Klassenlose Sprache

Ich lese ger­ade Craig Rus­sels The Valkyrie Song (dt. „Walküre“), das seit zwei Jahren unge­le­sen in meinem Bücher­re­gal stand, und obwohl ich das Gefühl habe, dass der Autor ein wenig das Inter­esse an seinem Ham­burg­er Kom­mis­sar Jan Fabel ver­loren hat und der Roman atmo­sphärisch nicht ganz an seine vier Vorgänger Blood Eagle („Blu­tadler“), Broth­er Grimm („Wolfs­fährte“), Eter­nal („Brand­mal“) und The Car­ni­val Mas­ter („Carneval“) her­an­re­icht, macht es mir wieder großen Spaß, meine Heimat­stadt durch die Augen eines britis­chen Krim­i­nalschrift­stellers und für ein inter­na­tionales Pub­likum auf­bere­it­et zu erleben.

Rus­sel ken­nt nicht nur Ham­burg gut, auch bei sein­er Ver­wen­dung deutsch­er Wörter und Sprach­schnipsel unter­laufen ihm sel­ten die Fehler, die man son­st häu­fig sieht, wenn Schriftsteller/innen fremde Sprachen ver­wen­den, um ihrem Text Lokalkolorit zu ver­lei­hen.

Das ist auch in The Valkyrie Song nicht anders, wo er dieses Stilmit­tel allerd­ings auch weniger stark ein­set­zt als in den vorherge­hen­den Roma­nen. Dafür unter­läuft ihm auf ein­er abstrak­teren Ebene ein sprach­wis­senschaftlich­er Fehler, der zwar mein Lesev­ergnü­gen nicht geschmälert hat, der aber trotz­dem inter­es­sant ist. Im vierten Kapi­tel schreibt er an ein­er Stelle Fol­gen­des, wobei es mir um den her­vorge­hobe­nen Satz geht:

Sarah West­land was dressed very expen­sive­ly but with what Fabel per­ceived as a vague lack of style. When she spoke to acknowl­edge his greet­ing, he detect­ed some kind of British region­al accent, but he couldn’t work out quite where from. Eng­lish was the only lan­guage in Europe that had ‘social’ accents as well as region­al ones and, at one time, Fabe had had a knack of pin­ning down an Englishman’s ori­gin and social class from his accent.

Die Behaup­tung, nur im Englis­chen gebe es „soziale Akzente“ ist falsch, und wenn man einen Augen­blick darüber nach­denkt, wie inner­halb ein­er Sprache Aussprachevari­anten entste­hen, ist auch klar, warum sie nicht stim­men kann. Sprach­liche Vari­etäten entste­hen über­all dort, wo bes­timmte Grup­pen von Sprech­ern häu­figer untere­inan­der kom­mu­nizieren als mit Sprech­ern außer­halb dieser Gruppe. Verän­derun­gen in der Aussprache (wie auch im Sprach­sys­tem ins­ge­samt) set­zen sich schneller und gründlich­er inner­halb solch­er Grup­pen durch als über Grup­pen­gren­zen hin­weg, und so läuft der Sprach­wan­del inner­halb ein­er jeden solchen Gruppe leicht unter­schiedlich ab. Hinzu kommt, dass die dabei entste­hen­den Vari­a­tio­nen der jew­eili­gen Gruppe als Iden­ti­fika­tions­fak­tor dienen kön­nen und Unter­schiede zu benach­barten Grup­pen deshalb möglicher­weise mehr oder weniger bewußt gepflegt wer­den.

Solche Grup­pen kön­nen natür­lich region­al definiert sein. Man spricht mit den Men­schen in der unmit­tel­baren Umge­bung mehr als mit Men­schen, die weit­er weg leben. Sie kön­nen aber eben­sogut funk­tion­al definiert sein: Auch in unser­er direk­ten Umge­bung rede wir mehr und häu­figer mit Men­schen, die uns ähn­lich sind, z.B. was ihren Bil­dungs­grad, ihre beru­flichen Qual­i­fika­tio­nen, ihr Einkom­men, usw. bet­rifft, und so bilden sich auch inner­halb dieser Zusam­men­hänge sprach­liche Vari­anten her­aus. Für diese Vari­anten gibt es einen Fach­be­griff: Sozi­olekt.

The­o­retisch wäre eine Sprache ohne Sozi­olek­te denkbar: Sie müsste in ein­er Sprachge­mein­schaft gesprochen wer­den, in der es keine sozialen Unter­schiede gibt. Solche Sprachge­mein­schaften mag es geben, aber keine der großen europäis­chen Sprachge­mein­schaften gehört dazu.

