Verzählt

Da wende ich dem Wis­senschafts­feuil­leton nur kurz den Rück­en zu, um mich ein paar Tage lang auf ein­er der wichtig­sten Kon­feren­zen der deutschen Sprach­wis­senschaft herumzutreiben, und ver­passe dabei glatt die sprach­wis­senschaftliche Sen­sa­tion des Jahrhun­derts. Hol­ger Dambeck weiß auf Spiegel Online näm­lich Fol­gen­des zu bericht­en:

So sehr sich amerikanis­che und europäis­che Kinder in Mathe-Tests anstren­gen – ihre Altersgenossen aus Chi­na sind bess­er. Dank eines ein­facheren Zahlen­sys­tems kön­nen sie schon früh bess­er zählen und rech­nen. Sprach­forsch­er glauben, dass die Methodik auch deutschen Kindern helfen würde. [SPIEGEL.de/Dambeck 2010]

Bevor ich erk­lären kann, was daran eine Sen­sa­tion wäre, muss ich erk­lären (wie es auch der Artikel tut), was mit einem „ein­facheren“ Zahlen­sys­tem gemeint sein soll: näm­lich ein Sys­tem sprach­lich­er Aus­drücke, das sich möglichst streng an der Dez­i­malschreib­weise ori­en­tiert. In dieser Schreib­weise gibt es, wie wir alle wis­sen, eigene Sym­bole für die Zahlen von Null bis Neun, ab der Zehn wer­den alle Zahlen als Kom­bi­na­tion dieser Sym­bole geschrieben, in der Ein­er, Zehn­er, Hun­dert­er, usw. in absteigen­der Rei­hen­folge genan­nt wer­den. Die Zahl „Ein­hun­dert­fün­fzehn“ etwa wird 115 geschrieben, was ja soviel heißt wie „Ein Mal Hun­dert, und ein Mal Zehn, und fünf Mal eins“.

Im Deutschen und Englis­chen (und in vie­len anderen Sprachen) fol­gt die Sprache dieser Logik aber nicht: das Wort ein­hun­dert­fün­fzehn nen­nt erst die Hun­dert­er (ein­hun­dert-), dann die Ein­er (-fünf-) und dann die Zehn­er (-zehn). Im Chi­ne­sis­chen ist das anders, hier fol­gt die Sprache streng der Dez­i­malschreib­weise, das Wort für 115 ist „Eins-Hun­dert-Eins-Zehn-Fünf“ (yi1 bai3 yi1 shi2 wu3).

Ein weit­er­er Unter­schied zwis­chen dem Chi­ne­sis­chen auf der einen und dem Englis­chen und Deutschen auf der anderen Seite find­et sich im Zahlen­raum zwis­chen Zehn und Zwanzig. Hier haben das Englis­che und Deutsche für einige Zahlen ganz eigene Wörter, bei anderen Wörtern ist zwar eine Ver­wandtschaft zu den Zahlwörtern für die einzel­nen Teile sicht­bar, aber die For­men sind trotz­dem nicht iden­tisch. Ganz eigene Wörter gibt es für die 11 und die 12. Die 11 beispiel­sweise müsste die nach der Logik des Zahlen­sys­tems im Deutschen eigentlich „ein­szehn“ (vgl. dreizehn oder „ein­undzehn“ (vgl. ein­undzwanzig) und im Englis­chen „ten-one“ (vgl. twen­ty-one) heißen, tat­säch­lich aber heißt sie völ­lig intrans­par­ent elf bzw. eleven.

Ein Beispiel für eine ver­wandte aber trotz­dem eigene Form im Deutschen wäre das Wort für 17, das eigentlich sieben­zehn oder siebe­nundzehn laut­en müsste, bei dem die zweite Silbe des Wortes sieben aber fehlt (siebzehn). Im Englis­chen sind alle Zehn­er nur teil­weise nachvol­lziehbar, weil statt des erwarteten ten das ent­fer­nt ähn­lich klin­gende teen ver­wen­det wird. Außer­dem gibt es auch hier bei den Ein­ern Unregelmäßigkeit­en: 13 heißt thirteen statt threeteen und 15 heißt fifteen statt fiveteen. Das Chi­ne­sis­che ver­fährt in diesem Zahlen­raum völ­lig regelmäßig: 13 heißt z.B. „zehn-drei“ (shi2 san1), fün­fzehn heißt „zehn-fünf“ (shi2 wu3), und siebzehn heißt „zehn-sieben“ (shi2 qi1).

Ein let­zter Unter­schied beste­ht darin, dass das Englis­che und Deutsche für die Zehn­er Wörter haben, die zwar mit den entsprechen­den Ein­ern sprach­lich ver­wandt sind, die aber trotz­dem oft eigene For­men darstellen: Dreißig ist trans­par­ent mit dem Wort Drei ver­wandt, aber Zwanzig nur ent­fer­nt mit dem Wort Zwei; auf ähn­liche Weise ist z.B. das Englis­che sixty klar erkennbar mit six ver­wandt, aber thirty nur ent­fer­nt mit three. Außer­dem haben -zig und -ty laut­lich nur wenig mit zehn gemein. Im Chi­ne­sis­chen gibt es dage­gen keine eige­nen Wörter für die Zehn­er: Zwanzig ist „Zwei-Zehn“ (er4 shi2), Dreißig „Drei-Zehn“ (san1 shi2), und so weit­er.

Schließlich ist noch inter­es­sant, dass das Englis­che sich wenig­stens im Zahlen­raum ab Zwanzig an der Dez­i­malschreib­weise ori­en­tiert (21 ist z.B. twen­ty-one, das Deutsche aber bei der umgekehrten Rei­hen­folge bleibt und den Ein­er zuerst nen­nt (ein­undzwanzig).

Und diese streng an der Dez­i­malschreib­weise ori­en­tierten chi­ne­sis­chen Zahlwörter, so der Artikel, seien der Grund dafür, dass chi­ne­sis­che Kinder weit­er zählen und bess­er rech­nen kön­nen, als ihre amerikanis­chen oder deutschen Altersgenossen. Der Artikel nen­nt sog­ar die Quelle für diese Behaup­tung: eine Studie des amerikanis­chen Psy­cholo­gen Kevin Miller aus dem Jahr 1995 (er ver­linkt lobenswert­er­weise sog­ar auf die Studie, allerd­ings ist ein Zugang zum Archiv­di­enst JSTOR notwendig).

Nun zur Sen­sa­tion: Wenn man zeigen kön­nte, dass die Wörter für Zahlen in ein­er bes­timmten Sprache einen Ein­fluss auf die Rechen­fähigkeit ihrer Sprech­er haben, wäre das ein klar­er Beleg für sprach­liche Rel­a­tiv­ität, also für die Hypothese, dass die Struk­tur unser­er Sprache unser Denken bee­in­flusst. Es wäre sog­ar ein Beleg für eine beson­ders starke Ver­sion dieser These, die seit Will­helm von Hum­boldt kein ern­stzunehmender Sprach­wis­senschaftler vertreten hat — dass näm­lich unter­schiedliche Sprachen nicht nur ein unter­schiedlich­es, son­dern ein unter­schiedlich gutes Denken ermöglichen.

