Anglizistische Verwirrung

Von Anatol Stefanowitsch

Die Ost­thüringer Zeitung glaubt, dass Anglizis­men „nötig“ sind, wenn Pro­duk­te inter­na­tion­al verkauft wer­den, und das Anglizis­men „bess­er klin­gen“ kön­nen als ihre deutsche Entsprechun­gen. In einem Artikel über einen Her­steller von Christ­baumkugeln schreibt man dort:

Als Mod­ekracher 2008 gilt in Schmück­erkreisen auch die Lin­ie „Choco­late Frost“. Der Anglizis­mus ist nötig, weil das Pro­dukt ein inter­na­tionaler Schlager ist und weil er irgend­wie bess­er klingt als „Gefrorene Schoko­lade“. Aber so oder so — die Beze­ich­nung ist tre­f­fend. Ein küh­les Aqua spielt mit Weißtö­nen, gemis­cht mit warmem Schokobraun.

Um das klarzustellen: Englis­chsprachige Beze­ich­nun­gen sind auch in einem deutschsprachi­gen Kon­text häu­fig prak­tisch (deshalb wer­den sie ja ver­wen­det), aber „nötig“ sind sie nie. Was spricht dage­gen, Christ­baumkugeln in jedem Land mit Farbbeze­ich­nun­gen in der Lan­dessprache zu verkaufen? Und englis­chsprachige Beze­ich­nun­gen kön­nen auch in einem deutschsprachi­gen Kon­text witzig, klangvoll oder sonst­wie attrak­tiv sein (auch deshalb wer­den sie ver­wen­det), aber ob sie „bess­er klin­gen“, liegt auss­chließlich im Ohr des Zuhör­ers. Und mutwillig schlechte Über­set­zun­gen beweisen gar nichts. Choco­late Frost heißt auf Deutsch „Schoko­laden­reif“ oder von mir aus auch „Schoko­laden­frost“. Bei­des klingt für mich eigentlich ganz gut, auch wenn ich mir keins davon an den Wei­h­nachts­baum hän­gen werde.

Bei der Münch­n­er Abendzeitung dage­gen herrscht in Bezug auf den Begriff „Anglizis­mus“ voll­ständi­ge Ver­wirrung:

Die Kan­z­lerin spricht nicht von Weltschmerz, dem schö­nen Begriff des bay­erischen Dichters Jean Paul. Sie wählt statt des Ger­man­is­mus’ den Anglizis­mus „Her­aus­forderung“. Alles, was für den Deutschen ein Prob­lem ist, nen­nt der US-Amerikan­er Her­aus­forderung. Das ist die Wurzel des „Yes-we-can“-Optimismus’ eines Barack Oba­ma. Der Deutsche stellt sich naturgemäß der Her­aus­forderung, die ihm eben­so natür­lich zur Herkule­sauf­gabe gerät. Das ist die Wurzel des „No we can’t“-Pessimismus’ der deutschen Kanzlerin

Her­aus­forderung ist ein Anglizis­mus, weil Amerikan­er Her­aus­forderun­gen sehen, wo Deutsche Prob­leme ver­muten? Und Prob­lem ist ein Ger­man­is­mus, obwohl es aus dem Griechis­chen kommt? Und wenn der Amerikan­er sich ein­er Her­aus­forderung stellt, ist das ein Zeichen für Opti­mis­mus, beim Deutschen ist es dage­gen ein Zeichen für Pessimismus?

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Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

17 Gedanken zu „Anglizistische Verwirrung

  1. Tina Seidenberger

    Auf der deutschen Seite heißt das Pro­dukt aber “Schoko­lade auf Eis”…oder ist die Ver­wirrung jet­zt komplett!? 🙂

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  2. Uwe Spörl

    … und Jean Paul ist natür­lich kein bay­erisch­er Dichter, son­dern, wenn schon kein deutsch­er, ein fränkisch­er: Er ist geboren in Wun­siedel, aufgewach­sen in Schwarzenbach/Saale, Joditz/Saale und Hof/Saale und lebte im Alter in Bayreuth, alles Orte, die im aus­ge­hen­den 18. Jahrhun­dert und ganz frühen 19.Jahrhundert noch nicht zu Bay­ern gehörten, son­dern zum (famil­iär Preußen nahe ste­hen­den und dementsprechend lutherischen) Mark­grafen­tum Bayreuth. Aber aus der Münch­n­er Sicht (der AZ) stellt sich so manch­es halt anders dar.

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  3. kreetrapper

    Und Prob­lem ist ein Germanismus…?

