z.Zt. erkrankt

Auf der Ger­man­is­tik-Home­page der Uni Ham­burg habe ich fol­gen­den Hin­weis gefun­den:

z.Zt. erkrankt? Irgend­wie kam’s mir komisch vor …

… und ich weiß auch, warum. Es hat mit der soge­nan­nten “Aktion­sart” von erkranken zu tun.

Man kann Ver­ben nach ihrer Bedeu­tung in zwei Grup­pen teilen: Gruppe 1 beste­ht aus Ver­ben, die einen Zus­tand oder gle­ich­bleiben­den Vor­gang beze­ich­nen. Man nen­nt sie auch “atelisch” (‘ohne Ziel’). Dazu gehören Ver­ben wie schlafen, essen oder blühen. Sie erstreck­en sich über einen län­geren Zeitraum und man betra­chtet die Hand­lung im Ver­lauf.

Gruppe 2 beste­ht aus Ver­ben, bei denen Anfang oder Ende der Hand­lung im Verb steckt (“telisch”). Dazu gehören z.B. ein­schlafen (der Beginn des Schlafens wird betont) und aufessen (essen bis nichts mehr da ist – also das Ende des Essens). Hier kann man u.a. unter­schei­den, ob nun der Anfang (“inchoa­t­iv”, z.B. erblühen) oder das Ende im Verb steck­en (“resul­ta­tiv”, z.B. verblühen).

So, jet­zt wird’s wack­e­lig, denn ich bin in diesem seman­tis­chen Geschicht­en nicht so firm, wie ich’s gerne wäre. Hier meine Erk­lärung, woher mein Unbe­ha­gen bei z.Zt. erkrankt stammt:

z.Zt. beze­ich­net einen länger andauern­den Zus­tand, über dessen Anfang und Ende wir nichts wis­sen. erkranken ist aber ein telis­ches Verb, betont den Beginn der Krankheit und beschreibt ein Geschehen, das meist nur von kurz­er Dauer ist.

Wenn man es jet­zt, wie hier, im Par­tizip benutzt, also Sie ist erkrankt, drückt man aus, dass der Vor­gang des Erkrankens abgeschlossen ist und man wird ganz schnell schließen, dass die Mitar­bei­t­erin als Resul­tat daraus nun krank ist, also abso­lut das, was uns mit­geteilt wer­den soll.  Trotz­dem hängt noch der Krankheits­be­ginn mit drin und stört bei der Kom­bi­na­tion mit Zustän­den – man ver­sucht ihn zu berück­sichti­gen, denn irgend­wie scheint er ja wichtig zu sein, wenn genau diese Form gewählt wurde. Der lange Zus­tand, der in z.Zt. steckt, und der kurze Zus­tandswech­sel in erkrankt beißen sich.

18 Gedanken zu „z.Zt. erkrankt

  1. jan wohlgemuth

    Das beißt sich nicht. Wenn “erkranken” inchoa­t­iv ist, dann kann es auch ein Resul­tat dieses ‘anfan­gen, krank zu sein’ ein­treten, dann haben wir ein resul­ta­tives Per­fekt das besagt, ‘er ist krank gewor­den (und ist es immer noch)’.

  2. Kristin Beitragsautor

    The­o­retisch ja (ste­ht ja auch so am Anfang des let­zten Absatzes) — aber prak­tisch taucht in meinem Kopf eine Fehler­mel­dung auf, wenn ich ver­suche, das zu ver­ar­beit­en … ich hab’s auch an eini­gen anderen Leuten getestet, die es komisch fan­den.
    Find­est Du es völ­lig akzept­abel?
    (Es spricht ja einiges dafür, dass es für Teile der Sprecherge­mein­schaft akzept­abel ist, jemand hat es ja auch so auf die Inter­net­seite geschrieben und fand es nor­mal.)

  3. suz

    Ich finde es völ­lig akzept­abel (wenn das dein­er Mini-Umfrage zuträglich ist). Wenn ich sage “z.Zt. krank” ist das salop­per als “z.Zt. erkrankt”.

  4. suz

    Mag nur mein eigenes Sprachge­fühl sein, aber “krank” bin ich rel­a­tiv tem­porär, “erkrankt” bin ich möglicher­weise ohne abse­hbare Gesun­dung. In diesem Sinne würde ich dir wider­sprechen. “Erkrankt” würde so für eine Inter­pre­ta­tion sprechen, dass die Per­son ger­ade ‘am erkranken’ ist und wir wis­sen nicht, ob der Erkrankung­sprozess schon abgeschlossen ist.

