Sich committen

Von Anatol Stefanowitsch

Man fragt sich manch­mal, ob die vier glück­losen Brüder von der Aktion Lebendi­ges Deutsch auch nur dreißig Sekun­den darauf ver­wen­den, über die Mach­barkeit ihrer Vorschläge nachzu­denken. Im Som­mer­loch war eine Alter­na­tive zu sich com­mit­ten gesucht. Wie schon oft woll­ten die Aktioneure damit ein Lehn­wort abschaf­fen, das mir in freier Wild­bahn kaum je begeg­net ist. Aber sei’s drum. Die Neube­wor­tung ist auf jeden Fall daneben gegangen:

Unter den Ein­sendun­gen für das Such­wort des Vor­monats („sich com­mit­ten“) hat sich die Aktion für „sich verpflicht­en“ entschieden.

Das erste Prob­lem an diesem Vorschlag ist das alt­bekan­nte: die Alter­na­tive erfasst nicht alle Bedeu­tungss­chat­tierun­gen des Lehn­worts. Sich com­mit­ten bedeutet eben nicht nur, sich zu verpflicht­en, son­dern es hat auch die Kon­no­ta­tion ein­er frei­willi­gen, aus der eige­nen Überzeu­gung erwach­se­nen, länger­fristi­gen Selbstverpflichtung.

Das eigentliche Prob­lem aber ist das gram­ma­tis­che Ver­hal­ten des Verbs verpflicht­en. In ein­fachen, aktiv­en Sätzen kann ich damit den Unter­schied zwis­chen ein­er Selb­stverpflich­tung und ein­er Vepflich­tung von außen unter­schei­den: Ich habe mich verpflichtet bedeutet etwas anderes als etwa Mein Chef hat mich verpflichtet. In pas­siv­en Sätzen kann ich eine Selb­stverpflich­tung nicht mehr zum Aus­druck brin­gen: Ich wurde verpflichtet (Ver­lauf­s­pas­siv) oder Ich bin verpflichtet (Zus­tandspas­siv) kön­nen nur heißen, dass mir die Verpflich­tung von außen aufge­drückt wor­den ist. Das Verb com­mit­ten löst dieses Prob­lem: Ich bin com­mit­ted heißt unzwei­deutig, dass die Verpflich­tung selb­st aufer­legt ist.

Ich will mich nicht darauf fes­tle­gen, dass dieses gram­ma­tis­che Prob­lem die Moti­va­tion für Sprech­er des Deutschen war, das Verb com­mit­ten über­haupt erst zu entlehnen. Aber unwahrschein­lich ist es nicht: Sprech­er wollen kom­mu­nizieren, und sie entlehnen Wörter dann, wenn sie der Mei­n­ung sind, dass die Lehn­wörter ihnen beim Kom­mu­nizieren nüt­zlich sind.

Wer Lust hat, der Aktion Lebendi­ges Deutsch beim dies­monati­gen Wörter­rat­en zu helfen, hat noch ein paar Tage Zeit:

Zum Aut­o­fahren brauchen wir die Amerikan­er wirk­lich nicht – warum brauchen wir dann „drive-in“-Kinos und ‑Schnel­lim­bisse? Die Aktion „Lebendi­ges Deutsch“ lädt ein, ihr ein tre­f­fend­es deutsches Wort dafür vorzuschla­gen (bis 21. Sep­tem­ber 2009 an Wort des Monats ).

Ich sage vorher: Autoki­no, mit Sym­pa­thiepunk­ten für Fahrbar­er-Unter­satz-Kino und Rein­fahrki­no.

20 Gedanken zu „Sich committen

  1. Tobi

    Zum com­mit­ten: Also mir begeg­net das ständig. Ist so Wirtschafts-Team-Sprech-Denglisch. Ich weiß aber auch keine Alter­na­tive, auch wenn ich manch­mal nach ihr suche.

    Zum Autoki­no: Das hil­ft den Her­ren bei der Frage des Dri­ve-in-Schnel­lim­biss­es aber auch nicht weit­er. Gibt’s dafür auch einen Vorschlag von Ihnen?

    BTW: Ich habe nie ver­standen, warum in DE alle nur rein­fahren, während in den USA alle durch­fahren (“dri­ve through”)

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  2. moi

    Selt­sam, um mich herum com­mit­ten sich auch alle Leute. Ich hab das noch nie machen müssen. Ich hab mich entwed­er verpflichtet (denn “com­mit­ten” hat keineswegs immer den Unter­ton des Frei­willi­gen; son­st kön­nte man sich nicht ver­traglich com­mit­ten) oder etwas zuge­sagt, etwas vere­in­bart, geregelt oder versprochen.

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  3. hedemann

    Hm, das Verb ist mir in der Tat auch noch nie begeg­net. Rein intu­itiv würde ich sagen, dass man sich ein­er Auf­gabe stellt oder sich ihr hin­gibt, aber ver­mut­lich klingt das zu pathetisch. dict.leo.org schlägt noch “anheimgeben” vor. Das trifft es doch eigentlich.