Hum­boldt war aus mir nicht nachvol­lziehbaren Grün­den der Mei­n­ung, dass flek­tierende Sprachen (also Sprachen, bei denen z.B. Ver­ben gebeugt wer­den, um Zeit­for­men, Per­son usw. anzuzeigen), vol­lkommen­er seien als nicht-flek­tierende Sprachen. Von den ihm bekan­nten Sprachen schien ihm das San­skrit dem Ide­al­typ ein­er flek­tieren­den Sprache sehr nahe zu kom­men, das Chi­ne­sis­che dage­gen eher weit ent­fer­nt zu sein [Hum­boldt 1836, S. 301ff.]. Entschei­dend ist, dass Hum­boldt aus diesen Unter­schieden im Sprach­bau auf die Leichtigkeit schloss, mit der die Sprech­er der betr­e­f­fend­en Sprachen intellek­tuelle Leis­tun­gen voll­brin­gen kön­nten:

Allein der wahre Vorzug der Sprachen muss doch in ihrer all­seit­ig und har­monisch ein­wirk­enden Kraft gesucht wer­den. Sie sind Werkzeuge, deren die geistige Thätigkeit bedarf, Bah­nen in welchen sie fortrollt. Sie sind daher nur dann wahrhaft wohlthätig, wenn sie dieselbe nach jed­er Rich­tung hin erle­ichternd und begeis­ternd begleit­en, sie in den Mit­telpunkt ver­set­zen, aus welchem sich jede ihrer einzel­nen Gat­tun­gen har­monisch ent­fal­tet. Wenn man daher auch gern zugeste­ht, dass die Form der Chi­ne­sis­chen Sprache mehr als vielle­icht irgend eine andere, die Kraft des reinen Gedanken her­ausstellt, und die Seele, ger­ade weil sie alle kleinen stören­den Verbindungslaute abschnei­det, auss­chliesslich­er und ges­pan­nter auf densel­ben hin­richtet, wenn die Lesung auch nur weniger Chi­ne­sis­ch­er Texte diese Überzeu­gung bis zur Bewun­derung steigert, so dürften doch auch die entsch­ieden­sten Ver­thei­di­ger dieser Sprache schw­er­lich behaupten, dass sie die geistige Thätigkeit zu dem wahren Mit­telpunkt hin­lenkt, aus dem Dich­tung und Philoso­phie, wis­senschaftliche Forschung und beredter Vor­trag gle­ich willig empor­blühen. [Hum­boldt 1836, S. 301ff.]

Ben­jamin Lee Whorf, der in der ersten Hälfte des let­zten Jahrhun­derts die Idee der sprach­lichen Rel­a­tiv­ität pop­ulär machte, schloss dage­gen die Möglichkeit von „Qual­ität­sun­ter­schieden“ zwis­chen Sprachen aus. Auch er war der Mei­n­ung, dass die Sprache, die wir sprechen, einen Ein­fluss auf unser Denken hat, er betra­chtete aber alle sich daraus ergebe­nen Denkweisen als gle­ich­w­er­tig:

West­ern cul­ture has made, through lan­guage, a pro­vi­sion­al analy­sis of real­i­ty and, with­out cor­rec­tives, holds res­olute­ly to that analy­sis as final. The only cor­rec­tives lie in all those oth­er tongues which by aeons of inde­pen­dent evo­lu­tion have arrived at dif­fer­ent, but equal­ly log­i­cal, pro­vi­sion­al analy­ses. [Whorf 1956 (1941), S. 244]

(Die west­liche Kul­tur hat durch Sprache eine vor­läu­fige Analyse der Wirk­lichkeit vorgenom­men und hält diese in Abwe­sen­heit eines Kor­rek­tivs für endgültig. Das einzige Kor­rek­tiv liegt in all jenen anderen Sprachen, die durch Äonen unab­hängiger Entwick­lung zu anderen, eben­so logis­chen pro­vi­sorischen Analy­sen gelangt sind.)

Nun gibt es dur­chaus Belege für eine sehr schwache Ver­sion der Whorf­schen Rel­a­tiv­ität­shy­pothese: Unter sorgfältig kon­trol­lierten Bedin­gun­gen lässt sich in eini­gen Fällen nach­weisen, dass die Struk­tur ein­er Sprache einen kleinen Ein­fluss auf bes­timmte Kat­e­gorisierungsvorgänge ihrer Sprech­er hat.

Aber unter­schiedliche Rechen­fer­tigkeit­en in ein­er nicht-kon­trol­lierten Umge­bung wie ein­er Schule wären ein Beleg, der deut­lich über solche schwachen Effek­te hin­aus­gin­ge und Hum­boldt Recht geben würde — nur, dass es im Falle der Math­e­matik dann ger­ade das Chi­ne­sis­che wäre, das „die geistige Thätigkeit zu dem wahren Mit­telpunkt hin­lenkt“.

Die Studie selb­st ist dann aber ernüchternd: Kevin Miller und seine Kolleg/innen bele­gen dort keineswegs, dass die math­e­ma­tis­che Leis­tungs­fähigkeit von Sprech­ern ein­er Sprache irgen­det­was mit der Ver­sprach­lichung des Zahlen­raums zu tun hat.

Was sie sehr schön zeigen, ist, dass chi­ne­sis­che Kinder sich leichter tun als ihre amerikanis­chen Altersgenossen, wenn sie gebeten wer­den, so weit zu zählen, wie sie kön­nen: Die chi­ne­sis­chen Kinder haben ger­ade im Zahlen­raum zwis­chen zehn und zwanzig weniger Prob­leme als die amerikanis­chen und sie kön­nen deshalb generell weit­er zählen:

Anteil chinesischer und amerikanischer Kinder zwischen 3 und 5 Jahren, die bis zu einer bestimmten Zahl zählen können (Miller et al. 1995: 58).

Anteil chi­ne­sis­ch­er und amerikanis­ch­er Kinder zwis­chen 3 und 5 Jahren, die bis zu ein­er bes­timmten Zahl zählen kön­nen (Miller et al. 1995: 58).

Das Ergeb­nis ist inter­es­sant, aber mit unter­schiedlichen math­e­ma­tis­chen Fähigkeit­en, und damit auch mit sprach­lich­er Rel­a­tiv­ität, hat es natür­lich nichts zu tun. Es ist klar, dass das chi­ne­sis­che Sys­tem leichter zu ler­nen ist und dass man, wenn man es ein­mal ver­standen hat, prob­lem­los bis 100 zählen kann, ohne ver­standen zu haben, was Zahlen über­haupt sind. Meine vier­jährige Tochter kann (wenn ich sie lasse) bis 1000 zählen, weil sie ver­standen hat, wie man die Wörter kom­binieren muss, um die sprach­liche Beze­ich­nung für die jew­eils näch­sthöhere Zahl zu bilden. Sie kann aber nicht sagen, ob „drei­hun­dert­siebe­nund­sechzig“ mehr ist als „fünfhun­dert­dreizehn“, weil sie im Zahlen­raum ab 20 keine genaue Vorstel­lung mehr davon hat, wofür diese sprach­lichen Beze­ich­nun­gen eigentlich ste­hen.

Die Autoren zeigen weit­er, dass es chi­ne­sis­chen Kindern leichter fällt, im Zahlen­raum zwis­chen zehn und zwanzig konkrete Objek­te abzuzählen. Sie wur­den aufge­fordert, aus einem Topf eine bes­timmte Zahl von Domi­nos­teinen her­auszunehmen und macht­en dabei weniger Fehler als die amerikanis­che Ver­gle­ichs­gruppe. Das ist schon inter­es­san­ter, da es hier nicht um ein reines Sprach­spiel geht, son­dern die Zahlen auf Men­gen in der Welt bezo­gen wer­den. Mit Denk- oder Rechen­fähigkeit hat das aber wieder nichts zu tun: Es erfordert nur, dass Kinder beim Hochzählen für jede Zahl einen Domi­nos­tein nehmen. Wenn sie beim Zählen keine Fehler machen, haben sie am Ende die kor­rek­te Zahl an Steinen.

