xch vxrstx­hxn kxnn, wxnn mxn xllx Vxkxlx dxrch „x“ xrsxtzt — ein einziger Vokal würde also aus­re­ichen. Und Dank dem Anthro­polo­gen Robert McCarthy, Assis­tant Pro­fes­sor an der Flori­da Atlantic Uni­ver­si­ty, haben wir eine erste Vorstel­lung davon, wie eine solch­er Vokal gek­lun­gen hätte. McCarthy und sein Team haben den Vokaltrakt des Nean­der­talers rekon­stru­iert und dann den Laut syn­thetisiert, den dieser pro­duziert hätte (eine Hör­probe find­et sich hier).

Damit ist immer noch nicht klar, ob der Nean­der­taler sprechen kon­nte. Aber auf jeden Fall kön­nen wir, nach ein­er Stille von fast dreißig­tausend Jahren, wieder die Stimme unseres näch­sten Ver­wandten auf diesem Plan­eten hören.

(via Mr. Verb)

Bild­nach­weise. Nean­der­talschädel: © Luna04 (Cre­ative Com­mons Attri­bu­tion 2.5). Rekon­struk­tion eines Nean­der­talerkindes: © Ch. Zol­likofer und M. Ponce de León.

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

6 Gedanken zu „Stimmen aus der Vergangenheit

  1. Andreas Ammann

    Vor län­ger­er Zeit habe ich mal gele­sen, dass die kauka­sis­che Sprache Kabar­dinisch nur ein Vokalphonem haben kön­nte oder sog­ar gar keins. Im Netz habe ich dazu nur dies gefun­den:

    http://www.inst.at/berge/kaukasus/schmitt_r.htm

    (dann den Brows­er nach “Kabar­dinis­chen” suchen lassen).

    Das heißt natür­lich noch lange nicht, dass man etwas darüber sagen kann, ob ein Nean­derthaler diese Sprache hätte ler­nen kön­nen.

    Die .wav-Datei fand ich, ehrlich gesagt, ent­täuschend. Da hätte man auch einen Hund in ein Mikro­fon niesen lassen kön­nen.

  2. NvonX

    Ich finde die .wav-Datei sehr span­nend, und für mich klingt sie eher wie eine Art „E“. Das finde ich deswe­gen inter­es­sant, da das „E“ nicht nur in vie­len Sprachen, wie z.B. der Deutschen, der häu­fig­ste Vokal ist, son­dern auch, weel ech schen els kleenes Kend emmer fend, dass das Lied von den „drei Chi­ne­sen mit dem Kon­tra­bass“ mit dem „E“ irgend­wie noch am besten zu ver­ste­hen war.

  3. A.T.

    Naja, es gibt Voge­larten, die kön­nen men­schliche Sprache schon sehr genau nachah­men, inklu­sive Vokalen und Kon­so­nan­ten (natür­lich keine labi­alen Laute), allerd­ings ver­wen­den sie Ihre Mundw­erkzeuge nur dann zur Spracherzeu­gung (im men­schlichen Sinne), wenn sie von Men­schen speziell dafür trainiert wer­den.

    Will sagen: Nur, weil die anatomis­che Möglichkeit bestand, heißt das noch lange nicht, dass diese auch genutzt wurde. Auch evo­lu­tions­bi­ol­o­gisch schließt sich das nicht aus, da die Sprach­w­erkzeuge ja als Ess­werkzeuge eine Dop­pel­funk­tion innehaben und somit nicht sinn­los brach­liegen.

    Jeden­falls ver­misse ich bei Lin­guis­ten häu­fig die gebotene Zurück­hal­tung und Skep­sis bei solchen The­men, dabei ist die Lin­guis­tik doch auch so schon span­nend genug, ohne dass man sich auf solch­es Glat­teis begeben müsste.

  4. Anatol Stefanowitsch

    A.T., bei wem ver­mis­sen Sie die Zurück­hal­tung? Sich­er nicht bei mir, denn ich habe bewusst mit keinem Wort für eine tat­säch­liche Sprach­fähigkeit des Nean­der­talers argu­men­tiert. Per­sön­lich gefällt mir die alte Idee (die deswe­gen nicht stim­men muss), dass die Sprache der entschei­dende Unter­schied zwis­chen unseren Vor­fahren und den Nean­der­talern war — der Grund, warum wir noch hier sind, während der Nean­der­taler (und alle son­sti­gen Unter­arten des Homo sapi­ens) aus­gestor­ben sind. (Wo wir schon dabei sind, das kleine Nean­der­taler­mäd­chen auf dem Foto oben ist zwar sehr süß, aber ich habe den Ver­dacht, dass bei der Rekon­struk­tion arg anthro­po­mor­phisiert wor­den ist).

    Auch meine Fachkol­le­gen ste­hen den sprach­lichen Fähigkeit­en des Nean­der­talers im Großen und Ganzen skep­tisch, agnos­tisch oder völ­lig apathisch gegenüber. Es sind eher Anthro­polo­gen, Evo­lu­tion­s­genetik­er, Psy­cholo­gen oder Paläon­tolo­gen, die sich mit diesem The­ma beschäfti­gen (und dabei möglicher­weise manch­mal etwas über das Ziel hin­auss­chießen).

    Aber trotz allem ist die betr­e­f­fende Forschung sin­nvoll: wir wer­den niemals wis­sen, ob der Nean­der­taler eine Sprache im men­schlichen Sinne besaß, aber wir kön­nen klären, ob er die Voraus­set­zun­gen dafür hat­te. Dass manche Vögel men­schliche Sprache (und jedes andere Geräusch) nachah­men kön­nen, ist weniger inter­es­sant als die Frage, ob der Stimmap­pa­rat des Nean­der­talers eine Laut­sprache zuge­lassen hätte, denn Vögel sind evo­lu­tionär sehr weit von uns ent­fer­nt und soweit wir wis­sen hat es keine Voge­lart je zu ein­er Sprache gebracht. Aber der Nean­der­taler ist evo­lu­tionär ein naher Ver­wandter und da wir wis­sen, dass eine Art der Gat­tung Homo/Pan (näm­lich wir) Sprache entwick­elt haben, liegt die Frage nahe, ob wir die einzi­gen waren.

  5. Tom S. Fox

    Kor­rek­tur: Wir sind nicht mit den Nean­der­talern ver­wandt. Die Nean­der­taler bilde­ten einen eige­nen Zweig, der irgend­wann ausstarb.

    Unser „näch­ster Ver­wandter“ ist eher der Schim­panse.

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