Schmutz(e(d))ecke

Ein uner­warteter pos­i­tiv­er Neben­ef­fekt der Arbeit mit sprach­wis­senschaftlichen Kor­po­ra: Man häuft einen bun­ten Schatz unsys­tem­a­tis­ch­er Wis­sens­bröckchen an. Denn beim Durch­suchen der Kor­pus­dateien nach Beispie­len stolpert man immer wieder über merk­würdi­ge Geschicht­en und unbekan­nte Wörter, die nach aus­führlich­er Recherche ver­lan­gen. In einem Kor­pus von indis­chem Englisch fand ich gestern zum Beispiel den fol­gen­den Satz:

As the water enters the schmutzecke, bio­log­i­cal action breaks down some of the organ­ic mat­ter. (ICE-IND:W2A-036#25:1)

Obwohl es mir eigentlich um die gram­ma­tis­chen und seman­tis­chen Eigen­schaften des Verbs enter ging, wit­terte ich bei der schmutzecke natür­lich sofort einen Kan­di­dat­en für das „schön­ste aus­ge­wan­derte Wort“. Was mag der Inder mit ein­er schmutzecke meinen?

Eine Google-Suche blieb zunächst unergiebig: jede Menge Tre­f­fer für schmutzige Eck­en, aber nichts, was ins indis­che Englisch im All­ge­meinen oder in den obi­gen Satz­zusam­men­hang im Beson­deren gepasst hätte. Um die Suche auf englis­che Tre­f­fer einzuschränken, ver­suchte ich es dann mit “the schmutzecke”. Das lieferte zwei Tre­f­fer — die Kor­pus­datei, aus der ich das ursprüngliche Beispiel hat­te, und einen Text über Wasser­auf­bere­itung, in der fol­gen­der Satz stand:

One point of clar­i­fi­ca­tion, how­ev­er, is that we don’t know for sure that it takes only two hours to reestab­lish the schmutzecke (lay­er of ben­e­fi­cial organ­isms) on top of the sand after we back-flush [Link].

Der entschei­dende Hin­weis hier war die englis­che Erk­lärung „lay­er of ben­e­fi­cial organ­isms“: da lay­er ja „Lage“ oder „Schicht“ bedeutet, lag es nahe, dass die schmutzecke in Wirk­lichkeit eine schmutzddecke sein sollte. Und richtig: eine Suche nach “the schmutzdecke” brachte als ersten Tre­f­fer einen Wikipedi­aar­tikel, aus dem ich erfuhr:

Schmutzdecke (Ger­man, “grime or filth cov­er”, some­times spelt schmutzedecke) is a com­plex bio­log­i­cal lay­er formed on the sur­face of a slow sand fil­ter. [Link]

Das zog natür­lich die Frage nach sich, was slow sand fil­ter sind. Ich weiß es nun, und das, obwohl ich mich eigentlich nur mit den Eigen­schaften englis­ch­er Bewe­gungsver­ben beschäfti­gen wollte. Wer es eben­falls wis­sen möchte, der find­et die Erk­lärung hier) — ich breche den Bericht über meine Wikipedi­asuche an dieser Stelle aus offen­sichtlichen Grün­den ab.

Stattdessen will ich mich noch kurz mit der Frage beschäfti­gen, wie das Wort ins Englis­che gekom­men ist. Der Wikipedi­aein­trag enthält den Hin­weis „This Yid­dish lan­guage-relat­ed arti­cle is a stub“, sug­geriert also, dass es sich nicht um ein deutsches son­dern um ein jid­dis­ches Lehn­wort han­delt. Dafür kon­nte ich aber keine Belege find­en, denn das Oxford Eng­lish Dic­tio­nary, das eigentlich immer alle Antworten parat hat, hil­ft hier nicht weit­er: Das Wort schmutzecke ist nicht enthal­ten.

Allerd­ings gibt es einen Ein­trag für schmutz mit dem Hin­weis, dass es sich dabei um ein jid­dis­ches oder deutsches Lehn­wort han­delt („Yid­dish or Ger.“). Die ersten Belege für dieses Wort im Englis­chen sprechen für ersteres:

1967 P. WELLES Baby­hip xxiv. 161 She was the one at your par­ty wear­ing the schmutzik suit. 1968 M. RICHLER Cock­sure xix. 116 ‘Of my son’s abil­i­ty there is no ques­tion.’ ‘{em}and, em, the con­tents of your son’s nov­el. You see{em}’ ‘Shmutz,’ Daniels shout­ed at Katan­sky. ‘Par­don?’ ‘Filth. Today noth­ing sells like filth.’ [OED, s.v. schmutz]

Über Patri­cia Welles kon­nte ich nichts her­aus­find­en, aber Morde­cai Rich­ler war ein bekan­nter jüdisch-kanadis­ch­er Autor und die amerikanisierte Schreib­weise mit sh deutet eben­falls darauf hin, dass dieses Wort aus dem Jid­dis­chen ins amerikanis­che Englisch gekom­men ist.

