Auf der Zielgeraden: Keine Aufnahme der deutschen Sprache ins Grundgesetz

Der Vere­in Deutsche Sprache ist ein sprach­puris­tis­ch­er und kul­tur­pro­tek­tion­is­tis­ch­er Vere­in, dessen Haup­tan­liegen darin beste­ht, englis­che Fremd­wörter und den Ein­fluss des Englis­chen generell zu bekämpfen. Daneben ver­fol­gt er aber seit vie­len Jahren auch das Ziel, den Artikel 22 des Grundge­set­zes, der die Haupt­stadt und die Far­ben der Staats­flagge regelt, um den Satz „Die Sprache der Bun­desre­pub­lik ist Deutsch“ zu ergänzen. In den let­zten Jahren hat der VDS sich mit ein­er Rei­he promi­nen­ter Poli­tik­er zusam­menge­tan, sie diese Forderung unter­stützen, darunter wichtige Mei­n­ungs­mach­er wie Bun­destagspräsi­dent Nor­bert Lam­mert und Bun­destagsvizepräsi­dent Wolf­gang Thierse. Im Jahr 2008 fasste sog­ar der CDU-Parteitag einen entsprechen­den Beschluss. Es ist also dur­chaus denkbar, dass der VDS sein Anliegen mit­tel­fristig durch­set­zen wird.

Der VDS argu­men­tiert immer sehr zurück­hal­tend [vgl. den Text der VDS-Peti­tion] und bezieht sich vor­rangig auf den Wun­sch, die deutsche Sprache durch eine Auf­nahme ins Grundge­setz „als Gerüst für bes­timmte kul­turelle Aus­drucks­for­men und als ein Grund­merk­mal zur Iden­ti­fika­tion“ zu würdi­gen. In öffentlichen Äußerun­gen machen Vertreter des VDS aber auch deut­lich, dass mit der Peti­tion sprach­puris­tis­che Motive ver­fol­gt wer­den [siehe Sprachlog, Warum die Idee ein­er Staatssprache Deutsch nicht harm­los ist].

Ende 2010 gewann der VDS mit der Bild-Zeitung ein Medi­en­part­ner mit ein­er großen Macht über die öffentliche Mei­n­ung, und die Bild-Zeitung ist weniger zurück­hal­tend. Sie scheut vor Pop­ulis­mus nicht zurück und schreibt unter Anderem: „Ich will keine Zuwan­der­erfam­i­lien, die sich bis in die dritte Gen­er­a­tion weigern, die Sprache des Lan­des kor­rekt zu ler­nen, in dem sie leben!” Das will natür­lich nie­mand, aber tat­säch­lich gibt es solche Zuwan­der­erfam­i­lien auch gar nicht. Es ist zwar richtig, dass es zum Zeit­punkt der Ein­schu­lung Kinder mit Migra­tionsh­in­ter­grund gibt, die in ihrer deutschen Sprachen­twick­lung etwas hin­ter anderen Kindern liegen, aber diese Kinder holen die Defizite natür­lich in kurz­er Zeit auf. Indem man so tut, als lebten in Deutsch­land nen­nenswerte Zahlen von Men­schen, die sich aktiv weigern, Deutsch zu ler­nen, baut man ein Schreck­ge­spenst auf, um die eige­nen Ziele durchzuset­zen [siehe Sprachlog, Die viel­stim­mige Gesellschaft und ihre Feinde].

Selb­st bei ober­fläch­lichem Nach­denken müsste klar sein, dass man mit dem Grundge­setz wed­er Lehn­wörter bekämpfen, noch Sprachken­nt­nisse erzwin­gen kann. Es gibt auch son­st keinen Grund, das Deutsche als Lan­dessprache festzuschreiben, denn vor Gericht und bei Behör­den ist die Deutsche Sprache sowieso als Amtssprache fest­gelegt (siehe z.B. [Bre­mer Sprach­blog, Amtssprache Deutsch] und [Sprachlog: Außen­stelle, Nach­trag zum Peti­tion­saufruf]).