Die Autoren haben den Kindern anscheinend auch ein­fache Rechenauf­gaben gestellt, gehen aber nicht weit­er darauf ein, was für Auf­gaben das waren. Sie stellen aber klar, dass es bei der Lösung dieser Auf­gaben keine Unter­schiede zwis­chen den Sprachen gab:

Despite large lan­guage effects on abstract count­ing, no lan­guage dif­fer­ences were found in children’s abil­i­ty to solve sim­ple math­e­mat­i­cal prob­lems or to count arrays of 10 or few­er objects. Both tasks are dif­fi­cult for young chil­dren, but nei­ther revealed lan­guage dif­fer­ences. [Miller et al. 1995: 58]

(Trotz eines großen sprach­lichen Ein­flusses auf abstrak­tes Zählen wur­den keine Unter­schiede in der Fähigkeit der Kinder beobachtet, ein­fache math­e­ma­tis­che Auf­gaben zu lösen oder Grup­pen von zehn oder weniger Objek­ten abzuzählen. Bei­de Auf­gaben bere­it­en kleinen Kindern Schwierigkeit­en, aber bei keinem gab es Unter­schiede zwis­chen den Sprachen.)

Damit erübrigt es sich auch, den Vere­in Zwanzigeins e.V. zu erwäh­nen. Dessen Vor­sitzen­der, der emer­i­tierte Math­e­matikpro­fes­sor Lothar Ger­ritzen von der Ruhr-Uni­ver­sität Bochum hat dem Spiegel-Online-Autor die ganze Geschichte ein­gere­det: Er rührt näm­lich seit Jahren ern­sthaft die Wer­be­trom­mel für eine Reform unser­er Zahlen­wörter, bei der die Zahlwörter ab Zwanzig nach Vor­bild des Chi­ne­sis­chen oder Englis­chen gebildet wer­den sollen — statt ein­undzwanzig sollen wir zwanzigeins sagen.

Statt über diesen VDS für Zahlen­nör­gler zu reden, kön­nte man darauf hin­weisen, dass die Fran­zosen ein wahrhaft pathol­o­gis­ches Zahlwörter­sys­tem haben. Die Zahlen von 1 bis 16 haben eigene Namen, die Zahlen von 17 bis 19 wer­den trans­par­ent zusam­menge­set­zt (dix-sept „zehn-sieben“, dix-huit „zehn-acht“, dix-neuf „zehn-neun“). Die Zahlen von 20 bis 69 wer­den eben­falls trans­par­ent zusam­menge­set­zt, wobei es eigene Wörter für die 20, 30, 40, 50 und 60 gibt, die den ver­wandten Ein­er­wörtern laut­lich ähneln aber nicht iden­tisch sind (ähn­lich wie im Deutschen und Englis­chen). Die Rei­hen­folge ist die der Dez­i­malschreib­weise, wobei bei der 21, 31, 41, 51 und 61 ein et („und“) eingeschoben wird (z.B. vingt-et-un „zwanzig-und-eins“), bei anderen Ein­ern aber nicht (z.B. vingt-deux „zwanzig-zwei“). Ein Wort für 70 gibt es nicht, hier zählt man ein­fach von der sechzig weit­er aufwärts: 70 ist „sechzig-zehn“ (soix­ante-dix), 71 ist „sechzig-elf“ (soix­ante-et-onze, ein et wird eingeschoben), usw. Ein Wort für 80 gibt es auch nicht, hier sagt der Fran­zose „vier-zwanzig“ (qua­tre-vingt), bei der 81 wird hier aus­nahm­sweise kein et eingeschoben (qua­tre-vingt-un). Ein Wort für 90 fehlt dann eben­so, auch hier zählt man ein­fach weit­er hoch: 90 ist „vier-zwanzig-zehn“ (qua­tre-vingt-dix), 91 ist „vier-zwanzig-elf“ (qua­tre-vingt-onze, anders als bei der 71 wird kein et eingeschoben. Ab 100 wieder­holt sich dann der Irrsinn mit weit­eren Über­raschun­gen, die ich hier nicht aus­bre­it­en möchte.

Wenn es ein Zahlen­sys­tem gibt, das math­e­ma­tis­che Fähigkeit­en ern­sthaft behin­dern sollte, dann das franzö­sis­che. Das ändert nichts daran, dass Frankre­ich im PISA-Test 2000 und 2003 sowohl Deutsch­land als auch die USA klar geschla­gen hat, und erst 2006 von Deutsch­land über­holt wurde (die USA aber immer noch besiegte). Und dass die Nieder­län­der, deren Zahlen­sys­tem exakt par­al­lel zum Deutschen ist, die Japan­er 2003 und 2006 schlu­gen, obwohl die japanis­chen Zahlwörter genau wie die chi­ne­sis­chen streng die Dez­i­malschreib­weise imi­tieren.

Wer die Rechenkün­ste der Deutschen verbessern will, muss also den Math­e­matikun­ter­richt verbessern. Die Sprache sollte er in Ruhe lassen.

 

MILLER, Kevin F., Cather­ine M. SMITH, Jian­jun ZHU, Hou­can ZHANG (1995) Preschool ori­gins of cross-nation­al dif­fer­ences in math­e­mat­i­cal com­pe­tence: The role of num­ber-nam­ing sys­tems. Psy­cho­log­i­cal Sci­ence 6.1: 56–60. [JSTOR]

HUMBOLDT, Wil­helm von (1836) Über die Ver­schieden­heit des men­schlichen Sprach­baues und ihren Ein­fluss auf die geistige Entwick­elung des Men­schengeschlechts. Berlin: Königliche Akademie der Wis­senschaften. [Google Books (Vol­lzu­griff)]

SPIEGEL.de/DAMBECK, Hol­ger (2010) Zwanzigeins schlägt ein­undzwanzig. Spiegel Online, 23. Feb­ru­ar 2010. [Link]

WHORF, Ben­jamin Lee (1956 [1941]). Lan­guages and log­ic. In: John B. CARROLL (ed.), Lan­guage, thought, and real­i­ty. Select­ed writ­ings of Ben­jamin Lee Whorf. London/New York: John Wiley and Sons [Urspr. erschienen in The Tech­nol­o­gy Review 43.6].

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

37 Gedanken zu „Verzählt

  1. Thilo

    qua­tre-vingt
    Ange­blich soll es eine Kopfrechenauf­gabe geben, die in franzö­sis­chen Grund­schulen NIE gefragt wird:
    4 x 20

  2. David Grellscheid

    Twen­ty-one
    Bei Conan Doyles “Sher­lock Holmes” find­et sich ab und an die im Deutschen übliche Anord­nung der Zahlwörter:
    “now the spell had been upon him eight-and-forty hours”
    “it is the first Sat­ur­day night for sev­en-and-twen­ty years”
    “The man who entered was young, some two-and-twen­ty at the out­side”
    Dies ist aber nicht kon­sis­tent, auch die mod­er­nen For­men tauchen auf. Ein bes­timmtes Muster hin­ter der Ver­wen­dung der bei­den For­men habe ich nicht erken­nen kön­nen. Weiss jemand mehr darüber? Danke!

  3. Simone

    one and twen­ty
    @David Grellscheid: der OED schreibt dazu fol­gen­des:
    Com­bined with the numer­als below ten (one to nine) to express the num­bers between twen­ty and thir­ty; for­mer­ly (and still occa­sion­al­ly) one and twen­ty, two and twen­ty, etc. (rarely twen­ty and one, etc.); now com­mon­ly twen­ty-one, twen­ty-two, etc.; sim­i­lar­ly with the ordi­nals from first to ninth, form­ing the ordi­nals cor­re­spond­ing to the above (twen­ty-first, twen­ty-sec­ond, etc.), in mod­ern use sub­sti­tut­ed for the ear­li­er one-and-twen­ti­eth, two-and-twen­ti­eth, etc. (see TWENTIETH A. 1c).
    Die Date-Chart dazu gibt Werte von Ende 9. Jh bis Mitte 19. Jh. an.

