Weltliterarische Illusionen

Die „Aktion Lebendi­ges Deutsch“, bei der vier Ober­sprach­nör­gler jeden Monat nach Alter­na­tiv­en für englis­che Lehn­wörter suchen, scheint zu schwächeln. Seit Ende Novem­ber ste­ht auf der Web­seite der Aktion unverän­dert fol­gen­der Aufruf:

Von „State­ments“ wer­den wir umzin­gelt, Fest­stel­lun­gen also, mehr oder weniger wichti­gen Ver­laut­barun­gen, zumal von Poli­tik­ern. Sollte sich dafür nicht ein schlichteres, ein saftiges deutsches Wort find­en lassen? Ange­bote bitte bis 18.12.2009.

Die deutsche Sprache würde es verkraften, wenn die Aktion ein­schliefe, aber für mich wäre es eine mit­tlere Katas­tro­phe: Ich kon­nte die ganzen let­zten Jahre immer darauf bauen, dass die Aktion mir ein­mal im Monat Stoff für mein Blog liefern würde.

Da mir diese Inspi­ra­tion nun fehlt, musste ich die Web­seite der Aktion nach anderen The­me­nan­re­gun­gen durch­forsten. Und natür­lich wurde ich schnell fündig: Hin­ter der Verknüp­fung Weltlit­er­atur ver­birgt sich das passende Gegen­stück zu den sprach­lichen Unter­gangsphan­tasien der Sprach­nör­gler: kul­tureller Größen­wahn. Unter dem Titel „Das Sam­mel­beck­en der Weltlit­er­atur?“ wollen uns die Aktioneure weis­machen, dass man als kul­turell und lit­er­arisch inter­essiert­er Men­sch eigentlich nur eine einzige Sprache ken­nen muss: Deutsch.

Der argu­men­ta­tive Weg dahin ist etwas ver­schlun­gen. Um ihn nachzu­vol­lziehen hil­ft es, eine möglichst vage Vorstel­lung von der Geschichte des europäis­chen Denkens zu pfle­gen; wenn man schlecht rech­nen kann und ein Tal­ent für ober­fläch­liche Selb­stzufrieden­heit hat, ist das noch bess­er. Aber wir wer­den eben unser Bestes tun müssen, um dem Argu­ment auch ohne all das fol­gen zu kön­nen:

1778 pub­lizierte Johann Got­tfried Herder die „Stim­men der Völk­er in Liedern“, von ihm selb­st aus vie­len Sprachen über­set­zt, mit Beiträ­gen sog­ar aus Grön­land und Peru. Damit hat­te Herder die Tra­di­tion begrün­det, die deutsche Sprache zum Sam­mel­beck­en der Weltlit­er­atur zu machen.

Herders „Stim­men der Völk­er in Liedern“ erschien nicht 1778, son­dern 1807, her­aus­gegeben von Johann von Müller. Diese Samm­lung bedi­ente sich zum Teil aus zwei 1778 und 1779 von Herder anonym unter dem Titel „Volk­slieder“ veröf­fentlicht­en Bän­den. Das ist vielle­icht neben­säch­lich, aber wer Herder zum Begrün­der ein­er Tra­di­tion machen will, sollte auch in Detail­fra­gen ordentlich argu­men­tieren.

Herder begrün­dete mit seinen Samm­lun­gen, in denen auch deutsche Texte enthal­ten waren, aber auch gar keine weltlit­er­arische Über­set­zungstra­di­tion. Ihm ging es, wie der Titel sein­er Werke andeutet, um Volk­slieder, in denen er den jew­eili­gen Volkscharak­ter zu erken­nen hoffte.

Das soll seine über­set­zerische Leis­tung natür­lich nicht schmälern, und die „Volk­slieder“ sind allein schon deshalb inter­es­sant, weil sie eine Rei­he von Shake­speare-Über­set­zun­gen enthal­ten, die unab­hängig von der bis heute dom­i­nan­ten Schlegelschen Über­set­zung ent­standen sind.

 Zu dieser kom­men die Auk­tioneure dann übri­gens im näch­sten Absatz:

1797 begann August Wil­helm Schlegel mit der Verdeutschung aller Dra­men Shake­spear­es – „eine der besten Über­set­zun­gen in irgen­deine Sprache, die es je gegeben hat“, schreibt die Ency­clopae­dia Bri­tan­ni­ca. Sog­ar für die Englän­der war sie ein Anstoß, den lange ver­nach­läs­sigten Dichter wieder auf den Thron zu heben.