  5. frank

    Ich finde bei­des akzept­abel, aber “krank” richtig(er). Bei “erkrankt” kön­nte man ja the­o­retisch schon wieder gesund sein 😉
    PS: Müsste es nicht “…in diesen seman­tis­chen Geschicht­en…” heißen?

  6. Sven Türpe

    Eine Übung für alle, die ab und zu schreiben: aus einem Text radikal Schnörkel wegstre­ichen, die man im Deutschen des Ern­stes, der Wis­senschaft, des Ein­drucks wegen hin­bläht und nur sagen, was ist. Keine Silbe mehr. Jedem sei sein Empfind­en gegön­nt, doch krank ist nicht salopp, nur schnörkel­los.

  7. Jens

    Ich finde es auch völ­lig akzept­abel. Eben­so andere, ähn­liche Kon­struk­tio­nen: die Pro­duk­tion ist derzeit eingeschlafen, wir sind momen­tan ein bißchen ins Straucheln gekom­men, die Begeis­terung hat sich zur Zeit etwas gelegt.

    (Lin­da find­et das alles übri­gens auch irgend­wie frag­würdig. Wenn es irgen­det­was regionales ist, würde ich dann wohl ein Nord-Süd-Gefälle ver­muten.)

  8. jan wohlgemuth

    Hm. Also mit “salopp” hat das m.M.n. nichts zu tun.
    “Er ist krank.” klingt für mich (ohne Kon­text) eher nach ein­er all­ge­meinen Aus­sage, qua­si ‘chro­nisch krank’ oder -je nach Ton­fall- auch nach ‘nicht ganz richtig im Kopf’.
    “Er ist erkrankt.” hinge­gen klingt da eher nach ein­er vorüberge­hen­den Angele­gen­heit.

  9. jennie

    was für ein inter­es­san­ter gedanke!!! lustig finde ich, dass ich am anfang 100% auf dein­er seite war, und die ganze zeit beim lesen dachte “auf jeden fall, mit ERkrankt assozi­iere ich auch nur das anfangssta­di­um ein­er krankheit, das irgend­wann abgeschlossen ist und in den zus­tand des ‘eigentlichen’ krank­seins überge­ht”. aber dann hab ich den kom­men­tar von suz gele­sen und muss zugeben, dass dieser aspekt für mich auch noch dabei ist — bei “krank” denke ich an erkäl­tung, magen-darm-sache etc., eben etwas, das wenig gefährlich ist und in abse­hbar­er zeit wieder weg ist. “erkrankt” klingt eher, als ob man nicht genau weiß, wann das wieder vor­bei ist, wie schw­er die fol­gen sein wer­den, was es über­haupt ist etc. hab also lei­der keine schlussfol­gerung (wie auch?), unter­stütze aber kristin auf jeden fall… 🙂

  10. fabian

    Ich mag ja die Spitzfind­igkeit­en der Lin­guis­tik, aber ich finde das ein klein biss­chen *zu* spitzfind­ig. Ich finde diese Form völ­lig akzept­abel und es klingt bess­er als wenn da stünde “z. Zt. krank” oder etwas ähn­lich­es.

    Soweit meine uner­he­blichen EUR 0,02 dazu.

  11. kreetrapper

    Ich finde “erkrankt” in diesem Zusam­men­hang auch über­haupt nicht merk­würdig. Wie einige andere Kom­men­ta­toren sehe ich den Unter­schied zu “krank” im wesentlichen im Reg­is­ter.

    Am Rande bemerkt: Aus irgen­deinem Grund (der ver­mut­lich nichts Gutes über mich aus­sagt) hat mich die For­mulierung “z. Zt. erkrankt” übri­gens an eine ähn­liche For­mulierung erin­nert, die einem beim Lesen von Blogs zum The­ma amerikanis­che Super­helden-Comics häu­figer begeg­net, näm­lich: “zur Zeit tot” bzw. “cur­rent­ly dead” (siehe z.B. diese Liste). Da ich mich inzwis­chen seman­tisch sog­ar daran schon gewöh­nt habe, kann mich “zur Zeit erkrankt” natür­lich gar nicht schock­en.

  12. Ikke

    Höflichkeit geht vor Seman­tik, in diesem Fall, mein­er Mei­n­ung nach. Völ­lig in Ord­nung so.

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