  4. Patrick Schulz

    Ab 100 wieder­holt sich dann der Irrsinn[…]

    Aber, wer wird denn hier wer­tend über Sprache urteilen?
    Neben­bei, diese ange­blichen Belege für eine schwache Rel­a­tiv­ität­shy­pothese kamen mir schon im Psy­cholo­giekurs mehr als sus­pekt vor. Ich bring es nicht mehr ganz zusam­men, irgend­wie ging es um die Frage nach einem Zusam­men­hang zwis­chen dem Genus eines Wortes und der Frage, ob man dieses Wort eher mit einem männlichen oder eher einem weib­lichen Akteur in Verbindung brin­gen würde. Vielle­icht ist A.S. (oder irgendw­er anders) hier bess­er informiert und kann nochmal ein konkretes Beispiel anführen? Für mich stellt sich bei solchen Stu­di­en jeden­falls immer wieder die Frage nach dem Zusam­men­hang zwis­chen Kookkur­renz und Kausal­ität.
    Auch, um beim eigentlichen The­ma zu bleiben, war der Psy­cholo­giedozent der Auf­fas­sung, dass es Stu­di­en gibt, die tat­säch­lich bele­gen, dass das “deutsche” (i.e. rel­a­tiv unregelmäßige) Zählsys­tem tat­säch­lich für erhe­blich mehr Ver­ar­beitungss­chwierigkeit­en sor­gen soll als ein ver­gle­ichsmäßig ein­fach gehaltenes Zählsys­tem wie im Chi­ne­sis­chen. Da hat man aber nicht auf den Out­put geguckt (wie in der hier disku­tierten Studie) son­dern direkt auf die Ver­ar­beitung im Gehirn mit Hil­fe von bildgeben­den Ver­fahren selb­st.
    Vielle­icht wäre es noch inter­es­sant zu erwäh­nen, warum wir im Deutschen ein­undzwanzig und nicht zwanzigeins oder zwanzi­gun­deins sagen: Das hat primär prosodis­che Gründe: Das Beto­nungsmuster von Ein­undzwanzig ist ein per­fek­ter Trochäus, wohinge­gen Zwanzigeins einen nicht-binären Fuss enthält, und Zwanzi­gun­deins Trochäus und Jam­bus ver­mis­cht (bzw. eine ungeparste Silbe enthält), was in der deutschen Phonolo­gie eher sub­op­ti­mal ist. Aus­nah­men davon betr­e­f­fen Zahlwörter mit sieben, da das Wort sieben per se zweisil­big ist. Aber auch hier wer­den ten­den­ziell eher Strate­gien angewen­det, Sil­ben zu unter­drück­en, als die ryth­mis­che Struk­tur kaputt zu machen.

  5. Dierk

    @Herzkoenig Was Sie als ‘Gewohn­heit’ beze­ich­nen ist his­torische Kontin­genz. Auch wenn Philosophen üblicher­weise natür­liche sprachen nutzen, sind die [Sprachen, nicht die Philosophen] keine logis­chen Kon­struk­te, son­dern über Jahrhun­derte, ja, Jahrtausende evo­lu­tionär gewach­sene tonale Kom­mu­nika­tion. Übri­gens genau der Grund, weshalb die philosophis­che Diszi­plin Logik immer wieder mal eigene Zeichen­sys­teme entwick­elt, und weshalb Math­e­matik uns schwieriger dünkt als, sagen wir, Auf­satzschreiben.
    Was spricht dage­gen, auf Krampf unser natur­sprach­lich­es Zahlen­sys­tem zu ändern? Es würde min­destens 2, eher drei oder mehr Gen­er­a­tio­nen benöti­gen. In diesem Land haben wir ja schon Schwierigkeit­en eine san­fte Kor­rek­tur prob­lema­tis­ch­er Rechtschrei­bung durchzuführen — oder die Lig­atur ‘ß’ abzuschaf­fen.

  6. Marcel S.

    Wales
    Mal wieder ein sehr inter­es­san­ter Artikel, danke dafür. Mich würde nur noch ein kurz­er Kom­men­tar zu dem fol­gen­den Abschnitt aus dem spiegel.de-Artikel inter­essieren:
    “Dass ein solch­er Wech­sel möglich ist, zeigt das Beispiel Wales. Dort wurde schon vor über 150 Jahren ein kom­pliziertes durch ein ein­facheres Sys­tem erset­zt. ”
    Weiß dazu jemand etwas Genaueres?

  7. Jürgen vom Scheidt

    xtr­blk meint: Gel­ernt ist gel­ernt
    Inter­es­sante Aufk­lärung. Das mit dem ange­blichen Hand­i­cap durch “ein-und-zwanzig” statt “zwanzig-eins” etc. fand ich schon immer dubios. Wenn ein Kind die Zahl ein­mal gel­ernt hat, egal wie sie gebildet wird, und fleißig übt, kann es damit in jed­er Vari­ante prob­lem­los rech­nen.
    Ähn­lich­es wie für die Zahlen dürfte wohl auch für Wörter resp. Wor­bil­dun­gen gel­ten — s. die unregelmäßi­gen Ver­ben in welch­er Sprache auch immer. Man lernt das als Kind — und das ist es dann.
    Ich würde sog­ar noch weit­er gehen und ver­muten, dass eine “schwierig kon­stru­ierte Sprache” wie das Deutsche ein besseres Intel­li­gen­z­train­ing ist als eine “ein­fache Sprsache” wie Pid­gin-Eng­lish. Ob das so schwierige Deutsch uns Deutschen deshalb eine Weile den Ruf des Volkes der “Dichter und Denker” einge­bracht hat?
    Apro­pos “xytr­blk”: Ich habe mir vorgenom­men, nach und nach alle SciLogs-Kol­le­gen zu besuchen und meinen Kom­men­tar mit dieser Floskel einzuleit­en. Wer wis­sen will, was es mit diesem Kunst­wort auf sich hat, kann es googeln — oder gle­ich meine Web­site mit dem entsprechen­den Ein­trag besuchen:
    http://www.minotauros-projekt.de/…rojekt/xytrblk
    Beste Grüße — Jür­gen vom Schei­dt

  8. Nörgler

    Rech­nen und Zahlen­folge
    Wenn es einen sprach­lichen Ein­fluß auf die Rechen­fähigkeit gäbe, so sollte die Rei­hen­folge in den deutschen Zahlwörter das Kopfrech­nen eigentlich erle­ichtern, da sie der Rei­hen­folge bei ein­fachen Rechenarten entspricht. Beim Addieren, Sub­trahieren und Mul­ti­plizieren fängt man mit den Ein­ern an und geht dann zu den Zehn­ern über (ggf. mit “x im Sinn”. Nur beim Divi­dieren fängt man mit den höheren Zif­fern an. Mehrstel­lige Zahlen wer­den aber sel­ten im Kopf divi­diert.