Das ist natür­lich Blödsinn. Um Shake­speare in Eng­land auf den Dichterthron zu heben, bedurfte es kein­er deutschen Über­set­zung. Es ist zwar richtig, dass die Englän­der eine Weile braucht­en, um Shake­speare als Sym­bol ihrer gesamten lit­er­arischen Tra­di­tion zu ent­deck­en, aber als Schlegel mit sein­er Über­set­zung begann, war das längst geschehen. Zitieren wir doch die Ency­clopaed­i­ca Bri­tan­ni­ca selb­st:

In 1769 the famous actor David Gar­rick had insti­tut­ed a Shake­speare Jubilee at Strat­ford-upon-Avon to cel­e­brate Shakespeare’s birth­day. Shake­speare had become England’s nation­al poet. [Ency­clopae­dia Bri­tan­ni­ca, sv. Shake­speare]

Im Jahre 1769 hat­te der berühmte Schaus­piel­er David Gar­rick in Strat­ford-upon-Avon ein Shake­speare-Fest ins Leben gerufen um Shake­spear­es Geburt­stag zu feiern, Shake­speare war zu Eng­lands Nationaldichter gewor­den.

Was die Ein­schätzung der Ency­clo­pe­dia Bri­tan­ni­ca bezüglich der Qual­ität der Schlegelschen Über­set­zun­gen bet­rifft, so kon­nte ich das Zitat der Aktioneure nicht find­en (was nicht heißen muss, dass es nicht existiert). Im Ein­trag über Shake­speare find­et sich kein Wort über die Qual­ität von Schlegels Über­set­zun­gen, im Ein­trag über Schlegel selb­st find­et sich dieser Satz, der aber eine deut­lich andere Bedeu­tung hat:

Schlegel’s trans­la­tions of Shake­speare became the stan­dard Ger­man trans­la­tion of that author and are among the finest of all Ger­man lit­er­ary trans­la­tions. [Ency­clopae­dia Bri­tan­ni­ca, sv. Schlegel]

Schlegels Shake­speare-Über­set­zun­gen wur­den zu den maßge­blichen [bzw. mark­t­gängi­gen] deutschen Über­set­zun­gen dieses Autors und zählen zu den besten lit­er­arischen Über­set­zun­gen ins Deutsche.

Dann wen­den sich die Aktioneure dem jün­geren Schlegel zu:

1808 veröf­fentlichte Friedrich Schlegel (August Wil­helms jün­ger­er Brud­er) sein Stan­dard­w­erk „Über die Sprache und Weisheit der Indi­er“, mit dem er dem Abend­land das altindis­che San­skrit zugänglich machte.

Auch Friedrich Schlegels Leis­tung will ich nicht schmälern, aber dass er gle­ich dem ganzen Abend­land „das altindis­che San­skrit zugänglich machte“, das ist dann doch ein wenig über­trieben. Die Englän­der, beispiel­sweise, dürften sich zu diesem Zwecke eher an Charles Wilkins’ „Gram­mar of the San­skri­ta Lan­guage“ von 1808 gehal­ten haben, die Fran­zosen möglicher­weise an Antoine de Chézys „Cours de langue et de lit­téra­ture San­skrite“ von 1815. Aufmerk­sam wurde das „Abend­land“ auf das San­skrit durch William Jones’ Essay „The San­scrit Lan­guage“ von 1786, in dem er dessen Ver­wandtschaft zum Griechis­chen und Lateinis­chen bewies.

Dann geht es weit­er mit Friedrich Rück­ert, bei dem man genaue Quel­lenangaben lieber gle­ich ganz weglässt:

1818 begann Friedrich Rück­ert mit ein­er kaum über­schaubaren Fülle von Über­set­zun­gen und Nachdich­tun­gen per­sis­ch­er und ara­bis­ch­er Gedichte, Sagen und Märchen.

Das mag stim­men oder auch nicht. Wenn vier selb­ster­nan­nte Sprach­schützer schon die Über­schau ver­lieren, ers­pare ich es mir, genauer nachzuse­hen.

Aber wozu genau erzählen uns die vier alten Her­ren von der Aktion Lebendi­ges Deutsch das alles, und warum sug­gerieren sie, dass das Über­set­zen von grön­ländis­chen, indis­chen und ara­bis­chen Volk­sliedern und Sagen etwas typ­isch deutsches sei?