    Ich glaube mit “Ger­man­is­mus” war in diesem Absatz “Weltschmerz” gemeint, ein Wort über dessen Vorkom­men in englis­chsprachi­gen Tex­ten ich mich immer wieder freuen kann.

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  4. Anatol Stefanowitsch

    Frau Sei­den­berg­er (#3), tat­säch­lich. Das macht den ganzen Absatz in der Zeitungs­geschichte unverständlich.

    Uwe (#4), ein Bay­er mit Weltschmerz hätte auch gar nicht gepasst.

    kree­trap­er (#5), Sie haben Recht. Hier habe ich der Abendzeitung zuviel Ver­wirrung vorge­wor­fen. Allerd­ings ver­ste­he ich auch nach mehrma­ligem Lesen der Glosse nicht, was der Weltschmerz dort über­haupt zu suchen hat.

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  5. Dierk

    Macht nix, die haben ja auch ein Prob­lem [sor­ry], ‘Prob­lem’ richtig zu ver­ste­hen, weil sie ‘den Deutschen’ lieber als pes­simistisch sehen. Zuerst ein­mal ist ein Prob­lem — nicht nur im Englis­chen — eine Auf­gabe. Daher ist sie lös­bar. Ein ‘math­e­mat­i­cal prob­lem’ ist wed­er eine math­e­ma­tis­che Her­aus­forderung noch eine math­e­ma­tis­che Schwierigkeit, gar eine unlösbare.

    Allerd­ings geste­he ich zu, dass ‘Prob­lem’ im Deutschen fast immer als ‘[unlös­bare] Schwierigkeit’, als ‘unüber­wind­bares Hin­der­nis’ ver­standen wird. Für mich war es immer schon ein­fach eine Auf­gabe, die ange­gan­gen wer­den muss. Führt ger­ade bei Vorge­set­zten [selt­samer­weise beson­ders in der Wer­bung] immer zu Mißver­ständ­nis­sen und Verstimmungen.

    Möglicher­weise ver­sucht die Abendzeitung eben jenen ange­blichen Charak­ter-Unter­schied zwis­chen dem prag­ma­tis­chen Amerikan­er und dem grü­bel­nden Deutschen her­aus zu stellen: wo der Ami lenkt, da versinkt der Deutsche in weltschmerzen­dem Denken.

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  6. Daniel

    Tja, was mag wohl dage­gen sprechen “Christ­baumkugeln in jedem Land mit Farbbeze­ich­nun­gen in der Lan­dessprache zu verkaufen”, dafür x ver­schiedene Ver­pack­un­gen zu pro­duzieren und in der Lager­hal­tung dann statt ein­er Sorte ein Dutzend lokalisierte Vari­anten zu ver­wal­ten? Mir fällt da auch abso­lut kein Grund ein.

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  7. Anatol Stefanowitsch

    Daniel (#8), der betr­e­f­fend­en Fir­ma (die übri­gens den schö­nen viel­sprachi­gen Namen „Lauscha Glas Cre­ation“ trägt) ist offen­sichtlich kein Grund einge­fall­en. Wie Frau Sei­den­berg­er (#3) richtig beobachtet hat (siehe auch den Link in #6), bietet man dort den Wei­h­nachtss­chmuck in Deutsch­land unter der Beze­ich­nung „Schoko­lade auf Eis“ und inter­na­tion­al unter der Beze­ich­nung „Choco­late Frost“ an. Die Lagerver­wal­ter der Lauscha Glas Cre­ation lassen sich durch „lokalisierte“ Vari­anten offen­sichtlich weniger stark ver­wirren als die Jour­nal­is­ten der Ost­thüringer Zeitung.

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  8. Chris Waigl

    Und “Her­aus­forderung” ist ein Syn­onym von “Weltschmerz”, oder zumin­d­est seien die Wörter aus­tauschbar? Ich muss wohl mein Deutsch hier im Aus­land langsam verlieren.

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  9. ignorant

    Wie soll man klare Gedanken von einem Schreiber erwarten, der meint, den Gen­i­tiv von »Ger­man­is­mus« mit einem Apos­troph beschmutzen zu müssen?

    (Okay, der war billig.)