Eine Grundge­set­zän­derung hätte also keine unmit­tel­bar notwendi­gen prak­tis­chen Kon­se­quen­zen für den Sta­tus des Deutschen in der Inter­ak­tion zwis­chen Staat und Gesellschaft. Sie würde aber sehr wohl eine Grund­lage für Geset­zesvorhaben wie die Fol­gen­den bieten, die immer wieder von Befür­wortern ein­er ver­fas­sungsrechtlich ver­ankerten Staatssprache erwäh­nt wer­den (siehe Sprachlog, Warum die Idee ein­er Staatssprache Deutsch nicht harm­los ist]:

  • Ver­bote von „Anglizis­men“ im öffentlichen Raum (z.B. gefordert von Min­is­ter­präsi­dent Peter Müller);
  • Ver­bote von Migranten­sprachen auf Schul­höfen (z.B. gefordert von Bun­destagspräsi­dent Nor­bert Lam­mert);
  • Ver­drän­gung von Migranten­sprachen aus dem öffentlichen Raum (z.B. angeregt von Josef Kraus, Präsi­dent des Deutschen Lehrerver­ban­des).

Das unter­schwellig frem­den­feindliche Poten­zial ein­er Auf­nahme des Deutschen ins Grundge­setz zeigt sich deut­lich in der Diskus­sion um die Gegen­pe­ti­tion [zusam­megestellt z.B. in Frisch­er Wind, Eine unter­stützenswerte Peti­tion].

Außer­dem würde eine im Grundge­setz fest­geschriebene Staatssprache in die Frei­heit der Bun­deslän­der ein­greifen, neben dem Deutschen auch andere Amtssprachen zu erlauben. So haben im Kreis Nord­fries­land und auf Hel­goland neben dem Deutschen auch das Friesis­che und in Bran­den­burg und Sach­sen das Sor­bis­che den Sta­tus ein­er Amtssprache, Schleswig-Hol­stein geste­ht außer­dem der dänis­chsprachi­gen Min­der­heit umfassende sprach­liche Rechte zu [siehe noch ein­mal Bre­mer Sprach­blog, Amtssprache Deutsch].

Die Befür­worter ein­er Auf­nahme des Deutschen ins Grundge­setz behaupten manch­mal para­dox­er­weise, dass sie damit die sprach­liche Vielfalt unter­stützen möcht­en. Damit zeigen sie aber lediglich, dass ihnen die tat­säch­liche sprach­liche Vielfalt in Deutsch­land völ­lig unbekan­nt ist [vgl. Sprachlog, Die Sprachen der Bun­desre­pub­lik sind].

In der Gegen­pe­ti­tion „Keine Auf­nahme der Deutschen Sprache ins Grundge­setz“ wird der Deutschen Bun­destag aufge­fordert, sich gegen eine Grundge­set­zän­derung auszus­prechen, weil die deutsche Sprache keinen Schutz braucht, weil die derzeit­i­gen geset­zlichen Regelun­gen völ­lig aus­re­ichen und weil eine Fes­tle­gung im Grundge­setz ein Sig­nal der Abschot­tung und der Aus­gren­zung wäre [siehe Sprachlog, Für eine viel­stim­mige Gesellschaft].

In der Gegen­pe­ti­tion wer­den also keine poli­tis­chen Forderun­gen erhoben und es sollen keine Inter­essen einzel­ner Grup­pen geschützt wer­den. Es soll schlicht und ein­fach der jet­zige Zus­tand beibehal­ten wer­den, bei dem das Grundge­setz zur Frage der Lan­dessprache schweigt und amtliche Regelun­gen dort erfol­gen, wo sie hinge­hören — in Ver­wal­tungs­ge­set­zen. Bish­er haben knapp 3000 Men­schen die Peti­tion mit­geze­ich­net, darunter Mit­glieder aller im Bun­destag vertrete­nen Parteien).

Ich bitte hier noch ein­mal darum, die Peti­tion auf den let­zten Metern zum Ziel noch zu unter­stützen. Wer immer noch Gege­nar­gu­mente im Kopf hat, dem möchte ich hier Susanne Flachs sach­liche und fach­lich kom­pe­tente Demon­tage der wichtigesten Argu­mente der Befür­worter ein­er Staatssprache empfehlen [*/ˈdɪːkæf/, Warum Deutsch nicht ins Grundge­setz gehört].

