Sprachverfall in deutschen Wäldern

Ich bekomme nicht mehr soviel (physis­che und elek­tro­n­is­che) Post von Sprach­nör­glern wie zu meinen besten Sprach­nör­glernör­gler-Zeit­en, aber zwei- bis dreimal im Monat bekomme ich immer­noch E-Mails, und manch­mal sog­ar Briefe, in denen mir besorgte Mit­bürg­er ein­dringlichst den apoka­lyp­tis­chen Zus­tand der deutschen Sprache vor Augen führt und mich dann mehr oder weniger fre­undlich auf­fordern, meinen sprach­wis­senschaftlichen Häre­sien abzuschwören und mich endlich dem Kampf gegen die „Anglizis­men“ und das „Denglisch“ anzuschließen.

Dabei argu­men­tieren die Sprach­nör­gler häu­fig so klis­chee­haft, dass ich davon aus­ge­hen muss, es mit hin­ter­gründi­gen Par­o­di­en zu tun zu haben. Bei dieser hier in Auszü­gen wiedergegebe­nen E-Mail bin ich mir nicht sich­er:

Sehr geehrter Herr Pro­fes­sor,

Ihre Artikel auf der Spek­trum­seite lese ich mit Unwillen.

[Hier fol­gt eine Liste von Aus­sagen, die den Unwillen des Schreibers her­vorgerufen haben.]

Statt ihre Posi­tion zu nutzen, um den immer schnelleren Ver­fall der detuschen [sic] Sprache zu bekämpfen, gefall­en Sie sich in der Rolle des Experten, der ver­harm­lost, vertei­digt und sog­ar ver­her­rlicht, was das Englis­che der Sprache Goethes und Schillers antut.

Statt „Schlußverkauf“ heißt es heute allerorten „Sale“, der Infor­ma­tion­ss­chal­ter der Bahn heißt „Ser­vice Point“, […]

[Es fol­gt eine lange Liste von alt­bekan­nten „Anglizis­men“ aus Funk und Fernse­hen.]

Wußten Sie, daß deutsche Kinder nicht ein­mal mehr wis­sen, wie ein junges Reh heißt? Statt von „Rehk­itzen“ sprechen sie von „Rehkids“!

Has­sen Sie Deutsch­land so sehr? Kön­nen Sie damit leben, die deutsche Sprache zu ver­rat­en und zu verkaufen? Immer­hin zahlen deren Sprech­er Ihr Gehalt! Sind Sie es uns nicht schuldig, unsere Sprache zu bewahren und zu fördern.

Mit nach­den­klichen Grüßen

Dipl.-Ing. [Name ent­fer­nt]

Die grund­sät­zliche Frage des Sprech­ers ist schnell beant­wortet: Nein, ich bin es nie­man­dem schuldig, die deutsche Sprache zu bewahren und zu fördern. Deren Sprech­er zahlen mir mein Gehalt, um Lehre und Forschung im Bere­ich der anglis­tis­chen und der all­ge­meinen Sprach­wis­senschaft zu betreiben. Was ich mit mein­er knapp bemesse­nen Freizeit anfange, bleibt mir selb­st über­lassen. Wenn ich sie nutze, um den Phan­tastereien der Sprach­nör­gler Tat­sachen ent­ge­gen­zuset­zen, halte ich das im übri­gen abso­lut mit meinem Amt für vere­in­bar.

Viel inter­es­san­ter fand ich die Frage nach den Rehk­itzen und Rehkids, denn das war mir tat­säch­lich bekan­nt und ich wollte sowieso etwas darüber schreiben.

Aufmerk­sam gewor­den bin ich auf die „Rehkids“ — wie ver­mut­lich auch der Schreiber der E-Mail — durch diesen Beitrag im Kinderzeit-Blog der ZEIT aus der let­zten Woche. Eine kurze Recherche ergab, dass die (nicht genan­nte) Quelle des Blog­beitrags ver­mut­lich der „Jugen­dreport Natur 2010“ ist. In diesem Report wer­den Kindern und Jugendlichen Fra­gen über ver­schiedene Aspek­te naturbe­zo­ge­nen Wis­sens gestellt und darunter war dies­mal auch diese Frage mit diesen inter­es­san­ten Antworten:

Rehkitz oder Rehkids

Rehkitz oder Rehkids

Zunächst ist klar, dass viele der Kinder hier Hirsche und Rehe in einen Topf wer­fen — die meis­ten der Antworten beziehen sich ja auf den Nach­wuchs von let­zteren, und die Antwort „Hirsche bekom­men keine Kinder“ deutet möglicher­weise darauf hin, dass Hirsche als männlich und Rehe als weib­lich inter­pretiert wer­den.

Inter­es­sant sind auch die Antworten unter „Son­stige“: Frischling, Hirschling, Jüngling, Babyreh, Rehjunge, Ricke und Lamm. Den Autoren des Jugen­dreports (und mir) gefall­en vor allem die Bil­dun­gen mit -ling.

Ein niedliches Rehkitz/Rehkid © BS Turner Hof

Ein niedlich­es Rehkitz/Rehkid © BS Turn­er Hof

Aber am inter­es­san­testen aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht ist ohne Zweifel die Tat­sache, dass immer­hin fün­fzehn Prozent der befragten Kinder mit Kid/Rehkid antworteten. Um zu über­prüfen, wie plau­si­bel das ist, habe ich meine elfjährige Tochter gefragt, wie junge Rehe heißen, und tat­säch­lich hat sie spon­tan mit Rehkid geant­wortet. Nach län­gerem Nach­denken kam sie dann doch noch auf Rehkitz, fand das Wort aber sehr merk­würdig.

Die Kinder und Jugendlichen im Jugen­dreport haben hier offen­sichtlich das gut etablierte und häu­fig ver­wen­dete englis­che Lehn­wort Kid ver­wen­det, um den viel sel­teneren Begriff Kitz, der auf die Jungtiere einiger wenig the­ma­tisiert­er Tiere (Rehe, Ziegen, Gäm­sen, Stein­böcke) beschränkt ist, sprach­lich aufzufrischen und neu zu motivieren.

Dieser Prozess nen­nt sich All­t­agse­t­y­molo­gie oder Volk­se­t­y­molo­gie und er find­et sich in der Sprachgeschichte immer wieder. Der Maulwurf zum Beispiel hieß eigentlich Muw­erf („Hügel­w­er­fer“), doch als das Wort Mu für „Hügel“ aus der deutschen Sprache ver­schwand, sucht­en die Sprecher/innen nach ein­er neuen Moti­va­tion für diesen Wortbe­standteil und fan­den ihn im Wort Maul. Dass der Maulwurf nicht seine Schnau­ze, son­dern seine Krallen zum Graben und Wer­fen ver­wen­det, behin­dert die erfol­gre­iche Ver­wen­dung dieses Wortes in kein­er Weise, und eben­sowenig würde das Wort Rehkid der Ver­ständi­gung oder der deutschen Sprache Schaden zufü­gen.

Insofern kann ich tat­säch­lich auch hier nur ver­harm­losen (das Deutsche würde es über­ste­hen, wenn das Wort sich all­ge­mein durch­set­zen würde), vertei­di­gen (das Englis­che kann nichts dafür) und sog­ar ver­her­rlichen (Sprache lebt und entwick­elt sich weit­er, und Kinder und deren Wun­sch nach sprach­lich­er Logik und Trans­parenz spie­len dabei eine unverzicht­bare und bewun­der­swerte Rolle).