Nun, darum:

Die Lust am Über­set­zen ist den Deutschen treu geblieben: Nach der Sta­tis­tik der Unesco wird in keine andere Sprache so viel über­set­zt wie in die deutsche – mehr als ins Spanis­che und Franzö­sis­che, mehr als dop­pelt so viel wie ins Englis­che. So lässt sich nüchtern fest­stellen: Wer das Uni­ver­sum der Büch­er aller Völk­er in ein­er einzi­gen Sprache durch­streifen will, der kommt dabei mit Deutsch am weitesten.

Gut, dann sehen wir uns diese Behaup­tung doch ein­mal genauer an.

Bei der Unesco-Sta­tis­tik, die hier zitiert wird, dürfte es sich um die Daten­bank Index Trans­la­tion­um han­deln. In dieser Daten­bank wer­den jedes Jahr die Über­set­zun­gen aus ca. 100 Län­dern gesam­melt, so, wie sie von den jew­eili­gen Nation­al­bib­lio­theken gemeldet wer­den. Wie voll­ständig die Daten­bank ist, lässt sich bei ein­er so großen Vielzahl an Quellen nur schw­er über­prüfen.

Aber nehmen wir an, die Daten­bank sei Repräsen­ta­tiv. Dann sehen die Top Ten der über­set­zungs­freudig­sten Sprachge­mein­schaften* tat­säch­lich so aus (jew­eils mit der Gesamtzahl der in die betr­e­f­fende Sprache über­set­zten Werke).

  1. Deutsch (271085)
  2. Spanisch (207825)
  3. Franzö­sisch (203633)
  4. Japanisch (124542)
  5. Englisch (116646)
  6. Nieder­ländisch (113964)
  7. Por­tugiesisch (71287)
  8. Pol­nisch (64138)
  9. Rus­sisch (63009)
  10. Dänisch (59008)

Hier sind aber nicht nur lit­er­arische Werke erfasst, son­dern alle über­set­zten Texte. Nehmen wir nur lit­er­arische Texte, so ver­schieben sich die Zahlen für die Top 5 wie fol­gt:

  1. Deutsch (147185)
  2. Franzö­sisch (104781)
  3. Spanisch (93021)
  4. Japanisch (48969)
  5. Englisch (27609)

Das wirkt zunächst wie eine Bekräf­ti­gung der These vom Deutschen als Sam­mel­beck­en der Weltlit­er­atur: Das Deutsche hat nun 1,5 Mal soviele Über­set­zun­gen vorzuweisen, wie das zweit­platzierte Franzö­sis­che. Im Ver­gle­ich zum Englis­chen sind es nun sog­ar fünf­mal mehr.

Das Bild rel­a­tiviert sich allerd­ings, wenn man nach­schaut, aus welchen Sprachen denn da über­set­zt wird. Hier sind die Top 10 der Ursprungssprachen deutsch­er Über­set­zun­gen:

  1. Englisch (95247)
  2. Franzö­sisch (15074)
  3. Rus­sisch (4988)
  4. Ital­ienisch (4319)
  5. Spanisch (3471)
  6. Schwedisch (3462)
  7. Nieder­ländisch (2949)
  8. Dänisch (1453)
  9. Nor­wegisch (1412)
  10. Pol­nisch (1386)

Von den knapp 150000 über­set­zten Werken stam­men also zwei Drit­tel aus dem englis­chen Sprachraum! Wenn es um Masse geht, scheint es doch sin­nvoller, diese gle­ich im englis­chen Orig­i­nal zu lesen.

Ins­ge­samt deck­en die zehn häu­fig­sten Ursprungssprachen 91 Prozent aller Über­set­zun­gen ins Deutsche ab, die übri­gen zehn Prozent sind auf weit­ere 213 Sprachen verteilt. Aber die Vielfalt ein­er Über­set­zungs­land­schaft ist hier entschei­den­der als die reine Masse: Wenn man „das Uni­ver­sum der Büch­er aller Völk­er in ein­er einzi­gen Sprache durch­streifen will“, dann sollte das nicht eine Sprache sein, in der es möglichst viele Über­set­zun­gen gibt, son­dern eine, in der es Über­set­zun­gen aus möglichst vie­len ver­schiede­nen Sprachen gibt.