Noch ein­mal: Die Peti­tion kann nur noch bis zum 3. März 2011 auf der Web­seite des Peti­tion­sauss­chuss­es des Deutschen Bun­destages mit­geze­ich­net wer­den.

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im alten Sprachlog auf den SciLogs. Die hier erschienene Ver­sion enthält möglicher­weise Kor­rek­turen und Aktu­al­isierun­gen. Auch die Kom­mentare wur­den möglicher­weise nicht voll­ständig über­nom­men.]

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Anatol Stefanowitsch

Über Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich derzeit mit diskriminierender Sprache, Sprachpolitik und dem politischen Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Sein aktuelles Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist 2018 im Dudenverlag erschienen.

12 Gedanken zu „Auf der Zielgeraden: Keine Aufnahme der deutschen Sprache ins Grundgesetz

  1. Physiker

    Sprach­puris­mus
    “Der Vere­in Deutsche Sprache ist ein sprach­puris­tis­ch­er und kul­tur­pro­tek­tion­is­tis­ch­er Vere­in […]”
    Laut Wikipedia
    http://de.wikipedia.org/…prachpurismus#Gegenwart
    ist Sprach­puris­mus ein Anachro­nis­mus. Alleine die Exis­tenz dieses Beitrags (dem ich uneingeschränkt zus­timme) zeigt aber, dass dem nicht so ist — selb­st wenn diese Beze­ich­nung (Sprach­puris­mus) nur von der einen Seite ver­wen­det wird, kann es sich um keinen Anachro­nis­mus han­deln. Auf die Gefahr hin Siwoti-Aktion­is­mus zu ver­bre­it­en, sollte vielle­icht doch ein Experte der “Unter­wan­derung” von Wikipedia durch den VDS ein­halt gebi­eten…

  2. StudiHH

    Auch die Hochbahn macht jet­zt mit…
    Ich habe heute auf einem Ham­burg­er Bus fol­gende Auf­schrift gese­hen: (in etwa) Denglisch ist fast so Schlimm wie Aut­o­fahren. (Und dann wörtlich) *Unsere Bussprüche sind vom VDS zer­ti­fiziert
    Ich war ein wenig schock­iert und habe mich gefragt, woher der VDS das Recht auf die Zer­ti­fizierung von Buswer­bung nimmt.
    Wikipedia sagt dazu fol­gen­des: “Der Vere­in verkauft seit 2009 ein Sprach­siegel für „klares, logis­ches, tre­f­fend­es Deutsch“. Das Prü­fungsz­er­ti­fikat kann für Pro­duk­te und dig­i­tale oder gedruck­te Medi­en beantragt wer­den.”

  3. gnaddrig

    @ Studi­HH
    Sprach­siegel für dig­i­tale Medi­en? Es wäre doch witzig, wenn man dieses Blog vom VDS zer­ti­fizieren ließe. Hier ist in aller Regel klares, tre­f­fend­es Deutsch zu lesen.

  4. Michael Khan

    cui bono

    Wikipedia sagt dazu fol­gen­des: “Der Vere­in verkauft seit 2009 ein Sprach­siegel für „klares, logis­ches, tre­f­fend­es Deutsch“.

    Sieh an. Dann käme eine forcierte Deutschtümelei deren kom­merziellen Inter­essen ent­ge­gen. Ein Schelm, wer Schlecht­es dabei denkt.

  5. Gareth

    Ich habe heute auf einem Ham­burg­er Bus fol­gende Auf­schrift gese­hen: (in etwa) Denglisch ist fast so Schlimm wie Aut­o­fahren. (Und dann wörtlich) *Unsere Bussprüche sind vom VDS zer­ti­fiziert

    Welchen Vorteil ver­sprechen sich die Ham­burg­er Verkehrs­be­triebe denn von solch ein­er Koop­er­a­tion? Wenn ich keine Lust auf Bus­fahren habe, dann fahre ich doch nicht eher Bus, weil die Außen­wer­bung VDS-zer­ti­fiziert ist. Wie viele Leute außer­halb dieses Blogs ken­nen den VDS über­haupt? So medi­en­wirk­sam treibt er sein Unwe­sen ja dann auch noch nicht.