  9. kreetrapper

    Norsk, starke Ver­ben und Hum­boldt-Zitate
    Ich wollte an dieser Stelle eigentlich auch auf das Nor­wegis­che hin­weisen, wo eine solche Verän­derung vom “unl­o­gis­chen” deutschen Sys­tem zum “logis­cheren” englis­chen Sys­tem ja tat­säch­lich stattge­fun­den hat. AS behauptet, daß dies in der Sprecherge­mein­schaft nicht wirk­lich angekom­men ist. Gibt es dafür Belege? Ich habe auf die Schnelle nur einen Sprachkurs gefun­den, der behauptet, daß das neue Zahlsys­tem heutzu­tage von den meis­ten Sprech­ern ver­wen­det wird.
    Vielle­icht auch noch inter­es­sant für einige ist, daß es nicht nur Bewe­gun­gen zur Sprachvere­in­fachung gibt. Auch die umgekehrte Rich­tung hat ihre Ver­fechter, z.B. die Gesellschaft zur Stärkung der Ver­ben.
    Und wie Kristin fand ich es auch bemerkenswert, wieviele der Tagungs-Zitate ich hier in diesem Artikel wieder­fand. Offen­bar wirkt so eine mehrtägige Tagung auch mehrere Tage nach. 😉

  10. Anatol Stefanowitsch

    Hum­boldt-Zitate
    @kreetrapper, Kristin: Ja, ich habe mich über den Artikel auf Spiegel Online natür­lich gefreut, weil er mir einen Anlass geboten hat, die schö­nen Whorf- und Hum­boldt-Zitate, mit denen auf der Kon­ferenz etwas infla­tionär um sich gewor­fen wurde, gle­ich konkret anzuwen­den. Kristin, dass Sie inkog­ni­to geblieben sind, ist aber nicht nett! Kree­trap­per hat sich ordentlich vorgestellt…
    @Kreetrapper: Ich habe irgend­wo gele­sen, dass die reformierten nor­wegis­chen Zahlen­wörter zumin­d­est für ältere Sprecher/innen immer noch eine tech­nis­chere Kon­no­ta­tion hät­ten als die tra­di­tionellen, dass man also z.B. Alter­sangaben ten­den­ziell noch eher nach dem alten Sys­tem for­mulieren würde (das passt ja auch zu den Beobach­tun­gen aus dem Englis­chen). Wenn ich bei­de For­men der nor­wegis­chen Zahlwörter auf .no-Web­seit­en suche, bekomme ich immer unge­fähr ein Ver­hält­nis von 1:10 (alt:neu), aber ich kann nicht genug Nor­wegisch, um zu beurteilen, um was für Tre­f­fer es sich han­delt, wie das ganze mit Bok­mål und Nynorsk zusam­men­hängt, oder ob über­haupt dänis­che Tre­f­fer dazwis­chen sind.

  11. VP

    Taschen­rech­n­er
    Mir fällt häu­fig auf, dass, wenn ich eine Zahl in einen Taschen­rech­n­er einzigeben ver­suche, während ich sie in meinem Kopf auf­sage, ich sie falschherum ein­tippe. Ich denke “Ein-und-Zwanzig” und tippe eben in dieser Rei­hen­folge.
    Tja, da aber die grafis­che Anord­nung von Zif­fern genau so arbi­trär ist wie Zahlwörter ansich ist dies wohl ein­fach ein klar­er Fall von Pech gehabt.
    Wobei der Vere­in Zwanzigeins das sich­er anders sieht 😉

  12. GSchöfl

    norsk tellemåte
    @kreetrapper, A.S.: Mein Ein­druck aus Nor­we­gen ist, dass die unter­schiedlichen Zählweisen nicht nur altersmäßig son­dern vor allem auch geo­graphisch stark vari­eren. So wird im Bergenser Dialekt fast auss­chließlich “enog­tyve” (21) gezählt (auch von jun­gen), während diese Zählweise in Oslo vielle­icht auf die Gen­er­a­tion 70+ beschränkt ist. Inter­es­san­ter­weise wird im Umland von Bergen in den tra­di­tionellen Nynorskre­gio­nen eigentlich nur “tjueein” oder “tjugeein” gezählt was vielle­icht dafür spricht, dass die deutsche Zählweise eher ein Import aus dem Niederdeutschen via Hanse ist und kein alter Zug des Nor­wegis­chen. Eben­so dafür sprechen würde mein­er Mei­n­ung nach, dass die Islän­der “tut­tugu og einn, tut­tugu of tveir” etc. zählen (ich weiß allerd­ings nicht ob das im Altisländis­chen auch schon so war)

  13. Wentus

    ara­bis­che Zahlen
    Die gle­iche Rei­hen­folge der Zif­fern wie im deutschen find­et man im Ara­bis­chen. Da unser Zahlen­sys­tem von den Arabern über­nom­men wurde (obwohl es diese widerum “indis­che Zahlen” nen­nen), nehme ich eher an, dass man darin die Ursache unser­er Rei­hen­folge find­et anstatt im Sprachrhyth­mus.
    Übri­gens ist die Dek­li­na­tion der Zahlen und gezählten Wörter im Ara­bis­chen noch kom­pliziert­er als im Rus­sis­chen, so dass man annehmen kön­nte, dass die rus­sis­che Gram­matik auch vom Ara­bis­chen bee­in­flusst wurde.

  14. Egbert Manns

    Zitat: “Dank eines ein­facheren Zahlen­sys­tems kön­nen sie schon früh bess­er zählen und rech­nen.”
    Vielle­icht kann ich ein wenig Mate­r­i­al zur Empirie aus Seit­en­sicht hinzufü­gen: Am RoboCupJu­nior 2006 in Bre­men haben die besten der besten 12- bis 19-jähri­gen Kon­struk­teure und Pro­gram­mier­er Fußball spie­len­der autonomer Robot­er teilgenom­men, sie kamen aus Chi­na, den USA, Japan, Iran, Deutsch­land und mehr Län­dern. Ich war als Schied­srichter beteiligt. Die chi­ne­sis­chen Jugendlichen, obwohl in größter Zahl angereist, waren defin­i­tiv nicht bess­er als die anderen. Ihre Pro­gramme — in dem Alter geht es noch um Rech­nen, nicht um Math­e­matik — waren ein­fach­er gestrickt, die Resul­tate deshalb nicht bess­er als die der anderen.

  15. Achim

    nicht immer auf Frz. ein­schla­gen
    Wieso wird immer Franzö­sisch als Beispiel für ein kom­piziertes Zahlwort­sys­tem herange­zo­gen? Wie wär’s mal mit Dänisch?
    Die Wurzeln für 3 und 4 kom­men in den “Zehn­er-Wörtern” mehrfach vor:
    30 — treve
    40 — fyrre
    50 — halvtreds (halb dreimal [20])
    60 — treds (dreimal [20])
    70 — halvf­jerds
    80 — fjerds
    90 — halvfems
    100 — fems
    Das, zusam­men, mit der “deutschen” Stel­lung der Ein­er, macht es an der Super­mark­tkasse für den Aus­län­der, der die Sprache nur schlecht spricht, nicht ein­fach­er. DEK 76,25 sind dann “sex og halvf­jerds fem og tyve”. Was ist dage­gen schon “soix­ante-six vingt-cinq”?

  16. Achim

    hop­pla
    Das musste ja passieren, und deshalb gle­ich hin­ter­her: 76,25 sind auf Frz. natür­lich “soix­ante-seize vingt-cinq”.

  17. Almut

    Die ver­flixte 7
    Herr Ste­fanow­itsch, Sie schreiben: “Wenn es ein Zahlen­sys­tem gibt, das math­e­ma­tis­che Fähigkeit­en ern­sthaft behin­dern sollte, dann das franzö­sis­che. Das ändert nichts daran, dass Frankre­ich im PISA-Test 2000 und 2003 sowohl Deutsch­land als auch die USA klar geschla­gen hat (…)”
    Dafür kann es eigentlich nur eine Erk­lärung geben: Die franzö­sis­che 7 (sept) hat, wie im Chi­ne­sis­chen, nur eine Silbe:
    Spiegel: “Man­darin-Zahlen haben gle­ich mehrere Vorteile: Erstens ist da die Kürze der Zahlwörter. Die chi­ne­sis­che 7 (qi) hat eine Silbe, beim englis­chen Sev­en und der deutschen Sieben sind es zwei.”
    Die kurze 7 wiegt solche Extrav­a­ganzen wie ‘qua­tre-vingt’ sich­er lock­er auf. 😉

  18. MisterBernie

    Und diese Finnen machen die schöne The­o­rie mit ihrer dreisil­bi­gen 7 (seit­semän) und Zahlwörtern, in denen jedes Glied durchdek­lin­iert wird, kaputt.