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  4. Julius

    Also wenn ich etwas com­mitte, dann spiel ich neue Code­schnipsel in die Ver­sionsver­wal­tung hoch. “Sich com­mit­ten”? Noch nie gehört oder gele­sen — für mich ein Grund, sich darüber keine Gedanken zu machen. Für “Autoki­no” war mir jet­zt auch kein ander­er Begriff geläu­fig, da doch das schöne deutsche “Dri­veIn” fest mit Burg­er­bratereien an Durch­gangsstraßen ver­bun­den ist, oder?

    Also wie immer: Für mich ist mit der Sprache alles in Ord­nung. Weit­er so, Sprache, u rule (- oder wie es Ivar Com­brinck so ’schön’ über­set­zt hat: “gibt die Anweisungen”).

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  5. Andreas

    @Tobi: Also mir wurde mal erzählt, McDon­alds habe sich für den Begriff “dri­ve-in” entsch­ieden, weil dieser für deutsche Kun­den ange­blich leichter auszus­prechen wäre. Inwiefern man dieser Erk­lärung glauben schenken kann ist natürich eine andere Frage 😉

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  6. Frank

    Im IT-Umfeld begeg­net mir dieses Wort sehr häufig.

    Und in der Tat ist es die Frei­willigkeit, die da mitschwingt.

    Natür­lich kann man diesen Com­mit auch ver­traglich fes­thal­ten. Einen Zwang zum Com­mit jedoch gibt es nicht, da „sich com­mit­ten” eine Hingabe aus ein­er per­sön­lichen Überzeu­gung für die Sache her­aus erfordert.

    Mir ist aufge­fall­en, dass im Artikel die Ver­gan­gen­heit mit d am Ende gebildet wurde. (com­mit­ted) Müsste es sich bei der deutschen Ver­wen­dung als Lehn­wort aber nicht unser­er Gra­mat­tik unterord­nen und mit t — also com­mit­tet — geschrieben werden?

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  7. Frank

    Kleine Anmerkung zu der Sache mit der Ver­sionsver­wal­tung: Com­mit­ten bedeutet auch beitra­gen oder beusteuern. Es beze­ich­net dabei das Hinzufü­gen der Änderun­gen zum Pool der gemein­samen Arbeit. Meine Ver­mu­tung ist, dass die all­ge­meinere Ver­wen­dung von com­mit­ten aus ein­er Bedeu­tungser­weiterung dieses Terms ent­standen sein könnte.

    Zumin­d­est ist der Begriff in der erst­ge­nan­nten Bedeu­tung fest im Bere­ich der Soft­wa­reen­twick­lung etabliert.

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  8. Anatol Stefanowitsch

    Frank (#8), als Par­tizip Per­fekt dominiert im Web klar die Form mit d — “er ist com­mit­ted” liefert z.B. 9 Tre­f­fer, “er ist com­mit­tet” nur einen. Beim Verb in der 3. Per­son Sin­gu­lar ist das Ver­hält­nis aus­ge­wo­gen­er — “com­mit­ted sich” hat mit 592 Tre­f­fern nur etwa zweiein­halb Mal soviele Tre­f­fer wie “com­mit­tet sich” (mit 229 Treffern).

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  9. Wolfgang Hömig-Groß

    Mein Beitrag zur Sta­tis­tik: Auch ich habe dieses Wort oft gehört, als ich noch in der Wer­bung gear­beit­et habe; Mitar­beit­er von Werbe- und speziell Mar­ketingabteilun­gen großer Unternehmen benutzen es sehr häu­fig. Vielle­icht bietet sich dann an, es Fach­sprachen zuzuschla­gen statt dem all­ge­meinen Sprachgebrauch.

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  10. Gareth

    Habe das Wort noch nie im Deutschen gehört oder gele­sen. Glaube auch nicht, dass die Gefahr beste­ht, dass sich dieses Wort im großen Stil durch­set­zt. Es wird wohl bei ein­er Nis­chen­ver­wen­dung bleiben, was ich auch nicht weit­er beden­klich finde. Jede Diszi­plin hat doch ein paar englis­che Aus­drücke, die meist nur in den fach­be­zo­ge­nen Tex­ten vorkommen.

    Rein­fahrki­no finde ich übri­gens großar­tig. Sehr amüsantes Wort.

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  11. Makri

    Mir scheint, dass man den frei­willi­gen Charak­ter des com­mit­ments dur­chaus auch mit dem Deutschen “sich verpflicht­en” wiedergeben kann, und zwar, indem man dieses mit Dativkom­ple­ment kon­stru­iert. Wenn man sich verpflichtet, irgen­deine Neuerung einzuführen, ist das doch etwas anderes, als wenn man sich der Ein­führung dieser Neuerung verpflichtet.