Im großen Plan der Dinge spielt es ohne­hin keine Rolle, ob wir von Kids oder Kitzen sprechen; bei­de Wörter haben die selbe Wurzel — das alte ger­man­is­che Wort *kid­ja, mit dem jedes Tier­junge beze­ich­net wurde.

 

Brämer, Rain­er (2010) Natur: Vergessen? Erste Befunde des Jugen­dreports Natur 2010. Bonn: Deutsch­er Jagdschutz-Ver­band & Schutzge­mein­schaft Deutsch­er Wald. [Link (PDF)]

Redak­tion KinderZEIT (2010) Wrongschreib­mis­take?!, Zeit.de, 26. Okto­ber 2010 [Link]

Bild­nach­weis: © BS Thurn­er Hof, GNU-Lizenz für freie Doku­men­ta­tion, Ver­sion 1.2. [Link]

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

46 Gedanken zu „Sprachverfall in deutschen Wäldern

  1. jan

    aussprache
    nett, rehkids gefällt mir 🙂
    vielle­icht kommt zusät­zlich der wahrschein­lich deut­lich weniger stimmhafte obstru­ent im deutschen der reh-inter­pre­ta­tion ent­ge­gen ([kɪdz] vs. [kɪts]).
    aus rein­er neugierde, empfind­en sie in der aussprache ihrer tochter einen unter­schied zwis­chen kids und kitz? (oder in ähn­lichen, gut inte­gri­erten paaren, vielle­icht blog/block? ins­beson­dere im ver­gle­ich zu nicht-lehn­wort paaren z.b. rat (von rat­en, nicht die englis­che rat­te :))/rad).

  2. Helmut Wicht

    @ Kalb/Kitz
    Ich will ja nicht meck­ern — aber das auf dem Bild kommt mir für ein Kitz zu gross und zu stäm­mig vor. Ist nach nicht eher ein (Hirsch-)kalb?

  3. Carsten

    Die Auswer­tung der Grafik ergibt außer­dem ja noch, dass die Vari­anten von “Kitz” häu­figer auf­tauchen als “Kid”. Das wider­spricht ja der Aus­sage des Briefes, dass “die” Kinder das heute so sagen.
    Außer­dem ist die Volk­se­t­y­molo­gie hier ja auch, wie im Anschluss erwäh­nt, tre­f­fend­er als beim Maulwurf. Dieser erweckt schließlich einen falschen Ein­druck, wohinge­gen das “Rehkid” in sein­er Bedeu­tung passend bleibt.

  4. Jan Wohlgemuth

    > und die Antwort „Hirsche bekom­men keine Kinder“ deutet möglicher­weise darauf hin, dass Hirsche als männlich und Rehe als weib­lich inter­pretiert wer­den.
    Oder aber es bedeutet, dass die so Antwor­tenden “Kind” nur für men­schlichen Nach­wuchs ver­wen­den.

  5. Anatol Stefanowitsch

    Aus­lautver­här­tung, Hirsche, kluge Jugend
    @Jan: Sie hat tat­säch­lich das [t] am Wor­tende von Rehkid stimmhafter aus­ge­sprochen als es bei einem deutschen Wort der Fall gewe­sen wäre (es war so eine Art [ḍ], wenn der Punkt unter dem d ein Kreis wäre, wofür ich keinen HTML-Aus­druck gefun­den habe), was darauf hin­deuten kön­nte, dass ihr der Lehn­wort­sta­tus des Wortbe­standteils Kid bewusst ist. Bevor sie dann auf Rehkitz kam, hat sie noch Rehk­it mit voll­ständi­ger Aus­lautver­här­tung aus­pro­biert.
    @Helmut Wicht: Richtig! Das war mein Ver­such bild­semi­o­tis­ch­er Sub­ver­sion (siehe die Frage, die die Kinder im Natur­re­port beant­worten soll­ten), aber einen Anatomen kann ich mit solchen Albereien natür­lich nicht an der Nase herum­führen. Es ist ein Rothirschkalb.
    @Carsten: Ich ver­mute, der Brief­schreiber bezog sich auf den Blog­beitrag in der KinderZEIT, da der aktueller ist als der Jugen­dreport. Und in dem Blog­beitrag antworten ALLE Kinder mit „Rehkid“. In der Tat finde ich es auch eher erstaunlich, wie viel die Kinder/Jugendlichen im Jugen­dreport Natur tat­säch­lich wis­sen. Ich kön­nte die Hälfte der Fra­gen nicht beant­worten.

  6. Michael Khan

    Und wie heißen die Eltern des Kitz’?
    Rehmom und Rehdäd?
    Hm. Der Däd ist wohl ein Rehbock. Aber bei der Mom ste­he ich auf dem Schlauch. Ich hätte spon­tan auf Fähe getippt, ent­nehme aber Wikipedia, dass mit Fähe ein weib­lich­es Hun­dear­tiges beze­ich­net wird. Das hätte ich nicht gedacht. Weit­ere Recherche zeigt: Das richtige Wort ist die im Artikel bere­its erwäh­nte Ricke. Ein Glück, dass mich das nie ein­er gefragt hat.
    Rehe gehören übri­gens zur Fam­i­lie der Hirsche (cervi­dae). Damit kann man sich zur Not immer her­ausre­den, wenn man im Gespräch mit einem Waid­mann mal Hirsche und Rehe ver­wech­selt hat.

  7. Stefan Taube

    Was genau ist ein Anglizis­mus?
    Wenn das Wort Kids auf “…das alte ger­man­is­che Wort *kid­ja, mit dem jedes Tier­junge beze­ich­net wurde.” zurück­ge­ht ist es ja eigentlich gar kein Anglizis­mus, oder?

  8. DrNI@AM

    Ach du meine Goethe
    … man kann ja nur froh sein, dass es keine Verpflich­tung gibt, wie Goethe und Schiller zu schreiben oder gar zu sprechen (let­zteres dürfte weit weniger doku­men­tiert sein). Schließlich sind die bei­den schon ziem­lich lange unter der Erde und kein­er benutzt heute mehr die “Sprache Goethes und Schillers”

  9. welldent05

    Sprachver­fall
    Aus mein­er Sicht sollte sich in Deutsch­land ein Beispiel an der Académie Fran­cais nehmen, die seit Jahren erfol­gre­ich die franzö­sis­che Sprache fördert. Mit dem Erfolg, dass in Frankre­ich auch bei der Jugend “feng­lish” nicht mehr “in” ist.

  10. Thomas

    Bam­bi
    Ein gross­er Irrtum ist ja schließlich in eini­gen Fällen, dass “Bam­bi” ein Reh ist. So ler­nen es unsere Kid‘s (Kitze?). M.E. nach ist in den Ein­stel­lun­gen mit dem Vater ein­deutig ein Hirsch zu sehen. Daraus fol­gt, dass Rehe die Kinder von Hirschen sind. Walt Dis­ney sei Dank.

  11. Patrick Schulz

    @panttivanki
    „Hirsch“ ist „defin­i­tiv“ eine „Fam­i­lie“ von Tieren, die mehrere Arten umfasst. Unter anderem auch diese gefleck­te hier. Nicht alles, was weiße Punk­te drauf hat, ist automa­tisch ein Kalb.

  12. Helmut Wicht

    @ pan­nti­van­ki
    Sie befind­en sich im Irrtum. Auch die Käl­ber des Dam- und Rotwildes tra­gen Fleck­en.