Besten­falls würde man erwarten, dass es in ein­er Sprachge­mein­schaft mit einem rel­a­tiv rigi­den Klassen­sys­tem, wie wir es in Großbri­tan­nien (noch) find­en, stärk­er aus­d­if­feren­zierte Sozi­olek­te gibt als in ein­er Sprachge­mein­schaft mit ein­er rel­a­tiv durch­läs­si­gen sozialen Schich­tung, wie es etwa Deutsch­land ist. Ob das tat­säch­lich so ist, kon­nte ich anhand der Forschungslit­er­atur nicht beurteilen (Hin­weise auf entsprechende Stu­di­en sind wilkom­men).

Bei der Recherche bin ich aber auf fol­gen­des Inter­view mit Zadie Smith gestoßen, in dem die Interviewer/innen Ste­fanie Flamm und Ver­e­na May­er eben­falls behaupten, dass es im Deutschen keine Sozi­olek­te gebe (ihre Aus­sagen sind hier kur­siv geset­zt, dazwis­chen ste­hen Zadie Smiths zu Recht ungläu­bige Zwis­chen­fra­gen):

Auf Deutsche wirkt das britis­che Klassen­sys­tem immer sehr befremdlich.

Sys­tem ist ein hartes Wort. Es ist etwas Organ­is­ches, selb­st aufer­legt, so wie es in Deutsch­land ja auch Leute gibt, die so sprechen, und solche, die so sprechen. Klasse ist Klasse, oder nicht?

Nein, in Deutsch­land gibt es vor allem regionale Akzente, an denen sich keine Schichtzuge­hörigkeit able­sen lässt.

Ihr habt keine Klasse­nakzente? Ihr kön­nt nicht durch Berlin gehen und an der Aussprache erken­nen, ob jemand Arbeit­er ist?

Man kann höch­stens Ost und West unter­schei­den. [Flamm/Mayer 2007]

 

Flamm, Ste­fanie und Ver­e­na May­er (2007) Mein Inneres inter­essiert mich nicht (Inter­view mit Zadie Smith), Tagesspiegel, 21. Juni 2007 [Link]

Rus­sel, Craig (2008) The Valkyrie Song. Lon­don, Ran­dom House [Web­seite des Autors zum Roman]

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[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

20 Gedanken zu „Klassenlose Sprache

  1. Muriel

    Erin­nert mich vage an den Vater, der zwei Bay­ern reden hört und zu seinem Sohn sagt: “Eeschen­lisch schade, dass mir keen Dialekt ham.”

  2. domingos

    Dialekt und Sozi­olekt
    Ich würde fast behaupten, das ganze hängt weniger von der Schicht ab als vom Bil­dung­sh­in­ter­grund. Wichtig dabei ist, dass Sozi­oloekt und Dialekt sich weit­ge­hend deck­en: die gehobe­nen Schicht­en sprechen ten­den­tiell weniger Dialekt als die unteren Schicht­en. Dass die deutsche Gesellschaft sozial durch­läs­siger ist als andere, wage ich zu bezweifeln. Die Klassen sind hier eher informell.

  3. nata

    Sie fall­en nicht so auf
    Inter­es­san­ter Beitrag, über den ich sicher­lich in den näch­sten Tagen noch nach­denken werde. Spon­tan fällt mir dazu ein: Mein­er Ansicht nach sind die sozialen Grup­pen in Deutsch­land weniger homogen als in GB und vie­len anderen Län­dern. Das spiegelt sich in den Sozi­olek­ten wider. Sie sind längst nicht so stark aus­geprägt wie die regionalen Dialek­te und fall­en im Ver­gle­ich zu diesen weniger auf.

  4. Gareth

    Ich würde schon sagen, dass es deut­liche Unter­schiede zwis­chen Sozi­olekt und Dialekt gibt. Ich bin in Essen aufgewach­sen, was sich deut­lich auf meine Aussprache aus­gewirkt hat (z.B. [bəˈlaχ] für Belag, [rat] für Rad etc.) und spreche auch fast aus­nahm­s­los so, außer ich lese etwas vor. Man kann also ganz leicht an der Aussprache erken­nen, wo ich aufgewach­sen bin.
    Den­noch spreche ich anders als z.B. meine ehe­ma­li­gen Schulkol­le­gen, die aus klas­sis­chen Arbeit­er­fam­i­lien kam, wie sie im Ruhrge­bi­et doch noch rel­a­tiv häu­fig gibt. Deren Dia-/Sozi­olekt war nicht nur durch Aussprache son­dern vor allem auch durch nicht-stan­dard­liche Gram­matik gekennze­ich­net (dem sein Fahrrad, geh nach Opa etc.), was ich auch deut­lich wahrgenom­men habe, obwohl ich die Wörter iden­tisch ausspreche.