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  12. Frank

    Noch eine Info zu com­mit­tet (Sor­ry, Ana­tol — mein per­sön­lich­es Sprachge­fühl ver­bi­etet mir an dieser Stelle das d am Ende. ;)) und IT.

    Derzeit ist eine neue Pro­jek­t­man­age­ment-Meth­ode im Kom­men. Diese entspringt dem agilen Soft­ware-Devel­op­ment und nen­nt sich “scrum”. In dieser spielt der Begriff “com­mit­ments” eine Rolle.

    Bei der Erk­lärung unter­schei­det man zwis­chen zwei Per­so­n­en­grup­pen, von denen die eine “involved” ist und die andere “com­mit­ted”.

    Dazu gibt es auch eine kleine Geschichte die den Unter­schied der zwei Grade von Beteili­gung aufzeigen soll: http://www.implementingscrum.com/2006/09/11/the-classic-story-of-the-pig-and-chicken/

    Diese Meth­ode liegt ger­ade im Trend und kön­nte das Wort im Sprachge­brauch (zumin­d­est ein­er bes­timmten Per­so­n­en­gruppe) festigen.

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  13. Markus Schäfer

    Ich habe “sich com­mit­ten” auch schon im Gebrauch gehört, weiß aber nicht wo. Ich würde es von der Bedeu­tung her am ehesten mit “sich ein­er Sache ver­schreiben” über­set­zen, was aber wesentlich unhan­dlich­er ist.

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  14. Wentus

    Sich com­mit­ten” gehört zur gesproch­enen Wirtschafts­fach­sprache und scheint mir etwas weniger zu bedeuten, als eine juris­tisch unan­fecht­bare Verpflich­tung. Typ­is­cher­weise soll ein Pro­jekt dadurch vor­ange­bracht wer­den und ist aber in sein­er verpflich­t­en­den Wirkung noch von den Com­mit­ments ander­er Part­ner abhängig. 

    Wie andere Fremd­wörter, die als Fachaus­drücke gebraucht wer­den, gren­zt es die umgangssprach­liche Bedeu­tung auf einen Teilaspekt ein und erweit­ert es eventuell in eine andere Rich­tung. Alle Kri­tik­er, die meinen, es durch eine umgangssprach­liche Entsprechung erwet­zen zu kön­nen, ken­nen schlicht die Bedeu­tung nicht kor­rekt, weil sie den entsprechen­den Wis­sens­bere­ich nicht ver­ste­hen. Ein Verzicht auf solche Fremd­wörter würde also einen Man­gel an tre­f­fend­en Beschrei­bun­gen bedeuten.

    Ein “Nis­chen­da­sein” haben natür­lich auch alle Fremd­wörter rund um das Mobil­tele­fon geführt, solange bis jed­er eins oder mehr davon hat­te und sie im All­t­ag benutzen musste.

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  15. Drago Starcevic

    Zum The­ma “com­mit­ten*:

    Man­ag­er, eben­so wie Poli­tik­er, sind häu­fig gezwun­gen, etwas zu sagen, ohne sich fes­tle­gen zu kön­nen (oder zu dür­fen). Ähn­liche, ana­log wirk­same Notwendigkeit­en gibt es in der Wer­bung. Dadurch ist die Sprache von Man­agern, Poli­tik­ern und Wer­be­fuzzis unver­mei­dlich blähig und schwurbelig.

    Es will mir scheinen, als werde in den Äusserun­gen der ALD häu­fig das The­ma “Bläh und Schwurbel” mit dem The­ma “Englis­ches Lehn­wort” verquickt; wobei (fahrläs­sig oder vorsät­zlich) auss­er Acht gelassen wird, dass die betr­e­f­fend­en Grup­pen auch dann Schwurbel reden, wenn sie gutes™ Deutsch verwenden.

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  16. moi

    @anatol ste­fanow­itsch #4

    Es gibt noch ein Leben außer­halb von Google.

    Unsere Fir­ma schließt ständig Verträge, und in diesen Verträ­gen, so bekomme ich fast täglich zu hören, haben wir uns stets zu irgen­det­was committet.

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  17. Achim

    In meinem früheren Leben als Soft­ware-Berater war “sich com­mit­ten” ein häu­fig gehörtes Wort. Sit­u­a­tive Ein­bet­tung in der Regel so, dass der Abteilungsleit­er sagt: “Wir haben uns dazu com­mit­ted.” Über­set­zung: “Ich habe für dieses Jahr mehr Pro­jek­t­tage zuge­sagt, als wir noch frei haben, also reißt euch bitte den Arsch auf.” Oder: “Wir haben etwas zuge­sagt, was wir eh nicht leis­ten kön­nen, aber es hat den Kun­den beruhigt.”

    Ich habe mich dann in den öffentlichen Dienst abge­set­zt. Da macht man ein­fach Überstund^W^W^W leis­tet man ein­fach Mehrar­beit, Über­stun­den müssten ja vom Per­son­al­rat genehmigt werden.

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