  13. Juliana

    Bam­bi — ein Kuck­uck­sei?
    @ Thomas: Mir fiel natür­lich auch sofort Bam­bi ein. Die Tat­sache, dass Bam­bis Vater ein Weißwedel­hirsch ist (“The Great King of the For­est”), lässt wohl aber gar nicht auf ein Dra­ma der erwach­se­nen Art schließen, son­dern wirk­lich nur darauf, dass Bam­bi eben ein Hirschkalb ist und wohl auch so gemeint war. Die Frage ist jet­zt, wie Bam­bi zum Pro­to­typ eines Rehs wer­den kon­nte? Da muss schon seit langem ein folk mod­el von Rehen und Hirschen existieren, das bei­de Arten zu ein­er macht. Das kön­nte man dann aber wohl (lei­der) nicht Dis­ney in die Schuhe schieben.
    Außer­dem dachte ich, dass Bam­bi für unsere Kinder nun wirk­lich nicht mehr präsent sein könne. Die erin­nern sich ja kaum noch an Nemo und haben schon wieder alles über Clowns­fis­che und Seeanemo­nen vergessen. Aber weit gefehlt: Ich habe die Natur­re­port-Frage meinem Sohn (9) gestellt. Seine Antwort auf die Frage, wie das Kind/Jungtier vom Hirsch heißt, war ein leicht unsicheres “Reh?”. Nach­dem ich dann die tat­säch­lichen Ver­hält­nisse und Beze­ich­nun­gen klargestellt hat­te, meinte er als erstes: “Schüsch, dann ist Bam­bi ja die totale Ver­arschung!”
    Zusam­men­fassend ergibt sich ein merk­würdi­ges Bild: Dis­ney ist nicht (allein) schuld am Halb­wis­sen unser­er Kinder. Trotz­dem sind auch sie bere­it, Dis­ney als Schuldigen zu ent­lar­ven. Und das in einem Deutsch, das, wenn es bis zu den Sprach­nör­glern vor­dränge, sie bis ins Mark erschreck­en würde (“schüsch”!).

  14. Dierk

    wg. Bam­bi
    In Felix Saltens Roman ist Bam­bi ein Reh, Walt Dis­ney änderte dies, da Weißwedel­hirsche in den USA weit­er ver­bre­it­et sind als europäis­che Wal­drehe [d’uh]. Im Film ist Bam­bi das Kalb ein­er Hirschkuh und damit der Sohn des ober­sten Weißwedel­hirsches und daher sein Nach­fol­ger.

  15. Dierk

    Vergessen
    Ich habe die deutsche Syn­chro des Dis­ney-Films Bam­bi zwar schon sehr lange nicht mehr gehört, meine mich aber zu erin­nern, dass dort wieder ‘Reh’ einge­set­zt wurde, weil die Kinder damals noch Büch­er gele­sen haben und daher den Salten kan­nten.

  16. André

    @DrNI@AM
    Neben der Zeit ist ja auch noch der Ort zu berück­sichti­gen. Lei­der blieben mir die selb­ster­nan­nten “Beschützer der Sprache Goethes und Schillers” aber immer eine Antwort auf die Frage schuldig, welchen der bei­den Dialek­te wir zukün­ftig denn nun sprechen (und schreiben) sollen…

  17. brotwart

    Sprach­nör­gleur
    @welldent05: Nö, sollte es nicht. Aber ich kanns nicht lassen: Wenn schon besser­wis­sern, dann bitte auch recht haben. Es heißt also ‘Académie française’. Und was ist ‘feng­lish’? Franzö­sisch ist es nicht, weil der entsprechende Kampf­be­griff dort ‘franglais’ heißt. Englisch ist es auch nicht, weil es klein geschrieben ist. Und bevor Sie fra­gen: ‘Besser­wis­sern’ ist vielle­icht ein Neol­o­gis­mus — so what?

  18. Thomas

    Bam­bi
    @Juliana
    Der Bezug war eigentlich mehr iro­nisch gemeint, allerd­ings ist Bam­bi immer noch für die Kinder präsent und sei es nur weil die Eltern den Film lieben.
    Aber zu Dis­ney und Pixar und den Anderen sei gesagt, ohne ihnen die Schuld am Halb­wis­sen zu geben, die Kinder, die nur vor der “Glotze” sitzen, glauben dann wirk­lich an veg­e­tarische Haie (Nemo) oder eben an das Reh als Kind vom Hirsch.

  19. Dr. Andreas Cyffka

    Rehkids
    Sehr geehrter Herr Pro­fes­sor Ste­fanow­itsch,
    Ihre Blog­a­r­tikel, die ser­iöse lin­guis­tis­che Betra­ch­tun­gen und aktuelle The­men stets ele­gant verbinden, schätze ich sehr. Ihr let­zter Beitrag „Sprachver­fall in deutschen Wäldern“ ver­wun­dert mich allerd­ings – und reizt mich zum Wider­spruch.
    Über­triebene Äng­ste hin­sichtlich des anglizis­mengetriebe­nen sprach­lichen Kul­turver­falls sind oft- über­trieben eben und kön­nen Gegen­stand eines iro­nis­chen Diskurs­es sein. Auch wenn der Buch­staben­dreher in der detuschen Sprache so lustig ist und der Brief­schreiber sich drastisch im Ton ver­greift und in sein­er Argu­men­ta­tion strauchelt: Natür­lich ist die Besin­nung auf Tat­sachen immer richtig, den­noch beant­worten sich mir einige Fra­gen nicht:
    — Warum ist aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht, „die Tat­sache, dass immer­hin fün­fzehn Prozent der befragten Kinder mit Kid/Rehkid antworteten“ „am inter­es­san­testen“?
    — Die Sit­u­a­tion, dass ein Kind ein deutsches Wort „sehr merk­würdig“ find­et, dürfte öfter vorkom­men. Ich würde meinen, eine Erk­lärung des „richti­gen“ Aus­drucks wäre in diesem Fall die angemessene Reak­tion.
    — In welch­er Hin­sicht erfol­gt durch eine – und sei es kindliche – Fehlver­wen­dung eines Wortes („Kid“) eine „Auf­frischung“ und „Neu­mo­tivierung“ eines andern Wortes („Kitz“)?
    Die volk­se­t­y­mol­o­gis­che Analo­gie zwis­chen „Maulwurf“ und „Rehkid“ entzieht sich mir. Den Wortbe­standteil „mu“ gab es nicht mehr, das „Kitz“ gibt es noch – auch wenn es „wenig the­ma­tisiert“ wird.
    Ein Wort „Rehkid“ wird zweifel­sohne ver­standen und dass es „der deutschen Sprache Schaden zufü­gen“ kön­nte, kann nicht gesagt wer­den. Man müsste ja auch wis­sen, was konkret der Fall sein muss, damit eine Sprache beschädigt wird.
    Als Anglist glaube ich nicht, dass im vor­liegen­den Fall das Englis­che vertei­digt wer­den muss. Allerd­ings ver­misse ich das Akkusativob­jekt bei „ver­her­rlichen“. Was genau wird ver­her­rlicht? Dass Sprache „lebt“ ist schon klar.
    Am meis­ten ver­wun­dert mich, dass Sie angesichts eines „großen Plans der Dinge“( welch­er ist das – zumin­d­est sprach­philosophisch gese­hen?) rein lin­guis­tisch den Aspekt der kon­no­ta­tiv­en Beiwerte/Unterschiede kom­plett auss­paren. Dass ein solch­er zwis­chen “Kids” und “Kindern” (oder auch: Kitzen …) beste­ht, ist m.E. für den Unwillen des Mail-Autoren haupt­säch­liche Ursache.
    Dr. Andreas Cyf­f­ka