  5. David

    @Gareth: Ja, etwas ähn­lich­es ging mir auch schon durch den Kopf. Diese Frage aus dem Inter­view:

    Ihr habt keine Klasse­nakzente? Ihr kön­nt nicht durch Berlin gehen und an der Aussprache erken­nen, ob jemand Arbeit­er ist?

    Kann ich eigentlich klar beant­worten mit einem “nein, kann ich nicht”, jeden­falls nicht zuver­läs­sig und am Akzent. Und nicht nur, was Berlin anbe­langt.

  6. Wentus

    Schüler­sprache oder Kanakisch
    Die Wörter, die von Schülern benutzt wer­den, ändern sich doch ein­deutig über die Jahre. Das ist dann also ein Sozi­olekt, auch wenn es sich weniger auf die soziale Klasse als auf eine Alter­sklasse bezieht.
    Ähn­lich kann man aber in Berlin-Neukölln beobacht­en, dass die deutschen Schüler die Aussprache des “Kanakischen” annehmen, also der Mis­chsprache, die sich aus Türkisch, Ara­bisch, Deutsch und anderen Sprachen entwick­elt hat. Kana Yanar schafft es auf der Bühne sehr gut, sie nachzuah­men.
    Dort kann man dann ein­deutig erken­nen, ob ein Schüler auf ein “besseres” Gym­na­si­um gegan­gen ist, oder eine Hauptschule besucht hat.

  7. Gareth

    Dort kann man dann ein­deutig erken­nen, ob ein Schüler auf ein “besseres” Gym­na­si­um gegan­gen ist, oder eine Hauptschule besucht hat.

    Aber doch nicht an der Aussprache. Es gibt genau­so gut Abi­turi­en­ten türkisch­er oder ara­bis­ch­er Herkun­ft, die statt [ɪç] eher [ɪʃ] sagen. In Teilen des Rhein­lands wäre das ja dann z.B. eh die nor­male dialek­tale Aussprache.
    Von Aussprache auf die Klasse zu schließen halte ich im Deutschen für kaum oder über­haupt nicht möglich, anders als z.B. im Englis­chen.

  8. Gareth

    PS. Rad spreche ich natür­lich [ʁat] aus und nicht [rat], das war ein Tippfehler.

  9. Kai Weber

    kom­plizierte Lage
    Dass es im Deutschen und anderen europäis­chen Sprachen Sozi­olek­te eben­so gibt wie in Großbri­tan­nien kann sich­er nicht bezweifelt wer­den. Ich schließe mich aber dem Zweifel der anderen Kommentator/innen an, dass sich in Deutsch­land die soziale Zuge­hörigkeit ein­er Per­son aus einem Einzelphänomen wie der Aussprache mit ein­er sta­tis­tisch sig­nifikan­ten Ver­lässlichkeit able­sen lässt. Denn es sind ja nicht nur die soziale Herkun­ft, die meine Sprech­weise prä­gen, son­dern auch das Medi­um, der Kon­text, die emo­tionale Ver­fas­sung, der geografis­che Ort, an dem sich Sprech­er und/oder Adres­sat befind­en etc. Und wenn ich eine empirisch vor mir ste­hende Einzelper­son sprechen höre, dann kann ich nicht zweifels­frei sagen, durch welchen dieser Fak­toren eine von mir wahrgenommene Ausspracheauf­fäl­ligkeit bed­ingt ist. Um jeman­den als Sozi­olek­t­sprech­er zu iden­ti­fizieren, bräuchte ich neben der Aussprache min­destens auch noch lexikalis­che und evtl. syn­tak­tis­che Hin­weise.