  19. kreetrapper

    ver­siebent
    @GSchöfl

    Mein Ein­druck aus Nor­we­gen ist, dass die unter­schiedlichen Zählweisen nicht nur altersmäßig son­dern vor allem auch geo­graphisch stark vari­eren.

    Sehr inter­es­sant. Danke für die Infor­ma­tion. Ich finde, das schre­it ger­adezu nach ein­er Kor­pu­s­analyse. Ana­tol, ich schlage vor, das auf die Liste mit Bach­e­lo­rar­beit­s­the­men zu set­zen.
    @Kristin
    Ich fand’s auch schade, daß man sich nicht ken­nen­gel­ernt hat. Vielle­icht
    kön­nen wir ja bei der näch­sten (DGfS-)Tagung ein kleines Sprach­blog­ger-Tre­f­fen organ­isieren.
    @Almut
    Die Idee mit der pho­nol­o­gis­chen Länge der Sieben gefällt mir. Die Finnen kann man sich­er irgend­wie wegerk­lären, Sprachen, die mehr Kasus benutzen als der Men­sch Fin­ger hat, sind doch sowieso höchst frag­würdig.

  20. Kristin

    @kreetrapper: Aber gerne. Aus dem StuTS-Alter bist Du wahrschein­lich schon raus? (Dem­nächst find­et die siebe­nund­vierzig­ste statt, nur um hier beim The­ma Zahlen zu bleiben.)

  21. kreetrapper

    I don’t know how, I don’t know when…
    @Kristin: Ja, auf der StuTS wür­den sie mich wohl nicht mehr rein­lassen. Aber es wird sich sich­er noch eine Gele­gen­heit ergeben. Vielle­icht gehe ich auf die Sum­mer School in Leipzig, die bei Dir im Blog auch als “Hin­fahren” markiert ist, aber sich­er ist das noch nicht.

  22. G. K.

    Mil­lio­nen
    Bei größeren Zahlen erfordert das Über­set­zen zwis­chen europäis­chen Sprachen und Chi­ne­sisch höhere Math­e­matik, denn im Chi­ne­sis­chen gibt es keine ein­fachen Wörter für Mil­lio­nen und Mil­liar­den. Solche Zahlen wer­den auf der Grund­lage von wàn 万【萬】 „zehn­tausend“ aus­ge­drückt: 1 Mil­lion = bǎi­wàn 百萬 „hundert(mal) zehn­tausend“ etc. – eine uner­schöpfliche Quelle von Über­set­zungs­fehlern.

  23. F. Althoff

    Entwick­lung in Englisch
    Ich bin auf den Artikel gestoßen und auf die dazuge­hörige Diskus­sion — die ich per­sön­lich noch inter­es­san­ter finde.
    Aber zurück zu dem, weshalb ich eigentlich hier schreibe. Primär geht es um den Vorschlag die Entwick­lung der Zahlsprech­weise in der Englis­chen Sprache doch mal als BA Arbeit zu beleucht­en.
    Dies habe ich getan, nicht als BA Arbeit, aber als Arbeit im ersten Staat­sex­a­m­en.
    Der Grund für die Änderung liegt meines Eracht­ens nicht in dem Ein­fluss der franz. “Erober­er”, son­dern vielmehr in der Ver­bre­itung der ara­bis­chen Zif­fern und somit der Ein­deutigkeit bei der Dez­i­malschreib­weise.
    Lin­guis­tis­che Verän­derun­gen brauchen immer Zeit und ger­ade bei Tra­di­tion­al­is­ten (Holmes ist entsprechend von Doyle angelegt) ist die Bere­itschaft zur Verän­derung geringer, bzw. es wird sich auf alte Tra­di­tio­nen zurück beson­nen. Daher auch das auftreten der unge­wohn­ten englis­chen Sprech­weise.
    Zweit­er Grund für eine “ungewöhn­liche” Sprech­weise sind regionale Iden­titätsmerk­male bei Bevölkerun­gen (so gibt es die uns so ver­traute Zahlform in eini­gen ländlichen Gegen­den in Eng­land noch immer).
    Das ganze zeigt aber auch noch etwas anders. Ver­wirrun­gen und Missver­ständ­nisse treten viel sel­tener auf, als man denkt. Also würde eine Änderung der Zahlworte das Land nicht ins Chaos stürzen.
    Im Zusam­men­hang mit mein­er Staat­sar­beit kann ich mich auch noch an Artikel von Dehaene, Nuerk oder Willmes erin­nern, die sich alle mit der “Ver­ar­beitung” von Zahlen und Zahlworten im Gehirn beschäftigt haben (lei­der habe ich die Artikel momen­tan nicht zur Ver­fü­gung).
    So erin­nere ich mich noch an einen beschriebe­nen Effekt, dass im franzö­sis­chen ein Unter­schied bei der Geschwindigkeit der Ver­ar­beitung fest­stell­bar ist, wenn das Zahlwort “ver­dreht” (also nicht iden­tisch mit der Schreib­weise der Zahlze­ichen) benutzt wurde.
    Abschließend noch eine Aus­sage zum let­zten Teil des Artikels. Eine Änderung des Math­e­matikun­ter­richts hat es gegeben, zumin­d­est bei motivierten Kol­le­gen. Das der gewün­schte Effekt (d.h. besseres abschnei­den bei PISA und Co) sich noch nicht ein­stellt mag einige Gründe haben, vielle­icht auch den Grund, dass das Schul­sys­tem keine mar­o­de Bank ist…

  24. kreetrapper

    @F. Althoff:
    Danke für die Infor­ma­tion. Ich inter­essiere mich sehr für dieses The­ma und würde mich sehr freuen, wenn Sie mir Ihre Staat­sar­beit oder wenig­stens die Liste, der von Ihnen ver­wen­de­ten Lit­er­atur, irgend­wie zukom­men lassen kön­nten. Kon­tak­tieren Sie mich am besten per E-Mail unter kree­trap­per blutiges-gemetzel.de

  25. Dr.-Ing. Lämm

    Zurück zu den römis­chen Zahlen
    Ich habe selb­st oft genug erlebt, wie Schüler ein­fach ein richtiges Rech­en­ergeb­nis falsch herum aufgeschrieben haben und deswe­gen Punk­te in einem Test abge­zo­gen bekom­men haben, etwa
    8*8=46
    Das passiert den Schülern immer wieder, auch wenn sie ihr Prob­lem ken­nen. Klar ler­nen sie es irgend­wann, aber es bleibt auch für Erwach­sene umständlich.
    Es wäre eine rel­a­tiv ein­fache Sache, die Sprech­weise umzu­drehen. Zwanzigeins und ein­undzwanzig kön­nen gerne nebeneinan­der beste­hen. Wo ist also das Prob­lem?
    Das größte Hemm­nis ist sich­er die Gewohn­heit. Da möchte ich aber nicht wis­sen, wie schw­er es war, die römis­chen Zahlen durch die arabischen/indischen abzulösen oder auf das SI-Ein­heit­en­sys­tem umzustellen. Aber vom heuti­gen Zus­tand aus betra­chtet: Würde jemand zu römis­chen Zahlen oder zu Meilen und Ellen zurück­wollen?

  26. Armin

    met­ric mar­tyrs
    @Dr.-Ing. Lämm
    Ja, gibt’s genug von. Oder zumin­d­est welche die das alte Sys­tem auf jeden Fall beibehal­ten wollen. Ein­fach mal nach “met­ric mar­tyrs” googlen.