Und bei der Vielfalt schnei­det das Englis­che deut­lich bess­er ab als das Deutsche: Die zehn häu­fig­sten Ursprungssprachen (Franzö­sisch, Deutsch, Rus­sisch, Spanisch, Ital­ienisch, Japanisch, Dänisch, Chi­ne­sisch, Nieder­ländisch) machen hier nur zwei Drit­tel der Über­set­zun­gen aus, das übrige Drit­tel ist auf 308 Sprachen verteilt, also auf fast hun­dert mehr als beim Deutschen. Außer­dem fällt auf, dass die Top Ten der Über­set­zun­gen ins Deutsche auss­chließlich aus europäis­chen Nach­bar­län­dern beste­hen, während die Top Ten der ins Englis­chen über­set­zten Sprachen mit Japan und Chi­na einen deut­lich größeren Teil des Globus umspan­nen.

Wer einen Streifzug durch die Weltlit­er­atur unternehmen will, sollte natür­lich ohne­hin mehr als eine Sprache lesen kön­nen. Aber wenn es nur eine einzige sein soll, dann — ach, rech­nen Sie es sich selb­st aus.

 

Kor­rek­turen

* Hier stand ursprünglich fälschlicher­weise „Län­der“, danke an Jan Wohlge­muth für den Hin­weis.

 

AKTION LEBENDIGES DEUTSCH (2005) Das Sam­mel­beck­en der Weltlit­er­atur? [Link]

ANONYM (Johann Got­tfried Herder) (1778) Volk­slieder. Bd. 1. Wey­gand­sche Buch­hand­lung. [Google Books Vol­lzu­griff]

ANONYM (Johann Got­tfried Herder) (1779) Volk­slieder. Bd. 2. Wey­gand­sche Buch­hand­lung. [Google Books Vol­lzu­griff]

DE CHÉZY, Antoine L. (1815) Cours de langue et de lit­téra­ture San­skrite. Paris: Eber­hart. [Google Books Vol­lan­sicht]

ENCYCLOPAEDIA BRITANNICA ONLINE (2010) August Wil­helm von Schlegel. Stand vom 5. März 2010 [Link]

ENCYCLOPAEDIA BRITANNICA ONLINE (2010) Willam Shake­speare. Stand vom 5. März 2010 [Link]

MÜLLER, Johann von (Hg., 1807) Stim­men der Voelk­er in Liedern. Gesam­melt, geord­net, zum Theil uebere­set­zt von Johann Got­tfried von Herder. Tübin­gen: Cotta’sche Buch­hand­lung [Google Books Vol­lzu­griff]

UNESCO (1932–) Index Trans­la­tion­um. [Link]

WILKINS, Charles (1808) Gram­mar of the San­skri­ta Lan­guage. Lon­don: Bul­mer. [Google Books Vol­lzu­griff]

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

17 Gedanken zu „Weltliterarische Illusionen

  1. Jan Wohlgemuth

    > Top Ten der über­set­zungs­freudig­sten Län­der
    Da sind aber *Sprachen* genan­nt. Da vorher von NAtion­al­bib­lio­theken die Rede war, gehe ich mal davon aus, dass es auch um Län­der gehen soll.

  2. Anatol Stefanowitsch

    Län­der
    @Jan Wohlge­muth: Nein, es sind Sprachen, bzw. Sprachge­mein­schaften gemeint, ich habe das kor­rigiert. Die Sta­tis­tik führt keine Län­der auf.

  3. nömix

    Was mich an der Aktion Lebendi­ges Deutsch schon sein­erzeit (als die etwa forderten, den garsti­gen englis­chen Begriff “Airbag” durch den wesentlich hüb­scheren deutschen “Prall­sack” zu erset­zen, oder etwa zur Suche nach deutschen Alter­na­tiv­en für die Begriffe “online/offline” aufriefen) befremdete, war, dass ein­er der Aktivis­ten dort Wolf Schnei­der ist, näm­lich eine der renom­miertesten und kom­pe­ten­testen Instanzen für “gutes Deutsch” und Sprachkul­tur über­haupt. Sein Stan­dard­w­erk “Deutsch für Profis” sollte eigentlich für jed­er­mann, der schreibt und veröf­fentlicht, als Richtlin­ie dienen. Ein Mann also, dessen Wirken ich über die Maßen schätze. Umso unver­ständlich­er, warum sich der als ein­er der Expo­nen­ten dieser obskuren Aktion für solcher­lei Fax­en engagiert.