  20. Anatol Stefanowitsch

    Bam­bi, Volk­se­t­y­molo­gie
    @Thomas, Juliana: Inter­es­sant ist doch, dass die Kinder, die mit „Bam­bi“ geant­wortet haben, verse­hentlich richtig lagen. Sie hiel­ten Bam­bi für ein Reh und Rehe für die Kinder von Hirschen und haben deshalb das Wort Bam­bi völ­lig kor­rekt für das Kind eines Hirsches ver­wen­det.
    @ Dr. Andreas Cyf­f­ka: Die „Tat­sache, dass immer­hin fün­fzehn Prozent der befragten Kinder mit Kid/Rehkid antworteten“ ist aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht deshalb „am inter­es­san­testen“, weil die anderen Antworten aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht rel­a­tiv unin­ter­es­sant sind.
    Die Analo­gie zwis­chen Muwerf/Maulwurf und Rehkitz/Rehkid beste­ht darin, dass es sich in bei­den Fällen um Volk­se­t­y­molo­gie han­delt, also ein seman­tisch nicht mehr trans­par­enter Wort­teil durch einen ähn­lich klin­gen­den und seman­tisch passenden erset­zt wird. Dafür ist es nicht notwendig, dass der betrof­fene Wort­teil aus der Sprache ver­schwun­den ist, son­dern nur, dass er nicht mehr ver­traut und nicht mehr analysier­bar ist.
    Mit meinem let­zten Absatz meine ich hier nichts weit­er, als dass das Wort Rehkid ety­mol­o­gisch aus genau densel­ben Mor­phe­men beste­ht wie das Wort Rehkitz, nähm­lich *rai­ha- “gesprenkelt” und *kid­ja “Tier­junges”. Welche Wege diese bei­den ger­man­is­chen Wurzeln ver­schiedene Wege durch ver­schiedene Sprachen genomme­nen haben und welche Kon­no­ta­tio­nen sie dabei einge­sam­melt haben, ist im Detail inter­es­sant, aber im „großen Plan der Dinge“ ziem­lich egal.
    Am Ende fließen alle Mor­pheme ineinan­der, und aus der Mitte entspringt ein Wort.

  21. Gregor

    Sprach­pos­i­tivis­mus?
    Ein­er­seits gerieren Sie sich als Vertreter eines Sprach­pos­i­tivis­mus, der alles was entste­ht, schon deshalb gut find­et, weil es ent­standen ist. Rehkids? Ist doch wun­der­schön, Haupt­sache kein nor­ma­tives Ein­greifen in das frei Spiel der Sprachen­twick­lung.
    Ander­er­seits treten Sie für poli­tisch kor­rek­te Sprache ein, ändern nach eigen­er Aus­sage beim Vor­lesen den Text in Kinder­büch­ern und beze­ich­nen jeden, der nicht geschlecht­sneu­tral for­muliert, als Reak­tionär.
    Also sind auch Sie offen­bar für Nor­men und für Ein­greifen in die Entwick­lung der Sprache, es kommt Ihnen nur auf den Stand­punkt an.
    Wer sich für Sprach­pflege ein­set­zt, den verspot­ten Sie. Wer sich über poli­tisch kor­rek­te Sprache lustig macht oder sie ver­weigert, den kri­tisieren Sie. Bei­des geht natür­lich zusam­men, aber doch wohl kaum unter der Prämisse der freien Sprachen­twick­lung.

  22. Achim

    Reh und Hirsch
    Dass bei diesen Waldtieren mit den Gewei­hen die Hirsche die Män­ner und die Rehe die Frauen sind, war uns im Grund­schu­lal­ter am Rand des Wildge­heges son­nen­klar. Bis die blö­den Erwach­se­nen mit dem dezen­ten Hin­weis auf Hirsche ohne und Rehe mit Geweih diese Überzue­gung zu Fall bracht­en und alles wie immer viel kom­pliziert­er macht­en.

  23. Anatol Stefanowitsch

    @Gregor
    Um die Sprache müssen wir uns keine Gedanken machen, um den Umgang mit unseren Mit­men­schen schon. Der Wider­spruch existiert also nur in Ihrer Phan­tasie.
    Und jet­zt schnell zurück ins VDS-Forum.

  24. Gregor

    Keine Gedanken über die Sprache?
    Sie machen Sich doch dauernd Gedanken über Sprache, sowohl hier als ver­mut­lich auch in Ihrem Beruf.
    Gedanken machen sollte man sich über alles, was man tut.
    Da Sie Ihrem Blog das orig­inelle Mot­to “Alle Sprachge­walt geht vom Volke aus” voranstellen, schlussfol­gere ich daraus, daß für Sie die Sprach­puris­ten nicht zum Volk gehören (son­dern abge­hobene, nation­al­is­tis­che Spin­ner sind), die Vertreter der PC-Sprache hinge­gen schon.
    Da hakt es doch irgend­wo. Nur in mein­er Phan­tasie?

  25. H.M.Voynich

    @Gregor
    Natür­lich gehören Sprach­puris­ten eben­falls zum Volk — so wie Mis­an­thropen auch nur Men­schen sind …

  26. suz

    @Gregor
    Hm. Wo Sie da einen Wider­spruch sehen, ist mir (und vie­len anderen hier ver­mut­lich auch) vol­lkom­men schleier­haft.
    Der Spruch bedeutet doch lediglich, dass die Sprachge­mein­schaft mit Mil­lio­nen von Mit­gliedern jeden Tag aber­mil­lio­nen und -mil­liar­den Mal beweist, dass Sprache nir­gend­wo anders herkommt, als aus der Sprachge­mein­schaft selb­st. Ergo: an jed­we­dem Sprachge­brauch (inkl. jedem eventuell ver­schmäht­en Wan­del) sind ALLE beteiligt, die die Sprache benutzen, von, wie Sie sagen, “Sprach­pos­i­tivis­ten” bis “Sprach­puris­ten”.
    Dass einige Mit­glieder der Sprachge­mein­schaft ver­suchen, Feldzüge gegen irgen­deine Änderung oder Wan­del anzuführen, dis­qual­i­fiziert sie nicht als Teil des “Sprachvolks”.
    Übri­gens: Sprach­pflege und Sprach­puris­mus ist nicht notwendi­ger­weise syn­onym zu ver­ste­hen, obgle­ich oft und gerne so hingestellt.

  27. Gregor

    @suz
    Dieser Posi­tion kann ich mich anschließen. Ich finde diesen Blog dur­chaus inter­es­sant und rel­e­vant und obwohl ich per­sön­lich dur­chaus für eine behut­same Sprach­pflege bin, kann ich vieles, was hier gesagt wird, nachvol­lziehen.
    Ich finde nur, dass A.S. zwei Rollen ein­nimmt, die er aus mein­er Sicht etwas sauber­er tren­nen sollte.
    Ein­er­seits tritt er uns als der entspan­nte Sprachex­perte ent­ge­gen, der übereifrigen Sprach­puris­ten die Sinnlosigkeit ihres Treibens auf wis­senschaftlich fundierte Weise vorhält.
    Ander­er­seits ist er selb­st engagiert­er Sprach­poli­tik­er, der bes­timmte Posi­tio­nen zum The­ma Sprache von seinen Nor­men her polemisch kri­tisiert und andere pos­i­tiv darstellt.
    Bei­des ist legit­im. Allerd­ings fände ich es fair­er, wenn er offen sagen würde „ich lehne von mein­er gesellschaft­spoli­tis­chen Posi­tion her das Bemühen ab, die deutsche Sprache von Anglizis­men zu reini­gen, weil dieses Bestreben his­torisch oft mit nation­al­is­tis­chem Gedankengut gepaart war und bin für eine poli­tisch kor­rek­te Sprache, weil diese Diskri­m­inierung ent­ge­gen­wirken kann“ (oder so ähn­lich). Anstatt dessen wech­selt er je nach Bedarf zwis­chen der Rolle des neu­tralen Experten, der das Tun ander­er analysiert, und des Sprach­poli­tik­ers, der uns seine eigene Mei­n­ung unter­jubeln will.