  10. Rushputin

    Schwieriges The­ma. Ich bin in der Tat der Mei­n­ung, dass die Unter­schei­dung Soziolekt/Dialekt im Deutschen schwierig ist, und der “Pres­tige-Unter­schied” zwis­chen Dialekt und Hochdeutsch entschei­den­der.
    Trotz­dem kommt man bei dem The­ma zu eini­gen inter­es­san­ten Beobach­tun­gen. Beispiel­sweise habe ich kür­zlich eine Nachricht­ensendung auf SWR-BW gese­hen: Der Sprech­er sprach Hochdeutsch, aber es war ein klein­er Rest an Dialekt her­auszuhören — wahrschein­lich kaum wahrzunehmen, wenn man dem Schwäbis­chen nicht (zumin­d­est pas­siv, so wie ich) mächtig ist. So wird dem Zuschauer qua­si ver­mit­telt “das ist ein­er von uns”, ohne dass “zu viel” regionale Prä­gung gezeigt wurde.
    Schließlich noch eine Kleinigkeit für die his­torisch Sprach­in­ter­essierten: Sozi­olek­te wur­den schon vor tausenden Jahren erkan­nt und analysiert. In akkadis­chen Wortlis­ten des Sumerischen (welch­es unter baby­lonis­ch­er Vorherrschaft eine ähn­liche Rolle ein­nahm wie Latein im europäis­chen Mit­te­lal­ter) wurde bere­its klar zwis­chen der Haupt­sprache eme-gir und der “Frauen­sprache” eme-sal unter­schieden.

  11. Gregor

    Selb­st­wahrnehmung
    Die Behaup­tung, in Eng­land spiel­ten Sozi­olek­te eine beson­ders wichtige Rolle (oder hät­ten sie zumin­d­est bis vor kurzem gespielt) höre ich ger­ade von Englän­dern immer wieder. Dazu gehört z. B. die Aus­sage, der Hochadel spräche ganz anders als das Volk, auch als die BBC und sei für Aus­län­der kaum zu ver­ste­hen. Lei­der habe ich das noch nicht über­prüfen kön­nen. Weiß jemand mehr?
    Vielle­icht gehen Englän­der aber auch davon aus, dass die Klassen in ihrem Lande stärk­er von einan­der abgeschot­tet sind als ander­swo. Ich würde domin­gos Recht geben. Bei uns sind die Klassen nicht unbe­d­ingt durch­läs­siger, sie sind nur nicht so homogen und sie bemühen sich vor allem, nicht als „Klasse“ zu gel­ten. Es ist schon schw­er genug, diese oberen Klassen in Deutsch­land über­haupt zu definieren. Meinen wir die super­re­ichen Quandts und Flicks oder die Man­ag­er großer Konz­erne, die Poli­tik­er oder jeden, der eine Uni besucht hat? Was Eng­land bet­rifft, so hat man zumin­d­est eine stereo­type Vorstel­lung davon, was die Oberk­lasse ist.
    Ich ver­mute, dass unsere Eliten noch nicht so lange „oben“ sind und darum keinen ein­heitlichen Sozi­olekt aus­ge­bildet haben. Zudem mögen auch noch regionale Iden­titäten eine starke Rolle spie­len.
    Und zum Schluss noch eine ket­zerische Frage: Ist das Man­ag­er-Kaud­er­welsch mit seinen zahlre­ichen Anglizis­men nicht so etwas wie eine Oberk­lassen­sprache? Ein Arbeit­er sagt sel­ten, er müsse seinen approach stream­li­nen.

  12. David

    Ist das Man­ag­er-Kaud­er­welsch mit seinen zahlre­ichen Anglizis­men nicht so etwas wie eine Oberk­lassen­sprache?

    Ich stelle mir ger­ade vor, wie der junge dynamis­che Man­ag­er bei ein­er Zigarre und einem Glas Rotwein nach einem gepflegten Din­ner mit dem Vater (Banki­er) sein­er Flamme über den pro­pos­al eines lan­gen und für alle stake­hold­er zu long term expec­ta­tions reich­haltiger rev­enues Anlaß geben­den com­pan­ion­ships mit dessen daugh­ter brain­stormt.