  6. Wentus

    Exa­m­en ungültig?
    Jet­zt sollte die Hausar­beit für Gut­ten­bergs Exa­m­en durch den Teil der Bevölkerung über­prüft wer­den, der noch auf Wis­senschaftlichkeit ver­traut.
    Dann wird sich her­ausstellen, ob er schon wusste, wie man kor­rekt zitiert, oder ob ihm auch der Hochschu­la­b­schluss aberkan­nt wer­den muss.

  7. Klausi

    Nor­bert Lam­mert
    Dr. Nor­bert Lam­mert, Präsi­dent des Deutsches Bun­destages, äußerte sich in dieser http://forum.vds-ev.de/viewtopic.php?TopicID=4347 , wie ich finde, bemerkenswerten Rede u.a. auch über die Aktion “Deutsch ins Grundge­setz”.
    Auch wenn man nicht weiß, ob wenig­stens sein Dok­tor­ti­tel ver­di­ent ist, die Rede immer­hin 20 Minuten dauert (Die meis­ten Men­schen hören sich selb­st am lieb­sten reden und können/wollen anderen nicht zuhören) und er auch noch ein Politk­er ist (und für den ein oder anderen vielle­icht sog­ar in der falschen Partei), empfehle ich, diesem Men­schen ein­fach ein­mal unvor­ein­genom­men. zuzuhören.

  8. André M.

    Auch wenn mein Blog eher ein “Pri­vat­blog” ist und sich nor­maler­weise nur zu etwa vielle­icht 40 % um Sprache(n) dreht, so hoffe ich doch, die Peti­tion doch ein wenig noch unter­stützen zu kön­nen, und wenn’s nur 3, 4 Leute sind, die dazukom­men (die Mehrheit mein­er Leser haben ver­mut­lich eh schon mit­geze­ich­net).
    http://n-true.livejournal.com/566167.html
    Viele Grüße aus Süd­chi­na,
    — André

  9. Klausi

    Die Aktion ist …
    ver­di­ent gescheit­ert.
    Kamen für die VDS-Aktion schon nur 5.000 Stim­men zusam­men, und das war schon blam­a­bel genug, ging der Gege­naufruf sog­ar regel­recht unter (ähn­lich dem Wet­tbe­werb “Anglizis­mus des Jahres”).
    Gescheit­ert ist damit im übri­gen auch der Ver­such, nicht vorhan­dene Gefahren zu beschwören. Don Qui­chotte lässt grüßen.

  10. gnaddrig

    @ Klausi
    Naja, ein Teil der ange­blich nicht vorhan­de­nen Gefahren wird ger­ade durchs Dorf getrieben:
    CDU/CSU und FDP wollen ger­ade erst das Aus­län­der­recht dahinge­hend ver­schär­fen, dass die Erteilung ein­er Aufen­thalts­genehmi­gung für bes­timmte Aus­län­der an das Beste­hen ein­er Sprach­prü­fung geknüpft wer­den soll. (Ob dann auch aus­re­ichend Sprachkurse ange­boten wer­den und wie die finanziert wer­den sollen haben sie, glaube ich, nicht erwäh­nt.)
    Mit “Die Sprache der Bun­desre­pub­lik ist Deutsch” im Grundge­setz wäre diese Forderung noch leichter durchzuset­zen, und die Akteure sähen sich wahrschein­lich ermutigt, es dabei nicht zu belassen.

  11. pseudonym

    Was wäre denn so ver­w­er­flich…
    … oder gar frem­den­feindlich daran zu ver­lan­gen, dass man vor dem Erhal­ten ein­er Aufen­thalts­genehmi­gung eine Sprach­prü­fung ablegt? Ich halte es grund­sät­zlich schon für gar keine schlechte Idee, die Sprache des Lan­des zu ler­nen, in dem man bleiben möchte. Zur Not auf eigene Kosten.

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