  28. Gareth

    Gre­gor,

    Bei­des ist legit­im. Allerd­ings fände ich es fair­er, wenn er offen sagen würde „ich lehne von mein­er gesellschaft­spoli­tis­chen Posi­tion her das Bemühen ab, die deutsche Sprache von Anglizis­men zu reini­gen, weil dieses Bestreben his­torisch oft mit nation­al­is­tis­chem Gedankengut gepaart war

    das ist doch völ­liger Unsinn. Man sollte die “Reini­gung von Anglizis­men” deshalb nicht für sin­nvoll hal­ten, weil sie es nicht ist. Es gibt nicht einen wis­senschaftlich fundierten Grund, der gegen die Über­nahme von Wörtern aus dem Englis­chen spricht. Ihnen gefällt das vielle­icht nicht und das dür­fen Sie auch gerne kund­tun, aber es bleibt halt doch Ihre per­sön­liche Mei­n­ung, solange Sie nicht mit Fak­ten aufwarten kön­nen.
    Was hat das mit “Nation­al­is­mus” zu tun? Ich war damals nicht aktiv, aber ich habe bish­er auch noch nichts von großen Anti-Anglizis­mus-Kam­pag­nen unter Hitler gehört. Vielle­icht kön­nen Sie mich ja aufk­lären.

    des Sprach­poli­tik­ers, der uns seine eigene Mei­n­ung unter­jubeln will.

    Wenn ich also sage, dass Neger ein Wort ist, das ich meinen Kindern nicht vor­lesen wollen würde, ist das genau­so eine “eigene Mei­n­ung” wie wenn Sie sagen, dass Rehkids Ihnen als Wort für Rehk­itze nicht gefällt? Alles nur “eigene Mei­n­ung”? Da sehen Sie keinen Unter­schied?

  29. Thomas

    Bam­bi und Sprachkul­tur
    Auch wenn ich im “erlaucht­en Wis­senschaftlerkreis” eigentlich nichts zu suchen habe, eine kleine Vertei­di­gung für den Autor (obwohl er es nicht nötig hat) aus mein­er Sicht.
    Ich lese seine Artikel gern, weil ich die deutsche Sprache liebe, aber Verän­derun­gen, die aus “Volkes Mund” kom­men nicht gle­ich als Angriff auf diese sehe.
    An den Artikeln von A.S. gefällt mir am Besten, der leichte Umgang mit den Verän­derun­gen, der unsere Sprache nun mal unter­liegt.
    Man muss die Sprache auch lieben und nicht nur studieren.

  30. Gregor

    @Gareth
    Die Aus­sage „es gibt nicht einen wis­senschaftlich fundierten Grund, der gegen die Über­nahme von Wörtern aus dem Englis­chen spricht“ ist irrel­e­vant. Sprache wird von Men­schen gesprochen und die tun sehr vieles ohne dafür wis­senschaftliche Gründe zu haben. Es gibt auch keinen wis­senschaftlichen Grund, das Okto­ber­fest zu besuchen und den­noch gehen viele hin. Es gibt auch keine wis­senschaftlichen Gründe dafür, Anglizis­men zu benutzen.
    Sin­nvoll wäre die Aus­sage, dass es keine Garantie dafür gibt, dass irgen­deine aktive Bee­in­flus­sung der Sprache langfristig Wirkung zeigt. Es gibt Beispiele, dass Fremd­wörter durch deutsche erfol­gre­ich erset­zt wur­den (Fernse­her, Flugzeug), es gibt Beispiele, dass Fremd­wörter eingedeutscht wur­den und nicht mehr als solche erkan­nt wer­den (Dusche) und es gibt auch Beispiele, dass ein deutsches Wort und ein Fremd­wort nebeneinan­der existieren, z. Beispiel „Foto“ und „Licht­bild“, wobei (zumin­d­est für mich) „Foto“ ein nor­maler Begriff ist und „Licht­bild“ ein gespreiztes Bürokraten­wort.
    Wenn man aber auch nicht von vorn­here­in sagen kann, ob der Ver­such ein­er Ein­wirkung auf die Sprache erfol­gre­ich ist oder nicht, heißt das aber noch lange nicht, dass dieser Ver­such deswe­gen sinn­los oder ille­git­im ist. Das gilt übri­gens auch für PC-Sprache. Auch hier sind die Argu­mente nor­ma­tiv, nicht sprach­wis­senschaftlich, was aber nicht heißt, dass man es nicht den­noch ver­suchen kann. Wie suz weit­er oben zu recht sagte: „an jed­we­dem Sprachge­brauch (inkl. jedem eventuell ver­schmäht­en Wan­del) sind ALLE beteiligt, die die Sprache benutzen“. Nur wis­sen wed­er Sie noch ich, wer sich am Ende durch­set­zt.
    Ihre Polemik über Nazis und Anglizis­men ist so bil­lig, dass ich mich schon wun­dern muß. Natür­lich ist es uns bei­den klar, dass Anglizis­men im Deutschen in den 30er Jahren kein The­ma waren. Den­noch gehört es natür­lich zu den Erzäh­lun­gen über diese Zeit, dass damals eifer­nde Sprach­puris­ten am Werk waren und nach Wörtern mit griechis­chen, lateinis­chen und franzö­sis­chen Wurzeln fah­n­de­ten. Unter anderem wird immer wieder der ominöse „Gesicht­serk­er“ aufge­führt, den die Nazis ange­blich anstatt der „frem­den“ Nase ein­führen woll­ten. Wobei dieser Gesicht­serk­er genau so ein Mythos ist wie die zahlre­ichen Eski­mo-Wörter für Schnee. Von den Nazis habe ich übri­gens auch nicht gesprochen, die haben Sie ins Spiel gebracht. Wür­den Sie sich in Geschichte ein biss­chen ausken­nen, hät­ten Sie ja den „Turn­vater“ Jahn und seinen Kampf gegen „welsche“ Begriffe in der deutschen Sprache anführen kön­nen. Natür­lich kann es einen Zusam­men­hang zwis­chen über­steigertem Sprach­puris­mus und Nation­al­is­mus geben. Und das wiederum ver­führt viele, die ihr anti­na­tionales Pro­fil pfle­gen wollen, dazu, als Über­reak­tion jegliche Sprachkri­tik zu verspot­ten und zu dele­git­imieren.
    PC-Sprache ist in meinen Augen tat­säch­lich in erster Lin­ie ein Instru­ment, um sich über die Mit­men­schen zu erheben, die sie nicht benutzen wollen. Und zwar nicht über Neon­azis und Ku-Klux-Klan-Mit­glieder (mit denen unter­hält man sich ja eher sel­ten und sie wer­den sich von PC kaum beein­druck­en lassen). Son­dern über Men­schen, die eben­falls nicht diskri­m­inieren wollen, aber anzweifeln, dass sprach­liche Ver­renkun­gen dabei behil­flich sind. Es geht dabei nicht um ein Ver­bot von ein­deutig belei­di­gen­den Begrif­f­en wie „Nig­ger“, „Kanaken“ oder „Pol­lack­en“. Son­dern um Wörter, wie „Neger“, die bei uns ursprünglich das vorherrschende und nicht neg­a­tiv kon­notierte Wort für Men­schen schwarz­er Haut­farbe waren. In den USA mag „negro“ durch seine Nähe zu „nig­ger“, einen Beigeschmack haben. Bei uns nicht. Im Rus­sis­chen gibt es für „Jude“ den wert­neu­tralen Begriff „jew­rej“ und das ein­deutig diskri­m­inierende Schimpf­wort „shid“. Im Pol­nis­chen ist „zyd“ das kor­rek­te Wort für „Jude“ und hat keinen abw­er­tenden Beigeschmack. Sollen die Polen jet­zt ein neues Wort suchen, wegen der Par­al­lele zu Rus­sis­chen? Ich sage übri­gens auch nicht mehr „Neger“, aber nicht aus Überzeu­gung, son­dern weil nach ein­er erfol­gre­ichen neg­a­tiv­en Neube­w­er­tung dieses Wortes es bei uns wirk­lich nur noch von Ras­sis­ten gebraucht wird. Aber: Wie soll ich mich aus­drück­en, wenn die Sprach­si­t­u­a­tion es erfordert, dass ich einen schwarzhäuti­gen Men­schen, den ich auf der Straße sehe, benenne? Afroamerikan­er? Vielle­icht kommt er ja nicht aus den USA. Afrodeutsch­er? Vielle­icht ist er ja ein Tourist aus einem afrikanis­chen Land — aber aus welchem? Afrikan­er? Vielle­icht ist er ja Afrotscheche auf der Durchreise? Schwarz­er? Aber das ist ja das gle­iche wie „Neger“.

