April, April

Wie jedes Jahr präsen­tiere ich auch heute vier schein­bare Aprilscherze zum The­ma „Sprache“, von denen aber drei die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit sind. Wer find­et den echt­en Aprilscherz?

  1. Die USA haben keine Amtssprache, aber viele Bun­desstaat­en haben inzwis­chen das Englis­che geset­zlich ver­ankert. Einen Son­der­weg ging dabei Illi­nois: Dort wurde Englisch 1923 ver­boten und statt dessen das „Amerikanis­che“ zur Amtssprache erk­lärt. Erst seit 1969 dür­fen die Amts­geschäfte dort wieder auf „Englisch“ geführt wer­den.
  2. Die Intol­er­anz der Amerikan­er gegenüber Fremd­sprachen ist ja fast sprich­wörtlich. Der Sen­a­tor Ver­non Good­win aus Wis­con­sin ist aber ein extremes Beispiel: 1992 brachte er einen Geset­ze­sen­twurf ein, der es ver­bi­eten sollte, auf dem Gebi­et der USA Esperan­to zu sprechen, zu schreiben oder zu lesen. Esperan­to sein „unamerikanisch“ und ver­führe zu „inter­na­tionalem Denken und Han­deln“.
  3. Das Afro-Amerikanis­che Englisch, das uns Deutschen haupt­säch­lich aus der Hip-Hop-Musik bekan­nt sein dürfte, stellt die Amerikan­er schein­bar vor große Ver­ständi­gung­sprob­leme: 1996 beschloss das Oak­land School Board, dass das Afro-Amerikanis­ches Englisch „eine genetis­che Grund­lage hat und kein Dialekt des Englis­chen ist“, und dass Afro-Amerikan­er deshalb Englisch als Fremd­sprache ler­nen sollen.
  4. Wir alle wis­sen, dass die Amerikan­er nach der Weigerung Frankre­ichs, sich am zweit­en Golfkrieg zu beteili­gen, die French fries (Pommes frites) in „Free­dom Fries“ umbe­nan­nten. Dieser kuli­nar­ische Patri­o­tismus hat eine lange Tra­di­tion: Schon im Ersten Weltkrieg hat man das sauer­kraut zu „lib­er­ty cab­bage“ umbe­nan­nt, da man den Bürg­ern Wörter aus der Sprache des Kriegs­geg­n­ers Deutsch­land nicht zumuten wollte.

Wie in den Vor­jahren gilt: Sie dür­fen Ihre Ver­mu­tun­gen in den Kom­mentaren
äußern, aber bitte tun Sie dies so, dass Sie anderen nicht den Rates­paß
verder­ben. Das heißt z.B.: Bitte keine Verknüp­fun­gen auf Wikipedia oder
son­stige Nach­schlagew­erke.

Nach­trag: Die Auflö­sung des diesjähri­gen Aprilscherzes find­en Sie hier.

Die Aprilscherze der Vor­jahre im Bre­mer
Sprach­blog: 2007,
2008,
2009.

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

33 Gedanken zu „April, April

  1. Lars Fischer

    Ich tippe
    auf Num­mer vier, nicht ohne mah­nend darauf hinzuweisen, dass der­ar­tiger Unfug eines Wis­senschafts­blogs natür­lich völ­lig unwürdig ist und auf den SciLogs eigentlich nichts zu suchen hat.

  2. kreetrapper

    Während des Lesens dachte ich erst, es sei zwei, aber das war, bevor ich das let­zte gele­sen hat­te. Ich tippe also wie Lars Fis­ch­er auf Num­mer 4.
    btw: Ich hat­te den 1. April mal wieder über­haupt nicht auf dem Radar, aber dann las ich bei tagesschau.de, daß die ICANN heute das Inter­net abschal­ten will. http://bit.ly/cz2Klt

  3. Simone

    Esperan­to
    Ich tippe auf Num­mer 2: um Esperan­to ver­bi­eten zu wollen, müsste man zuerst mal wis­sen, dass so etwas existiert. Beim man­gel­nden Inter­esse der Amerikan­er für alles nicht-amerikanis­che kann ich mir nicht vorstellen, dass Ver­non Good­win über­haupt je von Esperan­to gehört hat.

  4. Achim

    harte Nuss
    Zuzu­trauen ist dem land of the free & home of the brave ja alles. Ich tippe auf Nr. 2.

  5. Frank Oswalt

    Illi­nois…
    Ich tippe auf Nr. 1 — Illi­nois mag prov­inziell sein, aber selb­st dort wird man wis­sen, dass “Englisch” und “Amerikanisch” dieselbe Sprache sind.

  6. Frank Oswalt

    Nach­trag
    …bzw., dass es dieselbe Sprache wäre, wenn es über­haupt eine Sprach gäbe, die “Amerikanisch” heißt.

  7. YeRainbow

    Tip: Num­mer 3
    alldieweil die Amis ja wirk­lich lange an die genetis­chen Dis­po­si­tio­nen nach “Rasse” und “Schicht” glaubten.
    So wie es aussieht, auch heute noch heim­lich glauben, es nur nicht mehr ganz so laut zugeben — daher der Drang nach pc, rein­er For­mal­is­mus.

  8. Jan

    Num­mer 4…
    … und finde es eigentlich arg schlimm, dass ich Nr. 3 (wie die meis­ten anderen auch) für plau­si­bel halte 😉

  9. Sven

    Es muss Nr. 3 sein, so etwas würde kein Poli­tik­er offen sagen, auch, wenn er es denkt.