  4. Alberto Green

    Fremd­sprachenken­nt­nisse
    Wenn alles Mögliche ins Deutsche über­set­zt wird, sollte man doch nicht damit angeben; heißt es doch auch, dass unsere Fremd­sprachenken­nt­nisse so schlecht sind, dass wir sog­ar eine Über­set­zung für die Bedi­enungsan­leitung des Klopa­piers brauchen.

  5. Patrick Schulz

    Ich bezwei­fle, dass man von der Anzahl der Über­set­zun­gen über­haupt auf die Anzahl des in der Sprache ver­füg­baren Wis­sens schliessen kann. Dazu mal eine sim­ple, naive Beispiel­rech­nung:
    Es gibt 1000 Pub­lika­tio­nen in nativ deutsch­er Sprache und 2000 in englis­ch­er Sprache. Von den Deutschen wer­den 500 ins englis­che über­set­zt, macht 2500 Pub­lika­tio­nen in englis­ch­er Sprache. Von den englis­chen wer­den 1000 ins Deutsche über­set­zt, macht 2000 deutschsprachige Pub­lika­tio­nen. Obwohl die Anzahl der ins Deutsche über­set­zten englis­chen Schriften dop­pelt so hoch ist, wie die der ins englis­che über­set­zten deutschen Schriften, gibt es 500 Pub­lika­tio­nen in englis­ch­er Sprache mehr als es Pub­lika­tio­nen in Deutsch­er Sprache gibt, das heisst, wenn ich alle englis­chsprachige Lit­er­atur lese, weiß ich immer noch mehr, als wenn ich mich auf die deutschsprachige beschränk­te.

  6. Dierk

    Tja ja. Wir Deutsche über­set­zen also beson­ders viel, möglicher­weise, weil wir zu faul und zu dumm sind andere Sprachen und Kul­turen zu ler­nen. Vielle­icht aber auch, weil wir im Gegen­teil, das Fremde ken­nen ler­nen wollen — natür­lich durch das Spiegelk­a­bi­nett deutsch­er Über­set­zerköpfe. Eine qual­i­ta­tive Einord­nung scheint mir aus den gegebe­nen Dat­en schw­er möglich. Obwohl … Wenn wir einen so hohen Bedarf an Büch­ern aus anderen Sprachen haben, zeigt das doch auch, dass unsere eigene Sprache nicht genug Intel­li­gentes her­vor­bringt?
    Was Rück­ert und seinen Über­set­zun­gen aus dem Ara­bis­chen und Per­sis­chen ange­ht, die Briten hat­ten ja u.a. Richard Bur­ton, die Fran­zosen Antoine Gal­land. Wer ein wenig über die Über­set­zung­sprax­is in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts ler­nen möchte, der sehe in Gus­tav Weils Vor­wort zur Neuau­flage sein­er Über­set­zung der Erzäh­lun­gen aus 1001 Nacht: ‘Ein damals viel gefeiert­er Schrift­steller wurde als Her­aus­ge­ber gewon­nen … und mein­er sich dem Urtexte gewis­senhaft anschließende Über­set­zung eine gefäl­lige Form zu geben. Schon dieser Umstand musste … nachteilig sein.’

  7. Frank Oswalt

    Quan­tität und Qual­ität
    Wenn man die Weltlit­er­atur nur durch Über­set­zun­gen ken­nen ler­nen will, muss sich außer­dem noch fra­gen, wie GUT die Über­set­zun­gen in die jew­eilige Sprahce sind. Ich habe den sub­jek­tiv­en Ein­druck, dass sich Über­set­zer in englisch-sprechen­den Län­dern sehr viel mehr Mühe geben als ihre deutsch-sprechen­den Kol­le­gen.
    Ich kon­nte z.B. mit Isabel Allen­des Büch­ern in der deutschen Über­set­zung immer recht wenig anfan­gen (und die kom­men mir noch nicht ein­mal extrem schlecht vor), in die englis­chen Über­set­zun­gen kann ich mihc viel bess­er ver­tiefen (wer kann, sollte die Büch­er aber im spanis­chen Orig­i­nal lesen).