  31. Anatol Stefanowitsch

    Hm…
    @Thomas: „Erlauchte Wis­senschaftler“? Wo? Ich will auch mal einen sehen…
    @Gregor, Ihre detail­lierten Nach­fra­gen ver­di­enen vielle­icht doch noch ein­mal eine detail­liert­ere und weniger polemis­che Antwort, als ich sie Ihnen oben gegeben habe. Ich ver­suche, diese in Form eines kurzen Blog­beitrags in den näch­sten Tagen nachzuliefern.
    Nur eins Vor­weg: „Schwarz­er“ ist nicht das gle­iche wie „Neger“. Das ist ein ety­mol­o­gis­ch­er Fehlschluss:
    http://www.iaas.uni-bremen.de/…nota­tiv­en-leit­er/

  32. Gregor

    @ A.S.
    Vie­len Dank, ich bin ges­pan­nt!
    Die The­o­rie vom Galanter­iespiel ist in der Tat faszinierend.
    Vielle­icht liegt das Prob­lem wirk­lich in den Umbruchzeit­en, in denen manche Sprech­er eine Stufe höher klet­tern und andere auf­fordern, es ihnen nachzu­tun. Nicht alle sehen diese Notwendigkeit.
    Ich zum Beispiel beim Begriff­s­paar Friseuse/Friseurin. Ich erkenne die Absicht dahin­ter, aber ich habe keine Lust, das Spiel mitzu­machen. Es gibt ja auch neg­a­tive Klis­chees über Lehrer, Ärzte, Polizis­ten, Jour­nal­is­ten, Poli­tik­er, Müllmän­ner. Wenn die nun auch alle einen “galanteren” Begriff für ihren Beruf ein­fordern?
    Ander­er­seits gewöh­nt man sich mit der Zeit an neue Begriffe, z. B. “Azu­bi”, was zu erst auch auf Wider­willen gestoßen ist.
    (Ich beziehe mich auf den Inhalt des Textes, den A.S. hier ver­linkt hat)

  33. Martin Huhn

    @ Gre­gor

    Es geht dabei nicht um ein Ver­bot von ein­deutig belei­di­gen­den Begrif­f­en wie „Nig­ger“, „Kanaken“ oder „Pol­lack­en“. Son­dern um Wörter, wie „Neger“, die bei uns ursprünglich das vorherrschende und nicht neg­a­tiv kon­notierte Wort für Men­schen schwarz­er Haut­farbe waren.

    Das habe ich auch nie ver­standen, warum das plöt­zlich zum Schimpf­wort wurde. Für mich war das ein ähn­lich­es Wort wie Asi­ate oder Europäer. Eine Beze­ich­nung und keine Belei­di­gung.

  34. Thomas

    @ Gre­gor
    “Es geht dabei nicht um ein Ver­bot von ein­deutig belei­di­gen­den Begrif­f­en wie „Nig­ger“, „Kanaken“ oder „Pol­lack­en“. Son­dern um Wörter, wie „Neger“, die bei uns ursprünglich das vorherrschende und nicht neg­a­tiv kon­notierte Wort für Men­schen schwarz­er Haut­farbe waren.”
    Schließlich und endlich müssen wir uns ja auch mal fra­gen, als was wollen die Betrof­fe­nen denn beze­ich­net wer­den.
    Es gibt im Deutschen behördlich­er­seits die, poli­tisch ange­blich kor­rek­te, unsägliche Wortschöp­fung “Bürg­er mit Migra­tionsh­in­ter­grund”, sind das also Migranten oder Migra­tionsh­in­ter­gründler und woran erkenne ich, dass es sich um einen solchen und nicht um einen echt­en, sagen wir mal Sudane­sen, handelt.Da ich ihm das (also die Staat­sange­hörigkeit) nicht anse­he, das Wort “Far­biger” diskri­m­inierend ist, “Neger” eine recht­slastige Bedeu­tung hat und mir keine andere Beze­ich­nung ein­fällt — bleibt nur ignori­eren. Dann bin ich im besten Falle nur unhöflich.
    Wenn ich ihn aber frage, bekomme ich eventuell die Antwort “Negro” oder “Négre”. Dann bin ich natür­lich aus dem Schnei­der, denn dann ist er der poli­tisch Unko­r­rek­te.