  10. Anatol Stefanowitsch

    @ Lars Fis­ch­er
    Lieber Lars, danke für deinen Kom­men­tar!
    Ein mah­nen­der Ton­fall ver­hin­dert aber, dass wir einan­der ver­ste­hen! Nur durch einen respek­tvollen Umgang miteinan­der kön­nen wir ler­nen, dass alle Ideen gle­ich viel Wert sind! Egal wer sie hat! Vorurteile und Äng­ste gegenüber Unfug wer­den von den Vertretern der Wis­senschaftlichkeit konkret geschürt! Beein­druck­end finde ich dage­gen die Vertreter des Unfugs, die zudem mehr Kinder kriegen!
    Beste Grüße!

  11. foster

    Esperan­to
    Mit kommts eben­falls zu unre­al­is­tisch vor, dass jemand aus­gerech­net Esperan­to ver­boten sehen will. Auch wirkt die Begrün­dung kon­stru­iert. Die Formel vom “inter­na­tionales Denken” passt für mein Gefühl ein­fach nicht zum Sprachge­brauch eines (solchen) Amis.
    Deshalb: Nr.2

  12. stefanp

    Real­ität über­trifft jeden Aprilscherz
    Ich habe kurz zu meinem Favoriten recher­chiert und stieß prompt darauf, dass er kein April-Scherz sei. Im Zuge dessen habe ich aber auch weit­eres inter­es­santes gefun­den. Zu Beginn des let­zten Jahrhun­derts wurde in den meis­ten US-Staat­en ins­beson­dere Deutsch von den Lehrplä­nen gestrichen und 1919 wurde in Nebras­ka sog­ar das Benutzen von Fremd­sprachen in der Öffentlichkeit geset­zlich ver­boten. In weit­eren Bun­desstaat­en im mit­tleren West­en gab es ähn­liche Bestre­bun­gen. Ins­ge­samt sollen bis zu 18.000 Men­schen wegen des Ver­stoßes gegen die “Eng­lish only”-Gesetze angeklagt wor­den sein — bis in den 1920er Jahren der ober­ste Gericht­shof der USA sämtliche der­ar­tige Geset­ze kippte.

  13. Dennis M.

    Mein Tipp:
    Num­mer 1, ein­fach so ins Blaue hinein. An Lars Fis­ch­er (Kom­men­tar zwo) möchte ich noch fol­gen­des richt­en: Mim­im­im­i­mi…

  14. jennie

    ganz bes­timmt…
    … ist der vierte vorschlag der aprilscherz. “lib­er­ty cab­bage” wäre den amis doch viel zu lang/kompliziert, was die aussprache ange­ht, oder?

  15. Armin

    Amerikanisch -vs- Englisch
    @Frank Oswalt,
    na ja, wer behauptet Amerikanisch und Englisch waeren die gle­iche Sprache glaubt auch Deutsch und Bayrisch waeren eine Sprache. Da gibt’s schon gewaltige Unter­schiede.
    #4 halte ich fuer dur­chaus denkbar, denn solche Sachen gibt’s tat­saech­lich schon laenger: In Gross­bri­tan­nien wurde der Deutsche Schae­fer­hund (Ger­man Shep­herd) kurz nach dem ersten Weltkrieg in Alsa­t­ian umbe­nan­nt. Mit dem “Ger­man” im Namen hat­ten die Zuechter Angst die Hunde wuer­den sich nicht verkaufen. Inzwis­chen heis­sen sie allerd­ings wieder Ger­man Shep­herd.

  16. Kristin

    2 oder 3
    Ich kann mich nicht zwis­chen 2 und 3 entschei­den, 1 und 4 hinge­gen halte ich für hochgr­a­dig plau­si­bel (eines davon kommt mir auch bekan­nt vor). Jet­zt gehe ich erst­mal googlen …

  17. Peer

    Ich tippe auf #4, der­ar­tige Sprach­spiele sind imho neuer­er Machart (und ich meine ich hätte das damals mal als Witz gele­sen)

  18. suz

    Ich tippe auf 1.
    Nr. 4 wird tat­säch­lich wahr sein — Umbe­nen­nun­gen der gle­ichen Art haben mehr als nur ein his­torisches Beispiel.

  19. Brenda

    #4 ist es defin­i­tiv nicht (die Geschichte hab ich schon mal gehört und ist, so weit wie ich weiss, wahr). #1 und #3 haben wenig­stens ein Kern von Wahrheit: es gibt schon lange Diskus­sio­nen über Afro-Amerikanis­ches Englisch und ob man dessen Sprech­er die Stan­dard­sprache extra beib­rin­gen muss. #1 ist über­trieben, aber die Unter­schiede zwis­chen den amerikanis­chen und britis­chen Vari­anten sind spür­bar genug, dass man sie manch­mal auseinan­der­hal­ten will. Übri­gens finde ich immer häu­figer deutsche Büch­er, wo es ste­ht “aus dem Amerikanis­chen über­set­zt von xxx”, also offen­sichtlich kommt die Beze­ich­nung nicht nur in den USA vor.
    Ich tippe also (per Auss­chlussver­fahren) auf #2.

  20. Wolfgang Hömig-Groß

    Ich tippe eben­falls …
    auf die 2, bei 4 zuckt bei mir noch nicht mal kurz der Zweifel, das glaub ich unbe­se­hen.

  21. Helga

    Auf Anhieb schien mir #4 der Tre­f­fer zu sein. Bei etwas mehr Nach­denken kam ich aber ins Wack­eln. Ich halte endgültig #3 für den Aprilscherz.

  22. Joe

    Der Aprilscherz ist ein­deutig der Kom­men­tar am Anfang von Lars Fis­ch­er. Kein Men­sch kann wirk­lich so klein­lich sein! 😉

  23. Stefan

    Ich tippe auf 2.
    Nicht in Google oder wikipedia oder in die Kom­mentare geschaut.

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