  8. Der Schöngeist

    Wis­sen und Lit­er­atur
    @Patrick, aber es geht ja nicht um bloßes Wis­sen, son­dern um Lit­er­atur und Poe­sie. Ich kann mir vorstellen, daß die USA mehr Romane pro­duzieren als jedes andere Land, aber wenn ich nur die lese, kriege ich keinen Überblick über die Weltlit­er­atur (davon abge­se­hen, dass die meis­ten amerikanis­chen Romane auf den Müll gehören).
    Da lese ich doch lieber viele schöne deutsche Über­set­zun­gen. Und da wir Deutschen mehr kul­turelles Gespür haben als die Amerikan­er, bekomme ich dabei auch noch eine Auswahl wirk­lich wertvoller Büch­er zu lesen.

  9. Gareth

    @A.S.:
    Falls Sie wieder mal eine The­me­nan­re­gung brauchen, hat der VDS etwas anzu­bi­eten: “Die Anglo­manie und die Sprach­wis­senschaft”.

    Unbe­d­ingt! Meine Lieblings­be­haup­tung aus dem Artikel ist: “Was die (zumin­d­est schriftliche) Sprachen­vielfalt beein­trächtigt, ist die Begren­ztheit der Tas­tatur des Com­put­ers. Auf ihr ist wed­er aus­re­ichend Platz, um die vielle­icht ein­hun­dert (oder mehr) unter­schiedlichen Schrift- und diakri­tis­chen Zeichen der größeren (Alphabet-)Sprachen zu berück­sichti­gen, noch wer­den für kleinere Sprachen über­haupt die erforder­lichen Zeichen vorge­se­hen. All das begün­stigt die ver­bre­it­et­ste Sprache und deren Zeichen­vor­rat, das Englis­che.” Denn das ist schlichtweg falsch. Ich weiß nicht, wie klein die Sprachen sein müssen, aber sog­ar das Färöis­che hat ein eigenes Tas­taturlay­out und ist mit etwa 60.000 Mut­ter­sprach­lern sich­er als rel­a­tiv kleine Sprache zu beze­ich­nen. Davon abge­se­hen sind aber natür­lich auch noch ganz viele andere inter­es­sante (und nicht weniger däm­liche) Behaup­tun­gen in dem Artikel zu find­en.

  10. Gareth

    Eigentlich geht es ja jet­zt gar nicht um den ver­link­ten Artikel, aber was da aus der Mor­pholo­gie berichtet wird ist ja wirk­lich hanebüchen, fällt mir ger­ade auf. Graus.

  11. Kai Weber

    Umwege
    Ich hätte da noch etwas gegen die Argu­men­ta­tion der ALD anzufü­gen. Ger­ade im 18. und 19. Jahrhun­dert wur­den “Über­set­zun­gen” aus außereu­ropäis­chen Sprachen oft nicht aus dem Orig­i­nal ange­fer­tigt, son­dern aus lateinis­chen, franzö­sis­chen oder englis­chen Über­set­zun­gen! Immer­hin war man manch­mal so ehrlich, dann nicht mehr von “Über­set­zun­gen”, son­dern von “Nachdich­tun­gen” zu sprechen. Aus­gerech­net Rück­ert hat man ange­führt. Der ist da das beste Beispiel. Rück­ert war als Pro­fes­sor für asi­atis­che Sprachen für alles zuständig, was zwis­chen der Türkei und Japan liegt. Dass er dabei die wenig­sten Sprachen in diesem Raum wirk­lich beherrschte, kann man sich denken — mit ein­er solchen Spanne wäre ein­fach jed­er über­fordert. Deshalb hat Rück­ert dann auch lieber nachgedichtet und als Quelle Über­set­zun­gen aus den oben genan­nten europäis­chen Sprachen zugrunde gelegt.
    Mich wun­dert übri­gens, dass Goethe nicht genan­nt wird. Der Dichter­fürst hat’s sicher­lich nur von Herder über­nom­men, sich aber auch häu­fig darüber aus­ge­lassen, dass das Deutsche ja so unglaublich gut geeignet sei, fremde Sprachen und fremde Denkweisen nachzuempfind­en. Er hat also nicht nur mit Quan­tität, son­dern auch mit vorge­blich­er (deutsch­er Sprach-)Qualität argu­men­tiert.

  12. David

    @ke Muß ich mal lesen, ger­ade geht’s aber nicht. Dum­mer­weise bezeugt schon die Behaup­tung, die “Deutsche Sprach­welt” sei die Zeitschrift des “Vere­ins Deutsche Sprache” mal wieder einen ärg­er­lichen Man­gel an grundle­gen­der Recherche.

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