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  10. ke

    Die meis­ten Leute, die Deutsch und Englisch sprechen, wür­den wohl, gefragt nach der Über­set­zung von “Prob­lem” zuerst auf “prob­lem” kom­men und von “chal­lenge” auf “Her­aus­forderung”. In einem Zusam­men­hang, in dem für “Prob­lem” “chal­lenge” bess­er wäre und trotz­dem “prob­lem” ver­wen­det wird, kann man von einem Ger­man­is­mus sprechen. In einem Zusam­men­hang, in dem für “chal­lenge” “Prob­lem” bess­er wäre und trotz­dem “Her­aus­forderung” ver­wen­det wird, kann man von einem Anglizis­mus sprechen. Des weit­eren bedeutet der genan­nte Unter­schied zwis­chen der deutschen und der englis­chen Sprache, dass von Deutsch Sprechen­den etwas eher in einen sprach­lichen Topf mit den “prob­lems” gewor­fen wer­den wird als von Englisch Sprechen­den, die wiederum eher als Deutsch Sprechende etwas in einen sprach­lichen Topf mit den “Her­aus­forderun­gen” wer­fen wer­den. Zumin­d­est dieser Kern der MAZ-Über­legun­gen ist gar nicht völ­lig falsch. Ob diese sprach­lichen Töpfe nun auch gedankliche Töpfe sind, ste­ht auf einem anderen Blatt…

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  11. P.Frasa

    Dierk (#7): Das hängt aber dann wohl ein­fach damit zusam­men, daß der Begriff “prob­lem” im Deutschen und im Englis­chen jew­eils etwas anderes bedeutet, nicht damit, daß Leute, die Deutsch sprechen, Auf­gaben generell für unlös­bar hal­ten. Wo im Englis­chen von einem “prob­lem set” gesprochen wird, reden wir halt von einem “Auf­gaben­blatt”.

    Und vielle­icht ist der Deutsche sog­ar ein Pes­simist (kann man ja alles behaupten), aber nicht nur Deutsche sprechen Deutsch. Schweiz­ern unter­stellt jet­zt jeden­falls tra­di­tionell nie­mand Pes­simis­mus und die ver­wen­den das Wort “Prob­lem” eben­falls mit neg­a­tiv­er Konnotation.

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  12. Klaus Jarchow

    Wer sich ein­er ‘Her­aus­forderung’ stellt, der ist gewis­ser­maßen ein ‘Krieger’: Er geht mit dem Anderen, mit dem, der ihm ‘wider­ste­ht’, vor die Tür und klärt die Sache da. So wie man das unter Män­nern macht. 

    Wer aber ein ‘Prob­lem’ löst, der stützt eher gedanken­schw­er den Kopf in die Hände und sucht im stillen Käm­mer­lein nach ein­er ‘geisti­gen Antwort’. Dazu muss man aber zunächst ein­mal einen Kopf haben — und noch so mancher­lei. Dieses Selb­st­bild liegt daher unseren Gel­frisuren, die gern ‘Her­aus­forderun­gen’ im Maul führen, meines Eracht­ens nicht so. 

    Mit ‘Anglizis­mus’ und ‘Ger­man­is­mus’ hat das also wenig zu tun, es ist eine Frage der Bildlichkeit, let­ztlich der Per­sön­lichkeit — what­ev­er that is …

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  13. ramses101

    Da wird mir viel zu viel rein­in­ter­pretiert. “Hous­ton, we have a prob­lem”: Die Vögel bei Apol­lo 13 hat­ten tat­säch­lich ein Prob­lem, das aber auch von deutschen Raum­fahrt­men­schen ähn­lich prag­ma­tisch gelöst wor­den wäre wie von amerikanis­chen. War halt eine Her­aus­forderung. Unab­hängig von Pass und/oder Sozialisation.

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  14. buntklicker.de

    Falsche Abstrak­tion­sebene. Da ist schon was dran: Wo wir Deutschen ein Prob­lem (eine Schwierigkeit, ein Hin­der­nis, um das griechis­chstäm­mige Wort zu ver­mei­den) sehen, sieht der Amerikan­er eine Her­aus­forderung (a chal­lenge). Das ist kein lin­guis­tis­ch­er, son­dern eher ein kul­tureller Unterschied.

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  15. Achim

    Ich hätte bei “choco­late frost” zunächst auch auf “Schoko­laden­glasur” o.ä. getippt, aber das wäre wirk­lich ein “frost­ing”. Ist wohl eher die selb­st­gestrick­te Über­set­zung von “Schoko­lade auf Eis” — wobei ich anhand des Bildes nicht ganz ver­ste­he, wo das Eis herkommt, die Kugeln sind doch einfarbig?

    Ein Prob­lem ist meinem Ver­ständ­nis nach eine im jew­eili­gen Zusam­men­hang unvorherge­se­hene Schwierigkeit, die das ganze Vorhaben gefährdet und zusät­zliche Anstren­gun­gen — ob nun materieller oder geistiger Natur — erfordert. Ein Prob­lem als Her­aus­forderung zu deuten, ist eine Frage der Ein­stel­lung. Und für mich ist das auch im Englis­chen so.

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