  35. suz

    @Gregor
    Zu Gareths Vertei­di­gung möchte ich anführen, dass ich Ihren “Vorschlag”, wie ein Sprach­wis­senschaftlich­er “ehrlich­er” sagen sollte, auch in diese Rich­tung gehend ver­standen habe, obwohl ich die Par­al­lele zu den Nazis nicht ziehen möchte.
    Meine erste Reak­tion war, dass Sie mit Ihrem Vorschlag, ein Sprach­wis­senschaftler sollte auf­grund sein­er
    “gesellschaft­spoli­tis­chen Posi­tion her das Bemühen [ablehnen], die deutsche Sprache von Anglizis­men zu reini­gen, weil dieses Bestreben his­torisch oft mit nation­al­is­tis­chem Gedankengut gepaart war und bin für eine poli­tisch kor­rek­te Sprache, weil diese Diskri­m­inierung ent­ge­gen­wirken kann“
    genau den Fehler machen, den Anglizis­mengeg­n­er oft machen: die (polemis­che) Sprachkri­tik geht davon aus, dass Anglizis­men­fre­unde unter anderem deshalb Anglizis­men benutzen, weil sie sich irgendwem “unter­w­er­fen” (wollen). Und dann wird eben die Schlussfol­gerung gezo­gen, dass jed­er, der Anglizis­men entspan­nt beobachtet, dieses deshalb tut, weil man sich dem Vor­wurf des Nation­al­is­mus nicht aus­set­zen möchte. Das ist natür­lich Unsinn.
    Möglicher­weise haben Sie den Satz “Es gibt keinen wis­senschaftlichen fundierten Grund…” auch missver­standen: er bedeutet, dass es keine Beweise dafür gibt, dass Anglizis­men unser­er Sprache schaden. Im Gegen­teil: Deutsch ist sog­ar sehr robust und “inte­gri­ert” Lehn­wörter sehr schnell ein. “Wir haben etwas downgeloadet/gedownloadet” ist nach deutschen Mustern begeugt.
    Und zu mein­er eige­nen Vertei­di­gung möchte ich sagen, dass Sie mich aus dem Zusam­men­hang geris­sen zitiert haben. Mit “Alle sind am Sprachge­brauch beteiligt” bezog ich mich auf die Diskus­sion um den Spruch des Blogs (‘Alle Sprachge­walt geht vom Volke aus’) und die Frage, ob es Sprach­puris­ten und -kri­tik­er ein­schließt. Natür­lich. Und was ich damit noch sagen wollte: auch Sprach­puris­ten und Wan­de­lapoka­lyp­tik­er sind am Sprach­wan­del beteiligt, ob sie’s wahr haben wollen oder nicht.
    Das ist aber völ­lig ver­schieden von der Frage, ob man es der Sprachge­mein­schaft über­lassen darf/sollte, über Sprachge­brauch zu entschei­den, der ein men­schen­ver­ach­t­en­des Bild trans­portiert. Dazu gehören nicht nur krass neg­a­tiv kon­notierte Begriffe wie ‘Neger’, son­dern auch etwas weniger aufge­ladene Begriffe wie ‘Frisöse/Frisörin’. Natür­lich ist Sprache nicht allein Garant für Egal­ität (in den Köpfen), aber wenn schon diese “Umstel­lung” vie­len so schw­er fällt, dass sie sich weigern müssen… 🙂

  36. TMP

    @suz
    Sprache hat let­ztlich immer nur die Bedeu­tung, die ihre Sprech­er ihr geben. Man kann “Neger” jet­zt also entwed­er ver­bi­eten, was die Leute trotz­dem nicht davon abhält ihre Ablehnung ander­weit­ig auszu­drück­en, oder das Wort ein­fach pos­i­tiv beset­zen. Let­z­tendlich würde ich behaupten, das ein unter­schiedlich­es Ver­ständ­nis von diversen Begrif­f­en zu ein­er unter­schiedlichen Ein­schätzung des Sinns von sprach­lichen Ein­grif­f­en führen kann. Wer mit dem Wort “Neger” de fac­to ein­fach kein Men­schen­ver­ach­t­en­des Welt­bild verbindet, für den ist es etwas unver­ständlich warum ein völ­lig harm­los­es Wort ver­boten wer­den soll.
    Um das mal als Beispiel darzustellen, ich habe eine Studie gele­sen, mit Recht inter­es­san­ten Ergeb­nis­sen. So haben Per­so­n­en, wenn ich mich Recht entsinne ins­beson­dere Män­ner, die das gener­ische Maskulinum als ok empfind­en und eine Dop­pel­nen­nung ablehnen in dieser Studie bei ein­er Per­so­n­en­grup­pen­beze­ich­nung mit Hil­fe des gener­ischen Maskulinums einen deut­lich höheren Frauenan­teil angenom­men als Geg­n­er des gener­ischen Maskulinums.
    Bei den Befürt­wortern gab es im Ver­gle­ich gener­isches Maskulinum Dop­pel­nen­nung keine Änderung des Frauenan­teils, bei Geg­n­ern der gener­ischen Form allerd­ings schon.
    Durch diese Dat­en ist es dur­chaus nahe­liegend, das eine unter­schiedliche Wahrnehmung der Sprache zu ein­er unter­schiedlichen Ein­schätzung dazu führt, ob es Sinn macht sie zu ändern.

  37. Gareth

    Gre­gor,

    Die Aus­sage „es gibt nicht einen wis­senschaftlich fundierten Grund, der gegen die Über­nahme von Wörtern aus dem Englis­chen spricht“ ist irrel­e­vant. […] Es gibt auch keine wis­senschaftlichen Gründe dafür, Anglizis­men zu benutzen.

    suz hat hier zu eigentlich alles schon gesagt. Wer gegen Anglizis­men poltert, muss auch Argu­mente vor­brin­gen kön­nen. Ganz sim­pel. Wie gesagt, Ihr per­sön­lich­er Geschmack ist Ihnen selb­st über­lassen und Sie dür­fen sich äußern, wie Sie möcht­en, und ich spreche Ihnen auch nicht die Teil­nahme an der Sprecherge­mein­schaft ab. Im Gegen­teil, ich reagiere auf das, was viele Anglizis­men­jäger machen, näm­lich einem großen Anteil der Sprachge­mein­schaft vorschreiben zu wollen, wie sie “richtiges Deutsch” zu sprechen habe. Im Übri­gen habe ich nie behauptet, es gäbe “wis­senschaftliche Gründe dafür”, Anglizis­men zu benutzen. Die Wis­senschaft soll beschreiben, was wie und warum passiert, und nicht argu­men­tieren, ob nun Beam­er oder Video­pro­jek­tor das schönere Wort ist.

    Ihre Polemik über Nazis und Anglizis­men ist so bil­lig, dass ich mich schon wun­dern muß.

    Wirk­lich? Inter­es­sant, dass Sie find­en, dass die Polemik von mir aus­ging! Sie sind eigentlich der­jenige gewe­sen, der das “Nationalismus”-Fass aufgemacht hat, indem Sie unter­stell­ten, dass man nor­ma­tive Sprach­pflege nur dann sin­nvoll ablehnen kön­nte, wenn man dies in Bezug­nahme auf den “Nation­al­is­mus” täte. Das Wort ist vorher nicht gefall­en. Und dass ich bei Nation­al­is­mus im deutschen Kon­text erst an Hitler denke, bevor mir Turn­vater Jahn in den Sinn kommt, find­en Sie wirk­lich über­raschend? Im Übri­gen haben Sie Recht, ich kenne mich wirk­lich nicht mit Turn­vater Jahn aus (der inter­essiert mich auch zugegeben­er­maßen nicht son­der­lich), aber ich habe auch nie etwas in die Rich­tung behauptet.

    Und das wiederum ver­führt viele, die ihr anti­na­tionales Pro­fil pfle­gen wollen, dazu, als Über­reak­tion jegliche Sprachkri­tik zu verspot­ten und zu dele­git­imieren.

    Hier wieder­holen Sie Ihre Unter­stel­lung übri­gens nochmal. Ich kann Ihnen ver­sich­ern, dass ich mich nicht an Sprach­pflegern störe, um mein “anti­na­tionales Pro­fil” zu pfle­gen. Für mich ste­ht Deutsch als Sprache auch nicht in ein­er 1:1-Verknüpfung zu Deutsch­land als Nation, da auch andere Län­der Deutsch als Amtssprache haben. Und ich sage nicht Lap­top und Beam­er statt Klap­prech­n­er, Video­pro­jek­tor und Co., weil Angst vor deutschen Neuschöp­fun­gen habe, son­dern weil ich Lap­top wert­frei bevorzuge (und Ihnen dürfte sich­er schon aufge­fall­en sein, dass sich die Mehrheit der Deutschen auch für Lap­top etc. “entsch­ieden” hat — sich­er ohne Hin­tergedanken).