  27. Kai Weber

    Anek­dote
    Ich war mal in Chi­na im Zug unter­wegs (Hart­bet­tabteil, d.h. 6 Per­so­n­en auf eng­stem Raum). Mir gegenüber eine junge Fam­i­lie, die Tochter schätzungsweise 5–6 Jahre alt. Irgend­wie sind wir drauf gekom­men, dass sie Rechen­spielchen mit mir machen wollte. Sie fragte mich, was denn 600 plus 600 sei. Ich antwortete: “Ein­tausend-zwei­hun­dert (Yi4 Qian1 er4 bai3)”. Sie schüt­telte den Kopf und kon­nte es nicht fassen, dass ein erwach­sen­er Mann nicht rech­nen kann, und kor­rigierte mich in: “Zwölfhun­dert (Shi2 er4 bai3)”. Ich gab dann zu, dass ich ein “Stroh­sack (cao3bao3)” sei und deshalb nicht richtig rech­nen könne.
    Das Beispiel zeigt jeden­falls, dass es auch im Chineis­chen Zäh­lvari­anten gibt, die im Laufe der kindlichen Entwick­lung nicht gle­ichzeit­ig gel­ernt wer­den.
    Zweite Anmerkung: Die Zahl “zwei” bere­it­et im Chi­ne­sis­chen mitunter Prob­leme, da es für sie zwei ver­schiedene Worte gibt: “er4” und “liang3”. Die Regeln, wann welche Form ver­wen­det wird, sind nicht ganz triv­ial. Manch­mal ist eine der bei­den For­men oblig­a­torisch, manch­mal wahlweise bei­de möglich. Die Zahl “200” wird i.d.R. durch “liang3 bai3” aus­ge­druckt. Die 200 in der Zahl “1200” lautet aber nor­maler­weise “er4 bai3”.

  28. K

    Wales (Kym­risch)

    Zunächst her­zlichen Dank für den inter­es­san­ten Blog generell und diesen Artikel im speziellen.

    @Marcel S
    Nach­dem hier noch nie­mand zum Kym­rischen (Wal­i­sisch) geant­wortet hat, erlaube ich mir ein­mal, in die Tas­ten zu greifen.

    In den keltischen Sprachen sind die Zahlwörter ja noch viel “schön­er” als z. B. in den zitierten franzö­sis­chen Beispie­len. Das Viges­i­mal­sys­tem ist hier, zumin­d­est in der tra­di­tionellen Zählweise, noch viel klar­er erhal­ten (die franzö­sis­chen “Spezial­itäten” kön­nten ein Rest des keltischen Sub­strates sein, das ist aber meines Wis­sens nach umstrit­ten).

    Im Kym­rischen (Wal­i­sis­chen) sind die Zahlwörter von un (1) bis deg (10) eben­so Reflexe der indoger­man­is­chen Zahlwörter wie die deutschen. Dies­bezüglich keine Beson­der­heit­en.

    Dann wird es sehr bunt (ich lasse die Flex­ion nach dem Genus und bes­timmte Verän­derun­gen ja nach Kon­text der Ein­fachkeit hal­ber bei­seite):
    un ar ddeg (11), wörtlich: “eins auf zehn”
    deud­deg (12), wörtlich: “zwei (dau) zehn (deg)”
    tri ar ddeg (13), wörtlich: “drei (tri) auf zehn”
    ped­war ar ddeg (14), “vier (ped­war) auf zehn”
    pymtheg (15), “fünf (pump) zehn”

    Jet­zt eine Über­raschung:
    un ar bymtheg (16), “eins auf fün­fzehn”
    dau ar bymtheg (17), “zwei auf fün­fzehn”

    und wieder etwas Extrav­a­gantes:
    deu­naw (18), wörtlich: “zwei (dau) neun (naw)”
    ped­war ar bymtheg (19), “vier auf fün­fzehn”
    ugain (20)

    Bis dreißig geht es jet­zt ähn­lich weit­er wie im Deutschen,
    z.B. dau ar hugain (22), “zwei auf zwanzig”

    Dann aber kon­se­quent weit­er:
    deg ar hugain (30), “zehn auf zwanzig”
    un ar ddeg ar hugain (31), “eins auf zehn auf dreißig”

    Ab deu­gain (40), “zwei zwanzig”, ist dann die Verbindung leicht anders,
    z.B. naw a deu­gain (49), “neun und zwei zwanzig”, daher auch keine Leni­tion (Verän­derung des Anlautes, hier deg -> ddeg) mehr (aber eventuell Aspi­ra­tion; siehe unten, z.B. tri­gain -> thri­gain).

    Man kann im Prinzip ab fün­fzig weit­er­ma­chen zur Basis vierzig wie oben, gebräuch­lich­er ist aber han­ner cant (50), “halb Hun­dert”, han­ner cant ac un (51), etc.

    Ab tri­gain (60) dann wieder wie zu erwarten, z.B. un a thri­gain (61), ped­war ugain (80), ped­war ar bymtheg a phed­war ugain (99).

    In sehr gehoben­em, lit­er­arischen Stil kon­nte man übri­gens auch Sub­trak­tion­szahlen ver­wen­den, z.B.
    deu­gain namyn un (39): “zwei zwanzig weniger eins”
    deu­gain namyn tri (37)

    Daneben gibt es ein neueres, dez­i­males Zählsys­tem, bis 10 natür­lich gle­ich wie die alte Zählweise, darüber aber dann ganz “regelmäßig” vere­in­facht, z.B.:
    11 — un deg un
    12 — un deg dau
    54 — pum deg ped­war
    199 — cant naw deg naw

    Das dez­i­male Sys­tem ist jün­geren Datums, tauchte im 19. Jh. auf, ver­bre­it­ete sich aber wohl erst in der 2. Hälfte des 20. Jh. deut­lich.
    Peter Wynn Thomas, “Gra­madeg y Gym­raeg”, 1996, schreibt daß bei­de Sys­teme von der Mehrheit der Sprech­er ver­wen­det wer­den und daß die Wahl des Sys­tem von ein­er Anzahl sozi­olin­guis­tis­ch­er Fak­toren abhänge und behan­delt dies dann auf Seit­en 299 und 300 (wenn jemand nach­le­sen möchte). Inter­es­sant ist, daß bei Angaben der Tageszeit auss­chließlich das viges­i­male Sys­tem ver­wen­det wird.

    Auch David A. Thorne, A Com­pre­hen­sive Welsh Gram­mar, 1993, S. 148, schreibt “The forms un deg un, wyth deg, wyth deg tri […] etc. are fre­quent­ly used when giv­ing the num­bers of pages and hymns, to indi­cate the scores of games, in teach­ing math­e­mat­ics, and increas­ing­ly in oth­er con­texts.”

    Rel­a­tiv ähn­lich wer­den die Zahlen übri­gens im Bre­tonis­chen nach dem Viges­i­mal­sys­tem gebildet. Inter­es­sant die Abwe­ichung bzgl. 18, das ist im Bre­tonis­chen nicht zweimal neun, son­dern dreimal sechs, triwec’h.

  29. Hanna

    Franz. Zahlen zum 2.
    Die Schweizer/Belgischen Vari­anten der franzö­sis­chen Zahlwörter sind mir aus der Prax­is bekan­nt; als sie mir in ein­er Orch­ester­probe das erste Mal unterka­men, fragte ich in der Pause den Diri­gen­ten (aus Fri­bourg), ob das eine Schweiz­er Eigen­heit sei, was dieser bejahte. Er fügte auch hinzu, dass er, wenn er in Frankre­ich arbeit­et sich bei den Franzö­sis­chen Vari­anten gele­gentlich “ver­rech­net”, also Wörter wie cinquante-seize kon­stru­iert und damit bei den Fran­zosen für einige Ver­wirrung sorgt.