Allerd­ings lassen sich daraus keine Rückschlüsse über die Ety­molo­gie des Begriffs Schmutzdecke ziehen, denn dieses Wort ist deut­lich älter: die erste Ver­wen­dung, die ich auf die schnelle find­en kon­nte, stammt aus einem Bericht des amerikanis­chen Kriegsmin­is­teri­ums von 1894. Das Buch ist lei­der nicht im Voll­text ver­füg­bar (obwohl es eigentlich spätestens seit 1984 geme­in­frei sein müsste) aber ein­er der Zitatschnipsel sug­geriert, dass das Kriegsmin­is­teri­um die Schmutzdecke (damals noch großgeschrieben) aus Wasser­fil­ter­an­la­gen in Berlin kan­nte:

<em>Schmutzdecke</em> in einem Bericht des amerikanischen Kriegsministeriums von 1894.Eine andere frühe Ver­wen­dung des Wortes legt eben­falls nahe, dass es sich um ein Wort der deutschen Sprache han­delte. In „The Microscopy of Drink­ing Water“ von 1927 find­et sich fol­gende Pas­sage:

<em>Schmutzdecke</em> in „The Microscopy of Drinking Water“ von 1927 Merk­würdig ist allerd­ings, dass das Wort im Deutschen anscheinend kaum ver­wen­det wird: Auf deutschen Web­seit­en find­en sich ger­ade ein­mal 74 Tre­f­fer, von denen sich aber min­destens ein Drit­tel all­ge­mein auf Schmutzschicht­en bezieht. Ich nehme deshalb an, dass deutsche Wasserin­ge­nieure ein anderes Wort ver­wen­den — möglicher­weise ein „englis­ches“ Lehn­wort wie Biofilm

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

5 Gedanken zu „Schmutz(e(d))ecke

  1. Christine A.

    Also das mit Wikipedia kommt mir ja mal so bekan­nt vor. *g*

    Aber die “Schmutzdecke” betr­e­f­fend ist das in der Tat eine inter­es­sante Entwick­lung. Fast span­nen­der als “kahvipaus­si”.

  2. Krimileser

    Ich bin zwar kein Inge­nieur, aber Mikro­bi­ologe und wir unter­suchen Proben von Wasserver­sorg­er. Tat­säch­lich ist Biofilm der heutzu­tage ver­wen­dete Begriff. Den Begriff “Schmutzdecke” würde ich (heutzu­tage) als falsch anse­hen.

    Schmutz” fügt dem ganzen eine doch sehr laien­hafte Wer­tung bei. Es ist ja nicht so, dass die Welt und das Wass­er keim­frei wären, über­all dort wo Feuchtigkeit/Wasser, Keime und Ober­flächen zusam­men kom­men, kön­nen sich Biofilme aus­bilden. Diese mögen zwar sub­jek­tiv unangenehm/ekelhaft sein und kön­nen mitunter objek­tiv ein Prob­lem darstellen, aber der glitschige Kiesel im Fluss kann nun wirk­lich nicht als Schmutz ver­standen wer­den.

    Gele­gentlich wird auch der Begriff “belebter Schmutz” ver­wen­det, im Unter­schied zu diesem zeigt der Begriff Biofilm die Organ­i­sa­tion des Films und seinen engen Kon­takt zur Ober­fläche — die im Falle eines Wasser­rohrs auch rund sein kann, so dass der Begriff der Decke unglück­lich wäre.

    Inter­es­san­ter­weise habe ich “Biofilm” noch nie als englis­ches Lehn­wort ver­standen, er ist ja nun auch aus dem Deutschen herzuleit­en.

  3. David Marjanović

    Inter­es­san­ter­weise habe ich “Biofilm” noch nie als englis­ches Lehn­wort ver­standen, er ist ja nun auch aus dem Deutschen herzuleit­en.

    Sollte wahrschein­lich als Lehnüber­set­zung ver­standen wer­den. :o)

  4. marvinn

    Wenn ich (als Laie) nach der Wikipedia sowie meinen Englis­chken­nt­nis­sen gehe, beze­ich­nen das deutsche Wort “Biofilm” und das englis­che Wort “biofilm” so ziem­lich das Gle­iche. “schmutzdecke” lese ich als eine spezielle Form eines Biofilms, die bei der Wasser­auf­bere­itung/-fil­trierung entste­ht und anscheinend auch auf deutsch ‘Schmutzdecke’ heißt.

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