    In den USA mag „negro“ durch seine Nähe zu „nig­ger“, einen Beigeschmack haben. Bei uns nicht. Im Rus­sis­chen gibt es für „Jude“ den wert­neu­tralen Begriff „jew­rej“ und das ein­deutig diskri­m­inierende Schimpf­wort „shid“. Im Pol­nis­chen ist „zyd“ das kor­rek­te Wort für „Jude“ und hat keinen abw­er­tenden Beigeschmack. Sollen die Polen jet­zt ein neues Wort suchen, wegen der Par­al­lele zu Rus­sis­chen?

    Was ist das denn jet­zt für ein Beispiel? Nig­ger ist also ein schlecht­es Wort, aber Neger nicht? Damit unter­stellen Sie doch, dass Neger in Ung­nade gefall­en ist, weil es in den USA in Ung­nade fiel und nicht, weil es im Deutschen als pejo­ra­tiv­er Begriff gebraucht wurde. Auch hier­für kön­nen Sie gerne Beweise liefern, wenn Sie welche haben. Welch­es Wort die Polen für Juden benutzen, ist mir übri­gens ziem­lich egal, aber wenn żyd irgend­wann als Schimpf­wort benutzt wird (ob nach rus­sis­chem Vor­bild oder aus eigen­er Moti­va­tion her­aus spielt doch wirk­lich über­haupt keine Rolle), fände ich es ange­bracht, ein anderes Wort für die Stan­dard­sprache zu wählen, um die Diskri­m­inierung ein­er ganzen Gruppe zu ver­mei­den.

  38. Gregor

    Natür­lich ist es aus sprach­wis­senschaftlich­er Sicht ein wert­neu­traler Tatbe­stand, wenn eine Sprache Ele­mente aus anderen Sprachen aufn­immt. Ich nehme auch nicht an, dass aus dieser Sicht Begriffe wie „Schaden nehmen“ oder „Sprachver­fall“ Sinn machen (um mal diesen von Ihnen so geschätzten Aus­druck zu ver­wen­den). Für einen Sprach­wis­senschaftler ist Sprach­wan­del oder das Ver­schwinden von Sprachen ein Phänomen, das erforscht wer­den kann, aber natür­lich nichts, was emo­tion­al zu bew­erten wäre. Ein Biologe kann aus wis­senschaftlich­er Sicht auch nichts gegen das Ausster­ben bes­timmter Tier­arten haben. Er kann sich aber den­noch als Pri­vat­per­son oder als „Experte“ für den Arten­schutz ein­set­zten.
    Sprache ist aber auch ein soziales Phänomen, und hier spie­len Emo­tio­nen natür­lich eine Rolle. Durch Sprache posi­tion­iert man sich in der Gesellschaft und gibt sich als Ange­höriger ein­er bes­timmten Gruppe, Schicht oder Lands­man­nschaft zu erken­nen. Für den Sprach­wis­senschaftler sind alle Sprach­vari­anten gle­ich­w­er­tige Forschung­sob­jek­te. Für die Sprech­er sind sie es nicht. Sie rufen Abnei­gung, Aggres­sion, Bewun­derung oder Ver­ach­tung her­vor. Das sind Phänomene, die zwar vielle­icht nicht für den Sprach­wis­senschaftler, wohl aber für Sozi­olo­gen, Psy­cholo­gen oder Kom­mu­nika­tion­swis­senschaftler von Bedeu­tung sein kön­nen. Auch Men­schen, die beru­flich mit Sprache umge­hen, wer­den mit einem rein lin­guis­tis­chen Blick auf Sprache nicht viel anfan­gen kön­nen.
    Auch in diesem Blog wird dur­chaus emo­tion­al argu­men­tiert. Wenn es hier wirk­lich auss­chließlich um Wis­senschaft gin­ge, wäre das doch wohl nicht nötig. Der Begriff „Rein­heit“ ist, wis­senschaftlich gese­hen, irrel­e­vant, darauf kann man sich ja wohl schnell eini­gen. Warum ist es dann nötig, die Vertreter gewiss­er Posi­tio­nen als „Sprach­nör­gler“, „Kle­ingärt­ner“ zu beze­ich­nen? Doch nur deshalb, weil die zu Grunde liegende Moti­va­tion nicht wis­senschaftlich, son­dern eben­falls emo­tion­al bed­ingt ist.
    Wenn eine Gruppe von Leuten sich nicht nur in ihrem pri­vat­en Umfeld, son­dern öffentlich für bes­timmte sprachgestal­tende Maß­nah­men stark machen, dann müssen sie es natür­lich auch hin­nehmen, dass ihre Aus­sagen wis­senschaftlich über­prüft und kri­tisiert wer­den. Auch Polemik müssen sie hin­nehmen, ins­beson­dere wenn sie selb­st polemisieren. Wenn Außen­ste­hende den Ein­druck erhal­ten, dass hier ein Kreuz­zug gegen eine bes­timmte Hal­tung geführt wird und dabei hehre Wis­senschaft und Schmähkri­tik bunt durcheinan­dergemis­cht wer­den, dann fragt man sich als Außen­ste­hen­der schon, was hier die Motive sein mögen.
    Zum The­ma PC-Sprache. Wo hier doch immer wis­senschaftliche Belege einge­fordert wer­den — gibt es eigentlich Stu­di­en, die darauf hin­weisen, dass eine verän­derte, diskrim­i­na­tions-freie Sprache auch zu ein­er Änderung im Denken führt? Ich meine das nicht, so wie Gareth, als Totschla­gar­gu­ment. Mich inter­essiert das wirk­lich. Das Ziel von PC dürfte ja wohl nicht sein, darauf hinzuwirken, dass beispiel­sweise Ver­mi­eter nicht mehr sagen „wir nehmen keine Neger“ son­dern „Wir nehmen keine Afrikan­er“.

  39. Gareth

    Ich meine das nicht, so wie Gareth, als Totschla­gar­gu­ment.

    Haha, alle meine Argu­mente ignori­eren und mir stattdessen Totschla­gar­gu­mente vor­w­er­fen. Cha­peau!

  40. Hartmut Pilch

    Sprach­sys­tem­atik
    Man kann die Argu­mente der Sprach­puris­ten auch wis­senschaftlich unter­legen.
    Meis­tens geht es darum, Sprachen der­art zu bee­in­flussen, dass sie mit möglichst weni­gen Grundbe­standteilen und Regeln möglichst viel aus­drück­en kön­nen, m.a.W. sich dem Ide­al von kon­stru­ierten Sprachen wie Esperan­to oder Lojban annäh­ern.
    Wenn Pro­gram­mier­er sich über die Qual­itäten ihrer Pro­gram­mier­sprachen unter­hal­ten, zie­len sie auf ganz ähn­liche Werte.
    Häu­fig, etwa im Falle von “Rehkids”, geht es darum, den Sprach­wan­del, der die diachro­nen Lin­guis­ten ergötzt, einzudäm­men. Bei jed­er Kom­mu­nika­tion­snorm beste­ht ein Inter­esse an Sta­bil­ität.
    Dass die etwas unbe­darften Sprach­puris­ten oft­mals nur den Ver­fall und nicht die Regener­ierung­sprozesse sehen, liefert den Deskrip­tivis­ten einen Anlass, sich über­legen zu fühlen, aber auch diese kleine Rechthaberei des Method­olo­gie-Fetis­chis­ten lenkt nur von seinem großen nat­u­ral­is­tis­chen Irrtum ab.

  41. Herzi

    Ich geste­he
    Ich geste­he, bis vor ein paar Jahren war mir auch nicht bewusst, dass Hirsche und Rehe unter­schiedliche Arten sind und eben nicht die männliche und weib­liche Form von >Rotwild­Dammwild< sind. Ich kan­nte nur diese Unter­schei­dung.

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