  13. Armin

    @Gregor “Sozi­olek­te” und Klassen im UK
    “Dazu gehört z. B. die Aus­sage, der Hochadel spräche ganz anders als das Volk, auch als die BBC und sei für Aus­län­der kaum zu ver­ste­hen.”
    Das halte ich fuer ein Geruecht. Dann muesste die Queen und ihre ganze Sippe oef­fentlich vol­lkom­men anders sprechen als pri­vat, was ich mir kaum vorstellen kann. Mal davon abge­se­hen dass die sich dann mit ihren Part­nern teil­weise nicht mehr ver­staendi­gen koen­nten, die sind doch heutzu­tage sehr oft auch “buerg­er­lich”.
    Den in Deutsch­land bekan­nten Stereo­typ der Englis­chen Oberk­lasse den Du erwaehnst wuerde ich auch mal stark anzweifeln. Klar gibt’s da noch welche von, aber das hat sich heutzu­tage auch ganz schoen gewan­delt. Die sind teil­weise ver­armt und leben auch nur von der Hand in den Mund, auf der anderen Seite gibt es Leute die “work­ing class” sind und Mil­lio­nen haben.
    Das inter­es­sante ist ja dass die Klassen­zuge­ho­erigkeit heutzu­tage weniger von Geld und aehn­lichen Sym­bol­en abhaengt son­dern viel mehr von der (Fam­i­lien-) Geschichte und einem dif­fusen schw­er zu erk­laeren­dem Wis­sen ein­er Klasse anzuge­ho­eren.
    Und nein, das Man­agerkaud­er­welsch mit seinen Buzz­words (ueber das was Du da als Anglizis­ten beschreib­st wird auch im UK oder den USA gemeck­ert, nur sind das da halt Buzz­words) ist keine Upper Class Sprache, son­dern Mid­dle Class. Da kom­men naem­lich die ganzen Man­ag­er die solche Sprache benutzen.

  14. H.M.Voynich

    @Armin
    “Das halte ich fuer ein Geruecht. Dann muesste die Queen und ihre ganze Sippe oef­fentlich vol­lkom­men anders sprechen als pri­vat”
    Ich halte das in dem Maße für richtig, wie Intellek­tuelle einen deut­lich größeren Wortschatz benutzen als der Stammtis­chbrud­er von nebe­nan, und sie auch im Gespräch untere­inan­der häu­fig unbe­dacht Fremd­worte benutzen, die sie in der Ansprache zum ein­fachen Volk bewußt ver­mei­den.

  15. Nika

    Buch über Sozi­olek­te
    Wenn ich ehrlich bin, habe ich über “Sozi­olek­te” noch nicht viel gehört, jedoch inter­essiert mich das The­ma sehr, da ich selb­st von Sprachen fasziniert bin und 3 Sprachen fließend spreche. Ich habe ein paar inter­es­sante Artikel zum The­ma gele­sen und würde gerne noch mehr darüber erfahren. Für Empfehlun­gen eines Buch­es, welch­es dieses The­ma behan­delt, wäre ich sehr dankbar.

  16. Gregor

    Kartof­fel im Mund?
    Ich habe über die Sprache des Hochadels gehört und gele­sen (wie gesagt, das mag auch so ein Mythos sein), dass sie ziem­lich genuschelt klingt, oder „wie mit ein­er Kartof­fel im Mund“. Die Queen soll tat­säch­lich anders reden, wenn sie öffentlich auftritt.
    Es ist wohl keine andere Sprache, son­dern nur eine andere Aussprache, und die kön­nen Mut­ter­sprach­ler wohl auch ver­ste­hen, wenn sie nicht „dazuge­hören“.
    Was die englis­che Klas­sen­ge­sellschaft ange­ht, so sollte man sich nicht von dem Begriff „bürg­er­lich“ ver­wirren lassen. In Eng­land gel­ten nur die Träger eines Titels (z.B. ein Graf) als adelig. Seine Kinder wer­den, solange Sie den Titel nicht geerbt haben, nur aus Höflichkeit entsprechend angere­det. Kinder von „zweit­en Söh­nen“ ohne Titel gel­ten als „bürg­er­lich“, gehören aber ander­er­seits dur­chaus zur Oberk­lasse, ken­nen die Regeln, sprechen die Sprache etc. Natür­lich gibt es auch in Eng­land soziale Mobil­ität, aber, so scheint es zumin­d­est von außen, die Gren­zen sind sicht­bar­er als bei uns.
    Ob deutsche Man­ag­er dem Mit­tel­stand zuzurech­nen sind oder der Oberk­lasse, müsste disku­tiert wer­den. Stu­di­en scheinen zu bele­gen, dass die soziale Herkun­ft bei Top-Man­agern eine wichtige Rolle spielt und eine beträchtliche Macht haben sie ja auch. Dass sie oft nicht eben intellek­tuell bril­lant, umfassend gebildet und moralisch gefes­tigt sind, und darum mehr wie raf­fgierige Kleingeis­ter wirken, ist eine andere Frage.
    http://www.spiegel.de/…ruf/0,1518,306425,00.html