  30. Werner

    Herr Ste­fanow­itsch,
    _soo_ ein­fach ist das mit den franzö­sis­chen Zahlen denn doch nicht. 🙂 Es gibt sehr wohl eigene Wörter für 70, 80 und 90, näm­lich sep­tante (Bel­gique, Suisse, est de la France, Acadie), hui­tante (Suisse; offi­ciel dans le can­ton de Vaud), nonante (Bel­gique, Suisse). Diese Wörter wer­den ohne weit­eres von Fran­zosen ver­standen, aber üblicher­weise nicht gebraucht. Lt. meinen schweiz­er Kol­le­gen sind dies die während der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion fest­gelegten offiziellen Zahlwörter. Ich kann dies nicht bele­gen, es erscheint mir aber wegen der innewohnen­den Logik glaub­haft. Die Ver­bre­itungs­ge­bi­ete der Wörter habe ich aus dem Petit Robert auf CD von 1997.
    PS: Ihre Artikel sind immer lesenswert. Danke dafür.

  31. naddy

    Ich weiß nicht, warum für Deutsche aus­gerech­net immer das franzö­sis­che Zahlen­sys­tem als “pathol­o­gis­ches” Beispiel her­hal­ten muss, wo es doch auch andere Kan­di­dat­en gibt. Im Rus­sis­chen ziehen die Zif­fer 1 den Nom­i­na­tiv Sin­gu­lar, die Zif­fern 2 bis 4 den Gen­i­tiv Sin­gu­lar und alle anderen Zif­fern den Gen­i­tiv Plur­al nach sich. Entsprechend wer­den dann die Bestandteile zur Bil­dung von Zehn­ern und Hun­dert­ern und das Sub­stan­tiv für Tausend inner­halb(!) ein­er Zahl dek­lin­iert. (200 hat nochmal eine eigene Form.) Zwis­chen­durch begeg­net einem außer­dem ein völ­lig unregelmäßiges Wort für 40, das eine umstrit­tene Ety­molo­gie, aber über­haupt keine Beziehung zu 4 oder 10 hat.
    Eine Blick auf die Zahlen 1 bis 100 in Hin­di lässt befürcht­en, dass man sie alle auswendig ler­nen muss, oder sind die kom­plex­en Assim­i­la­tio­nen, die das zugrunde liegende regelmäßige Bil­dung­sprinzip verz­er­rt haben, ander­weit­ig ableit­bar?

  32. Herzkoenig

    Was spricht eigentlich dage­gen, dass man statt hun­dert­fün­fzehn hun­dertzehn­fünf sagt? Eigentlich nur die Gewohn­heit, oder?
    In meinem früheren Beruf musste ich mehrmals am Tag lange Zahlen­rei­hen ansagen (bzw. auf­schreiben) und habe mich jedes­mal darüber geärg­ert, weil diese unl­o­gis­che Rei­hung den gesamten Arbeit­sprozess verzögert hat.

  33. Julius

    @Herzkoenig
    Beim Durchgeben der Wahlergeb­nisse eines Wahllokals sind wir vom Bezirk­swahlamt Berlin — Pankow dazu ange­hal­ten, zif­fer­n­weise zu sprechen. Also statt »drei­hun­dert­ne­un­zehn« sagt man ein­fach »drei eins neun«. Eine prak­tik­able Lösung, ohne dass man die nor­male Sprache über den Haufen wer­fen muss. Im Übri­gen bin ich der Auf­fas­sung, dass sich unsere Zahle­naussprache in den let­zten Jahrhun­derten verän­dert hätte, wenn sie tat­säch­lich so kom­pliziert wäre.

  34. Anatol Stefanowitsch

    @Werner: Das ist ein inter­es­san­ter Hin­weis. Wer ern­sthaft einen sprach­lichen Ein­fluss auf math­e­ma­tis­che Fähigkeit­en unter­suchen möchte, hätte mit den unter­schiedlichen franzö­sis­chen Dialek­ten ein schönes Spielfeld.

    @David Grellscheid, Simone: Ich habe zur Entwick­lung der kom­plex­en Zahlwörter im Englis­chen nicht viel gefun­den, mir scheint sich hier wieder ein­mal ein schönes The­ma für eine BA-Arbeit zu ver­steck­en. Grund­sät­zlich entspricht die dem Deutschen par­al­lele Sprech­weise (sev­en-and-twen­ty years) dem ursprünglichen ger­man­is­chen Muster. Dies war im Altenglis­chen die nor­male Art, kom­plexe Zahlwörter zu bilden. Durch den Ein­fluss des nor­man­nis­chen Franzö­sisch kam die heute übliche Sprech­weise auf und ver­drängte das ursprüngliche Muster, das sich bis ca. 1700 hielt [Wein­stock 1999]. Es ist ver­mutet wor­den, dass der Wech­sel zunächst bei den hohen Zahlen begann und sich nach unten vorar­beit­ete [Wein­stock 1999] und eine informelle Kor­pu­s­analyse liefert eine erste Bestä­ti­gung [Diller 2005, S. 105]. Die ursprüngliche ger­man­is­che Sprech­weise hat sich bis heute in Dialek­ten gehal­ten, vor allem bei Alters- und Zei­tangaben [Cahill und Gaz­dar 1997]. Das passt ja auch zu den Beispie­len aus Sher­lock Holmes.
    CAHILL, Lynne und Ger­ald GAZDAR. 1997 A lex­i­cal analy­sis of numer­al expres­sions in Dutch, Eng­lish and Ger­man. [Link]
    DILLER, Hans-Jür­gen (2005) Rezen­sion zu Wein­stock 2003. Anglia — Zeitschrift für englis­che Philolo­gie 123.2, S. 104–106.
    WEINSTOCK, Horst (1999) His­tor­i­cal and com­par­a­tive aspects of numer­als between twen­ty-one and twen­ty-nine. In Uwe Carls und Peter Lucko (Hgg.), Form, func­tion and vari­a­tion in Eng­lish: Stud­ies in hon­our of Klaus Hansen. Frank­furt: Peter Lang, S. 65–77. [Neuab­druck 2003 in Horst Wein­stock, Kleine Schriften: Aus­gewählte Stu­di­en zur alt-, mit­tel- und früh­neuenglis­chen Sprache und Lit­er­atur. Hei­del­berg: Win­ter].

    @Herzkoenig: Wenn man etwas ändern will, muss die Frage nicht laut­en: „Was spricht eigentlich dage­gen?“, son­dern: „Was spricht eigentlich dafür?“. Und die Antwort in diesem Fall ist: „Nichts“. Die ger­man­is­chen Sprachen haben mit der anti-dez­i­malen Sprech­weise tausende von Jahren funk­tion­iert und Sprachre­for­men sind selb­st in refor­mgewöh­n­ten Sprachge­mein­schaften wie dem Nor­wegis­chen, wo die dez­i­male Sprech­weise teil­weise einge­führt wurde, fast immer aus­sicht­s­los. Für die konkreten Prob­leme beim Auf­sagen von lan­gen Zahlen gibt es die von Julius genan­nte Lösung, die sich ganz von allein entwick­elt hat.

  35. Kristin

    @Patrick: Die Studie zum Zusam­men­hang von Genus und Sexus bei Objek­ten stammt u.a. von Lera Boroditzky. Ich finde das, was ich dazu im Kopf habe, nicht mehr, aber die fol­gen­den zwei Links passen auch dazu:
    http://csjarchive.cogsci.rpi.edu/…3/pdfs/180.pdf
    http://www-psych.stanford.edu/~lera/papers/
    @A.S.: Das war schon eine hum­boldtz­i­tat­in­ten­sive Tagung, was?
    Ich bin übri­gens auch in Ihren Vor­trag hineinge­gan­gen und danach klüger wieder daraus hin­aus.

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