  17. Armin

    Re: Kartof­fel im Mund
    “Es ist wohl keine andere Sprache, son­dern nur eine andere Aussprache, und die kön­nen Mut­ter­sprach­ler wohl auch ver­ste­hen, wenn sie nicht „dazuge­hören“.”
    Der Logik kann ich nicht so ganz fol­gen. Wieso sollen nur Mut­ter­sprach­ler das ver­ste­hen koen­nen?
    Ich bin kein Mut­ter­sprach­ler, kann aber schot­tis­chen Akzent/Dialekt im grossen und ganzen recht gut ver­ste­hen, etwas wom­it genue­gend Englaen­der Prob­leme haben. Sollte man da dieselbe Logik wie bei der (ange­blichen) Pri­vat­sprache der Queen anwen­den muesste das eigentlich ander­sherum sein.

  18. Gregor

    @ Armin
    Ich sage doch nicht, dass auss­chließlich Mut­ter­sprach­ler das ver­ste­hen kön­nen, und alle anderen nicht. Aber es fällt ihnen ver­mut­lich leichter.
    Weit­er oben sagte jemand, daß sich Queen & Co. ja gar nicht ver­ständlich machen kön­nten, wenn es diese Son­der­sprache wirk­lich gäbe und ich wollte nur sagen dass es so extrem nicht ist.
    Außer­dem behaupte ich auch nicht, das es sie wirk­lich gibt, ich höre das nur immer wieder von Englän­dern (neulich sagte mir z. B. ein­er, die Queen würde “house” wie “haiß” ausprechen…)und mich würde inter­essieren, ob es sich wirk­lich so ver­hält. Und wenn ja, ob es nur eine beson­dere Aussprache ist, ein Akzent oder was.

  19. Armin

    @Gregor Die Queen beim Sprechen
    Na, dann geh doch ein­fach zu YouTube, hier z.B.:



    Da kannst Du sie wun­der­bar anho­eren. Vor allem in eher “pri­vat­en” Momenten, wo sie ja laut dem was Dir erza­ehlt wird anders sprechen muesste. Tut sie aber nicht beson­ders, sehr aehn­liche Aussprache kann man auch ander­swo hoeren.

  20. Peter Perrey

    Social & Region­al Dialects
    Es gibt zum einen hin­re­ichend Fach­lit­er­atur zu den Unter­schieden zwis­chen Sozi­olekt und Regional­dialekt. Zum anderen ist der englis­che Begriff ‘accent’ nicht mit dem deutschen ‘Akzent’ deck­ungs­gle­ich; insofern ist die Frage “Ihr habt keine Klasse­nakzente?” entwed­er eine falsche Über­set­zung aus dem Englis­chen oder aber falschem Sprachge­brauch durch eine englis­che Mut­ter­sprach­lerin geschuldet. Drit­tens ist Schüler­sprache für die Wis­senschaft kein Sozi­olekt, son­dern eine Grup­pen­sprache, da die Schüler­schaft aller [!]Schulen eine Mis­chung aus Ange­höri­gen ver­schieden­er Schicht­en darstellt. Auch ist es nicht über­all in Deutsch­land so, dass das Ver­wen­den des Regional­dialek­ts mit Pres­tigev­er­lust und der Zuord­nung zu ein­er als “niedrig” betra­chteten Klasse ver­bun­den ist. Obwohl im UK der Begriff ‘class consciousness’noch immer eine gewisse Rolle spielt, kommt dem tat­säch­lichen Sprachge­brauch nicht mehr die Bedeu­tung zu, die er einst zu G.B. Shaws Zeit­en besaß. Die Vorstel­lung vom ‘Oxford Eng­lish’, wie sie gele­gentlich noch ältliche Ober­stu­di­en­räte ver­bre­it­en, kön­nen wir get­rost vergessen und der Gebrauch des ‘mil­i­tary-admin­is­tra­tive Eng­lish’ nimmt rapi­de ab, obwohl er, Ange­höri­gen des öffentlichen Dien­stes gegenüber angewen­det, selb­st heute nicht ohne Effekt bleibt, wie ich gele­gentlich erfahren durfte. Faz­it: Zwar gehen die “Sprach-Uhren” auf der Insel etwas anders als bei uns, doch gel­ten die wis­senschaftlichen Kat­e­gorien (sofern denn ‘false friends’ ver­mieden wer­den) sowohl hier als auch dort.

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